13. Kapitel

 

In der ersten Woche, die Hebe auf Tasborough Hall verbrachte, nahmen die Tage einen angenehmen Verlauf. Sie frühstückte mit Alex, und manchmal leistete Mrs. Wilkins ihnen dabei Gesellschaft. Nach dem Frühstück verschwand Alex, um sich mit seinem Verwalter oder dem Wildhüter zu treffen. Hebe und Mrs. Wilkins erkundeten das Haus und sprachen mit Mrs. Fitton und Mrs. Dexter, der ausgezeichneten Köchin. Gelegentlich ritt man auch aus und machte Besuche bei Pächtern.

     Im Allgemeinen fand Alex sich zum Mittagessen ein. In der ersten Zeit blieben die Damen daheim, falls Besucher kommen sollten. Doch niemand machte die Aufwartung. Die meisten Mitglieder der örtlichen guten Gesellschaft hatten nach der in den Zeitungen bekannt gegebenen Hochzeit Glückwunschkarten geschickt. Man respektierte jedoch, dass der Earl in Trauer war, und unterließ es daher, ihn aufzusuchen. Und Einladungen wurden nicht verschickt.

     Hebe erfuhr, dass es wahrscheinlich drei Wochen dauern würde, bis man mit Gästen rechnen konnte. Sie war froh, so viel Zeit zu haben, da sie auf diese Weise eine Atempause hatte, um sich an ihre neue Rolle zu gewöhnen, ehe sie sich vor den zweifellos neugierigen und möglicherweise kritischen Nachbarn als perfekte Hausherrin bewähren musste. Nach dieser Mitteilung beschloss sie, die sonnigen Nachmittage sinnvoller zu nutzen, und suchte die Pächter auf, deren Namen der Verwalter ihr in einer Liste zusammengestellt hatte.

     Die Tage brachten angenehme Erfahrungen, viele Erkenntnisse und neue Bekanntschaften. Hebe war beschäftigt und kam sich nützlich vor. Sie genoss Mrs. Wilkins' Gesellschaft. Auf ihren Wunsch hin gesellte Mrs. Wilkins sich zum Dinner zu ihr und Alex. Mrs. Wilkins weigerte sich jedoch, öfter als an drei oder vier Abenden anwesend zu sein. "Sie müssen sich daran gewöhnen, meine Liebe, mit Seiner Lordschaft allein zu sein", sagte sie und tätschelte Hebe die Wange. "Sie fühlen sich bei ihm doch sicher, nicht wahr?"

     Hebe zog es vor, auf diese Frage zu schweigen. Sie lebte in der Angst, Mrs. Wilkins könne befinden, genug sei genug, und Alex einen Vortrag über seine ehelichen Pflichten halten. Bei dem Gedanken fühlte sie sich höchst unwohl. Daher tat sie ihr Bestes, um Mrs. Wilkins glauben zu machen, sie sei zufrieden.

     Abends sah die Sache jedoch anders aus. Hebe war ständig angespannt, ganz gleich, wie gelassen und charmant Alex sich benahm. Er nahm sich stets die Zeit, sich zu ihr zu setzen, damit sie mit ihm über den Tag sprach, und erzählte ihr, wie er die Zeit verbracht hatte. Er war voller Anerkennung über ihre Bemühungen, mit dem Personal und den Pächtern zurechtzukommen. Auf Grund der von ihr gemachten Beobachtungen hatte er bereits Mr. Glossop angewiesen, undichte Dächer reparieren und Löcher in Hecken schließen zu lassen.

     Trotz seines Lobs und seiner Rücksichtnahme war sie sich deutlich bewusst, dass er Distanz zu ihr hielt. Ihr fiel auch auf, dass seine Stimme, wenn man über zu persönliche Dinge redete, einen steifen Unterton bekam.

     Das konnte sie sich zunächst nicht erklären. Dann fragte sie sich, ob es vielleicht daran läge, dass ein gesunder, viriler junger Mann ein enthaltsames Leben führte. Sie konnte nicht glauben, dass Alex hier auf dem Land eine Geliebte hatte. Er war ganz gewiss nicht die Art von Grundbesitzer, der den Töchtern seiner Pächter nachstellte. Hebe wusste natürlich, dass er in der Hauptstadt genügend Möglichkeiten hatte, eine hingebungsvolle Frau zu finden. Soweit ihr bekannt war, hatte er dort bereits eine Mätresse.

     Sie überlegte, ob sie ihn ermutigen solle, nach London zu fahren, wusste jedoch nicht, wie das am besten anzustellen sei, ohne dass sie ihre Beweggründe verriet. Wenngleich sie ihn liebte, konnte sie sich nicht dazu überwinden, Pläne zu schmieden, wie sie ihn in die Hände einer willigen Kokotte treiben könne.

     Schließlich vertraute sie sich Mrs. Wilkins an, die zwar die Augenbrauen hochzog, als Hebe sich ernsthaft danach erkundigte, welche gesundheitsschädlichen Auswirkungen ein enthaltsames Leben bei einem jungen Mann haben könne, dann jedoch bereitwillig antwortete: "Nun, Priester und Mönche führen ein solches Leben. Jedenfalls sollten sie das tun. Sie haben jedoch einen guten Grund dafür. Ihr Keuschheitsgelübde und ihr Glaube helfen ihnen dabei. Gewöhnliche Männer werden jedoch gereizt und unleidlich. Es fällt ihnen schwer, auf die Freuden der körperlichen Liebe verzichten zu müssen. Wissen Sie, für Frauen ist es wichtig, für einen Mann zumindest Gefühle zu haben. Männer empfinden diese Notwendigkeit nicht. Sie können zwischen Liebe und Lust trennen."

     "Oh! Vielen Dank für diese Erklärung." Hebe dachte nach. Wenn das auch für Alex galt, vermochte er mit ihr intim zu sein, während er weiterhin Lady Clarissa liebte. So gefasst wie möglich erinnerte sie sich an das, was geschehen war. Im Delirium hatte er über Lady Clarissa geredet, sich körperlich jedoch so stark zu ihr, Hebe, hingezogen gefühlt, dass er, als sie in seinen Armen lag, seine Schwäche und das Fieber überwunden hatte.

     Seine Zurückhaltung beruhte also auf der Tatsache, dass er nach dem, was in Frankreich passiert war, Hebe nicht schockieren oder verängstigen wollte. Und da er sie nicht liebte, hatte er keinen triftigen Grund, sie dazu zu bewegen, ihre vermeintlich gegen ihn gehegte Abneigung zu überwinden. Wenn sie sich also weiterhin bemühte, würde es ihr wahrscheinlich gelingen, ihn in ihr Bett zu locken. Nein, das ging nicht. Was sie ihm gesagt hatte, entsprach der Wahrheit. Sie konnte nur aus Liebe mit ihm zusammen sein. Alles andere war falsch.

     Am Nachmittag machte sie mit Mrs. Wilkins Besuche bei Pächtern und erkundigte sich nach der Rückkehr, wo ihr Gatte sei.

     "In der Langen Galerie, Mylady", antwortete Starling. "Ich habe ihn auf einen hässlichen Riss im Stuck hingewiesen. Ich glaube, er sieht ihn sich an."

     Hebe begab sich in den aus der Zeit Jakob I. stammenden Teil des Gebäudes, wo die Familienporträts hingen. Bis jetzt hatte sie ihnen nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt und darauf gewartet, dass Alex sie ihr zeigte. Nun rannte sie an ihnen vorbei, ohne sie eines Blicks zu würdigen, und auf Alex zu, der, den Kopf in den Nacken gelegt, die Zimmerdecke anstarrte.

     Als er sie hörte, wurde er sofort auf sie aufmerksam, drehte sich um und schaute sie besorgt an. "Hebe?"

     "Oh, es ist alles in Ordnung. Du meine Güte, was für ein scheußlicher Riss! Oh Alex, eine wundervolle Neuigkeit!" Hebe lehnte sich an einen mit Schnitzereien verzierten Tisch und strahlte Alex an.

     "Soll ich raten?" Er stellte sich vor sie und lächelte angesichts ihrer vergnügten Miene. So nah war er ihr seit Tagen nicht mehr gewesen. Sie bemühte sich, nicht zu zeigen, wie sehr sie das innerlich berührte.

     "Du errätst es nie", antwortete sie. "Mrs. Wilkins ist verliebt."

     "Oh! Das ging aber schnell. In wen?"

     "In Mr. Thorne. Wir waren heute bei ihm. Er scheint ein sehr netter Mann zu sein. Er hat einen herrlichen Garten. Mrs. Wilkins und er haben sich angesehen, und ich glaube, sie würden das immer noch tun, hätte ich mich nicht geräuspert."

     "Liebe auf den ersten Blick?" fragte Alex skeptisch. "Glaubst du an solchen Unsinn?"

     "Das ist kein Unsinn", antwortete Hebe heftig. "Ich habe es soeben miterlebt und finde es entzückend. Ich möchte jedoch, dass du Mr. Glossop über Mr. Thorne befragst. Es wäre schrecklich, falls sich herausstellen sollte, dass Mr. Thorne seine verstorbene Frau verprügelt hat oder eine fatale Neigung aufweist, zu viel zu trinken."

     "Ich werde tun, worum du mich gebeten hast, wenngleich ich das ungute Gefühl habe, dass ich Mr. Thorne von der Ehe mit Mrs. Wilkins abraten soll, falls wir etwas für ihn Nachteiliges entdecken." Alex' Miene hatte einen Ausdruck, der Hebe plötzlich innerlich frösteln machte. Ihr Gatte wirkte zwar noch immer freundlich, doch als er fragte: "Liebe auf den ersten Blick ist also deine Idealvorstellung?" konnte sie sich des Eindrucks nicht erwehren, mit ihrer begeisterten Zustimmung einen gravierenden Fehler begangen zu haben. Er hatte sich stets spöttisch über ihren Wunsch geäußert, nur aus Liebe heiraten zu wollen. Dachte er jetzt, sie zöge einen wenig schmeichelhaften Vergleich zwischen ihrer Ehe und Mrs. Wilkins' spontanen Gefühlen?

     "Du lieber Himmel, nein!" sagte sie leichthin und straffte sich. "Was zwischen den beiden passiert, ist fast ein Märchen."

     Sie glaubte Alex halb laut fragen zu hören: "Also etwas ganz anderes als eine Liebesheirat?" Als sie ihn jedoch anschaute, machte er nicht den Eindruck, etwas geäußert zu haben. Sie ging mit ihm die Lange Galerie entlang und zermarterte sich das Hirn, um ein weniger heikles Gesprächsthema zu finden.

     "Ist der Riss im Stuck schlimm?" erkundigte sie sich schließlich.

     "Ich bin mir nicht sicher. Ich werde Mr. Glossop veranlassen, ihn in meiner Abwesenheit untersuchen zu lassen."

     "Du verreist?"

     "Ja. Es tut mir leid. Ich muss für einige Zeit nach London. Ich wollte das beim Frühstück erwähnen."

     "Oh, gut!" erwiderte Hebe und war erleichtert, weil er so seine Mätresse oder eine andere Kokotte besuchen und seine sich selbst auferlegte Enthaltsamkeit aufgeben konnte.

     "Gut?" Er klang überrascht.

     "Nun, ich meinte … das heißt, ich bin sicher, du wirst feststellen, dass die Abwechslung gut für dich ist", sagte Hebe. "Da wir im Moment keine Besucher haben und dieses Haus so voller Erinnerungen ist … Oh, und du kannst Onkel Hubert und Tante Emily besuchen. Ich wäre froh, wenn du Briefe für sie mitnehmen würdest." Angesichts von Alex' skeptischer Miene blieb sie jäh stehen.

     "Ich hoffe, du hast dir in der kurzen Zeit, die du jetzt hier bist, keinen Liebhaber zugelegt", sagte Alex leichthin.

     "Es wäre mir lieb, du würdest dich nicht über mich lustig machen, Alex", erwiderte Hebe heftig. "Was ist, wenn jemand dich gehört und deine Bemerkung für bare Münze genommen hätte?"

     "Und was bringt dich zu der Annahme, dass ich sie nicht ernst gemeint habe?" fragte er und zog die dunklen Augenbrauen hoch. Hebe hatte keine Ahnung, ob er sie neckte oder warnte. "Du musst mich entschuldigen", fuhr er fort. "Ich muss mit Mr. Glossop sprechen."

     Alex verließ Hebe am Ende der Langen Galerie. Mit einem unguten Gefühl schaute sie ihm hinterher. Das Gespräch war nicht gut verlaufen. Es war ganz so, als habe der Anschein eines normalen Lebens, den sie beide zu erwecken trachteten, einen Sprung bekommen, der zwar nicht so breit war, dass er alles zum Einsturz brachte, aber groß genug, um ihr Unbehagen vor dem einzuflößen, was zu Tage treten mochte.

     Genau wie der Riss in der Zimmerdecke. Da Hebe nicht wusste, was sie tun sollte, ging sie durch die Lange Galerie zurück. Ihre Aufmerksamkeit wurde von den Porträts gefesselt, und sie begann, sie zu betrachten, zunächst nur, um etwas zum Nachdenken zu haben, dann jedoch mit wachsendem Interesse.

     Die Gemälde waren nicht in chronologischer Reihenfolge gehängt worden. Hebe stellte Ähnlichkeiten zwischen Alex und den Abgebildeten fest, hauptsächlich bei der Form der Augen und der unteren Gesichtspartie. Dann stieß sie auf ein Bild aus neuerer Zeit, die charmante, fast zwanglos wirkende Darstellung einer Familie, und ihr wurde bewusst, dass sie den Ursprung von Alex' unglaublich gutem Aussehen entdeckt hatte.

     Die Szene stellte ein ländliches Beisammensein unter einem breitkronigen Baum dar. Ein Mann lehnte am Stamm. Seine Gattin saß auf einer Decke im Gras und hielt einen kleinen Jungen, bei dem es sich unzweifelhaft um Alex handelte, an sich gedrückt. Sein älterer Bruder stand neben der Mutter, und der Vater hatte ihm eine Hand auf die Schulter gelegt.

     Bei der schwarzhaarigen Frau handelte es sich unübersehbar um Alex' Mutter. Der kleine Junge mit den dunkelblauen Augen in ihren Armen war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Der ältere hellhaarige Junge sah seinem Vater ähnlich. Er hatte den gleichen Gesichtsschnitt wie Alex, aber nicht dessen fein ausgeprägten Züge.

     Fasziniert betrachtete Hebe das Familienporträt, wandte sich ab und verließ nachdenklich die Lange Galerie. Es traf sie wie ein Schlag, welche Bedeutung die Generationen stummer Beresfords hinter ihr hatten. Über die Jahre war der älteste Sohn dem Vater nachgefolgt, und der Stolz auf die Herkunft sprach aus jedem Antlitz. Indem Alex geschworen hatte, Hebe nie zu berühren, hatte er sich die Möglichkeit versagt, Erben zu bekommen, unbekannte nachfolgende Generationen.

     War dieser Gedanke ihm auch schon gekommen, oder litt er noch zu sehr unter dem Verlust des Vaters und des Bruders und der Erkenntnis dessen, was zwischen ihm und Hebe geschehen war, um darüber nachdenken zu können? Oder war er soeben durch den Anblick der Bilder auf diesen Gedanken gebracht worden? War das der Grund, weshalb er so abweisend gewesen war?

     Und was sollte Hebe in Anbetracht seiner Unnachgiebigkeit dagegen tun?

 

Das Abendessen verlief in gespannter Stimmung. Mrs. Wilkins schien noch immer wie benommen zu sein. Geistesabwesend hatte sie sich entschuldigt und erschien nicht zu Tisch. Hebe hatte den Eindruck, irgendwie in Ungnade gefallen zu sein. Sie konnte sich jedoch keinen Grund denken, es sei denn, Alex war immer noch über ihre gedankenlos geäußerte Begeisterung über seine Reise nach London verärgert.

     Sie versuchte, eine Möglichkeit zu finden, das Thema anzuschneiden, fürchtete jedoch, dass jede Erwähnung den Eindruck erwecken musste, sie wolle etwas gutmachen, so dass Alex noch argwöhnischer würde.

     Er war ausgesprochen höflich, unterhielt sich über die Ereignisse des Tages und sorgte dafür, dass sie genau das zu essen bekam, was sie haben wollte, ihr Glas ständig gefüllt und der Salzstreuer bei der Hand war, sobald sie ihn haben wollte. Sie wäre in noch größere Verlegenheit geraten, hätte sie gehört, was Starling zu dem anderen Bediensteten äußerte, nachdem es ihm gelungen war, ihn einen Moment lang vor die Speisezimmertür zu locken.

     "Seine Lordschaft ist heute Abend sehr schlechter Laune. Passen Sie also gut auf, mein Junge. Lassen Sie keinen Teller fallen, und verschütten Sie nicht die Suppe. Tun Sie nichts, was die Aufmerksamkeit des Earls auf Sie lenkt oder ihm auf die Nerven gehen könnte."

     "Aber er macht doch einen sehr freundlichen Eindruck, Mr. Starling", erwiderte der junge Lakai. "Nie ein böses Wort! Sehr aufmerksam zu Ihrer Ladyschaft."

     In Anbetracht solcher Naivität verdrehte der Butler die Augen. "Glauben Sie das nicht, Junge", geruhte er, ihm zu raten. "Beobachten Sie nur die Augen Seiner Lordschaft."

     Der unerfahrene Bedienstete ergriff also die Gelegenheit und tat, wie ihm geheißen, als er dem Earl Wein nachschenkte. Fast hätte er die Flasche fallen lassen, als er den kalten Blick Seiner Lordschaft bemerkte. Himmel! Er wich zurück und nahm vor der getäfelten Wand Aufstellung. Er wollte heute Abend nicht in der Haut Ihrer Ladyschaft stecken.

     Hebe war sich des stummen Mitgefühls der Bediensteten nicht bewusst. Sie bemühte sich, das Abendessen zu überstehen, und antwortete höflich auf jede Frage oder Bemerkung. Sie war so erleichtert, als für sie die Zeit gekommen war, sich zurückzuziehen, dass sie sich beinahe dem väterlichen Starling, der ihr die Tür öffnete, an die Brust geschmiegt und geweint hätte.

     Der kleine Salon war durch zahllose brennende Kerzen und den Widerschein des im Kamin flackernden Feuers angenehm erhellt, auch wenn es nicht notwendig gewesen wäre, den Raum zu heizen, da der Abend warm war. Starling hatte gemerkt, dass seine Herrin das sonnigere Klima des Südens vermisste, und in der Hoffnung, Hebe möge es als angenehm empfinden, angeordnet, Feuer im Kamin zu machen.

     Sie fröstelte, nicht weil sie fror, sondern weil ihre Nerven überansprucht waren, und nahm ihre Stickerei zur Hand. Sie hatte sich die Aufgabe gestellt, alle Stuhlbezüge im Speisezimmer zu ersetzen. Da es ihr noch nicht gelungen war, herauszufinden, wie viele davon sie anfertigen musste, hatte sie das ungute Gefühl, für jemanden, der nicht begeistert Handarbeit machte, sei ihr Vorhaben ein allzu anspruchsvolles Unterfangen.

     Einerseits hoffte sie, Alex möge nicht zu ihr kommen. Andererseits hielt sie sich tapfer vor, sie könne ihn am nächsten Tag nicht einfach nach London fahren lassen, wenn die Missstimmung zwischen ihnen noch nicht bereinigt worden war. Nachdem er sich jedoch zu ihr gesellt hatte, wusste sie nicht, was sie sagen sollte.

     "Wie hast du den Rest des Nachmittags verbracht?" erkundigte er sich schließlich, nachdem er schweigend die neueste Zeitung durchgeblättert, den Docht einer flackernden Kerze gekürzt und ein Knäuel Seide aufgehoben hatte.

     Schuldbewusst zuckte Hebe zusammen, als hätte er soeben verlangt, dass sie ihm den Namen ihres Liebhabers nannte. "Ich habe mir die in der Langen Galerie hängenden Porträts angesehen", antwortete sie.

     "Wirklich? Wie fandest du sie?"

     "Einige halte ich für sehr gelungen. Diejenigen jedoch, die mir am besten gefallen, sind die Bilder, die einen lebensechten Eindruck der Dargestellten vermitteln." Hebe hielt kurz inne. "Das Gemälde, auf dem du mit deinen Eltern und deinem Bruder zu sehen bist, hat mir gut gefallen." Alex äußerte sich nicht dazu. "Deine Mutter war sehr schön."

     "Ja. Sie ist bald nach der Fertigstellung des Bildes gestorben, an einer plötzlich aufgetretenen Lungenentzündung. Ich glaube, nach ihrem Tod war mein Vater nicht mehr ganz er selbst."

     "Für deinen Bruder und dich muss es schrecklich gewesen sein", sagte Hebe mit bebender Stimme.

     Alex nickte. Er war offenbar nicht willens, darüber zu reden, und Hebe hatte nicht vor, ihn zu bedrängen. Dann äußerte er plötzlich: "Das hat mich gelehrt, meine Gefühle zu verbergen, vielleicht zu gut." Hebe hatte den Eindruck, dass seine Miene weicher geworden war. Er sah verletzbar aus.

     Sie hatte keine Ahnung, welcher Teufel sie ritt, als sie fragte: "Möchtest du keine Kinder haben, Alex? Willst du keinen Erben bekommen?"

     Er hob den Kopf, und sein kalter Blick erinnerte Hebe wieder an einen Raubvogel, mit dem sie ihn einst auf Malta verglichen hatte. "Ich habe Erben."

     "Wie das?" äußerte sie schwach.

     "Mein Vater hatte zwei jüngere Brüder. Beide haben drei Söhne. Ich habe den Überblick verloren, wie viele männliche Enkel sie haben. Ich glaube, bei der letzten Zählung waren es sechs. Ich brauche keinen Sohn, Hebe. Glaub mir, die Weiterführung unseres Familiennamens ist gesichert."

     "Es tut mir leid", murmelte Hebe, ohne zu wissen, wofür sie um Verzeihung bat. "Bitte entschuldige mich. Ich bin ziemlich müde und werde zu Bett gehen." Sie sah den Gatten sich erheben, warf den Stickrahmen auf das Tischchen neben sich und verließ rasch den Raum. Alex folgte ihr nicht.

     In ihrem Ankleidezimmer angekommen, läutete sie der Zofe und ließ sich für die Nacht herrichten. Sie war wie benommen, und erst als sie fertig war, sah sie, dass sie das schöne Nachthemd der Hochzeitsnacht trug, das frisch gewaschen und gebügelt und nach Rosen duftend aus der Wäscherei zurückgekommen war.

     Irgendwie brachte sie es fertig, Charity fortzuschicken, und brach dann in Tränen aus. Sie weinte zum ersten Mal, seit sie geheiratet hatte, und presste in der Gewissheit, dass Alex es bitterlich bereute, sich je zu dieser lieblosen, sterilen Ehe bereit gefunden zu haben, das Gesicht ins Kopfkissen und schluchzte bitterlich.

     Als sie sich schließlich aufrichtete, hatte sie keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war. Sie rieb sich mit dem Handrücken über das nasse Gesicht und merkte, dass sie klarer denken konnte. Und mit dieser Erkenntnis war, als Hebe über die letzten Wochen nachdachte, ein wachsendes Schuldgefühl verbunden.

     Alex hatte ihr alles geboten und sogar versprochen, nichts von ihr zu verlangen. Das Einzige, was er ihr nicht geschenkt hatte, war Liebe. Aber konnte er ihr Liebe schenken, wenn er sie einer anderen Frau gab? Wie würde ich mich fühlen, wüsste ich, dass ich ihn vollkommen verloren habe, fragte sie sich. Würde ich leichten Sinns einem anderen Mann sagen, dass ich ihn liebe? Natürlich nicht!

     Hebe schlang die Arme um die angezogenen Knie und starrte ins Kerzenlicht.

     Mrs. Wilkins hatte ihr gesagt, ein Mann müsse die Frau, mit der er schlief, nicht lieben. Warum konnte Hebe ihre hohen Ansprüche nicht zurückstellen und zu Alex gehen? Sie musste ihm nicht sagen, dass sie ihn liebte, so dass sie ihm leidtat. Sie konnte ihm einfach zeigen, dass sie sich nach seiner Zuneigung und seiner Nähe sehnte. Falls er sich besser fühlte, wenn er mit ihr intim war und wusste, dass sie nicht angewidert oder verängstigt war, dann konnten sie beide sich doch gewiss nur näher kommen. Und falls sie erneut schwanger wurde, würde er bestimmt froh sein, eine eigene Familie zu haben, ganz gleich, wie viele Neffen er hatte.

     Ehe sie diesen erschreckenden Gedankengang weiterverfolgen und die Nerven verlieren konnte, warf sie die Bettdecke von sich, rannte barfuß zur Tür und riss sie auf. Hastig wich sie einen Schritt zurück, weil Alex ihr beinahe entgegenfiel.

     Sie begriff, dass er sich mit den Händen an die Tür gestützt haben musste. Behände gewann er auf der Schwelle das Gleichgewicht zurück, indem er sich am Türrahmen festhielt. Sein gespannter Blick verweilte auf Hebes tränenfeuchtem Gesicht.

     "Was machst du hier, Alex?"

     "Ich hörte dich weinen."

     "Aber ich habe vor zehn Minuten damit aufgehört."

     "Ich weiß." Hebe begriff, dass er hinter der Tür gestanden haben musste und von seinem Versprechen, ihr Zimmer nicht zu betreten, zurückgehalten worden war. Aber ihr Schluchzen hatte ihn keineswegs kalt gelassen. Sie musterte ihn und sah, dass er einen langen seidenen Morgenmantel trug und barfuß war.

     Er sah, wohin sie blickte, und fuhr schlicht fort: "Ich hörte dich weinen, als ich zu meinem Zimmer ging. Ich wollte mich zu Bett begeben, hätte aber keine Ruhe gefunden." Hebe war so gerührt, dass sie keinen Laut herausbrachte. Nach einem Moment fragte Alex: "Wohin wolltest du?"

     Sie schluckte. Wenn überhaupt, war jetzt der Zeitpunkt gekommen, Mut zu zeigen und ihrem Herzen zu folgen. "Zu dir."

     "Zu mir? Warum?"

     "Weil … weil …" Sie hielt inne und spürte sich erröten. "Weil ich in dein Bett kommen wollte, Alex." So, nun hatte sie es gesagt.

     Seine Miene wirkte wieder verschlossen. Hebe hätte wieder weinen können. "Warum?" fragte er harsch. "Fühlst du dich schuldig, weil du mir keinen Erben schenkst?"

     Sie schüttelte den Kopf. "Das ist es nicht. Ich bin traurig. Und es bekümmert mich, dass ich dich mit meinem Unsinn über eine Liebesheirat aus meinem Bett vertrieben habe und nicht den Mut hatte, dir zu sagen, dass ich mich nicht vor dir fürchte."

     Alex schaute sie mit einem Ausdruck an, als versuche er, ein schwieriges und unergründliches Rätsel zu lösen. "Du hast keine Angst vor mir? Nach allem, was in Frankreich passiert ist? Nachdem ich dir Gewalt angetan habe? Nachdem ich miterleben musste, wie du jedes Mal, wenn ich versucht habe, dich zu berühren, zurückgezuckt bist?" Er hatte ungläubig geklungen.

     "Du hast mir nicht Gewalt angetan!" widersprach Hebe wütend. "Und ich wollte nicht, dass du mich anfasst, weil ich dir, hättest du das getan, in die Arme gesunken wäre, obwohl ich weiß, dass du mich nicht liebst." Jetzt hatte sie die Geduld verloren, ob mit sich oder Alex, hätte sie nicht zu sagen vermocht. Aber das machte alles sehr viel leichter. "Ich war so dumm. Ich habe diese Äußerungen über Liebesheiraten gemacht und mir eingeredet, ich könnte dir unmöglich eine gute Gattin sein, weil du Lady Clarissa liebst. Ich hätte mit dem glücklich sein sollen, was ich haben konnte."

     "Du glaubst, ich liebe Clarissa?"

     "Nun … ja. Du hast ihr einen Heiratsantrag gemacht. Du warst entzückt, als sie dir schrieb, sie habe dich erhört. Du hast aufgehört, mit mir zu flirten. Mrs. Fitton sagte, dass du, nachdem du Lady Clarissas zweiten Brief bekommen hattest, am Boden zerstört warst, ganz so, als bräche dir das Herz."

     "Wie zum Teufel will sie das gehört haben? Und was hat sie sich dabei gedacht, dir das zu erzählen?"

     "Sie sagte, sie sei zufällig im Raum gewesen, als du den Brief aufgemacht hast. Das hat sie mir am ersten Tag meiner Anwesenheit hier berichtet, weil sie dachte, ich sei eine Freundin der Familie, als ich meine Besorgnis darüber ausdrückte, wie du dich nach dem doppelten Verlust fühlen müsstest. Sie hat es nur gut gemeint, Alex. Sie war wütend auf Clarissa und dachte, ich könne dir helfen, wenn ich Bescheid wüsste."

     "Kein Wunder, dass du so schwer zu überzeugen warst, als ich nach London kam. Ich sage dir ein für alle Mal, Hebe, dass ich Clarissa nicht liebe oder geliebt habe."

     "Aber du hast ihr einen Heiratsantrag gemacht!" Hebe hatte zunehmend kältere Füße bekommen, spürte sie jedoch kaum, auch nicht den kühlen Luftzug, der sie frösteln machte.

     "Mein Vater hatte mir einen weiteren Vortrag darüber gehalten, dass ich heiraten und eine Familie gründen müsse. Clarissa war schön. Es war chic zu glauben, man sei in sie verliebt. Ich habe um ihre Hand angehalten. Sie hat mich ausgelacht und weggeschickt. Jetzt frage ich mich, ob ich ihr den Heiratsantrag gemacht habe, weil ich wusste, dass sie ihn ablehnen wird, ich meinem Vater jedoch auf diese Weise zumindest vor Augen führen konnte, dass ich versucht hatte, seinen Rat in die Tat umzusetzen."

     "Nachdem sie dich dann erhört hatte, blieb dir keine andere Wahl als vorzugeben, du seist darüber glücklich", sagte Hebe. "Es wäre unehrenhaft gewesen, jemandem von deinen wahren Gefühlen zu erzählen, ganz zu schweigen davon, Lady Clarissa sitzen zu lassen." Mit jedem Moment, der verstrich, wurde Hebe mutiger. Sollte sie es wagen …? "Wolltest du mir an jenem Tag im Garten, ehe der Brief eintraf, etwas sagen, Alex?"

     Er berührte sie noch immer nicht. Er hatte die Hände so fest zusammengeballt, dass die Haut sich weiß über den Knöcheln spannte. "Ich wollte dich fragen, ob du mich heiratest, Hebe."

     "Das habe ich mir gedacht", erwiderte sie leise. "Warum?"

     "Weil ich dich liebe", antwortete er und hatte nun endlich die Worte ausgesprochen, von denen sie so lange geträumt hatte. "Was hättest du erwidert?"

     "Ich hätte Ja gesagt, Alex, weil ich dich auch liebe."

     Eine Weile stand er ganz still da und schaute Hebe an, als könne er ihr nicht glauben. Dann schlang er die Arme um sie und drückte sie an seine Brust. Sie glaubte, er werde sie küssen, doch er schob sie ein Stück von sich ab, so dass er sie ansehen konnte.

     "Als ich wusste, dass ich nicht mehr an Clarissa gebunden bin, hatte ich keine Ahnung, wo du warst. Vielleicht wurdest du von der Hälfte aller Marineoffiziere der Mittelmeerflotte umschwärmt. Meines Vaters und meines Bruders wegen konnte ich nicht von zu Haus fort. Aber ich wollte dich unbedingt finden. Ich habe von dir gesprochen, als Mrs. Fitton mich hörte, nur von dir, meine liebe, bezaubernde, verlorene Circe. Ich stand noch ganz unter dem Eindruck von Williams Tod, als du herkamst. Dann hast du mir erzählt, ich hätte mich dir aufgezwungen, dir wehgetan und dich geschwängert. Es kam mir vor, als hätte ich das Kostbarste auf der Welt besudelt. Ich wagte nicht, dich anzufassen. Alles, was ich tun konnte, war, irgendwie zu versuchen, Wiedergutmachung zu leisten. Und dann … dann warst du … krank."

     "Oh, Alex, mein Liebling! Wie kann ich dich davon überzeugen, dass es nichts zu verzeihen gibt?"

     Alex senkte den Kopf, ganz so, als befürchte er, sein Traum könne zerplatzen, und küsste Hebe sacht auf den Mund. Der Kuss war jedoch nicht verhalten. Sie fühlte sich beschützt und ganz in der Liebe ihres Mannes geborgen. Schüchtern erwiderte sie seine Zärtlichkeit. Unter dem Druck von Alex' Lippen öffnete sie ihre und hielt den Atem an, als seine Zunge in ihren Mund drang. Hitze und Verlangen durchströmten sie.

     Ohne es zu merken, krallte sie die Finger in Alex' seidenen Morgenmantel und spürte die Veränderung, die mit ihrem Mann vorging, als ihm klar wurde, dass sie sich tatsächlich nicht vor ihm fürchtete, sondern ihn begehrte.

     Plötzlich hörte man Schritte und einen Ausruf. Alex drehte sich um, und über seine Schulter hinweg konnte Hebe Starling den Korridor entlangkommen sehen. Der Butler trug ein dickes Flanellnachthemd, Pantoffeln und eine Nachtmütze. In einer Hand hielt er ein Schlüsselbund, und in der anderen einen Kerzenputzer.

     "Ich bitte um Entschuldigung, Mylord. Wie Sie sehen, habe ich meine Runde gemacht und die Lichter gelöscht. Ist alles in Ordnung, Mylord? Ich habe nicht erwartet, Sie und Mylady hier im Flur anzutreffen." In Anbetracht einer Situation, die außerhalb der Erfahrungen eines höchst gediegenen Butlers lag, hielt er inne.

     "Ja, es ist alles in Ordnung, Starling. Ich habe lediglich meine Gattin geküsst."

     Hebe errötete und verspürte den Drang zu kichern. Sie zupfte an Alex' Arm, doch ihr Mann blieb ungerührt stehen, derweil Starling sich sammelte und leicht verbeugte. "Gute Nacht, Mylord. Gute Nacht, Mylady. Wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, so finde ich, dass es für Ihre Ladyschaft zu dieser Zeit im zugigen Korridor etwas zu kühl ist."

     "Danke, Starling. Ich glaube, Sie haben Recht."

     Hebe sah den Butler um die Ecke des Ganges verschwinden. "Oh, der arme Starling! Du musst dich morgen früh bei ihm entschuldigen, Alex. Diese Situation liegt außerhalb dessen, womit irgendein Butler rechnen müsste."

     Mit lachendem Blick schaute Alex seine Gattin an. "Unsinn! Das wird ihm gut tun. Vielleicht geht er jetzt hin und poussiert mit Mrs. Fitton. Aber es ist tatsächlich zu kalt hier, mein Liebling. Du bist halb erfroren."

     "Du auch, Alex. Komm mit zu mir."

     Er zögerte. "Ich habe versprochen, dass ich dich …"

     "Dann entbinde ich dich deines Versprechens!" Hebe zog den Gatten mit sich in ihr Zimmer und machte fest die Tür zu, ehe seine Bedenken ihn bewegen konnten, wieder den Rückzug anzutreten. Sie schlang ihm die Arme um den Nacken und schaute ihn an. "Bitte, Alex, liebe mich!"

     Er hob sie hoch, bettete sie auf die Matratze und blickte andächtig auf sie hinunter. "Du bist so hübsch. Ich kann nicht glauben, dass du nach allem, was passiert ist, Vertrauen zu mir hast."

     Hebe setzte sich hin, schlug die Beine unter und zog an Alex' Arm. "Hör mir zu, Alex! Ich kann nicht behaupten, dass ich meine Jungfräulichkeit auf diese Weise verlieren wollte. Ich kann nicht vortäuschen, dass es nicht schmerzhaft war. Es hat wehgetan. Aber nichts davon war von Bedeutung, weil du derjenige warst. Kannst du das nicht verstehen? Ich habe dich damals geliebt, und ich liebe dich jetzt."

     Alex setzte sich neben Hebe auf das Bett und ergriff ihre Hände. "Meinst du das wirklich, Hebe? Oh, mein Liebling! Wenn du es mir erlaubst, werde ich dir zeigen, wie schön es sein kann. Ich verspreche es dir."

     Vertrauensvoll lächelte sie Alex an. "Ich wusste, das würde der Fall sein. Ich habe erwartet, dass es beim ersten Mal wehtut. Du warst nicht ganz bei der Sache, und ich glaube, dass du mit Jungfrauen nicht viel Erfahrung hast." Alex lachte verhalten auf und vergrub das Gesicht in den Händen. Hebe sah, dass seine Ohren rot wurden. "Oh je! Es tut mir leid. Das war eine äußerst unschickliche Bemerkung."

     Er ließ die Hände sinken und lachte. Seine Miene drückte etwas aus, das Hebe den Atem verschlug. "Wir sind jetzt verheiratet, meine naive Circe. Es ist fast unumgänglich, unschickliche Gespräche zu führen. Und da wir gerade so freimütig reden, möchte ich wissen, warum du derart über die Neuigkeit erfreut warst, dass ich morgen nach London reisen werde."

     "Oh je! Das ist wirklich höchst unschicklich. Muss ich dir das sagen?"

     "Ja, das musst du."

     "Also gut. Ich dachte, du würdest deine Mätresse besuchen."

     "Meine … was? Lass mich dir versichern, Hebe, dass ich keine habe. Selbst wenn ich eine hätte, würde es mein Begriffsvermögen übersteigen, wenn du dich darüber freutest."

     "Nun, du hast nicht mit mir geschlafen. Ich war sicher, dass du dich den hiesigen Mädchen gegenüber nicht in irgendeiner Weise unanständig aufführen würdest. Daher dachte ich, du müsstest dich … nun, Mrs. Wilkins meinte, Männer würden dann reizbar. Ich dachte, dass du dir, wenn du nach London fährst, eine Kokotte suchen und dich dann besser fühlen würdest."

     "Das Einzige, was mich, wie Anna es so charmant ausgedrückt hat, reizbar gemacht hat, war die Tatsache, dass ich darauf brannte, meiner Gattin auf leidenschaftliche und höchst unschickliche Weise beizuwohnen. Welchen anderen hilfreichen Rat hat dir meine gute Freundin noch gegeben?"

     "Nun, dass ein Mann eine Frau, mit der er schläft, nicht unbedingt lieben muss. Diese Äußerung hat mich zu der Annahme gebracht, du würdest mich vielleicht nicht abweisen, wenn ich heute Nacht zu dir ins Bett komme."

     Grimmig schaute Alex die Gattin an. "Ich reise morgen nicht nach London. Ich werde Thomas Thorne aufsuchen und ihm sagen, dass ich ihm die Pacht kündige, falls er diese Frau nicht innerhalb einer Woche mittels einer Sondererlaubnis heiratet und aus meinem Haus entfernt."

     Hebe schnaubte "So ein Unsinn! Mrs. Wilkins hat sich nicht eingemischt. Sie hat lediglich, als ich mich bei ihr nach gewissen Dingen erkundigte, meine Fragen beantwortet. Ich habe nicht mit ihr über dich geredet. Ich habe sie nur um allgemeine Informationen gebeten."

     "Dann erlaube mir, dir eine ganz besondere Information zu geben. Ich liebe dich. Ich werde nie den Wunsch haben, eine andere Frau zu lieben, solange du die Meine bist. Und ich bin fest entschlossen, dass du das bis zum Ende unseres Lebens bleibst. Ist das ganz klar?"

     "Ja, Alex", antwortete Hebe gefügig. "Wenn du mich jetzt nicht schnell liebst und mit dem aufhörst, was du mit meinem Fußgelenk treibst, dann bekomme ich einen hysterischen Anfall."

     "Das Letzte, was ich zu tun vorhabe, ist, dich schnell zu lieben, Circe. Ich habe vor, das sehr, sehr langsam zu tun." Alex begann, die Schleifen an Hebes Nachthemd aufzuziehen. Schließlich rutschte es ihr von den Schultern. Er starrte ihre weiße, glatte Haut an. "Habe ich dir einmal gesagt, Circe, dass du nicht schön bist? Das war ein großer Irrtum."

     Sie streckte die Hand aus und zupfte am Gürtel von Alex' Morgenmantel. "Ah, ja!" äußerte Alex und schüttelte das Kleidungsstück ab. "Du bist im Vorteil, weil du in der Vergangenheit meinen nackten Körper gewaschen, abgetrocknet, verbunden und versorgt hast." Sein Blick war spöttisch belustigt. "Immer noch kein Feigenblatt, trotz deiner klassischen Aktstudien." Er sah, dass Hebe die Augen aufriss, als sie seine Erregung bemerkte. "Es wird alles in Ordnung sein", beruhigte er sie.

     "Ich weiß", erwiderte sie fest. "Es war … Ich meine, in der Dunkelheit ist mir das nicht ganz bewusst geworden."

     "Hör auf, mein Liebling, tapfer zu sein. Küss mich und vertrau mir."

     Alex streckte sich neben ihr aus. Er liebkoste sie, bis sie nur noch das Gefühl seiner Lippen und die Wärme seines Mundes wahrnahm.

     Ohne zu zögern legte er sich auf sie, und ehe sie wusste, wie ihr geschah, besaß er sie. Dieses Mal verspürte sie keine Schmerzen, nur ein sehnendes, stetig wachsendes Lustgefühl. Und schließlich schrie Alex auf.

     Hebe sah ihm in die weit geöffneten Augen, und sein Blick drückte so viel besitzergreifende Zärtlichkeit und Ehrfurcht aus, dass sie zu zittern begann und das Gefühl hatte, weinen zu müssen.

     "Hebe, mein Liebling." Alex nahm sie in die Arme und drückte sie an sich. "Was ist los, mein Schatz?"

     "Es ist nichts", murmelte sie und rieb die Wange an seiner Brust. "Überhaupt nichts. Ich bin nur so glücklich." Sie hörte ihn erleichtert seufzen und kuschelte sich an ihn, während er sich zur Seite rollte und die Bettdecke über sie beide zog.

     "Schlaf jetzt, Circe", sagte er rau und küsste sie auf den Hals.

     "Muss ich? Können wir uns nicht noch einmal lieben?"

     Er drehte sich auf den Rücken und zog sie auf sich. "Deine unschätzbare Anna hat dir offenbar nicht gesagt, dass Männer zwischen Liebesakten eine Pause brauchen. Wenn du jedoch so liegen bleibst und dich weiterhin so aufreizend und unzüchtig bewegst, dann verspreche ich dir, dass du nur kurz warten musst."

     "Wirklich?" fragte Hebe verschmitzt. Sie bekam einen Klaps auf das Gesäß und musste kichern.

     "Willst du unter Beweis stellen, dass du eine wollüstige Ehefrau bist?" fragte Alex streng. Es gelang ihm jedoch nicht zu verhehlen, dass er schneller atmete.

     "Möchtest du das?" Hebe sah ihm die Antwort deutlich an. Plötzlich lachte sie vor lauter Glück. "Oh Alex! Ich weiß, ich bin nur eine sehr gewöhnliche Zauberin. Aber immerhin habe ich es geschafft, dich in einen Ehemann zu verwandeln."

     "Mehr als das", flüsterte er und drückte Hebe an sich. "Du hast mich in den glücklichsten aller Männer verwandelt. Ich habe nie gemerkt, dass mir etwas fehlt, bis ich dich fand, meine Circe. Ich wusste, dass du gefährlich bist, denn die Leere in mir hat mich nicht geschmerzt, bis ich dir begegnete und merkte, dass sie da ist. Dann tat sie unerträglich weh. Jetzt bin ich jedoch ganz ausgefüllt, und ich werde nie aufhören, dich deswegen zu lieben."

     Dank ihrer neuen Erfahrungen wusste Hebe, dass es Dinge gab, die man nicht mit Worten sagen musste. Sie ließ nur ihre Lippen sprechen, während sie Alex küsste und ihn spüren ließ, wie sehr sie ihn liebte.

 

– ENDE –