5. KAPITEL

Katies Geständnis kam für Alexandros völlig überraschend. Er musste jedes Quäntchen Selbstkontrolle aufbringen, um nicht die Beherrschung zu verlieren. Sah sie denn nicht, dass die Zukunft der Zwillinge von einer Heirat abhing? Zu heiraten war die praktischste Lösung, und er war ein praktischer Mann. Er wusste, was er seinen Kindern schuldig war. Seine Familie war sehr konservativ und legte Wert auf bestimmte Konventionen. Sein eigener unverantwortlicher Vater mochte diese Prinzipien missachtet haben, aber Alexandros hatte es sich zur Aufgabe gemacht, nach ihnen zu leben.

     Er betrachtete Katie mit funkelnden Augen; ein Gefühl von Aggressivität, das ihm eigentlich fremd war, mischte sich in seine sonst so kühlen Gedanken. Sie wollte ihr altes Leben zurück? Was zum Teufel sollte das denn bedeuten? Wollte sie sich mit anderen Männern treffen? Mit ihnen Sex haben? Mit zusammengezogenen Brauen versuchte er herauszufinden, warum ihn die Vorstellung, sie könne mit einem anderen Mann ins Bett gehen, überhaupt so wütend machte.

     Theos mou, sie war die Mutter seiner Kinder! Das sollte als Grund doch völlig ausreichen! Sie hatte kein Recht mehr auf ein Leben als Single. Aber vielleicht war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, ihr die unvermeidliche Wahrheit vor Augen zu führen. Seine Anwälte hatten bereits darauf hingewiesen, dass unverheiratete Väter kaum Ansprüche in Bezug auf ihre Kinder hatten. Eine Ehe würde ihm also nicht nur Vorteile in sexueller Hinsicht bringen, sondern ihm auch die Kontrolle über seine Söhne garantieren.

     Zitternd und mit Tränen in den Augen ging Katie zum Fenster hinüber und wandte Alexandros abweisend den Rücken zu. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte, ihre aufgewühlten Emotionen wieder unter Kontrolle zu bringen. Wie konnte er es wagen, so schockiert auszusehen? Dachte er, kein anderer Mann würde sie ansehen? Wie konnte er es wagen, zu glauben, sie würde einen Mann heiraten, der ihr einen Antrag aus reinem Pflichtgefühl machte?

     "Ich möchte nicht hierbleiben. Finde bitte so schnell wie möglich eine Wohnung für mich", sagte sie, "damit wir beide unser Leben wieder aufnehmen können."

     Alexandros erkannte, dass nun seine Kreativität gefragt war. Ihre Feindseligkeit und ihre Sehnsucht nach Unabhängigkeit beunruhigten ihn zwar, doch am Wichtigsten war es jetzt, das Gespräch mit ihr nicht abreißen zu lassen. Vielleicht konnte eine Atempause in entspannterer Umgebung helfen. "Ich denke, wir können eine bessere Lösung finden", meinte er sanft. "Heute Abend muss ich in Rom eine Rede halten. Warum fliegst du nicht übermorgen zu mir nach Italien, und wir verbringen einige Tage dort?"

     Sein Vorschlag überraschte sie völlig, und sie konnte ihre Verwirrung nicht verbergen. "Ich …"

     "Wir brauchen Zeit, um über unsere Möglichkeiten zu sprechen … als Freunde, nichts anderes."

     Katies erste Reaktion auf das Freundschaftsangebot war ein innerliches Zusammenzucken. Sie wollte Alexandros nicht als Freund und wusste doch gleichzeitig, dass sie Erleichterung über seinen feinfühligen Vorschlag empfinden sollte. Dennoch befanden sich gerade alle ihre Instinkte in Alarmbereitschaft. Es ärgerte sie sogar, wie schnell er das Thema Heirat fallen gelassen hatte.

     "Hättest du etwas dagegen, wenn ich jetzt ein bisschen Zeit mit den Kindern verbringen würde?", meinte Alexandros leichthin. Plötzlich überkam ihn eine Erinnerung: Katie, wie sie in Irland nach draußen lief und sich über die dünnen Strahlen der Wintersonne freute. Dabei erzählte sie ihm voller Begeisterung von ihrer ersten und einzigen Reise ins Ausland. Ihre glücklichen Erinnerungen an ihre Kindheit hatten ihn sehr berührt.

     "Nein, natürlich nicht …", beantwortete sie seine Frage.

     Seine Förmlichkeit errichtete die Distanz zwischen ihnen aufs Neue. Als sie ihn die Treppe hinaufbegleitete, fragte er, ob die Unterbringung der Zwillinge in Ordnung sei.

     "Mehr als das."

     "Das Kindermädchen ist selbstverständlich nur eine vorübergehende Lösung. Meine Mitarbeiter erstellen gerade eine Liste mit geeigneten Kandidatinnen. Du triffst die endgültige Entscheidung", fuhr er fort. "Ich habe auch ein finanzielles Arrangement getroffen, das deine Bedürfnisse und die der Kinder kurzfristig abdeckt."

     Katie versteifte sich. "Meine Bedürfnisse? Aber du musst dich nur um Toby und Connor kümmern."

     "Wenn meine Söhne gut leben sollen, dann gilt das auch für dich. Und dafür brauchst du die nötige finanzielle Unterstützung", entgegnete er schlicht.

     "Das kann ich nicht annehmen."

     "Ich denke, dir bleibt keine andere Wahl. Du hast so lange auf so viele Dinge verzichtet, aber dieses Opfer ist nicht mehr notwendig. Du brauchst Kleider."

     Seine Worte ließen sie verstummen. Es war ihr peinlich, dass ihm aufgefallen war, dass sie nur Jeans und schlichte Tops besaß.

     "Ich kümmere mich darum, dass du morgen einkaufen kannst. Auch die Kinder brauchen neue Sachen."

     Als Alexandros das Kinderzimmer betrat, wandten die Zwillinge ihm sofort ihre Aufmerksamkeit zu. Toby zog sich sogar an den Gitterstäben der Wiege hoch, grinste fröhlich und streckte ihnen die Arme entgegen. Doch die kleinen Beinchen hatten noch nicht gelernt, sein Gewicht ohne Unterstützung der Gitterstäbe zu tragen, und so fiel er zurück auf seinen Po. Wütend stimmte er ein lautes Geschrei an.

     Es irritierte Katie, dass Alexandros direkt auf ihn zuging, ihn hochnahm und mitfühlende Worte auf Griechisch murmelte. Binnen weniger Minuten hatte Toby die Tränen vergessen und kicherte vergnügt. Auch Alexandros war erstaunt über sein eigenes Verhalten. Es wunderte ihn, dass ein bislang unbekannter Instinkt ihn zu dem Jungen getrieben hatte, um ihn zu trösten.

     Weil Connor sich offenbar benachteiligt fühlte, fing auch er an zu quengeln. Katie hob ihn in ihre Arme, doch der Kleine interessierte sich viel mehr für Alexandros. An Frauen waren die Zwillinge gewöhnt, folglich war ein Mann wesentlich faszinierender für sie. Katies Miene verhärtete sich ein wenig, als der kleine Junge die Hände nach seinem Vater ausstreckte.

     "Sie sind sehr liebe Babys. Aber um beide zu nehmen, muss ich mich auf den Boden setzen."

     Als er sich mit anmutiger Eleganz auf dem Teppich niederließ, setzte Katie Connor neben ihn. Der kleine Junge richtete sich am Bein seines Vaters auf und lächelte zufrieden. Befremdet beobachtete Katie, wie die Zwillinge mit wachsendem Vertrauen und Freude Alexandros in Beschlag nahmen. Sie benutzen seine Krawatte als Kletterseil, zogen an seinen Haaren, erforschten sein Gesicht mit den Fingern und schienen überglücklich, dass er mit wilderen Bewegungen reagierte als ihre Mutter.

     Zum ersten Mal seit dem Tag ihrer Geburt wurde Katie von ihren Kindern ignoriert. Während Connor und Toby auf dem Boden krabbelten und begeistert ihren Vater mit ausgefallenen Angriffen attackierten, hatte sie das Gefühl, sie könnte genauso gut unsichtbar sein. Sie hätte nie gedacht, dass Alexandros seine Zurückhaltung aufgeben könnte oder würde und zu so intensivem Spielen in der Lage war.

     Cyrus betrat das Zimmer und erinnerte seinen Chef daran, dass er bald zum Flughafen aufbrechen musste. Auf seinem schroffen Gesicht erschien ein überraschter Ausdruck, seinen sonst so distanzierten Arbeitgeber in einen wilden Tumult mit zwei Babys verstrickt zu sehen. Dann leuchteten seine Augen, offenbar gefiel ihm, was er sah.

     "Dein Anzug wird aussehen, als hättest du darin geschlafen", sagte Katie spitz zu Alexandros.

     Er fuhr mit den Fingern durch sein zerzaustes schwarzes Haar und warf ihr ein unglaubliches Grinsen zu. "Ich glaube, ich hatte nicht mehr so viel Spaß, seit ich aus meinem eigenen Kinderzimmer ausgezogen bin."

     Um besser gegen die fatale Wirkung seines Lächelns ankämpfen zu können, verschränkte Katie die Arme vor der Brust. "Toby und Connor können manchmal sehr schwierig sein."

     Er stand auf und zuckte die Schultern. "Sie sind mir sehr ähnlich."

     "Ja." Ärgerlich über ihre dumme Eifersucht, versuchte sie, betont glücklich zu klingen und widmete dann ihre ganze Aufmerksamkeit den Jungen, die beide anfingen zu weinen, als ihr Vater den Raum verließ.

     An diesem Nachmittag fanden die Vorstellungsgespräche für das neue Kindermädchen statt. Katie sprach sich für ein französisches Mädchen namens Maribel aus. Sie war die jüngste Bewerberin, und Katie fand sie am sympathischsten.

     Am nächsten Tag begleiteten Cyrus und ein weiterer Sicherheitsmann Katie zu Harrods. Unterstützt von einem persönlichen Einkaufsberater kaufte sie neue Kleidung für die Kinder. Sich keine Sorgen um die Preisschilder machen zu müssen, war eine wundervoll befreiende Erfahrung. Danach probierte sie selbst einige Outfits und wählte die dazu passenden Accessoires. Als sie schließlich noch Unterwäsche und Nachthemden aussuchte, fühlte sie sich wie ein überglückliches Kind in einem Spielzeugladen.

     Die ganze Heimfahrt über sah sie ihre Einkäufe an, als wolle sie den wundervollen Augenblick bis zur Neige auskosten. Es war nur fair, das Alexandros für die Kleidung der Zwillinge aufkam, aber sie selbst würde ihm nur dieses eine Mal erlauben, für sie zu bezahlen. In Zukunft würde sie arbeiten und selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen.

     Vor dem großen Spiegel in der Eingangshalle von Dove Hall blieb sie stehen und betrachtete ihre schwer zu bändigende rote Lockenpracht. "Ich hätte mir die Haare schneiden lassen sollen … Ich habe es ganz vergessen."

     "Ich organisiere einen Termin für Sie", erwiderte Cyrus.

     Abends besuchte sie einen Schönheitssalon. Dort wurde ihr Haar frisiert, und ihre Nägel erhielten eine Maniküre. Zum Abschluss kaufte sie noch einige Kosmetikartikel. Bis weit nach Mitternacht experimentierte sie mit dem Augen-Make-up. Als sie schließlich zu Bett ging, lag sie ganz still – die frisch geschnittenen Haare auf dem Kissen ausgebreitet, die Hände mit fuchsiaroten Nägeln auf der Bettdecke. Es ist nichts Falsches daran, stolz auf sein Aussehen zu sein, sagte sie sich und wehrte sich gegen die strenge Stimme in ihrem Inneren, die darauf beharrte, sie benehme sich kindisch. Weil Alexandros eine Frau mit dem Gesicht und dem Körper einer Göttin geheiratet hatte, hieß das nicht, dass sie alle Hoffnung aufgeben musste. Alexandros und sie würden sich in Italien als Freunde begegnen. Damit würde ein neues Kapitel in ihrer Beziehung beginnen …

 

Der Wagen fuhr langsam. Erst durch ein bezauberndes mittelalterliches Städtchen, dann einen steilen Hügel hinunter. Ein Fluss, der in der Sonne wie ein silbernes Band glitzerte, schlängelte sich durch das Tal. Katie genoss ihre ersten Eindrücke von Italien. Es war warm, die Sonne schien, und die umbrische Landschaft war wundervoll.

     Neben ihr waren Toby und Connor rücksichtsvoll still. Die Zwillinge bekamen gerade ihre ersten Zähne. Nach einer unruhigen Nacht waren sie nicht in der Stimmung für eine weite Reise. Die Unterbrechung ihrer gewohnten Routine hatte ihnen überhaupt nicht gefallen, was sie während des Fluges lauthals zur Kenntnis gegeben hatten. Katie hoffte, dass die Jungs ein ungestörtes Nickerchen halten konnten, sobald sie ihr Ziel erreicht hatten.

     Die Limousine steuerte nun die Einfahrt zu einer Villa hinauf, die schon seit Jahrhunderten dort zu stehen schien. Katie musste lächeln. Alexandros schien sich in dem ultramodernen Haus in Irland nie richtig wohlgefühlt zu haben. Als sie die Villa betrat, wurde ihr ein Telefon gereicht.

     "Leistest du mir zum Essen Gesellschaft?", fragte Alexandros.

     Wieder lächelte sie; sie war ein bisschen enttäuscht gewesen, dass er sie nicht am Flughafen abgeholt hatte. "Gerne … aber ich muss mich erst um die Zwillinge kümmern."

     Vor ihr machte Maribel, das neue Kindermädchen, einige wilde Gesten, um anzuzeigen, dass es für Katie keinen Grund gab, sie bei der Versorgung der Kinder zu unterstützen.

     "Oh … nein, alles in Ordnung. Ich kann sofort kommen. Wo bist du?", fragte Katie.

     "Der Wagen wird dich zu mir bringen."

     In der Limousine wurde sie eine kleine Allee entlanggefahren. Sie trug ein einfaches, aber modernes Sommerkleid aus Organzastoff, das mit kleinen lilafarbenen Ornamenten bestickt war und mit einem Band unter der Brust geschnürt wurde. Nach ein paar Minuten hielt der Wagen an, und sie stieg aus.

     Alexandros schlenderte durch ein mit Efeu bewachsenes Tor. Er trug einen grauen Designeranzug und ein gestreiftes Hemd. Er strahlte Gelassenheit aus. Katie versuchte, nicht allzu fasziniert zu sein und kämpfte gegen ihre üblichen Reaktionen auf seinen atemberaubenden Anblick an. Freunde, wiederholte sie im Kopf. Wir sind nur Freunde.

     "Heute ist für uns der Beginn von etwas Neuem."

     Nervös befeuchtete Katie sich ihre Lippen. "Ja."

     Mit eindringlicher Intensität beobachtete Alexandros ihren hübschen Mund. Er verstand nicht, warum sie in einem Kleid, das ihre Kurven verbarg und kaum Bein zeigte, so sexy aussah. Er verstand auch nicht, wie er ihre erotische Anziehungskraft vor ein paar Tagen hatte übersehen können und jetzt darauf brannte, sie, mit welcher Strategie auch immer, in sein Bett zu bekommen. Vielleicht, überlegte er, beruhte seine heftige Reaktion auf der schlichten Tatsache, dass er sich noch nie in seinem Leben so sehr auf eine Frau konzentriert hatte.

     Anders als bei vielen anderen jungen Frauen, die er getroffen hatte, war es offenbar nicht Katies Ziel, sich einen reichen Ehemann zu angeln. Diese Erkenntnis forderte ihn heraus und weckte Jagdinstinkte in ihm, die seit Jahren geschlummert hatten. Also hatte er sein weiteres Vorgehen mit derselben detaillierten Präzision geplant wie seine finanziellen Transaktionen. Romantik? Was auch immer er anfasste, wurde zu einem Erfolg. Warum sollte das auf dem Gebiet der Romantik anders sein? Seine Falle war sorgfältig geplant.

     Katie war hingerissen von dem kleinen Turm aus Stein, den sie durch die Blätter der Bäume hindurch sehen konnte. Ein kleiner gewundener Pfad führte durch die üppige, in allen Grüntönen leuchtende Natur. Rosen umrankten die Veranda vor dem Eingang des Turmes. Unter einem Kastanienbaum blieb sie stehen, um die vor ihr liegende Szenerie ganz in sich aufzunehmen. Auf der Terrasse standen schwarze Eisenstühle, auf denen seidene Kissen lagen, an einem weißen Marmortisch. Der Tisch war gedeckt mit glitzernden Kristallgläsern, edlen Tellern aus Silber und Glas und einer Auswahl an Speisen, die ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.

     Katie schlüpfte aus ihren Sandaletten, lief ein wenig in dem saftigen Gras hin und her und betrachtete mit glänzenden Augen die Umgebung. Zum ersten Mal schätzte sie Alexandros' Reichtum.

     "Das ist unglaublich", flüsterte sie. "Aber ich dachte, du magst es nicht, draußen zu essen."

     "Aber du schon."

     "Seit wann ist was ich mag wichtiger, als was du magst?"

     "Ich versuche, etwas Nettes zu tun, und du willst deswegen Streit anfangen?"

     "Es ist wunderschön", antwortete sie verlegen und breitete einige der bereitliegenden Decken und Kissen unter dem mächtigen Baum aus.

     Alexandros, der am Tisch Platz genommen hatte, befreite sich aus seinem Jackett, schenkte dann Wein ein und reichte ihn Katie. Sie trank durstig. Selbst im Schatten des Kastanienbaumes war es immer noch sehr warm. Langsam ließ sie sich auf der Decke nieder und betrachtete den alten Turm. "Ist das nur eine Dekoration für den Garten, oder hat dort tatsächlich einmal jemand gewohnt?"

     "Der Palazzo wurde im sechzehnten Jahrhundert von einem Edelmann errichtet. Seine Geliebte hat dort gelebt", erklärte er ihr und bot ihr einen der antiken Stühle an.

     Doch Katie ignorierte die Einladung. "War er verheiratet?"

     Alexandros erhob sich aus seinem Stuhl. Die zwanglose Atmosphäre auf der Decke würde für ihn arbeiten. Er bot ihr einen Teller mit Kanapees an und schenkte noch einmal Wein nach. "Ich habe nie darüber nachgedacht, aber ich denke schon."

     "Eine Ehefrau und eine Geliebte unmittelbar nebeneinander …" Sie war versucht, zu sagen, dass sein Verhalten keinen Deut besser gewesen war. So gerne hätte sie ihn nach Ianthe gefragt, aber er hatte sehr deutlich gemacht, dass dieses Thema tabu war. Dieses Verbot schmerzte, weil es sie daran erinnerte, dass sie in seiner Welt keinen rechten Platz hatte.

     Er setzte sich neben sie auf die Decke. Seine anmutigen Bewegungen hatten schon immer ihre Aufmerksamkeit gefesselt. Sie zwang sich, in eine andere Richtung zu blicken, als sie seine Fragen nach den Zwillingen und dem Flug beantwortete. Während sie miteinander sprachen, ließ ihre nervöse Anspannung nach, und sie entspannte sich wieder. Die Hitze des Tages hatte ihr den Appetit geraubt, dafür fühlte sie sich wegen des Weins ein bisschen beschwipst.

     "Es ist traumhaft hier", sagte sie und blickte in das Blätterdach über ihr. "Aber du nimmst das wahrscheinlich einfach so hin, weil du all das seit deiner Geburt kennst."

     "Nein, das stimmt nicht", murmelte Alexandros tonlos. "Als ich sechs Jahre alt war, holten meine Großeltern mich zu sich und adoptierten mich zwei Jahre später."

     Überrascht starrte sie ihn an.

     "Meine Eltern waren nicht verheiratet. Ich bin das Ergebnis eines One-Night-Stands", erklärte er. "Meine Mutter arbeitete damals als Flugbegleiterin in dem Jet meiner Familie. Irgendwann hat sie angefangen, Drogen zu nehmen. Als ich fünf war, ist sie gestorben. Ich kam in ein Pflegeheim. Erst dann hat mein Großvater Pelias von meiner Existenz erfahren."

     Seine Worte erschreckten sie. "Hat dein Vater nichts unternommen?"

     Alexandros zuckte die Schultern. "Er hat mich nie anerkannt oder meiner Mutter geholfen. Er war ein richtiger Tunichtgut. Meine Großeltern mussten ständig seine Fehltritte bereinigen. Er ist bei einem Skiunfall ums Leben gekommen, als ich zehn war."

     "Das tut mir leid." Tränen brannten in ihren Augen. Sie fühlte sich schuldig wegen der falschen Annahmen, die sie über seine Kindheit gemacht hatte. Es tat ihr in der Seele weh, dass ihm in seinen ersten Lebensjahren die Liebe und die Sicherheit verwehrt geblieben waren, die jedes Kind verdiente.

     Alexandros beobachtete, wie sie mit den Tränen für den Jungen kämpfte, der er schon lange nicht mehr war. Ihr Mitgefühl verwunderte ihn. Einmal hatte sie in Irland über ein Märchen für Kinder geweint. Schon damals hatte ihn ihre sensible Emotionalität fasziniert, die Hand in Hand mit ihrem aufbrausenden Temperament einherging. Fasziniert und dann verstört, erkannte er jetzt und schob rasch die Erinnerung beiseite. "Ich habe überlebt", sagte er leichthin. "Du siehst zum Anbeißen aus in dem Kleid, pedhi mou."

     Der plötzliche Wechsel des Themas und seiner Stimmung brachte sie aus dem Gleichgewicht. Mit jeder Faser ihres Körpers war sie sich seines abschätzenden Blicks bewusst; ihr Gesicht fühlte sich warm an, ihr Herzschlag beschleunigte sich. Sie umklammerte das Glas in ihrer Hand fester, als sei es ein Rettungsring, ohne den sie gleich ertrinken würde. "Ich hätte gerne noch ein Glas Wein."

     Alexandros entwand das Glas ihren Fingern. "Tut mir leid, aber wenn du nichts isst, sind zwei Gläser Wein dein Limit."

     "Wie bitte?"

     "Nach drei Gläsern kicherst du nur noch und erzählst alberne Witze", erinnerte er sie. "Nach vieren wackelst du mit deinem sexy Hintern und setzt dich auf meinen Schoß. So viel Ermunterung könnte gefährlich werden."

     Die spöttische Erinnerung an diesen einen schicksalhaften Abend in Irland ließ Katie bis in die Haarspitzen erröten. "Ich habe mich wie ein Idiot verhalten", murmelte sie beschämt.

     Er lachte leise und berührte in einer beruhigenden Geste ihre Schlüsselbeine. "Ich wollte dich nur necken."

     So unverfänglich und kurz die Berührung auch gewesen war, raubte sie Katie doch den Atem. "Ich war es nicht gewöhnt, Wein zu trinken."

     "Ich habe dich für sehr natürlich und sexy gehalten. Aber wahrscheinlich sollte ich dir das jetzt nicht sagen."

     Komplimente hatte sie in letzter Zeit nicht oft gehört, deshalb sehnte sie sich danach. Sie glaubte ihm zwar nicht, dennoch genoss sie seine Worte. Ihr Gespräch hatte unvermittelt eine verbotene Richtung eingeschlagen, und sie versuchte, der Verlockung nicht nachzugeben. "Nein, das solltest du nicht … Gibt es jemanden in deinem Leben?"

     "Es hätte jemanden gegeben, aber ich wollte dich", gestand er offen.

     Sie hob den Kopf, und ihre Blicke trafen sich. Umrahmt von dichten schwarzen Wimpern, waren seine Augen eine mächtige Waffe. Ihr Herz schlug bereits so schnell, dass sie fürchtete, am Rande einer Panikattacke zu stehen. Seine Ehrlichkeit berührte etwas tief in ihrem Inneren.

     Auch Alexandros hatte den Atem angehalten, und diese Erkenntnis verwirrte ihn. Doch fast ebenso schnell überkam ihn leidenschaftliche Erregung, die jenes Forschen nach einer Seelenverwandtschaft auslöschte, das ihm völlig fremd war. Ohne Eile, aber sehr zielstrebig schob er seine Hand in ihre Lockenpracht und drückte ihren Kopf sanft in seine Richtung.

     "Ich möchte dich küssen, thespinis mou", sagte er leise.

     Sag Nein, drängte eine kleine Stimme in ihrem Kopf. Sag Nein. Vor Anspannung war sie ganz starr, und dennoch verspürte sie ein süßes Ziehen in ihren Brüsten und ein warmes Gefühl tief in ihrem Bauch. Sie fühlte sich lebendig und tollkühn zugleich.

     "Ein Kuss", murmelte er, leise und sanft.

     Katie erschauerte. Sie wusste, dass sie nach einem Kuss nicht aufhören würden, wusste, dass sie mehr wollte. Sie hasste sich selbst dafür, doch seine männliche Aura hielt sie unerbittlich wie in Ketten gefangen. "Aber wir …"

     "Brennen nacheinander." Langsam neigte er seinen Kopf, als hätte er alle Zeit der Welt. Auch jetzt tat er nicht, was sie erwartet hatte. Er drückte ihren Kopf sanft zurück und ließ seinen festen sinnlichen Mund über ihre Schlüsselbeine wandern, küsste die zarte Haut an ihrem Hals und knabberte zärtlich an ihrem Ohrläppchen.

     Als er endlich die Einladung ihrer leicht geöffneten Lippen annahm, zitterte sie so sehr, dass sie sich an seinen starken Schultern festhalten musste …