10. KAPITEL

Der Montagmorgen begann mit einer Reihe von Besprechungen. Bewaffnet mit Kaffee und der Erkenntnis, dass Ray Recht gehabt hatte, begab sich Kenna zum ersten Meeting. Obwohl sie diese Arbeit schon irgendwie anregend fand und sie auch eine Herausforderung für sie darstellte, fehlte irgendetwas.

     Sie trank zwei Tassen starken Kaffee und versuchte sich einzureden, sie sei in eben diesem Augenblick ganz unwahrscheinlich leidenschaftlich. Und dass heute der Tag sei, an dem sie diesem Unternehmen ihren Stempel aufdrücken würde.

     Sie saß am Konferenztisch, als alle anderen nach und nach zur letzten Besprechung über die Renovierungsarbeiten hereinkamen.

     "Es läuft alles glatt", sagte Wes, als er sich setzte. "Wir haben nur noch zwei Etagen, die derzeit nicht beziehbar sind für Gäste, und auch das wird sich bald ändern."

     Er trug einen dunkelgrauen Anzug heute, was nicht weiter überraschend war für Kenna. Er sah sie durch seine Brille an, während er sein Jackett ablegte. Und kanarienvogelgelbe Hosenträger freilegte.

     Kenna grinste breit und hatte plötzlich eine Idee.

     "Die Maler und Mr. Mallory haben sich schließlich in allen Punkten geeinigt, und die Arbeit beginnt heute auf beiden Etagen, die, wie Sie sicher wissen, in Suiten aufgeteilt sind."

     Kenna wusste plötzlich, was dem Hotel fehlte. "Haben wir Suiten mit themenbezogener Einrichtung?"

     Alle sahen sie an, und sie lächelte. "Sie wissen schon, so wie ein Sportthema oder ein Filmthema oder eine Partysuite. Sie könnten damit Familien anlocken, Vereine. Und bedenken Sie, was eine Flitterwochensuite für frisch Vermählte wäre!" sprudelte sie aufgeregt los. "Wir könnten ein jungfräuliches Dekor wählen oder …", sie grinste "… ein nicht ganz so jungfräuliches."

     "Ich weiß nicht, ob das sinnvoll wäre", sagte Wes.

     Kenna blickte sich um und sah reihenweise entgeisterte Gesichter.

     "Unsere Klientel …"

     "Hat nichts mit jungfräulichem Dekor im Sinn." Sie seufzte. "Richtig. Ich wusste es." Kenna legte ihren Stift hin und lehnte sich zurück.

     Kaum zu glauben, dass sie eben noch entschlossen gewesen war, dem Hotel auf die eine oder andere Weise ihren Stempel aufzudrücken. Oder zumindest einen soliden Schritt nach vorn zu tun, ohne dass es zu einer Konfrontation mit ihrem konservativen Vater kam.

     Aber sie wusste jetzt, das würde nicht geschehen, und ihre Leidenschaft erlosch so blitzartig, wie sie erwacht war.

An diesem Abend schaute Wes kurz bei Kenna vorbei, bevor er nach Hause ging. Sie beobachtete ihn, als er eine Akte auf ihren Schreibtisch legte. "Was ist das?"

     "Die Kostenplanungen für das nächste Quartal. Ich dachte, Sie würden sie sich gern mal ansehen."

     Liebend gern. Aber sie war es leid, immer mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen. Sie tippte auf die Akte. "Warum sollte ich?"

     "Wie meinen Sie das?"

     "Und wenn mir nun ein Einfall käme, während ich sie lese? Mir scheint, dass dieses Unternehmen nicht sehr aufgeschlossen ist für neue Ideen."

     "Das kann ich von mir nicht sagen."

     "Bitte." Sie konnte nur mühsam den Impuls beherrschen, ihre Augen zu verdrehen.

     "Nein, wirklich nicht", beharrte er, und dann atmete er tief aus. "Okay, der Gedanke widerstrebte mir, dass Sie hier arbeiten. Das habe ich ja an Ihrem ersten Tag schon zugegeben."

     "Weil Sie diesen Posten für sich wollten."

     "Freilich wollte ich ihn für mich. Aber nun teilen wir uns ihn, und das ist in Ordnung für mich."

     "Vorläufig."

     "Im Moment. Hören Sie, Sie tun Ihre Arbeit, und ich respektiere jeden, der so hart arbeitet wie Sie", erklärte Wes.

     "Wirklich?"

     "Ja." Er begann rückwärts aus ihrem Büro hinauszugehen. "Auch wenn es nichts nützt – ich mochte Ihre Idee mit den themenbezogenen Suiten."

     "Bis ich zu der Flitterwochensuite kam, meinen Sie."

     Seine Augen funkelten. "Ich konnte mir nur nicht vorstellen, dass der Vorstand Handschellen und vibrierende Betten gutheißen würde."

     Kenna zog eine Augenbraue hoch. "Von Handschellen und vibrierenden Betten habe ich nichts gesagt."

     Wes grinste. "Aber Sie haben daran gedacht."

     "Und Sie anscheinend auch." Jetzt musste auch sie grinsen. "Der stockkonservative Mr. Weston Roth hat sündige Gedanken über Handschellen und Massagebetten. Sie sind ein interessanter Mann."

     "Schockierend, nicht wahr?"

     Kenna stand auf und ging um ihren Schreibtisch herum, so dass sie sich nun direkt gegenüberstanden. "Das ist in der Tat sehr schockierend."

     "Und übrigens … ich bin nicht stockkonservativ." Plötzlich klang seine Stimme nicht mehr sachlich, sondern eigenartig rau. "Ich bin definitiv nicht so engstirnig, wie Sie zu glauben scheinen."

     "Das ist gut zu wissen." Sie schob einen Finger unter seine Hosenträger und ließ sie leicht gegen seine Brust schnappen. "Sie tragen Gelb. Ich bin beeindruckt."

     "Mein Beitrag zu dem Farbtupfer für heute." Er strich mit einem Finger über ihre leuchtend rote Kostümjacke.

     Erst heute Morgen, in ihrem Hotelzimmer vor dem Spiegel, hatte sie sich gewundert über ihr Bedürfnis, etwas so Auffallendes zu tragen, über ihren Wunsch, aus all dem Schwarz und Grau hervorzustechen. Was sagte es über sie aus, dass sie von allen anderen erwartete, sich nach ihren Wünschen zu richten, nach dem, was sie wollte, sie aber ihrerseits noch nie in Betracht gezogen hatte, sich selbst in irgendeiner Weise anzupassen? "Das freut mich", erwiderte sie.

     "Ich weiß."

     Die Luft schien plötzlich zu knistern, und dadurch ein wenig unsicher geworden, trat Kenna einen Schritt zurück.

     Auch Wes trat einen Schritt zurück. "Gute Nacht."

     "Gute Nacht." Sie hielt den Atem an, bis er gegangen war.

 

Ein paar Tage später brauchte Wes die Akten, die er Kenna überlassen hatte, und während er wieder mal zu ihrem Büro hinüberging, fragte er sich, welche Farbe sie wohl heute trug.

     Er verstand sich wirklich langsam selbst nicht mehr.

     "Kann ich dir helfen?" fragte eine ihm vertraute Stimme.

     Serena, die Männerjägerin. "Nein. Ich suchte nur gerade …"

     "Mich?" Ihr Lächeln war weich und einladend. "Nun, ich bin doch hier, da brauchst du gar nicht lange zu suchen."

     "Eigentlich suchte ich Kenna."

     "Oh", seufzte sie. "Ich sah sie eben gerade zu den Aufzügen gehen. Ich glaube, sie wollte irgendwo etwas zu Mittag essen."

     Er ging ihr nach. Er hatte keine Ahnung, warum, denn es war ja schließlich nicht so, als würde sie seine Akten bei sich tragen.

     Als er auf den in der Mittagshitze liegenden Parkplatz trat, erblickte er sie sofort.

     Sie trat gegen ihren Wagen. Gegen den linken Hinterreifen, um genau zu sein. Den linken platten Hinterreifen.

     "Es wäre besser, ihn aufpumpen zu lassen, statt noch mehr Luft hinauszutreten", bemerkte er.

     Kenna fuhr zu ihm herum und sah ihn an. Weg war die freche, selbstbewusste Frau, die ihn verrückt machen konnte mit ihrem selbstbewussten Lächeln. Stattdessen las er Gefühle in ihrem Blick, die ihn zutiefst betroffen machten. Verzweiflung, Frustration und eine Verwundbarkeit, die er nie zu sehen erwartet hätte bei dieser Frau, die alles zu haben schien.

     "Was ist?" Er rechnete schon fast damit, dass sie ihm erzählen würde, jemand habe ihren Hund getreten oder habe eine halbe Million Steuerschulden. "Was haben Sie?"

     "Nichts." Er sah, dass sie sich zusammenriss und im Bruchteil von Sekunden jegliche Emotion vor ihm verbarg. Die bezaubernde Verwundbarkeit war nicht mehr da.

     "Brauchen Sie Hilfe?" fragte er.

     "Danke, ich komme schon damit zurecht."

     "Sie wissen also, wie man einen Reifen wechselt?"

     "Nein. Aber mich mit Ihnen zu beschäftigen, beansprucht zu viel Energie, und die ist mir gerade ausgegangen."

     "Wie darf ich das verstehen?"

     "Das heißt, dass ich jetzt gerade keine Lust habe, die Starke zu spielen, Wes. Bitte gehen Sie einfach."

     Sie wollte nicht die Starke spielen? War es das, was sie die ganze Zeit mit ihm gemacht hatte? "Kenna …"

     "Hören Sie, ich bin genau das, was Sie von mir denken, klar? Ein verwöhntes Balg, das seinen Vater ausnutzt. Also gehen Sie nur, und überlassen Sie mich meiner Verwöhntheit."

     "Ah, eine Mitleidsparty. Ja", sagte er, als sie den Kopf hob und ihn finster ansah, "das ist es, was Sie tun, Sie feiern eine gute alte Mitleidsparty."

     "Tja, einige von uns werden zu einem hoffnungslosen Fall bei einem Platten. Oder zumindest die, die ihre Automobilclubbeiträge nicht entrichtet haben."

     "Ich weiß, wie man einen Reifen wechselt."

     "Und das wäre mir womöglich sogar eine Hilfe … wenn ich ein Reserverad hätte."

     Er seufzte. Warum, zum Teufel, war er bloß herausgekommen? "Ich könnte Sie irgendwohin fahren."

     "Nein."

     Langsam nickte er und wandte sich dann ab. Wenn sie unbedingt allein damit fertig werden wollte, auch gut. Besser noch als gut. Er würde einfach …

     "Also gut", sagte sie und seufzte laut.

     Er drehte sich wieder zu ihr um. "Also gut – was?"

     "Wenn Sie unbedingt den edlen Ritter spielen wollen, dann wäre es ganz gut, wenn Sie mich fahren würden."

     Nein, sagte die Stimme die Vernunft. Du liebe Güte, nein. Renn weg, so schnell du kannst, und sieh dich nicht mehr um. "Ja", sagte ein gänzlich anderer Teil von ihm. "Wohin?"

     "Ich weise Ihnen die Richtung, während wir fahren."

Wes öffnete die Beifahrertür seines Wagens für Kenna. Sie hatte den dunkelgrünen Jaguar, der neben ihrem Wagen parkte, schon oft bewundert. "Schönes Auto."

     "Wie Sie sehen, ist er nicht schwarz."

     Sie wollte nicht mit ihm lachen. Nicht heute. "Es wird nicht lange dauern."

     "Kein Problem, solange wir uns ein paar Minuten Zeit zum Lunch nehmen."

     Das war auch praktisch alles, was sie vorgehabt hatte. Nur irgendwo rasch etwas zu essen, egal was, solange es etwas Leckeres, Kalorienreiches war, mit einer ordentlichen Portion Pommes frites dabei.

     Und dann hatte sie auch noch rasch bei Sarah vorbeifahren wollen, um ihr das Geld für das Benzin zu geben. Sie hatte es schon am Wochenende tun wollen, es dann aber aus irgendeinem Grund verschoben. Aber sie wollte es nicht länger aufschieben, sie wollte alle ihre Schulden zurückzahlen.

     Sie blickte zu Wes hinüber, der ein bisschen so aussah, als bedauerte er sein Angebot bereits. "Ich werde Sie schon nicht beißen."

     "Nicht Sie waren es, was mich beunruhigte", murmelte er und setzte langsam rückwärts aus der Parklücke. "Wohin?"

     "Ein Strand auf den Bahamas wäre nicht schlecht." Sie bemühte sich um einen lockeren Ton, während ihre Gedanken rasten und sie versuchte, sich an den Weg zum Jugendzentrum zu erinnern. Es war schon eine ganze Weile her, seit ihr vor Sarahs Haus der Sprit ausgegangen war.

     "Ist es das, was Sie tun, wenn Sie sich entspannen wollen? An einem Strand herumliegen und sich Hautkrebs holen von der Sonne?"

     Das letzte Mal, als sie tatsächlich Zeit gehabt hatte, irgendwo herumzuliegen, war in ihrer Kindheit gewesen, aber sie hatte sehr angenehme Erinnerungen daran, wie sie in der Sonne gebraten hatte, um eine schöne Bräune zu bekommen. "Oh ja", zog sie ihn auf. "Ich liege fortwährend an irgendeinem Strand herum. Ich wage kaum zu fragen – aber was wäre denn Ihr idealer Urlaub?"

     "Etwas Abenteuerlicheres als Sonnenbaden." Er hielt an einer roten Ampel. Bikini tragende Frauen und braun gebrannte Männer überquerten die Straße und gingen zum Strand.

     Kenna lehnte sich zurück und blickte aus dem Fenster. "Wahrscheinlich sind Sie einer von denen da." Sie deutete auf die Menge. "Der Mann, der die Bikini-Schönheiten in helle Aufregung versetzt, indem er während eines Volleyballspiels mit Sand wirft oder ihnen vielleicht auch nur mit seiner Surftechnik die Sicht blockiert."

     Wes lachte. Dass er Abenteuergeist besaß, gefiel ihr, obwohl sie das natürlich niemals zugeben würde. "Gut, dass wir nichts Dummes tun", bemerkte sie.

     "Wie was?"

     "Wie miteinander auszugehen zum Beispiel."

     Er presste die Lippen zusammen. "Ja."

     Sie fuhren eine Weile schweigend weiter. Kenna hätte sonst was dafür bezahlt, um seine Gedanken zu lesen. Ihre Gedanken waren immer noch bei dem, was sie gerade gesagt hatte – beim Ausgehen mit Wes.

     Er erfüllte sie zugleich mit Schrecken und mit Sehnsucht. "Biegen Sie jetzt rechts ab. Und nun links." Sie biss sich auf die Lippe und versuchte, sich zu erinnern. "Ich kenne mich hier nicht gut aus."

     "Ich schon." Seine Stimme klang grimmig. "Was suchen Sie?"

     "Dort drüben ist es." Erleichtert sah sie, dass sie sich dem Jugendzentrum näherten. "Halten Sie bitte dort an."

     Wes wirkte nicht gerade begeistert. "Das ist keine …"

     "Es ist das Haus dort an der Ecke."

     "Kenna …"

     "Halten Sie den Gedanken fest", sagte sie rasch. Kaum bremste er, sprang sie heraus, aber da sie nicht wollte, dass er ihr folgte, blickte sie durch das offene Fenster noch einmal in den Wagen.

     Wes' Haar war vom Wind zerzaust, sein Blick verriet, wie unbehaglich er sich fühlte.

     "Ich bin sofort wieder da", beruhigte sie ihn.

     Zu ihrer Überraschung streckte er die Hand aus und schloss sie um ihr Handgelenk. Seine Finger waren lang und kräftig, und Kenna betrachtete seine große, etwas schwielige Hand auf ihrer glatten Haut.

     "Das ist keine gute Gegend", sagte er.

     "Ich beeile mich." Sie riss sich los und ging zum Haus. In Erinnerung an Sarahs Großzügigkeit hatte sie einen Zwanzigdollarschein eingesteckt. Sie befürchtete, dass Sarah das Geld nicht annehmen würde, wodurch sie nach wie vor in ihrer Schuld stehen würde.

     Unabhängigkeit war für Kenna das Wichtigste geworden in den vergangenen Jahren. Und diese Unabhängigkeit war ohnehin schon sehr gefährdet, seit sie den Job im Hotel ihres Vaters angenommen hatte. Sie wusste sehr wohl, dass sie auf Grund ihrer eigenen Verdienste und Erfahrung einen solchen Posten nie hätte erlangen können, oder zumindest im Moment noch nicht.

     Und dann war da noch dieser Mann, der in seinem Wagen saß und sie ansah, als wäre sie irgendetwas zwischen einem Kreuz, das er zu tragen hatte, und einem Leckerbissen, den er gern probieren würde. Ob es ihm bewusst war oder nicht, sie schuldete auch ihm etwas. Ihres Wissens nach hatte er sich, trotz seines Ärgers über den geteilten Posten und seiner Zweifel an ihren Fähigkeiten, nicht bei ihrem Vater über sie beschwert und nichts anderes getan, als sie so zu akzeptieren, wie sie war.

     Sarah öffnete die Tür und lächelte vor Überraschung. "Kenna! Wie schön, Sie zu sehen. Und ich freue mich, dass Sie so gut aussehen." Ihr Lächeln wurde noch strahlender, als sie Kennas fließendes langes Kleid begutachtete, das vielleicht ein kleines bisschen sexy war, weil der Stoff an ihrem Körper klebte, aber im Grunde eher dezent. "Mir gefällt Ihr neuer Look."

     Dank meines früheren Rabatts bei "Nordstrom", hätte Kenna beinahe erwidert, denn es verblüffte sie noch immer, dass Leute den vollen Preis für solche Dinge zahlten. Stattdessen reichte sie Sarah den Zwanzigdollarschein. "Ich wollte nur …"

     "Kommen Sie herein. Ich hoffe, Sie haben Zeit für ein Glas Eistee?"

     Kenna reichte ihr das Geld erneut. "Das ist für Sie."

     "Auf keinen Fall."

     "Aber natürlich!" Sie schwenkte den Schein, denn Sarah sah ihn nicht mal an. "Bitte nehmen Sie es."

     "Was ich brauchen könnte, Kenna, falls Sie helfen wollen, ist Ihre Zeit."

     "Ich habe eine neue Stelle, und sie nimmt fast meine gesamte Zeit in Anspruch …"

     "Ich habe gerade ein junges Mädchen hier", sagte Sarah. "Sie ist achtzehn und verkauft sich schon."

     Kennas Herz sank. "Für Drogen?"

     "Für Kleider und etwas zu essen." Sarahs Lächeln war verblasst. "Sie ist zu alt für Pflegeeltern." Sie drückte Kennas Hand. "Je mehr Leute sie zu erreichen versuchen …"

     Kenna dachte an das Mädchen im Haus, das kämpfte, um zu überleben, und ihre Kehle wurde eng vor Scham. Hatte sie wirklich je geglaubt, es schwer zu haben? Wie oberflächlich war sie doch! "Ich hatte bloß eine Pechsträhne an dem Tag, als wir uns kennen lernten, das war alles, und nun geniere ich mich fast, Ihnen zu sagen, wie gut es mir tatsächlich geht." Sie hielt Sarah wieder den Geldschein hin. "Ich möchte nicht, dass Sie denken, ich könnte Ihnen das Geld nicht zurückzahlen. Dass ich Kenna heiße, sagte ich Ihnen ja schon. Kenna Mallory. Meinem Vater gehören die Mallory-Hotels." Ihre Brust schmerzte bei dem Gedanken, wie enttäuscht Sarah nun vermutlich sein würde, eine Frau, die anderen Menschen so selbstlos half.

     Noch nie in ihrem Leben war Kenna sich egoistischer vorgekommen. Sie hob den Kopf, um es Sarah zu sagen, aber Sarah lächelte jemanden hinter Kenna an. "Hallo."

     "Hallo."

     Beim Klang von Westons Stimme steigerte sich das Gefühl der Enge in ihrer Brust zu Panik. "Ich dachte, Sie würden im Wagen warten."

     "Nein." Er lächelte Sarah an und reichte ihr seine Hand. "Weston Roth."

     "Ich bin Sarah Anderson … Wes?"

     "Sarah … Wow. Ich habe dich nicht erkannt. Wie klein die Welt doch ist."

     "Das kann man wohl sagen", erwiderte Sarah lachend.

     Wes wandte sich an Kenna. "Ich bin hier ganz in der Nähe aufgewachsen. Sarah lebte ein paar Türen weiter. Sie arbeitete mit meinem jüngeren Bruder und half mir, ihn zu überreden, aufs College zu gehen, statt auf den Straßen herumzuhängen mit dieser Clique, in die er hineingeraten war." Er lächelte Sarah an. "Damals lag deine 'Teen Zone' noch ein paar Meilen weiter südlich von hier. Ich wusste nicht, dass du auch hier ein Zentrum hast."

     "Es ist neu." Sarah blickte auf die heruntergekommene Straße und den vernachlässigten Garten. "Na ja, zumindest neu für uns."

     Kenna sah sich um. Also ist Wes hier aufgewachsen, dachte sie.

     "Dann bist du also ein Freund von Kenna?" fragte Sarah ihn, und Kenna versteifte sich ganz unwillkürlich.

     Sie war nicht seine Freundin. Sie war ihm ein Dorn im Auge.

     "Ja", sagte er und sah Kenna an.

     "Wir müssen weiter", sagte sie und steckte rasch den Zwanzigdollarschein in eine Seitentasche von Sarahs Jeans. "Tut mir Leid, dass es nicht mehr ist. Alles Gute." Und dann lief sie beinahe fluchtartig zum Wagen.

     Wes stieg ein, als sie gerade ihren Sicherheitsgurt befestigte. "Was war denn das gerade?"

     "Nur ein Besuch." Und nun war es vorbei. Sie würde zu ihrer bequemen neuen Stelle zurückkehren, zu ihrem bequemen Leben und sich täglich ins Gedächtnis rufen, wie glücklich sie sich schätzen konnte. "Lassen Sie uns fahren."

     "Sie haben ihr Geld gegeben."

     "Ihnen entgeht aber auch nichts."

     Er musterte sie aufmerksam.

     "Hören Sie, ich habe eine Schuld beglichen, okay? Können wir jetzt endlich fahren?"

     "Weinen Sie?"

     Sie wischte sich eine Träne ab. "Natürlich nicht." Was war los mit ihr? Warum war sie mit einem Mal so dünnhäutig? So nervös?

     "Hören Sie, ich weiß, dass es mich nichts angeht …"

     "Da haben Sie Recht."

     "Kenna …"

     Ärgerlich wischte sie eine weitere Träne ab. "Fahren Sie einfach los, Wes. Können Sie das bitte tun?"

     "Ja, natürlich kann ich das", gab er zurück und ließ dann auch tatsächlich den Motor an.

     Nur brachte er sie nicht zurück zur Arbeit, wie sie erwartet hatte. Stattdessen fuhren sie zu einer Gokart-Bahn.

     Kenna blinzelte überrascht, als sie die zwei getrennten Bahnen sah, die beide mit Rennkarts ausgestattet waren, die unheimlich schnell fuhren. "Was soll das? Was tun wir hier?"

     "Uns entspannen." Er schob seine Sonnenbrille auf den Kopf und warf ihr einen Blick zu, der nichts als Ärger zu verheißen schien.

     Er müsste verboten werden, dieser Blick, da er berauschender als jede Droge war. "Entspannen", wiederholte Kenna mit leicht zittriger Stimme. "Wo ist der Strand?"

     "Es gibt keinen Strand. Wir tun es heute auf meine Weise."

     Bei einem solchen Lächeln würde sie vermutlich alles Mögliche auf seine Weise tun! "Wir sind in der Mittagspause."

     "Dann essen wir eben später." Er seufzte, als sie ihn nur schweigend ansah. "Wie viele Stunden haben Sie vergangene Woche gearbeitet? Sechzig? Wir haben ein Recht darauf."

     Sie stellten sich an der Kasse an. Dann setzte er ihr einen Helm auf, und als er ihr Haar darunter schob, streifte er mit seinen Fingern ihr Kinn. "Sind Sie bereit?"

     Was für eine Frage! "Sie sollten es eigentlich wissen", sagte sie und war ihm dabei so nahe, dass sie ihn hätte küssen können. "Das ist wirklich eine sehr schlechte Idee. Sie und ich, wir sind wie Öl und Wasser."

     "Ich weiß."

     "Was tun wir dann also?"

     "Ich habe keine Ahnung." Wieder strich er mit einem Finger über ihr Kinn.

     "Sie sagten, wir würden uns entspannen. Auf Ihre Weise."

     "Ja. Das wird helfen."

     "Helfen? Ihnen oder mir?"

     "Ich wünschte, ich wüsste es."