5. KAPITEL

Hebe hatte gut geschlafen und konnte sich nicht erinnern, ob sie geträumt hatte. Sie entsann sich jedoch voll Behagen an die nächtliche Begegnung mit Alex und daran, wie seine Lippen sich auf ihren angefühlt hatten. Die Sonne schien ihr auf die geschlossenen Lider, und die Kirchturmuhr auf der anderen Seite des Platzes, die stets ein wenig vorging, begann zu schlagen.

     Erstens liebe ich Alex, dachte Hebe. Zweitens begehrt er mich. Drittens wird er mich bitten … Die Uhr schlug gerade zum zehnten Mal an, und gleich danach waren aus der Ferne die anderen Kirchturmuhren zu hören.

     Leise Geräusche rissen Hebe aus ihrer wohligen Schläfrigkeit. Jemand war ins Zimmer gekommen.

     Widerstrebend öffnete Hebe die Lider, richtete sich auf und rieb sich die Augen. Ihre Zofe Maria lief durch den Raum und schien etwas zu suchen.

     "Kann ich Ihnen helfen, Maria?"

     "Oh, verzeihen Sie, Miss Hebe. Ich wollte Sie nicht wecken. Ich bin dabei, Wäsche zu sortieren und kann Ihre Seidenstrümpfe, die Sie gestern Abend getragen haben, nicht finden."

     "Ich habe keine Ahnung, wo ich sie heute Nacht hingelegt habe." Hebe dachte nach, konnte sich jedoch im Moment nicht erinnern. "Keine Sorge, Maria. Ich werde mich darum kümmern. Sie werden sich schon wieder auffinden."

     "Vielen Dank, Miss Hebe. Aber was ist das, um Himmels willen?" Maria hob ein zerknittertes Stück weißen Stoff vom Frisiertisch hoch, das blutbefleckt war.

     "Das … das ist … Ich will sagen, es ist …" Hebe hielt inne und merkte, dass sie einen Fehler machte. Hätte sie einfach in sachlichem Ton geäußert: "Das ist ein Lappen. Legen Sie ihn hin", dann hätte die Zofe ihr gehorcht. Nun jedoch schaute Maria sie mit großen Augen an, in denen sich wachsendes Begreifen ausdrückte.

     Maria glättete das Stück Stoff und sagte: "Das ist das Krawattentuch eines Mannes, Miss Hebe." Sie bekam noch größere Augen. "Oh! Es gehört dem schönen Herrn mit den blauen Augen. Dem Soldaten, der wie ein Heiliger aussieht." Sie kicherte. "Anscheinend ist er doch kein Heiliger."

     "Kann ich mich auf Ihre Diskretion verlassen, Maria?"

     "Sie wollen nicht, dass ich Ihrer Mama sage, gestern Nacht sei ein Mann hier bei Ihnen gewesen?"

     "Er war nicht hier. Nun, ja, er war da, aber nicht so, wie Sie denken."

     "Ich fände es nicht schlimm, wenn er mit Ihnen zusammen gewesen wäre", erwiderte Maria achselzuckend. "Wenn es zu Intimitäten kam, muss er Sie heiraten, nicht wahr? Und das wäre eine gute Sache. Ich glaube nicht, dass ich an Ihrer Stelle Nein gesagt hätte, wenn er in meinem Schlafzimmer gewesen wäre, selbst wenn es nicht zu einer Heirat käme. Er macht einen so leidenschaftlichen und erregenden Eindruck."

     "Er war nur eine Weile hier und hat mit mir geredet, Maria. Das war sehr falsch von uns beiden. Meine Mutter würde sehr böse auf mich sein, wenn sie davon wüsste. Daher hoffe ich, dass Sie nichts darüber erwähnen werden."

     "Machen Sie sich keine Sorgen, Miss Hebe", versicherte die Zofe.

     "Danke, Maria." Hebe stand auf, machte Morgentoilette und hatte dabei das ungute Gefühl, die Situation nicht sehr geschickt gehandhabt zu haben. Sie hielt Maria zwar nicht für eine Erpresserin, aber eine skrupellose Angestellte konnte davon ausgehen, dass ihr unter solchen Umständen viele kleine Geldgeschenke und sonstige Vergünstigungen zuteil wurden.

     "Was ist mit dem Krawattentuch, Miss Hebe? Soll ich es waschen und bügeln?"

     Dem Himmel sei Dank. Maria hatte nichts Böses im Sinn, denn sonst hätte sie nicht diesen harmlosen Vorschlag gemacht. "Nein, danke. Geben Sie es mir." Hebe wartete, bis die Zofe gegangen war, legte das Tuch zusammen und brachte es in der untersten Schublade ihres Frisiertischs unter. Nach einem Moment holte sie es wieder hervor, presste es an die Wange und atmete tief durch.

Nach dem Mittagessen begaben Hebe und ihre Stiefmutter sich in den Garten und setzten sich in den Schatten. Sie hatten kaum Platz genommen, als Maria erschien und verkündete: "Major Beresford, Madame."

     "Ah! Ich lasse bitten, Maria. Und servieren Sie kalte Getränke", erwiderte Mrs. Carlton und erhob sich im selben Moment, als der Major den Garten betrat. "Guten Tag, Major. Bitte entschuldigen Sie mich. Ich habe noch etwas zu erledigen, das keinen Aufschub duldet. Sie müssen mit Hebe vorlieb nehmen."

     Sie eilte ins Haus, vorbei an Maria, die ein Tablett mit Gläsern und einer mit Limonade gefüllten Karaffe abstellte und dabei übertrieben grimassierend Hebe anschaute. Missbilligend furchte Hebe die Stirn. "Vielen Dank, Maria. Ich brauche Sie nicht mehr."

     Hebe legte das Buch beiseite, in dem sie gelesen hatte, und schaute den Major an, der neben ihrer Hängematte stehen blieb. Sie bekam einen trockenen Mund und empfand ein seltsames Prickeln.

     Beresford wirkte übernächtigt. Der Kratzer an der rechten Wange hob sich rot von seiner gebräunten Haut ab.

     "Guten Tag, Major. Wie geht es Ihnen?"

     "Ich habe verdammte … Ich habe Kopfschmerzen, Miss Carlton."

     "Möchten Sie ein Mittel dagegen haben?" erkundigte sie sich mit aufgesetzter Besorgnis. "Oder lieber ein Glas Limonade? Haben Sie sich einen Sonnenstich geholt?"

     "Nein, ich habe einen scheußlichen Kater, Circe, wie Sie genau wissen", antwortete Alex grinsend. "Haben Sie gut geschlafen?"

     "Ja, überraschend gut." Hebe bemerkte den fragenden Blick des Majors und errötete.

     "Nun, ich hatte eine sehr unruhige Nacht. Können Sie sich den Grund denken?" Alex schenkte sich Limonade ein und setzte sich auf die andere Hängematte. "Ah, das ist besser."

     "Schläft ein Mann schlecht, wenn er eine Frau geküsst hat?"

     "Verdammt! Sie kleine Hexe! Erwarten Sie wirklich, dass ich Ihnen darauf eine Antwort gebe?"

     "Sie haben mich zuerst gefragt."

     "Also gut. Aber machen Sie mir keine Vorhaltungen, weil ich Sie schockiert habe. Männer finden es sehr schwierig, … hm … aufzuhören, wenn Sie eine Frau geküsst haben. Unsere Körper sind nicht zum Flirten geschaffen, sondern zum …" Alex hielt inne. "Hören Sie auf, mich mit diesem Unschuldsblick anzusehen! Hier geht es um etwas, das Ihre Stiefmutter Ihnen erklären sollte. Kurzum, wenn ein Mann so aufhört, dann tun bestimmte Dinge weh."

     "Dinge?"

     "Ja, Dinge. Ich werde kein Wort mehr zu diesem Thema sagen."

     "Also gut, wenn Sie sich durch mich in Verlegenheit gebracht fühlen." Hebe trank einen Schluck Limonade und fühlte sich glücklich und erregt. Da war es wieder, das Gefühl der Macht, das sie am vergangenen Abend empfunden hatte. Irgendwie machte etwas, das sie an sich hatte, diesen starken, zuversichtlichen Mann unsicher und verwundbar. Noch aufregender war jedoch die Gewissheit, dass er Hebe an diesem Tag einen Heiratsantrag machen würde. Sie wusste genau, was sie sagen wollte, wenn er das tat.

     Er sah sie an, und seine Wangen röteten sich etwas. Nach einem Moment äußerte er: "Was haben Sie mit meinem Krawattentuch gemacht?"

     "Es ist in der untersten Schublade meines Frisiertischs."

     Der Blick des Majors wurde zärtlich.

     "Circe?"

     "Ja, Alex?"

     "Miss Hebe!" Maria kam aufgeregt in den Garten. "Der Commodore ist da und kann Madame nicht finden", rief sie und unterbrach damit die friedliche Stimmung.

     "Bitten Sie ihn her, Maria", erwiderte Hebe gefasst. "Und dann suchen Sie meine Stiefmutter. Vielleicht ruht sie sich aus. Sie möchte aber sicher gern wissen, dass Sir Richard hier ist." Hebe und der Major schwangen sich aus den Hängematten. Er glättete seinen Uniformrock, als der Commodore erschien. Hebe war enttäuscht, doch das spielte letztlich keine Rolle, da man bald wieder allein sein würde.

     "Ich habe eine Neuigkeit für Sie und Ihre Stiefmutter", verkündete Sir Richard. "Ich wurde nach England abkommandiert. Mrs. Carlton und ich müssen Pläne schmieden. Die Post traf ein, Major Beresford, als ich im Hafenpostamt war. Ich habe auch ein Schreiben für Sie, das aussieht, als sei es lange unterwegs gewesen." Der Commodore machte das Lederportefeuille auf und entnahm ihm ein fleckiges, ramponiert aussehendes Päckchen, das mehrere Siegel und Aufschriften trug. "Entschuldigen Sie mich, Hebe. Ich glaube, Ihre Stiefmutter ist heruntergekommen."

     Während Sir Richard ins Haus zurückging, drehte Alex den Brief unschlüssig hin und her. "Machen Sie ihn auf", drängte Hebe ihn. "Vielleicht enthält er Nachrichten von Ihrer Familie."

     Sie setzte sich wieder auf die Hängematte und schaute zu, wie der Major die Siegel des Päckchens, das ihm wahrscheinlich monatelang rund ums Mittelmeer hinterhergeschickt worden war, brach, den Umschlag aufriss und ihm ein gefaltetes Blatt Papier entnahm. Wie mochten seine Angehörigen sein? Würden sie Hebe in ihrer Mitte willkommen heißen? Würde sie sie mit der Zeit gern haben? Sie war dessen sicher, denn schließlich waren es seine Verwandten.

     Er atmete scharf durch, als er die Handschrift sah. Bedächtig entfaltete er den Bogen. Beim Lesen wich ihm das Blut aus den Wangen. Plötzlich von einem unguten Gefühl erfüllt, straffte Hebe sich. Dann erhob sich der Major abrupt und verschwand zwischen den Büschen.

     Sie wartete. Wenn er wollte, dass sie zu ihm kam, würde er sie rufen. Nach einer Weile kehrte er zurück. Sein Gesicht hatte wieder Farbe, doch sein Blick war düster. "Stimmt etwas nicht, Alex? Kann ich helfen?" Hebe verließ die Hängematte und ging rasch zu ihm.

     "Nein, nein. Es ist alles in Ordnung, Hebe. Ich habe nur eine gänzlich unerwartete Nachricht bekommen. Ehe ich England verließ, um den Posten hier anzutreten, habe ich Lady Clarissa Duncan die Ehe angetragen. Ich habe nicht wirklich damit gerechnet, dass sie mich erhören würde. Ich bin guter Herkunft, aber nur der jüngere Sohn, und habe einen riskanten Beruf. Lady Clarissa ist eine große Schönheit, die sehr bewundert und hofiert wird. Wie erwartet, wollte sie mir damals keine endgültige Antwort geben, und ich hatte meine Zweifel, ob sie mich überhaupt ernst nehmen würde. Es ist so lange her, seit ich sie zum letzten Mal gesehen und um ihre Hand angehalten habe. Doch jetzt hat sie mir geschrieben, sie nähme meinen Heiratsantrag an. Ich hatte wirklich nicht damit gerechnet", fügte Alex ungläubig hinzu.

     Clarissa. Das war der Name, den Alex auf dem Ball beim Anblick der dunkelhaarigen Dame geäußert hatte. "Hat sie kastanienbraunes Haar?" wollte Hebe wissen und war erstaunt darüber, dass sie trotz des großen Kummers sprechen konnte.

     "Woher wissen Sie das?" Der Major schaute sie an, als sei sie tatsächlich die Hexe, als die er sie zuvor scherzhaft bezeichnet hatte.

     "Reine Vermutung." Hebe hatte sich bemüht, Stimme und Miene zu beherrschen. Er durfte nicht wissen, wie sie sich fühlte. Plötzlich war ihr das ungeheuer wichtig. Dem Himmel sei Dank, dass sie nicht über ihre Liebe zu ihm gesprochen hatte. Dem Himmel sei Dank, dass Sir Richard im richtigen Augenblick erschienen war. Die Sache war schlimm genug, aber zumindest musste der Major nicht von einem Heiratsantrag Abstand nehmen, den er ihr gemacht hatte, weil er von seiner wahren Liebe erhört worden war.

     Er würde Hebe bemitleiden, wüsste er, wie sie sich fühlte. Das wäre unerträglich. "Herzlichen Glückwunsch", sagte sie warmherzig. "Sie müssen sehr glücklich sein. Nun wird es Sie drängen, zu ihr zu kommen."

     "Hebe, ich …" Alex hielt inne. Angesichts ihres Lächelns war er offenbar außerstande, den Satz zu vollenden.

     "Ich weiß, was Sie sagen wollten", versicherte sie. "Wir haben miteinander geflirtet, und nun haben Sie deswegen ein schlechtes Gefühl. Aber das ist nicht notwendig. Ich habe die kurze Beziehung zu Ihnen sehr genossen. Sie haben mich so viel selbstsicherer gemacht. Ich war eine kleine graue Maus. Nun werde ich, wenn ich mich eingeschüchtert fühle, denken, dass ich eine Zauberin bin. Unfreundliche Debütantinnen und deren hochnäsige Mütter können mich nicht mehr aus der Fassung bringen. Nein, Sie müssen nicht verlegen sein, Major. Sie scheinen zu vergessen, dass ich die ganze Zeit Marineoffiziere kommen und gehen sehe. Ich weiß, wie sie sich so weit von daheim und ihren Lieben fühlen. Natürlich schäkern sie alle. Bisher hatte jedoch keiner von ihnen mit mir geflirtet, und unsere Beziehung war etwas Besonderes." Hebe konnte nicht weiterreden. Die Situation war unerträglich. Sie wusste, sie würde jeden Moment in Tränen ausbrechen.

     "Hebe! Eine höchst ungewöhnliche Neuigkeit!" rief Mrs. Carlton von der Tür her. "Wir werden Malta verlassen, schon in einer Woche. Und Sir Richard und ich werden am Samstag heiraten. Oh Hebe!"

     Dem Himmel sei Dank! Jetzt konnte Hebe weinen. Sie lief zu ihrer Stiefmutter und schloss sie in die Arme. "Ich freue mich so für dich, Mama." Nur sie wusste, dass sie aus dem Gefühl größten Unglücks Tränen vergoss. "Und du bist nicht die Einzige, die eine gute Nachricht hat. Major Beresford hat soeben erfahren, dass sein Heiratsantrag, den er vor seiner Abreise aus England gemacht hat, angenommen wurde. Er kann die Frau ehelichen, die er liebt. Das ist doch wundervoll für ihn, nicht wahr?"

     Bestürzt drehte Sara sich um. Der Major nahm jedoch bereits Hut und Handschuhe an sich. "Meinen Glückwunsch, Mrs. Carlton. Bitte entschuldigen Sie mich. Ich bin sicher, Sie haben viel zu erledigen und möchten nicht durch Besucher aufgehalten werden." Er verneigte sich leicht und war gegangen, ehe Mrs. Carlton und ihre Stieftochter etwas erwidern konnten.

     "Wie konnten wir uns so in ihm täuschen?" fragte Sara und ergriff Hebe bei den Händen. "Oh Sir Richard!" wandte sie sich an den Commodore, der eben aus dem Haus trat. "Major Beresford ist mit einer in England lebenden Dame verlobt!"

     "Den Teufel ist er!" Jäh blieb Sir Richard stehen. "Ich werde sofort mit ihm reden. Er wird begreifen müssen, dass er nicht mit einer jungen Dame tändeln kann, besonders nicht mit einer, die meine Stieftochter wird."

     "Oh nein! Bitte, Sir Richard, Sie tun ihm wirklich unrecht." Hebe legte dem Commodore die Hand auf den Arm und schaute ihn flehend an. "Bitte, stellen Sie ihn nicht zur Rede. Das würde mich schrecklich verlegen machen." Hebe berichtete, was er ihr hinsichtlich des Heiratsantrages erzählt hatte. "Wir beide haben nur miteinander geflirtet. Er hat mir keinerlei Versprechungen gemacht. Ich werde ihm nicht nachtrauern. Außerdem kann ich mich auf die Saison in London freuen."

     Prüfend schaute Sara Hebe in die großen, tränenfeuchten Augen. "Du weinst also nur, weil du für mich glücklich bist?"

     "Ja, natürlich, Mama. Das ist so aufregend!"

     "Noch etwas, Hebe", äußerte Sir Richard bedächtig. "Ich hoffe, Sie werden nicht enttäuscht sein. Ich bin auf einen Posten in Gibraltar abkommandiert worden. Ihre Stiefmutter wird bei mir bleiben."

     "Ich fahre nicht nach London?" Diesmal war Hebe nicht imstande, ihre Enttäuschung zu verhehlen.

     "Doch, das wirst du, Schätzchen." Sara ergriff sie am Arm. "Gehen wir ins Haus. Dort werde ich dir alles erklären. Dein Onkel Hubert und deine Tante Emily werden entzückt sein, dich bei sich zu haben und dir bei deinem gesellschaftlichen Debüt zu helfen. Bestimmt reist ein für unsere Zwecke geeignetes Paar nach England, dem wir dich anvertrauen können. Ich bin sicher, du wirst, wenn eine fähige und respektable Zofe sich um deine Bedürfnisse kümmert, eine angenehme Reise haben."

     Die Fahrt nach England würde ein Abenteuer werden. "Ich bin überzeugt, dass es mir gut ergehen wird, Mama", erwiderte Hebe. "Es tut mir jedoch leid, dass du während meiner ersten Saison nicht in London sein kannst."

     Sir Richard versprach Mrs. Carlton, einen verlässlichen und tatkräftigen Angestellten zu ihr zu schicken, der ihr bei allen Vorbereitungen helfen sollte, und verabschiedete sich.

     "Du meine Güte! Es gibt so viel zu tun!" jammerte Sara und schaute verzweifelt die Stieftochter an. "Wo soll ich bloß anfangen?"

     "Du besorgst dein Hochzeitskleid", antwortete Hebe. "Dann lädst du die Gäste zu deiner Trauung ein und bestellst das Buffet. Oder kümmert Sir Richard sich darum? Vielleicht stellt der Admiral ihm die Banketthalle zur Verfügung? Ich hole Papier, damit wir eine Liste der Dinge machen können, die jetzt getan werden müssen. Nur Mut, Mama! Alles wird rechtzeitig erledigt sein."

Nur sieben Tage später stand Lady Latham im Hafen und verabschiedete sich tränenreich von ihren Freunden. Sir Richard befand sich bereits an Bord des Schiffes und war in ein angeregtes Gespräch mit dem Captain vertieft. Hebe stand neben ihrer Stiefmutter und bemühte sich, das strahlende Lächeln nicht zu verlieren, das jedermann von ihr zu erwarten schien. Niemandem schien der Gedanke gekommen zu sein, dass es sie traurig stimmte, Malta verlassen zu müssen. Wer sollte auch ahnen, dass sie das Gefühl hatte, ihr Herz zurückzulassen.

     Schon im Begriff, sich an Bord zu begeben, warf Hebe einen Blick über den Kai und sah Alex sich nähern. Natürlich! Wie hatte sie vergessen können, dass er zurückbeordert worden war. Aber er reiste auf diesem Schiff? Oh, bitte nicht! Sie war jedoch nicht fähig, den Blick von ihm zu wenden.

     Nachdem sein Gepäck an Bord geschafft worden war, kam er zu Mrs. Carlton und ihrer Stieftochter und setzte eine überzeugend überraschte Miene auf, wenngleich Hebe annahm, dass er ihre Anwesenheit und die der Stiefmutter längst bemerkt hatte. "Guten Tag, Lady Latham, Miss Carlton! Darf ich Sie an Bord begleiten?"

     Seine Miene drückte nur das Vergnügen darüber aus, das man bei jemandem erwarten konnte, der zufällig Bekannte getroffen hatte. Hebe sah jedoch den düsteren Ausdruck in seinen Augen und fröstelte innerlich. Hatte er gewusst, dass sie auf diesem Schiff sein würde? Und wie fühlte er sich? Möglicherweise war er darüber beunruhigt, sie könne ihm die Reise dadurch vergällen, dass sie weiterhin mit ihm flirten wollte. Nun, falls er das befürchtete, würde er feststellen, dass sie sich ebenso kühl und distanziert benehmen konnte wie er.

     Lady Latham nickte und hängte sich bei Major Beresford ein. Hebe und Maria folgten. An Bord verneigte sich der Major vor den Damen und empfahl sich. Hebe sah ihn kurz darauf mit einem Gentleman in Marineuniform reden, mit dem er unter Deck ging. Sie und die Stiefmutter wurden von einem Matrosen zu ihren Kabinen gebracht, von denen eine für die Stiefmutter und Sir Richard bestimmt war. Hebe und Maria teilten sich die andere.

     Bevor die Fregatte in See stach, begab man sich wieder an Deck. Sir Richard kam mit Kapitän Wilson zu den Damen, und der Captain erkundigte sich, ob sie das Ablegen vom Quarterdeck aus beobachten wollten. Man war sofort einverstanden. "Geh nie ohne Einladung eines Offiziers dorthin, Hebe", riet Sara ihr in gedämpftem Ton.

     Das Schiff verließ den Hafen. Hebe sah Alex allein an der Reling stehen und über das Schiff schauen. Plötzlich straffte er sich, und ihrer beider Blicke trafen sich. Seine Augen verdunkelten sich, und seine Miene wurde ernst. Unvermittelt lächelte er, wandte sich ab und betrachtete die langsam in die Ferne rückende Stadt.

Nach dreitägiger Reise, auf der Hebe den Major nur von weitem gesehen hatte, änderte sich das Wetter. Ein Sturm zog auf, der das Schiff zum Spielball der Wellen machte. Da die Stiefmutter seekrank geworden war, machte Hebe sich auf die Suche nach dem Schiffsarzt und wankte an Deck.

     "Miss Carlton!" Sie drehte sich um und sah Alex, der sich ihr im tosenden Sturm näherte. Das Haar klebte ihm am Kopf, und seine Sachen waren vollkommen durchnässt. Er war barfuß und versuchte, auf den glitschigen Planken Halt zu finden.

     Er erreichte Miss Carlton, ergriff sie am Arm und zerrte sie mit sich.

     Unvermittelt schien das Schiff in der Luft zu schweben, dann ertönte ein furchtbares Krachen, und eine riesige Welle brandete über das Deck. Hebe verlor das Gleichgewicht, stürzte und prallte gegen etwas Hartes. Dann fiel sie in die Tiefe. Als sie in der kochenden See aufschlug, spürte sie die Hand des Majors, die ihren Arm noch immer mit eisernem Griff umklammerte. Salzwasser drang ihr in den Mund. Sie konnte nicht mehr atmen und auch nichts mehr sehen. Ich werde ertrinken, schoss es ihr durch den Kopf. Ich werde sterben. Oh Alex!

     Einen Augenblick später fühlte sie seine Hand nicht mehr. Im nächsten Moment wurde sie von ihm unter der Schulter gepackt und über Wasser gehoben. "Atmen!" schrie er. Sie rang nach Luft. "Weiter so", brüllte er. "Halten Sie sich an mir fest! Beten Sie, dass wir nicht ertrinken!"

Hebe kam zu sich und merkte, dass sie den Mund voller Sand hatte. Hustend spuckte sie ihn aus. Beim Atmen tat ihr alles weh. Sie hatte eine wunde Kehle, und ihre Augen waren verklebt. Mühsam hob sie den Kopf und sah, dass sie sich an Land befand.

     Wieso? Mit großer Willenskraft setzte sie sich auf und erinnerte sich, dass sie und der Major im tosenden Unwetter von einer großen Welle über Bord gerissen worden waren. Sie entsann sich, dass er ihr befohlen hatte, sich an ihn zu klammern. Sie wusste jedoch nicht, wie sie ans Ufer gelangt waren.

     "Alex!" schrie sie auf, erhielt jedoch keine Antwort. Irgendwie gelang es ihr, auf die Füße zu kommen. Sie schaute sich um. Der Strand schien sich endlos in beide Richtungen auszudehnen. Der Himmel war bezogen, und es wehte ein rauer Wind. Für Mai war das Wetter viel zu kalt.

     Mit tauben Fingern rieb Hebe sich die wunden, geschwollenen Augen und blickte sich ein weiteres Mal um. Sie sah jedoch nur einen Haufen Treibholz am Rand des Wassers liegen. Oder war es kein Treibholz? Sie stolperte zu der Stelle und entdeckte, dass es sich um einen auf dem Bauch liegenden, reglosen Mann handelte. "Alex!"

     Entschlossen drehte Hebe ihn um und fühlte ihm den Puls. Er schlug nur ganz schwach. "Alex! Wach auf, Alex!" Verzweifelt rüttelte sie ihn an den Schultern. "Verdammt! Wach auf!" schrie sie. "Wage nicht, vor meinen Augen zu sterben!"

     Mit größter Mühe öffnete er die Augen. "Fluch nicht, Circe!" krächzte er. "Das ist nicht damenhaft. Oh, verdammt!" Er drehte sich zur Seite und übergab sich. Hebe hielt ihn fest, bis er aufgehört hatte, sich zu erbrechen. "Entschuldigung."

     "Bist du von Sinnen?" fuhr sie ihn wütend an. "Du hast mir das Leben gerettet. Ich dachte, du seist tot, und jetzt entschuldigst du dich!" Sie brach in Tränen aus.

     "Oh Circe!" Sie hörte ihn gequält auflachen. "Komm! Wir müssen hier weg und ins Trockne, damit du dich nicht zu Tode erkältest." Einander stützend, gelang es ihnen, sich aufzurichten, und langsam stapfte man durch den Sand zu den schützenden Dünen, hinter denen sich eine Lagune erstreckte.

     "Verdammt!" Alex ergriff Hebe bei der Hand. "Ich werde mich umfassend für meine Ausdrucksweise entschuldigen, sobald wir das hier hinter uns haben. Ich befürchte, bis dahin wirst du dich damit abfinden müssen."

     "Hast du eine Ahnung, wo wir sind?" fragte Hebe keuchend.

     "Ja. In Frankreich. Allerdings hätten wir es noch schlechter treffen können. In der Lagune ist Süßwasser. Ich schlage vor, wir stillen unseren Durst und waschen uns das Gesicht. Hätte der Sturm uns näher an der spanischen Küste an Land gespült, wären wir wahrscheinlich an den Klippen zerschmettert worden."

     Nachdem Hebe getrunken und sich das Gesicht gesäubert hatte, fühlte sie sich etwas besser. Sie zitterte jedoch vor Kälte und hatte nagenden Hunger.

     "Kannst du laufen?" Alex zog sie auf die Füße. "Ich wage nicht, dich hier zu lassen. Du könntest erfroren sein, ehe ich zurückkomme."

     "Wohin gehen wir?" Sie zwang sich, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Sie hatte die Schuhe verloren und war barfuß. Zumindest bewegte man sich auf festem Boden und nicht mehr durch weichen Sand.

     "Nach Süden. Nach Spanien."

     "Aber Südspanien ist besetzt."

     "Ich habe Freunde unter den Rebellen. Falls wir über die Grenze gelangen, sind wir in Sicherheit. Wir sind höchstens dreißig Meilen von ihr entfernt."

     "Nur?"

     "Wenn wir Maultiere stehlen können, ist unsere Lage nicht so schlimm. Ich kenne eine Schäferhütte in den Bergen hinter Argelès, und wir werden versuchen, dorthin zu gelangen." Eine Weile trottete man schweigend weiter. Hebe dachte daran, dass die Stiefmutter und Sir Richard annehmen mussten, sie sei tot, und fragte sich, wie sie sich jetzt fühlten.

     "Hat die Fregatte den Sturm überstanden?"

     Alex schaute Miss Carlton an. "Das nehme ich an, falls keine wesentlichen Teile der Takelage geborsten sind."

     Hebe war etwas beruhigt.

     "Falls wir entdeckt werden, Hebe, dann möchte ich, dass du sofort in Deckung rennst und dich gen Süden hältst. Stiehl, was du benötigst, aber lass dich nicht erwischen. Sobald du in Spanien bist, such nach einem Dorf und geh dort zum Bürgermeister. Sag ihm, wer du bist und was geschehen ist. Wenn du Pech hast, fällst du Kollaborateuren in die Hände. Sollte das der Fall sein, dann erklär ihnen mit allem Nachdruck, wie reich Sir Richard ist. Sie werden dich bestimmt lieber von ihm auslösen lassen als den Franzosen übergeben."

     "Und was ist mit dir?" Bestürzt bemerkte Hebe, dass Alex den Uniformrock nicht mehr trug. Er schwieg. "Falls man dich erwischt, wird man dich erschießen, nicht wahr?" Nach einem Moment nickte er widerstrebend. "Und was wird mit mir geschehen? Man wird mich nicht für eine Spionin halten, oder doch?"

     "Nein, Hebe", antwortete Alex rau. "Erst wird man dir Gewalt antun und dich dann töten."

     "Oh", äußerte Hebe betroffen. "Nun, dann werden wir dafür sorgen müssen, dass man uns nicht fasst. Darin hast du doch Übung, nicht wahr? Und bis jetzt bist du immer zurückgekommen."

     "Wenn ich bis auf die Haut durchnässt und erschöpft bin und eine junge Dame bei mir habe, um die ich mich kümmern muss, ist sehr viel mehr Vorsicht vonnöten", erwiderte Alex grimmig. "Ansonsten hast du Recht."

     "Du musst dich nicht um mich kümmern", entgegnete Hebe, und ihre Bemerkung rief bei ihm ein weiteres Lächeln hervor. "Sobald wir Kleidung, Maultiere und etwas zu essen gestohlen haben, wird es leichter werden, glaub mir. Sieh mal, dort am Ende der Lagune ist eine Hütte. Vielleicht finden wir dort etwas Brauchbares für uns."

     "Wirklich, Hebe!" tadelte Alex sie sanft. "Ich finde es schwer zu glauben, dass deine Mutter dir eine so achtlose Einstellung dem Eigentum anderer Leute gegenüber beigebracht hat."

     Hebe war zu erschöpft, um laut lachen zu können, und lächelte nur schwach. Man erreichte die Kate. Die Tür war jedoch versperrt. Ohne zu zögern hob Alex einen Stein auf und schlug damit auf das Schloss, bis sie sich öffnen ließ.

     Die Hütte war schmutzig und stank nach Fisch. Hebe fand indes, sie habe nie etwas so Wunderbares gesehen. In einer Ecke lagen Fischernetze. Schweigend ließen sie und Alex sich darauf fallen, und Hebe war schon eingeschlafen, als er sich neben ihr ausstreckte.