PROLOG

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Exklusivmeldung:

Verschollene königliche Familie entdeckt!
Leben Sie Tür an Tür mit einem Prinzen? Gut möglich!

Dank der zweifelsfreien Identifizierung durch eine Global-Intruder-Fotojournalistin ist uns der Coup des Jahres gelungen. Das abgesetzte Königshaus der Medinas hat sich nicht, wie man bisher vermutet hatte, in einer Hochsicherheitsfestung in Argentinien verschanzt. Die drei Medina-Erben – samt ihren Milliarden – leben seit Jahrzehnten mitten unter uns hier in Amerika, natürlich unter falschem Namen.

     Wie wir hörten, ist der Jüngste der Familie, sexy Antonio, leider schon in festen Händen. Die Glückliche, Shannon Crawford, ist Kellnerin in Texas. Jetzt sollte sie lieber auf ihren Prinzen, einen erfolgreichen Reeder, aufpassen!

     Doch keine Angst, meine Damen. Zwei der Medinas sind noch zu haben. Aus gut informierter Quelle erfuhren wir, dass Duarte in seinem exklusiven Resort in Martha's Vineyard lebt, während sein Bruder Carlos – ein Chirurg – seine Zelte in Tacoma aufgeschlagen hat. Ob er wohl auch Hausbesuche macht?

     Einzig der Aufenthaltsort des Vaters, König Enrique Medina, bleibt weiterhin ein Geheimnis. Er war der ehemalige Herrscher von San Rinaldo, einem Inselstaat in der Nähe der spanischen Küste. Aber unsere besten Reporter sind ihm bereits auf der Spur.

 

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1. KAPITEL

Galveston Bay, Texas

"Der König besiegt die Dame." Zufrieden verkündete Antonio Medina seinen Sieg und sammelte die Chips ein, nachdem er mit einer einfachen hohen Karte beim Poker gewonnen hatte.

     Ohne den Anruf auf seinem iPhone zu beachten, stapelte er seinen Gewinn. Er hatte nicht allzu oft Zeit für eine Partie Poker, seit seine Reederei weltweit agierte. Aber seit Kurzen kam er häufiger ins Hinterzimmer des Restaurants, das sein Freund Vernon betrieb. Genau genommen, seit Shannon hier arbeitete. Instinktiv schweifte sein Blick zu den schmalen Fenstern rechts und links neben der Tür, die in das Restaurant führte.

     Von Shannon war jedoch leider nichts zu sehen. Trotz seines Gewinns war Antonio enttäuscht.

     Wieder klingelte ein Handy, und Sekunden später schon das nächste. Doch auch die anderen Mitspieler, zwei von Vernon Wolfes alten Freunden, drückten die Anrufe weg. Vernon und seine Pokerfreunde waren alle ungefähr vierzig Jahre älter als Antonio. Aber der alte Shrimpskutter-Kapitän, der jetzt dieses Restaurant betrieb, hatte Antonio, als dieser noch ein Teenager gewesen war, sozusagen gerettet. Daher war Antonio zur Stelle, wenn Vernon ihn zum Poker rief. Und die Tatsache, dass Shannon hier arbeitete, verlieh dem Ganzen einen zusätzlichen Reiz.

     Vernon lehnte sich in seinem Ledersessel zurück, ohne auf das Handy an seinem Gürtel zu achten, das mit einem alten Seemannslied einen Anruf anzeigte. "Ganz schön mutig, mit nur einem König so hoch zu pokern, Tony", meinte er. "Ich dachte, Glenn hat mit seiner Dame und dem Buben einen Royal Flush."

     "Das Bluffen habe ich bei Profis gelernt." Antonio – oder Tony Castillo, wie er hier genannt wurde – lächelte.

     Ein Lächeln war entwaffnender als ein Stirnrunzeln. Antonio lächelte immer, damit niemand erriet, was er dachte. Allerdings hatte ihm nicht einmal sein bestes Lächeln etwas genützt, um Shannon nach ihrem Streit am letzten Wochenende dazu zu bringen, ihm zu verzeihen.

     "Dein Freund Glenn kann nicht so gut bluffen", meinte er und stapelte seine Chips.

     Glenn – süchtig nach Koffein – kippte seinen Kaffee schneller hinunter, wenn er bluffte. Zum Glück hatte das außer Tony noch niemand mitbekommen. Er nahm Tonys Seitenhieb sportlich und zuckte nur mit den Schultern.

     Vernon drehte den Herzkönig um und schob die ausgespielten Karten zusammen, bis sein Handy Ruhe gab. "Wenn du weiter so oft gewinnst, darf ich dich bald nicht mehr zum Mitspielen einladen."

     Tony lachte mit den anderen, wusste aber genau, dass er sich nicht von hier vertreiben lassen würde. Dies hier war jetzt seine Welt. Er hatte sich ein Leben aufgebaut und wollte nichts mehr mit dem Namen Medina zu tun haben. Inzwischen war er Tony Castillo geworden. Sein Vater hatte das respektiert. Bis vor Kurzem.

     Seit sechs Monaten hatte der entmachtete König, sein Dad, ihn immer wieder aufgefordert, auf die abgeschiedene Insel vor der Küste Floridas zu kommen. Tony hatte noch am Tag, als er endlich achtzehn geworden war, den goldenen Käfig verlassen und nie zurückgeschaut. Wenn sein Vater Enrique so krank war, wie er vorgab, dann würden sie ihre Probleme im Himmel lösen müssen … oder – eher wahrscheinlich – irgendwo, wo es noch heißer war als in Texas.

     Er mochte den ausgedehnten Sommer in Galveston Bay. Die Klimaanlage surrte noch immer auf Hochtouren in dem Restaurant, das im historischen Viertel direkt am Hafen lag.

     Die gedämpfte Musik eines Flamenco-Gitarristen drang zu ihnen herein, zusammen mit der typischen Geräuschkulisse eines gut besuchten Restaurants. Die Geschäfte liefen gut für Vernon. Dafür sorgte Tony. Vernon hatte Antonio einen Job gegeben, als niemand sonst dem Achtzehnjährigen mit dem lückenhaften Lebenslauf hatte trauen wollen. Vierzehn Jahre und viele Millionen Dollar später fand Tony es nur fair, dass ein Teil des Gewinns aus seiner Reederei in eine Altersversorgung für den Shrimpskutter-Kapitän flossen.

     Vernon reichte Glenn den Kartenstapel, damit der abheben konnte, und verteilte die Karten neu.

     Tony griff nach seinen Karten … und hielt inne, als er etwas von draußen hörte. Ein leises Lachen, das trotz des Klapperns des Geschirrs zu hören war. Ihr Lachen. Endlich. Ihm versetzte es einen Stich, nachdem er eine Woche lang ohne sie hatte auskommen müssen.

     Wieder ging sein Blick zu den Fenstern neben der Tür. Shannon tauchte auf, als sie eine Bestellung in den Computer eingab. Dabei kniff sie die Augen hinter ihrer Brille zusammen. Die Brillenfassung im Retrostil ließ sie wie eine strenge, aber sehr aufregende Schulleiterin aussehen, was seine Libido immer wieder aufs Neue in Aufregung versetzte.

     In dem gedämpften Licht schimmerte ihr hellblondes, locker hochgestecktes Haar. Die Frisur gehörte sozusagen zu ihrer Arbeitskleidung genau wie der knielange Rock und die eng sitzende Smokingweste. Wie immer sah sie unglaublich sexy aus – und erschöpft.

     Verdammt, er würde ihr, ohne zu zögern, helfen. Genau das hatte er am letzten Wochenende vorgeschlagen, nachdem sie sich auf seinem Anwesen am Bay Shore geliebt hatten. Shannons Reaktion auf sein Angebot war so heftig gewesen, dass sie seitdem weder mit ihm gesprochen noch auf seine Anrufe reagiert hatte.

     Diese Frau war nicht nur sexy, sondern auch stur. Es war doch nicht so, dass er sie wie eine Geliebte aushalten wollte, verflixt noch mal. Er hatte einfach nur versucht, ihr und ihrem dreijährigen Sohn zu helfen. Schließlich sagte sie immer, sie würde alles für Kolby tun.

     Und als er das erwähnt hatte, hatten ihre Blicke ihm verraten, dass sie ihm sein Angebot am liebsten sonst wohin geschoben hätte. Die meisten Frauen, die er kannte, hätten begeistert zugegriffen, hätten sie Geld oder teure Geschenke offeriert bekommen. Shannon nicht. Ihr schien sein Reichtum eher unangenehm zu sein. Zwei Monate hatte es gedauert, bis sie endlich seine Einladung angenommen und mit ihm einen Kaffee trinken gegangen war. Weitere zwei Monate waren vergangen, bevor er sie in sein Bett hatte locken können. Und auch nach fast vier Wochen unglaublich gutem Sex war er weit davon entfernt, sie zu verstehen.

     Okay, er hatte sich hier an der Galveston Bay ein Vermögen erarbeitet. Dabei war es reines Glück gewesen, das ihn anfangs hierher verschlagen hatte. Er war einfach nur auf der Suche nach einem Küstenstädtchen gewesen, das ihn an seine Heimat erinnerte.

     Und zwar seine wahre Heimat in der Nähe der spanischen Küste. Nicht die Inselfestung, die sein Vater unweit der Küste von Florida errichtet hatte. Die, die Tony an seinem achtzehnten Geburtstag verlassen hatte, um fortan seine Zukunft nicht länger als Antonio Medina, sondern als Tony Castillo selbst in die Hand zu nehmen. Den neuen Nachnamen hatte er sich von einem der vielen Zweige seines königlichen Stammbaumes entliehen. Damals hatte er sich geschworen, niemals zurückzukehren, und daran hatte er sich gehalten.

     Er mochte sich nicht einmal vorstellen, wie geschockt Shannon wäre, wenn sie vom gut gehüteten Geheimnis seiner königlichen Herkunft wüsste. Nicht dass er die Absicht hatte, dieses Geheimnis preiszugeben.

     Vernon klopfte auf die hölzerne abgenutzte Tischplatte. "Hey, Tony, dein Telefon klingelt schon wieder. Nimm ab, wir warten solange."

     Tony drückte erneut einen Anruf weg, ohne auch nur auf das Display geschaut zu haben. "Es geht bestimmt um den Salinas-Deal. Die können ruhig noch eine Stunde schmoren. Dann einigen wir uns auf den niedrigsten Preis."

     Er steckte das iPhone in die Tasche zurück und fing an, sich nach der Ruhe zu sehnen, die Shannon ihm am Ende eines hektischen Tages vermittelte. Vernons Telefon klingelte schon wieder – du meine Güte, was war denn heute los? –, diesmal erklang jedoch eine andere Melodie.

     Der ergraute Kapitän warf seine Karten auf den Tisch. "Das ist meine Frau. Da muss ich rangehen." Er sprang auf und marschierte in die hinterste Ecke des Raums, um ungestört reden zu können. "Ja, Liebling?"

     Da Vernon erst vor sieben Monaten seiner Liebsten das Jawort gegeben hatte, verhielt er sich wie ein zwanzigjähriger, frisch verheirateter Mann. Tony verscheuchte aufkommende Gedanken an die Ehe seiner Eltern, was ihm nicht allzu schwerfiel, da es wenig gab, woran er sich erinnerte. Seine Mutter war gestorben, als er fünf gewesen war.

     Vernon schnappte nach Luft, und Tony schaute auf. Sein alter Mentor war auf einmal kreidebleich geworden. Was, zum Teufel, war da los?

     "Tony, ich glaube, du solltest lieber mal deine verpassten Anrufe checken."

     "Ist irgendwas nicht in Ordnung?", fragte er und griff nach seinem iPhone.

     "Das wirst du uns sagen müssen", antwortete Vernon. "Genau genommen kannst du die Nachrichten auch überspringen und gleich direkt ins Internet gehen."

     "Wohin?" Er tippte sich durch das Menü.

     "Egal." Vernon setzte sich schwerfällig auf seinen Stuhl. "Die Schlagzeile ist überall. Du kannst sie gar nicht übersehen."

     Tonys iPhone stellte eine Verbindung mit dem Internet her, und die Schlagzeilen leuchteten auf …

 

Verschollene königliche Familie entdeckt!

Das Medina-Königshaus entlarvt!

 

Völlig entgeistert starrte Tony auf das, was er am wenigsten erwartet, was sein Vater jedoch immer am meisten gefürchtet hatte. Schlagzeile für Schlagzeile wurde die Tarnung der Familie aufgedeckt. Sein Blick fiel auf die letzte Zeile.

 

Treffen Sie die Geliebte des Prinzen!

 

Mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit verbreiteten sich Neuigkeiten im Netz … Voller Panik schoss se

in Blick wieder zu den Fenstern zum Restaurant, wo er vor Sekunden noch Shannon gesehen hatte.

     Da stand sie immer noch mit dem Rücken zu ihm. Ihm blieb nicht viel Zeit. Er musste sofort mit ihr sprechen.

     Während Vernons Freunde alle ihre Nachrichten überflogen, sprang Tony auf und stieß die Tür auf, ohne den Blick von der Frau zu lösen, die ihm völlig den Kopf verdreht hatte. Wenn sie seine nackte Haut berührte oder mit ihrem Haar über seinen Oberkörper strich, vergaß er alles andere. Eine böse Vorahnung überkam ihn. Seine Instinkte hatten ihn bisher gut durchs Leben geleitet – unter anderem durch millionenschwere Geschäftsentscheidungen.

     Außerdem hatte sein sechster Sinn ihm zusätzliche Kräfte verliehen, als er durch die Wälder gerannt war, um den Rebellen zu entkommen, die San Rinaldos Monarchie gestürzt hatten. Rebellen, die weder davor zurückgeschreckt waren, auf Kinder zu schießen, noch davor, seine Mutter zu ermorden.

     Bei der Tarnung der Medinas ging es nicht nur um die Wahrung von Privatsphäre. Es ging um Sicherheit. Die Familie hatte sich damals auf die abgelegene amerikanische Insel zurückgezogen und alles daran gesetzt, unerkannt zu bleiben. Und jetzt, verdammt, hatte er egoistischerweise Shannon ins Visier der Paparazzi gebracht, nur weil er sie in sein Bett gelockt hatte.

     Tony umschloss Shannons Schultern, drehte sie herum … und erstarrte.

     Ihre entsetzt blickenden Augen sagten alles. Und selbst wenn er noch Zweifel gehabt hätte: Das Handy in Shannons Hand verriet, dass sie die Wahrheit bereits kannte.

 

Shannon wollte es nicht glauben.

     Bei dem im Internet verbreiteten Gerücht, das die Babysitterin ihres Sohnes aufgeschnappt hatte, musste es sich um eine Falschmeldung handeln. Heutzutage konnte man innerhalb von Minuten aus der Luft gegriffene Geschichten im Netz verbreiten, oder? Da war es egal, ob etwas Wahres daran war. Tonys Berührung war so vertraut und erregend, dass er einfach kein Fremder sein konnte.

     Aber hatte sie nicht den gleichen Fehler bei ihrem verstorbenen Ehemann gemacht und ihm alles geglaubt, einfach weil sie gewollt hatte, dass es wahr war?

     Verdammt, Tony war nicht Nolan. Das alles ließ sich bestimmt erklären, und sie konnte ihre heiße Affäre mit ihm fortsetzen. Nur leider hatten sie sich heftig gestritten, weil er versucht hatte, ihr Geld zu geben – ein Angebot, das ihr einen Schauder über den Rücken gejagt hatte. Und wenn Tony nun tatsächlich ein Prinz war?

     Sie unterdrückte ein hysterisches Lachen. Er hatte ihr gesagt, dass er in Geld schwamm, und es könnte ja durchaus sein, dass er das wirklich wortwörtlich gemeint hatte.

     "Tief durchatmen", befahl er ihr.

     "Okay, okay, okay", murmelte sie bei jedem tiefen Atemzug, während sie ihre Brille hochschob, in der Hoffnung, dass die Sternchen vor ihren Augen dann verschwanden. "Alles in Ordnung."

     Jetzt, da sie wieder klarer sehen konnte, merkte sie, dass sie im Mittelpunkt des Interesses stand. Und wann hatte Tony angefangen, sie in Richtung Tür zu drängen? Ihr schwante Böses, als ihr klar wurde, dass die örtliche Presse in Kürze da sein würde.

     "Gut, ganz ruhig jetzt, ein und aus." Seine Stimme klang gar nicht so anders.

     Aber Tony sprach auch weder texanisch, noch hatte er einen Südstaatenakzent. Genau genommen sprach er nicht einmal typisch nordamerikanisch, so als hätte er daran gearbeitet, jeglichen Akzent auszumerzen. "Tony, bitte sag mir, dass wir über dieses Missverständnis gleich herzhaft lachen werden."

     Er antwortete nicht. Sein kantiges Kinn wirkte angespannt, als er kurz über die Schulter schaute und den Blick hastig schweifen ließ. Nichts erinnerte mehr an ihren sorgenfreien Liebhaber, obwohl die Erinnerung an die heißen Nächte mit ihm noch so lebhaft war. Sein Reichtum und seine Macht waren von Anfang an unverkennbar gewesen, allein schon durch seine Kleidung und seinen Lebensstil, vor allem aber aufgrund seiner stolzen Haltung. Jetzt sah sie sein aristokratisches Kinn und die Wangenknochen in einem ganz anderen Licht. Ein verdammt gut aussehender und charmanter Mann. Sie hatte sich von ihm umwerben und von seinem Lächeln verführen lassen.

     Es war schon schwierig genug gewesen, mit einem reichen Mann liiert zu sein, angesichts all des Ballasts, den ihr verstorbener Ehemann, ein korrupter Betrüger, hinterlassen hatte. Sie hatte sich von Nolans Glitzerwelt beeindrucken lassen und erst zu spät erfahren, dass er diese durch ein betrügerisches Schneeballsystem finanziert hatte.

     Wieder einmal nahmen ihr die Schuldgefühle den Atem, wenn sie an all die zerstörten Lebensträume derjenigen dachte, die Nolan ruiniert hatte. Wäre ihr Sohn nicht gewesen, hätte sie sich wahrscheinlich völlig in sich zurückgezogen und aufgegeben, nachdem Nolan sich das Leben genommen hatte. Aber für Kolby musste sie stark bleiben.

     "Antworte mir", fuhr sie Tony an und hoffte noch immer, er würde es leugnen.

     "Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt."

     Nicht sehr aufmunternd und, verflixt, warum hatte Tony noch immer so viel Macht über sie, dass er sie derart verletzen konnte? Wut verdrängte den Schmerz. "Wie lange braucht man, um zu sagen: Es ist nur ein verdammtes Gerücht?"

     Er legte ihr einen Arm um die Schultern. "Lass uns einen Ort finden, wo wir in Ruhe reden können."

     "Ich will es jetzt wissen." Sie entzog sich der Versuchung, die sein vertrauter Duft – würziges Patchouli und Sandelholz – darstellte. Ein Duft exotischer Vergnügungen.

     Tony – Antonio – Prinz Medina – wer auch immer er war – er beugte sich zu ihr. "Shannon, willst du wirklich hier, wo alle zuhören können, so etwas besprechen? Die Presse wird schon schnell genug über unsere kleine Stadt herfallen."

     Tränen brannten in Shannons Augen, und alles wirkte, trotz der Brille, auf einmal verschwommen. "Okay, dann suchen wir uns ein ruhiges Plätzchen."

     Er drängte sie in Richtung Küche, während die Gäste im Restaurant ihnen unverhohlene Blicke zuwarfen und miteinander flüsterten. Wusste es schon jeder? Handys klingelten und vibrierten auf den Tischen, als stünde Galveston ein Erdbeben bevor. Niemand sprach sie direkt an, doch Satzfetzen drangen gedämpft zu ihnen.

     "Ist Tony Castillo etwa …"

     "… Medina …"

     "… mit der Kellnerin …"

     Das Summen wurde lauter, so wie ein Heuschreckenschwarm, der über die texanische Landschaft herfiel. Über ihr Leben.

     "Hier können wir nirgends ungestört reden. Ich muss dich aus dem Restaurant schaffen." Tony drängte sie durch die Schwingtür, an den Küchenchefs vorbei, die ihnen stumm und fassungslos hinterherstarrten. Mit der Schulter öffnete er eine Seitentür, und Shannon blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

     Die Abendsonne verlieh seinem gebräunten Gesicht einen goldenen Schimmer und brachte die scharf geschnittenen Züge besonders gut zur Geltung. Shannon hatte immer schon das Gefühl gehabt, dass er irgendwie fremdländisch wirkte. Doch sie hatte die Geschichte über seine toten Eltern – Buchhalter, die aus Südamerika eingewandert waren – geglaubt. Ihre Eltern waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, noch bevor sie das College beendet hatte. Zumindest, so hatte sie immer angenommen, hatten Tony und sie eine ähnliche Kindheit gehabt.

     Und jetzt? Das Einzige, was sie sicher wusste, war, dass ihr Körper sie gewissermaßen verriet, denn sie sehnte sich danach, sich an Tony zu lehnen.

     "Ich muss Bescheid sagen, dass ich gehe. Ich kann mir nicht leisten, diesen Job zu verlieren." Abends wurden die meisten Trinkgelder gezahlt, und sie brauchte jeden Cent. Leider fehlten ihr Zeit und Geld, um ihre Lehramtszulassung neu zu beantragen – ganz davon abgesehen, dass wegen all der staatlichen Kürzungen kaum noch Musiklehrer gesucht wurden.

     Und hier gab es auch nicht allzu viele Leute, die privaten Oboeunterricht nehmen wollten.

     "Vernon ist ein Freund von mir, schon vergessen?"

     "Natürlich. Wie konnte ich das? Du hast Beziehungen." Erneut unterdrückte sie den Anflug hysterischen Gelächters.

     Würde sie überhaupt je wieder arbeiten können, wenn dieses Gerücht über die Medinas stimmte? Schon vorher war es schwierig genug gewesen, da man sie unweigerlich mit ihrem verstorbenen Mann in Verbindung brachte. Sicher, sie war von jeglichem Verdacht freigesprochen worden, doch es waren nicht wenige, die glaubten, sie müsste von Nolans illegalen Machenschaften gewusst haben.

     Nicht mal einen Prozess hatte es gegeben, in dem sie sich hätte rechtfertigen können. Ihr Mann war tot gewesen, wenige Stunden, nachdem er auf Kaution freigekommen war.

     Tony fluchte leise, aber wie ein Seemann, was er in ihrer und Kolbys Gegenwart normalerweise vermied. Sie schaute sich um, sah nichts … Doch dann hörte sie Schritte, eine Sekunde, bevor eine kleine Gruppe von Leuten mit Kameras und Mikrofonen in der Hand um die Ecke stürzte.

     Fluchend riss Tony die Beifahrertür seines Wagens auf und hob Shannon hinein.

     Sekunden später glitt er hinter das Lenkrad und schlug die Tür gerade noch rechtzeitig zu, bevor die ersten Reporter bei ihnen waren. Fäuste trommelten gegen die getönten Scheiben, als das Türschloss sich automatisch verriegelte. Erleichtert sankt Shannon in den Ledersitz.

     Der robuste Geländewagen wackelte unter dem Angriff des Mobs. Shannons Puls beschleunigte sich erneut. Wenn das hier das Leben der Reichen und Berühmten war, wollte sie damit nichts zu tun haben.

     Tony fuhr langsam los. Die Leute machten widerstrebend Platz. Mindestens ein Reporter fiel auf seinen Allerwertesten, blieb aber wohl unverletzt.

     Das passierte also, wenn man sich mit Tony anlegte. Merk dir das, ermahnte sie sich.

     Tony steuerte den Wagen durch den historischen Stadtteil, nur wenig schneller als erlaubt, aber schnell genug, um Distanz zwischen ihnen und der Meute zu schaffen. Dabei wirkte er völlig ruhig, seine Hände lagen entspannt auf dem Lenkrad. Obwohl die Vorstellung, von Paparazzi verfolgt zu werden, sie bis ins Mark erschütterte, fühlte Shannon sich hier bei Tony im Wagen sicher.

     So sicher, dass sie die Angst vergaß und stattdessen wieder unglaubliche Wut über Tonys Verrat empfand. Sein Angebot, ihr Geld zu geben, hatte sie schon wütend gemacht, aber das war nichts im Vergleich zu dem Zorn, der sich jetzt in ihr zusammenbraute. "Wir sind allein. Rede endlich mit mir."

     "Es ist kompliziert." Er blickte in den Rückspiegel. Der normale Abendverkehr drängte sich durch die enge Straße. "Was möchtest du wissen?"

     Sie zwang sich, die Worte zu sagen, die einen dauerhaften Keil zwischen sie und den Mann treiben würden, den sie trotz aller Bedenken in ihr Leben gelassen hatte.

     "Gehörst du zu dieser königlichen Familie, von der alle Welt geglaubt hat, sie hätte sich in Argentinien versteckt?"

     Das leise Surren des Cadillacs war das Einzige, was die Stille durchbrach. Tonys Knöchel traten weiß hervor, als er jetzt das Lenkrad fester umklammerte, und ein Muskel zuckte. "Die Gerüchte im Internet entsprechen der Wahrheit."

     Und sie hatte geglaubt, niemand könne ihr mehr das Herz brechen.

     Mit seinem Vorschlag, sie finanziell zu unterstützen, hatte Tony ihren Stolz verletzt, doch darüber wäre sie hinweggekommen. Natürlich hätte sie weiterhin darauf bestanden, den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber dies hier? Das war zu überwältigend – unfassbar. Sie hatte mit einem Prinzen geschlafen und sogar daran gedacht, ihn in ihr Herz zu lassen. Sein Verrat verletzte sie tief.

     Wie hatte sie nur so blauäugig sein können, seinen Geschichten Glauben zu schenken, dass er als Jugendlicher auf einem Shrimpskutter gearbeitet hatte? Sie hatte angenommen, seine Tätowierung und das inzwischen wieder zugewachsene Loch in seinem Ohrläppchen, wären Teil einer normalen Vergangenheit, die sie genauso verführerisch gefunden hatte wie seine Zärtlichkeiten.

     "Dein Name ist nicht einmal Tony Castillo." O nein! Sie presste eine Hand auf den Mund, weil ihr auf einmal ganz schlecht wurde, als sie erkannte, dass sie mit einem Mann geschlafen hatte, dessen Namen sie nicht einmal gekannt hatte.

     "Technisch gesehen, könnte er es aber sein."

     Shannon schlug mit der Faust gegen den Ledersitz, statt Tony zu schlagen. "Das interessiert mich nicht. Genauso wenig wie mich Leute interessieren, die mich anlügen. Stimmt dein Alter wenigstens?"

     "Aus Rücksicht auf andere Familienmitglieder durfte ich bestimmte Details nicht preisgeben. Aber wenn es dir ein Trost ist, ja, ich bin wirklich zweiunddreißig. Und, bist du denn neunundzwanzig?"

     "Mir ist nicht nach Scherzen zumute." Zitternd strich sie über ihren Ringfinger, wo einst ein großer Diamant gefunkelt hatte. Nach Nolans Beerdigung hatte sie den Ring abgenommen und ihn zusammen mit all dem anderen Zeug verkauft, um den Schuldenberg abzutragen. "Ich hätte wissen müssen, dass du zu gut bist, um wahr zu sein."

     "Warum sagst du das?"

     "Wer hat mit zweiunddreißig schon Millionen verdient?"

     "Ich", antwortete er. "Von meinem Erbe habe ich keinen Cent angerührt."

     "Oh, entschuldige, falls ich unhöflich war, aber ich bin leicht gereizt."

     Seine Armmuskeln spannten sich unter dem italienischen Maßanzug an. Ohne Kleidung sah Tony mit seinem gebräunten und durchtrainierten Körper allerdings noch fantastischer aus. Und das Lachen, das er in ihr Leben gebracht hatte, war genau das gewesen, was sie am meisten gebraucht hatte.

     Wie still alles ohne ihn in der letzten Woche gewesen war. "Tut mir leid, wenn ich deine Gefühle verletzt habe, Tony. Oder sollte ich sagen, Eure Majestät? Da ich ja, einigen dieser Meldungen zufolge, 'die Geliebte seiner Majestät' bin."

     "Genau genommen hieße es 'Eure Hoheit'." Er lächelte, allerdings wirkte es ein wenig gequält. "Majestät ist für den König reserviert."

     Wie konnte er nur so flapsig sein? "Meinetwegen kannst du deinen Titel nehmen und ihn dir …"

     "Hab schon verstanden." Er fuhr über den Galveston-Inseldamm. "Wir brauchen Zeit, um uns zu beruhigen, damit wir dann überlegen können, wie wir am besten mit der Situation umgehen."

     "Du verstehst mich nicht. Hier gibt es nichts zu beruhigen. Du hast mich angelogen. Nachdem wir uns gelie…", sie verschluckte den Rest des Wortes, als Bilder vor ihrem geistigen Auge auftauchten, wie Tony auf ihr gelegen, sich mit ihr vereinigt und ihr die Sinne geraubt hatte. "… nachdem wir zusammen im Bett waren, hättest du es mir sagen müssen. Es sei denn, es hat dir nichts bedeutet. Ich vermute, wenn du es jeder Frau, mit der du geschlafen hast, erzählt hättest, wäre es wohl kein Geheimnis mehr."

     "Hör auf!", rief er und hob die Hand. Die glänzende Patek-Philippe-Uhr stand in krassem Gegensatz zu den vernarbten Händen, ein Andenken an seine Zeit auf See. "Das ist nicht wahr und steht auch nicht zur Debatte. Es war sicherer, dir nichts zu sagen."

     "Oh, es war nur zu meinem Besten." Sie schlang die Arme wie zum Schutz um sich.

     "Was weißt du über meine Familie?"

     Widerstrebend unterdrückte sie eine scharfe Erwiderung. Die Neugier gewann die Oberhand. "Nicht sehr viel. Nur, dass es da einen König in irgendeinem kleinen Land in der Nähe von Spanien gegeben hat. Ich glaube, bevor er durch einen Aufstand gestürzt wurde. Seine Familie hält sich versteckt, um dem Medienrummel zu entgehen."

     "Medienrummel? Schön wär's. Die Presse ist meine geringste Sorge. Es gibt Leute, die versucht haben, meine Familie zu töten, und denen es gelungen ist, meine Mutter zu ermorden. Bestimmte Menschen würden viel erreichen, was Geld und Macht angeht, wenn die Medinas ausgelöscht würden."

     Ihr tat es zutiefst leid, was er alles verloren hatte. Selbst jetzt hätte sie ihn am liebsten geküsst und dieses ganze verrückte Durcheinander vergessen. Noch einmal wollte sie diese wunderbare Verbundenheit spüren, die sie beim ersten Mal empfunden hatte, als sie sich auf seinem Anwesen so leidenschaftlich geliebt hatten.

     "Ob du es glaubst oder nicht, Shannon, aber außerhalb dieses kleinen Fleckchens in Texas gibt es ziemlich viele Bösewichte, von denen einige jetzt ihr Augenmerk auf mich, meine Familie und jeden, der uns nahesteht, richten. Auch wenn es dir nicht gefallen mag, aber ich werde dafür sorgen, dass du und Kolby in Sicherheit seid."

     Ihr Sohn schwebte in Gefahr? Ein kalter Schauer lief Shannon über den Rücken. Warum hatte sie nicht daran gedacht? Okay, sie hatte noch immer kaum begriffen, was es mit Tony … Antonio auf sich hatte. "Fahr schneller. Bring mich sofort nach Hause."

     "Ich habe bereits Bodyguards zu dir geschickt."

     Bodyguards?

     "Wann?" Sie war kaum in der Lage gewesen, nachzudenken, geschweige denn zu handeln. War sie eine Rabenmutter, weil sie die Folgen für Kolby nicht bedacht hatte? Und welcher Mann hatte Bodyguards auf Abruf zur Verfügung?

     "Ich habe meinen Leuten eine Nachricht geschickt, als wir durch die Küche geflüchtet sind."

     Natürlich hatte er Leute. Der Mann war nicht nur der millionenschwere Reeder, für den sie ihn gehalten hatte, sondern er kam aus einer altehrwürdigen, königlichen Familie, mit Privilegien, die sie sich nicht einmal ausmalen konnte.

     "Ich war so verwirrt, dass ich es nicht einmal mitbekommen habe", flüsterte Shannon und sank noch tiefer auf ihrem Sitz zusammen. Nicht einmal in ihrer Nachbarschaft war sie jetzt noch sicher.

     Sie konnte die Augen vor den Tatsachen nicht länger verschließen. "Du bist wirklich dieser Medina, der Spross einer gestürzten königlichen Familie."

     Er nickte mit unmissverständlicher majestätischer Würde. "Ich heiße Antonio Medina. Ich wurde in San Rinaldo als dritter Sohn von König Enrique und Königin Beatriz geboren."

     Das Rauschen in ihren Ohren nahm zu, als Panik von ihr Besitz ergriff. Wie hätte sie das vorhersehen können, als sie ihm vor fünf Monaten im Restaurant das erste Mal begegnet war? Als sie ihm das Essen im Hinterzimmer serviert hatte, wo er mit dem Restaurantbesitzer beim Poker gesessen hatte? "Das ist alles zu abgedreht." Und beängstigend.

     Dieses ganze unwirkliche Chaos machte sie so benommen, dass sie nicht einmal mehr den Schmerz spürte. Der würde später bestimmt wiederkommen. Sie musste sich konzentrieren. "So was hat es nur vor hundert Jahren gegeben oder in Filmen."

     "Oder in meinem Leben. Und jetzt auch in deinem."

     "O nein! Du und ich? Das ist Vergangenheit."

     Er hielt an einem Stoppschild und drehte sich zu ihr herum, um sie zum ersten Mal, seit er sie vorhin im Restaurant bei den Schultern gepackt hatte, direkt anzuschauen. Er bedachte sie mit einem feurigen Blick aus seinen dunklen Augen. "So einfach gibst du uns auf, nach allem, was zwischen uns war?"

     Ihr Herz schlug schneller angesichts des Blicks, der wie ein Streicheln wirkte, und sie daran erinnerte, wie sich Tonys Hände auf ihrem nackten Körper angefühlt hatten. Sie versuchte zu antworten, doch ihr Mund war wie ausgetrocknet.

     Langsam ließ er die Hand über ihren Arm gleiten, bis seine Finger auf ihren lagen. Es war eine einfache, nicht sonderlich erotische Geste, doch ihr Körper stand sofort in Flammen.

     Hier, mitten auf der Straße, mitten in einer völlig unmöglichen Situation, betrog ihr Körper sie genauso, wie Tony es getan hatte.

     Das war alles so falsch. Sie musste hart bleiben. "Ich habe schon letztes Wochenende mit dir Schluss gemacht."

     "Das war ein Streit, kein Schlussmachen." Seine Hand schloss sich um ihre, und Shannon spürte seine Wärme.

     "Das mag deine Sichtweise sein. Jetzt aber ist es ohnehin völlig unerheblich." Sie rutschte von ihm fort, bis sie mit dem Rücken gegen die Beifahrertür stieß. "Ich kann nicht mehr mit dir zusammen sein."

     "Das ist verdammt schade, denn wir werden ziemlich viel Zeit miteinander verbringen, sobald wir deinen Sohn abgeholt haben. Du kannst auf keinen Fall heute Nacht in deiner Wohnung bleiben."

     "Und auf keinen Fall komme ich mit zu dir."

     "Du kannst dich vor dem, was jetzt losgetreten wurde, nicht verstecken. Das, was heute passiert ist, sollte dir Beweis genug sein. Man wird dich und deinen Sohn finden. Mir tut es wirklich leid, dass ich es nicht vorhergesehen habe, aber es ist nun mal geschehen, und wir müssen damit leben."

     Die Angst um ihren Sohn ließ die Wut wieder aufkeimen. "Du hattest kein Recht", zischte sie ihn an, "so mit unserem Leben zu spielen."

     "Stimmt." Seine Zustimmung überraschte sie. "Aber ich bin der Einzige, der euch beide zumindest teilweise vor den Konsequenzen schützen kann."