8. Kapitel

 

"Miss Carlton!" Mrs. Wilkins' Stimme durchbrach den Zauber. Mit brennendem Gesicht wandte Hebe sich ab. "Miss Carlton! Wo sind Sie?"

     "Hier, Mrs. Wilkins." Behände rannte Hebe die leicht ansteigende Uferböschung hinauf und winkte. "Ich habe soeben mit Major Beresford geredet."

     Scharf blickte Anna zwischen ihr und ihm hin und her. Dann hakte sie sich bei Hebe ein und schlug den Weg zum Haus ihres Vetters ein. Der Major folgte ihnen in kurzem Abstand. "Es ist Zeit, dass Sie ins Bett kommen. Morgen gelangen wir auf englisches Territorium. Wir müssen bei klarem Verstand sein." Bei der Eingangstür angekommen, drängte Anna Hebe ins Haus. "Gute Nacht, Major."

     "Gute Nacht, Anna. Gute Nacht, Miss Carlton."

     Fragend zog Anna die Augenbrauen hoch, als sie sich mit Miss Carlton in dem Raum befand, in dem sie beide schliefen. "Haben Sie sich mit dem Major gestritten, Miss Carlton?"

     "Er meint, mein Benehmen ihm gegenüber sei förmlich und kalt. Er glaubt, er hätte etwas getan, das mich dazu veranlasst hat. Und dass Sie deshalb eine so strenge Anstandsdame sind. Ich habe ihm gesagt, ich fände es besser, dass wir schon ehe wir in Gibraltar sind nicht mehr den Eindruck erwecken sollten, gut miteinander befreundet zu sein. Und dann hat Major Beresford geäußert, er fände mich attraktiv, und … oh, Mrs. Wilkins! … ich weiß nicht, wie das passiert ist, aber plötzlich haben wir uns angesehen, und …"

     "Sie haben festgestellt, dass sie ihn lieben?" fragte Mrs. Wilkins trocken.

     "Das wusste ich bereits", antwortete Hebe. "Ich habe das schon auf Malta begriffen. Gott sei Dank ist der Brief von Lady Clarissa jedoch eingetroffen, ehe ich etwas tun oder sagen konnte, wodurch der Major den Eindruck hätte gewinnen können, ich würde nicht nur mit ihm flirten. Er liebt Lady Clarissa. Aber wie Sie neulich gesagt haben, bin ich hier, und sie ist nicht da. Und er ist ein Mann, der mich attraktiv zu finden scheint, obwohl niemand das je getan hat. Ich war unscheinbar. Ich bin unansehnlich. Nur er hat mir das Gefühl vermittelt, etwas Besonderes zu sein. Ich war die Art Frau, die eine gute Freundin ist, eine nette Person. Nichts Besonderes, keine Ausstrahlung. Jeder Mann hat mir seine Probleme anvertraut, aber nie gedacht, ich könnte interessant sein. Mama hat mir dauernd vorgehalten, wie schade es sei, dass ich nicht hübsch bin."

     "So ein Unsinn! Hören Sie mir gut zu! Sie haben eine reizende Ausstrahlung, und Sie sind eine liebenswerte Person. Aber für einen Mann, der Sie liebt, werden Sie eine schöne Frau sein, besonders dann, wenn er mit Ihnen intim ist."

     "Ja, aber Major Beresford kann nicht mit mir intim werden!" entgegnete Hebe, legte sich zu Bett und deckte sich zu. "Er wird die Frau heiraten, die er liebt. Nur weil er mich begehrt, heißt das doch noch lange nicht, dass ich mir Hoffnungen machen darf, nicht wahr?"

     "Nein, leider nicht." Anna seufzte, legte sich in das andere Bett und löschte das Licht. "Der Ärger mit den Männern ist, dass alle von ihrem … Nun ja, Gute Nacht, Miss Carlton. Morgen, wenn der liebe Gott es nicht anders will, werden Sie bei Ihrer Mama sein."

 

Der folgende Tag verlief so wie die vergangenen Tage, und Hebe konnte es kaum glauben, als plötzlich eine Gruppe englischer Reiter vor ihnen auftauchte. Alex sprach mit dem jungen Lieutenant. Sie konnte nicht verstehen, was geredet wurde. Der Offizier blickte jedoch mehrmals zu ihr hin und nickte wiederholt. Dann kam Alex zu ihrem Karren und lächelte zum ersten Mal an diesem Tag. "Die Fregatte ist sicher im Hafen eingelaufen. Ihre Stiefmutter, Miss Carlton, und Sir Richard sind in Sicherheit. Sie trauern jedoch um Sie." Hebe lehnte sich an Mrs. Wilkins' Schulter und brach in Tränen aus. Geduldig wartete Alex, bis sie sich gefasst hatte und ihn gequält anlächelte. "Lieutenant Farthing hat sich erboten, einen Mann vorauszuschicken, der die Neuigkeit überbringen soll. Sie wissen am besten, wie Ihre Stiefmutter reagieren wird. Ist es besser, dass ein Fremder ihr rasch die gute Botschaft mitteilt? Oder wollen Sie warten, bis Sie Lady Latham selber sehen?"

     "Nein, bitte, lassen Sie sie vorher benachrichtigen." Hebe wandte sich an den Offizier, der an den Wagen geritten kam, um ihre Entscheidung zu hören. "Bitte, Lieutenant Farthing, lassen Sie es meine Mutter wissen. Ich wäre Ihnen so dankbar."

     Der Lieutenant rief einen Kavalleristen zu sich. "Reiten Sie zu Sir Richard und richten Sie ihm aus, seine Stieftochter sei in Sicherheit und in guter Gesellschaft. Sie wird innerhalb der nächsten beiden Stunden bei ihm sein. Wenden Sie sich nur an Lady Latham, wenn Sie Sir Richard nicht finden können. Stellen Sie dann sicher, dass ihre Zofe bei ihr ist, ehe Sie ihr die Neuigkeit mitteilen. Sie könnte nämlich ebenso erschütternd sein wie eine schlechte, wenn die Dame nicht darauf vorbereitet ist."

     Der Kavallerist salutierte, trat seinem Pferd in die Flanken und ritt davon.

     "Ich kann noch einen Reiter mit Ihnen schicken, Major. Ich bedaure jedoch, dass ich nicht so viele Pferde erübrigen kann, damit Sie alle eins haben. Die vor Ihnen liegende Straße ist indes ganz sicher." Er wandte sich um. "Peters! Eskortieren Sie den Major und seine Begleiterinnen in die Stadt. Meinen Glückwunsch, Madam, zu Ihrer sicheren Rückkehr!"

     Die kurze Strecke in die Sicherheit kam Hebe endlos vor, auch wenn ihr die Sorgen um die Stiefmutter genommen worden waren. Wie schnell würde der Kavallerist bei Sir Richard sein? Wie lange würde es dauern, um Sara zu finden? In welcher gesundheitlichen Verfassung würde sie nach der Seereise und dem Schock über den anscheinenden Tod der Stieftochter sein?

     Hebe wollte mit Alex reden, ihm alle diese Fragen stellen, von denen er keine hätte beantworten können, einfach nur, um aus dem Gespräch mit ihm Trost schöpfen zu können. Er wurde ihr gegenüber jedoch von Schritt zu Schritt kälter und distanzierter. Er war wieder der Mönch, mit dem sie ihn anfangs verglichen hatte, und der Alex, den sie in den vergangenen Tagen kennen gelernt hatte, schien sich ihr entzogen zu haben.

 

Der Kavallerist hatte seine Sache gut gemacht. Als man am Stadttor eintraf, wurde man bereits erwartet und zu einer Kutsche gebracht. Hebe erfuhr, dass man zur Stadtresidenz des Gouverneurs gefahren werden sollte, wo ihre Stiefeltern wohnten. Nach der Ankunft vor seinem Haus wurde der Wagenschlag geöffnet, und Hebe hatte kaum die Chaise verlassen, als sie von der weinenden Lady Latham in die Arme geschlossen wurde.

     Sie hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, als sie mit der Stiefmutter in einem eleganten Salon saß. Die immer noch Trauer tragende Lady Latham tupfte sich abwechselnd die Augen aus, küsste Hebe und umklammerte die Hand des neben ihr stehenden Sir Richard, der sie und die Stieftochter anstrahlte.

     "Wo sind A… Major Beresford und Mrs. Wilkins?" fragte Hebe verwundert.

     "Der Major ist draußen, weil er dachte, du wolltest mit uns allein sein. Wie rücksichtsvoll! Aber wer ist Mrs. Wilkins?"

     "Die Spanierin, die uns begleitet hat. Sie ist die Witwe eines Sergeanten, der unter Beresford gedient hat. Sie hat Verbindung zu den spanischen Partisanen. Nachdem der Major und ich an Land geschwemmt worden waren, hat sie uns bei sich aufgenommen. Ich habe im Haus ihres Bruders gewohnt, bis wir hierher aufbrechen konnten."

     "Sie hat also die ganze Zeit auf dich Acht gegeben?" wollte Sara wissen.

     "Ja. Vom ersten Tag an, den ich in Spanien war", antwortete Hebe und überkreuzte zwei Finger. "Es war ein solches Glück, dass der Major und ich uns in Spanien befunden haben, wo er unter den Freiheitskämpfern viele Verbindungen hat."

     "Dem Himmel sei Dank!" Erleichtert schloss Sara die Augen. "Das alles muss eine schreckliche Strapaze für dich gewesen sein, meine liebe Hebe. Ist Mrs. Wilkins eine respektable Person? Ich meine, sie ist doch keine Marketenderin?"

     "Du liebe Güte, nein! Sie ist eine sehr ehrenwerte Frau. Sie hat sich uns aus Achtung für Major Beresford angeschlossen. Er legte den größten Wert darauf, dass ich eine Anstandsdame hatte."

     Sara tauschte einen Blick mit ihrem Gatten. Sir Richard nickte und schlenderte zur Tür. "Ich lasse euch einen Moment lang allein", kündigte er an und verließ den Raum. Man hörte die Stimmen von Männern, die sich langsam entfernten. Zweifellos hatte der Commodore ein offenes Gespräch mit Alex, der Gott sei Dank imstande war, ihm guten Gewissens Auskunft zu geben, abgesehen von dem genauen Ort, wo man an Land geschwemmt worden war.

     "Ich habe erst erfahren, dass du über Bord gegangen warst, als das Unwetter etwas nachgelassen hatte und ich wieder klar denken konnte", sagte Sara. "Richard und ich haben uns an die Hoffnung geklammert, dass du überlebt hättest, und natürlich auch an die, Major Beresford habe sich mit dir retten können."

     "Er war wunderbar", erwiderte Hebe ehrlich. "Ich wäre ertrunken, hätte er mich nicht davor bewahrt."

     "Er ist wirklich ein bewundernswerter Mann, und es kann einem leid tun, dass … Gleichviel, es hat keinen Sinn zu jammern. Ich bin sicher, Lady Clarissa ist eine sehr gute Partie für ihn."

     "Und wie geht es Maria?" fragte Hebe nun, um nicht über Lady Clarissa reden zu müssen.

     "Sie hat Heimweh und wird bei der ersten Gelegenheit nach Malta zurückkehren."

     Sir Richard kam wieder in den Salon. Er lächelte und sah entspannt aus. Hebe bemerkte, dass er seiner Gattin einen beruhigenden Blick zuwarf, und wusste, das Gespräch mit Alex hatte ihm die Sorgen genommen.

     "Wo ist der Major?" erkundigte sich Sara. "Ich habe mich noch nicht gebührend bei ihm bedankt."

     "Er ist zum General gegangen, meine Liebe, um ihm Bericht zu erstatten. Man wird ihn gewiss nach Wissenswertem ausfragen, nachdem er tagelang mit den Partisanen durch Spanien gezogen ist."

     Hebe bezwang den Drang, in Tränen auszubrechen. Sie wollte mit Alex reden, mit ihm allein sein. Jetzt war er fort, und noch hatten sie sich nach dem dummen Streit nicht versöhnt.

     "Wir sollten Mrs. Wilkins suchen", schlug Sara vor. "Weißt du, Hebe, ob sie unverzüglich heimkehren möchte? Könnten wir ihr dabei behilflich sein, Richard? Oder möchte sie noch eine Weile bleiben? Ich würde ihr so gern meine Dankbarkeit bekunden."

     Da Mrs. Wilkins sich ihren Worten zufolge einen gut aussehenden Sergeanten suchen wollte, würde sie gewiss nicht sofort abreisen wollen. "Ich glaube, sie wird noch einige Zeit hier bleiben", antwortete Hebe.

     Sara stand auf, und man machte sich auf die Suche nach Anna. Man traf sie im nächsten Zimmer an. "Ich kann nicht zum Ausdruck bringen, Mrs. Wilkins, wie sehr ich zu schätzen weiß, was Sie für meine Stieftochter getan haben. Es erleichtert mich ungemein, zu wissen, dass sie in der Obhut einer respektablen Frau war. In Anbetracht der Umstände, die Sie sich gemacht haben, und der Gefahr, in der Sie vielleicht waren, sind wir Ihnen sehr verpflichtet."

     "Vielen Dank, Mylady. Ich habe Miss Hebe sehr gern und schätze Major Beresford. Ich musste behilflich sein."

     "Wir alle hoffen, dass Sie noch einige Wochen bei uns verbringen werden, Mrs. Wilkins", fuhr Sara fort.

     Hebe war so erschöpft, dass sie schwankte. Mrs. Wilkins ergriff sie am Arm und drückte sie sacht in einen Sessel. "Sie ist sehr abgespannt, Lady Latham. Das Meer, die Angst, die lange Reise und ihre Sorge um Sie. Da sie jetzt nicht mehr durchhalten muss, wird Sie viele Stunden schlafen."

     "Oh je! Daran hätte ich denken müssen", meinte Sara betroffen. "Ich werde meine Zofe rufen, und dann bringen wir dich ins Bett, Hebe."

     "Das kann ich machen, Mylady", schlug Anna vor. "Auch Sie brauchen Ruhe. Miss Hebe ist an mich gewöhnt. Zeigen Sie mir bitte ihr Zimmer. Dann kümmere ich mich um sie."

     Hebe wurde in einen kühlen, luftigen Raum geführt, dessen Fensterläden geschlossen waren, um die Nachmittagssonne abzuhalten.

     "Sie werden bleiben, Mrs. Wilkins?" erkundigte sich Hebe.

     "Oh ja!" antwortete Anna und begann, ihr beim Auskleiden zu helfen. "Ich glaube, Sie werden mich brauchen. Mein Bruder kann eine Weile ohne mich auskommen. In unserem Dorf gibt es eine Witwe, die ihm eine sehr gute Ehefrau wäre. Solange ich dort war, hat er sich jedoch nicht aufraffen können, ihr den Hof zu machen."

     "Ich freue mich, dass Sie noch nicht fortwollen", sagte Lady Latham. "Ich möchte Sie nicht kränken, bin jedoch sicher, dass Sie nicht viel Geld bei sich haben. Würden Sie in Betracht ziehen, die Gesellschafterin meiner Stieftochter zu sein, solange Sie bei uns sind? Ich würde Ihnen selbstverständlich das gleiche Honorar zahlen, das ich in England einer für diesen Posten geeigneten Frau bewilligen müsste."

     "Oh ja, Mylady!" stimmte Anna zu. "Vorausgesetzt, Ihre Stieftochter ist einverstanden." Da Hebe heftig nickte, fuhr Anna fort: "In diesem Fall bleibe ich so lange, wie Miss Carlton mich braucht."

     "Ausgezeichnet! Dann ist die Sache abgemacht."

 

Am Vormittag setzte Hebe sich ausgeruht auf das Sofa in dem vergitterten, umrankten Söller. Mrs. Wilkins ließ sie allein, um Erfrischungen zu holen. Ein Weilchen später erschien ein Bediensteter und kündigte an, Major Beresford wünsche sie zu sprechen.

     "Führen Sie ihn bitte zu mir. Mrs. Wilkins wird gleich wieder hier sein."

     Hebe lehnte sich gegen die Polster und setzte eine gelassene Miene auf. Dann kam der Diener zurück und kündigte den Major an. Anschließend wurde die Tür wieder geschlossen.

     "Miss Hebe?"

     "Ich bin hier auf dem Söller", antwortete sie.

     Alex ging zu ihr. Er trug eine tadellos sitzende Uniform. "Guten Morgen", begrüßte Hebe ihn lächelnd. "Wie ich sehe, haben Sie Ihr Schiffsgepäck bekommen. Bitte nehmen Sie Platz." Sie war stolz auf ihre äußere Ruhe. Niemand konnte ahnen, dass ihr das Herz zum Zerspringen klopfte.

     Alex setzte sich ihr gegenüber in einen Sessel und streckte die langen Beine aus. "Wie geht es dir, Circe?"

     "Danke, sehr gut. Aber Sie sollten mich nicht mehr so nennen."

     "Nein, das sollte ich wohl nicht", stimmte er zu. "Aber ich befürchte, dass ich keine weitere Gelegenheit mehr haben werde."

     "Wieso nicht?" Jäh richtete Hebe sich auf. "Sie werden uns doch bestimmt besuchen kommen? Es würde einen seltsamen Eindruck machen, wenn Sie es nicht täten."

     "Ich segle morgen nach England ab und bin gekommen, um Ihnen Lebewohl zu sagen."

     Wie hatte er das in diesem beiläufigen Ton äußern können? "Morgen?" wiederholte Hebe leichthin und ermahnte sich im Stillen, nicht zu weinen. "Du meine Güte, geht das schnell! Sie haben Ihren Vorgesetzten doch gewiss viel zu sagen."

     "Ich habe ein chiffriertes Tagebuch geführt und ihnen die halbe Nacht lang Bericht erstattet." Ernst schaute Alex Hebe an. "Es lagen Befehle für mich vor. Ein nach Portsmouth fahrendes Schiff ankert im Hafen. Es sticht morgen mit der ersten Flut in See."

     "Sie müssen zufrieden sein. Wie lange ist es her, seit Sie zum letzten Mal in England waren?" Ohne die Antwort abzuwarten, fuhr Hebe fort: "Wie glücklich Ihr Vater und Ihr Bruder und natürlich auch Lady Clarissa sein werden."

     "Ja, es ist ziemlich lange her, seit ich meine Angehörigen und Lady Clarissa gesehen habe", bestätigte Alex.

     "Ich nehme an, in den Zeitungen wird man bald Ihre Hochzeit angekündigt sehen", vermutete Hebe und schaute Alex an. Sie war sicher, ein Fremder hätte ihr nicht angemerkt, was in ihr vorging, doch Alex kannte sie zu gut. "Sie scheinen überrascht zu sein", sagte sie leichthin.

     "Nein, natürlich nicht."

     "Lady Clarissa wird von dem Moment an, da sie ihre Entscheidung getroffen hat, mit den Hochzeitsvorbereitungen befasst gewesen sein", meinte Hebe und lachte leise auf. "Welche Frau würde das nicht tun? Sie und ihre Mutter werden bereits alle Einzelheiten festgelegt haben. Sie, Sir, werden in dieser Angelegenheit nichts mehr zu sagen haben."

     Die Salontür wurde geöffnet und wieder geschlossen. Auf Zehenspitzen ging Anna zu einem neben dem Zugang zum vergitterten Söller stehenden Sessel. Wenn sie aufstand und um die Wand lugte, konnte sie Hebe und den Major sehen. Damit war die Aufsichtspflicht hinlänglich erfüllt.

     Hebe betrachtete Alex und hatte das Gefühl, ihm zum ersten Mal zu begegnen. Sie hatte sich sehr schnell an sein gutes Aussehen gewöhnt. Seine Attraktivität war indes ein Detail, das ihre Gefühle für ihn nur unwesentlich beeinflusste. Da sie jetzt wusste, dass sie ihn verlieren würde und ihn aller Wahrscheinlichkeit nach zum letzten Mal sah, prägte sie sich alle Einzelheiten seines Äußeren gut im Gedächtnis ein. Sie erinnerte sich an seinen kräftigen Körper, der an sie geschmiegt gewesen war, und sehnte sich danach, von ihm berührt zu werden. Alles in ihr verlangte nach ihm. Sie senkte die Lider, entsann sich seines nackten Leibes und riss erschrocken die Augen auf.

     "Zweifellos haben Sie Recht", meinte er und stand auf.

     Recht? In welcher Hinsicht? Hebe entsann sich nicht, was sie zuletzt gesagt hatte. Nun würde er aus ihrem Leben verschwinden. Sie musste etwas äußern, ihn ein letztes Mal küssen.

     Im Salon wurde ein Sessel bewegt. Das genügte als Warnung. Hebe erhob sich und reichte Alex die Hand. "Auf Wiedersehen, Major Beresford. Sie wissen, wie ich über das denke, was Sie für mich getan haben. Ich kann das nie wieder gutmachen. Ich wünsche Ihnen viel Glück."

     Er ergriff ihre Hände und hob sie zum Kuss an die Lippen. "Auf Wiedersehen, meine Circe. Geben Sie gut Acht, wen Sie das nächste Mal verzaubern. Ich glaube, Sie wissen nicht, welche Macht Sie haben."

     Und dann war Alex für immer aus Hebes Leben verschwunden.