2. KAPITEL

Alexandros begrüßte Katie mit einem finsteren Nicken. Lässig in weichen Ledersitzen zurückgelehnt, gekleidet in einen schwarzen Designeranzug, ein gestreiftes Hemd und eine dazu passende Seidenkrawatte, entsprach er genau dem millionenschweren Banker, über den sie im Internet gelesen hatte. Gut aussehend, intelligent und gleichzeitig angsteinflößend, hatte er etwas an sich, das sehr, sehr sexy war. Der unangemessene Gedanke ließ sie erröten.

     "Wenn du meine Aufmerksamkeit wolltest, hast du sie jetzt", verkündetet Alexandros kühl, während er sie ungeniert und kritisch musterte. Sie besaß das herzförmige Gesicht einer Katze, große Augen, schräge Wangenknochen und einen großen sinnlichen Mund – exotisch, aber nicht vollkommen außergewöhnlich. Ihre ein wenig unordentlichen roten Haare betonten allerdings die dunklen Schatten auf ihrem Gesicht. Sie war klein und zierlich – und zu dünn für seinen Geschmack. Er konnte sich nicht mehr vorstellen, warum sie ihn einst vor Lust hatte erbeben lassen.

     Lange, dichte Wimpern umrahmten ihre melancholischen Augen, dunkel und grün wie Moos. Unwillkürlich wurde sein Blick schärfer, intensiver, und Katie veränderte ihre Sitzposition mit der anmutigen Bewegung einer Raubkatze, die ihn seine Muskeln anspannen ließ.

     Das Schweigen zwischen ihnen wurde länger und länger.

     "Also …?", drängte er schließlich. Seine Stimme klang rau, weil er gegen die sinnlichen Erinnerungen ankämpfte, die in ihm aufstiegen. Sie hatte immer nach Seife und frischer Luft geduftet. Das teuerste Parfüm der Welt hatte sie zum Niesen gebracht. Alexandros schob die Erinnerungen mit einer rigorosen Selbstdisziplin beiseite, die seit seinem zwanzigsten Lebensjahr zu seiner zweiten Natur geworden war. Damals hatte er gelernt, Emotionen und spontane Reaktionen zu unterdrücken und zu ignorieren. Er hielt es für bedeutsam, dass er sich ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem er emotional nicht im Gleichgewicht war, mit Katie Fletcher eingelassen hatte. Wahrscheinlich hatte das ihrer Begegnung das gewisse Extra verliehen, welches seitdem seinen Flirts zu fehlen schien.

     "Worum geht es eigentlich?", fragte er gleichgültig.

     Allein ihn zu beobachten, ließ sie schlucken – er sah wirklich atemberaubend gut aus. Sie ertappte sich dabei, wie sie die Gesichter ihrer Söhne in seinen Zügen suchte. Sie hatten dieselben geraden dunklen Brauen, dasselbe markante Kinn und dasselbe schwarze glänzende Haar. Ihre beiden Jungen waren wie Miniaturausgaben ihres Vaters. Verlegen senkte sie den Blick. Bald, dachte sie, wird er sich wünschen, mich nie gesehen zu haben. "Alles wäre viel einfacher, wenn du den Brief bekommen hättest, den ich dir geschickt habe."

     Auf Alexandros wirkte sie in diesem Moment so jung, dass ein Gefühl der Schuld seinen Panzer aus Selbstbeherrschung durchdrang. Was für ein erotischer Wahnsinn hatte achtzehn Monate zuvor seine Bedenken hinweggefegt? Er kam sich vor, als hätte er ein Schuldmädchen verführt. Keine andere Frau hatte ihm jemals einen Brief geschrieben, nachdem er sie verlassen hatte.

     "Überspringen wir den Brief." Erst jetzt bemerkte Alexandros die abgetragene Kleidung. Ihre Armut war so offensichtlich, und sein Misstrauen wuchs. Er hatte die Drohung, mit der sie das Telefonat beendet hatte, nicht vergessen. "Was ist mit dir passiert?"

     Seine offenkundige Musterung war Katie mehr als unangenehm; innerlich zuckte sie zusammen. Doch dann murmelte sie angespannt und entschuldigend: "Ich weiß, ich habe mich verändert. Das Leben war im letzten Jahr sehr hart."

     "Wenn du Geld brauchst, gebe ich dir welches. Rührselige Geschichten sind dafür nicht nötig."

     Trotzig hob sie ihr Kinn; ihre grünen Augen zeugten von Übermüdung und verletztem Stolz. "Du dachtest, ich würde dir eine rührselige Geschichte erzählen? Also gut, dann werde ich nicht versuchen, die schlechten Nachrichten nett zu verpacken und komme gleich zum Punkt. Ich war schwanger von dir."

     Verwundert über diese Behauptung, nahm Alexandros sofort eine Verteidigungshaltung ein; in seinem Gesicht bewegte sich nicht der kleinste Muskel.

     "Ich war auch nicht erfreut darüber. Um ehrlich zu sein, war ich ziemlich erschrocken."

     "Ist das eine Art Bluff? Wenn ja, ist es ein sehr ungeschickter."

     "Ein Bluff?", wiederholte sie tonlos.

     "Ich glaube nicht, dass du schwanger von mir warst. Warum solltest du mir das erst jetzt erzählen?", fragte Alexandros mit einem sanften spöttischen Unterton, der suggerierte, dass ihre Worte einfach nur dumm waren. "Wie kannst du erwarten, dass ich diesen Unsinn glaube?"

     "Der Grund, warum du es erst jetzt erfährst, ist, dass du mir deine Adresse nicht gegeben hast."

     "Aber meine Telefonnummer."

     "Und ich habe mehr als ein Dutzend Mal angerufen, und immer hat man mir gesagt, du bist nicht da oder in einem Meeting!" Ihre Stimme wurde lauter bei dem Gedanken daran, wie das Gefühl der Demütigung mit jedem ergebnislosen Versuch größer und größer geworden war.

     Alexandros blieb weiterhin völlig unbeeindruckt. "Meine Angestellten sind sehr zuverlässig."

     "Irgendwann hatte eine deiner Mitarbeiterinnen Mitleid mit mir. Sie hat mir erklärt, dass ich nicht auf der speziellen Liste stehe. Wörtlich hat sie gesagt: 'Wenn Ihr Name nicht auf der Liste ist, werden Sie in diesem Leben nicht mit ihm sprechen!'"

     Alexandros runzelte die Stirn. "Dein Name muss auf der Liste gestanden haben."

     "Nein. Warum sollte ich lügen? Wir beide wissen, warum mein Name nicht auf deiner tollen VIP-Liste stand", schloss Katie mit einer bitteren Note, die sie nicht verbergen konnte. "Du wolltest nie wieder etwas von mir hören. Das ist in Ordnung. Aber du kannst mir nicht vorwerfen, dir nichts von der Schwangerschaft gesagt zu haben, wenn es für mich gar keine Möglichkeit gab, das zu tun!"

     "Du bist ja hysterisch … Ich werde diese Unterhaltung nicht weiterführen", verkündete Alexandros kühl. Aufkeimende Wut verwandelte seine dunklen Augen in glühende Lava.

     Katie atmete tief ein. "Ich bin nicht hysterisch, ich bin wütend. Ich hätte wissen müssen, dass das so nicht funktioniert. Ich hätte nicht zu deiner kostbaren Bank kommen sollen, und ich hätte niemals in diesen Wagen steigen dürfen."

     "Beruhige dich", unterbrach Alexandros sie heftig, während er über ihre Motive nachdachte. Warum erzählte sie ihm dieses fadenscheinige Märchen? Er konnte einfach nicht glauben, dass sie die Wahrheit sagte. Zugegebenermaßen hatte er bei ihr, was Verhütung anging, nicht einhundert Prozent aufgepasst. Es gab eine winzige Möglichkeit, dass sie schwanger geworden war.

     Auf der anderen Seite der Trennscheibe versuchte Cyrus den Blick seines Arbeitgebers im Rückspiegel zu erhaschen, um herauszufinden, wohin er nun fahren sollte. Alexandros fällte eine plötzliche Entscheidung, drückte einen Knopf, und die Scheibe schloss sich. Falls Katie in Tränen ausbrechen sollte, wollte er keine Zeugen. "Es ist alles gut", wagte er einen mutigen Vorstoß; mitfühlendes Verhalten fiel ihm nicht gerade leicht. "Alles wird wieder gut."

     "Nichts ist gut!", rief Katie aufgebracht. Er hörte ihr nicht zu, und er glaubte ihr nicht. Sie verschwendete nur ihre Zeit. Selbst wenn er Toby und Connor gegenüberstand, würde er wahrscheinlich noch leugnen, dass sie seine Söhne waren. Und was dann? Sie senkte den Kopf; Erschöpfung hatte wieder den Platz der fiebrigen Energie eingenommen, die sie bei seinem Anblick überkommen hatte.

     Alexandros bemerkte ihre Verzweiflung. Offensichtlich war sie in großer Not und hatte kein Geld. Vermutlich war sie deshalb mit dieser absurden Geschichte zu ihm gekommen und hatte gehofft, sein Mitleid erwecken zu können. Es schien ihr gar nicht in den Sinn gekommen zu sein, dass es vollkommen sinnlos war, ihm dieses Märchen von der Schwangerschaft aufzutischen. Aber sein Ärger war bereits verraucht; dafür versuchte er jetzt, die Zwangslage zu verstehen, in der sie sich befand.

     "Bist du arbeitslos?", fragte er in der Hoffnung, dass eher praktische Überlegungen sie auf den Boden der Realität zurückholen würden.

     Katie warf ihm einen überraschten Blick zu. "Ja."

     "Deshalb hast du entschieden, zu mir zu kommen … wegen Hilfe. Das ist okay." Er beschloss, ihr jede nur mögliche Unterstützung zuteil werden zu lassen. "Wo wohnst du im Moment?"

     Katie blinzelte; sie schien nicht zu wissen, wohin dieses Gespräch führte. "In einer Pension. Ich musste aus meinem Apartment ausziehen."

     "Bist du hungrig?"

     Langsam nickte sie. Es war Stunden her, das sie etwas zu sich genommen hatte. Seine Fragen verwirrten sie. "Willst du mich nichts über das Baby fragen?"

     Die Wiederholung des unglückseligen Wortes 'Baby' hatte dieselbe Wirkung auf Alexandros wie ein Eimer kalten Wassers. Seine Miene verhärtete sich. "Ich dachte, wir hätten dieses unglaubwürdige Märchen hinter uns gelassen. Damit wirst du bei mir nichts erreichen."

     Dunkle Röte färbte Katies Wangen. "Warum bist du so überzeugt davon, dass ich lüge? Muss ich erst einen Anwalt einschalten, damit du mich ernst nimmst?"

     Fast unmerklich zuckte Alexandros zusammen. Die Erwähnung eines Anwalts passte nicht zu seinen Schlussfolgerungen.

     "Du willst es einfach nicht wissen, nicht wahr?" Wütend und verlegen zugleich schüttelte Katie den Kopf. "Aber ich ziehe deine Kinder groß!"

     "Meine … Kinder?", wiederholte er ungläubig.

     "Ich habe Zwillinge bekommen. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie schwer das für mich ist? Was glaubst du, wie es sich für mich anfühlt, dich um Hilfe zu bitten?"

     Zwillinge! Dieses einzelne Wort traf Alexandros härter als alle zuvor. Nur wenige wussten, dass er selbst ein Zwilling war; sein Bruder jedoch war bei der Geburt gestorben. "Hast du gerade gesagt, du hast Zwillinge zur Welt gebracht?"

     "Was kümmert dich das noch?", fuhr sie ihn an. "Okay, halt den Wagen an und lass mich aussteigen! Mir reicht es."

     "Gib mir deine Adresse."

     Alexandros ließ die Trennscheibe nach unten gleiten und gab die Adresse auf Griechisch an Cyrus weiter. Dann wandte er sich wieder Katie zu, die ihre Hände fest ineinander verschränkt hatte, um ihr Zittern zu verbergen.

     "Wie alt sind die Zwillinge?"

     Allmählich begriff sie, dass er ihr endlich zuhörte. "Fast neun Monate."

     Die Unwahrscheinlichkeit ihrer Geschichte wurde zu einer vagen Möglichkeit. "Und du behauptest, die Kinder sind von mir?"

     Für ihn ist es ganz zweifellos ein entsetzlicher Gedanke, dass ich vielleicht die Wahrheit sage, ging es Katie durch den Kopf. Seine bronzefarbene Haut hatte einen blassen Ton angenommen, und sein benommener Blick sprach Bände. "Was denkst du, würde ich sonst hier machen? Ach ja, richtig – du hoffst immer noch, dass alles nur eine Art Bluff ist. Tut mir leid, aber ich bin kein Zauberkünstler. Die Zwillinge sind von dir, ein Fehler ist ausgeschlossen."

     "Ich verlange einen DNA-Test."

     Die Beleidigung ließ Katie erblassen. Er war der einzige Liebhaber, den sie je gehabt hatte.

     Doch was hatte sie anderes von Alexandros Christakis erwartet? Hatte sie gehofft, er würde ihren Worten sofort Glauben schenken? Hatte sie sogar von einem herzlichen Willkommen geträumt? Von einem Kerl, der sie sitzen gelassen hatte und so sorgfältig auf seine Anonymität bedacht war? Einem Kerl, der ganz offensichtlich seitdem nie wieder an sie gedacht hatte? Natürlich freute er sich nicht. Und natürlich hoffte er noch immer, dass alles ein Irrtum oder sie eine Lügnerin war.

     Schließlich hegte er keinerlei Gefühle für sie. Für ihn war sie nur ein kleines sexuelles Abenteuer gewesen, als er sich langweilte und nichts zu tun hatte. Jetzt, in abgetragener Kleidung und offensichtlich vom Pech verfolgt, einfach so aufzutauchen, war für einen Mann mit seinem Reichtum einfach nur unangenehm. Zusammen mit der Mitteilung über die Zwillinge werde ich zum absoluten Albtraum der meisten Singlemänner, dachte sie. Er liebt mich nicht. Was sollte ihm eine Vaterschaft dann bedeuten? Männer wollten nur eine Familie mit Frauen, für die sie etwas empfanden. Nun, das war in Ordnung, redete sie sich hartnäckig ein. Alles, was sie von ihm wollte und brauchte, war finanzielle Hilfe.

     Die Limousine hielt an. Mit einer abrupten Bewegung, die verriet, wie groß die Anspannung war, unter der Alexandros stand, gab er seine Zurückhaltung auf und legte eine Hand auf ihre. "Wenn es meine Kinder sind, schwöre ich, ich werde dich auf jede nur erdenkliche Weise unterstützen", erklärte er hastig. "Gib mir deine Handynummer."

     "Ich habe kein Telefon."

     Er zog eine Visitenkarte aus seiner Tasche, schrieb etwas auf die Rückseite und gab sie ihr. "Das ist meine private Nummer."

     Seine private Nummer. Ihre Augen brannten. Am liebsten hätte sie die Karte zerrissen und ihm die Fetzen entgegengeschleudert, weil er vor achtzehn Monaten so sehr darauf bedacht war, ihr seine Telefonnummer nicht zu geben. Die unterdrückten Tränen schnürten ihr die Kehle zu; sie konnte kaum atmen, geschweige denn, ihn mit der geeigneten Antwort bedenken. Sie hatte ihn so sehr geliebt. Und es hatte unendlich wehgetan, als er sie verlassen hatte. Jetzt wieder in seiner Nähe und offensichtlich unerwünscht zu sein, war Salz in ihren Wunden.

     Alexandros sah ihr nach, wie sie den Bürgersteig überquerte. Sie bewegte sich so anmutig und leichtfüßig wie eine Tänzerin. In der exklusiven Welt der Hochfinanz behauptete er sich ohne Probleme, sein Privatleben hingegen schien ein einziges Katastrophengebiet zu sein. Wieder hatte er versagt. Wieder würde er den Preis dafür bezahlen müssen.

     Wie wahrscheinlich war es, dass es seine Kinder waren? Er rief sich Katies von Herzen kommende Offenheit ins Gedächtnis. Ihre Ehrlichkeit war für ihn etwas ganz Neues gewesen. Es hatte keine Halbwahrheiten oder Ausflüchte gegeben. Sehr erfrischend – bis sie die Worte gesagt hatte, die er von den Lippen keiner anderen Frau ertragen konnte. Ich liebe dich – diesen kleinen Satz, den Ianthe sich so sehr zu eigen gemacht hatte.

     Warum hatte er Katie aus der Limousine aussteigen lassen? Die Möglichkeit, dass sie die Wahrheit sagte und er Vater von Zwillingen war, bestand durchaus. Alexandros unterdrückte einen Schauder. An sich oder seine Gefühle zu denken war jetzt nicht erstrangig. Mein Gott, Katie besaß noch nicht einmal ein Telefon. Und wahrscheinlich brauchte sie dringend etwas zu essen.

     "Sie haben Termine, Boss", machte sich Cyrus mit einem entschuldigenden Unterton bemerkbar.

     Er ignorierte die Feststellung. Aus einem plötzlichen Impuls heraus ließ er sich zu Harrods fahren und kaufte einen riesigen Geschenkekorb und das modernste Mobiltelefon in Katies Lieblingsfarbe. Insgeheim erschreckte ihn sein vollkommen untypisches Verhalten. Dann rief er seinen Anwalt an. Der Anwalt drängte auf weitere juristische Verstärkung und Krisengespräche, DNA-Spezialisten und extreme Vorsicht.

     Dieser Hinweis beendete Alexandros' spontane Aktivitäten. Pelias und Calliope Christakis wären alles andere als begeistert von einem Skandal. Eine diskrete und vorsichtige Vorgehensweise war am besten für alle Beteiligten.

 

Bevor Katie die Stufen zu ihrem Zimmer hinaufgehen konnte, stellte sich ihr jemand in den Weg.

     "Ms. Fletcher?" Es war derselbe Mann, der sie bereits im Foyer der CTK Bank beobachtet hatte.

     "Ja?"

     Er überreichte ihr eine Visitenkarte. "Ich bin Trev. Ich arbeite für den Daily Globe. Darf ich Sie fragen, in welcher Beziehung Sie zu Alexandros Christakis stehen?"

     "Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen", murmelte Katie überrascht.

     "Doch, das wissen Sie. Sie sind gerade aus seiner Limousine ausgestiegen."

     "Sie haben mich beschattet? Sind Sie mir seit der Bank gefolgt? Bis zum Haus meiner Freundin?" Bei dieser Erkenntnis verlor sie die Nerven und wandte sich wieder der Treppe zu.

     Der Reporter blockierte den Aufgang. "Wie ich höre haben Sie Kinder …"

     "Was geht Sie das an?"

     "Christakis ist ein sehr interessanter Mann. Wenn Sie uns etwas über ihn zu erzählen haben, könnte es sich für Sie lohnen", sagte er mit einem bedeutsamen Blick. "Er lebt in einer Welt, die die meisten von uns nur beneiden können. Jedes persönliche Detail wäre viel Geld wert."

     Katie zögerte, Abscheu lag in ihrem Blick. Sie wollte den Reporter anschreien, er solle verschwinden und sie in Ruhe lassen. Wenn doch Alexandros ihr nur konkretere Hilfe gegeben hätte als eine Telefonnummer! Leanne hatte ihr gesagt, sie solle alles tun, um Toby und Connor einen besseren Start ins Leben zu ermöglichen. Doch des Geldes wegen mit der Presse zu sprechen, kam ihr sehr schäbig vor. Gleichzeitig war ihr jedoch schmerzhaft bewusst, dass es ihre Aufgabe war, ihren Kindern ein anständiges Zuhause zu bieten – und dafür brauchte sie Geld.

     "Wir sind Ihnen jetzt auf der Spur. Wenn es irgendwo ein schmutziges Geheimnis gibt, werden wir es finden." Trevs Worte waren eine Drohung und eine Warnung zugleich. "Warum machen Sie es nicht einfacher für uns und für sich selbst lukrativ?"

     "Ich bin nicht interessiert." Noch während sie sprach, zweifelte Katie, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte.

     Eine Stunde später machte sie sich auf den Weg zu Leanne, um Toby und Connor abzuholen.

     "Erzähl schon", begrüßte Leanne sie neugierig. "Was ist passiert? Hast du Alexandros gesehen?"

     Also erzählte Katie, und ihre Freundin hörte aufmerksam zu; sie ließ sich sogar die Limousine ganz genau beschreiben.

     "Offensichtlich ist Alexandros ziemlich reich." Ein berechnender Ausdruck erschien auf Leannes hübschem Gesicht. "Und das beste Angebot, das er dir machen kann, ist ein DNA-Test? Da wird er sich noch eine Menge mehr einfallen lassen müssen!"

     "Er stand unter Schock. Ich gebe ihm einige Tage Zeit und warte ab, was dann passiert." Sie zog die Visitenkarte hervor, die sie von dem Journalisten erhalten hatte.

     "Hey, hey, hey!" Leanne griff nach der Karte und betrachtete sie eingehend. Das augenscheinliche Interesse des Daily Globe beeindruckte sie mehr als alles andere. "Dieser Trev hat sich die Mühe gemacht, dir zu folgen? Und du hast sein Angebot abgelehnt? Bist du verrückt geworden?"

     "Ich muss Alexandros doch zuerst die Chance geben, uns zu helfen."

     "Aber wenn die Presse ohne deine Hilfe herausfindet, wer der Vater von Toby und Connor ist, wirst du keinen Penny sehen!"

     Langsam fühlte Katie sich unbehaglich. "Ich weiß, aber ich denke nicht, dass so schnell jemand dahinterkommt, in welcher Beziehung ich zu Alexandros stehe. Ich meine, niemand weiß von uns."

     "Du könntest eine Menge Geld mit dieser Geschichte machen, Katie!"

     "Alexandros würde diese Art Publicity hassen, und er würde es mir niemals verzeihen."

     "Na und? Was kümmert dich dieser Mistkerl?" Leannes Stimme klang auf einmal schneidend.

     "Er wird immer der Vater der Zwillinge sein. Ich will ihn nicht zum Feind haben. Meine Geschichte an die Medien zu verkaufen, muss der allerletzte Ausweg bleiben."

 

In der Mitte des Vormittags am nächsten Tag klopfte ein junger Mann an Katies Zimmertür. "Sind Sie Katie Fletcher?"

     Auf ihr bejahendes Nicken hin überreichte er ihr ein Mobiltelefon.

     "Ich bin Anwalt, Ms. Fletcher", informierte sie eine brüske Stimme am anderen Ende der Leitung. "Man hat mich engagiert, um die Interessen einer bestimmten Person zu vertreten. Ich bin sicher, Sie verstehen, dass in diesem Falle eine gewisse Diskretion gewahrt bleiben muss. Stimmen Sie einem DNA-Test zu?"

     Katie war überrascht, aber die Geschwindigkeit, mit der die Dinge nun verliefen, entsprach selbstverständlich Alexandros' Charakter. "Ja."

     "Dann unterschreiben Sie bitte die Einverständniserklärung. Ein Arzt wird sich in Kürze darum kümmern."

     Der junge Mann reichte ihr einen Umschlag und einen Stift, dann nahm er das Telefon zurück und ging. Sie öffnete den Brief, las das Dokument und unterschrieb. Es war beleidigend und verletzend, aber ein notwendiges Übel, um ihr Recht zu bekommen. Eine halbe Stunde später klopfte der Arzt an die Tür. Er erklärte ihr, dass der Test völlig schmerzlos sei. Ein Abstrich mit einem Wattestäbchen im Mund bei ihr und den Zwillingen genügte schon. In wenigen Minuten hatte er alles erledigt und sich wieder auf den Weg gemacht.

     Am Abend ging sie in ihrem Zimmer auf und ab und versuchte, den weinenden Toby auf ihrem Arm zu beruhigen. Obwohl es noch nicht einmal neun Uhr war, klopfte jemand an die Wand, um sich zu beschweren. Ein weiterer Mann pochte an die Tür und bat sie, ihre Kinder ruhig zu halten, er sei Schichtarbeiter und brauche seinen Schlaf. Tränen der Verzweiflung liefen über Katies müdes Gesicht, während sie leise für Toby summte. Wie hatte ihr Leben nur so aus den Fugen geraten können?

     Nach dem Tod ihres Mannes hatte ihre Mutter England verlassen und war zusammen mit ihrer Tochter nach Irland zurückgekehrt. So hatte Katie eine glückliche Kindheit in einer kleinen Stadt verbracht, in der jeder jeden kannte. Mit einem hervorragenden Abschluss in Volkswirtschaft im Gepäck hatte sie begeistert ihren ersten Job als persönliche Assistentin in London angetreten. Doch dann war ihre Mutter schwer erkrankt, und sie, Katie, hatte nach Hause zurückkommen müssen.

     Trotz ihrer angeschlagenen Gesundheit hatte Maura Fletcher darauf bestanden, einige ihrer Teilzeitjobs zu behalten. Aus Angst, ihren Lebensunterhalt zu verlieren, hatte die ältere Dame erst zugestimmt, den Rat ihres Arztes anzunehmen und sich auszuruhen, als Katie versprochen hatte, sie so lange bei der Arbeit zu vertreten, bis sie wieder zu Kräften gekommen war.

     So war Katie in die Luxusvilla gekommen, in der normalerweise ihre Mutter als Haushälterin arbeitete. Als die Vermittlungsagentur, die für die Vermietung des Feriendomizils zuständig war, zusätzlich eine Köchin und Putzfrau benötigte, war Maura, beziehungsweise in diesem Fall Katie, dazu verpflichtet worden.

     Katie hatte über die Anzahl der Regeln gestaunt, die sie zu beachten hatte, beginnend bei den Mahlzeiten, die zu bestimmten Zeiten serviert werden mussten, und der Aufgabe, zugleich unsichtbar und lautlos zu arbeiten. Doch der Lohn war großzügig genug, um ein erfreutes Lächeln in das ängstliche Gesicht ihrer Mutter zu zaubern. Außerdem ließ das technische Gerät, das in dem Arbeitszimmer, von dem aus man eine fantastische Aussicht auf das Meer hatte, vermuten, dass der Gast sowieso zu beschäftigt sein würde, um zu bemerken, dass seine Haushälterin kein Profi war.

     Doch Alexandros war an Perfektion auf jedem Gebiet gewöhnt und nicht bereit, sich mit weniger zufriedenzugeben. Katie hingegen, die insgeheim ihre Rolle als Hausmädchen hasste, hatte sich geweigert, sich angemessen unterwürfig zu verhalten. Eine Auseinandersetzung war also vorprogrammiert gewesen!

     Keine Zeit der Welt konnte Katies Erinnerung an ihren ersten Blick auf Alexandros auslöschen. Kaum war der Hubschrauber gelandet, war Alexandros hinunter zum Strand gegangen. Aus der Ferne hatte sie ihn beobachtet, sprachlos wegen seiner dunklen, maskulinen Ausstrahlung. Gekleidet in Jeans und einen grauen Kaschmirpullover, sein schwarzes Haar vom Wind zerzaust, sein markantes Kinn von einem Drei-Tage-Bart bedeckt, hatte er sie auf Anhieb in seinen Bann gezogen. Sie hatte nie gedacht, dass ein äußerlich so attraktiver Mann so allein und einsam wirken konnte. In diesem ersten Moment war Verlangen in ihr aufgestiegen, und seitdem war sie nicht in der Lage gewesen, es wieder zu bändigen.

     Wieder rüttelte jemand an der Tür. Entsetzt sah sie auf und fürchtete sich vor einer weiteren Beschwerde, obwohl Toby sich gerade beruhigt hatte. Auf Zehenspitzen ging sie zur Tür, öffnete sie einen Spalt und trat dann überrascht einen Schritt zurück.

     "Darf ich hereinkommen?", fragte Alexandros grimmig. Er war immer noch ein wenig irritiert, weil Cyrus darauf bestanden hatte, dass er das Haus durch den Hintereingang, vor dem die Mülltonnen standen, betrat. Eine Sekunde später war Alexandros' Ärger verschwunden – war das doch eine Lappalie verglichen mit der Umgebung, der er sich jetzt ausgesetzt sah …