6. KAPITEL

"Heiraten?" Shannon sah so geschockt aus, dass Tony irgendwie beleidigt war. "Nein! Nein, definitiv nicht."

     So vehement und spontan, wie sie den Gedanken ablehnte, blieb kein Raum für Zweifel. Shannon erwartete keinen Heiratsantrag. Zum Glück, denn er hatte auch nicht daran gedacht. Bis eben.

     Würde er so weit gehen, um sie zu beschützen?

     Sie drehte sich schnell weg und eilte in den Wohnbereich zurück. "Tony … Antonio … Ich kann nicht mit dir reden, dich anschauen, oder riskieren, dich noch einmal zu küssen. Ich muss ins Bett. Allein."

     "Was willst du denn dann von mir?"

     "Ich will, dass dieser Wahnsinn ein Ende hat. Ich will nicht die ganze Zeit an dich denken müssen."

     Die ganze Zeit?

     Die Worte brannten sich in sein Gedächtnis ein, zumal Shannon sie offenbar versehentlich geäußert hatte. Nach ihrem Streit am letzten Wochenende hatte er nicht mit solch einem Geständnis gerechnet.

     Unruhig lief sie auf und ab. "Du hast gesagt, dass du genauso fühlst. Wer, zum Teufel, will schon ständig solchen Schmerz verspüren? Es ist verdammt lästig, vor allem, wenn es zu nichts führen kann. Und es ist ja nicht so, dass du auf eine Heirat aus bist."

     "Nein, als wir angefangen haben, miteinander auszugehen, habe ich daran nicht gedacht." Doch dort draußen auf dem Balkon war ihm der Gedanke auf einmal durch den Kopf geschossen. Sicher, anfangs hatte ihn die Idee in Panik versetzt. Allerdings nicht so sehr, dass er sie gleich wieder verworfen hätte. "Aber da du das Thema nun einmal aufgebracht hast …"

     Sie hob anklagend die Hände. "O nein, mein Lieber. Du warst derjenige, der dieses Wort zuerst ausgesprochen hat."

     "Okay, aber da es nun heraus ist, können wir es auch besprechen."

     Sie erstarrte. "Hier geht es nicht um eine geschäftliche Fusion. Wir reden hier von unserem Leben, und nicht nur unserem. Ich kann es mir nicht leisten, noch einmal einen Fehler zu begehen. Das Wohlergehen meines Sohnes hängt von meinen Entscheidungen ab."

     "Und ich bin eine schlechte Wahl, weil …?"

     "Spiel nicht mit meinen Gefühlen. Verdammt, Tony." Sie stieß ihm einen Finger gegen die Brust. "Du weißt, dass ich mich zu dir hingezogen fühle. Wenn du so weitermachst, dann schmelze ich wahrscheinlich dahin, und wir landen im Bett. Vermutlich wäre es schon im Flugzeug passiert, wenn der Steward und mein Sohn nicht in der Nähe gewesen wären. Aber danach hätte ich es bereut, und findest du wirklich, so sollte es zwischen uns sein?"

     Die Vorstellung, Shannon hoch über den Wolken zu lieben, versetzte ihn in Erregung, und er überlegte ernsthaft, ob er auf ihre Bedenken pfeifen sollte. Wäre es nicht am besten, sie ließen der Lust freien Lauf und schauten, wohin es führte?

     Shannons Bett war nur wenige Schritte entfernt und bot einen einladenden Ort, um darin zu versinken. Sein Blick blieb an der Wolldecke am Fußende der Matratze hängen.

     Verdammt. Wer hatte die dort hingelegt? Wollte sein Vater Erinnerungen wecken, um ihn zurück in den Schoß der Familie zu holen? Seine Mutter hatte die Decke für ihn gestrickt, kurz bevor sie getötet worden war, und Tony hatte sie wie ein Schild bei sich getragen, als sie von San Rinaldo geflüchtet waren. Er hätte Shannon nicht zu fragen brauchen, warum er ein schlechter Kandidat als Ehemann war. Er kannte den Grund nur allzu gut.

     Tony stolperte rückwärts, fort von den Erinnerungen und fort von dieser Frau, die mit ihren graublauen Augen viel zu viel sah.

     "Du hast recht, Shannon. Wir sind beide viel zu erschöpft, um Entscheidungen zu treffen. Schlaf gut", sagte er mit rauer Stimme, als er zur Tür hinauseilte.

 

Benommen stand Shannon in der Mitte des Zimmers und fragte sich, was, zum Teufel, gerade passiert war.

     Erst war sie doch tatsächlich fast wieder so weit gewesen, sich in Tonys Arme zu werfen und mit ihm ins Bett zu gehen, und im nächsten Moment hatten sie über Heirat gesprochen. Dabei wurde ihr immer noch ganz schlecht, wenn sie daran dachte, wie schrecklich ihre Ehe mit Nolan geendet hatte.

     Aber nur wenige Minuten, nachdem die Sache mit der Heirat aufgekommen war, hatte Tony sich emotional wieder von ihr zurückgezogen. Zumindest hatte er sie damit vor einem großen Fehler bewahrt. Es wäre doch ein Fehler gewesen, oder?

     Als sie jetzt das große – leere – Doppelbett anstarrte, war sie überhaupt nicht mehr müde.

     Die Absurdität des Ganzen ließ sie kurz auflachen, bevor sie die Kaschmirdecke, die auf ihrem Bett lag, anfühlte. So wunderbar weich und merkwürdig abgenutzt inmitten all dieses Prunks. Woher sie wohl stammte? Sie nahm die Decke vom Bett und wickelte sie sich um die Schultern, bevor sie wieder hinaus auf den Balkon ging und sich in einen Sessel setzte. Die leichte Brise kühlte ihr Gesicht, das noch immer warm war von Tonys Berührung.

     War es Einbildung oder hing sein Duft sogar in der Decke? Oder war er schon so in all ihre Sinne eingedrungen wie in ihre Gedanken? Wieso berührte Tony sie so viel mehr als Nolan es je getan hatte?

     Shannon zog die Decke noch enger um sich. Sie hatte nicht im Entferntesten ans Heiraten gedacht. Allein der Gedanke, sich noch einmal so vorbehaltlos einem Menschen auszuliefern, erschreckte sie zu Tode.

     Was sollte sie also tun? Eigentlich blieb nur eins: Sie musste sich überlegen, ob sie das blieb, als was man sie bezeichnete – die Geliebte eines Prinzen.

 

Tony hörte … Stille.

     Endlich hatte Shannon sich schlafen gelegt. Fast hätte er der Versuchung nachgegeben, wäre zu ihr gegangen und hätte dort weitergemacht, wo sie vorhin aufgehört hatten, bevor er die verdammte Decke gesehen hatte.

     Dieser Ort machte ihn ganz verrückt, so verrückt, dass er sogar das Thema Ehe angesprochen hatte. Ihm kam es vor wie ein Ritt auf dem Surfbrett, jede Erinnerung wie eine Welle, die ihn im nächsten Moment aus dem Gleichgewicht bringen konnte. Je schneller er die Angelegenheiten mit seinem Vater regelte, desto eher konnte er mit Shannon nach Galveston zurückkehren, auf vertrautes Terrain, wo seine Chancen, sich mit ihr zu versöhnen, sicherlich größer waren.

     Sich von ihrem Bett fernzuhalten war definitiv eine kluge Entscheidung. Er ging den Flur entlang, fort von ihr und dieser Decke, die so viele Erinnerungen barg. Jetzt hieß es, sich auf das anstehende Treffen mit seinem Vater zu konzentrieren.

     Tony nickte dem Sicherheitsposten vor Enriques Gemächern zu und betrat Räume, die mit ihren Brauntönen, dem Leder und Holz sehr maskulin wirkten.

     Enrique wartete, in einen schweren blauen Morgenmantel gekleidet, in seinem Rollstuhl. Sorgen und Krankheit hatten sein Gesicht gezeichnet.

     "Setz dich!", befahl sein Vater und deutete auf einen Sessel.

     Als Tony nicht sofort gehorchte, seufzte Enrique und murmelte etwas auf Spanisch vor sich hin. "Bitte, nimm Platz", fuhr er in seiner Muttersprache fort. "Wir müssen reden, mi hijo."

     Das mussten sie, und Tony musste auch zugeben, dass er neugierig – und besorgt – über den Gesundheitszustand seines Vaters war. Er war zwar der Aufforderung seines Vaters, eher nach Hause zu kommen, nicht gefolgt, doch jetzt konnte er die Blässe seines Vaters nicht länger ignorieren. "Wie krank bist du wirklich?" Tony blieb beim Spanisch, da er beide Sprachen fließend sprach. "Und bitte sag mir die Wahrheit."

     "Wärst du gleich, als ich dich darum gebeten habe, nach Hause gekommen, hättest du es schon früher erfahren."

     Sein Vater bat niemals um etwas. Der sture alte Mann wäre lieber allein gestorben, als zuzugeben, wie krank er wirklich war.

     Natürlich war Antonio genauso stur gewesen, als es darum gegangen war, die Forderungen, sich auf der Insel einzufinden, zu ignorieren. "Jetzt bin ich hier."

     "Du und deine Brüder, ihr habt für reichlich Aufregung gesorgt." Diese Aussage beinhaltete ein Ich habe es euch doch schon immer gesagt.

     "Hast du eine Ahnung, wo die undichte Stelle ist? Wie konnte diese Reporterin Duarte identifizieren?" Sein Bruder war nicht gerade ein Mann, der sich häufig auf der gesellschaftlichen Bühne zeigte.

     "Das weiß noch keiner, aber meine Leute untersuchen die Sache. Ich habe immer befürchtet, du würdest derjenige sein, der unsere Tarnung irgendwann aufdeckt", meinte sein Vater. "Du warst schon immer der Impulsivste von allen. Doch du hast dich stets vorbildlich und überlegt benommen, und die, die dir nahestehen, beschützt. Gut gemacht."

     "Ich brauche deine Anerkennung nicht mehr, aber ich danke dir für deine Hilfe."

     Enrique nickte. "Natürlich ist mir bewusst, dass du meine Hilfe nur akzeptiert hast, weil es hier auch um Shannon Crawford geht. Ich würde mich übrigens freuen, wenn einer meiner Söhne verheiratet wäre, bevor ich sterbe."

     Tonys Magen verkrampfte sich. "Steht es so schlimm um dich?" Einen Moment lang herrschte Schweigen, nur der rasselnde Atem seines Vaters wurde immer lauter. "Soll ich die Schwester rufen?"

     Oder seine Assistentin? Tony war sich nicht sicher, was Alys Reyes de la Cortez hier tat, aber sie unterschied sich definitiv sehr von dem älteren Personal, das Enrique sonst umgab.

     "Ich mag ja alt und krank sein, aber noch braucht man mich nicht wie ein Kind ins Bett zu stecken." Er hob das Kinn.

     "Ich bin nicht hier, um mich mit dir zu streiten."

     "Natürlich nicht. Du bist hier, weil du meine Hilfe brauchst."

     Das würde sein Vater ihn wohl auch nicht vergessen lassen. Sie waren nie besonders gut miteinander ausgekommen, und offenbar hatte sich nichts daran geändert.

     "Wenn das alles ist, dann gehe ich jetzt ins Bett." Er erhob sich.

     "Warte." Sein Vater strich über die goldene Taschenuhr. "Meine Hilfe hat einen Preis."

     Geschockt von dem berechnenden Tonfall, ließ Tony sich wieder in den Sessel fallen. "Das ist nicht dein Ernst."

     "Doch."

     Er hätte etwas Derartiges vermuten und entsprechend darauf vorbereitet sein sollen. "Was willst du?"

     "Ich möchte, dass du einen Monat lang hierbleibst."

     "Hier?" Tony versuchte, gelassen zu klingen, doch im selben Moment verspürte er ein beengendes Gefühl.

     "Ist es so schwer zu verstehen, dass ich gern sehen möchte, zu was für einer Art von Mann du dich entwickelt hast?"

     Angesichts der Tatsache, dass Enrique davon ausgegangen war, Tony würde derjenige sein, der die Tarnung auffliegen ließ, schien er keine allzu großen Erwartungen an seinen jüngsten Sohn gestellt zu haben. Und das ärgerte ihn. "Was ist, wenn ich nicht zustimme? Was tust du dann? Verfütterst du Shannon und ihren Sohn an die Löwen?"

     "Ihr Sohn kann bleiben. Ich würde niemals die Sicherheit eines Kindes in Gefahr bringen. Die Mutter müsste gehen."

     Das konnte er nicht ernst meinen. Tony musterte seinen Vater eingehend, um festzustellen, ob er bluffte … doch der alte Herr gab sich keine Blöße.

     "Sie würde niemals ohne ihren Sohn abreisen." Genauso wenig, wie unsere Mutter damals, dachte Tony schweren Herzens.

     "Das ist nicht mein Problem. Bist du wirklich so unwillig, einen Monat hier zu verbringen? Ich habe schließlich eine Menge riskiert, indem ich sie auf die Insel gelassen habe."

     Wohl wahr, jedenfalls musste es Enrique, mit seinem fast manischen Bedürfnis, sich von der Umwelt abzukapseln, so erscheinen.

     "Und? Gibt es noch weitere Bedingungen?"

     "Möchtest du einen Vertrag aufsetzen?"

     "Du? Wenn Shannon sich entscheidet, am Wochenende wieder wegzufahren, könnte ich einfach mit ihr gehen. Was kannst du schlimmstenfalls unternehmen? Mich aus deinem Testament streichen?" Er hatte nicht einen Cent vom Geld seines Vaters angetastet.

     "Du warst schon immer der amüsanteste meiner Söhne. Das habe ich vermisst."

     "Ich finde das nicht zum Lachen."

     Das Lächeln seines Vaters schwand. "Dein Wort genügt mir. Du willst zwar nichts mit mir und meiner kleinen Welt hier zu tun haben, aber du bist ein Medina und mein Sohn. Deine Ehre habe ich niemals infrage gestellt."

     "In Ordnung. Wenn du mein Wort akzeptierst, dann bleibe ich einen Monat." Jetzt, da die Entscheidung getroffen war, überlegte er, warum sein Vater gerade diese Zeitspanne gewählt hatte. "Und was sagen deine Ärzte?"

     "Meine Leber funktioniert nicht mehr richtig", erklärte Enrique ohne eine Spur von Selbstmitleid. "Als ich auf der Flucht war, habe ich mich mit Hepatitis infiziert. Die hat im Laufe der Jahre ihren Tribut gefordert."

     "Das wusste ich nicht. Tut mir leid."

     "Du warst ein Kind und musstest nicht über alles informiert werden."

     "Wie lange geben dir die Ärzte noch?"

     "Es wird nicht in den nächsten vier Wochen passieren."

     "Das meinte ich nicht."

     "Ich weiß." Sein Vater lächelte. "Auch ich habe Sinn für Humor."

     Wie war sein Vater eigentlich gewesen, bevor es ihn hierher verschlagen hatte? Bevor er gestürzt worden war? Tony würde es niemals erfahren.

     Während er die Erinnerungen an seine Mutter wie einen Schatz hütete, hatte er so gut wie keine an Enrique, die weiter als bis zu ihrem Eintreffen in Südamerika zurückreichten. Das Einzige, woran er sich noch erinnerte, war der Moment, als Enrique seine Familie zusammengerufen hatte, um den Evakuierungsplan mit ihnen zu besprechen. Er hatte Tony seine goldene Taschenuhr in die Hand gedrückt und ihm versprochen, dass er sie sich wieder holen würde. Aber selbst im Alter von fünf Jahren hatte Tony damals begriffen, dass sein Vater sich verabschiedete – vielleicht zum letzten Mal. Jetzt wollte Enrique wohl wirklich für immer Abschied nehmen.

     Was für eine verdammte Ironie des Schicksals. Er hatte Shannon hierhergebracht, weil sie seinen Schutz brauchte, während er jetzt nur daran denken konnte, wie sehr er sie brauchte.