7. KAPITEL

Wo war Tony?
    Nach dem Mittagessen am nächsten Tag stand Shannon allein auf der Terrasse und blickte hinaus aufs Meer, während Kolby seinen Mittagsschlaf hielt.
    Statt jedoch die wunderbare Aussicht zu genießen und sich zu überlegen, wie es weitergehen sollte, schaute sie ständig zu der Zwischentür, die zu Tonys Suite führ-te, und fragte sich, warum sie ihn heute noch nicht zu Gesicht bekommen hatte.
    Es war ein ziemlich hektischer und vor allem aufregender Vormittag gewesen, an dem sie zusammen mit Alys einen Teil des Hauses besichtigt hatte. Und auch, wenn sie vorhatte, Tony zu widerstehen, hatte sie doch seine Nähe vermisst, wäh-rend sie die vielen Zimmer mit ihren unbezahlbaren Kunstwerken und Antiquitäten erkundet hatten.
    Interessanterweise gab keiner der Angestellten des Königs die Lage der Insel preis, obwohl Shannon mit subtilen Fragen versucht hatte, Genaueres herauszu-finden. Für jeden, der auf Enriques Gehaltsliste stand, schien Diskretion oberste Priorität zu sein. Genauso wichtig war es ihnen, für ihr Wohl zu sorgen. Dazu ge-hörte auch eine Schrankladung neuer Kleidung für sie und Kolby. Nicht, dass sie der Versuchung schon nachgegeben und etwas anprobiert hätte.
    Das Klicken der Terrassentür riss Shannon aus ihren Gedanken. Sie brauchte sich nicht einmal umzusehen, um zu wissen, wer nach draußen gekommen war. Sie erkannte seinen Schritt und auch den Duft nach Sandelholz.
    "Hallo, Tony."
    "Tut mir leid, dass ich mich nicht schon früher um dich gekümmert habe. Mein Vater und ich haben den Morgen damit verbracht, zusammen mit meinen Brüdern und den Anwälten bei einer Telefonkonferenz nach Lösungen zu suchen."
    "Und, gibt es etwas Neues?"
    "Nein, wir hoffen, dass wir Schadensbegrenzung betreiben können, indem wir echte Informationen an die Presse durchsickern lassen." Er schüttelte den Kopf und zwang sich dann zu einem Lächeln. "Hast du Lust auf einen Spaziergang?", wech-selte er das Thema.
    "Aber Kolby könnte jeden Moment aufwachen und nach mir fragen …"
    "Eins der Kindermädchen kann bei ihm bleiben und uns rufen, sobald er die Au-gen öffnet. Komm schon. Ich erzähle dir die verrücktesten Geschichten über uns aus dem Internet." Seine Mundwinkel zuckten. "In einer der Quellen heißt es, die Medinas hätten eine Raumstation, und ich hätte dich zum Mutterschiff gebracht."
    Shannon musste lachen. Es war geradezu eine Erlösung nach all dem Stress der vergangenen Tage – der vergangenen Woche, um genau zu sein. "Geh vor, mein außerirdischer Geliebter."
    Sein Lächeln erreichte zum ersten Mal, seit sie mit der Fähre angekommen wa-ren, auch seine Augen. Die Kraft dieses Lächelns überstrahlte alles andere, sodass Shannon die opulente Ausstattung kaum wahrnahm, als sie durch das Anwesen hinunter zum Strand gingen.
    Die Oktobersonne stand noch hoch am Himmel und wärmte sie. Wieder einmal überlegte Shannon, wo sie sich befanden. Waren sie in Mexiko oder in Südameri-ka? Oder noch in den Vereinigten Staaten? Kalifornien oder …
    "Wir sind vor der Küste von Florida."
    Abrupt hob sie den Kopf und schluckte. Erst in diesem Moment wurde ihr be-wusst, wie sehr die Geheimniskrämerei ihr zu schaffen gemacht hatte. "Danke."
    Tony machte eine abwehrende Handbewegung. "Du hättest es sowieso in den nächsten Tagen herausgefunden."
    Vielleicht, aber angesichts der Verschwiegenheit des Personals, war sie sich nicht sicher. "Also, was gibt es noch für absurde Gerüchte im Internet?"
    "Willst du wirklich darüber reden?"
    "Nicht unbedingt." Sie schlüpfte aus ihren Flipflops und vergrub die Zehen im warmen Sand. "Danke für all die Sachen für mich und Kolby. Und auch für das Spielzeug. Wir werden das alles hier genießen, aber du weißt natürlich, dass wir es nicht behalten können."
    "Sei nicht so ein Spielverderber." Er tippte ihr auf die Nase. "Das Personal mei-nes Vaters hat alles bestellt. Ich hatte damit nichts zu tun. Wenn es dich glücklich macht, spenden wir es, wenn ihr abreist."
    "Wie hat er alles so schnell hierher bekommen?" Sie lief ins flache Wasser, und ließ die Flipflops an ihren Fingern baumeln.
    "Ist das wichtig?" Auch Tony zog Schuhe und Socken aus und kam zu ihr.
    Je mehr Tony wieder zu dem lockeren und vertrauten Mann wurde, den sie ken-nengelernt hatte, desto mehr konnte Shannon sich entspannen. "Nein, wohl nicht. Das Spielzeug ist schon beeindruckend, aber was Kolby am meisten genießt, sind die Hunde. Sie sind unglaublich gut erzogen."
    "Sind sie. Mein Vater wird dafür sorgen, dass die Trainer mit den Hunden daran arbeiten, eine Beziehung zu Kolby aufzubauen, damit sie ihn notfalls beschützen können, solange ihr hier seid."
    Sie zitterte ein wenig, trotz der wärmenden Sonnenstrahlen. "Kann ein Hund nicht einfach nur ein Haustier sein?"
    "Für uns ist das alles nicht so einfach." Er schaute zur Seite und beobachtete einen Fischadler, der seine Flügel ausbreitete.
    Wie oft hatte er als Kind die Vögel beobachtet und sich gewünscht, fortfliegen zu können? Sie verstand seinen Wunsch, einem goldenen Käfig zu entfliehen, nur zu gut. "Tut mir leid."
    "Muss es nicht." Offenbar wollte er ihr Mitgefühl nicht.
    Seine knappe Antwort verriet Stolz, und sie suchte fieberhaft nach einem weni-ger heiklen Gesprächsthema.
    Ihr Blick fiel auf die Wellen, die sich weiter draußen auf dem Meer bildeten. "Hast du hier gesurft?"
    "Nein, hier in der Bucht ist es zu geschützt. Der beste Platz ist ungefähr eine Mei-le entfernt. Oder zumindest war er es. Wer weiß, wie es nach so vielen Jahren jetzt aussieht?"
    "Du durftest hier auf der Insel frei herumtollen?" Sie trat auf eine kleine Sand-bank. Als Mutter konnte sie sich nicht vorstellen, ihr Kind diesen Strand allein er-kunden zu lassen.
    "Ja, jedenfalls als Teenager. Natürlich erst, nachdem ich mit dem Unterricht fertig war." Eine Schildkröte hob den Kopf über Wasser und kam ans Ufer geschwom-men. "Obwohl wir manchmal sogar hier draußen Unterricht hatten."
    "Das heißt, Surfen war dein Sportunterricht?"
    "Nein, das war Hobby. Im Sportunterricht ging es eher um Gesundheitserziehung und Kampfsportarten."
    Während der wenigen Jahre, die sie an der Highschool Musik unterrichtet hatte – bevor sie Nolan getroffen hatte –, waren einige ihrer Schüler zum Karate gegangen. Aber die hatten diesen Sport zusammen mit vielen anderen in einer Sporthalle aus-geübt, statt auf einer Insel nur zusammen mit zwei Brüdern. "Irgendwie ist es so unwirklich, sich vorzustellen, dass du nie auf einem Abschlussball warst, nie einen Aushilfsjob gehabt oder im Basketballteam mitgespielt hast."
    "Wir haben hier auch gespielt … Aber du hast recht, es gab kein Stadion mit Schulkameraden und Eltern. Keine Cheerleader." Er zwinkerte ihr zu und lächelte, doch sie spürte, dass er die Ungezwungenheit nur als eine Art Ablenkungsmanöver benutzte.
    Wie oft hatte er das in der Vergangenheit getan, und sie hatte nicht bemerkt, dass er damit seine wahren Gedanken und Gefühle verbarg?
    Shannon drückte seinen muskulösen Oberarm. "Bei deiner Größe wärst du ein guter Footballspieler gewesen."
    "Fußballer." Sein Bizeps spannte sich unter ihren Fingern an. "Ich komme schließlich aus Europa."
    "Ach ja." Es war unwahrscheinlich, dass sie seine Wurzeln je vergessen würde. Und sie wollte noch mehr erfahren über diesen energischen Mann, der daran ge-dacht hatte, einen motorisierten Mini-Jeep für ihren Sohn zu bestellen – und nicht einmal Anerkennung dafür wollte.
    Sie hakte sich bei Tony unter. "Also fühlst du dich immer noch als Europäer, ob-wohl du gerade mal fünf warst, als du nach Amerika gekommen bist?"
    Er hob die Augenbrauen. "Ich habe die Insel hier nie wirklich als die Vereinigten Staaten wahrgenommen, obwohl ich wusste, dass wir in der Nähe sind."
    "Das kann ich verstehen. Hier vermischen sich auf interessante Weise die ver-schiedensten Kulturen."
    "Wir haben beide eine Menge verloren. Ich frage mich, ob ich das irgendwie ge-spürt habe, und ob wir uns deshalb zueinander hingezogen gefühlt haben."
    Er schlang ihr einen Arm um die Schultern und zog sie näher, während sie wei-ter durch das flache Wasser spazierten. "Mach dir nichts vor. Es waren dein verfüh-rerischer Gang und dieser kurze enge Rock, die mich angemacht haben. Du hast so heiß ausgesehen. Und als du mir dann noch über die Schulter einen Blick zuge-worfen hast, mit dieser züchtigen Brille und deinen großen Augen …" Er pfiff aner-kennend. "… da war's um mich geschehen."
    Shannon versuchte, ein Lächeln zu unterdrücken, spürte aber, dass ihr ganz warm wurde. Zur Strafe stieß sie ihm den Ellbogen in die Seite. "Du Chauvi."
    "Hey, ich mag zwar blaublütig sein, aber ich bin auch nur ein Mann, und du bist so verdammt sexy." Er strich ihr über die Wange. "Im Moment bist du aber viel zu ernst. Die Probleme werden uns schnell genug wieder einholen. Wir sollten den Augenblick genießen."
    "Du hast recht." Wer wusste schon, wie viel Zeit ihr mit Tony noch blieb, bevor das Ganze völlig eskalierte? Sie wusste einfach nicht, was sie tun sollte, einerseits verzehrte sie sich nach Tony, andererseits hatte sie Angst vor den Konsequenzen. Egal, dachte sie und schob ihre Sorgen beiseite. "Also, lass uns dieses herrliche Meer genießen und einen Tag lang nur faulenzen." Sie lief ein Stück voraus, das Wasser spritzte auf, und Sekunden später hatte Tony sie eingeholt. Lachend hob er sie hoch und wirbelte sie herum. Und Shannon ließ ihn gewähren.
    Die Wärme seines Körpers und das stete Klopfen seines Herzens waren so ver-führerisch. Instinktiv verschränkte sie die Arme in seinem Nacken. "Wir werden bei-de ganz nass."
    Sein Blick fiel auf ihr dünnes Kleid, und Shannon spürte, wie sein Herz schnel-ler zu schlagen begann. "Hast du Spaß?"
    "Ja. Dafür sorgst du immer, ob es in der Oper ist oder bei einem Spaziergang am Strand."
    "Du verdienst es, mehr Spaß im Leben zu haben." Er presste sie mit einer Ver-trautheit an sich, der Shannon sich nicht entziehen konnte. "Ich würde dir dein Le-ben leichter machen. Das weißt du."
    "Und du weißt, wie ich darüber denke." Sie umschloss sein Gesicht mit beiden Händen. "Dies hier – deine Fürsorge, die Reise, die Sachen und Spielzeuge –, das alles ist schon viel zu viel. Mir ist es unangenehm, so in deiner Schuld zu stehen."
    Sie wollte, dass er das wusste, bevor sie überhaupt daran dachte, ihn erneut nä-her an sich heranzulassen.
    Langsam ließ Tony sie wieder zu Boden gleiten. Dass sich ihre Körper dabei möglichst viel berührten, war gewiss kein Zufall. "Wir sollten zurückgehen."
    Das Verlangen in seinen Augen war nicht zu übersehen. Und doch löste er sich von ihr.
    Shannons Lippen kribbelten, und ihre Brüste schmerzten fast vor Sehnsucht – und doch war es Tony, der sich abwandte, trotz all seiner Beschwörungen, wie sehr er sie begehrte. Dieser Mann brachte sie noch um den Verstand.

Fünf Tage später lag Shannon auf einer Liege auf der Terrasse im Erdgeschoss und sah ihrem Sohn zu, der in seinem Mini-Jeep über den Strand tuckerte. Zum ersten Mal seit Tagen war sie sich selbst überlassen. Noch nie war ihr auf so roman-tische Weise der Hof gemacht worden. Auf vielfältige Weise hatte Tony sie mit sei-nem Charme bezaubert.
    Könnte es sein, dass sie bald Abschied von der Insel nehmen musste?
    Die Sorgen schienen unendlich weit weg zu sein, während die Sonne ihre Haut wärmte und die Wellen im Hintergrund beruhigend an den Strand schlugen.
    Und dafür hatte sie Tony zu danken. Sie hätte nie gedacht, dass eine Insel so viele Unterhaltungsmöglichkeiten bieten könnte. Aber natürlich hatte Enrique Me-dina keine Kosten gescheut, als er sein Reich hier aufgebaut hatte.
    So gab es ein kleines Kino mit den neuesten Filmen, drei verschieden große Speise- sowie ein Fernsehzimmer, einen Fitnessraum und Swimmingpools drinnen und draußen.
    Sie hatte noch Kolbys entzückten Schrei im Ohr, als er den Stall mit den Pferden und Ponys entdeckt hatte.
    Während all dieser Erkundungen war Tony an ihrer Seite gewesen – im wahrsten Sinne des Wortes, denn immer wieder hatte sein muskulöser Körper auf erregende Weise den ihren gestreift. Der Blick aus seinen dunklen Augen hatte ihr gesagt, dass der nächste Schritt von ihr kommen musste. Allerdings hatten sie sel-ten Gelegenheit, allein zu sein. Auch heute herrschte überall rege Betriebsamkeit, und von Tony keine Spur.
    Hinter sich hörte sie, wie die Terrassentür aufgeschoben wurde. Tony? Ihr Puls beschleunigte sich, und erwartungsvoll drehte sie sich um.
    Doch es war Alys, die auf sie zukam. Shannon bemühte sich, ihr Lächeln auf-rechtzuerhalten. Es wäre unhöflich, vor Enttäuschung die Stirn zu runzeln, vor al-lem, da die Frau sehr zuvorkommend gewesen war.
    Zu schade, dass sie ihre Enttäuschung vor sich selbst nicht verbergen konnte. Sie musste sich eingestehen, dass Tony dabei war, sich wieder in ihr Leben zu schleichen.
    "Ah, gut, dass ich Sie gefunden habe. Antonio sucht Sie", sagte Alys und tippte etwas in ihren Blackberry ein. Die Frau sah immer wie aus dem Ei gepellt aus, keine Falte verunstaltete ihr Designerkostüm, und auch die Tatsache, dass sie den gan-zen Tag in High Heels herumlief, schien sie nicht im Mindesten zu stören. "Er kommt gleich her, sobald er die Besprechung mit seinem Vater beendet hat."
    "Ich sollte wohl besser Kolby holen." Shannon setzte sich auf. Wie albern, dass sie froh war, doch nachgegeben und etwas von den neuen Sachen angezogen zu haben. Irgendwann war es ihr undankbar vorgekommen, nicht wenigstens ein paar der neuen Teile zu tragen, wenn jemand sich schon die Mühe gemacht hatte, sie zu besorgen. Sie strich das Designerkleid glatt, dessen Stoff so herrlich weich war, dass er bei jeder Bewegung ihren Körper streichelte.
    "Lassen Sie den Jungen ruhig noch ein wenig länger seinen Spaß haben. An-tonio ist auf dem Weg." Alys setzte sich auf die Kante eines Stuhls, das Glas auf den Knien.
    "Wie ich hörte, waren Sie diejenige, die all die neuen Sachen für mich bestellt hat. Vielen Dank."
    Alys kümmerte sich hier um alles in diesem reibungslos funktionierenden Haus-halt. "Sie brauchen sich nicht zu bedanken. Das ist mein Job."
    "Sie haben einen ausgezeichneten Geschmack."
    "Ich habe im Internet ein Foto von Ihnen gesehen und Dinge ausgesucht, die Ihnen stehen müssten. Es macht Spaß, Geld von anderen für andere auszugeben."
    Und es war nicht wenig Geld gewesen. Der Kleiderschrank barg immer wieder neue Überraschungen, von lässigen Jeans, über Designerblusen bis zu Seiden-kleidern und eleganten Schuhen, die sie zum Abendessen anziehen konnte, war alles zu finden. Außerdem eine Reihe von Badeanzügen und Bikinis …
    Und dann die Unterwäsche. Ein wohliger Schauer lief Shannon über den Rü-cken, als sie an das Gefühl von Seide und Satin auf ihrer Haut dachte. Obwohl es ihr ein wenig unangenehm war, dass diese Frau all das für sie ausgesucht hatte.
    "Die Ausgaben, über die Sie sich Sorgen machen, bedeuten den Medinas nichts. Sie können es sich leisten. Jetzt passen Sie hierher, und dadurch hat der König eine Sorge weniger."
    Das wollte sie natürlich nicht, dass der König sich wegen ihrer abgetragenen Turnschuhe unwohl fühlte. Um nicht undankbar zu klingen, behielt sie diesen Ge-danken lieber für sich.
    "Darf ich Sie fragen, wie lange Sie schon für den König arbeiten?"
    "Erst seit drei Monaten."
    Wie lange sie wohl vorhatte zu bleiben? Die Insel war ein Paradies, doch eher als eine Art Feriendomizil. Sie war so sehr von der Welt abgeschnitten, dass die Zeit stillzustehen schien. Was für eine Art von Leben konnte sich eine Frau wie Alys hier aufbauen?
    Abrupt stand Alys auf. "Hier ist Antonio."
    Den Blick auf Shannon gerichtet, trat er selbstbewusst durch die Tür. "Danke, dass Sie sie gefunden haben, Alys."
    "Gern geschehen", erwiderte sie und ging höflich ein paar Schritte zur Seite.
    Tony fuhr sich mit der Hand durchs Haar und schenkte Shannon ein Lächeln. Doch seine Schultern verrieten die Anspannung, die sie immer bemerkte, wenn er eine Unterredung mit seinem Vater gehabt hatte.
    "Wie war deine Besprechung?"
    "Ich hab keine Lust, darüber zu reden." Tony nahm eine Lilie aus der Vase auf der Bar, knipste den Stiel ab und steckte Shannon die Blüte hinters Ohr. "Viel lieber würde ich die Aussicht genießen. Die Blume ist fast so atemberaubend wie du."
    Der schwere Duft der Blüte stieg Shannon in die Nase. "All diese frischen Blu-men sind absolut dekadent."
    "Ich wünschte, es wäre mein Verdienst, aber es gibt ein Gewächshaus mit einem fast unbegrenzten Vorrat."
    "Trotzdem", wiederholte sie und berührte die Lilie, "weiß ich die Geste zu schätzen."
    "Ich würde dich auf einem Bett von Rosen lieben", flüsterte er ihr ins Ohr, "wenn du mich ließest." Zärtlich streichelte er ihre Wange, bevor er mit der Hand über ihr Schlüsselbein glitt.
    Wie einfach es doch wäre, der köstlichen Versuchung nachzugeben, und sich auf seine Worte und seine Welt einzulassen. Nur, dass sie schon einmal in solch eine Falle getappt war.
    Und natürlich war da noch die nicht unerhebliche Tatsache, dass er derjenige gewesen war, der sich die ganze Woche zurückgehalten hatte. "Und was ist mit den Dornen?"
    Er lachte und ließ die Hand sinken. "Komm, meine pragmatische Geliebte. Wir haben etwas vor."
    Geliebte? Sie schluckte. "Was denn?"
    "Wir fahren zum Flugplatz."
    Ihr Magen verkrampfte sich. War diese wunderbare Zeit wirklich schon vorbei? "Wir reisen ab?"
    "Nein, ich fürchte, diese Freude kann ich dir nicht machen. Deine Wohnung wird immer noch von der Presse und anderen Gestalten belagert. Heute kommen Gäste an, und ich möchte, dass du sie mit mir zusammen begrüßt."
    Sie reisten noch nicht ab. Die Erleichterung darüber war so groß, dass Shannon stutzig wurde.
    Tony neigte den Kopf zur Seite. "Möchtest du mitkommen?"
    "Äh, ja, ich denke schon." Sie versuchte, ihre abschweifenden Gedanken zu ordnen. "Ich muss mich nur erst um Kolby kümmern."
    Alys räusperte sich. "Ich habe Miss Delgado bereits Bescheid gesagt. Sie lässt gerade ein kleines Picknick vorbereiten und bringt Sandspielzeug mit. Anschlie-ßend bleibt sie bei Kolby, wenn er ein Mittagsschläfchen braucht. Ist das für Sie in Ordnung?"
    Ihrem Sohn würde das auf jeden Fall besser gefallen, als eine langweilige Fahrt im Auto. Inzwischen war sie schon richtig verwöhnt, weil sie die Nachmittage frei-hatte, wenn ein Kindermädchen während seines Mittagsschlafes über ihn wachte. "Natürlich. Das hört sich perfekt an."
    Shannon lächelte Alys dankbar an. Doch die beachtete sie gar nicht. Die Assis-tentin des Königs hatte etwas ganz anderes im Auge.
    Tony.
    Geschockt zuckte Shannon zusammen. Eine bisher nie gekannte Eifersucht packte sie. Sie hatte gedacht, sie wäre über solche Gefühle erhaben, ganz davon abgesehen, dass Tony die Frau in keiner Weise ermuntert hatte.
    Trotzdem musste Shannon sich sehr beherrschen, um nicht ihren Arm durch seinen zu schieben, um zu demonstrieren, zu wem er gehörte. In diesem winzigen Moment hatte Alys enthüllt, was sie zu gewinnen hoffte, indem sie hier lebte.
    Alys wollte einen Prinzen.