1. KAPITEL

Ein amüsiertes Funkeln erschien in Alexandros Christakis' dunklen Augen, als er beobachtete, wie sein Großvater um den gerade gelieferten Sportwagen herumging. Es war ein fantastischer Wagen, das ultimative Männerspielzeug, von dem nur fünfzig Modelle gebaut worden waren. Die Freude und Aufregung des älteren Mannes, in der Nähe dieses schnittigen Gefährts zu sein, war deutlich spürbar.

     "Ein Wagen, der eine viertel Million kostet!" Pelias schüttelte seinen Kopf und grinste trotz seiner fünfundsiebzig Jahre schelmisch. "Es ist der schiere Wahnsinn, aber es tut meinem Herzen gut, dass du dich wieder für solche Dinge interessierst."

     Alexandros erwiderte nichts auf diesen Kommentar, seine Miene blieb ausdruckslos. Die Klatschkolumnisten beschrieben den Präsidenten der CTK Bank regelmäßig als attraktiv. Alexandros hasste die Presse; er hatte keine Zeit für solchen Unsinn.

     "Du bist immer noch ein junger Mann, erst einunddreißig Jahre alt." Pelias wählte seine Worte mit Bedacht. "Natürlich verstehe ich, dass du niemals deine Trauer vergessen wirst, aber es ist an der Zeit, dein Leben wieder aufzunehmen."

     "Das habe ich schon", murmelte Alexandros tonlos.

     "Aber alles, was du seit Ianthes Tod getan hast, ist arbeiten und mehr und mehr Geld zu verdienen! Wie viel Geld kann ein Mann in einem Leben brauchen? In wie vielen Häusern kann ein Mann wohnen?" In einer weit ausholenden Geste, die das prachtvolle Anwesen vor ihm umfasste, hob Pelias die Arme. Und Dove Hall war nur eines der Immobilien seines Enkelsohns. "Dein Reichtum liegt bereits jenseits der Träume der meisten Männer."

     "Ich dachte, höher und weiter sei das Motto der Christakis." Alexandros dachte an die traurige Wahrheit, dass Menschen niemals zufrieden waren. Er war zu einem durchsetzungsfähigen Macher erzogen worden, der über die gnadenlosen Instinkte eines Hais verfügte. Wenn er herausgefordert wurde, reagierte er ehrgeizig und aggressiv. Seine gesamte Erziehung war darauf ausgerichtet gewesen, ihn zum Gegenteil seines eigenen Vaters zu machen, der Zeit seines Lebens das schwarze Schaf der Familie gewesen war.

     "Ich bin stolz auf dich, unendlich stolz", fuhr sein Großvater mit entschuldigendem Unterton fort. "Aber die Welt hat so viel mehr zu bieten als die nächste Firmenübernahme oder Fusionsvorbereitung. Die Idee einer Beziehung mag dir altmodisch erscheinen …"

     "Natürlich hat es Frauen gegeben." Alexandros presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. Nur sein Respekt vor dem älteren Mann hielt ihn vor einer streitlustigeren Antwort zurück. "Ist es das, was du hören wolltest?"

     "Ich würde lieber hören, dass du länger als eine Woche mit derselben Frau zusammen bist", antwortete Pelias.

     Verärgert über die kritische Antwort begriff Alexandros sofort, worauf sein Großvater hinauswollte. Kalte Wut erstickte seine Geduld. "Aber ich bin nicht auf der Suche nach etwas Ernstem. Ich habe nicht die Absicht, wieder zu heiraten."

     Pelias warf ihm einen überraschten Blick zu. "Habe ich von Hochzeit gesprochen?"

     Unbeeindruckt von der gespielten Naivität, denn Pelias war ja wirklich ein sehr guter Schauspieler, entgegnete Alexandros nichts. Er war ein Einzelkind, auf ihm ruhten besonders viele Erwartungen. In der traditionellen griechischen Kultur war es sehr wichtig, sich um das Fortbestehen des Familiennamens zu kümmern. Doch Alexandros hatte seine eigenen Ansichten. Er hatte nicht vor, wieder zu heiraten oder gar Vater zu werden. Kinder zu bekommen war der Wunsch seiner Frau gewesen, vielleicht sogar ihre Besessenheit. Aber nun war Ianthe gestorben. Warum sollte er ihren Traum weiterverfolgen?

     "Ich will keine Ehefrau … oder Kinder", sagte er also barsch. "Ich verstehe, dass du enttäuscht bist, aber so ist es nun einmal, und ich werde mich nicht ändern."

     Alle Farbe war aus Pelias Christakis' Gesicht gewichen. Der sonst so warmherzige Mann wirkte plötzlich alt, besorgt und verlegen. Alexandros bekam Gewissensbisse. Dennoch unterdrückte er den Drang, seine Worte abzumildern. Das würde nur falsche Hoffnungen wecken. Was er gesagt hatte, war nötig gewesen.

 

Als mittlerweile geübte Flohmarktbesucherin marschierte Katie auf den Stand zu und kramte in dem Stapel mit Babykleidung. Sie zog eine unglaublich niedliche Jacke und die passende Hose hervor und fragte die Frau hinter dem Stand nach dem Preis.

     Er war zu hoch. Mit nur kurzfristigem Bedauern legte sie die Stücke wieder zurück. Vor langer Zeit hatte sie gelernt, dass die wirklich wichtigen Dinge im Leben Schutz, Essen und Wärme waren. Kleidung kam erst an vierter Stelle. Neue und schicke Kleider lagen fast immer außerhalb ihrer finanziellen Möglichkeiten. Schließlich fand sie einen Pullover und ein Paar Jeans, die preislich in ihrem Budget lagen. Die Zwillinge wuchsen so schnell, dass passende Kleidung zu einer ständigen Herausforderung geworden war.

     "Das sind sehr süße Jungs", sagte die Verkäuferin.

     Katie blickte auf ihre Söhne, die nebeneinander in einem Buggy saßen. Ein Lächeln mütterlichen Stolzes erschien auf ihren Lippen. Toby und Connor waren hinreißende Kinder und für ihre neun Monate schon sehr weit entwickelt. Die beiden forderten ständig Aufmerksamkeit und Beschäftigung. Wurde ihnen das verweigert, fingen sie lauthals an zu weinen; ebenso, wenn sie sich langweilten. Und sie kamen mit erstaunlich wenig Schlaf aus. Aber Katie liebte sie. Oft betrachtete sie die beiden versonnen. Dann stieg ein Gefühl der Verwunderung in ihr auf. Die beiden sahen ihr nämlich überhaupt nicht ähnlich, auch ihr Verhalten war völlig anders als das ihrer Mutter.

     Auf dem Nachhauseweg schaute sie die anderen jungen Frauen an. Der Gedanke, dass diejenigen ohne Kinder jünger, fröhlicher und attraktiver aussahen, versetzte ihr einen Stich. In einem Schaufenster betrachtete sie ihr Spiegelbild. Plötzlich stiegen ihr Tränen in die Augen. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, da hatte man auch sie als hübsch bezeichnet. Jetzt war sie ein dünnes Mädchen mit einem schmalen Gesicht, die roten Haare zu einem festen Pferdeschwanz zusammengefasst. Sie sah erschöpft und blass aus. Katie schluckte. Tobys und Connors Vater würde sie so niemals ansehen.

     Bereits damals hatte sie sich gewundert, dass er überhaupt von ihr Notiz nahm. Ihr war es wie ein Wunder vorgekommen, dass ein atemberaubend attraktiver Mann, der jede Frau haben konnte, tatsächlich sie ausgewählt hatte. Dann war eine Illusion nach der nächsten zerstört worden. Sie hatte einigen unangenehmen Wahrheiten ins Gesicht schauen müssen. Mittlerweile akzeptierte sie, dass er nur deshalb an ihr interessiert gewesen war, weil sie ihm das gegeben hatte, was er wollte: Sex. Danach hatte er sie so hart und schnell abserviert, dass sie bei dem Gedanken daran immer noch erschauerte. Nichts hatte sie jemals so verletzt, wie ihr kalter harscher Fall aus der Fantasie in die Realität.

     Ein paar Minuten nachdem sie in ihr Apartment zurückgekehrt war, klopfte ihr Vermieter an der Tür. "Sie müssen ausziehen", teilte er ihr unverblümt mit. "Es hat eine weitere Beschwerde wegen des nächtlichen Lärms der Kinder gegeben."

     Entsetzt starrte Katie ihn an. "Aber alle Babys weinen."

     "Und zwei Babys machen doppelt so viel Krach wie eins."

     "Ich verspreche, sie werden in Zukunft leiser sein."

     "Das haben Sie beim letzten Mal auch schon gesagt, und nichts ist passiert", unterbrach der Mann sie unbeeindruckt. "Ich hatte Sie gewarnt. Sie haben zwei Wochen. Wenn Sie nicht freiwillig ausziehen, lasse ich die Wohnung zwangsräumen. Melden Sie sich beim Sozialamt, dann wird man Ihnen eine neue Wohnung zuweisen!"

     Noch lange nachdem er wieder gegangen war, saß Katie da, die Arme um ihren Körper geschlungen, und kämpfte gegen das Gefühl der Verzweiflung an, das sie zu überwältigen drohte. Bei so vielen Klagen war es vollkommen aussichtslos, gegen die Kündigung anzugehen. Dabei konnte sie den anderen Mietern nicht einmal einen Vorwurf machen. Die Wände waren dünn wie Papier, und die Zwillinge weinten wirklich oft mitten in der Nacht.

     Das Apartment musste dringend renoviert werden, die Möbel waren beschädigt, die gesamte Einrichtung trostlos. Dennoch war das Zimmer zu Katies Zuhause geworden. Außerdem war das Haus in gutem Zustand, die Gegend anständig und sicher.

     Ursprünglich hatte sie Toby und Connor nach dem Flohmarkt für ein Nickerchen hinlegen wollen, doch nun wurde ihr klar, dass sie sofort wieder aufbrechen musste. In zwei kurzen Wochen wäre sie obdachlos, und sie musste dem Sozialamt so viel Zeit wie möglich geben, damit man eine neue Wohnung für sie fand. Sie drängte die erneut aufsteigenden Tränen zurück. Sie war dreiundzwanzig Jahre alt. Sie war immer sehr tatkräftig gewesen, unabhängig, willensstark und fleißig. Aber sie hatte nicht geahnt, wie schwierig es werden würde, zwei Kinder alleine aufzuziehen.

     Eine Woche verstrich, in der Katie alles unternahm, um eine neue Wohnung zu finden. Vergeblich. In der Mitte der zweiten Woche stieg Panik in ihr auf. Eine Sozialarbeiterin teilte ihr mit, dass sie zur Übergangslösung in eine Pension ziehen müssten.

     "Du wirst es hassen", sagte ihre Freundin Leanne Carson. "Du darfst das Zimmer nicht nach deinen Wünschen verändern, und wahrscheinlich wird es noch nicht einmal eine Kochmöglichkeit geben."

     "Ich weiß", murmelte Katie traurig.

     "Weinende Babys werden auch dort nicht gerne gesehen werden." Die hübsche Brünette mit den blauen Augen, die Katie im Krankenhaus kennengelernt hatte, seufzte. "Und bald wirst du eh wieder umziehen müssen. Warum lässt du dir das gefallen?"

     "Was meinst du?"

     "Du hast mir erzählt, der Vater der Zwillinge sei wohlhabend. Warum leitest du nicht ein bisschen von dem Geld in deine Richtung um? Wenn dieser geizige Fiesling prominent und reich genug ist, solltest du deine Geschichte an die Presse verkaufen."

     "Sei nicht verrückt." Katie presste die Finger gegen ihre pochenden Schläfen.

     "Natürlich musst du die Geschichte noch ein bisschen ausschmücken. Zehnmal in der Nacht Sex, unersättliche und perverse Forderungen … Du weißt schon …"

     Katie errötete bis in die Haarspitzen. "Nein, weiß ich nicht."

     "Es sind die schmutzigen Details, die eine Story unterhaltsam und eine Menge Geld wert machen. Sei nicht so prüde! Der Mann ist ein Mistkerl. Er verdient es, in Verlegenheit gebracht zu werden!"

     "Vielleicht tut er das, aber ich kann das nicht. So bin ich nicht. Ich weiß deine Hilfe zu schätzen, aber …"

     "Mit dieser Einstellung wirst du nie zu Geld kommen." Leanne seufzte erneut. "Hast du vor, den Kopf in den Sand zu stecken und den Kerl einfach so davonkommen zu lassen? Wenn du deine Jungs wirklich liebst, bist du auch bereit, alles zu tun, damit sie ein besseres Leben haben!"

     Katie zuckte zurück, als wäre sie geschlagen worden.

     Leanne warf ihr einen herausfordernden Blick zu. "Das ist die Wahrheit, und du weißt es. Du lässt zu, dass der Vater der Kinder – dieser Alexandros irgendetwas – seinen Verpflichtungen entgeht."

     "Ich habe das Jugendamt …"

     "Als ob man dort die Zeit und die Möglichkeiten hätte, einen ausländischen Tycoon festzunageln! Er ist reich. Er wird einen DNA-Test verweigern. Oder er kommt nicht mehr nach England. Oder er gibt vor, all sein Geld verloren zu haben. Wenn du darauf bestehst, nach den Regeln zu spielen, wirst du keinen einzigen Penny bekommen", prophezeite Leanne. "Wenn du mich fragst, wirst du deine Probleme nur lösen, wenn du die Geschichte an die Zeitung verkaufst."

     In dieser Nacht konnte Katie nicht schlafen. Sie dachte an die Opfer, die ihre eigene Mutter hatte erbringen müssen, um sie großzuziehen. Maura Fletcher war Witwe geworden, als ihre Tochter gerade sechs Jahre alt war. Um über die Runden zu kommen, hatte sie als Putzfrau, Hausverwalterin und Köchin gearbeitet. Still und angespannt vor Verlegenheit lag Katie in der Dunkelheit. Alexandros hatte sie verlassen, hatte ihre Bitten um Hilfe ignoriert und ihr dummes kleines Herz gebrochen. Eher würde sie sterben, als ihn noch einmal um Unterstützung anzuflehen. Aber hielt sie vielleicht nur falscher Stolz zurück? Hatte sie ihre Pflicht ihren Söhnen gegenüber vergessen? Was, wenn Leanne recht hatte? Hätte sie mehr tun können, um Kontakt mit Alexandros aufzunehmen?

     Zwei Tage später zog Katie mit Leannes Hilfe aus ihrem Apartment aus. Glücklicherweise konnte sie einige Sachen bei ihrer Freundin unterstellen. Die Pension war überfüllt, das Zimmer klein, grau und deprimierend.

     Aus der ersten Nacht erwachte Katie mit schweren Lidern, aber auch mit neuer Entschlossenheit. Sie hatte sich entschieden, alles, was nötig war, zu unternehmen, damit Connor und Toby ein sicheres Dach über den Köpfen hatten.

     Mit diesem Gedanken machte sie sich auf den Weg zur öffentlichen Bibliothek. Dort wollte sie im Internet nach neuen Informationen über Alexandros suchen. Das hatte sie schon einige Male zuvor ohne Ergebnis getan, aber seit dem letzten Versuch waren ein paar Monate verstrichen. Dieses Mal bot ihr die Suchmaschine einen alternativen Namen an, unter der sie ihre Suche wiederholen konnte. Als sie den Link anklickte, starrte sie entsetzt auf den Bildschirm, der eine ganze Liste mit Treffern präsentierte. Bereits die erste Seite, die sie anklickte, zeigte ein Foto von Alexandros.

     Ihre bisherigen Suchen waren nur deshalb erfolglos geblieben, weil sie seinen Nachnamen Crestakis und nicht Christakis geschrieben hatte. Wegen dieses kleinen Fehlers hatte sie nicht herausgefunden, dass Alexandros der Präsident der CTK Bank war, die eine große Filiale hier in London unterhielt. Die ganze Zeit über, in der sie um ihr Überleben kämpfte, war Alexandros regelmäßig in England gewesen.

     Eine Weile surfte sie im Netz und betrachtete die verschiedenen Seiten, auf denen er immer wieder als brillant, attraktiv, kühl und beherrscht beschrieben wurde. Das war der Mann, in den sie sich Hals über Kopf verliebt hatte. Ein Kribbeln lief über ihren Nacken, als sie einen Zeitungsartikel las, in dem von der Ankündigung einer Firmenfusion durch die CTK Bank am nächsten Morgen die Rede war. Bei einem so großen Geschäft war Alexandros bestimmt anwesend. Wenn sie früh aufstand, in die Stadt fuhr und vor der Bank wartete, konnte sie ihn abfangen, wenn er ankam.

     Natürlich hätte sie auch einfach um einen Termin mit ihm bitten können. Aber sie war überzeugt, dass er sich nicht mit ihr treffen würde. Hatte er ihr nicht eine falsche Telefonnummer gegeben und ihre Briefe ignoriert? Nein, vielleicht war es klüger, Alexandros nicht vorzuwarnen. Das Element der Überraschung gab ihr möglicherweise die Kraft, die sie so dringend brauchte.

     Am nächsten Tag brachte Katie die Zwillinge bereits früh am Morgen zu Leanne.

     "Lass dir nichts von ihm gefallen", sagte die Freundin. "Er hat mehr zu verlieren als du."

     "Woher willst du das wissen?", fragte Katie und setzte Toby, dann Connor, in den Laufstall, in dem bereits Leannes Tochter Sugar wartete. Wie immer, wenn sie hier war, blickte sie sich um und wünschte sich, sie könne sich eine ähnliche Wohnung leisten. Obwohl Leannes Zuhause sehr klein war, ließen die Pastellfarben an den Wänden die Zimmer freundlich und einladend wirken. Mit einem Familiennetzwerk im Rücken, über das Katie nicht verfügte, konnte Leanne als Friseurin arbeiten. Ihre Mutter kümmerte sich oft am Abend um ihr Enkelkind, und ihr Exfreund zahlte Unterhalt.

     "Ich wette, er will jeden Skandal vermeiden", erklärte Leanne. "Banker sind zumeist recht konservativ … Alles andere würde die Börsenspekulanten nervös machen."

     Konservativ? Während der Busfahrt ins Stadtzentrum spukte dieses Adjektiv in Katies Kopf herum. Bei ihrer ersten Begegnung hatte Alexandros in der Tat konservativ auf sie gewirkt. Seine arrogante Art, Befehle zu erteilen, war ihr immer verhasst gewesen. Insgeheim hatte sie ihn für seine unfreundliche und strenge Art verachtet. Und trotzdem hatte sie sich in ihn verliebt! Bis heute fragte sie sich, was das über ihren eigenen Charakter aussagte.

     Die CTK Bank lang im Herzen Londons. Katie schaute an der verglasten Fassade hinauf und staunte über Größe und Ausstrahlung des Bürokomplexes. Alexandros Christakis, musste sie endlich einsehen, war ein sehr reicher und mächtiger Mann. Sie positionierte sich so, dass sie sowohl den Haupteingang als auch den Nebeneingang im Blick hatte. Die ersten Angestellten betraten bereits das Gebäude. Mittlerweile hatte es angefangen zu regnen; die dünne Jacke, die sie trug, war bald durchnässt. Sie senkte den Kopf, um den schlimmsten Tropfen auszuweichen, und hätte so beinahe den großen Wagen übersehen, der diskret in einer kleinen Seitenstraße hielt.

     Abrupt richtete sie sich auf und eilte mit großen Schritten auf die Seitenstraße zu. Zwei weitere Wagen hielten an, einer vor, der andere hinter der luxuriösen Limousine. Einige Männer verließen die Fahrzeuge und verteilten sich auf der Straße. Katies wachsamer Blick jedoch war fest auf den großen dunklen Mann gerichtet, der gerade aus dem mittleren Wagen stieg. Ein leichter Wind zerzauste sein schwarzes Haar. Ohne Vorwarnung verspürte sie einen schmerzhaften Stich. Sie hätte ihn immer und überall wiedererkannt, allein an der stolzen Haltung seines Kopfes oder an seinen anmutigen Bewegungen. Ein flaues Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus.

     "Alexandros", versuchte sie zu sagen, doch ihre Stimme versagte. Denn, obwohl er sie nicht gehört haben konnte, weil sie noch zu weit entfernt war, schien es, als würde er in ihre Richtung blicken.

 

Alexandros bemerkte die angespannte Haltung seiner Sicherheitskräfte und versuchte, die Quelle der Aufregung auszumachen. Kaum war sein Blick auf die zierliche schlanke Gestalt gefallen, erkannte er sie. Irritiert blieb er stehen. Das regennasse rote Haar und das blasse herzförmige Gesicht rührten etwas in seinem Inneren. Erinnerungen stiegen in ihm auf. Er dachte daran, wie Sonnenstrahlen durch ein von Regentropfen benetztes Fenster ihr Haar zum Leuchten gebracht und ihre Augen in einem irisierenden Grün hatten funkeln lassen. Einer der Sicherheitskräfte stellte sich ihr routiniert in den Weg, gerade als eine Horde Paparazzi mit gezückten Kameras in der Straße hinter ihr auftauchten.

     "Hinein, Boss", drängte Cyrus, der Leiter des Sicherheitsteams, als Alexandros zögerte. "Paparazzi und ein obdachloses Mädchen … Könnte eine Falle sein!"

     Mit einem einzigen großen Schritt überwand Alexandros die Stufen und verschwand im Inneren der Bank. Eine Falle? Ein obdachloses Mädchen? Cyrus konnte nur Katie gemeint haben. Warum zog sie sich immer noch wie eine Studentin an? Und warum war sie überhaupt gekommen? Er glaubte nicht, dass ihre Anwesenheit ein Zufall war. Was wollte sie von ihm? Warum versuchte sie, sich ihm in der Öffentlichkeit zu nähern? Hatten die Paparazzi darauf gewartet, dass er sie wiedererkannte, damit sie irgendeine Falle zuschnappen lassen konnten?

     Harsch befahl er dem Sicherheitschef, jeden von Katies Schritten zu beobachten. "Ihr Name ist Katie Fletcher. Lassen Sie sie nicht aus den Augen!", warnte Alexandros ihn auf Griechisch. "Folgen Sie ihr. Ich will wissen, wo sie lebt."

     Als Alexandros den wartenden Aufzug betrat, waren alle Gedanken an den Vorfall vergessen. Er war Profi genug, sich sofort wieder mit den Zahlen und Fakten zu beschäftigen, die in der Pressemitteilung über die bevorstehende Fusion erscheinen sollten. Jede weitere Erinnerung, die versuchte, aus seinem Unterbewusstsein an die Oberfläche zu drängen, schob er rücksichtslos beiseite.

     Doch am Ende des ersten Meetings musste er feststellen, dass er ein K auf den vor ihm liegenden Block gekritzelt hatte. Und das Wissen um den kurzen Kontrollverlust, um die unbewusste Schwäche, die ihn überlistet hatte, machte ihn wütend.

 

Katie fühlte sich verloren. Ein Sicherheitsmann hatte sich ihr in den Weg gestellt, dann war sie von einer Reportermeute beiseite gedrängt worden. Alexandros hatte sie gesehen. Aber hatte er sie auch erkannt? Hatte er den Sicherheitsmann geschickt, um sie aufzuhalten? Hätte er mit ihr gesprochen, wenn keine Journalisten dort gewesen wären?

     Sie glaubte es nicht. Er hatte weder gelächelt noch irgendwie gezeigt, ob ein freundliches Willkommen im Bereich des Möglichen lag. Vielleicht ist er doch der miese Kerl, für den Leanne ihn hält, dachte sie, als ihr bewusst wurde, dass ihr Plan gescheitert war. Doch dann stieg rebellischer Mut in ihr auf. Sie marschierte auf den Vordereingang zu, betrat die Bank und ging direkt auf die Rezeption zu.

     "Ich möchte mit Mr. Christakis sprechen", sagte sie.

     Die Rezeptionistin musterte Katie skeptisch und schien entscheiden zu wollen, ob die Frau mit den nassen Haaren und der abgetragenen Kleidung sie auf den Arm nahm oder nicht.

     "Ich notiere Ihren Namen", erwiderte die elegante Frau hinter dem Pult mit professioneller Kühle. "Aber ich muss Sie warnen. Mr. Christakis ist außerordentlich beschäftigt. Seine Termine sind normalerweise Monate im Voraus ausgebucht. Vielleicht könnten Sie mit jemand anderem sprechen?"

     "Ich möchte zu Alexandros Christakis. Bitte sorgen Sie dafür, dass er meinen Namen erhält. Er kennt mich." Ungläubiges Schweigen folgte auf ihre Erklärung. So würdevoll wie möglich schlenderte sie zu den Sesseln hinüber, die für wartende Kunden bereitstanden. Sie beobachtete, wie die Rezeptionistin mit zwei Kollegen sprach. Einer unterdrückte ein Kichern. Katies Gesicht brannte vor Scham, und sie widmete sich scheinbar völlig interessiert den Zeitschriften aus der Finanzwelt, die vor ihr auf einem niedrigen Tisch auslagen. Du wirst langsam paranoid, schalt sie sich selbst. Niemand redete über sie. Und ebenso simpel war die Erklärung für das, was draußen passiert war. Alexandros hatte sie einfach nicht erkannt.

     Unvermittelt hob sie die Hand und löste ihren Pferdeschwanz. Sie holte einen Kamm aus ihrer Handtasche und kämmte durch die feuchten Locken. Warum sie das tat, war ihr allerdings nicht ganz klar – er würde sie sowieso nicht empfangen.

     Während sie wartete, fiel ihr plötzlich etwas ein. Hatte er überhaupt ihre Briefe bekommen? Einer war an seine Adresse in Irland adressiert gewesen. Als sie keine Antwort erhalten hatte, hatte sie einen zweiten an die Maklerfirma gesandt, die ihm das Haus vermietet hatte. Aber auf den Briefen hatte immer der falsche Name gestanden. Was, wenn Alexandros sie nie erhalten hatte? Wusste er am Ende gar nichts von …?

     "Ms. Fletcher?", rief die Rezeptionistin.

     Eilig stand Katie auf. "Ja?"

     "Ich habe einen Anruf für Sie."

     Überraschung zeichnete sich auf Katies Miene ab, als sie das schnurlose Telefon entgegennahm.

     "Katie?"

     Es war Alexandros. Beim Klang seiner tiefen melodischen Stimme geriet Katie so aus der Fassung, dass sie beinahe den Hörer hätte fallen lassen. "Alexandros?"

     "Ich warte gerade auf eine Satellitenverbindung. Ich fürchte, ich habe nur ein paar Minuten. Du hast dir einen schlechten Tag zum Telefonieren ausgesucht."

     "Die Fusion", warf sie ein und presste den Hörer fest gegen ihr Ohr. Seine Stimme klang so vertraut, dass sich ihr Herz schmerzhaft regte. "Aber deshalb bin ich gekommen. Ich wusste, du würdest hier sein. Ich muss dich sehen."

     "Warum?", fragte Alexandros völlig ungezwungen. "Brauchst du Hilfe?"

     "Ja … aber das kann ich nicht am Telefon oder in der Öffentlichkeit besprechen", entgegnete sie angespannt. "Aus reinem Interesse … Hast du jemals einen Brief von mir erhalten?"

     "Nein."

     "Oh." Sie hatte keine Ahnung, was sie auf seine prompte Verneinung erwidern sollte. Wenn er nichts von ihrer Schwangerschaft gewusst hatte, stand ihm eine große Überraschung bevor.

     "Warum kannst du mir nicht in aller Kürze sagen, worum es geht?"

     "Weil ich dich dabei sehen muss", wiederholte sie.

     "Das wird kaum möglich sein."

     Katie senkte ihre Stimme, fast flehte sie: "Ich wäre nicht hergekommen, wenn ich nicht verzweifelt wäre."

     "Dann komm auf den Punkt", unterbrach er sie kalt. "Mir steht nicht der Sinn nach Rätseln."

     Tränen brannten in ihren Augen. "Okay, du willst mich also nicht sehen", sagte sie. "Aber sag später nicht, ich hätte dir keine Chance gegeben."

     Damit unterbrach sie die Verbindung und marschierte zur Rezeption, um das Telefon zurückzubringen. Kaum hatte sie es auf das Pult gelegt, als es wieder zu klingeln begann. Sie war noch nicht weit gekommen, da rief die Rezeptionistin auch schon ihren Namen. Katie wirbelte herum und schüttelte verneinend den Kopf. Ihr war unbehaglich zumute, denn mittlerweile starrten einige Menschen sie an. Vor allem ein auffallend dünner Mann mit stechenden Augen beobachtete sie unverhohlen. Eilig verließ sie die Bank.

     Sie war wütend über sich selbst, weil sie so impulsiv und naiv gewesen war. Der Versuch, mit Alexandros zu sprechen, war wirklich dumm gewesen. Er wollte sie weder sehen noch mit ihr sprechen. Und ganz bestimmt wollte er nicht erfahren, dass er Vater von Zwillingen war. Die einzige Möglichkeit, finanzielle Hilfe von ihm zu bekommen, wäre, einen Anwalt einzuschalten und die Vaterschaft gerichtlich feststellen zu lassen. Doch die Mühlen der Justiz mahlten sehr langsam. Das war keine Lösung für ihre momentanen Probleme. Vielleicht musste sie doch darüber nachdenken, ihre Skrupel über Bord zu werfen, und ihre Geschichte einer Zeitung verkaufen.

     Alexandros würde sehr wütend auf sie sein. Bruchstücke nur allzu lebendiger Erinnerungen durchströmten sie. Sie erinnerte sich daran, einmal ein Frühstückstablett nach ihm geworfen und ihn angeschrien zu haben. Sein entsetzter Gesichtsausdruck würde sie ihr Leben lang verfolgen. An jenem Tag hatte sie begriffen, dass noch niemand jemals zuvor so mit ihm gesprochen oder ihm gesagt hatte, dass es die Hölle war, für ihn zu arbeiten. Ihre Respektlosigkeit hatte ihn beleidigt. Erst als sie ihn dazu gebracht hatte, ihre Sicht der Dinge zu verstehen, hatte er ihr verziehen.

     Katie brauchte eine Stunde, um Leannes Wohnung zu erreichen, aber dort war niemand. Ihre Freundin hatte sie bereits vorgewarnt, dass sie eventuell mit ihrer Mutter einige Einkäufe erledigen wollte. Als sie die Straße zurückging, hielt eine Limousine unmittelbar vor ihr. Ein großer Mann mittleren Alters stieg aus und öffnete die hintere Tür für sie.

     "Mr. Christakis erwartet Sie …", sagte er.

     Überrascht betrachtete sie die dunkel getönten Scheiben des silbernen Wagens. Obwohl ihr Herz so schnell schlug, dass sie sich ein wenig schwindelig fühlte, stieg sie ein.