14. KAPITEL

Wes küsste Kenna, wie er noch nie eine Frau geküsst hatte. Er hielt nur kurz inne, um seine Brille abzusetzen. Als ihre Zungen sich zu einem aufregenden Tanz vereinten, war er zu keinem vernünftigen Gedanken mehr imstande. Und das nicht nur, weil das Blut aus seinem Gehirn in tiefer gelegene Körperteile schoss. Es war ihr Geschmack, das Gefühl ihrer Arme um seinen Nacken, ihre Hände, die seinen Kopf umfangen hielten, als fürchtete sie, er könne es sich anders überlegen und den Kuss beenden.

     Keine Chance. Sie war in seinen Armen und schmiegte sich weich an ihn, diese Frau, in die er sich auf keinen Fall verlieben wollte. Er strich mit den Händen über ihren Rücken, ließ sie zu ihren Beinen hinuntergleiten und berührte die nackte Haut über ihren halterlosen Strümpfen. "Kenna …" Er küsste sie von neuem, bis sie beide atemlos waren.

     Langsam schlug sie die Augen auf. "Was war das denn?"

     Er legte seine Stirn an ihre. An seiner Brust konnte er ihren aufgeregten Herzschlag spüren.

     "Weißt du was? Ach, vergiss es", sagte sie und zog sanft seinen Kopf hoch. "Lass es uns einfach noch mal tun." Sie presste ihren Mund auf seinen.

     An irgendeinem Punkt während dieses leidenschaftlichen Kusses schlossen sich seine Hände um ihre weichen, runden Brüste. Die dünnen Träger ihres Kleids glitten herab, dann folgte das Oberteil, und er senkte den Kopf auf ihre Brust und nahm eine ihrer harten kleinen Spitzen zwischen seine Lippen.

     Er hörte einen dumpfen Aufprall. Sie war mit dem Kopf gegen die Wand gestoßen. "Oh …", murmelte sie, dann öffnete sie geschickt seine Hose. "Wes?" Sie liebkoste ihn mit ihren Fingern und streichelte ihn, bis er befürchtete, jeden Augenblick zu kommen. "Es waren nicht meine Zehen", sagte sie und strich mit der Zungenspitze die Konturen seines Ohres nach.

     Als ihre Worte in sein Bewusstsein drangen, erstarrte er. "Was?"

     "Ich habe versucht, es dir zu sagen."

     Er packte ihr Handgelenk und trat zurück. "Nicht deine Zehen? Ich habe dich hier hereingeschleppt, und es waren nicht deine …"

     "Soll das heißen, du hättest auch Serena hier hereingeschleppt, wenn du es gewusst hättest?"

     "Du liebe Güte, nein. Kenna, bist du sicher, dass du es nicht warst, denn …"

     Sie seufzte und brachte ihr Kleid in Ordnung. "Glaub mir, ich beginne nie etwas, was ich nicht beenden kann."

     "Und nun?"

     "Ich habe nicht damit angefangen."

     Richtig. Das war er gewesen. Er hätte sagen können, es täte ihm Leid, aber bis auf die Tatsache, dass er nicht gehen konnte, bedauerte er nichts. Das Einzige, was ihm Leid tat, war, dass die Stimmung nun verdorben war. "Kenna …"

     "Ich kann nur hoffen, dass sie mein Gedeck nicht abgeräumt haben." Kenna wandte sich ab. "Lass mir ein paar Minuten Zeit, bevor du nachkommst, ja?"

     Ein paar Minuten. Kein Problem.

     Sehr viel länger stand Wes in der absoluten Finsternis, noch immer nahezu schmerzhaft stark erregt, und konnte nicht aufhören, daran zu denken, wie sie sich angefühlt hatte. Und wie viel mehr er wollte.

Bis Kenna endlich wieder in den Ballsaal zurückkehrte, hatte sie Dinner und Dessert versäumt, und die Schuld daran gab sie Serena.

     Oder sie hätte es getan, wenn sie nach einem Schuldigen gesucht hätte. Denn in Wahrheit bereute sie den Vorfall in der Vorratskammer ganz und gar nicht.

     Tatsächlich wünschte sie sich sogar eine Wiederholung.

     Wes kam irgendwann in den Ballsaal zurück, ziemlich gedämpfter Stimmung mit einem Teller Erdbeer-Käsekuchen in der Hand, den er ihr reichte.

     Wenn er allein gewesen wäre, hätte sie ihn gleich wieder geküsst.

     Sie aß den Kuchen bis zum letzten Bissen auf. Als sie damit fertig war und sich umsah, war Wes fort.

     Auch sie verließ kurz darauf den Saal und ging zu ihrem Zimmer und ins Bett. Zu ihrer eigenen Überraschung fand sie Schlaf.

     Am nächsten Morgen, einem Samstag, lag sie im Bett und starrte zu ihrer prachtvollen Zimmerdecke hinauf.

     Sie hatte schon eine ganze Weile nicht mehr darüber nachgedacht, was sie hierher gebracht hatte, nämlich ihrer Familie zu beweisen, was sie konnte, und sich selbst zugleich hundertprozentig treu zu bleiben. Sie wollte es noch immer, befürchtete aber, dass es Plätze geben könnte, in die sie nie hineinpassen würde, und dass es möglicherweise Orte gab und Situationen, in die sie gar nicht passen wollte. Die Arbeit war nicht schlecht, aber "nicht schlecht" reichte ihr nicht. Die Leute hier dachten nicht liberal genug. Sie waren nicht gewillt, etwas anderes zu versuchen oder irgendetwas außerhalb ihrer gewohnten Einstellung zu akzeptieren.

     Und vielleicht wurde sie es langsam leid, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen. Vielleicht musste sie etwas für sich finden, etwas, das sie aus tiefster Seele begeisterte, und dieses Etwas war vielleicht nicht gerade im Hotelgeschäft zu finden.

     Im Moment jedoch hatte sie ein ganzes Wochenende vor sich, und sie musste mal aus dem Hotel raus, um neue Kraft zu schöpfen. Nach drei Gehaltschecks für jeweils eine Woche Arbeit hätte sie überall hinfahren können, doch stattdessen fuhr sie, mit einem Scheck bewaffnet, zum Jugendzentrum.

     Diesmal waren keine Teenager im Garten, aber dafür zwei Männer, die auf Leitern standen und das Haus strichen. Einer dieser Männer war Josh aus dem Hotel.

     Der andere … Kenna blinzelte und dachte, dass sie Halluzinationen hatte. Denn hoch oben auf der zweiten Leiter, direkt neben Josh, stand Wes.

     Beim Klicken ihrer hochhackigen Sandaletten auf dem Asphalt drehten die beiden gut aussehenden Männer die Köpfe zu ihr um.

     Josh lächelte zur Begrüßung.

     Wes tat nichts dergleichen.

     Die Augen mit der Hand beschattend, legte Kenna den Kopf zurück und musterte die beiden in ihren Jeans und T-Shirts, wobei ihr der Gedanke kam, wie bedauerlich es doch war, dass solche Kleidung bei der Arbeit im Hotel nicht gestattet war, denn sie sahen wirklich fabelhaft aus in ihren verwaschenen Jeans. "Was macht ihr da?"

     "Anstreichen." Josh hatte Farbe an der Wange und auf seinem Hemd, und für einen Mann, den sie nur als Computergenie kannte, schien das Anstreichen ihm einen Riesenspaß zu machen.

     Kenna sah Wes an und konnte nichts gegen ihre Sehnsucht tun. Auch er hatte Farbspritzer auf seinem T-Shirt und seinen Jeans, aber er lächelte oder grinste nicht. Er zog nur eine Braue hoch und warf ihr einen Blick zu, der augenblicklich jeglichen vernünftigen Gedanken in ihr auslöschte.

     Wann immer sie daran dachte, wie er sie geküsst und berührt hatte, wurde ihr heiß und kalt zugleich. Auch jetzt spannten sich ihre Oberschenkelmuskeln an, und ihre Brustspitzen richteten sich auf. Eine simple hormonelle Reaktion auf einen außergewöhnlich gut aussehenden Mann, sagte sie sich. Das war ganz normal.

     "Möchten Sie uns helfen?" fragte Josh.

     Kenna sah noch immer Wes an, der ihren Blick erwiderte, aber durch die Sonne, die sich auf seinen Brillengläsern widerspiegelte, konnte sie seine Augen nicht sehen.

     Josh kam die Leiter herunter, um reden zu können, ohne zu schreien. "Es ist für eine gute Sache. Ich habe früher einmal sehr viel Zeit in Sarahs 'Teen Zone' verbracht."

     "Sie?"

     "Mit ihr und meinem Bruder an meiner Seite gelang es mir, auf dem Pfad der Tugend zu bleiben, wenn ich diesen Weg mal nicht von selbst einschlug."

     Kenna starrte ihn einen Moment an, bevor sie sich wieder zu Wes umdrehte, der noch immer hoch über ihr auf der Leiter stand. "Josh ist dein Bruder?"

     "Der einzige. Du sieht den gezähmten Rebellen Josh Roth vor dir."

     "Nicht zu gezähmt", erklärte Josh stolz. "Ich kann noch immer Unruhe stiften, wenn es nötig ist." Sein Handy klingelte. Ein Blick aufs Display, das den Namen des Anrufers zeigte, ließ ihn stocken. "Na so was! Sie hat wohl endlich doch kapiert, dass sie mich will."

     Kenna blinzelte. "Wer?"

     "Die launische Mallory."

     "Wir Mallorys sind alle launisch."

     "Ich spreche von der Meisterin der Launenhaftigkeit."

     "Serena." Überrascht sah Kenna zu, wie Josh den Anruf mit einem Lächeln annahm.

     "Heute ist mein freier Tag, Prinzessin, also falls du nicht endlich das Wort Ja auf deiner Zunge hast …" Josh verstummte, hörte zu und lachte dann. "Auf dieses kleine Schniefen falle ich nicht herein, also such dir einen anderen Narren, der zu dir nach Hause kommt, um deinen Computer zu reparieren. Ich kann samstags nur für Frauen arbeiten, die wenigstens so tun, als könnten sie mich leiden." Damit beendete er das Gespräch, steckte das Telefon wieder an seinen Gürtel und schlenderte zum Eingang.

     "Wo willst du hin?" rief Wes ihm nach.

     "Ich brauche was zu essen."

     "Sie spielt mit ihm", bemerkte Kenna.

     "Besser mit ihm als mit mir", murmelte Wes.

     "Wes …"

     "Er ist ein großer Junge, er kann damit umgehen."

     Das dachte sie auch. Tatsächlich würden sie sogar gut zueinander passen, falls Serena das je zugeben würde.

     "Warum nimmst du dir nicht einen Pinsel und beginnst mit den Fensterrahmen?" fragte Wes.

     "Ich hatte nicht vor …"

     "Was, hast du Angst, dir die Fingernägel abzubrechen?"

     "Was hast du da gerade gesagt?"

     "Ob du Angst hast, dir die Fingernägel …"

     "Ich habe gehört, was du gesagt hast."

     "Warum fragst du dann?"

     "Zu deiner Information, ich habe mich noch nie als Anstreicher betätigt."

     Wes lächelte. "Das überrascht mich nicht, Miss Mallory."

     "Okay, Mr. Neunmalklug."

     "Ich bin nicht Mr. Neunmalklug."

     "Doch, das bist du. Du hast mich an meinem ersten Tag gesehen und geglaubt, du würdest mich kennen. Du denkst, du wüsstest alles. Gut, ich will dir zugestehen, dass du die meiste Zeit tatsächlich alles weißt, aber nicht immer, Wes. Nicht in Bezug auf mich. Ich bin nicht die verwöhnte Frau, für die du mich hältst. Ich weiß, was ich will und habe meine eigenen Vorstellungen, aber ich bin keine Witzfigur."

     Er starrte sie an, dann stieg er die Leiter hinab und setzte sich auf die Verandastufen. Er rieb sich mit einer Hand übers Gesicht, und sie verkniff sich die Bemerkung, dass er nun einen grünen Farbstreifen auf seiner Nase hatte.

     "Du hast Recht", sagte er schließlich.

     "Es gibt nichts, was ich lieber höre." Sie nahm sich einen Pinsel und tauchte ihn in die Farbe. "Aber das ist schon in Ordnung, denn auch ich bin eine ziemliche Besserwisserin."

     Er starrte sie nur an.

     Sie lächelte, als sie zu streichen begann. "Übrigens wird es deine Schuld sein, wenn ich alles falsch mache."

Josh kam zurück, und zusammen beendeten sie die Fensterrahmen und begannen dann mit den Wänden. Später kam Sarah mit einem Tablett kühler Getränke heraus. "Ich bin für heute mit den Beratungsstunden fertig", sagte sie heiter. "Ich kann euch gar nicht sagen, wie dankbar ich euch für eure Hilfe bin."

     Wes nahm sich ein Mineralwasser. Das Anstreichen in der Sonne hatte ihn durstig gemacht. Nein, berichtigte er sich. Kenna in der Sonne anstreichen zu sehen hatte ihn durstig gemacht. Und heiß wie die Hölle. Nicht weil sie wusste, was sie tat, und besonders geschickt oder graziös anzusehen gewesen wäre, sondern weil sie nicht wusste, was sie tat, und definitiv eine Katastrophe war.

     Sie hatte bezaubernd ausgesehen, als sie sich zu konzentrieren versuchte, sich vor Aufregung auf die Lippe beißend, und Farbe überall auf ihrem kurzen blauen Jeansrock, dem leuchtend rotem Tanktop und den dazu passenden Sandalen verspritzte.

     Wes schätzte, dass es etwa dreißig Minuten gewesen waren, in denen er seinen Blick nicht von ihr hatte abwenden können. Es war, weil sie diese Arbeit machte, wie sie alles andere im Leben anzupacken schien. Egal, ob sie wusste, was sie tat oder nicht, sie stürzte sich voller Begeisterung in die Sache.

     "Lyssa und Debbie haben schon gefragt, wann Sie wiederkommen", sagte Sarah zu Kenna. "Sie haben gern mit Ihnen geredet."

     Sie ist hier gewesen und hat mit den Teenagern geredet? dachte Wes.

     "Klar", erwiderte sie lachend. "Sicher haben sie gesagt, es habe ihnen Spaß gemacht, mit mir übers Rauchen und über vernünftige Entscheidungen zu sprechen."

     "Na ja, nicht mit diesen Worten", gab Sarah zu. "Sie sagten, sie hielten Sie für 'charakterfest'. Sie berührte Kennas Hand. "Sie mochten Sie. Sie predigten nicht, sagten sie."

     Kenna lachte. "Ich habe nicht viel zu predigen."

     "Du würdest ein großartiges Rollenvorbild abgeben", bemerkte Wes. Als beide Frauen ihn ansahen, öffnete er den Mund, um etwas hinzuzufügen, aber Josh, der den Gartenschlauch aufgedreht hatte, um sich die Hände zu waschen, bespritzte Sarah.

     Die nasse Sarah lachte. "Oh, dafür wirst du mir büßen", versprach sie Josh und griff in ihr Wasserglas, um die Eiswürfel herauszunehmen. "Und frag nicht, wie."

     Josh rannte ins Haus, gefolgt von Sarah, und Wes lachte.

     "Was ist so lustig?" fragte Kenna ihn.

     "Mein Bruder fängt sich gleich einen Tritt in den Hintern ein."

     "Du auch." Sie holte ihre Hand hinter ihrem Rücken hervor und zog mit dem Pinsel, den sie in der Hand hielt, einen langen diagonalen Strich über sein weißes T-Shirt. Wes war so schockiert, dass er wie angewurzelt stehen blieb, und sie fügte noch eine weitere Linie hinzu, die die erste kreuzte, so dass er nun ein großes X vorn auf der Brust trug.

     Danach war sie klug genug, sich umzudrehen und davonzulaufen. Er kam ihr nach, doch sie bückte sich nach dem Schlauch und richtete ihn auf Wes wie eine Waffe.

     "Denk nicht mal daran", warnte er sie.

     "Oh, und ob ich denke. Ich denke immer." Sie hob den Schlauch und bespritzte ihn.

     Als Erstes schnappte er nach Luft, da das Wasser eisig kalt war. Dann nahm er seine Brille ab und wischte sich über die Augen. Wasser tropfte von seiner Nase, als er blinzelnd versuchte, die freche, lachende Frau ein wenig deutlicher zu erkennen.

     Sie richtete den Wasserstrahl erneut auf ihn, auf die Brust diesmal, und wieder schnappte er nach Luft, als das kalte Wasser zu seinen Schenkeln hinunterrann.

     Mit abgewandtem Kopf, um nicht das Wasser in die Augen zu bekommen, und mit ausgestreckten Händen trat er vor und hatte das Glück, den Wasserschlauch zu erwischen.

     "Pass auf, Kenna, jetzt wirst du die Flucht ergreifen."

     Kreischend tat sie es.

     Obwohl er erst seine Brille aufsetzen musste, um besser zielen zu können, war er sehr viel schneller als sie. Er beschloss, sie bloß zu bespritzen sei zu einfach, und so zog er sie ins Gras und sorgte dafür, dass sie mindestens genauso nass wurde wie er.

     Der schwierigere Teil kam, als seine Vernunft einsetzte. Er lag über ihr, sie waren beide bis auf die Haut durchnässt und nur einen Atemzug vom Mund des anderen entfernt …

     Zutiefst erschüttert über die plötzliche Zuneigung und Sehnsucht, die in ihm aufstiegen, starrte er sie an.

     Auch ihr Lächeln verblasste langsam. Dann hob sie die Hand und schob ihre Finger unter sein Haar.

     Er warf den Schlauch beiseite, umfasste mit einer Hand ihr Kinn und strich mit seinem Daumen über ihre Unterlippe. Er konnte die Augen nicht von ihrem Mund abwenden. "Du erinnerst dich, was geschieht, wenn wir uns so nahe sind?"

     Ihre Brust hob und senkte sich nun sehr viel rascher, und sie bog sich ihm einladend entgegen. "Ja." Ihre Augen schimmerten vor Erregung, aber er las in ihnen auch Verwirrung. "Wes, was tun wir hier?"

     "Ich will verdammt sein, wenn ich das weiß."

     Sie hörte auf, sich zu bewegen, und erwiderte ruhig seinen Blick. "Ich kann das nicht tun, wenn wir es nicht wissen."

     Das konnte er verstehen. Er richtete sich langsam auf und reichte ihr die Hand. "Du bist in einem fürchterlichen Zustand."

     Kenna blickte ihm prüfend ins Gesicht, dann lächelte sie. "Du sogar in einem noch schlimmeren."

     Wie Recht sie hatte.