4. KAPITEL

"Ich wohne im Hotel", sagte Kenna in ihr Handy, während sie fuhr.

     "In dem Hotel? Kann ich dich besuchen?"

     Ray war einer ihrer engsten Freunde. Er war Kellner und Schauspieler, aber überwiegend Kellner. Und einer der wenigen Menschen, die Kenna vorbehaltlos akzeptierten. "Ich glaube, du hast mich nicht richtig verstanden", sagte sie. "Ich werde im Hotel meines Vaters wohnen."

     "Nun ja, dann dürfte die Atmosphäre wohl ein bisschen steif sein, aber das Hotel ist einfach sensationell. Hast du die Einrichtung gesehen?"

     "Ja. Es ist alles vom Feinsten."

     "Du hörst dich etwas gestresst an."

     "Nur ein bisschen", gab sie zu.

     "Weil du nicht richtig atmest. Vergiss nicht …"

     Kenna sagte die Worte mit ihm und verdrehte dabei die Augen: "Kein anderer kann mich überfordern als ich selbst. Ich weiß."

     "Richtig, Schätzchen. Vergiss das nicht. Hör mal, du brauchst es doch eigentlich nur deinem Vater recht zu machen, nicht? Er wird dir sicher die Kontrolle über deinen Treuhandfonds zurückgeben."

     "Ich will keinen Treuhandfonds."

     "Du wurdest dazu geboren, einen Treuhandfonds zu haben."

     Kenna lachte. "Ich habe mich verändert."

     "Genau das ist der Punkt. Du wirst diesen Job annehmen und ihn in deinem eigenen Stil erledigen. Zeig es ihnen, Mädchen!"

     "Ja." Sie lächelte. "Du weißt, dass ich nicht mal ein Paar Nylonstrümpfe besitze."

     Ray lachte. "Bei deinen Beinen brauchst du keine Strümpfe. Du wirst es schon irgendwie schaffen. Das tust du schließlich immer."

     Ja, sie würde es schaffen. Nachdem sie das Gespräch beendet hatte, verblasste ihr Lächeln, denn sie fühlte sich immer noch unsicher.

     Ganz zu schweigen davon, dass sie sich gründlich verfahren hatte. Verdammt, wie hatte das passieren können? Sie hätte besser aufpassen sollen, aber sie war mit ihren Gedanken ganz woanders gewesen. Nun schien sie weit entfernt von den hellen, freundlichen Straßen, die sie kannte. Die Häuser hier waren klein und wirkten wie übereinander gestapelt. Abblätternde Farbe, vergitterte Fenster, verdorrtes Gras – das alles vermittelte den Eindruck von Vernachlässigung. Und um das Ganze noch schlimmer zu machen, begann auch noch der Motor ihres Wagens zu stottern.

     "Hey!" sagte sie und starrte auf die Tankanzeige.

     Der Tank war leer.

     Aufstöhnend ließ sie den Wagen zur Straßenseite rollen und griff wieder nach ihrem Handy.

     Doch statt eines Ruftons erhielt sie eine auf Band gesprochene Nachricht. "Wenn Sie Ihre kostenlosen Telefonstunden verbraucht haben, rufen Sie bitte die Nummer 18100 an, um herauszufinden, welcher Tarif für Sie am günstigsten ist. Bleiben Sie nicht länger als nötig ohne Verbindung. Rufen Sie jetzt an."

     "Na, ist das nicht toll." Sie warf das nutzlose Gerät auf den Rücksitz zu all den anderen Dingen, die dort gelandet waren, als sie so überstürzt ihr Elternhaus verlassen hatte, und spähte in die Sommernacht hinaus. Die Straße war verlassen und ausgesprochen finster, bis auf ein Haus, bei dem die Außenbeleuchtung eingeschaltet war.

     "Teen Zone" stand auf dem Schild, das auf der Veranda angebracht war.

     Seufzend stieg Kenna aus und ging zum Haus.

     Das junge Mädchen, das die Tür öffnete, warf einen Blick auf sie und lachte nur. "Keine Chance, Lady. Dies ist ein Haus für Kids, die nirgendwo anders hingehen können. Sie sind viel zu alt."

     "Nein, du verstehst nicht. Ich wollte nur …"

     "Nichts für ungut, aber Sarah wird Sie ja doch nur zur Unterkunft für obdachlose Frauen schicken. Sie befindet sich etwas weiter unten an der Straße. Verschwinden Sie."

     "Tess!" Eine Frau erschien in der Tür hinter dem jungen Mädchen. "Liebes, das ist nicht unsere Art, Hilfesuchenden die Tür zu öffnen."

     Das Mädchen ließ die Schultern hängen. "Tut mir Leid."

     Die große Frau mit der wahrscheinlich beruhigendsten Stimme, die Kenna je gehört hatte, warf Tess einen vorwurfsvollen Blick zu und meinte dann sanft: "Wir sind hier, um zu helfen, erinnerst du dich? Nicht, um zu verurteilen." Sie streckte Kenna die Hand entgegen. "Ich bin Sarah."

     Die beiden Frauen schüttelten sich die Hände.

     Dann sagte Kenna: "Mir ist nur das Benzin ausgegangen. Ich dachte, vielleicht könnte ich Ihr Telefon benutzen?"

     Sarah lächelte. "Selbstverständlich. Aber ich habe einen Zehnliterkanister in der Garage, falls Ihnen das lieber ist. Ich kann Ihnen genug geben, um zur nächsten Tankstelle zu gelangen. Kommen Sie herein. Seien Sie unbesorgt."

     Kenna bemerkte ihren mitfühlenden Blick, und daraufhin sah sie an sich herab und erkannte plötzlich, wie sie Sarah und Tess erscheinen musste mit ihrem Haar, das vermutlich so aussah, als hätte sie die Finger in eine Steckdose gesteckt. Das tat es immer nach einem langen Tag. Da sie noch immer nicht die Jacke übergezogen hatte, wirkte sie ziemlich sexy, um es milde auszudrücken, und die Schuhe, die zweifelsfrei ein bisschen nuttig aussahen, verstärkten diesen Eindruck noch. Sie hatte eben etwas Schlampiges an sich, sie konnte es nicht ändern. "Hören Sie", sagte sie. "Ich kann Ihnen das Benzin bezahlen …"

     "Nein, nein, das ist schon in Ordnung." Sarah zog sie ins Haus, wo ihr ein köstliches Aroma entgegenschlug.

     Brownies? Kenna lief das Wasser im Mund zusammen.

     "Wie Tess schon sagte, dies ist ein Zentrum für Kinder und Jugendliche, die von zu Hause fortgelaufen sind, aber ich habe noch nie jemanden abgewiesen." Sarah lächelte. "Schon gar nicht eine Frau bei Nacht allein in dieser Gegend."

     Kenna war versucht zu lachen, aber es hätte sicher etwas hysterisch geklungen, und so unterdrückte sie es. "Glauben Sie mir, ich kann Ihnen das Benzin bezahlen."

     "Okay." Freundschaftlich führte Sarah sie durch ein Wohnzimmer, das klein und nur dürftig eingerichtet, aber sehr gemütlich war. Die Wände waren in einem blassen Gelb gestrichen, oder vielleicht waren sie auch einfach nur vergilbt vom Alter. Die Couch, deren roter Bezug ziemlich verblichen war, hatte ihre Blütezeit auf jeden Fall bereits hinter sich, sah aber dennoch recht bequem aus. Ansonsten gab es noch ein paar Klappstühle und einen Stapel Zeitschriften sowie einen Fernseher mit einer Fernbedienung. Alles hier in diesem Raum schien aus den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts zu stammen.

     Die Kids, die sich im Wohnzimmer aufhielten, warfen Kenna gleichgültige Blicke zu.

     Sarah nahm Kenna in die Küche mit, die nicht moderner eingerichtet war als das Wohnzimmer. Grüne Wände, offene Regale – eine weitere Erinnerung an die liebenswerten Siebziger. Aber die Brownies auf dem Teller, der auf dem zerkratzten Resopaltisch stand, sahen lecker aus.

     Sarah zeigte darauf. "Möchten Sie gern einen?"

     Kenna hätte liebend gern zugelangt, aber sie wollte nicht noch tiefer in Sarahs Schuld stehen. "Nein", erwiderte sie bedauernd. "Ich muss jetzt wirklich weiter."

     Sarah nickte. "Das brauchen Sie nicht, Kenna. Niemand muss es. Wie Tess schon sagte, könnte ich Ihnen die Adresse einer Unterkunft für Frauen geben."

     "Danke. Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber ich glaube, Sie missverstehen …"

     "Vergessen Sie nur nicht, dass wir hier sind." Sarah führte sie durch die Hintertür zur Garage, um das Benzin zu holen, und begleitete sie dann zu ihrem Wagen. "Und ich bin immer da, falls Sie jemanden zum Zuhören brauchen oder Hilfe bei etwas, womit Sie allein nicht fertig werden."

     "Hören Sie, ich bin wirklich keine Prostituierte. Ich bin nicht einmal allein, nicht wirklich jedenfalls. Ich …" Sie brach ab, als sie Sarahs Gesichtsausdruck sah, und folgte dem Blick der Frau zu ihrem Wagen.

     Der hintere Teil ihres alten silberfarbenen Civic war voll gestopft mit einem bunten Sammelsurium von Sachen, da sie ganz plötzlich die Idee gehabt hatte, ins Hotel zu ziehen. Wie fast immer, wenn eine Idee sie packte, hatte sie spontan gehandelt. Sie hatte ihre Sachen einfach wahllos auf den Rücksitz geworfen – Kleider, Schuhe, den Kosmetikkoffer, ihren Föhn, ihre Unterwäsche, einen Teddybären aus ihrer Kindheit und, und, und. Wer sie nicht kannte, musste denken, sie lebte in ihrem Wagen. "Es ist nicht so, wie es aussieht. Ich bin nur …"

     "Ach, Kenna, Sie brauchen uns hier nichts vorzumachen." Sarah legte eine Hand um ihre Taille und umarmte sie. "Wir alle hatten irgendwann mal schlechte Zeiten, also vergessen Sie das Geld für das Benzin, okay?"

     "Nein, wirklich. Ich kann es bezahlen." Froh darüber, zumindest das zu können, griff Kenna in ihre Handtasche, in der leider ebenfalls ein grauenhaftes Durcheinander herrschte, aber als sie ihre Geldbörse öffnete, fiel ihr ein, dass sie nicht an der Bank vorbeigefahren war. Nicht, dass sie viel auf ihrem Konto hatte im Moment, aber …

     Sarah legte ihre Hand auf Kennas. "Ich lade Sie ein."

     Kenna blickte die Frau an, die sie mitleidig ansah, und hatte plötzlich einen Kloß im Hals. "Ich komme zurück", sagte sie rasch. "Mit Geld, ich verspreche es."

     "Sie brauchen hier kein Geld."

     "Ich möchte es Ihnen zurückzahlen."

     Sarah lächelte so warmherzig, dass Kenna sich im Stillen fragte, wann sie das letzte Mal jemanden so angelächelt hatte. Nun, da war dieser gut aussehende Typ gewesen vergangene Woche, aber abgesehen davon … sie erinnerte sich nicht.

     "Sie könnten einmal wiederkommen und ein paar Stunden helfen", sagte Sarah. "Wir brauchen immer freiwillige Helfer."

     "Okay, natürlich …" In einem Altersheim zu arbeiten war eine Sache. Aber sich mit mürrischen Teenagern zu befassen, das war etwas ganz anderes. Eher hätte Kenna sich einer Zahnwurzelbehandlung unterzogen. Sie stieg in ihren Wagen, winkte Sarah zu und fuhr los.

     Aber sie konnte weder das Jugendzentrum noch Sarah aus ihrer Erinnerung verdrängen. Diese Frau war erstaunlich freigiebig gegenüber Fremden, ohne irgendetwas dafür zu verlangen. Sie unterschied sich so sehr von den Menschen in der Welt, zu der Kenna gerade fuhr, dass die Freude, die sie früher an diesem Tag bei der Arbeit empfunden hatte, mit einem Mal verblasste.

     Sarahs Welt erschien ihr plötzlich der richtige Ort für sie, Kenna. Ein Ort, an dem sie etwas bewirken, etwas verändern, ihre Ideen in die Tat umsetzen könnte.

     Aber sechs Monate waren sechs Monate, und sie hatte es ihrem Vater versprochen.

     Sie wünschte wirklich nur, sie hätte wenigstens einen Brownie angenommen.