2. KAPITEL

Auf der Heimfahrt erzählte Sophie Matt kurz, was passiert war. Dann schwieg sie. Für eine Unterhaltung war sie viel zu aufgebracht über Belindas Letzten Willen. Außerdem hatte sie furchtbare Angst, dass man ihr Lydia wegnehmen würde. Dabei konnte sie inzwischen gut verstehen, warum Belindas Wahl auf Antonio gefallen war: Ihre Schwester hatte immer enormen Respekt vor Geld und gesellschaftlichem Einfluss und Ansehen gehabt. Schließlich war Sophie arm wie eine Kirchenmaus, und Belinda hatte wahrscheinlich gehofft, dass Antonio seine Nichte vor allem finanziell unterstützen würde, wenn man ihn zum Vormund ernannte. An diese mögliche Erklärung klammerte sich Sophie jetzt und hoffte inständig, dass Pablos älterer Bruder kein Interesse daran hatte, auch in Lydias Leben einbezogen zu werden.

     Sie liebte die Kleine, als wäre sie ihre eigene Tochter. Leider hatte Sophie als Kind Leukämie gehabt und würde wahrscheinlich selber nie Kinder bekommen können. Außerdem war ihre Beziehung zu Lydia besonders intensiv, da ihre Nichte sich bereits vom Tag ihrer Geburt an in ihrer Obhut befunden hatte.

     Nach der Entbindung war Belinda so geschwächt gewesen, dass sie auf Sophies Hilfe angewiesen war. Nur kurze Zeit später hatte Belinda Doug kennengelernt und mit ihm die letzten Monate ihres Lebens verbracht. Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann, der sich beinahe allabendlich auf Partys vergnügte und keinerlei Interesse am Baby seiner Freundin zeigte, sodass Belinda schnell sämtliche Verantwortung für das Kind auf Sophies Schultern abgeladen hatte.

     Oft versuchte Sophie, ihre Schwester dazu zu bringen, Lydia mehr Zeit zu widmen. Irgendwann war Belinda jedoch beschämt in Tränen ausgebrochen und hatte gesagt: "Ich wünschte, ich hätte die Kleine nie bekommen! Wenn ich zu Hause bleibe und Mutter spiele, sucht sich Doug garantiert eine andere. Ich weiß, dass es dir gegenüber nicht fair ist, aber ich liebe ihn so sehr und will ihn nicht verlieren. Gib mir einfach ein bisschen mehr Zeit mit ihm. Ich weiß, dass er sich irgendwann mit Lydia abfinden wird."

     Aber dem war nicht so. Vielmehr hatte er Belinda erklärt, dass es in seinem Leben kein Platz für ein Kind gäbe.

     "Deshalb habe ich mich auch zu einem Entschluss durchgerungen", hatte Belinda Sophie zwei Wochen vor ihrem Tod unter Tränen verkündet. "Du kannst ja wahrscheinlich keine Kinder bekommen, und ich weiß, wie gern du Lydia hast. Du bist ihr eine wundervolle Mutter, viel besser, als ich es je sein könnte. Wenn du Lydia haben willst, darfst du sie für immer behalten, und ich kann sie dann wenigstens ab und zu sehen."

     Sophie hatte es für das Beste gehalten, sich vorerst nicht zu äußern, denn sie war überzeugt, dass Belindas Affäre mit Doug schon kurz vor dem Aus stand. Sicher würde ihre Schwester bald bereuen, dass sie seinetwegen ihre Tochter hergeben wollte. Die Freundinnen von Sophies Vater hatten meist auch Kinder aus früheren Beziehungen gehabt. Sophie wusste, dass es viele Männer gab, die sich weigerten, für jemand anderen Verantwortung zu übernehmen. Ihr Vater war auch einer von dieser Sorte gewesen – ein arbeitsscheuer, gnadenlos egoistischer Charmeur. Trotzdem hatte es stets eine Frau in seinem Leben gegeben, die oft genug die Bedürfnisse ihres Kindes hintanstellte, in dem sinnlosen Versuch, den Mann zu halten.

 

"Du meine Güte … das muss man sich mal vorstellen! Da hat Belinda dir nicht einmal davon erzählt!", rief Norah Moore empört, als sie hörte, dass Antonio Rocha im Notariat aufgetaucht war. "Deine Schwester war wirklich nicht leicht zu durchschauen."

     Sophie seufzte und konzentrierte sich ansonsten darauf, Lydia sanft in ihren Armen hin- und herzuwiegen und ihr Köpfchen zu liebkosen. "Belinda hat wahrscheinlich einfach Antonios Namen in ihrem Testament vermerkt und danach keinen einzigen Gedanken mehr daran verschwendet. Sie hatte keine Geheimnisse vor mir."

     "Ach nein?", schnaubte Norah unbeeindruckt. "Ich schätze eher, sie hat dir einfach immer nur gesagt, was du hören wolltest."

     Sophie erstarrte. "Was soll denn das heißen? Du willst mich wohl auf den Arm nehmen?"

     Norah errötete. "Natürlich", sagte sie dann beschwichtigend. Nicht zum ersten Mal hatte sie versucht, vorsichtig anzudeuten, dass Belinda Sophie vielleicht fremder gewesen war, als diese glaubte. Sophie reagierte jedes Mal verärgert, bemühte sich aber, das Ganze nicht überzubewerten. Sie wusste ja, dass sich Norah und Belinda nicht leiden konnten. Norah war in Belindas Augen viel zu streng und direkt gewesen, und Belindas kühle Art hatte Norah verletzt und beleidigt.

     Mit Lydia im Kinderwagen verließ Sophie den ordentlichen kleinen Bungalow der Moores und ging zu ihrem Wohnwagen. Belinda hatte es verabscheut, dort zu wohnen, und war froh gewesen, als sie in das schicke Apartment ihres Freundes ziehen konnte. Aber Sophie fühlte sich in dem Wohnwagen zu Hause, und es gefiel ihr besonders, dass sie aus dem großen Vorderfenster Ausblick auf eine Schafweide hatte. Sie träumte davon, sich eines Tages einen eigenen moderneren Wohnwagen kaufen zu können.

     Schnell schlüpfte sie jetzt in ihre Jeans und nahm das Putzzeug, um die Arbeitszeit wieder aufzuholen, die sie mit dem Besuch im Notariat und durch die Auseinandersetzung mit Antonio verloren hatte. Gern hätte sie die Gedanken an den stolzen Spanier verdrängt. Aber ständig ging ihr durch den Kopf, wie sie ihm anlässlich Belindas Hochzeit zum ersten Mal begegnet war.

     Als Belinda sie bat, Brautjungfer zu werden, hatte Sophie begeistert zugesagt. Ihre Vorfreude wurde allerdings gedämpft, sobald Sophie begriff, dass sie ihre Herkunft verleugnen und jeden zu engen Kontakt zu Pablos blaublütiger Familie vermeiden sollte. Diese peinlichen Einschränkungen ertrug sie nur, weil ihre Schwester sie angefleht hatte, an ihrem schönsten Tag im Leben teilzuhaben.

     Belinda übernahm sämtliche Kosten für sie. Um diese möglichst gering zu halten, hatte Sophie sich entschieden, im Rahmen einer günstigen fünftägigen Pauschalreise nach Spanien zu fliegen und in einem nahe gelegenen Urlaubsort zu übernachten. Sophies Vater, seine damalige Freundin und deren Sohn schlossen sich ihr an. Am Tag der Ankunft und am Abend vor der Hochzeit hatte Sophie Belinda zu einem geselligen Abend auf das beeindruckend große Anwesen eines Verwandten von Pablo begleitet.

     Sophie fühlte sich wie verkleidet in dem schicken Hosenanzug, den Belinda für sie gekauft hatte. Aus Angst, ihre Schwester in so gehobener Gesellschaft zu blamieren, zog sich Sophie ins Billardzimmer zurück. Dort traf sie dann zum ersten Mal auf Antonio. Als sie von ihrem Spiel aufsah, lehnte er an der Tür und beobachtete sie. Mit dem schwarzen Poloshirt und der dunklen Hose hatte er einfach umwerfend ausgesehen. Allerdings war Sophie seine dezente Eleganz keineswegs entgangen, und sie ging automatisch auf Distanz.

     "Wie lange beobachten Sie mich schon?"

     Antonio lachte. "Lange genug, um zu sehen, wie gut Sie spielen können", antwortete er dann in perfektem Englisch mit leicht spanischem Akzent. "Sie spielen nicht Billard, sondern Snooker. Wer hat Ihnen das beigebracht?"

     "Mein Dad."

     "Entweder sind Sie ein Naturtalent, oder Sie haben unheimlich viel geübt."

     Sophie widerstand dem Drang zuzugeben, dass ihr Vater sie früher oft von der Schule zu Hause behalten hatte, damit er sie um die Mittagszeit mit in Bars nehmen konnte. Dort schloss er Wetten darauf ab, dass seine Tochter jeden im Snooker schlagen würde. Diesen einträglichen Zeitvertreib hatte er erst aufgegeben, als er von der Behörde strengstens verwarnt worden war, weil seine Tochter so selten zur Schule kam.

     "Ich schätze mal …", murmelte Sophie, während sie Antonio unter niedergeschlagenen Lidern hervor schüchtern ansah, "… dass ich nicht hier sein sollte." Gut aussehenden Männern misstraute sie automatisch, und er sah einfach umwerfend aus.

     "Wieso sollten Sie nicht hier sein? Sind Sie denn nicht eine Freundin der Braut?"

     Sophie dachte an Belindas Warnung und nickte notgedrungen.

     "Und wie heißen Sie?" Antonio löste sich lässig vom Türrahmen und kam auf sie zu.

     "Sophie …"

     Er streckte ihr seine Hand entgegen. "Ich bin Antonio."

     Sie streifte gerade mal seine Fingerspitzen, weil sie es so eilig hatte, zur Tür zu kommen. "Ich gehe besser wieder nach nebenan, bevor man mich vermisst. Ich will die anderen nicht vor den Kopf stoßen."

     "Welche anderen denn?", fragte er und zog amüsiert eine Braue hoch. "All die Angst einflößenden Spanier im Nebenzimmer?"

     "Sie finden das vielleicht lustig, aber es ist ein Albtraum! Ich beherrsche die Sprache nicht, und diejenigen, die Englisch sprechen, scheinen mich nicht zu verstehen und wollen immer, dass ich alles wiederhole."

     "Ich gehe sofort rüber und sage denen mal die Meinung. Wie können die es wagen, Ihnen solche Angst einzujagen, dass Sie sich im Billardzimmer verstecken müssen?", neckte sie Antonio.

     Sophie reckte ihr Kinn vor. "Ich verstecke mich nicht."

     "Dann lassen Sie uns spielen …" Er hielt ihr den Billardstock hin, den sie auf den Tisch gelegt hatte.

     "Sie werden haushoch verlieren", warnte Sophie.

     Seine dunklen Augen glänzten, und Antonio schien erfreut über diese kühne Herausforderung. "Ich glaube nicht."

     Tatsächlich spielte sie so schlecht wie noch nie. Irgendetwas an ihm zog sie magisch an, sodass sie ständig zu ihm hinübersehen musste. Dieses Gefühl beängstigte sie. Obwohl Sophie noch ziemlich jung war, wusste sie, dass so viel körperliche Anziehungskraft meist in einer Katastrophe endete. Deshalb war sie beinah erleichtert, als Belinda erschien und ihr Spiel unter einem Vorwand unterbrach.

     "Weißt du denn gar nicht, wer das war?", schimpfte sie dann mit Sophie. "Du solltest nicht einmal wagen, mit ihm zu sprechen. Das ist Pablos großer Bruder … der mit dem Schloss … der Marqués de Salazar."

     Für einen echten spanischen Marqués hatte Antonio zumindest auf den ersten Blick erstaunlich modern und normal gewirkt. Sophie war enttäuscht, dass er sich so ganz außerhalb ihrer Reichweite befand, und außerdem verärgert, weil er sich nicht richtig vorgestellt hatte. Aber unangefochten von Belindas ungeschickten Versuchen, sie voneinander zu trennen, schaltete er sich etwas später wieder ein, um Sophie einigen jungen Leuten vorzustellen. Als sich der Abend dem Ende zu neigte, war es Antonio, der Sophie zur Ferienanlage zurückfuhr: Bei all dem Aufheben um die Braut hatte Belinda ganz vergessen, sich darum zu kümmern, wie Sophie nach Hause kam.

     "Ich verstehe gar nicht, wieso du nicht mit deiner Schwester im Haus meiner Großmutter übernachtest", erklärte Antonio, als er Sophie zu seinem Wagen brachte – einem Modell, wie sie es bislang nur in James-Bond-Filmen gesehen hatte.

     Sie schluckte. Offensichtlich hatte er ihren kleinen Trick sofort durchschaut. Hoffentlich würde er niemand verraten, dass sie in Wahrheit die Schwester der Braut war. Zögernd erwiderte sie: "Ich wollte mich nicht aufdrängen …"

     "Es gefällt mir gar nicht, dass du allein in diesem Apartment bist. Ich will ja deine Schwester nicht kritisieren, aber du solltest die Gastfreundschaft meiner Familie genießen. Ich warte, während du packst", fügte er dann mit einer Selbstverständlichkeit hinzu, die nur jemand an den Tag legen konnte, der es gewohnt war, dass man seinen Wünschen Folge leistete.

     "Aber ich bin gar nicht allein in dem Apartment … Ich … Ich teile es mit Freunden", stammelte Sophie, die unmöglich die Wahrheit sagen konnte. Belinda schämte sich wegen der außerehelichen Affäre ihrer verstorbenen Mutter und hatte schon Pablo nicht die Wahrheit gesagt. Auf keinen Fall sollte seine adelige Verwandtschaft Wind davon bekommen.

     "Mit Freunden?", fragte Antonio und zeigte sich zunehmend verwundert.

     "Ja, ich habe gedacht, ich verbinde es gleich mit ein paar Tagen Urlaub, wenn ich schon mal nach Spanien fliege. Daran ist doch nichts auszusetzen?"

     "Nein, das nicht", antwortete Antonio betont langsam. "Aber du bist ja erst heute Morgen in Spanien angekommen und weißt vielleicht noch nicht, welcher Kategorie deine Unterkunft angehört. Mein Cousin betreibt hier ein Geschäft und hat mir erzählt, dass die Ferienanlage, in der du wohnst, einen schlechten Ruf genießt. Die Polizei wird oft geholt, weil es Auseinandersetzungen und Streit mit Betrunkenen gibt."

     Sophie lag auf der Zunge, dass ihr Vater wahrscheinlich sogar Gefallen daran finden würde. Aber stattdessen sagte sie: "Ich bin nicht so zart besaitet. Damit komme ich schon klar."

     "Aber du solltest nicht damit klarkommen müssen", meinte Antonio freundlich.

     Dass ein Mann sie offenbar vor dem Bösen in der Welt bewahren wollte, war etwas ganz Neues für Sophie. In dieser Nacht lag sie lange wach. Und während sie auf dem unbequemen Schlafsofa im winzigen Flur des Apartments versuchte, den Streit zwischen ihrem Vater und seiner Freundin im Zimmer nebenan zu überhören, stellte sie fest, dass sie ständig an Antonio denken musste.

     Jedes Mal, wenn sie gedacht hatte, er würde gleich zeigen, dass man nicht auf ihn bauen konnte, war sie vom Gegenteil überzeugt worden. Antonio schenkte auch der kleinsten Kleinigkeit Gehör, die sie äußerte, als ob ihn tatsächlich interessierte, was sie sagte. Kein einziges Mal hatte er sie angeschrien, geflucht oder anderen Frauen in ihrem Beisein schöne Augen gemacht. Auch war er ihr gegenüber nie aufdringlich oder hatte gar versucht, sie mit Alkohol gefügig zu machen. Ganz im Gegenteil, auf wundersame und romantische Weise war es Antonio Rocha gelungen, dass sie sich wie etwas Besonderes fühlte – wie ein wertvoller Mensch, dem man seine Aufmerksamkeit schenkte und um den man sich kümmerte. Das war ihr bisher noch nie passiert.

     Trotz ihrer zwanzig Jahre hatte sie noch keinen ernst zu nehmenden Freund gehabt. Denn sie wusste, dass man bei zu vielen wechselnden Beziehungen rasch seine Wertschätzung verlieren, aus Liebeskummer womöglich die Ausbildung abbrechen konnte und danach nur noch geringe Chancen auf einen guten Job hatte. Sophie sagte sich immer, dass sie viel zu clever war, um sich von rein körperlicher Leidenschaft mitreißen zu lassen. Aber in Wirklichkeit sprachen sie die plumpen Annäherungsversuche der Männer ihres Alters einfach nicht an. So hatte sie auch noch nie bis zum Morgengrauen wach gelegen und die Stunden gezählt, bis sie einen Mann wiedersehen konnte. Sie hatte sich nie den Kopf darüber zerbrochen, ob eine bestimmte Person sie mochte oder nur höflich war, und sich auch nicht ausgemalt, wie es wohl wäre, wenn eben derjenige sie küsste.

     Tatsächlich hatten ihre Fantasien bezüglich Antonio so weit geführt, dass sie ihm bei ihrem nächsten Wiedersehen nur schüchtern gegenübertrat und errötend stammelte. Während Belindas Hochzeitsfeierlichkeiten hatte Sophie dann allerdings im siebten Himmel geschwebt. Und es hatte sie umso härter getroffen, als sie vierundzwanzig Stunden später auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt worden war …

 

Antonio war noch beim Notar geblieben, um einige Dinge in Bezug auf Belinda zu klären. Viel konnte er nicht in Erfahrung bringen, doch es reichte aus, um ihn ins Grübeln zu bringen.

     Offensichtlich war Belinda kurz vor ihrem Tod völlig mittellos gewesen und hatte in einer Bar gearbeitet. Bis zur Hochzeit mit seinem Bruder Pablo hatte sie als Empfangsdame in einer Londoner Modelagentur gearbeitet und dank des beträchtlichen Vermögens und des Anwesens, das sie von ihren Eltern geerbt hatte, ein sorgenfreies, abgesichertes Leben führen können. Antonio konnte sich allerdings gleich denken, dass Pablo die Schuld an Belindas bedauerlicher Lage trug, und wurde ärgerlich. Als er dann noch erfuhr, dass seine Schwägerin vor ihrem Tod mit einem anderen Mann liiert gewesen war, wurde ihm klar, warum sie die Rochas nicht um Hilfe gebeten hatte.

     Es war nicht leicht, Antonio zu überraschen, aber als man ihm die Adresse von Sophie gab, erschrak er regelrecht. Sie wohnte auf einem Campingplatz. Das konnte er keineswegs gutheißen. War sein krimineller Bruder etwa auch für ihre Verarmung verantwortlich?

     Wenig später ließ Antonio seine Limousine vor dem Eingang des Campingplatzes halten, und der Chauffeur vergewisserte sich noch einmal bei ihm, ob dies auch die richtige Adresse sei. Während sich der Fahrer in dem heruntergekommenen Büro nach Sophie erkundigte, kam Antonio zu dem Schluss, dass Geld wohl die beste Lösung für alle Probleme sein würde.

     Sophie putzte gerade den Boden in einem der etwas besseren Campingwagen, als jemand heftig an die Tür klopfte. Sie rappelte sich auf, öffnete und erstarrte, als sie direkt in Antonios nachtschwarze Augen blickte, deren Intensität noch durch seine dunklen Brauen verstärkt wurde. Obwohl sie sich im Grunde dafür schämte, konnte sie nicht anders, als Antonio wie gebannt anzustarren. Sie verinnerlichte jeden einzelnen seiner markanten, männlichen Gesichtszüge. Dabei begann ihr Herz zu rasen. "Du hast sieben Uhr gesagt", erinnerte sie ihn dann. "Was machst du hier schon so früh?"

     "Passt es dir jetzt nicht?", fragte Antonio, während er seinen aufmerksamen Blick von ihrer goldfarbenen Lockenpracht zu ihrem leicht erhitzten Gesicht und dann zurück zu den vollen, sinnlichen Lippen gleiten ließ. Dabei versuchte er sich einzureden, dass ihr Mund, ihr Haar und ihre Gesichtszüge getrennt voneinander betrachtet eher gewöhnlich waren. Wann immer er Sophie gegenüberstand, konnte er sich dennoch des Eindrucks nicht erwehren, dass sie umwerfend hübsch sei.

     "Ich … ich arbeite noch, und Lydia schläft", protestierte Sophie schwach gegen seinen frühen Besuch. "Es ist jetzt einfach nicht so günstig."

     "Das verstehe ich, aber ich habe bereits alle Termine erledigt. Außerdem bin ich neugierig darauf, meine Nichte kennenzulernen", antwortete Antonio. Offenbar dachte er gar nicht daran, sich zu entschuldigen. Antonio mochte äußerlich zwar kühl wirken, doch innerlich rang er nach Beherrschung. Einerseits wollte er sachlich seinen Standpunkt durchsetzen und andererseits musste er sich zusammenreißen, um das unerklärliche Begehren zu unterdrücken, das Sophie stets in ihm aufkeimen ließ. Ihren trügerischen Reiz auf ihn führte er darauf zurück, dass er es einfach nicht gewohnt war, mit Frauen ihres Schlages umzugehen. "Darf ich hereinkommen?"

     Sophie wich ins Innere des Wohnwagens zurück und befeuchtete sich immer wieder nervös die Lippen. Antonio kam lässig die Stufen hinauf und schien sofort den gesamten Raum einzunehmen.

     "Du wirst aber schon noch warten müssen, bis Lydia aufwacht."

     Augenblicklich war Antonio seine Ungeduld anzusehen. "Ich habe nicht viel Zeit und wäre dir dankbar, wenn du die Sache nicht unnötig verkomplizieren würdest."

     Sophie atmete tief durch. Sie hatte Lydia extra hingelegt, damit sie bis zu Antonios Besuch ausgeschlafen hätte. Sein frühes Erscheinen hatte ihren Plan zunichte gemacht. Vor Verärgerung und Besorgnis wirkte Sophies zierlicher Körper ganz angespannt. Sie senkte ihren Lockenkopf und presste die Lippen zusammen, denn am liebsten hätte sie Antonio die Meinung gesagt. Aber beim Notar, der Antonio wie einen König und sie geringschätzig behandelt hatte, war ihr eins klar geworden: Sie konnte es sich nicht leisten, Antonio gegen sich aufzubringen. Wenn es hart auf hart käme, würde er immer die Oberhand behalten. Deshalb musste sie höflich bleiben und Antonios Forderungen so gut es ging nachkommen – Lydia zuliebe.

     "Lydia wird ein bisschen quengelig sein, wenn wir sie aufwecken", sagte Sophie zögerlich.

     "Ich will meine Nichte aber jetzt sehen!", beharrte Antonio, der zu dem Schluss gekommen war, dass man Sophie am besten energisch begegnete.

     Nach kurzer Bedenkzeit nickte Sophie. Auf Belindas Hochzeit waren viele kleine Mädchen und Jungen gewesen, und ihre Schwester hatte ihr erzählt, dass Spanier besonders kinderlieb seien. Offensichtlich war Antonio es gewohnt, mit Babys umzugehen, und freute sich darauf, sich ein wenig mit seiner Nichte zu befassen. Sophie stieß die Tür zu der kleinen Besenkammer auf, in die sie Lydia mit ihrem Reisebettchen gestellt hatte, damit sie ungestört schlafen konnte.

     Antonio blickte auf das Bündel unter der Decke. Seine Nichte sah erschreckend klein aus. Sowohl Pablo als auch Belinda waren groß gewesen. Andererseits reichte ihm Sophie kaum bis zur Brust. Vielleicht war Lydia auch nur zu klein für ihr Alter, aber ansonsten vollkommen gesund. Auf jeden Fall würde er sie in Spanien von einem Kinderarzt untersuchen lassen.

     Antonio überwand seine Zurückhaltung Babys gegenüber und hob die Kleine aus ihrem Bettchen, um sie näher zu betrachten. Sofort schlug Lydia die Augen auf und machte sich stocksteif, ehe sie ihren kleinen Mund aufriss, um gleich darauf wie am Spieß zu schreien. Dabei lief ihr Gesichtchen dunkelrot an, und Antonio wurde von Panik erfasst. "Was hat sie denn bloß?"

     "Hat dich schon einmal ein Fremder aus dem Schlaf gerissen und dann in der Luft herumgeschaukelt wie ein Spielzeug?", fragte Sophie und musste sich schwer zusammenreißen, um ihm Lydia nicht sofort wieder wegzunehmen. Offensichtlich hatte er doch keine Ahnung von Babys.

     Als die Kleine Sophies Stimme hörte, drehte sie ihren Kopf. Dann wand sie sich wie verrückt in Antonios Händen und streckte ihrer Tante die Ärmchen entgegen – eine Geste, die alles sagte.

     "Vielleicht hättest du uns einander erst vorstellen sollen", beschwerte sich Antonio und übergab Sophie eilig das Bündel. Während ihm die Ohren immer noch von dem Gebrüll klangen, beobachtete er, wie sich seine Nichte angstvoll wimmernd an Sophie klammerte. Wenigstens hörte sie mit dem Geschrei auf, während Sophie sie an sich drückte, streichelte und ihr beruhigende Worte ins Ohr flüsterte.

     "Ich hatte ja keine Ahnung, dass das Kind so an dir hängt", bemerkte Antonio dann nur.

     "Ich kümmere mich schon um Lydia, seitdem sie auf der Welt ist. Am Anfang war Belinda krank … ja, und dann … Dann gab es andere Gründe, warum sie nicht so viel Zeit mit ihrer Tochter verbringen konnte, wie sie es gern getan hätte."

     "Welche Gründe?"

     "Belinda hat einen Mann kennengelernt, der nichts von Kindern wissen wollte. Als sie mit ihm zusammengezogen ist, blieb Lydia bei mir."

     "Hier, in dem Wohnwagen?", fragte Antonio ungläubig.

     "Nein, nein, so gut haben wir es nicht", antwortete Sophie mit einem verlegenen Lachen. "Das hier ist eine Luxusunterkunft. Mein Wohnwagen ist mindestens zwanzig Jahre älter und hat nicht so viele Extras."

     Antonio sah sich in dem für seine Begriffe winzigen Raum um. Extras? Was für Extras? Die Ausstattung war grauenhaft und so schrill, dass sie seine Augen beleidigte. Das war also Sophies Auffassung von Luxus? Aber er schluckte die Bemerkung hinunter, die ihm auf der Zunge lag.

     "Wieso bist du dann hier, wenn du hier nicht wohnst?"

     "Ich mache den Wagen sauber für die Feriengäste, die morgen kommen."

     "Du bist hier als Putzfrau beschäftigt?" Ungläubig starrte Antonio sie an, und Sophie drückte Lydia nur noch fester an sich.

     "Hast du ein Problem damit?"

     Er biss die Zähne zusammen. Insgeheim hatte er gehofft, Sophie hätte nur einen Scherz gemacht. "Natürlich nicht. Hat mein Bruder auch von dir Geld genommen?"

     "Nein, nein, ich hatte nie so viel, dass ich etwas hätte verleihen können", antwortete Sophie. Erst als Antonio sie überrascht ansah, begriff sie, dass er gar nicht nachvollziehen konnte, was sie da von sich gab. So musste sie ihm wohl oder übel die Wahrheit sagen. "Wir haben da so eine Art Familiengeheimnis. Belinda wollte nicht, dass ich darüber rede. Sie und ich haben unterschiedliche Väter und sind uns erst vor sechs Jahren begegnet."

     "Jede Familie hat so ihre Geheimnisse", sagte Antonio und war erleichtert, weil er sich die Unterschiede zwischen Belinda und Sophie nun wenigstens erklären konnte. "Aber von jetzt an wollen wir ganz offen zueinander sein."

     "Ich wollte dich nicht belügen, das war …" Lydia, die Sophies Anspannung spürte, hob den Kopf und begann leise zu weinen.

     "Ich will mich nicht mit dir streiten. Nach allem, was du durchgemacht hast, ist es nur verständlich, dass du gestresst bist."

     "Ich habe nichts durchgemacht", versicherte Sophie ihm. "Ich liebe Lydia und kümmere mich gern um sie. Dass du jetzt auch für sie verantwortlich bist und ich nicht weiß, was passieren wird, macht mir viel mehr zu schaffen."

     Antonio fühlte den Blick zweier Augenpaare auf sich gerichtet, eines braun, eines grün, und beide sahen ängstlich drein. Zum ersten Mal in seinem Leben kam er sich wie der böse Wolf im Märchen vor. Gleichzeitig verletzte es seinen Stolz, dass man ihn in diesem Licht sah. So beschloss er, auf diplomatische Manöver zu verzichten und klipp und klar zu sagen, was er wollte.

     "Warum musst du Angst haben, jetzt wo ich da bin? Willst du mich beleidigen?"

     "Nein, nein, um Himmels willen!", rief Sophie verzweifelt, weil er sie schon wieder falsch verstanden hatte.

     "Dass ich mich jetzt hier einmische, kann für meine Nichte nur von Vorteil sein, denn im Augenblick lebt sie in erschreckender Armut. Du hast das Beste im Rahmen deiner Möglichkeiten getan, und ich weiß deinen Einsatz zu würdigen", betonte Antonio höflich. "Aber für Lydia ist es wohl besser, wenn ich sie mit nach Spanien nehme und dafür sorge, dass sie in den Genuss der Erziehung und der Privilegien kommt, die ihr von Geburt her zustehen."

     Während er sprach, war die Farbe aus Sophies Gesicht gewichen. "Wir leben nicht in erschreckender Armut …"

     "Meiner Ansicht nach schon. Ich will dich nicht beleidigen, aber ich muss die Wahrheit sagen."

     "Du darfst sie nicht mit nach Spanien nehmen", sagte Sophie. Die Worte kamen ihr nur schwer über die Lippen, denn ihr war schlecht, und sie hatte Mühe zu atmen. Allein die Vorstellung, Lydia zu verlieren, wirkte wie ein Schlag in die Magengrube.

     "Wieso nicht?", fragte Antonio und zog eine Augenbraue hoch. Sophie war inzwischen kreidebleich geworden und drückte das Baby fest an sich. Ihre Reaktion ärgerte und frustrierte ihn zugleich. Schließlich hatte er nur gute Absichten, und seine Lösung war die einzig vernünftige. "Ich sehe keine Alternative zu meinem Plan. Wenn du das Kind liebst, wirst du mir nicht im Weg stehen. Ich kann ihm ein viel besseres Leben bieten."

     Sophie wich zurück, als könnte sie es nicht mehr ertragen, so nah bei Antonio zu stehen. "Ich glaube, ich werde sterben, wenn du sie mir wegnimmst", sagte sie dann mit bebender Stimme. "Ich liebe sie so sehr, und sie liebt mich. Du kannst mich nicht einfach aus ihrem Leben ausschließen, als sei ich ein Nichts, nur weil ich arm bin."

     Antonio erstarrte, und seine Wangen färbten sich rot. Die Tränen in Sophies Augen und die Offenbarung ihrer innersten Gefühle beunruhigten ihn. Sie hatte ihre stolze Haltung aufgegeben und ihre zur Schau getragene Ruppigkeit abgelegt. Sie sah aus wie ein Teenager, der sich gegen die Gängeleien und Drohungen eines Bandenführers wehren musste. Das Baby teilte die Verzweiflung seiner Tante und begann an Sophies schmaler Schulter zu schluchzen.

     "Es geht doch gar nicht darum, dass ich dich aus ihrem Leben ausschließen will", begann Antonio und bemerkte sogleich, dass er dabei war, sich auf eine Diskussion über Gefühle einzulassen, obwohl es hier doch darum ging, vernünftig zu sein.

     Sophie atmete tief durch und sah ihn vorwurfsvoll an. "Ich schäme mich nicht dafür, dass ich arm bin. Für mich ist Liebe wichtiger als Geld …"

     "Soweit ich das verstanden habe, hattest du sowieso nie welches und bist wohl kaum in der Lage, ein so vernichtendes Urteil zu fällen."

     "Ich liebe Lydia, du nicht!", warf ihm Sophie jetzt an den Kopf.

     "Warum zügelst du dann nicht dein Temperament und hörst auf, ihr Angst zu machen?"

     Sophie sah ihn betroffen an, ehe sie sich abwandte, um das verängstigte Kind in ihren Armen zu trösten.

     Allmählich wurde Antonio klar, dass es ein Fehler gewesen war, die Sache wie einen Geschäftstermin anzugehen. Sophie war alles andere als eine Geschäftsfrau. Weder war sie praktisch veranlagt noch vernünftig oder selbstbeherrscht. Sie war wie ein Pulverfass, das jeden Moment hochgehen konnte. Wenn er es sich recht überlegte, hatte er noch nie eine Frau kennengelernt, die dermaßen aus dem Bauch heraus handelte. Und dass Sophie dies noch dazu ohne Scheu tat, faszinierte ihn umso mehr. Wieder verspürte Antonio sexuelles Verlangen nach ihr, was dazu führte, dass er sich nicht nur über Sophie, sondern auch über sich selbst ärgerte. Er bemühte sich, diese Regung zu unterdrücken, auch wenn er Sophie am liebsten in die Arme geschlossen und leidenschaftlich liebkost hätte. Wohl kaum eine angemessene Antwort auf ihre Verzweiflung.

     "Ich möchte, dass du über das, was ich gesagt habe, nachdenkst", fuhr Antonio schließlich fort. Er ahnte, dass es im Augenblick zu nichts führen würde, noch weiter über Lydia zu sprechen. "Ich komme morgen früh um elf Uhr wieder. Wenn du vorher mit mir reden möchtest, erreichst du mich in meinem Hotel." Er gab ihr eine Visitenkarte. "Sag mir noch, wo du wohnst."

     "In dem blauen Wohnwagen da hinten", erklärte Sophie mit tränenerstickter Stimme, "direkt neben dem Feld."

     "Ich will nicht daherreden wie ein Schauspieler in einem schlechten Film, Sophie. Aber glaub mir, ich kann auch dir helfen, dein Leben zu verbessern. Du brauchst nicht auf diesem Niveau zu leben."

     "Auf diesem Niveau gibt es zumindest keine Babydiebe."

     Antonio beschloss, sich nicht von ihr provozieren zu lassen. Trotzdem sah er schon die Schlagzeilen vor sich: "Spanischer Babydieb auf englischem Campingplatz". Nein, das konnte er sich nicht leisten, er war ein hoch angesehener Geschäftsmann, der gerade wegen seiner modernen Denkansätze geschätzt wurde. Er würde eine Lösung finden, um Sophie klarzumachen, dass es das Beste war, wenn er Lydia mit nach Spanien nahm.

     "Ich glaube, wenn ich morgen vorbeikomme, wäre es weniger aufregend für das Kind, wenn es … schliefe."

     "Vielleicht solltest du dir auch einmal Gedanken darüber machen, wie sehr es Lydia aufregen würde, wenn ich plötzlich aus ihrem Leben verschwände", antwortete Sophie betrübt und schnallte die Kleine in ihrem Buggy an. Antonio beobachtete noch, wie Sophie sie zu ihrem Wohnwagen schob. Dabei schien sie zu tanzen. Ihre langen Korkenzieherlocken schimmerten im Licht der Abendsonne goldfarben und wippten federnd im Rhythmus ihrer Schritte mit. Der abgetragene Stoff ihrer Jeanshose umschloss ihren kleinen, festen Po wie eine zweite Haut. Sophie war überaus zierlich, strahlte aber dennoch so viel weibliche Sinnlichkeit aus, die er als überwältigend und erregend zugleich empfand. Er wünschte seine Erregung zum Teufel und atmete tief durch. Trotzdem konnte er sich des Gedankens nicht erwehren, dass er Sophie nur zu gern in seine Arme geschlossen und ihr seine Verführungskünste unter Beweis gestellt hätte. Er war sich sicher, dass er dem Jungen, mit dem sie damals die Nacht am Strand verbracht hatte, um Klassen überlegen war. Plötzlich begriff er, dass er einfach nicht länger verleugnen konnte, dass Sophie ihn ungemein anzog, obwohl sie ganz anders war als die Frauen, die ihm normalerweise gefielen.