8. KAPITEL

 Nachdem Perseus sie so leidenschaftlich geküsst hatte, fiel es Sam äußerst schwer, die Beziehung rein platonisch weiterzuführen.

     Sie versuchte, sich durch Arbeit abzulenken, und kümmerte sich ausgiebig um den Garten. Das Bewässerungssystem war bereits installiert worden, und nun verteilten die Arbeiter überall Humus.

     „Kyria Kostopoulos! Telefon!“ rief Ariadne von der Terrassentür her.

     Sicher wieder der übliche geschäftliche Anruf für Perseus, dachte Sam, ungehalten über die Unterbrechung. Er war in den vergangenen Tagen fast ständig auf Serafinos geblieben, um Sofia bei den Vorbereitungen für das Begräbnis ihres Vaters zu helfen. Und er hatte darauf bestanden, dass sie, Sam, ihn jedes Mal begleitete und weiterhin die Rolle der liebevollen Ehefrau spielte, solange sie von den Inselbewohnern beobachtet wurden.

     Da sie Perseus von ganzem Herzen liebte, fiel ihr das nicht schwer. Im Gegenteil. Sie genoss es, wenn er Zuneigung zeigte, sie küsste und berührte, auch wenn er damit nur den Eindruck erwecken wollte, sie seien ein verliebtes Paar in den Flitterwochen.

     Es war, wie sie fand, ein gefährliches Spiel. Während die bedauernswerte Sofia schweigend zusah, musste sie, Sam, sozusagen Perseus’ Regieanweisungen folgen, obwohl ihr klar war, dass er insgeheim schon die Stunden zählte, bis er sich endlich offen zu seiner wahren Liebe bekennen durfte.

     „Können Sie den Anruf nicht erledigen, Ariadne?“ rief Sam nun.

     „Ihr Mann ruft aus Athen an, Kyria Kostopoulos.“

     Perseus war morgens mit dem Hubschrauber in die Stadt geflogen, um angeblich im Büro die liegen gebliebene Arbeit zu erledigen. Sam hatte allerdings das Gefühl, dass er einen Schönheitschirurgen konsultieren wollte. Und falls er sich zu der Operation entschlossen hatte, rief er jetzt wahrscheinlich an, um sie zu informieren, dass er in Athen bleiben würde.

     Sie war enttäuscht darüber, dass er ihr nichts davon gesagt hatte, und stand kurz wie gelähmt da. Dann riss sie sich zusammen und eilte ins Haus, um Perseus nicht unnötig warten zu lassen.

     Seit dem nächtlichen Spaziergang am Strand hatten sie nicht mehr über die Narbe gesprochen. Auch nicht über Sofia. Sie hatten gemeinsam am Pool gefrühstückt und dabei Pläne für den Garten diskutiert. Zwei Mal erklärte Perseus, sie hätten genug gearbeitet, und bat Maria, einen Picknickkorb herzurichten, und fuhr mit Sam zu besonders schönen Plätzen auf der Insel.

     Und jeden Abend bestand er darauf, dass sie gemeinsam im Meer schwimmen gingen. Es waren für Sam zugleich quälende und beglückende Momente, wenn sie neben ihm schwamm und er ihr anrührende Geschichten aus seiner Jugendzeit erzählte. Manchmal hätte sie am liebsten gleichzeitig gelacht und geweint.

     Auch sie erzählte ihm von früher, vor allem von ihrem Studium und den interessanten Leuten, die sie auf der Akademie kennen gelernt hatte. Aber er wollte mehr wissen und brachte sie geschickt dazu, über ihre Kindheit in New York und über ihre Mutter zu sprechen.

     Sogar ihre Ängste wegen des schlechten Gesundheitszustandes ihrer Mutter gestand sie ihm, und er konnte ihr das gut nachfühlen, denn er selbst war ja auch als Kind wegen seiner Mutter besorgt gewesen.

     Sam war noch niemals so glücklich, auch wenn zum absoluten Glück noch etwas Wichtiges fehlte … Jeder Tag war wie ein fantastischer Traum gewesen. Sie hatte nie gekannte Lebensfreude verspürt, und das hatte sie Perseus zu verdanken.

     Wie soll ich es jemals überstehen, mich in einem Jahr von ihm zu trennen? fragte Sam sich nun. Die Antwort war einfach: Sie würde es nicht überstehen.

     Perseus hatte ja keine Ahnung, wie sehr sie ihn begehrte. Wenn er sie nur leicht berührte, durchflutete sie heißes, quälendes Verlangen. Nein, lange würde sie den jetzigen Zustand nicht mehr ertragen.

     „Hallo, Perseus“, sagte Sam bemüht gelassen, nachdem sie ans Telefon gegangen war.

     „Du klingst atemlos“, bemerkte er.

     „Ja, ich war draußen und habe mit dem Vorarbeiter besprochen, dass noch eine Schicht Humus aufgebracht werden soll.“

     „Mach heute früher als sonst Schluss, wenn es geht. Ich lasse dich mit dem Hubschrauber abholen.“

     Ihr Herz schien einen Schlag lang auszusetzen. „Heißt das, du gehst ins Krankenhaus?“

     „Nein, Samantha“, antwortete er nach einer kurzen Pause. „Du hast mich zu dem Entschluss gebracht, die Narbe nicht entfernen zu lassen.“

     „Ich?“ rief sie erstaunt und war zugleich erfreut, dass sie so viel Einfluss auf ihn hatte. „Aber ich dachte …“

     „Du denkst zu viel, wie ich dir schon mal gesagt habe“, unterbrach er sie. „Ich habe beschlossen, dass wir uns einen Abend in der Stadt gönnen. Zieh dir etwas Schickes an. Ich erwarte dich hier um acht Uhr.“

     Ihre Gefühle gerieten völlig in Aufruhr. „Oh Perseus, ich … ich würde ja so gern mit dir ausgehen, aber ich fürchte, die Hitze heute hat mir nicht gut getan. Mittags habe ich Kopfschmerzen bekommen, und sie sind trotz der Einnahme von Tabletten noch nicht völlig verschwunden“, log sie, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. „Macht es dir viel aus, wenn wir ein andermal ausgehen?“

     Er schwieg sekundenlang. „Nein, es ist mir weitaus lieber, du ruhst dich aus. Ich komme dann bald nach Hause.“

     „Nein!“ rief sie und schlang sich die Telefonschnur so fest um die Finger, dass es wehtat. Komm mir heute Abend nicht nahe, fügte Sam im Stillen hinzu. „Du brauchst nicht zu kommen“, sagte sie laut. „Bleib doch in Athen, und geh mit Freunden aus.“

     Oder mit einer Freundin, die überglücklich ist, dich eine Zeit lang für sich zu haben, fügte sie insgeheim hinzu.

     „Willst du etwa andeuten, ich hätte eine Geliebte?“ fragte er schroff. Offensichtlich hatte er ihre Gedanken erraten. „Das ist eine Beleidigung. Auch wenn alle Welt glaubt, wir Griechen wären treulose Ehemänner, stimmt das nicht. Ich habe bei der Trauung versprochen, dir die Treue zu halten, und ich beabsichtige, mein Versprechen zu halten. In etwa einer Stunde bin ich bei dir.“ Er legte auf.

     Sam schauderte und hätte beinahe den Hörer fallen lassen. Perseus war offensichtlich äußerst zornig.

     Und er würde bald hier sein! Sie lief nach draußen, sagte den Arbeitern, dass sie Feierabend machen könnten, und eilte ins Haus zurück, um zu duschen. Der besorgten Ariadne erklärte sie, sie fühle sich nicht wohl und würde aufs Abendessen verzichten, um früh ins Bett zu gehen.

     Sam hatte zwar keine Kopfschmerzen gehabt, als sie mit Perseus telefoniert hatte, aber inzwischen hatte sie welche bekommen.

     Warum war Perseus so wütend geworden? Das verstand sie nicht. Sie waren zwar miteinander verheiratet, führten aber schließlich keine richtige Ehe. Ihm stand durchaus das Recht zu, sich mit anderen Frauen zu treffen. Hier auf Serafinos musste er natürlich vorsichtig sein, aber in Athen wäre es sicher kein Problem. Und sie, Sam, würde ihm keinen Vorwurf machen, wenn er Trost bei einer Freundin suchte. Er und Sofia konnten ja noch lange nicht heiraten.

     Aber er war eben ein wirklich anständiger Mann, der seine Versprechen hielt und der sich, solange sie verheiratet waren, an sein Ehegelöbnis halten würde. Und dass er sich um sie, von der er annehmen musste, dass sie krank war, kümmern wollte, war auch typisch für ihn.

     Sie schloss die Fensterläden, ging ins Bett und hoffte, bald einzuschlafen. Normalerweise wäre ihr das trotz der frühen Abendstunde wahrscheinlich gelungen, aber heute schienen ihre Sinne besonders geschärft zu sein. Sie lauschte auf jedes Geräusch und hörte das Brummen des Motors schon, bevor das Auto in die Auffahrt einbog. Perseus war wieder da.

     Kurz darauf hörte sie Männer draußen vor dem Haus reden. Da die Arbeiter nach Hause gegangen waren, mussten es Yanni und Perseus sein. Wahrscheinlich machte Perseus eine Bemerkung darüber, wie viel Arbeit seit heute Morgen erledigt worden sei. Und er war darüber wahrscheinlich erfreut.

     Aber darin irrte sich Sam.

     Bald hörte sie Schritte in der Eingangshalle, und kurz darauf wurde ihre Zimmertür geöffnet. Perseus war zwar noch nie zu ihr ins Zimmer gekommen, ohne vorher anzuklopfen, aber vermutlich hatte Ariadne ihm gesagt, dass Sam schon vor einiger Zeit ins Bett gegangen sei. Nun wollte er nach ihr sehen, ohne sie zu stören. Sie erwartete, dass er gleich wieder gehen würde.

     Bestürzt merkte sie dann, dass er ins Zimmer kam und die Tür schloss. Nun herrschte wieder Halbdunkel im Raum.

     Perseus kam zum Bett und berührte sanft Sams sonnengerötetes Gesicht. Dann sagte er halblaut etwas auf Griechisch, und plötzlich ging das Licht an.

     Stöhnend richtete Sam sich auf. Er stand da und funkelte sie wütend an.

     „Kein Wunder, dass du Kopfschmerzen hast“, rief er aufgebracht. „Ich habe dir doch gesagt, du sollst einen Hut aufsetzen, wenn du draußen arbeitest. Ich lasse dich nur einen Tag allein, und jetzt sieh mal, was dir passiert ist!“ Er klang zwar wütend, aber ein besorgter Unterton schwang in seinen Worten mit.

     Wenn ich gewusst hätte, dass die Vortäuschung von Kopfschmerzen solche Folgen haben würde, hätte ich doch die Einladung nach Athen angenommen, dachte Sam.

     „Es ist nur ein leichter Sonnenbrand, Perseus“, versuchte sie, ihn zu beschwichtigen. „Den bekomme ich am Sommeranfang immer. Danach werde ich schnell braun.“

     „Zum Kuckuck mit der Sonnenbräune! Jede Frau sollte ihre Haut wie etwas Kostbares behandeln. Und du hast einen Teint, um den dich andere glühend beneiden.“

     Erstaunt sah sie ihn an. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass ihm das überhaupt aufgefallen war.

     „Du brauchst ja nicht einmal Make-up“, fügte Perseus hinzu. „Es wäre ein Verbrechen, solche Haut nicht sorgsam zu behandeln. Solange du mit mir verheiratet bist, wirst du auf dich achten, selbst wenn das bedeutet, dass du nicht mehr im Garten arbeitest.“

     „Ich gebe zu, es war dumm von mir, so lange in der Sonne zu bleiben, und ich verspreche dir, ab jetzt immer einen Hut aufzusetzen, wenn ich nach draußen gehe.“

     Er betrachtete sie forschend, um zu sehen, ob sie es ehrlich meinte. „Ariadne sagte mir, du hättest aufs Abendessen verzichtet. Du musst aber wenigstens etwas trinken, damit du nicht austrocknest.“

     Sam nickte.

     „Möchtest du einen eisgekühlten Fruchtsaft?“

     „Ja, das klingt verlockend. Vielleicht lässt er auch die Kopfschmerzen verschwinden.“

     Perseus betrachtete ihre Lippen, und ungezügeltes Verlangen durchflutete sie. „Hoffentlich. Ich bin gleich wieder da.“

     Immerhin schien er nicht mehr so wütend zu sein. Kurz darauf kam er mit einem Glas Pfirsichsaft in der Hand zurück und reichte es Sam.

     „Danke, Perseus.“ Sie achtete darauf, seine Hand nicht zu berühren.

     „Trink das aus“, forderte er sie auf und verließ sie, bevor sie ihm gute Nacht sagen konnte.

     Sam war nun hellwach. Sie lehnte sich zurück und trank den Saft. Schade, dass ich heute nicht mit Perseus schwimmen gehe, dachte sie traurig. So konnte sie ihn nicht fragen, wie sein Tag in Athen verlaufen war und was er von den Fortschritten im Garten hielt.

     Nachdem sie das Glas geleert hatte, stand sie auf und öffnete die Fensterläden wieder. Kurz blickte sie aufs Meer und dachte an die schönen Stunden, die sie dort mit Perseus verbracht hatte. Dann ging sie zur Verbindungstür zu seinem Zimmer, neben der sich der Lichtschalter befand.

     In diesem Moment wurde die Tür geöffnet.

     „Perseus!“ rief Sam leise, weil er so unerwartet vor ihr stand. Er trug einen dunkelbraunen Bademantel und sah atemberaubend attraktiv aus.

     „Ich wollte gerade das Licht für dich ausmachen“, erklärte Perseus. „Was machen die Kopfschmerzen?“

     Sie konnte nicht antworten. Er wirkte so überwältigend männlich. Spannung entstand. Sam hätte sich am liebsten versteckt. Langsam ging sie zum Bett zurück und schlüpfte unter die Decke.

     „Die Schmerzen sind offensichtlich schlimmer, als ich dachte“, bemerkte er schroff. „Leg dich auf die Seite. Ich massiere dir den Nacken. Mir hilft das manchmal, wenn ich Kopfschmerzen habe.“

     „Danke, Perseus, aber mir geht es gut. Ich … Ich brauche keine …“

     „Ich entscheide, was du brauchst und was nicht“, unterbrach er sie herrisch und setzte sich zu ihr. Als er ihr das lange Haar beiseite schob, fühlte sie sich wie elektrisiert.

     Sanft ließ er die Hände über ihren Nacken und die Schultern gleiten. Perseus wusste genau, wann und wo er etwas mehr Druck ausüben musste und wann es besser war, die Finger behutsam kreisen zu lassen.

     „Das fühlt sich himmlisch an.“ Sam seufzte leise.

     „Genau das soll es auch.“

     Plötzlich war ihr die Kehle wie zugeschnürt. „Meine Kopfschmerzen sind dank der Massage weg. Du bist viel zu gut zu mir, Perseus. Das kann ich dir niemals zurückzahlen.“

     Er hörte auf, sie zu massieren, ließ die Hand aber auf ihrem Nacken liegen. „Ich möchte keine Rückerstattung, Samantha. Bezahlt werden nur Dienstleistungen. Aber was ich will, muss man mir freiwillig geben. Oder gar nicht.“

     Natürlich dachte er dabei an Sofia! Sam wünschte sich mehr als alles auf der Welt, dass sie die Frau wäre, die er begehrte. Aber so war es nun einmal nicht. Schlagartig hatte seine Bemerkung sie in die Wirklichkeit zurückgebracht.

     „Ich fühle mich schon viel besser. Warum legst du dich nicht hin, und ich massiere dir den Nacken? Nach dem Arbeitstag bist du doch sicher auch verspannt.“

     „Wie aufmerksam von dir“, erwiderte er amüsiert und streckte sich lang aus.

     „Ist dein Büro in Athen genauso ordentlich wie das in New York? Hast du hier auch eine Sekretärin, die sich um das Chaos kümmert?“

     „Beides kann ich mit Ja beantworten“, erwiderte er humorvoll.

     Seine Muskeln waren tatsächlich verspannt. „Perseus, dreh dich auf den Bauch, dann massiere ich dir den Rücken. Als meine Mutter krank wurde, habe ich sie jeden Abend massiert.“

     „Und was ist mit deinen Kopfschmerzen?“

     „Ich hab dir doch schon gesagt, dass sie weg sind. Außerdem möchte ich dir die Massage schenken. Ganz freiwillig.“

     „Dann nehme ich dein Angebot an.“ Er lachte leise, und ihr wurde warm ums Herz. Dann drehte er sich auf den Bauch, wandte das Gesicht aber von ihr ab.

     Sicher wäre es besser gewesen, wenn er den Bademantel ausgezogen hätte, aber sie wagte es nicht, ihn darum zu bitten.

     „Du hattest Recht“, sagte Perseus nach einigen Minuten. „So eine Massage ist himmlisch. Hör bitte nie mehr damit auf.“

     „Das werde ich nicht“, erwiderte sie leidenschaftlich. So hingebungsvoll durfte sie ihn sonst nicht berühren, und sie hätte die ganze Nacht lang weitermachen können.

     Zwanzig Minuten später atmete er tief und regelmäßig. Offensichtlich war er eingeschlafen. Der Ärmste. Er war körperlich und seelisch völlig erschöpft.

     Vorsichtig wollte Sam aufstehen, da hielt Perseus sie fest.

     „Geh nicht weg“, bat er leise. „Ich möchte heute Nacht nicht allein sein, Kyria.“ Er presste sie an sich. „Beweis mir noch einmal, dass meine Narbe dich nicht abstößt.“

     Obwohl Sam sich geschworen hatte, sich nie wieder dazu überreden zu lassen, war sie gegenüber dieser eindringlich vorgebrachten Aufforderung machtlos. Sie küsste Perseus. Und falls er sich dabei vorstellte, sie wäre Sofia, machte ihr das nichts aus. Er erwiderte den Kuss so leidenschaftlich, dass sie alles andere vergaß.

     „Perseus“, rief sie endlich hilflos, als er ihre Schulter mit heißen Küssen bedeckte.

     Das schien ihm bewusst zu machen, dass er die falsche Frau liebkoste. Rasch stand er auf, und sein Atem ging stoßweise.

     „Du bist wirklich eine großartige Schauspielerin. Aber keine Sorge, ich werde dich nie mehr bitten, mir zu beweisen, dass du mich nicht abstoßend findest.“ Er drehte sich um und verließ das Zimmer.

     Sam ließ sich zurücksinken und blieb reglos liegen. Das Kopfkissen duftete nach Perseus’ Rasierwasser. Und wenn sie schon nicht in Perseus’ Armen liegen konnte, dann wollte sie wenigstens von ihm träumen.

 

Am nächsten Morgen wachte Sam erst um Viertel nach zehn auf. Licht flutete ins Zimmer, und sie erinnerte sich an die Ereignisse der vergangenen Nacht. Sie schlug die Decke zurück und stand auf. Ob Perseus noch schlief? Vorsichtig schaute sie in sein Zimmer und sah nur sein ungemachtes Bett. Offensichtlich war er aufgestanden, ohne sie zu wecken. Vielleicht arbeitete er draußen?

     Rasch zog sie sich an und eilte vors Haus. Die Arbeiter machten sich an den Blumenbeeten zu schaffen, aber Perseus war nirgendwo zu sehen. Sie drehte sich um und lief ins Haus zurück. An der Tür stieß sie beinahe mit Ariadne zusammen.

     „Haben Sie Perseus gesehen?“ fragte Sam atemlos.

     „Ja. Er ist früh aufgestanden und nach Athen geflogen. Sie sollen ihn anrufen.“

     „Kennen Sie die Nummer seines Büros?“

     „Ja, Kyria Kostopoulos. Kommen Sie bitte mit ins Arbeitszimmer.“

     Dort schrieb Ariadne die Nummer auf und reichte Sam den Zettel, dann verließ sie das Zimmer.

     Sam wählte die Nummer. Am anderen Ende meldete sich die Sekretärin. Sie sprach perfekt Englisch, und Sam nahm sich vor, ihre Griechischkenntnisse zu verbessern. Bisher hatte sie erst langsam Fortschritte beim Erlernen der Sprache gemacht.

     „Kyria Kostopoulos, Ihr Mann sagte mir, dass Sie anrufen würden. Einen Moment, ich verbinde.“

     Sam hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, dass andere Leute Perseus als ihren Mann bezeichneten. Und sie würde sich nie daran gewöhnen, denn eigentlich war er nicht ihr Ehemann. Wenn er das wäre, hätten sie die letzte Nacht zusammen verbracht. Und würden alle zukünftigen Nächte zusammen verbringen.

     „Samantha! Du bist also wach.“ Er klang munter und gut gelaunt. Anscheinend hatte er gut geschlafen und das leidenschaftliche Zwischenspiel schon vergessen.

     Im Gegensatz zu ihr. „Warum hast du mich nicht geweckt?“ fragte sie heiser.

     „Weil mir der Vorarbeiter heute Morgen berichtete, du hättest gestern härter als seine Männer gearbeitet. Wahrscheinlich hast du dich deshalb schlecht gefühlt. Er meinte, du würdest eine Pause brauchen, und ich bin derselben Meinung. Wie fühlst du dich heute? Sind die Kopfschmerzen völlig weg?“

     „Ja. Mir geht es ausgezeichnet“, erwiderte sie stockend.

     „Das höre ich gern. Ich möchte nämlich heute Abend mit dir zum Essen ausgehen. Hier in Athen. Um sieben Uhr holt dich der Hubschrauber ab. Yanni bringt dich nach Livadi. Mach dich hübsch, und komm.“

     Obwohl ihre Gefühle für Perseus mit jedem Moment, den sie mit ihm verbrachte, stärker wurden, traute sie sich nicht, die Einladung ein zweites Mal abzulehnen.

     „Gut, ich werde um sieben Uhr bereit sein.“

     „Nimm ein Nachthemd, Zahnbürste und Kleidung zum Wechseln mit. Wir fahren erst morgen nach Serafinos zurück.“

     Erregung durchzuckte sie. „Und wo übernachten wir?“

     „Das wird eine Überraschung. Also, bis heute Abend.“ Er legte den Hörer auf.

     Ich dürfte mich nicht so auf den Abend freuen, ermahnte sich Sam. Es wäre besser, sie würde Perseus wie einen Bruder betrachten, andernfalls würde sie die nächsten elf Monate nicht heil überstehen. Allerdings hatte sie keine Ahnung, wie sie ihre Gefühle zügeln sollte.

     Da er ihr die Arbeit im Garten untersagt hatte, beschloss sie, mit dem Auto nach Hora zu fahren. Es war ein Ort wie aus dem Bilderbuch, in dem es ein Schloss im venezianischen Stil gab. Ja, es würde ihr gut tun, aus dem Haus zu kommen. Hier dachte sie ja ständig an Perseus.

     Mittags konnte sie in einer Taverne essen und dann nach Galani weiterfahren. Dort gab es ein Kloster mit schönen Fresken, die sie sich gern ansehen würde.

     Anschließend würde sie noch einige Besorgungen in Livadi machen und die dortige Töpferei besichtigen. Perseus hatte ihr vor zwei Tagen gesagt, dass er sie dem Manager der hiesigen Textilfabrik vorstellen würde, sobald die Arbeiten im Garten abgeschlossen wären. Sam sehnte schon den Tag herbei, an dem ihre Entwürfe in die Produktion gehen würden. Dann würde sie viel Zeit in der Fabrik verbringen. Je weniger sie ihn sah, desto besser für sie.

     Sam machte sich für den Ausflug fertig. Sie zog weiße Shorts und ein grünes Top an, band das Haar im Nacken zusammen und setzte eine Sonnenbrille auf. Schließlich nahm sie noch den Strohhut, den Perseus ihr gekauft hatte.

     Bevor sie losfuhr, sagte sie Ariadne Bescheid, wohin sie wollte – für den Fall, dass Perseus anrufen und nach ihr fragen würde.

     Der Ausflug begann gut. Sam fand problemlos nach Hora und war von dem malerischen Ort mit den weißen Häusern begeistert. Das Mittagessen in einem Café nahe des Schlosses war hervorragend. Zufrieden fuhr sie anschließend weiter nach Galani und bewunderte dort die Kunstschätze des Klosters.

     Aber ohne Perseus machte ihr das alles keine richtige Freude. Ein Tag ohne ihn war – wie sie fand – nicht viel mehr als ein Durchhaltetest. Als sie nach Livadi kam, klopfte ihr Herz schneller bei dem Gedanken, dass sie Perseus in wenigen Stunden wieder sehen würde.

     Rasch besorgte sie einige Kosmetikartikel und eilte zum Auto zurück. Als Perseus’ Frau war sie jetzt eine prominente Person, aber sie hasste es, wenn sie Aufsehen erregte oder fotografiert wurde.

     Ein blonder, mittelgroßer Mann Ende Fünfzig, der für sein Alter ziemlich fit aussah, war ihr auf Schritt und Tritt gefolgt, seit sie in die Drogerie gegangen war.

     Wütend begann Sam zu laufen, um ihn abzuschütteln, aber bevor sie das Auto erreichte, verlor sie den Strohhut. Als sie ihn aufhob, hörte sie den Unbekannten rufen: „Samantha Telford? Das sind Sie doch, oder?“

     Er war Amerikaner. Und er hatte sie bei ihrem Mädchennamen genannt. Wenn er Reporter war, konnte er sich alle nötigen Informationen über sie beschaffen, ohne sie zu interviewen.

     „Kenne ich Sie?“ fragte sie scharf.

     „Nein.“

     Die einsilbige Antwort überraschte sie. „Ich habe Ihnen nichts zu sagen.“

     Sam lief weiter zum Auto und schloss die Tür auf. Der Fremde holte sie dort ein.

     „Aber ich möchte etwas sagen. Tatsächlich habe ich so viel auf dem Herzen, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Ich bin Jules Gregory. Dein Vater. Das glaube ich jedenfalls.“

     Sie blieb wie gelähmt stehen. Dass sie ihm ausgerechnet hier auf Serafinos begegnete, konnte kein Zufall sein. Er lebte doch auf Sizilien. Was machte er dann hier?

     Bisher hatte er, so viel sie wusste, nie versucht, sie oder ihre Mutter zu finden. Warum dann ausgerechnet jetzt?

     Irgendjemand musste ihm gesagt haben, dass sie hier war. Und dass sie seine uneheliche Tochter war. Aber wer würde das tun? Niemand wusste von ihrer Verwandtschaft mit Jules Gregory. Außer Perseus.

     Ihr Herz klopfte so rasch, dass ihr fast schwindlig wurde. Bestimmt hatte er sich nicht mit ihrem Vater in Verbindung gesetzt, weil er doch wusste, dass sie mit dem nichts zu tun haben wollte. Oder hatte Perseus sich trotzdem in ihre Angelegenheiten, die ihn gar nichts angingen, eingemischt?

     Wenn er das getan hatte – und es gab keine andere Erklärung für die Anwesenheit ihres Vaters –, dann konnte sich Sam denken, was ihn dazu veranlasst hatte: Perseus hatte zwanzig Jahre lang nach Sofia gesucht, und er hatte angenommen, sie, Sam, würde ihren Vater suchen.

     Aber er hatte es hinter ihrem Rücken getan, ohne ihre Einwilligung. Das war Verrat. Und unverzeihlich.

     Natürlich besaß nur Perseus genügend Geld und Einfluss, um ihren Vater zu veranlassen, alles liegen- und stehen zu lassen und hierher zu kommen, um sich nach vierundzwanzig Jahren gnädigst zu seiner Vaterschaft zu bekennen. Ihre Mutter hatte dieses Wunder ja nicht zu Stande gebracht.

     Je länger Sam darüber nachdachte, desto überzeugter war sie, dass ihr Vater Geld erhalten hatte, um dieses scheinbar zufällige Treffen zu arrangieren. Was hatte Perseus Jules Gregory wohl dafür angeboten?

     Eigene Galerien in allen Hauptstädten Europas? Eine riesige Summe auf einem Bankkonto als Notgroschen? Selbst ein anerkannter Porträtmaler musste mit gelegentlichen finanziellen Engpässen rechnen.

     Anscheinend hatte Perseus es geschafft, was jeder andere für unmöglich gehalten hätte. Aber damit hatte er ihr die letzten Illusionen geraubt. Und nun hatte sie das Gefühl, ihre ganze Welt wäre in Scherben gegangen.

     „Es tut mir leid, aber meine Mutter hat mir beigebracht, nicht mit fremden Männern zu sprechen“, sagte Sam kühl zu ihrem Vater.

     Rasch setzte sie sich hinters Steuer und fuhr aus der Parklücke. Ihr Vater stand mit finsterer Miene da, versuchte aber wenigstens nicht, sie irgendwie aufzuhalten, als sie losbrauste. Ein Pluspunkt für ihn, dachte sie bitter.

     Auf der Fahrt zur Villa achtete sie nicht auf ihre Umgebung. Seltsamerweise fühlte Sam sich plötzlich ganz ruhig. Sie hatte sich mit der Frage herumgequält, wie sie die kommenden elf Monate überstehen sollte, wenn sie mit Perseus in einem Haus, aber nicht wirklich mit ihm zusammenlebte und ihm ihre Liebe nicht zeigen durfte. Nun war diese Quälerei vorbei.

     Perseus hatte ihr Vertrauen verletzt. Nun brauchte sie sich auch an keine Abmachungen mehr zu halten. Da sie die wichtigsten Punkte des Vertrages bereits erfüllt hatte, empfand sie nicht einmal Gewissensbisse.

     Sie würde Griechenland verlassen. Dazu brauchte sie ihren Pass, und sie vermutete, dass Perseus ihn im Bürosafe in Athen aufbewahrte. Sie würde abends dorthin fliegen und Perseus auf den Kopf zusagen, was sie von seiner Einmischung hielt, und ihren Pass zurückverlangen. Falls er sich weigerte, ihn herauszurücken, würde sie ihm damit drohen, Sofia zu erzählen, dass seine Ehe nur eine Farce sei.

     Falls die Drohung nichts nutzte, würde sie ihn informieren, dass sie Sofia einen Brief geschrieben habe, den Yanni bis spätestens zehn Uhr abends abliefern solle.

     Ja, mein Plan ist absolut narrensicher, sagte Sam sich.