9. KAPITEL

Sechs Wochen später saß Sophie im sonnendurchfluteten, bunten Kinderzimmer und beobachtete belustigt, wie Antonio Lydia mit todernster Miene das Krabbeln vormachte. Am liebsten hätte Sophie laut gelacht, aber es gelang ihr, sich zu beherrschen. Antonio, der stets sehr ehrgeizige Ziele verfolgte, hatte ein Buch über Kindesentwicklung gelesen und alle wichtigen Entwicklungsschritte verinnerlicht. Nun wollte er Lydia frühzeitig zum Krabbeln anspornen, damit sie ihren Altersgenossen voraus war.

     "Du verschwendest deine Zeit", sagte Sophie zärtlich. "Einige Babys krabbeln in dem Alter schon, aber Lydia ist dazu viel zu bequem."

     "Vielleicht braucht sie nur ein bisschen Ermutigung", beharrte Antonio, während seine Nichte sich zunächst zwar darüber freute, ihn auf Händen und Füßen zu sehen, ihm dann aber lieber die Arme entgegenstreckte, um hochgenommen zu werden.

     "Nein, Lydia ist nicht so aktiv. Das sieht man schon an den Gewohnheiten, die sie entwickelt hat. Belinda war genauso und genoss das süße Nichtstun. Morgens habe ich sie kaum aus dem Bett bekommen."

     "Aber vielleicht schlägt ihre Tochter eher nach meiner Familie …"

     "Ich denke, wenn das so wäre, hätten wir das inzwischen gemerkt. Dann würde sie durch die Stäbe ihres Gitterbettchens Befehle brüllen, sich selbst einen Entwicklungsplan erstellen, und damit drohen auszuziehen, wenn wir sie nicht die Börsennachrichten gucken lassen."

     Antonio lächelte. "Ich brülle nicht", sagte er dann und nahm Lydia auf den Arm.

     "Na ja, du bist sehr höflich, aber trotzdem ziemlich resolut", meinte Sophie, während Antonio seine Nichte mehrmals behutsam in die Luft warf und wieder auffing, sodass die Kleine vor Vergnügen jauchzte. "Versprich mir nur eins …", fuhr Sophie fort, "dass du nicht enttäuscht bist, wenn Lydia später einmal nicht die Welt aus den Angeln hebt."

     Vorwurfsvoll sah Antonio sie an. "Natürlich nicht. Als ihre Eltern können wir nur hoffen, dass sie bei guter Gesundheit bleibt und eine glückliche Erwachsene wird. Alles was darüber hinausgeht, bleibt allein ihr überlassen."

     Insgeheim schalt sich Sophie, ihm unterstellt zu haben, er würde Lydia mit seinen Anforderungen unter Druck setzen. Schließlich sprach in den letzten Wochen alles dafür, dass Antonio auf dem besten Wege war, ein fantastischer Vater zu werden. Fürs Erste war Lydia auf jeden Fall ganz vernarrt in ihn. Ihr kleines Gesicht leuchtete, sobald er das Zimmer betrat. Anfänglich hatte Antonio vielleicht nur Zeit mit ihr verbracht, weil er wusste, dass es von ihm erwartet wurde. Aber Lydias begeisterte Reaktion sorgte rasch dafür, dass er ein echtes Interesse an ihr entwickelte und bald auch wahre Zuneigung für sie empfand.

     Sophie selbst war inzwischen glücklich wie noch nie. Vor sechs Wochen hatte Antonio sie und Lydia für mehrere Wochen in die Karibik entführt. Sie wohnten in einer Villa und verlebten eine wunderbare Zeit. Er brachte ihr Segeln und Schnorcheln bei, und sie zeigte ihm, wie man einfache Sandburgen baute, die Lydia anschließend ruhig wieder zerstören konnte. Obwohl sie die Kleine dabeihatten, sorgte Antonios Personal dafür, dass aus ihrem Urlaub richtige Flitterwochen wurden. An manchen Tagen verließen Antonio und Sophie kaum das Schlafzimmer, es sei denn, um einige Momente auf der sonnenbeschienenen, abgeschirmten Terrasse zu verweilen. Ihre Tage auf der Insel standen gänzlich im Zeichen ihrer Leidenschaft, die unersättlich schien, obwohl sie inzwischen gemeinsam unzählige Wege gefunden hatten, um sie auszuleben.

     Mit einem zärtlichen Lächeln sah Sophie ihn jetzt an und dachte wieder, was für ein ausdauernder Liebhaber er doch war. In dieser Hinsicht schienen sie perfekt zusammenzupassen. Er bekam ganz offensichtlich nie genug von ihr, und umgekehrt war es genauso. Jedes Mal, wenn sie Antonio sah, wollte sie ihn berühren und mehr, um sich davon zu überzeugen, dass sein Herz immer noch ihr gehörte.

     Seitdem sie aus der Karibik zurückgekehrt waren, verbrachten sie die meiste Zeit im Castillo. Die Uhren tickten hier langsamer, und das riesige Anwesen der Rochas gewährte ihnen größtmögliche Privatsphäre, sodass sie tatsächlich weitestgehend unter sich sein konnten. Sophie lernte die Angestellten kennen, gab eine ganze Reihe halb offizieller Dinnerparties und schloss Freundschaft mit den Pächtern. Inzwischen konnte sie sich auf Spanisch leidlich verständigen und hatte sich bereit erklärt, der Handarbeitsgruppe im Dorf einige neue Stiche beizubringen. Sophies Geschick im Umgang mit Nadel und Faden half ihr, jegliche Sprachbarriere zu überwinden, und schon bald war sie bei der Bevölkerung überaus beliebt.

     Nachdem sie Lydia nun in ihr Bettchen gelegt hatte und sich wieder aufrichtete, schloss Antonio sie von hinten in die Arme. Dann raunte er ihr "Wie wär's mit Mittagessen …?" ins Ohr, klang dabei jedoch, als hätte er etwas ganz anderes im Sinn. Ihn zu spüren und seinen Duft einzuatmen wirkte auf Sophie wie ein Liebestrank, und sie schmiegte sich hingabevoll an ihn.

     "Mach nur so weiter, und du wirst wahrscheinlich bis zum Abendessen Hunger leiden müssen", prophezeite Antonio mit rauer Stimme.

     Bei dieser eindeutig zweideutigen Drohung bekam Sophie sofort weiche Knie, sodass sie sich haltsuchend und mit klopfendem Herzen wieder an seinen muskulösen Oberkörper lehnte. Antonio brauchte sie bloß in diesem Ton anzusprechen, und sie hatte nur noch einen Wunsch. "Du wärst mir auch lieber", gestand sie ihm deshalb und errötete über ihre eigene Verwegenheit.

     Antonio antwortete mit einem kehligen Lachen und wirbelte sie zu sich herum. "Du bist meine Traumfrau, enamorada."

     "Und du mein Traummann."

     Sie verließen das Kinderzimmer, doch draußen im Flur schloss Antonio Sophie noch einmal in seine Arme und küsste sie so innig, dass sie danach ganz benommen war. "Du hast mein Leben völlig auf den Kopf gestellt", sagte er dann lächelnd. "Aber es gefällt mir."

     Noch bevor sie das Schlafzimmer erreichten, klingelte sein Handy. Sie tauschten bedauernde Blicke, und seufzend nahm er das Gespräch entgegen. An seinem Gesichtsausdruck erkannte Sophie sofort, dass es um etwas Wichtiges ging und er fortmusste.

     Einer der Pächter, ein alter Mann, den Antonio schon als Kind gekannt hatte, war seit Langem krank und bat ihn um einen Besuch.

     "Ich kann ihm seine Bitte jetzt nicht abschlagen", sagte Antonio.

     "Ich weiß." Sophie verbarg ihre Enttäuschung und lächelte verständnisvoll. Denn sie hatte auch seine ernste Seite zu schätzen gelernt und das starke Verantwortungsbewusstsein, das ihn ausmachte.

     Als Sophie die Schlafzimmertür öffnete, entdeckte sie staunend ein Meer aus prächtigen Blumensträußen, die im ganzen Raum einen betörenden Duft verströmten. "Du meine Güte …"

     "Das sollte eigentlich eine Überraschung werden", brummelte Antonio. "Ich hätte dich irgendwie von diesem Zimmer fernhalten sollen, bis ich zurückkomme."

     "Aber ich habe doch erst in einer Woche Geburtstag."

     "Ich weiß", sagte Antonio, während Sophie einen Umschlag aus dem größten Blumenarrangement zog. "Aber wir sind jetzt schon zwei Monate zusammen, und das wollen wir feiern, querida."

     Was für eine romantische Geste! Als Sophie die Karte mit Antonios Widmung las, bekam sie vor Rührung einen Kloß im Hals, und Tränen traten ihr in die Augen. Was doch aus ihrer Zweckgemeinschaft geworden war! Antonio hatte gesagt, sie sollten ihren Ehevertrag vergessen, und Sophie brauchte dazu keine weitere Ermunterung. Er hatte vorgeschlagen, sie sollten genießen, dass sie verheiratet waren, und seitdem war jeder ihrer Tage und Nächte von Glückseligkeit geprägt gewesen. Niemand hatte sich jemals so viel Mühe gemacht, ihr eine Freude zu bereiten. War es da ein Wunder, dass sie ihn anhimmelte? Behutsam strich sie über eine der zarten weißen Blüten. Ihr Zeigefinger zitterte dabei leicht.

     "Gefallen sie dir nicht?"

     "Doch, doch!" Sophie blinzelte heftig, um ihre Tränen zurückzuhalten, während sie ihm die Arme um den Nacken schlang und gerührt erklärte: "Sie gefallen mir unheimlich, ganz ehrlich. Und es ist eine so reizende Idee!"

 

Antonio fuhr zu der entlegenen Farm, um den alten Mann zu besuchen, der einmal Hufschmied der Rochas gewesen war. Als Antonio die Familie am frühen Abend wieder verließ, klingelte sein Handy. Navarro Teruel, ein alter Schulfreund und inzwischen der Hausarzt der Familie, war am Apparat.

     "Könntest du demnächst mal in meiner Praxis vorbeischauen?", fragte er Antonio und klang ungewöhnlich formell. "Ich weiß, dass ich normalerweise zum Schloss komme, aber in diesem Fall wirst du mein Büro vorziehen."

     "Ich könnte jetzt sofort kommen." Stirnrunzelnd stieg Antonio in den staubigen Geländewagen, den er auf seinem Anwesen benutzte. "Stimmt irgendetwas nicht?"

     "Das möchte ich lieber nicht am Telefon besprechen", erklärte Navarro mit Unbehagen.

     Antonio steckte das Handy wieder in die Tasche. Dabei war ihm richtig schlecht. War seine Großmutter ernsthaft erkrankt? Unwahrscheinlich, erst kürzlich hieß es nach einer Untersuchung, sie sei kerngesund. Oder … ging es womöglich um Lydia?

     Vor wenigen Wochen hatte Antonio den Arzt dazu veranlasst, bei der Kleinen mehrere Bluttests durchzuführen, von denen Sophie allerdings nichts erfahren sollte. Sophie hatte bei Navarro einen Impftermin für Lydia vereinbart, musste jedoch an jenem Tag das Bett hüten. Deshalb hatte Antonio das Baby zum Arzt gebracht. Navarro verstand Antonios Wunsch, das Kind im Hinblick auf einen möglichen Herzfehler zu untersuchen, ohne Sophie damit zu belasten. Auch über die Bluttests, anhand welcher eventuelle Erbkrankheiten festgestellt werden sollten, vereinbarten die Männer Stillschweigen.

     Je länger Antonio jetzt während der Fahrt darüber nachdachte, desto mehr beunruhigte es ihn. Dios mio! Hatte sich dabei womöglich herausgestellt, dass Lydia eine schlimme Krankheit geerbt hatte? Leukämie, dachte er erschrocken. War das erblich? Schon sah er Lydia, das wohl glücklichste Baby der Welt, vor sich, wie sie mit dem Tod rang. Unwillkürlich umklammerte er das Lenkrad. Gleich darauf überlegte er, welche Wirkung diese entsetzliche Nachricht wohl auf Sophie hätte … und auf ihn, wenn seine Ahnung bestätigt wurde. Er wusste, dass er jetzt stark sein musste. Doch er fühlte sich ganz und gar nicht so. Das Leben war ungerecht …

     Navarro, ein großer, dünner Mann mit Brille, öffnete selbst die Praxistür. Die Sprechstunde war bereits vorbei, und das Wartezimmer leer. "Komm herein, Antonio, und setz dich."

     Ganz blass lehnte Antonio es ab, Platz zu nehmen. "Keine Umschweife. Bitte sag mir gleich, um was für eine schlechte Nachricht es sich handelt."

     "Lydia ist kerngesund. Die Ergebnisse sind heute Nachmittag einge…"

     "Deshalb hast du mich hergeholt?", unterbrach ihn Antonio überrascht.

     "Ich sollte mich doch persönlich um die DNA-Auswertung kümmern", erinnerte ihn Navarro. "Wie du weißt, habe ich bei ihr und dir eine Speichelprobe genommen und beide weggeschickt. Ich schätze mal, so wie ich hast du keinen weiteren Gedanken daran verschwendet."

     "Stimmt", sagte Antonio, der fest mit einer Hiobsbotschaft gerechnet hatte, erleichtert.

     "Lydia ist kerngesund", erklärte Navarro noch einmal, hatte aber die Stirn in Falten gelegt, als er seinem Schulfreund ein zusammengefaltetes Blatt reichte. "Das hier solltest du dir trotzdem ansehen. Meine Sprechstundenhilfen hatten übrigens keinen Zugang zu dieser Information."

     Antonio entfaltete das Dokument und las mehrmals konzentriert die Zeilen. "Das kann nicht wahr sein!", rief er dann. "Es muss sich um einen Fehler, um ein Missverständnis handeln."

     "Es tut mir leid, aber die Tests beweisen eindeutig, dass Lydia nicht die Tochter deines Bruders ist", erklärte Navarro bedauernd. "Das Kind ist rein genetisch nicht mit deiner Familie verwandt."

     Antonio war so schockiert, dass er sich erst einmal auf den Stuhl fallen ließ, der vor dem Schreibtisch seines Freundes stand. Er wollte etwas sagen, besann sich jedoch schließlich eines Besseren. In persönlichen Dingen war er stets sehr zurückhaltend und wollte daran auch jetzt nichts ändern. Navarro mochte sein ältester Freund aus Kindertagen sein, aber hier ging es um eine Familienangelegenheit, die Antonios Ehre berührte.

     "Ich bin sicher, diese Neuigkeit wird deine Frau genauso mitnehmen. Deshalb wollte ich damit lieber nicht ins Schloss kommen. Aber bitte fälle jetzt kein allzu hartes Urteil über Belinda, mein Lieber …"

     Doch Antonio hörte schon nicht mehr zu. Dazu war er viel zu verärgert, und die Empörung drohte ihn ganz zu vereinnahmen. Bei dem Kind, das er als seine Nichte angesehen hatte und als seine Tochter anzunehmen bereit gewesen war, handelte es sich um ein Kuckucksei. In Lydias Adern floss kein einziger Tropfen Rocha-Blut. Wieso war überhaupt dieser enge Kontakt entstanden? Durch Belinda – und durch Sophie. Der Schock hatte sein Vertrauen, das er Sophie in den vergangenen Wochen entgegengebracht hatte, zutiefst erschüttert. Sicherlich kannte sie die Wahrheit. Eine andere Möglichkeit in Erwägung zu ziehen kam für Antonio nicht in Betracht.

     Jetzt sprang er auf. "Ich muss nach Hause."

     Navarro wirkte besorgt. "Du musst dir vor allem ein bisschen Zeit nehmen, Antonio, um diese Neuigkeit zu verdauen. Übereilte Entschlüsse führen oft zu Fehlentscheidungen, die dann meist Unschuldige ausbaden müssen."

     Aber Antonio war viel zu wütend, um das Ganze philosophisch zu betrachten, und viel zu verletzt, um sich großzügig zu zeigen. Er war einer Betrügerin aufgesessen. Eine andere Erklärung gab es nicht. Er hatte eine Fremde geheiratet, weil er überzeugt gewesen war, ihr Schützling sei die Tochter seines Bruders. Aber er hätte vorher auf den Abstammungstest bestehen sollen. Rückblickend betrachtet, konnte er gar nicht verstehen, dass er sich so leicht hatte übers Ohr hauen lassen. Dabei war er noch von seinem Anwalt gewarnt worden. "Lassen Sie einen DNA-Test machen", hatte dieser ihm geraten. Aber Antonio war ungeduldig gewesen und wollte die leidige Sache hinter sich bringen. Er hatte geglaubt, mit einer Heirat alle Probleme aus dem Weg zu schaffen, und sich auch dafür geschämt, dass Belinda durch seinen Bruder in die Armut getrieben worden war. Vor diesem Hintergrund noch anzuzweifeln, ob tatsächlich Pablo der Vater ihres Kindes war, erschien ihm anmaßend, sodass er davon abgesehen hatte.

     Aber war es nicht merkwürdig, dass genau zu dem Zeitpunkt, da er sich entschlossen hatte, Lydia einfach mitzunehmen, Mrs. Moore auf der Bildfläche erschienen war? Ihre rührselige Geschichte über Sophies Unfähigkeit, eigene Kinder zu bekommen, hatte ihn umgestimmt. War Sophie als Kind überhaupt an Leukämie erkrankt? War sie tatsächlich unfruchtbar? Sophie hatte es ihm nicht persönlich erzählt, und sein Taktgefühl verbot ihm, direkt nachzufragen.

     Wieder im Castillo ging Antonio erst einmal in den großen Salon, um sich ein Glas Brandy einzuschenken. Beim Verschließen der Bleikristallflasche bemerkte er, dass er zitterte. Er leerte das Glas in einem Zug und hastete hinauf ins Kinderzimmer. Warum, vermochte er nicht zu sagen. Der Raum war nur schwach beleuchtet, und das Kindermädchen, das gerade Kleidung wegräumte, entfernte sich diskret.

     Lydia schlief tief und fest, ihr lockenumrahmtes Gesichtchen wirkte ganz entspannt. Zum ersten Mal wurde Antonio bewusst, wie sehr sie Sophie ähnelte. Lydia war genauso zart gebaut, hatte die gleiche Gesichtsform und dieselbe feine Haut. Aber ihr Haar war dunkler als das ihrer Tante, und auch die Augenfarbe unterschied sich von Sophies. Eingehend betrachtete Antonio das Kind, von dem er nun wusste, dass es in keinem direkten Verwandtschaftsverhältnis zu ihm stand. Dabei dachte er wehmütig, dass er eigentlich nie besonders an Kindern interessiert gewesen war, aber Lydia inzwischen trotzdem ins Herz geschlossen hatte. Doch selbst wenn sie ihm so vertraut vorkam, blieb sie die Tochter eines Fremden. Und war Sophie nicht auch eine Fremde? Die Frau, für die er sie gehalten hatte, hätte ihn niemals hintergangen.

 

Kritisch betrachtete sich Sophie im Spiegel des Ankleidezimmers und kam zu dem Schluss, dass sie ziemlich verrucht aussah. Wenn es einen Feueralarm gäbe, und sie gezwungen wäre, aus dem Fenster zu springen, würde sie einfach sagen, sie habe gerade ein Bad genommen und sei deshalb nur so spärlich bekleidet. Sie trug spitzenverbrämte nachtblaue Seidendessous, die mit kleinen Rosen und Perlen verziert waren. Ihrer Meinung nach der letzte Schrei in Sachen erotischer Wäsche. Aber womöglich machte sie sich damit lächerlich. Models in ähnlichem Aufzug hatten immer endlos lange Beine und blickten betont gelangweilt drein. Das übte sie jetzt erst einmal vor dem Spiegel, während sie versuchte, ihre schlimmste Befürchtung zu verdrängen, nämlich dass Antonio womöglich über sie lachen könnte.

     Das bestellte Essen wurde auf einem Servierwagen gebracht, zusammen mit einem Sektkühler und einer Flasche Champagner. Sophie nahm alles im Negligé entgegen, schob den Servierwagen ins Schlafzimmer und begann, Duftkerzen anzuzünden. Antonio schenkte ihr Blumen und eine romantische Karte, und sie … sie schenkte ihm eine Wiederholung ihrer Hochzeitsnacht, mit einem Dinner auf dem Fußboden und Sex. Wie sich das anhörte! Nun ja, sie konnte ihm wohl schlecht sagen, dass sie ihn liebte, oder? "Lass uns fürs Erste doch einfach genießen, dass wir verheiratet sind", waren seine Worte gewesen, und bei diesem Vorschlag spielten romantische oder gar tiefe Gefühle keine Rolle.

     Nachdenklich zog sie das Negligé wieder aus und spielte dann nervös mit dem glitzernden Diamantanhänger in Form einer Blume, den Antonio ihr im Urlaub geschenkt hatte. Er hatte ihr auch eine exklusive Uhr und Diamantohrringe gekauft, und zweifellos würde sie zu ihrem Geburtstag etwas noch Kostbareres bekommen. Darüber hinaus machte er ihr und Lydia immer wieder kleine Geschenke. Er war sehr großzügig. Hätte sie ihm vielleicht doch etwas kaufen sollen? Nein, wenn sich ein Mann finanziell alles leisten konnte, musste sich seine Frau eben etwas Besonderes einfallen lassen, um ihn zu überraschen. Doch … was, wenn sie nun billig aussah oder ordinär?

     Plötzlich wurde die Tür geöffnet, und Sophie rief hastig: "Antonio? Mach die Augen zu, bevor du hereinkommst!"

     Aber er schloss seine Augen nicht. Er sah sie sofort, und seine Verärgerung wuchs genauso wie seine Erregung. Nur spärlich mit aufreizenden Seidendessous bekleidet, lag Sophie auf dem Bett: Schamlos, sexy und unglaublich verführerisch. Antonio konnte das in ihm aufsteigende Verlangen kaum unterdrücken.

     Als Sophie den unterkühlten Ausdruck in seinen Augen bemerkte, errötete sie heftig, setzte sich mit einem Ruck auf und zog ihre Knie an die Brust. Sie kam sich unheimlich dumm vor und wäre am liebsten im Erdboden versunken. "Ich wollte mich gerade anziehen … und habe mich vorher kurz hingelegt." Das war die einzige Notlüge, die ihr einfiel, bevor sie so hastig vom Bett aufstand, dass sie stolperte.

     "Hast du gewusst, dass Lydia nicht das Kind meines Bruders ist?", erkundigte Antonio sich und war bemüht, seine Frage möglichst beiläufig klingen zu lassen.

     Sophie blieb wie angewurzelt stehen und sah ihn mit großen Augen an. "Sag das noch mal!"

     "Wenn du versuchen solltest, mich davon zu überzeugen, dass du mit dieser Frage nicht schon gerechnet hast, verschwendest du deine Zeit", antwortete Antonio scharf. "Das musst du doch gewusst haben. Deine Schwester hat bei dir gewohnt, als sie schwanger war, und –"

     "Moment mal", fiel ihm Sophie da ins Wort. "Du kommst hier rein und behauptest aus heiterem Himmel, Lydia sei nicht Pablos Kind? Was soll das sein, ein schlechter Scherz?"

     "Schön wär's", antwortete Antonio mit todernster Miene. "Um dich aus dieser Verlegenheit zu ziehen, musst du dir schon etwas Besseres einfallen lassen, als mit sexy Unterwäsche im Schlafzimmer herumzustolzieren!"

     "In was für einer Verlegenheit bin ich denn, bitteschön?", fragte Sophie so ruhig wie möglich und überhörte seinen spöttischen Kommentar. "Erklär mir lieber, wieso du mir plötzlich diesen Unfug an den Kopf wirfst. Weißt du überhaupt, wie beleidigend das ist?"

     "Wie soll ich denn höflich formulieren, dass Belinda während ihrer Ehe mit einem anderen Mann geschlafen hat und dieser Kerl Lydias Vater ist?"

     "Wage es nicht, den guten Ruf meiner armen Schwester mit diesen abscheulichen Lügen zu beschmutzen!", schrie Sophie, die inzwischen so wütend war, dass sie einfach nicht länger an sich halten konnte.

     "Es mag abscheulich klingen, aber es ist keine Lüge. Bei mir und Lydia wurde ein DNA-Test gemacht, und ich habe es schwarz auf weiß, dass wir nicht blutsverwandt sind."

     "Wann sollen die Tests denn gemacht worden sein?", stieß Sophie hervor.

     "Vor einigen Wochen, als ich mit Lydia zu Navarro Teruel in die Sprechstunde –"

     "Du hast sie hinter meinem Rücken machen lassen!"

     "Nein, das stimmt nicht."

     "Doch, genau so ist es gewesen!", schoss Sophie zurück.

     "Ich wollte diese Tests schon machen lassen, bevor ich dich in England bei Belindas Notar getroffen habe. Mein Anwalt hatte mir dazu geraten, weil Lydia nach Belindas und Pablos Trennung und nach seinem Tod geboren wurde. Solche Umstände werfen immer Zweifel an der Vaterschaft auf. Qué demonios! Die Ironie bei der ganzen Geschichte ist allerdings, dass ich überhaupt keine Zweifel gehegt habe, und diese Tests nur machen ließ, um das Kind in Zukunft vor Anfeindungen zu schützen."

     Sophie schwirrte der Kopf von seinen merkwürdigen Erklärungsversuchen. "Ich kann nicht glauben, was du da sagst. Warum sollten die Leute ein unschuldiges Kind anfeinden?"

     "Selbst meine Verwandten könnten sich dazu hinreißen lassen, anderen übel nachzureden, wenn es ums Geld geht."

     Das verwirrte Sophie noch mehr. "Geld? Wieso Geld?"

     "Meine Großmutter ist eine wohlhabende Frau. Als sie von Lydias Existenz erfuhr, hat sie beschlossen, ihr Testament zu ändern und ihrer Urenkelin ein beträchtliches Vermögen zu hinterlassen", erklärte Antonio kühl. "Deshalb war sogar ich der Meinung, es sei vernünftig, den hieb- und stichfesten Beweis zu erbringen, dass Lydia die rechtmäßige Erbin meines Bruders ist."

     "Ich hatte keine Ahnung von dem Vermächtnis deiner Großmutter", sagte Sophie. "Aber das entschuldigt nicht, dass du Lydia heimlich irgendwelchen Tests unterziehst."

     "Damals war mein Hauptanliegen, dass sie einmal richtig durchgecheckt wird, weil sie mir für ihr Alter sehr zart und klein vorkam."

     "Das ist ja wohl die Höhe!", rief Sophie außer sich. "Du hast gedacht, ich hätte sie vernachlässigt!"

     "Nein, meine Befürchtung war, sie könnte einen Herzfehler haben. Das ist in letzter Zeit schon bei einigen Babys vorgekommen, die in unsere Familie hineingeboren wurden."

     "Okay, ich verstehe. Aber was soll nun dieses unsinnige Gerede, von wegen Lydia sei überhaupt nicht Pablos Tochter?"

     "Das ist sie auch nicht", entgegnete Antonio ärgerlich. "Der Abstammungstest hat das bewiesen."

     "Ich glaube dir trotzdem nicht. Entweder du hast da etwas falsch verstanden, oder du belügst mich aus irgendeinem unersichtlichen Grund. Belinda war mit Pablo verheiratet, und bis nach Lydias Geburt gab es keinen anderen in ihrem Leben. Das Ganze muss ein furchtbares Missverständnis sein."

     Antonio sah sie abschätzig an. "Mit diesen unhaltbaren Argumenten verschwendest du nur meine Zeit. Ich glaube vielmehr, dass ihr genau gewusst habt, dass Lydia nicht mit mir verwandt ist, und dass du und Mrs. Moore aus diesem Täuschungsmanöver Geld schlagen wolltet."

     "Was denn für ein Täuschungsmanöver?", schrie Sophie, die mehr und mehr aus der Fassung geriet.

     "Du hast dir von mir eine ordentliche Summe versprochen, damit du dich in England um Lydia kümmerst. Ich bin ein reicher Mann. Da kann man ja mal so tun, als sei sie das Kind meines Bruders."

     "Das ist ja wohl die unverschämteste Unterstellung aller Zeiten! Und du scheinst zu vergessen, dass meine Schwester dich in ihrem Letzten Willen als Vormund benannt hat. War sie dann auch an diesem Täuschungsmanöver beteiligt? Glaubst du vielleicht, Belinda wusste, dass sie sterben würde?", fragte ihn Sophie außer sich. "Und was, um alles in der Welt, hat Norah Moore mit all dem zu tun?"

     Antonios Lachen klang bitter. "Sie war dein Joker. An dem Tag, als wir uns am Strand unterhielten, standen die Dinge nicht gut für dich, nicht wahr? Ich war wild entschlossen, Lydia mit nach Spanien zu nehmen, und du hättest mit leeren Händen dagestanden. Und was hast du dann getan?"

     Sophie zuckte die schmalen Schultern. "Ich habe keine Ahnung … du bist doch hier derjenige mit der regen Fantasie", stieß sie hervor, während sie mit den Tränen kämpfte. Das, was sie für eine gute Beziehung gehalten hatte, bestand plötzlich nur noch aus verrückten Anschuldigungen und wilden Verdächtigungen. "Du wirst mir sicher gleich sagen, was ich angeblich als Nächstes getan habe."

     "Du hast Mrs. Moore am nächsten Morgen zu mir ins Hotel geschickt, damit …"

     Sophie sah ihn wie gebannt an. "Wovon zum Teufel redest du da?"

     "Und die Frau hat so lange auf die Tränendrüse gedrückt, bis dir mein Mitleid sicher war."

     "Ich wusste nichts von Norahs Besuch bei dir."

     "Natürlich wusstest du davon." Antonio glaubte nicht an Sophies Unschuld. "Dazu habt ihr die Sache viel zu geschickt eingefädelt. Deine gute Freundin Norah meinte, dass ich dich unmöglich von Lydia trennen könnte, weil du nach deiner Leukämiebehandlung keine Kinder mehr bekommen könntest. Ich habe ihr diese rührselige Geschichte natürlich geglaubt und war zu höflich, um dich auf so ein intimes Thema hin anzusprechen."

     Sophie kam sich vor wie ein Prügelknabe, der nun sämtliche Missverständnisse und die Fehler der anderen auszubaden hatte. Als Antonio auf ihre Unfruchtbarkeit zu sprechen kam, wurde sie ganz blass. Es war schon nicht einfach, all seine Vorwürfe zu verdauen. "Ich hatte keine Ahnung, dass sich Norah davongeschlichen hat, um dich in meiner Angelegenheit zu treffen. Sie hatte nicht das Recht, dir so etwas Intimes von mir zu erzählen." Sophie flüsterte nur noch, und sie war den Tränen nahe. "Es tut mir leid, dass sie dir das zugemutet hat, aber ich hätte mich lieber vergiftet, als bei dir um Mitleid zu heischen."

     Wie gebannt betrachtete Antonio ihr herzförmiges Gesicht. Sie sah richtig gequält aus, und da wusste er, dass Sophie tatsächlich keine Ahnung von Norah Moores Besuch in seinem Hotel gehabt hatte. Mrs. Moore hatte ihm also die Wahrheit gesagt. Entsetzt wurde ihm klar, wie unsensibel er Sophie mit diesem Thema konfrontiert hatte, und es tat ihm sofort leid. Immer noch mit angespannter Miene ging er auf Sophie zu. "Wenn … wenn das wahr ist …"

     "Ja, das mit der Leukämie und der Unfruchtbarkeit stimmt. Aber die Verschwörungstheorie, die du dir da um Lydia zusammengesponnen hast, kannst du vergessen." Dabei wich sie vor ihm zurück, griff nach dem Negligé und schlüpfte zitternd hinein, um nicht mehr Antonios Blicken ausgesetzt zu sein. "Ich glaube nicht, was du da gesagt hast, aber es interessiert mich auch nicht wirklich. Lydia ist immer noch Lydia und meine Nichte, und sie braucht keinen hochnäsigen Onkel oder das Geld einer reichen Urgroßmutter … Sie hat noch nie einen von euch gebraucht, denn sie hatte immer mich. Und egal, was passiert, ich werde immer für sie da sein!"

     Nachdem Sophie ihm damit indirekt zu verstehen gegeben hatte, dass sie auch ganz gut ohne ihn klarkam, verschwand sie im Badezimmer, knallte die Tür hinter sich zu und verriegelte sie sogleich von innen. Antonio klopfte an, aber Sophie reagierte nicht. Er versuchte, durch die geschlossene Tür hindurch vernünftig mit ihr zu reden; aber Sophie sagte nur, er solle den Mund halten und sie in Ruhe lassen. Als er ihr drohte, die Tür mit dem Generalschlüssel öffnen zu lassen, wenn sie nicht freiwillig herauskäme, antwortete sie, dass sie so ein Geschrei machen würde, dass die Hausangestellten noch in hundert Jahren davon sprechen würden.