4. KAPITEL

Sowohl die Stiefmutter als auch Hebe rechneten damit, dass Major Beresford ihnen am Morgen nach der Gesellschaft die Aufwartung machen würde, doch sie wurden enttäuscht. Sir Richard überbrachte am Nachmittag ein Schreiben von ihm, in dem er sich nochmals für die Einladung zur Soirée bedankte und sein Bedauern darüber äußerte, dass geschäftliche Gründe ihn an einem Besuch hinderten. Dem Billett war eine zweite, für Hebe bestimmte Nachricht beigefügt, die Mrs. Carlton ihrer Stieftochter ungelesen übergab.

     Hebe entfaltete das Blatt und las:

"Ich bin zum Fischen gefahren und werde einige Tage fort sein. Ich habe daran gedacht, die Dinge einzupacken, die mitzunehmen Sie mir geraten haben. A."

 

"Er schreibt, er sei einige Tage geschäftlich unterwegs, Mama", verkündete Hebe und hielt der Stiefmutter den Briefbogen hin.

     "Oh je, wie bedauerlich", meinte Mrs. Carlton. Aber es freute sie, dass der Major an Hebe gedacht hatte.

     Tief durchatmend faltete Hebe das Schreiben zusammen und legte es unter ihre Näharbeit. Sir Richard blickte zur Uhr und stand hastig auf. "Du meine Güte! Wie spät es schon ist! Wäre es Ihnen recht, meine liebe Hebe, mich ein Stück zu begleiten?"

     Der Commodore behandelte sie bereits wie eine Tochter. Da sie ihn mochte, erhob sie sich, nachdem Mrs. Carlton zustimmend genickt hatte, und eilte ins Entree, um sich einen Hut aufzusetzen und einen Schal um die Schultern zu legen.

     Dann hängte sie sich bei ihrem zukünftigen Stiefvater ein und ging mit ihm auf die sonnenhelle Straße.

     "Sind Sie glücklich, Kind?" erkundigte Sir Richard sich.

     "Glücklich?" Blinzelnd sah sie ihn an. Unwillkürlich musste er über den bezaubernd ehrlichen Ausdruck in ihren grauen Augen lächeln. "Ja, ich bin glücklich, sogar sehr." Sie hatte den Eindruck, dass sie seit einigen wenigen Tagen große Zufriedenheit empfand, in die sich Erregung, Vorfreude und ein Gefühl mischte, das sie sich nicht erklären konnte.

     "Gut!" Der Commodore schaute sich auf dem schattigen Platz um, den man betreten hatte. In einem alten Brunnen plätscherte das Wasser in die bemooste Schale. Unter einer Platane stand eine Steinbank. "Setzen wir uns für ein Weilchen, Hebe. Ich möchte Ihnen etwas sagen. Sie dürfen es jedoch niemandem erzählen und vor allem Ihre Mutter nicht beunruhigen. Es besteht die Möglichkeit, dass ich bald nach England reisen werde. Ich weiß nicht, ob Sara lieber hier heiraten möchte oder nach unserer Ankunft in London. Ich wollte Sie vorwarnen, damit Sie über die Auflösung Ihres Haushaltes nachdenken können."

     Hebe musste die Neuigkeit erst verarbeiten. Sie hatte gewusst, dass die Zeit auf Malta eines Tages vorbei sein würde, und sich auf die Rückkehr in die Heimat und die Vergnügungen einer ihr seit langem versprochenen Saison in London gefreut.

     "Wird es Ihnen schwer fallen, die Insel zu verlassen?" fragte Sir Richard.

     "Ja, natürlich. Aber in London wird es wunderbar sein." Hebe hatte in leicht unsicherem Ton gesprochen. Der Commodore nahm darauf mit einem Scharfsinn Bezug, der sie überraschte.

     "Und was ist mit Ihrem Major?"

     "Er ist nicht mein Major!" widersprach sie hitzig. Dann bemerkte sie Sir Richards nachsichtige Miene und lächelte verlegen.

     "Aber Sie wünschten sich, er wäre es, nicht wahr? Nun, es hätte Ihnen etwas sehr viel Schlimmeres passieren können. Er ist nur der jüngere Sohn, stammt aber aus einer sehr angesehenen Familie und hat einen guten Charakter. Er ist ein mutiger Offizier." Der Commodore beobachtete Hebe. Nicht jede junge Frau würde es hinnehmen, dass der Mann, den sie gern hatte, große Wagnisse einging.

     Hebe reckte das Kinn. "Ich weiß. Ich habe es mir gedacht." Sie schaute sich um und stellte fest, dass sie noch immer mit Sir Richard allein auf dem Platz war. "Major Beresford ist Geheimdienstoffizier, nicht wahr?" Sie nahm das Schweigen des Commodore für Zustimmung. "Und seine Arbeit ist sehr gefährlich?"

     "Ja, obwohl sie sicher nicht gefährlicher ist als die Erstürmung eines feindlichen Forts. Aber es sind besondere Risiken damit verbunden."

     "Zum Beispiel die Möglichkeit, als Spion erschossen zu werden?" fragte Hebe unumwunden, erhielt jedoch keine Antwort.

     Nach einem Moment äußerte Sir Richard: "Wahrscheinlich sollte ich Ihnen das Folgende nicht sagen, aber der Major wird zweifellos auf demselben Schiff sein, das ich zu nehmen gedenke."

     "Alex … Major Beresford, wollte ich sagen, kehrt nach England zurück?" Eine Seereise, Tage zusammen auf der Fahrt durch das Mittelmeer, auf dem Wasser glitzerndes Sonnenlicht, fliegende Fische …

     "In jedem Fall fährt er bis Gibraltar. Ich weiß nicht, was er danach machen wird. Wir sollten nicht länger darüber reden, Hebe." Der Commodore hielt inne und schien sich seine nächsten Worte sehr genau zu überlegen. "Ich habe keine Töchter. Daher weiß ich nicht, ob es richtig von mir ist, Sie in Bezug auf Major Beresford zu ermutigen, aber er ist ein guter Mann für Sie."

     "Noch hat er sich nicht an mich gebunden", wandte sie ein.

     "Richtig. Mir wäre es lieb, wenn Sie in Betracht ziehen würden, dass jemand wie er kein unbeschriebenes Blatt ist. Aber ich bin sicher, dass er kein falsches Spiel mit Ihnen treibt, denn sonst würde ich ihn zur Rechenschaft ziehen. Ich möchte jedoch nicht, dass Sie einer Beziehung, die vielleicht nur flüchtiger Natur ist, zu viel Wert beimessen. Falls sich indes das Gegenteil herausstellen sollte, wäre niemand mehr darüber entzückt als ich."

     Überglücklich gab Hebe dem Commodore einen Kuss auf die Wange. "Vielen Dank, Sir. Und ich danke Ihnen auch für die Warnungen hinsichtlich der näheren Zukunft. Ich verspreche Ihnen, dass ich nichts ausplaudern werde. Auf Wiedersehen!"

     Langsam kehrte sie nach Haus zurück und dachte dabei über das nach, was sie von Sir Richard erfahren hatte. Sie versuchte, sich über ihre Gefühle klar zu werden. Ja, es würde ihr leidtun, Malta zu verlassen, das sonnige Klima, die Menschen, die leuchtenden Farben, den Anblick des Meeres. Andererseits freute sie sich auf England … oder nicht?

     London würde vergnüglich sein. Natürlich würde es das sein, erst recht jetzt, da sie wusste, dass sie in Gesellschaft eine einigermaßen gute Figur machte und nicht mehr als die unscheinbare graue Maus galt. Aber Malta würde sie schrecklich vermissen. Das Wetter in London war grau und kalt. Die Leute benahmen sich steif und formell. Sie würde nicht die Freiheit haben, die sie hier hatte.

     Der Gedanke an den Major versetzte sie jedoch in schreckliche Besorgnis. Verzweifelt wünschte sie sich, der Commodore hätte ihr nichts über ihn erzählt. Jetzt ängstigte sie sich in einer Weise um Beresford, die sie noch nie erlebt hatte. Außerdem fühlte sie sich beklommen. Je länger sie über Sir Richards Äußerungen nachdachte, desto stärker wurde das Unbehagen. Wusste der Commodore etwas über den Major? Hatte er versucht, sie zu warnen? Nein, gewiss nicht, denn sonst hätte er sich deutlicher ausgedrückt.

     Was empfand Beresford für sie? Sie wusste, er mochte sie. Er schien es genossen zu haben, sie zu küssen. Aber sicher genoss er es, viele junge Damen zu küssen. Männer hatten Spaß an so etwas. Die Stiefmutter und Sir Richard schienen die Sache ernster zu sehen, doch offensichtlich hofften sie darauf, dass Hebe eine gute Partie machte. Es war möglich, dass die beiden viel zu optimistisch waren.

     Und was empfand sie selber? Was würde sie tun, wenn der Major mit einem Verlobungsring erschien und ihr einen Heiratsantrag machte? Sie traf vor der Haustür ein und rief sich zur Ordnung. Sie kannte ihn kaum. Diese Situation würde nicht entstehen. Daher konnte sie es unterlassen, darüber nachzudenken. Hebe riet sich, ihre erste Verliebtheit zu genießen und sich in Gibraltar mit Anstand von Beresford zu verabschieden.

 

Das wie eine griechische Tunika geschnittene Kleid und die dazu passende Frisur waren ein voller Erfolg. Hebe fragte sich, ob der Major sie anschauen und in ihr Circe sehen würde, so wie er sich die Zauberin vorstellte. Sie fand, sie gab ein eindrucksvolles Bild ab. Sie konnte sich jedoch beim besten Willen nicht erklären, was Major Beresford an ihr bezaubernd fand. Er war zurück, und die Aussicht, dass sie ihn nach fast zweiwöchentlicher Abwesenheit wiedersehen würde, trieb ihr die Röte in die Wangen. Würde er ihr an diesem Abend wieder einen Kuss geben?

     Beim Ball traf man eine Menge Bekannte und Freunde, sah indes auch viele fremde Gesichter, da Mrs. Forrester Gott und die Welt eingeladen hatte. Den Major konnte Hebe nirgendwo entdecken. Ihre Tanzkarte füllte sich schnell, da ein Herr nach dem anderen sie um einen Tanz bat. Sie hielt sich jedoch den ersten Walzer frei, dazu eine Allemande und eine Anglaise. Falls Beresford beharrlich blieb, würde sie einwilligen, ein drittes Mal mit ihm zu tanzen, selbst wenn sie dann einen allzu freizügigen Eindruck machte. Falls er sie fragte. Falls er anwesend war.

     Bis zum ersten Tanz hielt sie vergebens nach ihm Ausschau. Hebe war bemüht, sich die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Er würde sie nicht in ihrem hübschen neuen Kleid sehen, und sie würde nicht herausfinden, wie ein zweiter Kuss war.

     "Guten Abend, Mrs. Carlton, Miss Carlton. Ich glaube, diesen Tanz haben Sie mir versprochen, Miss Carlton."

     Plötzlich stand der Major neben Hebe, als sei er aus dem Nichts gekommen. Im nächsten Moment schritt sie an seinem Arm auf die Tanzfläche. Sie merkte, dass sie Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit war. Die Umstehenden verrenkten sich die Hälse, um zu sehen, wer kühn genug war, den auf Malta noch nicht lange akzeptierten Walzer zu tanzen.

     Andere Paare gesellten sich auf das Parkett. Mrs. Carlton lehnte sich zurück und fächelte sich Kühlung zu. Oh je! Hoffentlich hielt niemand die liebe Hebe für zu dreist!

     Die "liebe Hebe" bemühte sich, nicht zusammenzuzucken, als der Major ihre Taille umfasste. Mit der freien Hand raffte sie graziös den Rock und schaute Major Beresford an. Die Streicher setzten ein, und man begann zu tanzen. Der Major führte Hebe, und sie reagierte auf den leichtesten Druck seiner Hände.

     Nach einigen Drehungen lächelte sie. "Oh, ich war so aufgeregt!"

     "Aufgeregt?" Seine Augen wirkten dunkler als sonst. Seine Stimme hatte beinahe harsch geklungen. Hebe fiel auf, dass er bisher kaum ein Wort geäußert hatte.

     "Ich habe noch nie in der Öffentlichkeit Walzer getanzt", gestand sie. "Und nie zuvor mit einem Mann."

     Der Major blieb schweigsam. Sie hatte angenommen, er werde sich erkundigen, wie sie Walzer tanzen gelernt hatte. Daher erzählte sie es ihm und merkte, dass sie ins Plappern geriet.

     Er schwieg noch immer und führte sie weiterhin geschickt an den anderen Paaren vorbei. Sie gewann den Eindruck, es gäbe nur sie beide auf der Tanzfläche. "Alex?"

     "Entschuldigen Sie. Aber Sie erinnern mich tatsächlich an … Circe. Das hätte ich mir nie … träumen lassen. Pardon, ich stammele wie ein grüner Junge."

     "Finden Sie, dass ich passabel aussehe?" fragte Hebe mutig. "Ich hatte angenommen, mein Kleid würde Ihnen gefallen. Ich habe es Ihnen zuliebe ausgewählt."

     "Passabel? Nein, passabel bestimmt nicht. Sie sind eine hinreißende Erscheinung." Die Stimme des Majors hatte beinahe verärgert geklungen.

     Hebe schaute auf und sah seinen scharfen Raubvogelblick auf sich gerichtet. Ihr stockte der Atem. Nie zuvor hatte er sie so angesehen.

     "Es tut mir leid, aber Sie wecken in mir das Bedürfnis …"

     Sie verspürte ein wohliges Prickeln. Was immer er sich wünschte, es war auch ihre Sehnsucht. "Welches?" fragte sie wissbegierig.

     Sie bemerkte nicht, dass die Gäste, von denen sie und der Major beobachtet wurden, beinahe den Eindruck hatten, sie stritten sich, weil sie so ernste Mienen machten und einander so eindringlich fixierten. Am anderen Ende des Raumes fächelte Mrs. Carlton sich fahrig Kühlung zu, und ein leises Stöhnen kam ihr über die Lippen.

     Alex drehte sich mehrmals mit Hebe im Kreis, bis ihr schwindlig wurde. Sie klammerte sich fester an seine Hand. Sie wusste, sie war ihm viel näher, als der Anstand es erlaubte. Beim Tanzen spürte sie wiederholt seine Beine an ihren.

     "Ich wünsche mir, mit Ihnen in den Garten zu gehen, Sie zu einem geschützten Fleckchen zu führen und Sie dort die ganze Nacht lang lieben zu können", äußerte er heftig.

     Einen Moment lang verschlug es Hebe die Sprache.

     "Ich sagte Ihnen bereits, dass Sie eine gefährliche Ausstrahlung haben", fuhr er fort. "Der von Ihnen ausgehende Zauber ist entschieden wirkungsvoller als glatte Schönheit."

     Hebe bekam ganz wacklige Knie. Nur Beresfords Hände stützten sie noch. Sein intensiver Blick zwang sie, die Augen auf seine gerichtet zu halten. Dann verklang die Musik, und die Tänzer blieben stehen und applaudierten.

     Hebe ließ die Hand des Majors nicht los. "Ich wusste nicht … Ich hatte keine Ahnung …"

     "Ich auch nicht. Und ich hätte nicht es tun sollen." Major Beresford atmete so schwer, als sei er gerannt. "Kommen Sie! Ich bringe Sie zu Ihrem Platz zurück."

     Schweigend geleitete er die zitternde Hebe zu ihrer Stiefmutter, verneigte sich galant vor den Damen und verschwand in der Menschenmenge. Mit großen Augen schaute Mrs. Carlton Hebe an. "Was in aller Welt … Ihr beide habt ausgesehen, als würdet ihr euch zanken. Habt ihr euch gestritten, mein Liebes?"

     "Ich habe keine Ahnung", antwortete Hebe bedächtig und nahm auf dem vergoldeten Sessel Platz. "Ich habe nicht die geringste Ahnung."

     Der Rest des Abends war für sie wie ein eigenartiger Traum. Der Major schien gegangen zu sein. Jedenfalls sah sie ihn nicht mehr.

     Mrs. Carlton war höchst beunruhigt und überzeugt, Hebe habe sich rettungslos mit dem einzigen heiratsfähigen Mann zerstritten, der je Interesse an ihrer Stieftochter bekundet hatte. Hebes äußerliche Ruhe und der eindeutige Erfolg, den sie bei den anderen anwesenden jungen Männern hatte, beruhigte Mrs. Carlton jedoch nach einer Weile, und sie tat den Zwischenfall als Geplänkel unter Verliebten ab. Vielleicht war der Major eifersüchtig auf all die Gentlemen gewesen, deren Namen Hebe auf ihrer Tanzkarte vermerkt hatte. Wenn diese Vermutung zutraf, war das ein vielversprechendes Zeichen.

     Hebe tanzte mit jedem auf ihrer Tanzkarte eingetragenen Herren und vergab auch die für den Major reservierten Tänze. Überrascht merkte sie, dass sie sich über das, was zwischen ihnen beiden geschehen war, nicht ärgerte. Es hatte keinen Anlass zum Streit gegeben, ganz gleich, welchen Eindruck Beobachter gewonnen haben mochten. Gewiss, der Major war gereizt gewesen, auch wegen ihr, wenngleich sie gemerkt hatte, dass er hauptsächlich auf sich selber wütend war.

     Wenn jemand ihr tags zuvor gesagt hätte, dass Beresford ärgerlich auf sie sein würde, hätte sie das bedrückt und niedergeschlagen gemacht. Aber sie fühlte sich vollkommen ruhig. Wieso? Es war ihr ein Rätsel. Sie hätte über seine dreisten, erregenden und höchst anstößigen Worte schockiert sein müssen. Aber sie war es nicht.

     Wahrscheinlich war sie einfach zu unerfahren. Sie dachte darüber nach, und mit einem Mal kam ihr ungeachtet ihrer Enttäuschung darüber, dass der Major offenbar den Ball verlassen hatte, und trotz der Tatsache, dass sie das Fest genoss, eine Erkenntnis.

     Sie begriff, was mit dem Major geschehen war. Er begehrte sie. Er wollte sie nicht nur als Freundin, nicht als Verkörperung einer Sagengestalt, auch nicht als jemanden, mit dem er flirten konnte. Er wollte sie körperlich. Er hatte Verlangen nach ihr, und da sie unerfahren und unverbildet war, ärgerte er sich über seine Empfindungen und über Hebe, weil sie diese Regungen in ihm geweckt hatte.

     Ein Gefühl der Macht regte sich in ihr und wurde stärker, Macht über einen Mann, auf den sie einen solchen Reiz ausübte, dass er sich genötigt gesehen hatte, jede Nähe zu ihr zu meiden.

     Das war wundervoll, aufregend und gefährlich, aber auch erschreckend. Sie wusste nicht, was sie tat. Sie wusste nicht, wie sie dieses neue Gefühl beherrschen konnte. Sie hatte keine Ahnung, wie sie sich dem Major gegenüber verhalten sollte, falls er je zu ihr zurückfand. Würde er zu ihr zurückfinden? Würde er sie aus Rücksicht auf ihre Unerfahrenheit nicht mehr aufsuchen oder weil er sie nicht in eine kompromittierende Situation bringen wollte?

     Gegen zwei Uhr in der Nacht kehrte man heim, und Hebe ging sofort zu Bett. Plötzlich hörte sie, halb im Einschlafen, etwas gegen die Fensterscheibe prallen. Erschrocken stand sie auf, ging zur Balkontür und machte sie leise auf. Vorsichtig schlich sie zur Brüstung und lugte darüber. Sie sah Beresford im Garten stehen. Er hatte den Kopf in den Nacken gelegt und war im Begriff, wieder etwas gegen die Fensterscheibe zu werfen. Als er Hebe bemerkte, ließ er die Hand sinken.

     "Was wollen Sie?" rief Hebe ihm gedämpft zu.

     "Ich wollte Sie sehen." Er begann, seinen Uniformrock aufzuknöpfen. "Ist die Bougainvillea gut befestigt?" fragte er, ohne sich die Mühe zu machen, die Stimme zu dämpfen. Jäh hatte Hebe den Eindruck, dass der Major nicht mehr nüchtern war.

     "Ich habe keine Ahnung." Er warf den Rock auf einen Busch, ergriff den Stamm der Bougainvillea und rüttelte daran. "Verschwinden Sie!" zischte Hebe. Er beachtete sie nicht und begann, an den Ästen hochzuklettern.

     Vor Schreck klopfte Hebe das Herz bis zum Hals. Eine Weile später erschien der Kopf des Majors über der Balustrade. Er hatte eine blutende Schramme an der Wange. "Ist bloß ein Kratzer", sagte er mit schwerer Zunge, als er ihren besorgten Gesichtsausdruck gewahrte, und schwang sich über das Geländer. Er grinste Hebe schief an, und plötzlich roch sie, dass er getrunken hatte.

     "Sie sind beschwipst", äußerte sie vorwurfsvoll.

     "Ich weiß", erwiderte er schwankend.

     "Was in aller Welt wollen Sie hier?"

     "Ich wollte Sie sehen."

     "Gut, das ist jetzt geschehen. Kehren Sie sofort um!" Er schwankte noch heftiger. Hebe hielt ihn fest. "Wie betrunken sind Sie, Sir?"

     "Ich bin nur etwas angeheitert." Er lehnte sich an das Geländer und schaute Hebe an.

     Sie ließ ihn los. "Sie müssten sich jetzt sehen", äußerte sie halb verärgert, halb belustigt. "An der Wange haben Sie eine Verletzung. Ihr Haar ist vollkommen zerzaust und das Hemd zerrissen. Und Ihr Krawattentuch ist verrutscht."

     Alex nahm es ab und tupfte sich damit das Blut von der Wange, ehe er es achtlos auf das Fensterbrett legte. "Ich biete wohl kaum das Bild des perfekten jungen Liebhabers."

     "Sehen Sie sich als solchen?" fragte Hebe verkniffen und kämpfte gegen den Drang an, ihm über das Haar zu streichen und ihn zu bitten, sich zu setzen, damit sie ihm die Wunde säubern konnte.

     "Nein." Plötzlich hatte er nüchtern geklungen. Jäh straffte er sich und wollte in ihr Schlafzimmer. Sie trat ihm in den Weg. "Schon gut", fuhr er fort. "Ich werde gleich verschwinden. Nein, ich bin ein verdammter Narr, der hergekommen ist, um sich zu entschuldigen."

     "Hätten Sie das nicht morgen Vormittag tun können?" Hebe verschränkte die Arme vor der Brust.

     "Das wäre das Vernünftigste gewesen, nicht wahr?" Seine Stimme klang verbittert. "Das hätte ich getan, wenn ich nicht zu trinken begonnen hätte, um einige Stunden lang nicht mehr daran denken zu müssen."

     "Wollten Sie unsere Begegnung auf dem Ball vergessen?"

     Heftig schüttelte Alex den Kopf. "Nein, etwas anderes. Aber lassen wir das." Er trat einen Schritt zurück. "Haben Sie sich während meiner Abwesenheit Sorgen um mich gemacht, Hebe?"

     "Ja", gestand sie.

     "Warum?"

     "Ich habe befürchtet, Sie könnten in Gefahr sein. Und um meine Freunde mache ich mir immer Sorgen."

     "Bin ich ein Freund, Circe?"

     "Ich weiß nicht, was Sie für mich sind", antwortete Hebe so ruhig, wie es ihr möglich war. "Sie sind ein Rätsel. Und manchmal fürchte ich mich vor Ihnen."

     "Ich mache Ihnen Angst, Hebe? Das tut mir leid. Ich würde Ihnen nie wehtun! Sie meinen diesen Abend, beim Ball? Ich hatte nicht die Absicht, Sie zu erschrecken."

     "Nein", sagte sie und schüttelte den Kopf. "Das meinte ich nicht. Ich fühle mich eingeschüchtert von Ihnen, wenn Sie dieses grimmige Gesicht machen, so wie jetzt, und ich nicht weiß, was Sie wollen."

     "Ich wollte Sie nur sehen, nur mit Ihnen reden." Er hob die Hände, als gäbe er sich geschlagen, und entspannte sich etwas, als Miss Carlton ihn anlächelte. "Warum habe ich Sie nicht verängstigt, als wir tanzten? Sie wussten, was der Grund für meine Gereiztheit war. Sie wussten, was ich wollte, nicht wahr?"

     "Ja. Nachdem Sie es mir gesagt hatten", erwiderte sie in immer noch ruhigem Ton. "Hätten Sie es nicht getan, wäre mir nicht in den Sinn gekommen, was Sie beabsichtigten. Ich bin, was Männer angeht, nicht sehr erfahren."

     "Das müssen Sie mir nicht sagen! Was glauben Sie, weshalb ich so wütend auf mich war?"

     "Und auf mich."

     "Es geschieht mir recht, dass Sie mich daran erinnern." Alex seufzte. "Wenn Sie doch nur nicht so behütet, so ahnungslos wären!"

     "Ich mag behütet und unerfahren sein", räumte Hebe ungehalten ein, "aber ahnungslos bin ich wirklich nicht. Ich begreife genau, um was es geht. Meine Unerfahrenheit ist der Grund, warum ich nicht weiß, wie ich mich verhalten soll."

     Diese Äußerung brachte den Major zum Lachen. "Ich wünschte, ich könnte es Ihnen zeigen."

     "Auch ich wünsche mir das", platzte sie heraus, schlug die Hand vor den Mund und starrte den Major erschrocken an.

     "Hebe!" Er hatte ebenso schockiert geklungen, wie Sir Richard es gewesen wäre, hätte er ihre skandalöse Bemerkung gehört.

     "Oh!" Sie vergrub das Gesicht in den Händen und brach in Tränen aus. Sie war so müde und verwirrt, und nun hatte sie den Eindruck erweckt, leichtfertig und schamlos zu sein.

     Im nächsten Augenblick wurde sie von Alex fest in die Arme geschlossen, und sie drückte die feuchte Wange an seine Brust. Mit einer Hand hielt er sie an sich geschmiegt, während er ihr mit der anderen tröstend den Nacken streichelte. "Aber, aber, Circe. Weinen Sie sich getrost aus."

     Die Tränen versiegten so schnell, wie sie geflossen waren. Hebe machte indes keine Anstalten, sich von Alex zu lösen. Seine Nähe war wunderbar beruhigend, überhaupt nicht beängstigend oder verwirrend. Sie wurde sich bewusst, dass er die Finger in ihr gelöstes Haar schob.

     Er hob es an und seufzte bewundernd. "Ich habe mir ausgemalt, wie Ihre Locken aussehen würden, wenn sie nicht hochgesteckt sind."

     Mit feuchten Augen schaute sie ihn an. "Mama sagt, ich soll sie kürzen lassen. Es sei unmodern, so langes Haar zu haben."

     "Nein! Tun Sie das nie, Circe. Versprechen Sie mir das?"

     "Ich verspreche es", antwortete Hebe leise.

     Alex neigte sich zu ihr und küsste sie so sanft, wie er es im Garten getan hatte. Als sie die Lippen öffnete, küsste er sie leidenschaftlicher.

     Sie hatte den Eindruck, nicht mehr atmen zu können. Der erste Kuss hatte sie bereits erregt, doch nun löste das Gefühl von Alex' forschender Zunge in ihrem Mund Regungen aus, die sie nur aus ihren Träumen kannte. Bevor sie wusste, was sie tat, berührte sie mit ihrer Zunge seine. Er stöhnte auf und vergrub die Hände in ihrem Haar. Erschrocken über diese Reaktion und erschüttert durch das starke Gefühl, das der intime Kontakt in ihr auslöste, wollte sie den Kuss beenden, doch dann gab sie in hilfloser Ekstase dem Ansturm seiner Lippen nach.

     Sie legte Alex die Hände auf die Brust und fing an, an seinem Hemd zu zerren. Die Knöpfe sprangen ab, und schließlich konnte sie seine bloße Haut spüren. Sie streichelte ihn und hielt überrascht inne, als seine Brustwarzen sich unter ihren Fingern verhärteten.

     Er löste sich von ihr und hob den Kopf. Einen Moment lang schauten sie sich schwer atmend in die Augen. Alex ließ sie los und versuchte, sich von ihr zu entfernen.

     "Lass mich los, Hebe."

     "Wie bitte? Ich bin nicht … Oh!" Sie merkte, dass sie noch immer die Finger in sein Hemd gekrallt hatte. Mit großer Willensanstrengung ließ sie es los.

     "Ich muss fort, Hebe, mein Liebling. Hör auf, mich mit diesen großen Augen anzusehen."

     "Alex …"

     "Still. Ich besuche dich morgen. Ich muss gehen, Hebe. Wenn ich jetzt nicht verschwinde, bin ich nicht mehr für das verantwortlich, was dann geschieht."

     Langsam ließ sie die Arme sinken und ging ein paar Schritte rückwärts, als wolle sie ihm die Trennung erleichtern. An der Balkontür blieb sie stehen. Er wandte sich um und kletterte über die Balustrade. Sekunden später hörte sie Stoff reißen und Alex verhalten fluchen. Hastig eilte sie zur Brüstung und schaute nach unten. Sie befürchtete, er könne abgerutscht sein, weil er so viel getrunken hatte. Er erreichte jedoch mühelos den Boden.

     Dann sah sie ihn seinen Uniformrock anziehen und in Richtung Gartenmauer laufen. Kurz darauf war er verschwunden.

     "Ich liebe ihn", flüsterte Hebe. "Ich liebe Alex."

     Als sie sich umwandte, sah sie sein Krawattentuch auf dem Fensterbrett liegen. Sie nahm es an sich und legte es, nachdem sie in ihr Schlafzimmer zurückgekehrt war und die Balkontür geschlossen hatte, mit einem leisen Seufzen auf ihren Frisiertisch.