12. Kapitel

 

Das Hochzeitsfrühstück verlief zur vollen Zufriedenheit des Onkels. Danach kleidete Hebe sich um und war sich dabei sehr deutlich der abweisenden Haltung ihres Gatten bewusst. Fieberhaft wünschte sie sich, eine Möglichkeit zu finden, wie sie seine Zurückhaltung durchbrechen könne. Sie war ganz sicher, dass sie ihn, wenn sie es darauf anlegte, ungeachtet ihrer Unerfahrenheit verführen konnte. Aber was fiel ihr ein, sich vorzustellen, ihren Mann für sich zu interessieren, wenn er doch eine andere Frau liebte? Er mochte sie, Hebe, zwar begehren, aber sie wollte mehr. Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass er Clarissa nach einigen Monaten gewiss vergessen oder sich zumindest daran gewöhnt haben würde, dass er sie verloren hatte, und sich dann Hebe zuwandte.

     Schließlich begab man sich ins Freie zu den wartenden Kutschen. Die erste Chaise war für Hebe und Alex bestimmt, die zweite, mit Gepäck hoch beladene, für Mrs. Wilkins und Charity. Die Tante vergoss ein paar Tränen, Grace und Joanna küssten Hebe und Alex zum Abschied. Joanna ergriff die Gelegenheit beim Schopfe und gab sogar dem verdutzten Captain Gregory einen Kuss, den dieser interessiert erwiderte, so dass sie vor Verwirrung errötete. Das Gesicht Onkel Huberts verschwand hinter einem ungewöhnlich großen Taschentuch. "Habe etwas im Auge, meine Liebe", behauptete er wenig überzeugend. Und ehe Hebe richtig Luft holen konnte, war man unterwegs.

     Wachsam sah sie ihren Gatten an, der sie belustigt betrachtete. Das erleichterte sie, da sie befürchtet hatte, dass er sich, sobald sie mit ihm allein war, distanziert benehmen würde. "Nun, Circe, wie ist es, Countess zu sein?" fragte er.

     Er hatte sie also wieder Circe genannt. Hebe klammerte sich an diesen Umstand, wenngleich sie wusste, dass sie sich der trügerischen Hoffnung hingab, die Verwendung des Kosenamens könne mehr bedeuten als nur Zuneigung. "Seltsam", antwortete sie ehrlich. "Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ich in dem großen Haushalt zurechtkommen werde. Ich fürchte, Mrs. Fitton wird mich verachten. Starling wird sich mir gegenüber hochnäsig geben, und die anderen Domestiken werden denken, ihr Herr sei verrückt geworden."

     "Unsinn! Mrs. Fitton wird dich vergöttern, und Starling sieht immer hochnäsig aus. Daher weiß ich nicht, wie du ihm ansehen willst, was er über dich denkt."

     "Und die anderen Dienstboten?"

     "Nun, sie glauben ohnehin schon, ich sei von Sinnen, denn ich entspreche überhaupt nicht ihrer Vorstellung von einem Earl. Ich verlasse mich darauf, dass du meine Glaubwürdigkeit wiederherstellst."

     Falls die Gespräche während der Reise auf die Leitung des Haushaltes beschränkt blieben, würde die Fahrt weitaus weniger anstrengend verlaufen, als Hebe befürchtet hatte. "Aber wie?" wollte sie wissen. "Ich hatte nie mehr als drei Dienstmädchen gleichzeitig zu beaufsichtigen. Im Übrigen hatte Mama ohnehin das Heft in der Hand."

     "Schon ziemlich zu Beginn unserer Bekanntschaft ist mir der Gedanke gekommen, dass du zur Herrin eines großen Besitzes geboren bist. Ich erinnere mich sogar, wie schade ich es fand, dass mein Bruder William dich nicht kennen gelernt hat, denn du wärst genau die richtige Herrin für Tasborough Hall gewesen."

     Diese Bemerkung musste sie erst verarbeiten. Alex hatte sie also mit seinem Bruder verheiraten wollen? "Aber warum?"

     "Du interessierst dich für Menschen. Ich weiß, wie es sein wird. Innerhalb weniger Wochen wirst du jeden an der Livrée erkennen, und jeden Pächter sowieso. Du wirst über die Familien Bescheid wissen, ihre Krankheiten, Hoffnungen und Träume, ihre Schwächen und Fehler. Und alle Leute werden von dir bezaubert sein, abgesehen von den Gaunern, die sich zu Recht vor dir fürchten werden."

     "Sich vor mir fürchten?" Hebe lachte laut auf. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand Angst vor mir hat."

     "Nun, du versetzt mich in Angst und Schrecken", erwiderte Alex trocken.

     "Jedenfalls musst du mir alles über die Domestiken berichten", sagte sie entschlossen. "Dann werde ich einen guten Einstand bei ihnen haben. Und du musst mir alles über das Haus und den Besitz erzählen."

     "Ich weiß sehr wenig", äußerte Alex achselzuckend. "Ich bin nicht in Tasborough Hall aufgewachsen, denn mein Vater hat den Besitz von seinem Großvater und nicht von seinem Vater geerbt. Die beiden standen sich nicht sehr nah, und nicht zuletzt deshalb war ich selten zu Besuch. Ich selbst werde in kurzer Zeit viel lernen müssen. Daher werde ich deine Unterstützung schätzen."

     Hebe lächelte strahlend. "Natürlich werde ich alles in meinen Kräften Stehende tun."

     Ihre Begeisterung ließ Alex schmunzeln. "Du kannst tun, was du willst. Ich bin nur froh, dass du dich darauf freust, beschäftigt zu sein."

 

Das Rumpeln der Kutschenräder auf dem Kies weckte Hebe. Sie sah, dass man in diesem Moment durch das Parktor von Tasborough Hall fuhr. Vor dem Herrenhaus angekommen, half Alex ihr aus der Chaise, geleitete sie in die Eingangshalle und stellte ihr das dort versammelte Personal vor. Da Hebe sehr erschöpft war, zog sie sich anschließend in ihre Suite zurück, machte sich frisch und begab sich dann zum Abendessen ins Speisezimmer.

     Nach dem Dinner verweilte Alex noch bei einem Glas Portwein, während Hebe, vom Butler begleitet, den Salon aufsuchte. Es dauerte nicht lange, bis Alex sich zu ihr gesellte. Er ergriff eine Zeitung, ließ sie jedoch ungeöffnet auf dem Schoß liegen. "Was möchtest du morgen unternehmen, meine Liebe?"

     "Ich glaube, ich befasse mich mit den weiblichen Dienstboten", antwortete Hebe, "vorausgesetzt, du bist einverstanden."

     "Selbstverständlich. Ich hoffe, ich muss nicht nochmals betonen, Hebe, dass du alle Veränderungen, die dir angebracht erscheinen, vornehmen kannst. Es ist nicht notwendig, dass du dich mit mir absprichst."

     "Danke, Alex", erwiderte sie. "Wenn du nichts dagegen hast, würde ich mich jetzt gern zurückziehen. Ich bin sehr müde."

     Überrascht sah sie ihn aufstehen. Er begleitete sie bis zur Treppe. "Weißt du, wie du zu deinen Räumlichkeiten gelangst?"

     "Ja, Starling hat es mir erklärt. Gute Nacht." Hebe suchte ihr Ankleidezimmer auf, läutete ihrer Zofe und ließ sich von ihr für die Nacht herrichten. Schließlich schickte sie Charity fort, ging ins Schlafzimmer und fand, dies sei der erste Raum, den sie umgestalten würde. Eine Verbindungstür führte in ein anderes Zimmer, doch sie war verschlossen. Perplex starrte Hebe die Tür einen Moment lang an und vermutete, dass dahinter wahrscheinlich Alex' Ankleidezimmer oder sein Schlafgemach lag.

     Leise seufzend legte sie den Morgenmantel ab und ging schlafen. Bewusst brachte sie die unbenutzte Seite des Doppelbetts in Unordnung, so dass es morgens so aussehen musste, als hätte Alex dort die Nacht verbracht.

     Dann starrte sie lange leeren Blicks in die Dunkelheit, hörte ihren Gatten jedoch nicht an ihrer Schlafzimmertür vorbeigehen und seine Räume betreten. Und die Verbindungstür wurde auch nicht geöffnet.