13. KAPITEL

Kennas Wangen waren gerötet. Ob vor Hitze oder vor Verlegenheit, das wusste Wes nicht, aber er konnte nicht aufhören, sie anzusehen.

     "Es ist nur eine Zeitschrift", sagte sie. "Ich habe sie abonniert. Es hat nichts zu bedeuten, wirklich nicht. Ich lese alle Artikel. Hier, sehen Sie, ich habe gerade eben diesen hier gelesen …" Sie blätterte in dem Magazin. "Da ist er. 'Wie Sie Ihren Yogalehrer dazu bekommen, sich in Sie zu verlieben' – und dabei habe ich nicht mal einen Yogalehrer." Sie trat von der Kochinsel zurück und tat nichts, um die Schokolade an ihren Lippen zu entfernen.

     Wes starrte ihren Mund an und ermahnte sich, dass es ein schlechter Schachzug wäre, die Schokolade von ihren Lippen abzulecken. "Wir müssen miteinander reden."

     "Ich weiß nicht, ich hatte eigentlich wirklich Lust darauf, diesen Kuchen hier zu essen."

     "Kenna … was tun wir?"

     "Was Sie tun, weiß ich nicht, aber ich esse. Ich hörte diesen Kuchen hier bis in mein Zimmer meinen Namen rufen."

     "Kenna."

     "Hören Sie, warum interessiert Sie das eigentlich?"

     "Dass Sie Kuchen gegessen haben? Das ist mir egal. Warum es mich kümmert, dass Sie in einem Büro bleiben, das überhaupt nicht für Sie vorgesehen war? Das weiß ich auch nicht so genau. Oder dass Sie sich so bemühen in diesem Job. Ich habe keine Ahnung, Kenna, nicht den Schimmer einer Ahnung."

     Sie starrte ihn an, als hätte er den Verstand verloren, nicht sie. "Mein Büro ist in Ordnung."

     "Bleiben Sie dort, weil Sie kein besseres zu verdienen glauben? Denn falls es so ist, Kenna, verdammt…"

     "Sie verstehen es nicht. Sie wurden für diesen Posten geboren."

     "Und Sie wurden hineingeboren. Es macht nichts."

     "Warum sind Sie so nett?"

     "Ich bin immer nett."

     "An meinem zweiten Tag in diesem Job haben Sie mir weniger als eine Stunde Zeit gegeben, mich in die Gewerkschaftsthematik einzuarbeiten. War das nett?"

     "Es war die Realität. Und nun ist die Realität, dass Sie hier sind und ich auch, und wir damit umgehen müssen. Zusammen."

     "Zusammen", flüsterte sie. "Was werden wir sonst noch zusammen tun?" Sie starrte auf seinen Mund, und Wes spürte ein Ziehen in seinen Lenden.

     Trotzdem trat er einen großen Schritt zurück.

     "Richtig", sagte sie, und ein abweisender Ausdruck erschien in ihren Augen. "Es geht ja um die Arbeit."

     "Ja. Gute Nacht, Kenna", sagte er leise.

     "Träumen Sie süß."

     Ein raues Lachen entfuhr ihm. "Sie können mir glauben, dass meine Träume alles andere als süß sein werden heute Nacht."

Die Woche verging wie im Flug, und plötzlich war es Freitag. Heute Abend war die große alljährliche Wohltätigkeitsveranstaltung ihres Vaters. Es wurde von allen Angestellten erwartet, sich dort sehen zu lassen, und in Anbetracht der Tatsache, dass in dieser Nacht immer fünfstellige Summen für verschiedene wohltätige Einrichtungen für Kinder aufgebracht wurden, konnte Kenna sich unmöglich beklagen.

     Da sie aber zuerst ein wenig Zeit für sich benötigte, nahm sie sich tatsächlich ein paar Stunden früher frei. Sie verspürte das Bedürfnis, ein bisschen durch die Stadt zu fahren, durch die Altstadt zu spazieren oder durch den Balboa Park, wo sie durch das Naturwissenschaftliche Museum schlendern konnte. Oder einfach nur kurz am Strand frische Luft zu tanken, bevor sie sich in ein elegantes Kleid zwängen und sich hübsch machen musste.

     Sie fuhr zuerst zur Küste und genoss die kühle Brise und die salzhaltige Luft. In Ocean Beach, ihrem Lieblingsplatz als Teenager, wimmelte es von Menschen. Sie stieg aus und lief durch den Sand, um ihre Zehen ins Wasser zu tauchen, aber wohin sie auch schaute, überall sah sie junge, reiche, schöne Menschen.

     Niemand schien auch nur eine einzige Sorge zu kennen, und obwohl sie wusste, es war eine Illusion, dass es nur Sonne, Spiele und Urlaub gab für diese Menschen hier an diesem wundervollen Sommertag, weckte es in ihr die Sehnsucht, irgendwo anders zu sein, wo das Leben nicht so schön war, wo es komplizierter war … realer.

     Sie stieg wieder in ihren Wagen und fuhr zur "Teen Zone".

     Dort saßen zwei Mädchen im Garten und unterhielten sich. Eine hielt eine brennende Zigarette in der Hand. Sie waren nicht braun gebrannt, unbekümmert und voller Lebenslust, wie Kenna es gerade eben noch am Strand gesehen hatte, sondern wirkten hart und müde. Sie trugen Jeans, die so tief auf ihren Hüften saßen, dass Kenna nicht verstand, wieso sie nicht herunterrutschten. Beide trugen ein winziges Top, das nicht einmal annähernd den Bund der Jeans erreichte. Eine von ihnen hatte tief unten an der Wirbelsäule ein Farntattoo, so dass es so aussah, als wüchse ihr eine Pflanze aus dem Po. Kenna fühlte sich zu alt, um zu verstehen, warum das anziehend sein sollte. Beide hatten Piercings an Augenbrauen, Oberlippen und Kinn. Keine der beiden lächelte.

     Musik strömte aus den Fenstern des Hauses, wo vermutlich noch mehr mürrische, misstrauische, tätowierte, gepiercte, schwierige Teenager saßen.

     Und Sarah befasste sich jeden Tag damit.

     Dies hier war die Realität, und ohne zu verstehen, was sie dazu bewegte, stieg Kenna aus dem Wagen. So seltsam es auch schien, sie verstand diese Mädchen nicht deshalb, weil sie sich in ihrer Jugend über Wasser hatte halten müssen, um zu überleben. Jeder wusste, dass sie das nicht nötig gehabt hatte. Nein, sie verstand sie, weil sie Außenseiterinnen waren wie sie.

     Die beiden Mädchen musterten sie gelangweilt, als sie den Vorgarten betrat.

     Kenna lächelte die Mädchen an. "Hi."

     Sie sahen sich an, bevor sie reagierten. "Hey", sagte eine von ihnen widerstrebend.

     Die andere sah sie nur an.

     "Ist Sarah da?" fragte Kenna.

     "Ja, und sie weiß schon, dass ich rauche", sagte die Tätowierte, aber sie warf die Zigarette fort und drückte sie mit dem Absatz aus. Schuldbewusst blickte sie darauf herab, bevor sie sich hinhockte, um ein kleines Loch im Dreck zu scharren. Dann warf sie die halb gerauchte Zigarette hinein und deckte sie mit Erde zu.

     Kenna sah sie an.

     "Sie weiß es wirklich", sagte das Mädchen, als es sich aufrichtete, und schob die Hände in die Gesäßtaschen seiner Jeans.

     Als jemand, der die Erwachsenen in diesem Alter oft provoziert hatte, nickte Kenna weise. "Klar."

     Das Mädchen sah sie forschend an, und wirkte nun fast wie ein kleines Kind, das versuchte, eine erwachsene Frau zu sein. "Sie machen sich über mich lustig."

     "Aber nein. Wenn du dich umbringen willst, nur zu."

     "Mich umbringen? Sie sprechen doch wohl nicht von dieser blöden Kampagne gegen das Rauchen?"

     "Ich schätze ja."

     "Die wissen nicht, wovon sie reden. Wenn Rauchen so schädlich ist, sollten sie es verbieten."

     Kenna schüttelte den Kopf. "Sollten sie etwa alles, was schädlich für einen ist, verbieten? Denn ich muss zugeben, dass ich Mokka, Karamellpopcorn und Käseomeletts sehr vermissen würde."

     "Was?"

     "Koffein, Salz und Cholesterin sind auch Killer."

     "Das ist doch lächerlich."

     "Ja. Aber ich nehme an, du wirst vielleicht nicht eher begreifen, wie schädlich Rauchen ist, bis du in einem Loch liegst so wie das, in dem du deine Zigarette gerade begraben hast." Kenna lächelte. "Du weißt schon, die, von der Sarah wusste, dass du sie rauchtest."

     Das andere Mädchen kicherte.

     "Was auch immer", sagte die Raucherin achselzuckend.

     "Eine brillante Antwort", meinte Kenna.

     "Wollen Sie damit sagen, ich sei dumm?"

     Kenna zog eine Schulter hoch. "Hast du das Wort 'dumm' aus meinem Mund gehört?"

     "Sie raucht nur, um Ricky zu beeindrucken", sagte das andere Mädchen. "Es ist keine Angewohnheit oder so. Sie trägt dieses Päckchen schon drei Monate mit sich herum, in der Hoffnung, dass er es bei ihr sieht."

     "Hey!"

     "Es ist wahr, Lyssa."

     "Klingt, als wäre Ricky der Dumme", bemerkte Kenna. "Und überhaupt, wer will schon einem Jungen imponieren, der raucht?"

     "Nun ja, er ist wirklich süß", entgegnete Lyssa.

     "Hast du schon einmal einen Raucher geküsst?" Kenna tat, als schauderte es sie. "Die haben einen furchtbar schlechten Atem."

     Sarah öffnete die Eingangstür. "Kenna!" Als wären sie alte Freundinnen, kam sie mit ausgebreiteten Armen die Einfahrt hinunter.

     "Mir ist nicht der Sprit ausgegangen", sagte Kenna, als Sarah sie umarmte. "Ich habe keine Ahnung, warum ich hier bin. Ich bin nur ein bisschen im Wagen herumgefahren."

     "Und plötzlich waren Sie hier und redeten mit zwei meiner liebsten Unruhestifterinnen, Lyssa und Debbie." Sie lächelte die Mädchen an, und beide gaben ihr ihre Version eines Lächelns, das heißt, sie bleckten ihre Zähne.

     "Kenna hat uns gerade erzählt, wie ekelhaft es ist, Raucher zu küssen", sprudelte Debbie los.

     "Ich sagte, sie schmecken schlecht", berichtigte Kenna sie, der es peinlich war, dabei ertappt worden zu sein, mit den Teenagern ein Thema zu besprechen, das etwas mit Sexualität zu tun hatte. Sarah würde bestimmt verärgert sein, da Kenna kein Recht dazu besaß.

     Aber Sarah nickte nur sehr ernst. "Ja, sie schmecken tatsächlich schlecht. Außerdem verlieren sie mit der Zeit ihren Geschmackssinn."

     Lyssa sah sie entsetzt an. "Wirklich?"

     "Wirklich. Ich habe ein paar Snacks in der Küche hingestellt. Bedient euch, Mädchen, solange ihr noch etwas schmecken könnt."

     "So ein Pech für Ricky", flüsterte Lyssa Debbie zu, als sie hineingingen.

     Sarah lachte und umarmte Kenna wieder. "Seit Monaten versuche ich, sie davon abzubringen, diese Dinger mit sich herumzuschleppen. Und Sie haben es womöglich schon in einem Tag erreicht. Kommen Sie herein."

     "Ich kann nicht." Es wurde Zeit, sich für die Wohltätigkeitsveranstaltung ihres Vaters zurechtzumachen.

     "Sind Sie sicher?"

     "Ja, ich kam nur vorbei, um Hallo zu sagen."

     "Nun, hallo. Kommen Sie wieder, wenn Sie länger bleiben können. Ich habe einen Haufen Kinder, die Sie für mich in Ordnung bringen können."

     "Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass ich kein Rollenvorbild bin."

     "Und ich sagte Ihnen, Sie irren sich. Jeder kann helfen, wenn er interessiert genug ist. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie das sind, Kenna."

     "Sarah …"

     "Beantworten Sie mir nur eine Frage: Warum sind Sie heute hergekommen?"

     "Zur Erinnerung, wie dumm Teenager sind?"

     Sarah lachte. "Sie sind wunderbar, nicht wahr?"

     "Ja." Sie waren aufsässig, anstrengend und schrecklich wütend, aber sie waren wunderbar. Und leidenschaftlich.

     Oder vielleicht war es auch so, dass Kenna sich leidenschaftlich fühlte in ihrer Gegenwart, auf eine Art, die sie nicht mehr empfunden hatte, seit sie nach San Diego und zu "Mallory Enterprises" gekommen war.

     Sie hasste es, wenn Ray Recht hatte.

Kenna eilte in den riesigen Ballsaal und genierte sich ein wenig, weil sie sich verspätet hatte.

     Das Festbankett hatte bereits begonnen.

     Ironischerweise war der einzige noch freie Platz ausgerechnet neben Serena und direkt gegenüber von dem Mann, der der Gegenstand ihrer Schokoladenkuchen-Fantasien von gestern Nacht gewesen war, so sehr, dass sie der Schokolade vor dem Zubettgehen für immer abgeschworen hatte.

     Am anderen Ende des Tischs sah ihr Vater auf die Uhr, als sie sich setzte.

     Ihre Mutter wirkte leicht verärgert.

     Serena schnalzte missbilligend mit ihrer Zunge.

     Wes sah sie nur an, sein Blick verriet durch nichts, was er gerade dachte.

     Kenna kämpfte gegen das Bedürfnis, kehrtzumachen und davonzulaufen. Aber sie war eine Mallory. Davonlaufen kam nicht infrage. Und Schreien erst später. Im Augenblick lächelte sie zunächst einmal und setzte sich.

     "Tja, manche Leute denken eben, sie wären etwas Besonderes", murmelte Serena.

     Kenna ignorierte sie und griff nach ihrem Weinglas. Sie würde es brauchen.

     "Du hast das Memo bekommen, in dem Abendgarderobe stand?" bemerkte Serena mit einem Blick auf Kennas Kleid. Das kurze goldfarbene Kleid hätte am Strand, in einem Café oder irgendwo in ihrem alten Leben gut aussehen können, aber zu einem Wohltätigkeitsball passte es ganz offensichtlich nicht.

     "Mach dir nichts daraus." Serena zuckte mit den Schultern. "Umso mehr Aufmerksamkeit bekomme ich. Du wirst verlieren, das weißt du, nicht?"

     "Was verlieren?"

     "Den Mann, der dir gegenübersitzt. Was dachtest du denn?"

     Kenna sah Wes an, der unglaublich gut aussah in seinem Smoking. "Dies ist kein Wettbewerb."

     Serena lachte gekünstelt. "Ach, Schätzchen, leg dich nicht mit der Königin an. Pass auf." Sie setzte eine unschuldige Miene auf. "Ich werde jetzt gleich seine Aufmerksamkeit haben. Ich werde jetzt meinen Schuh abstreifen und …"

     Es riss Wes fast von seinem Stuhl.

     Ohne seine schockierte Miene zu beachten, hob Serena ihr Glas an ihren Mund und flüsterte dahinter Kenna zu: "Ich habe gerade meine Zehen auf seinen Oberschenkel gelegt. Ich hatte eigentlich auf seinen Schoß gezielt, aber du bist in der besseren Position dafür." Sie glitt ein bisschen tiefer auf ihrem Stuhl. "So, nun kann ich … Ach du liebe Güte, hier ist jemand wirklich sehr bemerkenswert gebaut."

     Wes zuckte wieder zusammen und warf Kenna einen bösen Blick zu.

     Entsetzt starrte Kenna ihre Cousine an. "Hör auf damit! Er denkt, ich wäre es."

     "Du liebe Güte, Männer sind so dumm." Serena versuchte, Wes' Blick auf sich zu ziehen, aber er starrte immer noch Kenna an.

     Kenna beschäftigte sich mit ihrem Essen, obwohl die Bedienung erschien, um die Gedecke abzuräumen. Um sie herum strebten alle in Richtung Tanzfläche, aber sie hielt ihren Teller fest, damit er ihr nicht weggenommen werden konnte.

     "Ich würde gern ein Wort mit Ihnen reden."

     Wes, natürlich. Er war um den Tisch herumgekommen. "Äh …" Sie blickte auf ihren Teller voller köstlichem Essen.

     Er legte die Finger um ihren Arm.

     "Ich bin ziemlich hungrig, Wes."

     "Auf der Stelle."

     Kenna probierte das mit einem Hauch Knoblauch gewürzte Kartoffelpüree. Vielleicht würde der Knoblauch sie beschützen. "Ich esse jetzt gerade, aber …"

     "Augenblicklich, Kenna."

     Da er sich bereits abgewandt hatte und auf die Tür des Ballsaals zuging, seufzte sie. "Vielen herzlichen Dank", zischte sie Serena auf dem Weg nach draußen zu.

     Serena sah Wes den Saal verlassen. "Ach, halt den Mund, Kenna."

     "Moment mal." Kenna lachte. "Du bist wütend auf mich, weil er deine Zehen für meine hielt? Und ich dachte, ich brauchte eine Therapie." Damit folgte sie Wes aus dem Ballsaal, mit der Absicht, ihm unmissverständlich klar zu machen, was sie von seiner Unterbrechung ihres Abendessens hielt, während es in Wirklichkeit Serena war, die ihn belästigt hatte – aber plötzlich wurde sie am Arm gepackt und in einen Vorratsraum gezogen.

     Es war dunkel darin, und es wurde noch dunkler, als der aufgebrachte Wes – zumindest hoffte sie, dass es Wes war – die Tür zuknallte, sie mit dem Rücken an die Wand presste und sie dort in der absoluten Finsternis mit seinem warmen, kräftigen Körper festhielt.

     "Was, zum Teufel, war das gerade?" fragte er.

     Ja, das war definitiv Wes.

     "Du machst mich verrückt, Kenna." Warme Hände umfassten ihr Gesicht. "Siehst mich an, als wolltest du mich mit Haut und Haar verschlingen, machst mich so heiß, dass ich kaum noch geradeaus sehen kann. Berührst mich …"

     "Ja, das mit dem Berühren …"

     Aber das war alles, was Kenna herausbekam, bevor sein Mund plötzlich ihren bedeckte.