5. KAPITEL

Weston spielte jeden Montagabend mit zwei Freunden Basketball. Sie spielten hart und gewannen oft, und als das heutige Spiel vorüber war, war sein Team nur zwei Siege davon entfernt, Ligameister ihres Freizeitclubs zu werden.

     Und jeder von den drei Freunden brauchte mindestens zwei Aspirin, um seine Schmerzen zu lindern. Weston ging mit seinen Mannschaftskameraden zum Parkplatz, und alle drei versuchten, nicht zu stöhnen über ihre unterschiedlichen Wehwehchen. Sieger jammerten nicht. Männer, die Erfolg hatten, klagten nicht.

     "Gehen wir noch auf einen Sprung in die Kneipe, Wes?" fragte sein Freund Nick.

     In der Kneipe endeten sie nach beinahe jedem Spiel. Dort feierten sie entweder oder bedauerten sich, je nachdem, wie das Spiel ausgegangen war.

     Heute Abend würde viel gefeiert werden. Aber die Pflicht rief, und so sagte er: "Ich muss noch einmal ins Büro zurück."

     Er fuhr zum Hotel und parkte an dem für ihn reservierten Platz, wobei er das frisch gemalte Schild neben ihm bemerkte, auf dem "Kenna Mallory" stand. Wenigstens war der Platz noch unbesetzt.

     Auch die Büroetagen waren verlassen. Er hatte allen den Abend freigegeben, einschließlich sich selbst, doch nun, wo das anstrengende Spiel vorüber war und er einige seiner Aggressionen losgeworden war, wollte er noch ein bisschen Arbeit vom Tisch kriegen. Vor allem, da er den größten Teil des Tags damit verbracht hatte, die Wogen im Büro zu glätten. Die Leute waren verärgert über Kenna Mallorys Inanspruchnahme eines derart hohen Postens.

     Serena war die Aufgebrachteste gewesen, eine Situation, die gemischte Gefühle in ihm weckte. Sie war eine einfache Konferenzmanagerin, die ihm direkt unterstellt war, und obschon sie annehmbare Arbeit leistete in ihrem Job, hatte er immer das Gefühl gehabt, als besäße sie mehr Ehrgeiz als tatsächliche Befähigung. Und so, wie sie heute geredet hatte, schien sie zu vergessen, dass auch sie ihren Posten einst nur ihres Nachnamens wegen erhalten hatte. Kein Mitglied der Familie Mallory fing wirklich ganz unten in der Firma an.

     Aber wie dem auch sei, er hoffte, dass sie sich ihren Ärger von der Seele geredet hatte, denn wenn Serena wütend war, musste jeder in ihrem Umfeld darunter leiden.

     Er setzte sich an seinen Schreibtisch und machte sich an die Arbeit. Er liebte seine Arbeit, aber er liebte auch seine Freizeit und wollte sichergehen, an diesem Wochenende welche zu bekommen, da er eine Verabredung hatte und sich auf ein paar Stunden Spaß freute. Eigentlich freute er sich auf alles, was er tat, denn obwohl es Jahre her war, seit er um seinen Aufstieg gekämpft hatte, hatte er seine bescheidenen Anfänge doch nie vergessen.

     Mit seinem derzeitigen Gehalt konnte er sich praktisch alles leisten, was er wollte. Da er jedoch keinen Luxus brauchte, schloss dies hauptsächlich Extremsport ein oder das Verwöhnen seiner Familie, falls diese es erlaubte – seinen Eltern ein Haus zu kaufen, sie in Ferien zu schicken, von denen sie nie zu träumen gewagt hätten, seinem Bruder das Collegestudium zu finanzieren …

     Jemand mit blondem Haar und einem unvergesslichen fuchsiafarbenen Rock huschte an seinem Büro vorbei. Er blickte auf die Uhr. Es war schon zehn.

     Was zum Teufel …?

     Er stand auf und ging um seinen Schreibtisch herum, um einen Blick in den Gang zu werfen. Ja, es war tatsächlich Kenna Mallory, die in Riemchensandaletten mit Absätzen, die ihm geradezu selbstmörderisch erschienen, durch die Korridore stolzierte.

     "Sie sind also doch nicht nur ein Albtraum!" rief er, halb in der Hoffnung, dass sie dann verschwand.

     Langsam blieb sie stehen, dann drehte sie sich zu ihm um, ihre Arme voller Taschen, die alle bis zum Rand gefüllt waren mit Kleidungsstücken. Während er noch hinsah, geriet der Föhn, den sie sich über die Schulter gehängt hatte, ins Rutschen. "Es ist noch nicht spät genug für Albträume."

     "Was tun Sie hier?"

     "Vielleicht haben Sie den Mallory-Teil des 'San Diego Mallory' übersehen."

     "Ich meinte", entgegnete er trocken, "was Sie so spät noch im Büro tun?"

     "Ich wollte mir ein bisschen Lesematerial holen, bevor ich auf mein Zimmer gehe." Sie stöhnte frustriert, als ihr die Sachen aus den Armen rutschten.

     Weston fing eine Tasche auf, aber da waren schon eine Zeitschrift, ein Lippenstift, ein Kamm, eine Puderdose, eine Wimperntusche und zwei Tampons herausgefallen.

     Als er sich bückte, um Kenna beim Einsammeln zu helfen, vermied er es bewusst, die Tampons zu berühren, und hob stattdessen die Zeitschrift auf. "Outside." Dieses Stadtmädchen las ein Abenteuermagazin? "Ich hätte Sie nicht als jemand eingeschätzt, der 'Outside' liest."

     "Sie können mich als gar nichts einschätzen …", sie riss ihm die Zeitschrift aus der Hand, "… da Sie überhaupt nichts von mir wissen. Und in diesem Monat steht ein großartiger Artikel über entspannende Strandurlaube drin", gab sie zurück. "Falls es Sie interessiert."

     Unglücklicherweise musste praktisch alles, was sie betraf, ihn interessieren, da sie aller Voraussicht nach für eine Zeit lang eng zusammenarbeiten würden, bis sich ihr ein anderer, verlockenderer Job bot und sie weiterflatterte.

     Auf den Knien begann sie ihre Sachen einzusammeln und warf sie wieder in ihre Tasche. "Und bis wir eine gewisse Routine entwickelt haben – eine, die uns daran hindert, uns gegenseitig umzubringen …", sie zeigte auf ihn mit dem Gegenstand in ihrer Hand, "… gewöhnen Sie sich schon einmal daran, mich hier zu sehen." Sie brach ab und starrte auf den Tampon in ihrer Hand, dann funkelte sie Weston böse an, als wäre es seine Schuld, dass sie den Tampon wie einen Zeigestock benutzte.

     "Wie kommen Sie darauf, wir würden uns gegenseitig umbringen?" erkundigte er sich neugierig.

     Sie lachte. "Soll das heißen, dass Sie mich mit offenen Armen willkommen heißen?"

     "Ich gedenke Sie willkommen zu heißen, wie ich es bei jedem anderen neuen Angestellten tue."

     "Na, wenn das keine politisch korrekte Antwort ist."

     "Hören Sie, Miss Mallory …"

     "Kenna. Mein Name ist Kenna."

     "Kenna." Er hob etwas von ihrem Wechselgeld auf und gab es ihr. "Ich denke, wir können das auch auf freundschaftliche Art und Weise tun."

     "Was? Um die nächste Sprosse auf der Karriereleiter wetteifern?"

     Okay, das verdiente er vermutlich. Vielleicht war er ein bisschen zu steif gewesen heute Vormittag. "Ich will damit nur sagen, wir sitzen zusammen in dieser Klemme, und …"

     "Ich sitze nicht in der Klemme. Ich sitze nie in der Klemme. Ich tue, was ich will und wann ich es will, und hier zu arbeiten gefällt mir."

     "Im Moment noch."

     Kenna, die sich gerade nach einem Stift bückte, erstarrte mitten in der Bewegung, und ihr Rock glitt unglaublich hoch, so dass man viel von ihrem glatten sonnengebräunten Oberschenkel sah. Das erinnerte Weston daran, dass sie anscheinend keine Strümpfe mochte. Und da er auch nur ein Mann war, fragte er sich, ob ihr Slip wohl genauso farbenfroh war wie ihre übrige Kleidung.

     "Hören Sie", sagte sie, "ich nehme diese Arbeit ernst. Also tun Sie mir einen Gefallen und nehmen Sie mich ernst. Übrigens, ich ziehe hier ein."

     "Was?"

     "Ich werde hier im Hotel wohnen."

     Es passierte Weston nicht oft, dass ihm die Worte fehlten, aber irgendwie überraschte es ihn gar nicht, festzustellen, dass es Kenna gelang, ihn sprachlos zu machen. "Warum?"

     "Weil ich es will." Dann unterbrach sie sich, um beinahe im Flüsterton hinzuzufügen: "Und weil es das kleinere Übel ist."

     "Ihr Vater hat gesagt, Sie müssten es tun, nicht wahr?"

     "Natürlich nicht."

     "Hat er gedroht, Ihnen Ihre Kreditkarte zu sperren, wenn Sie nicht ins Hotel ziehen?"

     Wenn Blicke töten könnten, wäre Weston jetzt ein toter Mann. "Sein Geld interessiert mich nicht."

     "Und was ist es, was Sie interessiert?" fragte er.

     "Nicht sein Geld", wiederholte Kenna. "Ich stehe auf eigenen Füßen. Und was Ihre Frage nach meinen Interessen angeht – mein Leben interessiert mich. Zu leben, wie ich will, was bis jetzt etwas völlig anderes war als diese geregelte, erbarmungslose Geschäftsatmosphäre. Und wie ist es bei Ihnen, Mr. Roth?"

     "Wes."

     "Wes", sagte sie mit einem zustimmenden Nicken. "Was interessiert Sie?"

     "Zunächst einmal interessiert mich dieses geregelte, erbarmungslose Geschäft."

     Kenna lachte tatsächlich, griff nach dem letzten Gegenstand auf dem Boden, einem Lippenstift, und steckte ihn zurück in ihre Tasche. "Nun, das dürfte uns zu einem interessanten Paar machen."

     "Ja, das tut es." Sein Blick fand ihren und hielt ihn fest. Ihre Augen funkelten. Humor, Intelligenz und unbefangene Lebensfreude lagen in ihrem Blick.

     Verdammt, wenn das nicht attraktiv war! Er richtete sich auf und trat ein wenig zurück.

     "Ich kann diese Arbeit tun", sagte Kenna ruhig. "Ich bin gut in Finanzplanung, der Entwicklung von Marketingstrategien, der Strukturierung von Geschäftszielen und so weiter. Das Einzige, was ich nicht gut kann, ist, mit Leuten umzugehen, die sich nach Äußerlichkeiten ihr Urteil bilden …" Sie warf ihr blondes Haar in den Nacken. Lassen Sie sich nicht von der Verpackung täuschen, Wes."

     "Was ist, wenn ich es nicht tue, solange Sie es nicht tun?"

     "Was?"

     Er schob seine Brille höher. "Wollen Sie bestreiten, dass Sie mich nach dem ersten Blick sofort mit allen anderen Anzugträgern hier in einen Topf geworfen haben?"

     Sie lachte wieder, und er fand ihr Lachen richtig süß. "Okay, Sie haben Recht. Ich habe Sie mit all den anderen konservativen Anzugträgern in einen Topf geworfen. Sagen Sie mir nur eins: Was ist so schlimm an Farben, Wes? Warum trägt kein Einziger aus dem Management auch nur ein bisschen Farbe?"

     Er blickte auf seine schwarzen Basketballshorts, seine schwarzen Basketballschuhe und sein schwarzes T-Shirt.

     Wieder lachte sie. "Sie haben nicht einmal bemerkt, dass Schwarz hier die vorherrschende Farbe ist, nicht wahr?"

     "Nein", sagte er aufrichtig und konnte nicht anders, als den Kopf zu schütteln. "Ich schwöre, ich habe auch ein paar Sachen, die nicht schwarz sind."

     "Ja? Dann beweisen Sie es. Schockieren Sie mich morgen. Aber weiße Wäsche zählt nicht."

     Er blinzelte.

     "Unterwäsche", erklärte sie. "Einfache weiße Baumwollslips zählen nicht als Farbe."

     "Ich trage keine einfachen weißen Baumwollslips."

     Er trug einfache weiße Boxershorts, weil ein Mann ein bisschen Platz benötigte.

     "Das sagen Sie."

     Sie versuchte ganz eindeutig, ihn herauszufordern, aber er hatte absolut nicht vor, über seine Unterwäsche mit ihr zu diskutieren. Nicht um zehn Uhr abends, auf einer leeren Etage, mit niemand anderem in der Nähe als dieser lachenden, scharfzüngigen und schockierend attraktiven Frau, die belustigt zu ihm aufblickte.

     Sie richtete sich auf. "Also … wie wäre es dann damit? Ich übersehe die Tatsache, dass Sie wie ein Mallory-Klon aussehen, und Sie übersehen die Tatsache, dass ich besser geeignet für Wettbewerbe mit nassen T-Shirts erscheinen mag als für Meetings im Konferenzsaal."

     Wes dachte nach. Zuerst über das nasse T-Shirt – das ließ sich nicht verhindern – und dann über ihren Vorschlag.

     Sie wartete einen Moment, dann sagte sie: "Kommen Sie. Ich finde, das ist ein ausgezeichneter Kompromiss."

     Er musste grinsen. "Einverstanden."

     "Einverstanden", wiederholte sie, sammelte ihre Sachen ein und begann sich zu entfernen. "Gute Nacht", rief sie über ihre Schulter. "Schlafen Sie gut."

     Gut schlafen? Er hatte das Gefühl, dass er überhaupt nicht mehr gut schlafen würde. Zumindest nicht in nächster Zeit.