7. KAPITEL

 Perseus ließ sich seine Gedanken und Gefühle überhaupt nicht anmerken, während er Sam in den hübsch eingerichteten Salon führte. Dort stand eine große schwarzhaarige Frau mit dunklen Augen. Sofia.

     Sie trug ein weißes Kostüm, das ihre blendende Figur und die langen, sonnengebräunten Beine bestens zur Geltung brachte. Obwohl man ihr ansah, dass sie im Leben viel gelitten hatte, war sie atemberaubend schön. Eine Frau, die kein Mann jemals vergessen würde …

     Sie beachtete Sam überhaupt nicht. „Perseus!“ rief Sofia, und dieses eine Wort drückte Liebe und Sehnsucht aus. Dann begann sie, eifrig auf Griechisch zu sprechen, aber Perseus unterbrach sie.

     „Sofia“, sagte er beneidenswert gefasst, „darf ich dich mit meiner Frau Samantha bekannt machen? Sie spricht noch nicht so gut griechisch, deshalb möchte ich dich bitten, in ihrer Gegenwart englisch zu reden.“

     „Wie geht es Ihnen?“ fragte Sofia leise, wandte den Blick aber nicht von Perseus. „Ich hatte gehofft, mit dir allein sprechen zu können, Perseus.“

     Sam hätte ihn am liebsten angefleht, diese Bitte zu erfüllen.

     „Ich bin jetzt verheiratet“, erwiderte er und legte Sam den Arm um die Schultern. „Meine Frau und ich haben keine Geheimnisse voreinander.“

     „Ich habe dir so viel sagen, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Zuerst möchte ich dich um Verzeihung bitten“, sagte Sofia und begann zu weinen.

     „Ich habe dir schon vor langer Zeit verziehen“, versicherte er ihr ruhig.

     „Was ich getan habe, ist unentschuldbar. Ich bin dafür verantwortlich, dass dein Gesicht durch die Narbe entstellt ist. Aber ich hatte damals keine Wahl. Wenn ich dich nicht mit dem Messer angegriffen hätte, hätte mein Vater dich erschossen.“

     „Bitte, werd nicht melodramatisch, Sofia.“

     „Ich mache dir keinen Vorwurf, dass du mir nicht glaubst. Aber vor zwanzig Jahren hat mein Vater dich und deinen Vater so sehr gehasst, dass es ihn fast um den Verstand gebracht hat.“

     Nun wirkte Perseus nicht länger unnahbar und reserviert. „Was hatte mein Vater damit zu tun?“ fragte er.

     „Mein Vater wollte deine Mutter schon zur Frau, bevor sie deinen Vater geheiratet hat.“

     „Red weiter“, sagte Perseus rau. Offensichtlich glaubte er Sofia.

     Sam tat es jedenfalls.

     „Es hat meinen Vater zutiefst in seinem Stolz verletzt, dass sie einen einfachen Fischer ihm vorgezogen hat, obwohl er ein gebildeter und angesehener Mann war. Meine Mutter hat er nur geheiratet, weil er eine Ehefrau brauchte, aber er hat immer nur deine Mutter begehrt.“

     Sofia wischte sich die Tränen von den Wangen, bevor sie weitersprach.

     „Als meine Mutter starb, trauerte er nicht einmal um sie. Und nachdem dein Vater gestorben war, konnte meiner nur noch an deine Mutter denken. Er wollte sich mit ihr in Verbindung setzen, da wurde sie krank, und du kamst mit ihr in die Praxis. Sie war für Vater wie ein Gottesgeschenk. Dich aber hat er vom ersten Blick an gehasst, weil du ihn an deinen Vater erinnert hast.“

     Sie seufzte.

     „Du warst stolz, stark und unabhängig. Und du hast deine Mutter innig geliebt. Das konnte mein Vater nicht ertragen, deshalb wollte er dich zu Onkel Theo nach Athen schicken, um dich aus dem Haus zu haben. Aber das hat ja nicht geklappt. Als er später merkte, dass du dich in mich verliebt hattest – und ich mich in dich –, wurde er rabiat. Er machte Spiros, der unten am Hafen wohnte, zu seinem Informanten, und der berichtete ihm schließlich, du hättest ein Boot gemietet, um mit mir durchzubrennen.“

     Da er noch immer den Arm um sie gelegt hatte, spürte Sam, wie Perseus schauderte.

     „Als mein Vater von deinem Plan erfahren hatte, stellte er mich zur Rede. Er drohte, dass er dich töten würde, wenn ich dich nicht endgültig abweisen würde.“

     Perseus stand nun wie versteinert da, und Sam hielt unwillkürlich den Atem an.

     „Ich hatte entsetzliche Angst, weil ich seinen wahnsinnigen Hass auf dich kannte. Ich traute meinem Vater zu, seine Drohung wahr zu machen. Und ich wollte doch nicht, dass du stirbst. Deshalb nahm ich das Messer und wartete. Ich ahnte, dass du mich überreden wolltest, mit dir fortzugehen, und ich wusste, dass ich dir etwas Schreckliches antun musste, um dich dazu zu bringen, mich in Ruhe zu lassen. Aber ich schwöre dir, Perseus, ich wollte dir nicht wirklich wehtun.“ Sofia schluchzte herzzerreißend. „Ich habe dich geliebt … mehr als mein Leben. Ich liebe dich immer noch.“

     Sam wollte sich von Perseus lösen und das Zimmer verlassen, aber er spürte es offensichtlich und verstärkte den Griff um ihre Schultern so sehr, dass es wehtat.

     „Mein Vater wartete, bis du das Haus verlassen hattest, dann ließ er mich sofort in die Türkei bringen, wo ich in einem Kloster leben musste, das ich nie verlassen durfte. Er hoffte wohl, dass ich den Schleier nehmen würde, aber ich fühlte mich nicht zur Nonne berufen. Trotzdem musste ich dort gegen meinen Willen bleiben.“

     Sofia atmete tief durch und erzählte weiter.

     „Schließlich konnte ich doch fliehen und fand Unterschlupf bei einem Bauern, der mich als Magd anstellte. Ich hatte ja keinen Pass und kein Geld, deshalb konnte ich nicht nach Griechenland zurück. Als mein Arbeitgeber mir einen Heiratsantrag machte, nahm ich ihn an. Mein Mann starb vor sechs Monaten und hinterließ mir seinen Besitz. Ich verkaufte den Hof, damit ich nach Griechenland zurückkehren konnte, aber hier wollten die Behörden mich nicht einreisen lassen.“

     Sofia schauderte bei der Erinnerung.

     „Verzweifelt rief ich zu Hause an und erfuhr von Georgio, dass mein Vater überall nach mir gesucht hatte, nachdem er wieder zur Vernunft gekommen war. Aber zu spät, denn ich war da schon aus dem Kloster geflohen und hatte keine Spuren hinterlassen. Georgio holte meinen Vater ans Telefon, und wir unterhielten uns lange. Er beantragte einen Pass für mich und schickte mir auch das Reisegeld. Als ich meinen Vater dann wieder sah, erkannte ich ihn fast nicht, weil er so krank war. Wir haben uns versöhnt. Meinem Vater ist bewusst, dass alles, was er dir und mir angetan hat, unverzeihlich ist.“

     Ihre Stimme zitterte.

     „Seit dem damaligen Zwischenfall war sein Leben die Hölle gewesen. Ich glaube, er klammert sich nur deshalb ans Leben, weil er dich noch einmal sehen und um Verzeihung bitten möchte.“

     Perseus fuhr sich durchs Haar. Offensichtlich war er zutiefst erschüttert.

     „Du hast also die vergangenen zwanzig Jahre in der Türkei im Exil gelebt?“ fragte er mühsam beherrscht.

     „Ja, Perseus. Und wenn du Beweise dafür brauchst, kann ich sie vorlegen.“

     Sein schmerzlicher Ausdruck verriet Sam alles. Perseus glaubte Sofia, dass sie keine Schuld an den damaligen Ereignissen hatte. Und jetzt konnte er ihr verzeihen, sich mit ihr versöhnen und endlich mit ihr glücklich werden. Und sie, Sam, würde ihn aufgeben müssen. Ein vernichtender Gedanke …

     „Dir zuliebe werde ich deinen Vater noch einmal sehen, Sofia“, sagte Perseus. Dann küsste er Sam auf die Stirn. „Samantha, wartest du hier bitte auf mich? Es dauert nicht lange. Soll Georgio dir etwas zu trinken bringen?“

     „Nein, danke. Und, Perseus … nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst.“

     Sie setzte sich und beobachtete, wie er Sofia aus dem Zimmer begleitete. Die beiden wirkten wie ein Paar. Wieder vereint.

     Mich haben sie schon vergessen, dachte Sam. Und das war richtig und gut so. Perseus brauchte sie nicht länger.

     Nachdem sie jetzt die Schauergeschichte über Sofias Vater gehört hatte, verspürte sie plötzlich nicht mehr den Wunsch, ihrem Vater heimzuzahlen, dass er sie, Sam, nie als Tochter anerkannt hatte. Jules Gregory war sicher ein jämmerlicher Charakter, aber wenigstens hatte er sich nicht in ihr Leben eingemischt und ihr so schrecklichen Kummer bereitet, wie Sofia ihn hatte erleiden müssen.

     Nein, ich brauche meinen Vater nicht länger zu hassen, weil er mich vernachlässigt hat, dachte Sam. Hass war zerstörerisch.

     Perseus’ Schicksal war der Beweis dafür: Zwanzig Jahre lang hatte er auf Glück verzichten müssen, und Sofia hatte, völlig schuldlos, ebenso viele Jahre verloren und auch noch Seelenqualen erdulden müssen. Und warum? Weil Sofias Vater, von blindem Hass getrieben, das Glück seiner Tochter, das von Perseus und letztlich auch seins zerstört hatte. Und sie, Sam, lief Gefahr, dass ihr dasselbe passierte, wenn sie den Rachefeldzug gegen ihren Vater weiterführte.

     Nein, damit war es vorbei, sonst würde sie letztlich als Verliererin dastehen.

     Perseus würde sie auf jeden Fall verlieren. Er und Sofia waren füreinander bestimmt, und alle Hindernisse waren nun beseitigt. Es gibt keinen Grund mehr, noch länger seine Ehefrau zu spielen, sagte sich Sam und beschloss, schon am nächsten Morgen Griechenland zu verlassen. Sie wollte Perseus’ Glück nicht im Weg stehen, sondern weggehen. Weit weg.

     Cheyenne in Wyoming war weit genug weg. Vielleicht konnte sie dort neu anfangen. Und irgendwann einmal würde sie vielleicht so viel verdienen, um Perseus wenigstens die Kosten für das Begräbnis ihrer Mutter zurückzuerstatten. Sie wollte nicht in seiner Schuld stehen.

     Was die Stiftung für mittellose Künstler betraf, die konnte sie natürlich weder rückgängig machen noch jemals vermutlich selber finanzieren. Aber Perseus spendete ohnehin großzügig für wohltätige Einrichtungen, und als Kunstliebhaber hatte er sicher nichts dagegen, Not leidende Künstler zu unterstützen.

     Soweit hatte sie also alles geklärt.

     Bis auf eins: Wie sollte sie jemals mit dem Liebeskummer fertig werden?

     Sie hielt es im Salon nicht länger aus und beschloss, draußen am Auto zu warten. In der Villa war es totenstill, als Sam leise durch die Eingangshalle nach draußen ging.

     Die milde Nachtluft duftete nach Blüten und Kräutern. Sam seufzte leise. Wenn im Winter Schneestürme über Wyoming tobten, würde sie Serafinos schrecklich vermissen.

     Sieh dich noch mal gut um, Sam, denn morgen schon bist du unterwegs zu den Rocky Mountains, und dort gibt es kein Meer. Und keinen Mann, der sich mit Perseus auch nur annähernd messen könnte.

     „Was machst du hier?“ erklang plötzlich seine Stimme

     Sam wirbelte herum. Er sah äußerst finster aus. Warum nur? Das verstand sie nicht.

     „Ich hatte dich gebeten, im Haus auf mich zu warten“, sagte er schroff. „Was ist in dich gefahren? Warum hast du nicht wenigstens Georgio gesagt, dass du zum Auto gehst?“

     Verwirrt schüttelte Sam den Kopf. Sie konnte sich Perseus’ Verhalten nicht erklären. „Ich wusste nicht, wie lange du brauchst, und bin an die frische Luft gegangen“, erklärte sie und wunderte sich, dass er wegen einer Nebensächlichkeit so heftig reagierte.

     „Du bist meine Frau, und ich erwarte von dir, dass du dich entsprechend verhältst.“

     „Aber wir brauchen Sofia doch nicht länger das glückliche Ehepaar vorzuspielen, oder? Du weißt jetzt, was damals wirklich passiert ist. Nun steht eurem Glück nichts mehr im Weg. Morgen nehme ich die Fähre nach Athen und fliege von dort aus in die USA zurück.“

     Plötzlich sah Perseus völlig ausdruckslos aus. Er öffnete die Beifahrertür und befahl Sam einzusteigen. Sam konnte es kaum erwarten, sich in ihr Zimmer zu flüchten und mit ihren Gedanken allein zu sein.

     Während der rasanten Fahrt schwiegen Perseus und Sam.

     Dass er mich nach Hause bringt, obwohl er lieber bei Sofia geblieben wäre, muss ihm schwer fallen, dachte sie. Aber er war eben ein Kavalier und kümmerte sich zuerst um sie, bevor er nach Livadi zurückkehren würde, um mit Sofia sein weiteres Leben zu planen. Ein Leben, in dem für sie, Sam, kein Platz mehr war.

     Zehn Minuten später hielt das Auto vor der Villa an. Rasch stieg Sam aus. Sie wollte mit ihrem Kummer allein sein.

     „Wohin willst du denn?“ Blitzschnell war Perseus ausgestiegen und ums Auto geeilt. Er umfasste ihr Handgelenk mit eisernem Griff.

     „Ins Haus natürlich“, antwortete sie. Panik erfasste sie, denn seine Nähe brachte ihre Sinne in Aufruhr.

     „Vorhin hast du gesagt, du wollest an die frische Luft. Das will ich jetzt auch.“ Er ließ sie los und zog sich Schuhe und Socken aus.

     Erstaunt sah sie ihn an. „Aber Sofia wartet doch sicher darauf, dass du zu ihr zurückkommst und …“

     „Ihr Vater liegt im Sterben“, erwiderte er ernst und richtete sich auf „Wahrscheinlich ist der Pope jetzt bei ihm.“

     Sam schluckte. Wie schrecklich für Perseus, dass er aus Respekt für Sofias Vater die lang ersehnte Wiedervereinigung mit ihr verschieben musste!

     „War … war es sehr schlimm für dich, ihren Vater zu sehen?“ fragte Sam beklommen. „Hat er zugegeben, dass er …“

     „Nur so viel: Sofia hat die Wahrheit gesagt“, unterbrach Perseus sie ruhig. „Und um deiner nächsten Frage zuvorzukommen: Ja, wir haben uns versöhnt und den Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen.“

     Er kniete sich vor Sam hin.

     „Was machst du da?“ rief sie schockiert.

     „Ich will dir die Schuhe ausziehen, damit du mit mir am Strand spazieren gehen kannst.“

     Sie musste sich auf seine Schultern stützen, um nicht umzufallen. Als seine Finger ihre Knöchel streiften, überlief sie ein erregendes Prickeln.

     „Aber, Perseus, ich dachte …“

     „Du denkst zu viel, Kyria Kostopoulos“, unterbrach er sie erneut. „Soll ich dir helfen, die Strumpfhose auszuziehen?“

     Sam wurde rot. „Natürlich nicht! Ich kann das sehr gut allein. Dreh dich bitte um.“

     Er lachte leise und ging an den Strand.

     Mit bebenden Fingern streifte sie die Strumpfhose ab und steckte sie in einen Schuh. Dann folgte sie Perseus.

     Er stand im seichten Wasser und sah ihr entgegen. Da es dunkel war, konnte sie seinen Ausdruck nicht erkennen, aber wahrscheinlich war seine Miene genauso undurchschaubar und geheimnisvoll wie immer.

     „Komm“, sagte er und streckte die Hand aus.

     In dem einen Wort lag so viel Gefühl, dass Sam widerspruchslos seine Hand nahm. Er war stark und hatte jede Situation im Griff, aber sie wusste, dass ihn die Begegnung mit Sofia erschüttert hatte.

     Wahrscheinlich brauchte er sie, Sam, jetzt, weil sie die einzige außenstehende Person war, die die ganze Wahrheit kannte. Und sie hatte schon bewiesen, dass sie um seine Bedürfnisse wusste und sich darauf einstellen konnte. Er konnte darauf zählen, dass sie seine Aufmerksamkeiten nur als kameradschaftliche und freundschaftliche Geste deutete. Als nichts anderes.

     Hand in Hand gingen sie weiter. Plötzlich hielt Sam das Schweigen nicht länger aus.

     „Sofia ist sehr schön“, sagte sie unvermittelt.

     Perseus atmete scharf ein, bevor er erwiderte: „Es gibt verschiedene Arten von Schönheit. Sofia ist tatsächlich so bezaubernd, dass viele Männer von ihr hingerissen wären.“

     Sams Herz klopfte wie rasend, aber sie musste die nächste Frage einfach stellen, weil sie sich sicher war, dass Perseus darüber sprechen wollte. „War es sehr schlimm für dich, sie nach so langer Zeit wieder zu sehen?“

     „Ja“, antwortete er rau. „Immerhin ist sie nicht mehr achtzehn Jahre alt. Das Leben hat uns verändert, und man kann die Zeit nicht zurückdrehen.“

     Er klang so wehmütig, dass Sam beinahe geweint hätte. „Das stimmt, aber ihr seid beide noch jung genug, um eine wunderbare Zukunft vor euch zu haben. Ihr könntet sofort heiraten und eine Familie gründen.“

     „Nein, das ist unmöglich.“

     „Natürlich nicht“, sagte Sam heftig. „Gleich morgen kannst du unsere Ehe annullieren lassen. Ich unterschreibe alle notwendigen Formulare. Dann bist du frei.“

     Er umfasste ihre Hand schmerzhaft fest. „Darum geht es nicht, Samantha. Sofias Vater hat nur noch kurze Zeit zu leben, vielleicht lediglich wenige Tage. Und hier auf der Insel trauert man lange um seine Angehörigen.“

     „Das ist ja schrecklich“, rief Sam mitfühlend. „Du hast zwanzig Jahre warten müssen. Wie grausam, wenn ihr noch einige Wochen warten müsst.“

     „Einige? Es geht um zweiundfünfzig Wochen.“

     „Wie bitte?“

     Er blieb stehen und sah sie an. „Ja, der Anstand verlangt es, dass Sofia mindestens ein Jahr nicht heiratet.“

     Sam bebte vor Empörung. „Ich finde es nicht richtig, dass ihr gezwungen seid, so lange zu warten, nach allem, was geschehen ist.“

     „So ist das nun mal hier in Griechenland. Sofia und ich halten uns an die Traditionen. Wir könnten uns auch nicht erlauben, uns dem unweigerlich folgenden Klatsch auszusetzen. Und deshalb musst du meine Ehefrau bleiben, bis sich meine sehnlichsten Wünsche endlich erfüllen werden.“

     Oh nein, das kann ich nicht, dachte Sam. Ein ganzes Jahr bei ihm zu bleiben, ohne wirklich mit ihm zusammenzuleben? Undenkbar!

     Sie löste die Hand aus seiner und bemerkte, dass sich seine Miene verfinsterte.

     „Findest du es so unvorstellbar schrecklich, noch ein Jahr bei mir zu bleiben?“

     „Nein!“ rief sie. „Natürlich nicht. Ich habe an dich gedacht. Für dich muss es doch unerträglich sein, dass Sofia gleichzeitig so nahe und trotzdem unerreichbar ist. Dass du nicht zu ihr gehen kannst … und sie lieben …“ Sams Stimme zitterte. „Weiß sie, welche Beziehung zwischen dir und mir besteht?“

     Durchdringend betrachtete Perseus sie. „Sie kennt meine Gefühle. Es wird also keine Missverständnisse geben.“

     „Bist du dir ganz sicher, dass sie mich nicht hasst?“

     „Wer weiß schon, was in einem anderen Menschen vorgeht?“ erwiderte er geschickt. „Ich habe ihr die Wahrheit gestanden. Wie Sofia mit diesem Wissen umgeht, ist ihre Angelegenheit und betrifft dich nicht.“

     Sams Gefühle waren nun völlig in Aufruhr. „Wenn ich Sofia wäre, würde ich es nicht ertragen, dass du mit einer anderen Frau zusammenlebst, auch wenn ich wüsste, dass es das vernünftigste für dich wäre. Es würde mich rasend machen. Sicher würde ich der anderen Frau am liebsten die Augen auskratzen.“

     Perseus lächelte unerwartet und sah plötzlich um Jahre jünger aus. „Wie gewalttätig das klingt“, meinte er gelassen. „Man könnte jedem Mann nur gratulieren, der so viel Leidenschaft bei einer Frau hervorruft.“ Unvermittelt strich er sich über die Narbe. „Da wir übrigens gerade von Gewalttätigkeit reden: Ich überlege ernsthaft, nächste Woche nach Athen zu fliegen und die Narbe entfernen zu lassen.“

     Der plötzliche Themenwechsel verwirrte sie, Perseus’ Pläne noch mehr. Nur Sofia konnte ihn zu dem Entschluss veranlasst haben.

     Gekränkt wandte Sam sich um und ging zur Villa zurück. Wasser spritzte hoch und benetzte den Saum ihres Seidenkleides, aber das war ihr egal.

     Perseus folgte ihr. „Wenn du nicht gern allein auf Serafinos bleiben möchtest, dann komm doch mit nach Athen, während ich im Krankenhaus bin.“

     Sie wurde zornig. „Falls du es noch nicht bemerkt hast, Perseus: Ich bin eine erwachsene Frau und lebe schon seit Jahren allein.“

     „Doch, das habe ich durchaus bemerkt“, erwiderte er so gelassen, dass er alles noch schlimmer machte. „Vermutlich willst du mir nur zu verstehen geben, dass in unserem Vertrag nichts davon stand, dass du für mich auch die Pflegerin spielen sollst.“

     „Du verstehst mich absichtlich falsch.“

     „Ach, glaubst du das? Erklär mir doch lieber, warum dich meine Entscheidung, die Narbe entfernen zu lassen, so aufregt.“

     „Das regt mich ja gar nicht auf.“ Sie beschleunigte ihre Schritte, um möglichst viel Abstand zu ihm zu gewinnen.

     „Warum hörst du dann nicht auf, vor mir davonzulaufen?“ rief Perseus ihr herausfordernd nach.

     Plötzlich kam sie sich albern vor und ging langsamer.

     „Schau mich an, Samantha.“

     Das wollte sie nicht. Womöglich sah er dann, wie sehr sie ihn liebte.

     „Du brauchst dir doch meinetwegen keine Sorgen zu machen. So eine Operation ist heute Routine und bereitet fast keine Schmerzen.“ Sein Tonfall war beruhigend.

     „Das weiß ich.“ Ihre Stimme klang unnatürlich hoch.

     „Was beunruhigt dich denn dann? Übrigens, ich bleibe so lange mit dir hier draußen, bis ich eine Antwort bekomme.“

     Sie bückte sich und hob eine Muschel auf. „Was du tust, Perseus, ist allein deine Angelegenheit. Dass Sofia die Narbe hasst, kann man ja verstehen. Schließlich erinnert die sie ständig daran, was sie dir angetan hat.“ Sie zögerte kurz. „Ich … ich kann mir dich ohne die Narbe nicht vorstellen. Im Kunstgeschichteseminar ist mir auch aufgefallen, dass die wahren Meisterwerke der Bildhauerkunst im Grunde nicht völlig perfekt und gerade deshalb einzigartig sind.“

     Perseus schwieg, und erst jetzt wurde Sam klar, dass sie ihm eigentlich zu verstehen gegeben hatte, dass sie ihn attraktiv fand. Jetzt hätte ich nichts dagegen, wenn ein Seeungeheuer mich verschleppen würde und ich Perseus nie mehr in die Augen sehen müsste, dachte sie.

     „Fühlst du dich wegen unseres Vertrags verpflichtet, mir solche Komplimente zu machen?“

     Zornig wirbelte sie herum. „Der Vertrag hat überhaupt nichts damit zu tun. Jede Frau mit Augen im Kopf würde dich umwerfend attraktiv finden, Perseus.“

     Die Luft schien plötzlich vor Spannung zu knistern.

     „Dann beweis mir, dass du mich wirklich attraktiv findest. Zeig mir unmissverständlich, dass du vor einer so entstellenden Narbe wie meiner nicht zurückzuckst.“

     Seine Worte ließen ihn wie einen stolzen kleinen Jungen klingen, der eher gestorben wäre, als zuzugeben, dass er Angst davor hatte, zurückgewiesen zu werden.

     Sam konnte nicht anders: Sie ging zu Perseus und küsste ihn auf die Narbe, nicht nur einmal, sondern oft, denn sie liebte ihn mehr, als sie jemals gedacht hatte, einen Menschen lieben zu können.

     Er sagte etwas auf Griechisch, dann presste er ihr die Lippen auf den Mund und küsste sie leidenschaftlich. Hingebungsvoll erwiderte sie den Kuss und hatte das Gefühl, mit Perseus zu verschmelzen.

     Aber unvermittelt schob er Sam so rasch weg, als wäre ihm bewusst geworden, dass er die falsche Frau geküsst hatte.