2. KAPITEL

Ein Bodyguard stand vor der Eingangstür des Hauses, in dem sich Shannons Wohnung befand. Ein Bodyguard, du lieber Himmel, dachte sie. Ein stämmiger Kerl in einem schwarzen Anzug, der auch als Geheimagent hätte durchgehen können.

     Tonys Wagen war noch nicht einmal zum Stehen gekommen, da riss Shannon bereits die Tür auf und sprang heraus, weil sie schnell zu ihrem Sohn wollte. Sie wollte Schutz in ihrer kleinen Wohnung suchen, in der Hoffnung, ihr Leben könne irgendwie wieder in normale Bahnen gelenkt werden. Tony konnte es nicht ernst meinen, wenn er verlangte, dass sie die Sachen packte und mit ihm kam. Auf diese Weise versuchte er bestimmt nur, sich wieder mit ihr zu versöhnen.

     Andererseits, was sollte ein Prinz schon von ihr wollen?

     Zumindest waren weder Reporter noch irgendwelche anderen Leute auf dem Parkplatz zu sehen. Shannon hatte diese große Wohnanlage wegen der Anonymität ausgewählt. Die dreigeschossigen Häuser bildeten einen riesigen Komplex, und es war schwer, eine Wohnung von der anderen zu unterscheiden. Im Zentrum der Häuser befanden sich ein Pool sowie ein kleiner Spielplatz, der einzige Luxus, den sie sich erlaubt hatte. Auch wenn sie Kolby keinen großen Garten bieten konnte, bestand hier zumindest die Möglichkeit, dass er draußen spielen konnte.

     Und nun musste sie erneut nach einem sicheren Hafen für Kolby und sich Ausschau halten.

     "Hier", sagte sie und hielt Tony ihre Handtasche entgegen, nachdem sie die Schlüssel herausgeholt hatte, "halt mal, damit ich aufschließen kann."

     Zögernd streckte er den Arm aus. "Äh, ja, sicher", meinte er dann ein bisschen gereizt.

     "Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um auszuflippen, nur weil du eine Handtasche halten sollst." Sie fummelte an ihrem Schlüsselbund, um den richtigen Schlüssel zu finden.

     "Shannon, ich bin für dich da. Für dich und deine Handtasche."

     Sie warf ihm einen bösen Blick zu. "Mach dich nicht über mich lustig."

     "Ich dachte, dir gefällt mein Sinn für Humor?"

     Hatte sie das nicht auch mal gedacht? Wie sollte sie sich nur für immer von Tony – für sie würde er niemals Antonio sein – verabschieden? Ihre Schritte verlangsamten sich auf dem Weg zwischen den Hecken, die längst nicht so kunstvoll angelegt waren wie der Garten in ihrem alten Haus, das sie mit Nolan bewohnt hatte.

     Aber die Anlage war gepflegt und sicher.

     Dass Tony ihr Rückendeckung gab, verstärkte dieses Gefühl der Sicherheit, das wenigstens musste sie zugeben. Nachdem er eben doch tatsächlich von ihr verlangt hatte, sie solle packen, hatte er sich per Handy mit seinem Anwalt beraten. Aus dem, was sie von der Unterhaltung mitbekam, entnahm sie, dass sich die Neuigkeiten rasant schnell verbreiteten, ohne dass man bisher herausgefunden hatte, wie die Leute vom Global-Intruder der Familie auf die Spur gekommen waren. Tony blieb zwar ruhig, aber ihr sonst so unbekümmerter Liebhaber lächelte jetzt definitiv nicht.

     Tony wechselte ein paar Worte mit dem Bodyguard, während Shannon den Schlüssel mit zitternden Fingern ins Schloss steckte. Sie schloss auf und stieß mit der Babysitterin zusammen, die ihr die Tür hatte öffnen wollen. Die Studentin der Erziehungswissenschaften lebte nebenan, und auch wenn Courtney nur sieben Jahre jünger war, kam es Shannon so vor, als wäre es Ewigkeiten her, seit sie selbst eine Ausbildung zur Lehrerin an der Universität gemacht hatte.

     Shannon unterdrückte die aufkommende Panik. "Courtney, vielen Dank, dass du mich angerufen hast. Wo ist Kolby?"

     Die Babysitterin musterte sie neugierig – wer konnte es ihr verdenken? – und zeigte den schmalen Flur entlang zum Wohnzimmer. "Er schläft auf dem Sofa. Ich dachte, es wäre vielleicht besser, ihn bei mir zu behalten, falls irgendwelche Reporter draußen auftauchen." Sie warf sich ihren Rucksack über die Schulter. "Ich glaube nicht, dass sie sein Fenster ausfindig machen können, aber man kann ja nie wissen, oder?"

     "Danke, Courtney. Du hast es genau richtig gemacht." Shannon eilte den Flur entlang, um nach Kolby zu schauen.

     Ihr dreijähriger Sohn schlief auf dem Ledersofa, eins der wenigen Besitztümer, das sie nicht verkauft hatte, um die Schulden zu bezahlen. Kurz vor dem Verkauf ihres Hauses hatte Kolby nämlich mit einem Kuli ein Loch in die Armlehne gebohrt. Shannon hatte das Loch verklebt, dankbar, ein Möbelstück weniger kaufen zu müssen.

     Jeden Cent, den sie übrig hatte, musste sie für Notfälle beiseitelegen. Kolby zählte auf sie, ihr süßer kleiner Fratz in seinem Lieblingspyjama und der Kuscheldecke, die er bis zur Nase hochgezogen hatte.

     Erleichtert lehnte sich Shannon gegen den Türrahmen und drehte sich dann zu Courtney um. "Ich muss dich noch bezahlen."

     Sie nahm Tony die Handtasche ab und wühlte darin herum, bis ihr Portemonnaie herausfiel, und die Münzen über den gefliesten Boden rollten.

     Was würde ein Dreijähriger denken, wenn er das Gesicht seiner Mutter in einer Nachrichtensendung sah? Oder Tonys? Die beiden waren sich nur wenige Male kurz begegnet, aber Kolby wusste, dass er Moms Freund war. Die Gedanken wirbelten in ihrem Kopf herum, während sie mit zitternden Fingern die Münzen aufsammelte und wieder hochkam.

     Tony legte ihr die Hände auf die Schultern. "Ich kümmere mich darum. Geh du zu deinem Sohn."

     Abrupt fuhr sie herum. Ihre Nerven lagen blank, und die Erinnerung, dass Tony ihr am letzten Wochenende, kurz, nachdem sie sich geliebt hatten, Geld angeboten hatte, ließ sie aufbrausen. "Ich kann meinen Babysitter selbst bezahlen."

     Tony hob die Hände und machte einen Schritt rückwärts.

     "Ist ja gut, Shannon, ich setze mich zu Kolby."

     "Danke, dass du mich so schnell angerufen hast, Courtney." Sie zog einen zusätzlichen Zwanzig-Dollar-Schein aus dem Portemonnaie und bemühte sich, nicht zusammenzuzucken. Normalerweise halfen sie und eine andere alleinerziehende Mutter sich gegenseitig, was das Babysitten anging. Courtney war nur für Notfälle, die sie sich nicht häufig leisten konnte und wollte. "Ich weiß deine Hilfe zu schätzen."

     Kopfschüttelnd nahm Courtney das Geld, gab den Zwanziger aber zurück. "Sie müssen mir nichts extra bezahlen, Mrs Crawford. Ich habe nur meinen Job gemacht. Und ich rede auch nicht mit den Reportern. Ich bin nicht jemand, der Ihre Geschichte verkaufen würde oder so."

     "Ist schon okay." Shannon drückte ihr das Geld in die Hand. "Ich möchte aber, dass du es nimmst."

     Tony erschien im Türrahmen. "Der Bodyguard vor der Tür wird dich nach Hause bringen, nur um sicherzugehen, dass niemand dich belästigt."

     "Danke, Mr Castillo. Äh, ich meine …" Courtney stopfte das Geld in ihre Hosentasche und betrachtete ihn neugierig. "Mr Medina … Sir? Ich weiß nicht, wie ich Sie anreden soll."

     "Castillo ist in Ordnung."

     "Okay? Na, dann gute Nacht." Sie wurde rot und verschwand eilig.

     Shannon schloss ab und hängte die Sicherheitskette vor. Erschöpft lehnte sie sich gegen die Wohnungstür und starrte den Flur entlang, der noch kleiner erschien durch Tonys kräftigen Körper, der den Türrahmen ausfüllte.

     Kein Wunder, dass Courtney nervös geworden war. Er war nicht nur ein Prinz, er war ein Mann durch und durch und mit seinen schwarzen Locken noch dazu ein verdammt gut aussehender. Einer mit starken Händen, die trotzdem unglaublich zärtlich den Körper einer Frau streicheln konnten. Allein der Gedanke daran ließ Shannon die Knie weich werden. War es wirklich erst eine Woche her, seit sie sich in seiner riesigen Badewanne geliebt hatten? Dem Verlangen nach zu urteilen, das sie verspürte, hätte es auch schon Monate her sein können, so sehr verzehrte sie sich nach ihm. Da nützte es auch nichts, dass ihr Verstand ihr sagte, dass es falsch war.

Tony wollte sie.

     In seinen Armen.

     In seinem Bett.

     Und vor allem wollte er Shannon wieder in seinem Auto haben, damit sie von hier verschwinden konnten. Er würde sämtliche Register ziehen müssen, um sie davon zu überzeugen, mit ihm in sein Haus zu kommen. Selbst wenn die Presse seine Adresse ausfindig machen sollte, kämen sie nicht durchs Tor und an den Sicherheitskräften vorbei. Wie sollte er Shannon also überzeugen? Er blickte den Flur entlang zu ihr.

     Ihre Augen blitzten auf. Es knisterte zwischen ihnen, wie schon bei ihrer ersten Begegnung vor fünf Monaten. Vernon hatte ihn zum Pokern bestellt und erwähnt, dass er eine neue Kellnerin eingestellt hatte. Tony hatte das wenig interessiert – bis er Shannon gesehen hatte.

     Als Tony sich dann nach ihr erkundigte, hatte sein alter Freund nur gemeint, er wüsste nicht viel über Shannon, außer, dass ihr betrügerischer Ehemann lieber Selbstmord begangen hatte, als sich dem Gericht zu stellen. Shannon und ihr Junge waren allein und völlig mittellos zurückgeblieben.

     Tony musterte sie jetzt genauso eingehend wie beim ersten Mal, als sie ihm sein Essen gebracht hatte. Ihre blaugrauen Augen erinnerten ihn an den Himmel über dem Meer, kurz bevor ein Sturm losbrach.

     Sie stieß sich von der Tür ab und kaum auf ihn zu.

     "Ich bleibe bei deinem Sohn, während du packst", sagte er, weil er sie so schnell wie möglich in Sicherheit wissen wollte.

     Sie presste die Lippen aufeinander. "Wie kommst du auf die Idee, mich herumkommandieren zu können? Ich denke, über das Packen müssen wir erst einmal reden."

     "Was gibt es da zu reden?" Er akzeptierte, dass sie sich noch nicht wieder versöhnt hatten, aber die Probleme, die die Enthüllungen mit sich brachten, hatten erst einmal Vorrang. "Spätestens morgen früh wimmelt es hier von Reportern."

     "Ich gehe ins Hotel."

     Mit den zwanzig Dollar und zweiundfünfzig Cent, die sich in ihrem Portemonnaie befanden? Er hoffte, sie war nicht so dumm, eine Kreditkarte zu benutzen. Dann konnte sie auch gleich den nächsten Nachrichtensender anrufen, um ihren Aufenthaltsort preiszugeben.

     "Wir können darüber reden, wo du bleiben willst, nachdem du gepackt hast."

     "Du klingst wie eine Platte mit einem Sprung, Tony."

     "Und mich nennst du stur?"

     Sie standen sich gegenüber, ohne sich zu berühren, doch Tony atmete den frischen, blumigen Duft ein, den er mit Shannon verband. Es war ein Duft, der einerseits beruhigend, andererseits erregend wirkte, und ihn daran erinnerte, wie er sie nach einer Nacht mit atemberaubendem Sex in den Armen gehalten hatte. Shannon blieb nie bis morgens, aber für eine Stunde oder so kuschelte sie sich immer an ihn und schlummerte ein wenig. Meist lag er dann da, atmete ihren Duft ein und genoss ihre Nähe.

     Seine Nasenflügel bebten.

     Shannons Pupillen weiteten sich.

     Sie stolperte rückwärts und atmete tief durch. "Ich muss mich umziehen. Passt du solange auf Kolby auf?"

     Es war kein Geheimnis, dass Kolby bisher nicht sonderlich begeistert von ihm gewesen war. Nichts schien zu helfen, weder Eiscreme noch Zaubertricks. Tony vermutete, dass der Kleine vielleicht noch immer seinen Vater vermisste.

     Dieser Mistkerl hatte Shannon bankrott und tief verletzt zurückgelassen. "Natürlich, lass dir Zeit."

     "Danke. Ich ziehe mich nur schnell um. Danach müssen wir erst einmal reden, Tony … äh, Antonio."

     "Mir wäre es lieber, du würdest mich weiterhin Tony nennen." Ihm gefiel es, seinen Namen aus ihrem Mund zu hören.

     "Okay … Tony." Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging ins Schlafzimmer.

     Obwohl sie mit festen Schritten davonmarschierte, schwangen ihre Hüften in dem schmal geschnittenen Rock mit. Die Idee, diesen engen Rock über ihren niedlichen Po zu streifen, musste er jetzt wohl leider auf Eis legen, bis Shannon diese ganze Sache verarbeitet hatte.

     Wenn sie doch nur akzeptieren könnte, dass er sich fast schon genauso lange Tony Castillo nannte, wie er Antonio Medina gewesen war.

     Der Name Castillo war nicht einmal aus der Luft gegriffen. Es war gar nicht so schwierig gewesen, sich eine neue Identität zuzulegen, vor allem, nachdem er genügend gespart hatte, um seine erste Firma gründen zu können. Von da an waren alle Transaktionen über diese Firma gelaufen. Und er hatte in aller Öffentlichkeit leben können. Sein Plan war aufgegangen, bis es jemandem irgendwie gelungen war, ihn und seine Brüder als Medinas zu identifizieren. Dabei fiel ihm ein, dass er seine Brüder anrufen musste. Vielleicht wussten sie ja mehr.

     Sie brauchten einen Plan.

     Er holte sein iPhone aus der Tasche und ging hinüber in die Essecke, von wo aus er das Kind sehen konnte, ohne es zu wecken. Er drückte eine Schnellwahltaste … und Carlos' Mailbox sprang an. Tony unterbrach die Verbindung, ohne eine Nachricht zu hinterlassen und drückte die nächste Nummer.

     "Hallo, Brüderchen", meldete sich Duarte Medina.

     "Ich nehme an, du weißt Bescheid."

     "Die Schlagzeilen waren nicht zu übersehen."

     "Wo ist Carlos? Er geht nicht ran." Tony verfiel in die knappen Sätze, die sie schon in ihrer Jugend immer benutzt hatten. Damals hatten sie nur einander gehabt, doch die Umstände erforderten jetzt, dass sie sich voneinander fernhielten. Tony fragte sich, ob seine Brüder auch das Gefühl hatten, einen Teil von sich verloren zu haben?

     "Seine Sekretärin sagt, er sei zu einer Notfall-OP gerufen worden. Dafür braucht er noch ein paar Stunden. Offenbar hat Carlos es erfahren, als er sich für die Operation vorbereitete, aber du kennst ja unseren Bruder." Duarte, der mittlere der drei Brüder, war meist derjenige, der als Nachrichtenbote für ihren Vater auftrat. Die drei Brüder sprachen miteinander und trafen sich, wenn es sich einrichten ließ, aber es gab so viele unangenehme Erinnerungen an ihre Kindheit, dass die Abstände zwischen diesen Treffen immer größer wurden.

     "Wenn ein Patient Hilfe braucht …", meinte Tony.

     "Genau."

     Vermutlich würde es noch Stunden dauern, bevor sie von Carlos hörten, da er höchst komplizierte chirurgische Eingriffe bei Kindern vornahm. "Hast du eine Ahnung, wie das alles ans Licht gekommen ist?"

     Sein Bruder stieß einen Fluch aus. "Der Global-Intruder hat ein Foto von mir gemacht, als ich unsere Schwester besucht habe."

     Kurz, nachdem sie in die Staaten geflüchtet waren, hatte ihr Vater eine kurze Affäre gehabt, aus der Eloisa hervorgegangen war. Zwar war Enrique verzweifelt und voller Schuldgefühle über den Tod seiner Frau gewesen. Das hatte ihn jedoch nicht davon abgehalten, mit einer anderen Frau ins Bett zu gehen. Die hatte später einen anderen Mann geheiratet, der ihre Tochter wie seine aufgezogen hatte.

     Tony hatte seine Halbschwester nur einmal getroffen. Damals war er allerdings noch ein Teenager gewesen, und sie nicht älter als sieben. Jetzt hatte sie in eine angesehene Familie eingeheiratet, die nicht nur über politischen Einfluss, sondern auch über ein dickes Bankkonto verfügte. Konnte es sein, dass sie ihnen die Presse auf den Hals gehetzt hatte, um kostenlose PR für ihre neuen Verwandten herauszuschlagen? Duarte schien zu glauben, dass sie genau wie er und seine Brüder viel Wert auf ihre Anonymität legte. Aber vielleicht hatte er sie falsch eingeschätzt?

     "Warum hast du Eloisa besucht?"

     "Familienangelegenheiten. Das ist jetzt unwichtig. Ihre Verwandten waren da. Eloisas Schwägerin – die Frau des Senators – ist auf einem Stein ausgerutscht. Ich habe sie aufgefangen, sonst wäre sie ins Wasser gefallen. Irgendeine verdammte Reporterin, die mit einem Teleobjektiv in einem Baum gesessen hat, hat das mitbekommen. Was eigentlich nicht so schlimm gewesen wäre, denn Senator Landis und seine Frau standen auf dem Foto im Mittelpunkt. Ich weiß noch immer nicht, wie die Fotografin herausbekommen hat, wer ich bin, aber es ist nun mal passiert. Tut mir leid, dass ich auch dir damit die Meute auf den Hals gehetzt habe."

     Duarte hatte nichts falsch gemacht. Sie konnten schließlich nicht in einer Luftblase leben. Insgeheim hatte Tony immer gewusst, dass es nur eine Frage der Zeit war, wann ihre Tarnung auffliegen würde. Vierzehn Jahre lang war es ihm gelungen, anonym zu leben, seinen beiden älteren Brüdern sogar noch länger.

     "Von uns allen ist gelegentlich schon irgendwo ein Foto erschienen. Wir sind keine Vampire. Es ist nur verrückt, dass sie die Verbindung herstellen konnte. Dumm gelaufen."

     "Was hast du für Pläne?"

     "Mich in meinem Haus verschanzen und einen Schlachtplan erstellen. Sag Bescheid, wenn du von Carlos hörst."

     Er beendete das Telefonat und ging ins Wohnzimmer, um nach Kolby zu sehen – der Kleine schlief tief und fest. Tony setzte sich aufs Sofa und checkte seine Mails auf dem iPhone. Keine der Mails, die er kurz anklickte, enthielt Neuigkeiten, doch als er sich ins Internet einloggte, zuckte er zusammen. Die Gerüchteküche brodelte.

     Dass sein Vater vor Jahren an Malaria gestorben war – falsch.

     Vermutungen, dass Carlos sich einer Schönheitsoperation unterzogen hatte – auch falsch.

     Spekulationen, dass Duarte einem tibetischen Mönchsorden beigetreten war – definitiv falsch.

     Und dann waren da die Geschichten über ihn und Shannon, die der Wahrheit entsprachen. Die Storys über die "Geliebte des Monarchen" häuften sich. Tony verspürte heftige Schuldgefühle, weil Shannon all das seinetwegen ertragen musste. Das Interesse der Medien würde bestimmt noch wachsen, und es würde nicht lange dauern, bis sie all die unschönen Tatsachen über ihren unredlichen – toten – Ehemann ausgruben. Angewidert steckte er sein iPhone weg.

     "So schlimm?", fragte Shannon, die in der Tür stand.

     Sie hatte sich Jeans und ein schlichtes blaues Top angezogen. Ihr blondes Haar fiel ihr jetzt locker auf die Schultern und ließ sie nicht viel älter als die Babysitterin aussehen, wenn man einmal von den Augen absah, die sehr müde – aber wachsam – wirkten.

     Tony lehnte sich zurück und streckte die Beine aus. "Im Internet überschlagen sich die Gerüchte. Unsere Anwälte kümmern sich darum. Hoffentlich schaffen sie es bald, das undichte Loch zu stopfen, damit der Schaden nicht noch größer wird. Aber wir bekommen den Geist nicht wieder in die Flasche."

     "Ich gehe nicht mit dir weg." Sie stemmte die Hand in die Hüfte.

     "Das Interesse wird sich nicht legen." Er bemühte sich, ruhig und vernünftig zu klingen. Für sie alle stand einfach viel zu viel auf dem Spiel. "Die Reporter werden dich morgen früh überrennen, wenn nicht schon vorher. Deine Babysitterin wird unweigerlich irgendwann nachgeben und mit irgendeinem Klatschreporter reden. Deine Freunde werden Fotos von uns beiden verkaufen. Und die Gefahr besteht, dass die Leute Kolby benutzen, um an mich heranzukommen."

     "Dann sind wir beide, du und ich, fertig miteinander." Sie streckte die Hand nach ihrem schlafenden Sohn aus.

     Tony berührte sanft ihren Arm, um sie aufzuhalten. "Warte, bevor du ihn in sein Zimmer bringst." Wenn es nach ihm ginge, dann säßen sie in zehn Minuten in seinem Wagen. "Meinst du tatsächlich, dass uns irgendjemand glaubt, dass wir Schluss gemacht haben? Das Timing wäre einfach zu passend."

     Sie setzte sich auf die Sofalehne. "Wir haben letztes Wochenende Schluss gemacht."

     Von wegen. "Erzähl das der Presse und schau, ob sie dir glauben. Die Wahrheit ist diesen Leuten völlig egal. Darauf zu beharren, dass wir unsere Beziehung beendet haben, wird dir nichts nützen. Sie werden trotzdem hinter dir her sein."

     "Ich weiß, dass ich aus Galveston wegziehen muss." Sie schaute sich in ihrer spärlich möblierten Wohnung um, in der zwei Bilder von Kolby die einzigen persönlichen Dinge waren. "Damit habe ich mich schon abgefunden."

     "Sie finden dich."

     Shannon musterte ihn skeptisch. "Woher soll ich wissen, dass du das nicht nur als Ausrede benutzt, damit wir wieder zusammenkommen?"

     Tat er das? Vor einer Stunde hätte er noch alles daran gesetzt, um sie wieder in sein Bett zu locken. Die Anziehungskraft bestand auch jetzt immer noch, doch seit seine Tarnung aufgeflogen war, überschatteten die damit verbundenen Probleme alles andere. Er musste einen Weg finden, wie er Shannon und ihren Sohn am besten vor den Konsequenzen schützen konnte, die diese Verbindung zu den Medinas notgedrungen mit sich brachte. Eins war jedoch sicher, er würde sie nicht sich selbst überlassen.

     "Du hast am letzten Wochenende sehr deutlich gemacht, wie du zu unserer Beziehung stehst. Du willst weder mit mir noch mit meinem Geld etwas zu tun haben." Er rutschte nicht näher zu ihr, weil er sie nicht verschrecken wollte. Aber auch so war das Knistern zwischen ihnen zu spüren. "Wir hatten Sex. Verdammt guten Sex. Aber das ist vorbei. Keiner von uns hat mehr erwartet. Aber in dieser schwierigen Situation möchte ich euch nicht allein lassen."

     Sie schauten sich an, und außer dem ruhigen Atem des schlafenden Kindes war nichts zu hören. Auch und gerade wegen Kolby war es wichtig, dass ihnen die Situation nicht entglitt.

     Vorsichtig strich Tony mit der Hand über Shannons Wange und dachte daran, dass diese helle Haut vor einer Woche von seinen Bartstoppeln gerötet gewesen war. Shannon kam nicht näher, doch sie entzog sich ihm auch nicht.

     "Was soll ich tun?", fragte sie ihn.

     Mehr als alles andere wünschte er sich, er könnte sie in die Arme schließen und ihr sagen, alles würde gut werden. Aber er wollte auch keine leeren Versprechen abgeben, obwohl er alles daran setzen würde, sie zu schützen.

     Vor siebenundzwanzig Jahren, als sie San Rinaldo in einer mondlosen Nacht verlassen mussten, hatte sein Vater ihnen versichert, dass alles in Ordnung kommen und sie alle bald wieder zusammen sein würden.

     Leider hatte sein Vater sich schrecklich geirrt.

     Tony musste sich jetzt darauf konzentrieren, was er Shannon versichern konnte. "Innerhalb weniger Stunden ist eine Menge geschehen. Wir müssen Abstand gewinnen, und das können wir am besten bei mir zu Hause, wo es Sicherheitszäune, Alarmanlagen samt Überwachungskameras und Sicherheitskräften gibt"

     "Und danach?"

     "Wir lassen die Presse in dem Glauben, dass wir ein Paar sind und eine heiße Affäre haben." Er gönnte sich einen ausgiebigen Blick auf ihren herrlich schlanken und doch so fraulichen Körper. "Später arrangieren wir dann ein mehr oder weniger öffentliches Ende unserer Beziehung – und zwar zu unseren Bedingungen –, nachdem wir uns einen Plan ausgedacht haben."

     Sie holte tief Luft. "Das macht Sinn."

     "In der Zwischenzeit hat es für mich oberste Priorität, dich und Kolby in Sicherheit zu bringen." Er ging alle Alternativen durch, verwarf eine nach der anderen, bis nur noch eine Option übrig blieb.

     Shannons Hand lag auf dem Kopf ihres schlafenden Sohnes. "Und wie willst du das machen?"

     "Indem ich dich an den sichersten Ort bringe, den ich kenne." Einen Ort, an den er geschworen hatte, niemals wieder zurückzukehren. "Morgen fahren wir meinen Vater besuchen."