1. KAPITEL

 Es war ein ganz gewöhnlicher Tag, an dem Hebe Carlton auf Malta den gut aussehenden Gentleman zum ersten Mal zu Gesicht bekam und sofort eine Abneigung gegen ihn fasste. Bis zu diesem besagten Mittwoch hatte ihr Leben hauptsächlich aus solch gewöhnlichen Tagen bestanden. Danach allerdings hatte es, wie sie sich später erinnerte, nur noch wenige Tage gegeben, die so normal gewesen waren. Sie hätte freimütig zugegeben, dass sie nicht deshalb ablehnend auf den Fremden reagiert hatte, weil sie gegen attraktive Männer oder den Anblick einer schmucken Militäruniform gefeit war. Sie neigte auch nicht dazu, vorschnelle Urteile zu fällen. Die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass die Menschen im Allgemeinen viel interessanter waren, als man auf den ersten Blick glaubte. Dieser Mann jedoch hatte etwas ihr Unerklärliches an sich, das sie in Unruhe versetzte. Hinter der Gardine stehend, beobachtete sie ihn aufmerksam, während er mit Commodore Sir Richard Latham entlang der schattigen Seite des Platzes auf ihr Haus zukam.

     Der Commodore, der zukünftige Gatte ihrer verwitweten Stiefmutter, hatte sich zum Lunch angekündigt, wie stets, wenn es seine Pflichten im Hauptquartier der beim Hafen stationierten Schwadron zuließen. Heute indes traf er etwas später als sonst ein. Er und sein Begleiter waren in ein Gespräch vertieft, unterbrachen es jedoch, ehe sie die Straße überquerten. Dadurch bekam Hebe die Gelegenheit, den Fremden genauer zu betrachten.

     Danach fand sie ihn noch unsympathischer, denn sein regelmäßig geschnittenes, sonnengebräuntes Gesicht zeigte einen strengen, überaus ernsten Ausdruck. Sie stellte sich vor, er sei einer von den enteigneten Johannitern, die erst vor einigen Jahren unter Napoleon von Malta vertrieben worden waren und noch immer mit den neuen englischen Oberherren über ihre Rückkehr verhandelten.

     "Hebe!" rief ihre Stiefmutter gerade ungeduldig aus dem Entree. "Kommt der Commodore nun oder nicht?"

     "Er ist auf dem Weg zu uns, Mama." Hebe lief zum Treppenpodest. "Er steht mit einem Armeeoffizier auf der anderen Seite des Platzes, und es hat den Anschein, dass er einen Gentleman mitbringt."

     Mrs. Carlton setzte eine nachdenkliche Miene auf. "Handelt es sich um einen jungen Mann?" erkundigte sie sich.

     "Hm, ich schätze ihn auf Ende zwanzig, vielleicht dreißig."

     Hebe war nicht überrascht, als die Stiefmutter daraufhin eine Schere vom Tisch neben der Eingangstür nahm und ihr, während sie ins Freie trat, über die Schulter zurief: "Ich schneide noch schnell ein paar Blumen für den Tisch."

     Hebe seufzte und kehrte zum Fenster zurück. Jeder neue Offizier einer Waffengattung erregte das Interesse der Stiefmutter und führte zu konzentrierten Anstrengungen, Hebe dazu anzuhalten, sich so zu benehmen, dass ihm sogleich auffiel, welch gute Partie sie war. Auch dieser Fremde, der aussah wie ein Mönch, würde bald Mrs. Carltons Machenschaften ausgesetzt sein. Es stand jedoch zu vermuten, dass er ihrer Stiefmutter gewachsen sein würde.

     Als Hebe ihren Platz hinter den Gardinen wieder eingenommen hatte, befanden der Commodore und sein Begleiter sich immer noch auf der anderen Straßenseite. Hebe hatte den Eindruck, dass sie über Geschäfte redeten, da der streng aussehende Gentleman ein ledernes Portefeuille bei sich hatte, das er jetzt dem älteren Offizier aushändigte. In diesem Moment erblickte Sir Richard Mrs. Carlton. Hebe konnte die Stiefmutter von ihrem Standort aus nicht sehen, war indes sicher, dass sie so tat, als schnitte sie Blüten, während sie sich vor dem Spalier mit Bougainvillea dekorativ in Szene setzte. Die beiden Herren zogen ihre Hüte und verneigten sich.

     Nunmehr barhäuptig, bot der schwarzhaarige Fremde Hebe einen besseren Blick auf sein ebenmäßig geschnittenes Gesicht mit den eindrucksvollen dunklen Augenbrauen und dem markanten Kinn. Ihre Überzeugung, dass er etwas Mönchisches habe, verfestigte sich, da seine Miene keinerlei Bewunderung ausdrückte, ganz im Gegensatz zu den meisten Männern, die ihre Stiefmutter zum ersten Mal trafen.

     Plötzlich sah er auf, als sei er sich bewusst geworden, dass er beobachtet wurde, und schaute in Hebes Richtung. Hebe zuckte zurück. Der Eindruck, einen Asketen vor sich zu haben, schwand im Nu. Jetzt kam der Gentleman ihr eher wie ein Raubvogel vor, der bereit war, sich auf seine Beute zu stürzen. Sein Blick hatte etwas Durchdringendes. Kein Wunder, dass er ihr von Anfang an Unbehagen erzeugt hatte.

     Sie redete sich ein, er könne sie nicht bemerkt haben, und strich rasch das Kleid glatt. Die Stiefmutter würde nicht erbaut sein, wenn Hebe zum Essen erschien und nicht adrett aussah. Mrs. Carlton hatte sich längst mit der Tatsache abgefunden, dass ihre Stieftochter keine Schönheit und nicht einmal hübsch zu nennen war und diesen Makel auch nicht dadurch auszugleichen trachtete, dass sie durch herausragende häusliche Fähigkeiten wenigstens einen älteren Herrn für sich einnahm, der nach einer tüchtigen, anpassungsfähigen Frau suchte. Dennoch bemühte Mrs. Carlton sich weiterhin, Hebe dazu anzuhalten, sich stets wie eine junge Dame zu präsentieren. Manchmal hatte sie damit Erfolg, aber im Moment verspürte Hebe nicht das geringste Bedürfnis, in irgendeiner Weise ungewöhnlich zu wirken und die Aufmerksamkeit des Fremden zu erregen.

     Kurz nachdem die beiden Gentlemen den Platz überquert und zusammen mit ihrer Stiefmutter das Haus betreten hatten, eilte Hebe die Treppe ins Entree hinunter und verlangsamte dort ihre Schritte, um das Gespräch im eleganten Empfangssalon belauschen zu können. "Wir sind immer darauf vorbereitet, Sir Richard bei unserem bescheidenen Mittagsmahl zu Gast zu haben. Sie machen nicht die mindesten Umstände, Major. Ich wäre entzückt, wenn Sie bleiben könnten."

     "In diesem Fall nehme ich Ihre freundliche Einladung gern an", erwiderte der Fremde mit tiefer, kühl wirkender Stimme.

     Hebe fand, das habe nicht gerade sehr begeistert geklungen. Der Ton war höflich, wenngleich unbeteiligt gewesen. Zweifellos hatte der Commodore bereits eine Andeutung gemacht, durch die sein Begleiter verstanden hatte, dass Mrs. Carlton die zukünftige Mrs. Latham war. Daher fühlte er sich vermutlich in Gegenwart der üppigen Blondine, der man die von ihr eingestandenen dreißig Jahre abnahm, sicher genug.

     "Da bist du ja, meine Liebe", rief Mrs. Carlton aus, als Hebe zögernd auf der Türschwelle stehen blieb. "Meine Stieftochter Hebe, Major", fügte sie hinzu. "Und das ist der ehrenwerte Major Alex Beresford, Hebe."

     Hebe begrüßte den Gast, und er verneigte sich.

     "Guten Tag, Miss Carlton." Seine Worte hatten wieder kühl geklungen, und sein Gesicht war ausdruckslos. Hebe war ihm jetzt so nah, dass sie das erstaunlich strahlende Blau seiner Augen bemerkte. Es war der Raubvogel, der sie in diesem Moment anschaute, nicht der Mönch.

     Seine Gleichgültigkeit und ihr plötzlich erwachtes Interesse an ihm verstimmten sie. Natürlich fühlte sie sich nicht zu ihm hingezogen, wenngleich ihr beim Klang seiner Stimme ein seltsamer Schauer über den Rücken gerieselt war. Nein, es lag einfach daran, dass die Armeeoffiziere ihres Bekanntenkreises im Allgemeinen freundliche und fröhliche Menschen waren.

     "Wollen wir ins Esszimmer gehen?" fragte Mrs. Carlton, ergriff Sir Richard am Arm und steuerte mit ihm zur Tür. Dadurch war Major Beresford genötigt, Hebe zu begleiten. Schweigend brachte er sie zu ihrem Stuhl, half ihr beim Platz nehmen und setzte sich neben sie. Nachdem die Vorspeisen serviert worden waren, verwickelte Mrs. Carlton Sir Richard in ein Gespräch, und Hebe wartete ein wenig belustigt darauf, ob der Major so höflich sein und sich mit ihr unterhalten würde.

     "Leben Sie schon lange auf Malta, Miss Carlton?" Unter den gegebenen Umständen war das eine ausgesprochen angemessene und vernünftige Frage. Die Stimme des Majors hatte nicht im Mindesten gelangweilt geklungen. Dennoch hatte Hebe den Eindruck, dass Beresford die Situation, in der er sich befand, sehr missfiel.

     Sie überlegte, warum er so zurückhaltend war. Sie hatte beschlossen, ihn eher als ein spannendes Rätsel denn als strengen, ziemlich einschüchternden Menschen zu betrachten, und das erleichterte es ihr, neben ihm zu sitzen. "Seit drei Jahren", antwortete sie. "Mein Vater war mit seiner Schwadron auf Malta stationiert. Meine Mutter starb vor zehn Jahren. Vier Jahre später hat mein Vater zum zweiten Mal geheiratet. Wann immer es möglich war, sind meine Stiefmutter und ich ihm von einer Marinebasis zur anderen gefolgt. Vor zwei Jahren raffte ihn das Fieber dahin. Wir sind jedoch hier geblieben."

     So, das war eine lange Antwort mit einer Menge von Daten gewesen. Jetzt musste der Major etwas sagen.

     "Tatsächlich?"

     "Möglicherweise kehren wir dann, wenn meine Stiefmutter Sir Richards Frau geworden ist, nach England zurück. Wir haben jedoch noch keine festen Pläne gemacht. Es hängt so viel davon ab, wohin die Schwadron verlegt wird." Schweigen. "Es wird bestimmt interessant sein, England nach so langer Zeit wiederzusehen."

     "Bestimmt."

     "Ist Ihr Regiment schon lange hier stationiert, Major? Ich habe nicht gewusst, dass neue Verbände hergekommen sind." Hebe konnte die Uniform nicht einordnen.

     "Sie sind an Truppenbewegungen interessiert, Miss Carlton?" Er hob leicht eine dunkle Augenbraue und verzog einen Mundwinkel. Wäre sein Blick belustigt gewesen, hätte Hebe das Zucken seiner Lippen für ein Lächeln gehalten.

     Er hielt sie also für eine dieser leichtsinnigen Frauen, die hinter jedem Mann in Uniform her waren. Sie biss sich auf die Unterlippe, um keine scharfe Antwort zu geben, und lächelte ihn strahlend an. Sie wünschte sich jedoch, die Courage zu besitzen, ihm zu sagen, er müsse keine Angst haben, da er der letzte Mann auf Malta sei, dessen Interesse sie erregen wolle.

     "Nein, nicht mehr als jemand, der eine einigermaßen gute Beobachtungsgabe hat, Sir. Wir Exilanten wissen, welche Kriegsschiffe eingelaufen, welche Regimenter gelandet, abgereist oder angekommen sind. Davon sind die aus der Heimat eintreffenden Nachrichten abhängig, die Post, die Leute, die man einlädt oder bei Veranstaltungen trifft."

     Hebes Lächeln schien den Major nicht zu beeindrucken. "Ein etwas eingeschränktes Gesellschaftsleben auf einer so kleinen Insel."

     Hebe war sich bewusst, dass ihre Stiefmutter sie aus dem Augenwinkel beobachtete. "Ich denke, dass es nicht eingeschränkter ist als das, was die Einwohner von Brighton oder Harrogate führen. Würden Sie mir freundlicherweise die Butter reichen, Major?"

     Er kam ihrer Bitte nach und schaute dabei unglücklicherweise auf, so dass er noch bemerkte, dass Mrs. Carlton ihrer Stieftochter anerkennend zunickte. Hebe zog in Betracht, plötzliche Kopfschmerzen vorzutäuschen und das Speisezimmer zu verlassen, doch die brennende Neugier bewog sie zum Bleiben, obwohl sie zunehmend misslauniger wurde. Ehe sie vom Tisch aufstand, würde sie von Beresford eine klare Antwort oder zumindest ein ehrliches Lächeln bekommen, und wenn es das Letzte sein sollte, was sie tat.

     "Werden Sie lange auf der Insel bleiben, Major?"

     "Das hängt davon ab." Wie gebannt betrachtete Hebe seine schlanken, um das Glas geschlossenen Finger. Sie hinterließen einen Abdruck auf dem von Kondenswasser beschlagenen Kelch, als er ihn abstellte.

     Sie rief sich zur Ordnung und fragte abrupt: "Wovon?"

     "Von meinen Befehlen", antwortete er frostig.

     "Aha! Natürlich werde ich Sie nicht weiter ausfragen, Major."

     "Nein?" Er wandte sich ihr halb zu und richtete den durchdringenden Blick auf sie. "Und worüber reden wir, Miss Carlton, wenn Sie entschlossen sind, mich nicht weiter auszufragen?"

     Befremdet hielt sie seinem harten Blick stand. Ärger drückte sich in ihren grauen Augen aus. Die Stimme dämpfend, damit das andere Paar sie nicht verstehen konnte, erwiderte sie: "Ich bin sicher, Major, Sie finden es unerträglich langweilig, dass man von Ihnen erwartet, mit einer jungen Dame Konversation zu machen. Ich schlage vor, Sie ziehen die Möglichkeit in Betracht, die fragliche junge Dame könne diese Aufgabe gleichermaßen ermüdend finden."

     Diese Bemerkung führte zumindest zu einer Reaktion. Hebe hielt den Blick weiterhin auf die Augen des Majors gerichtet, die jetzt einen anderen Ausdruck bekamen – den von Verärgerung, Zorn und, wie sie plötzlich, über ihr Benehmen beschämt, begriff, von Ermüdung. Nun, da sie ihn voll anschaute, bemerkte sie, dass er dunkle Schatten unter den Augen hatte. Sie begriff, dass seine ausgeprägte Kühle nur ein Schutz war, damit er sich auf den Beinen halten, konzentrieren und imstande sein konnte, an diesem ihm unerwünschten Mittagessen teilzunehmen, zu dem Sir Richard ihn genötigt hatte. Sie richtete den Blick auf Beresfords Teller und sah, dass er kaum etwas gegessen hatte.

     "Miss Carlton", begann er.

     "Oh je!" äußerte sie zittrig, aber laut genug, um die Aufmerksamkeit der Stiefmutter und des Commodore zu erregen. "Oh je! Mir ist auf einmal so schwindlig. Würden Sie mich bitte in den Garten begleiten, Major?"

     Rasch erhob der Major sich und ergriff sie am Arm. Sie stützte sich leicht auf ihn. "Nein, nein, Mama. Es ist alles in Ordnung, wenn es unseren Gast nicht stört", wandte sie sich an ihre besorgte Stiefmutter. "Ich will mich nur einen Moment in die frische Luft setzen."

     Mrs. Carlton warf einen kurzen Blick auf Hebes Gesicht, das tatsächlich etwas bleich war, und fand, die Möglichkeit sei so gut wie jede andere, um ihre Stieftochter und den attraktiven und zweifellos heiratsfähigen Mann zusammenzubringen. Im kleinen Hintergarten herrschte ein ständiges Kommen und Gehen von Dienstboten. Daher würde Hebe gut beaufsichtigt sein. "Wenn Sie nichts dagegen haben, Major, wäre ich Ihnen dankbar."

     Sobald man sich im Korridor befand, entzog Hebe Beresford ihren Arm und warf ihm einen langen Blick zu. "Es tut mir leid, aber ich denke, Sie sollten sich ausruhen. Der Garten ist dafür der kühlste Ort." Sie brachte ihn zu der offenen Tür am Ende des Ganges.

     "Ich soll mich ausruhen?" Stirnrunzelnd schaute der Major sie an. "Aber Sie haben gesagt, Ihnen sei …"

     "Schwindlig. Ja, ich weiß. Das war eine Notlüge. Ich nehme jedoch an, Sie wollen nicht, dass Sir Richard merkt, wie unwohl Sie sich fühlen. Maria, eine Kanne Limonade, bitte, und zwei Gläser", wandte Hebe sich an das gerade ins Haus kommende Dienstmädchen.

     Major Beresford duckte sich unter dem tief herabhängenden Klettergewächs, das den Ausgang zum Garten überwucherte, und ging mit ihr in den Schatten des kleinen, gepflasterten Hofs. Leise plätscherte Wasser aus dem an der Wand angebrachten Löwenbrunnen, und zwei mit Fransen verzierte weiße Hängematten hingen nebeneinander.

     "So, legen Sie sich hin", befahl Hebe streng und schüttelte die Kissen auf. "Wenn Sie ein Glas Limonade trinken und dann eine halbe Stunde schlafen, werden Sie sich beim Erwachen erholt fühlen."

     Der Major war offensichtlich nicht daran gewöhnt, von jungen Damen Befehle entgegenzunehmen. Diese neue Erfahrung schien jedoch eindrücklich zu sein, da sie zumindest zu Fügsamkeit führte. Er setzte sich auf die Hängematte, ließ die langen Beine herunterhängen und betrachtete Hebe. Sie sah ein ehrliches Lächeln um seine Mundwinkel erscheinen.

     "Ich denke, Sie sollten auch Ihren Rock ausziehen", fuhr sie fort. "Dann schlafen Sie besser."

     "Ich nehme an, dass Ihre Mama gleich erscheinen wird, um zu sehen, was hier vorgeht!" erwiderte der Major, ohne Anstalten zu machen, den Uniformrock aufzuknöpfen.

     "Oh nein", widersprach Hebe, schwang sich in die andere Hängematte und schaukelte hin und her. Dann schob sie hinter sich die Kissen zurecht und sah ihn an. "Nun machen Sie schon. Ziehen Sie den Rock aus. Mindestens eine halbe Stunde lang haben wir nichts zu befürchten. Mama wird es genießen, sich ohne mich mit Sir Richard unterhalten zu können. Es wird sie entzücken, dass wir hier miteinander flirten."

     "Tun wir das?" Den Blick auf Hebe gerichtet, begann der Major an den Knöpfen zu nesteln.

     "Natürlich nicht! Aber Sie sind erschöpft. Nach etwas Ruhe werden Sie imstande sein, Ihre Angelegenheiten mit dem Commodore viel effizienter zu erledigen. Geben Sie mir den Rock. Ich werde ihn auf den Hocker legen."

     Sie sah ihm zu, während er sich Limonade einschenkte und das Glas in einem Zug zur Hälfte leerte. In dem weißen Hemd wirkte er weniger wie ein Raubvogel und überhaupt nicht wie ein Mönch. Sie beobachtete, wie er austrank, und betrachtete seine breiten Schultern, als er sich danach auf die Kissen zurücklegte. Auch seine langen Beine fielen ihr auf, als er sie in die Hängematte schwang. Er beugte sich vor und stellte das Glas auf dem Gartentischchen ab. Dann trafen sich ihre Blicke.

     "Woran haben Sie erkannt, dass ich müde bin? Ich hätte nicht gedacht, dass man mir das anmerkt."

     "An Ihren Augen und den Schatten darunter. Außerdem haben Sie kaum etwas gegessen."

     "Und ich war sehr unhöflich zu Ihnen." Plötzlich machte er ein reumütiges Gesicht, und Hebe schmunzelte. "Wissen Sie, Miss Carlton, ich würde, so erschöpft, wie ich bin, lieber mit Ihnen flirten als schlafen."

     Sie bemerkte, dass ihm die Lider zufielen. "Ich flirte nie mit jemandem, Major."

     Er runzelte die Stirn. "Nie? Sie sind wirklich eine ungewöhnliche junge Dame, Miss Carlton."

     "Oh nein", widersprach sie. "Ich bin sehr normal." Seine Augen waren geschlossen. Er war eingeschlafen.