8. KAPITEL

Überall im Haus tauchten Süßigkeiten auf. Drei Tüten lagen im Regal über den Einbauschränken von Jacks Garage. Vier Tüten lagen in seinem Schlafzimmerschrank so weit oben, dass er eine Trittleiter brauchte, um sie zu erreichen.

     Als er nach einem Buch im obersten Regalfach seines Arbeitszimmers griff und Unmengen von Bonbons auf ihn niederregneten, war seine Geduld zu Ende. Er wollte eine Erklärung.

     Er musste ihren Namen nur zweimal rufen, bevor Zooey zu ihm kam.

     "Sie haben gebrüllt, Sir?", fragte sie und wischte die feuchten Hände an ihrer Schürze ab.

     "Ich habe nicht gebrüllt, sondern gerufen", informierte er sie kühl. "Laut", fügte er hinzu, als sie ihn durchdringend ansah. "Was ist das?" Er zeigte auf den Boden.

     Zooey trat in das Arbeitszimmer und betrachtete ernst den Tatort. "M&Ms, glaube ich. In Orange und Schwarz", merkte sie an.

     "Das weiß ich selbst", knurrte er. "Aber was haben Süßigkeiten auf meinem Bücherregal zu suchen? Und in der Garage? Und hinter den Weingläsern in der Küche? Und weiß Gott, wo sonst noch!" Verärgert holte er Luft. "Hast du in den letzten Wochen eine Sucht nach Süßem entwickelt?"

     Zooey antwortete nicht sofort. Stattdessen lächelte sie ihn an. Dieses Lächeln kannte er, denn sie setzte es bei den Kindern auf, wenn sie ihnen gestattete, so lange zu plappern, bis sie müde wurden. Normalerweise gefiel ihm dieser gutmütige und nachsichtige Gesichtsausdruck ganz gut.

     Wenn sie dieses Lächeln für ihn aufsetzte, machte es ihn wahnsinnig.

     "Nein", erwiderte sie, während sie sich bückte und die Süßigkeiten in ihrer Schürze sammelte.

     "Und warum sind dann überall im Haus Süßigkeiten versteckt?"

     "Halloween, Jack", erinnerte sie ihn und stand auf.

     "Aber doch erst in einer Woche."

     Das wusste er zufällig genau, weil er immer noch überlegte, wie er vermeiden konnte, in einem lächerlichen Kostüm auf der Party zu erscheinen. Als Kind hatte er sich nie verkleidet, und er sah nicht ein, warum er in seinem Alter noch damit beginnen sollte.

     Aber aus irgendeinem Grund schien es nicht angebracht, Nein zu sagen.

     Anscheinend verstand Zooey seine Beweggründe nicht. "Ich schiebe nie etwas bis zur letzten Minute auf. Die meisten guten Süßigkeiten sind schnell ausverkauft."

     "Ich wusste gar nicht, dass es gute und schlechte Süßigkeiten gibt."

     Ihr Blick war fast mitleidig, und Jack gefiel das überhaupt nicht. "Warst du nie Kind?"

     "Natürlich, aber ich habe meine Zeit nicht damit verbracht, Süßes zu bewerten."

     Wahrscheinlich ist er auch nie an Halloween herumgezogen, um Bonbons zu erbetteln, dachte sie. Sonst wüsste er, was sie meinte.

     "Gute Süßigkeiten sind solche, die alle Kinder kennen", erklärte sie geduldig. "Schlechte Süßigkeiten wollen die Geschäfte kurz vor Halloween oder Ostern loswerden. Sie sind billig und schmecken auch so."

     Darüber wollte er mit Zooey nicht streiten. "Wenn du meinst." Er seufzte und blickte auf die zerrissene Tüte. "Wie viele davon hast du im Haus versteckt?"

     "Noch nicht genug", erwiderte sie ohne Umschweife. "Aber bald habe ich es geschafft."

     Seiner Meinung nach befand sich im Haus genug Zuckerkram, um die Zähne sämtlicher Nachbarskinder zu ruinieren. "Und du versteckst die Tüten, weil …"

     "Ich will mit keinem deiner Kinder wegen einer Überdosis Schokolade ins Krankenhaus fahren müssen. Außerdem möchte ich nicht den ganzen Tag hinter Jackie sauber machen, wenn er sich den Magen verdorben hat. Falls du es nicht weißt, dein Sohn kann Schokolade überhaupt nicht widerstehen."

     Jack wusste das wirklich nicht. Wahrscheinlich kannte Zooey seine Kinder besser als er selbst. Schließlich verbrachte sie mehr Zeit mit ihnen.

     "Verstehe." Er wollte noch etwas sagen, unterbrach sich aber, weil Zooey die Hand nach ihm ausstreckte. Im nächsten Augenblick waren ihre Finger in seinem Haar. "Zooey?"

     Sie grinste, als sie ihm etwas Rundes vor die Augen hielt. "Du hattest ein orangefarbenes M&M in deinem Haar."

     Warum er ihre Berührung so sinnlich fand, verstand Jack nicht. Vielleicht schrumpft mein Gehirn, dachte er.

     Er räusperte sich und ging auf die Tür zu, weil er etwas Abstand brauchte. "Okay, du hast mir alles erklärt. Entschuldigung, wenn ich dich von der Arbeit abgehalten habe. Was auch immer du gerade tust."

     "Ich habe gerade gespült."

     "Wir haben doch eine Spülmaschine."

     Zooey schüttelte den Kopf. "Wenn nicht genügend schmutziges Geschirr vorhanden ist, dann spüle ich lieber mit der Hand, denn dann lohnt es sich nicht, die Maschine anzustellen."

     Sie ging zum Papierkorb und schüttete die Süßigkeiten aus ihrer Schürze hinein. "Hast du noch mal darüber nachgedacht?"

     Jack gab es auf, Zooey zu ignorieren, denn das gelang ihm einfach nicht, wenn sie im gleichen Raum war wie er. Seufzend legte er sein Buch auf den Schreibtisch. "Worüber?"

     Wieder zeigte sie ihm dieses nachsichtige Lächeln. "Über dein Kostüm."

     Wie konnte er dieser Frau nur das Wort "Nein" begreiflich machen? "Ja, ich habe darüber nachgedacht, und die Antwort ist Nein."

     Sie schüttelte den Kopf und zeigte damit deutlich, dass sie diese Aussage nicht akzeptieren würde. "Und welche Gedanken hast du dir noch gemacht?"

     Langsam ärgerte er sich, aber gleichzeitig verspürte er Belustigung. Das ging ihm öfter so mit Zooey.

     Trotzdem, er musste ihr zu verstehen geben, dass sie die Grenzen überschritten hatte. "Dass alle anderen Nannys mich nicht mit solchen Kleinigkeiten belästigt haben."

     "Pech für dich. Die anderen sind alle weg, ich bin noch da", erwiderte sie unbeeindruckt von seinem Tonfall.

     Wieder überfiel ihn das Bedürfnis, ihr Lächeln einfach zu erwidern, aber er zwang sich, den Kopf zu schütteln. "Du hast einfach nicht die richtige Arbeitnehmermentalität, ist dir das klar?"

     Nun straffte sie die Schultern. "Du kannst mich jederzeit entlassen, Jack."

     "Das will ich gar nicht, Zooey."

     "Gut", erwiderte sie und nickte. "Denn ich habe keine Lust, mich nach einem anderen Job umzusehen." Das stimmte wirklich, denn zum ersten Mal, seit sie die Schule verlassen hatte, gefiel ihr, was sie tat. Sie verdiente nicht nur Geld, sondern konnte das Leben der Menschen, mit denen sie zusammen war, verändern.

     "Okay, dann kannst du vielleicht etwas nachsichtig mit mir sein."

     Überrascht sah sie ihn an. "Das bin ich doch. Schon eine Woche lang habe ich nichts mehr zu dem Kostüm gesagt."

     "Ich weiß das zu schätzen. Wenn du einfach so weitermachst …"

     "Sorry, aber das kann ich nicht. Die Zeit wird knapp. Am nächsten Sonntag ist Halloween, und wenn du zu lange wartest, gibt es keine Auswahl mehr."

     "Genau."

     Zooey fuhr fort, als hätte er nichts gesagt. "Da du so beschäftigt bist, habe ich ein Kostüm für dich ausgesucht, damit du es anprobieren kannst. Ich kenne den Ladenbesitzer, und wenn es nicht passt, kann ich es zurückbringen."

     "Welchen Teil von 'Ich möchte mich nicht verkleiden' verstehst du eigentlich nicht?", wollte er wissen.

     "Gar nichts davon", erwiderte sie munter und ging aus dem Arbeitszimmer.

     Im Handumdrehen kam Zooey mit einer großen Schachtel zurück. Als Jack keine Anstalten machte, ihr die Schachtel abzunehmen, hielt Zooey sie ihm hin.

     "Hier, probier mal an", drängte sie. "Ich habe deine Größe geschätzt, aber mit Männergrößen kenne ich mich nicht so gut aus."

     Eigentlich wollte er Zooey sagen, was sie mit dem Kostüm machen konnte, aber andererseits wäre es vielleicht gut, wenn sie sah, wie lächerlich er damit wirkte. Dann ließe sie ihn hoffentlich endlich in Ruhe.

     Jack nahm die Schachtel entgegen und ging in das Bad am Ende des Flurs, um sich umzuziehen.

     Zooey wartete gespannt auf seine Rückkehr. Da sie nicht still sitzen konnte, ordnete sie die Bücher auf seinem Schreibtisch.

     Es war schon seltsam, dass sie sich um Jacks Haus mehr kümmerte als um ihr winziges Apartment, in dem sie vorher gewohnt hatte. Wahrscheinlich brachten Jack und seine Kinder ihre mütterliche Seite zum Vorschein, denn alle drei mussten umsorgt werden. Dieses Gefühl war für sie völlig neu.

     So neu, dass es sie von der anderen Sehnsucht ablenkte, die mitunter in ihr aufstieg: selbst jemanden zu haben, der sich um sie bemühte und bei dem sie sich anlehnen konnte. Wahrscheinlich lief es darauf hinaus, dass jeder einen Menschen brauchte, den er lieben konnte und der seine Liebe erwiderte.

     Sie musste aufpassen, dass sie nicht sentimental wurde, denn das passte gar nicht zu ihr.

     Bei dem leisen Geräusch hinter ihr drehte Zooey sich sofort zur Tür. Seit sie in Jacks Haus wohnte, wurde ihre Reaktionsfähigkeit ständig auf die Probe gestellt, denn sie wusste nie, was Jackie gerade hinter ihrem Rücken anrichtete.

     Eine Sekunde lang stand ihr Herz still. Ihr Wunschbild hatte Gestalt angenommen.

     Ihr zuliebe hatte Jack das vollständige Kostüm mit Perücke und breitem Hut, der mit einer lila Feder geschmückt war, angezogen.

     Er sieht fantastisch aus.

     Das Kostüm war keins von den billigen, die sich nach einmaligem Tragen auflöste. Zooey hatte eines ausgesucht, das ein erfolgreicher Pirat vor dreihundert Jahren bei seinen Beutezügen hätte tragen können.

     Kein Zweifel: In einem anderen Leben war Jack Lever bestimmt ein König der sieben Weltmeere, dachte Zooey. Und ein Frauenheld, wie er im Buche steht.

     "Und?", fragte er, als sie nichts sagte. Er kam sich völlig albern vor.

     Zooey wunderte sich, warum ihr Mund so trocken war. "Du brauchst noch ein Entermesser", antwortete sie endlich.

     "Was?"

     "Ein Entermesser. Damit das Outfit komplett ist", erklärte sie. Und ich brauche Sauerstoff, bevor ich mich zur Närrin mache.

     "Hätte ich ein Entermesser, dann könnte ich versucht sein, es zu benutzen." Es war eine Warnung. Langsam drehte Jack sich vor Zooey, damit sie ihn begutachten konnte. Wenigstens lacht sie nicht, tröstete er sich. Aber sie musste doch einsehen, wie absurd er in dieser Aufmachung aussah! "Okay, nun sag es schon."

     Verwundert blickte Zooey ihn an. "Was soll sich sagen?" Schachmatt? Das sagt man doch, wenn einen der andere so überwältigt hat, dass man keinen Zug mehr machen kann, oder?

     Denn das war sie: überwältigt. Für sie hatte Jack immer schon gut ausgesehen, auf eine konservative Art und Weise gut, aber jetzt wurden ihre Knie weich.

     Jack seufzte. Musste er ihr jedes Wort aus der Nase ziehen? "Dass ich wie ein Idiot aussehe."

     Das war das Letzte, woran sie gedacht hatte. Ganz langsam schüttelte sie den Kopf, ohne den Blick von ihm abzuwenden. "Nicht wie ein Idiot, den ich kenne."

     "Aber doch wie ein Idiot", insistierte er.

     Sie wollte ihn schon korrigieren, denn er sah großartig und absolut nicht idiotisch aus. Aber wie sollte sie das ausdrücken, ohne dass er glaubte, sie wollte sofort mit ihm ins Bett steigen?

     Glücklicherweise blieb ihr ein Kommentar erspart, denn genau in diesem Moment kam Emily ins Zimmer gerannt. Wahrscheinlich hatte Jackie schon wieder etwas Unverzeihliches angestellt.

     Ihre Beschwerde blieb jedoch unausgesprochen. Mit großen Augen blickte Emily ihren Vater an. "Daddy?"

     "Ja, ich bin es." Jack verkniff sich den Fluch, den er auf den Lippen hatte. Er wollte sich schon Hut und Perücke vom Kopf reißen, als Emilys ehrfürchtiger Blick ihn innehalten ließ.

     Sie sah aus wie ein kleines Mädchen, das zufällig ins Nimmerland aus der Geschichte von Peter Pan geraten war und statt des bösen Captain Hook einen attraktiven Piraten erblickt hatte. "Daddy, du siehst toll aus!", rief sie.

     Erleichtert grinste Zooey. "Kindermund tut Wahrheit kund." Ihr Kommentar trug ihr einen verwirrten Blick von Jack ein. Einen langen Moment sahen sie sich in die Augen.

     Zooey hätte schwören können, dass die Zimmertemperatur um zehn Grad anstieg. Sie wandte sich an Emily, denn es fiel ihr leichter, das Kind anzusehen als Jack. "Dein Daddy hat sich als Jack Sparrow verkleidet."

     Das Mädchen schien die Erklärung zu akzeptieren, aber ihr Vater wusste damit nichts anzufangen. "Wer zum Teufel ist Jack Sparrow?"

     Du, dachte Zooey. "Ein Pirat aus 'Fluch der Karibik'", erklärte sie.

     Noch immer sah Jack vollkommen verständnislos drein.

     "Aus dem Film", half sie ihm. "Johnny Depp spielt den Piratenkapitän." Vielleicht weiß er jetzt Bescheid, dachte sie. Aber aus seinem Gesichtsausdruck zu schließen sah er nicht viele Filme.

     Jetzt wandte sie sich an Emily. "Dein Daddy glaubt, dass er in dem Kostüm nicht gut aussieht. Er will es nicht tragen."

     Emily reagierte genauso, wie sie gehofft hatte. "Bitte, Daddy, zieh das Kostüm an. Du siehst super aus!"

     Zooey beugte sich zu dem Mädchen. "Ja, das tut er, nicht wahr?" Dann richtete sie sich auf und war zuversichtlich, dass die Debatte um das Kostüm gewonnen war. "Geh wieder ins Bett, Emily. Ich komme gleich, um dich zuzudecken."

     Die Kleine hatte offenbar ganz vergessen, warum sie heruntergekommen war, denn sie nickte und eilte aus dem Arbeitszimmer.

     Jack sah Zooey an, aber sie wurde aus seiner Miene nicht schlau. "Du spielst nicht mit fairen Mitteln."

     Entspannt lächelte sie. Den Kampf hatte sie gewonnen. "Das habe ich auch nie behauptet. Du siehst wirklich sehr gut aus." Da kam ihr noch ein ernüchternder Gedanke. "Sicher gefällst du Rebecca auch."

     "Rebecca?", wiederholte er erstaunt. "Wieso – sie bekommt mich doch gar nicht zu Gesicht!" Er hatte nicht vor, in seinem Kostüm vor die Tür zu gehen, selbst wenn das Haus in Flammen stand. Eher würde er verbrennen.

     "Ich habe sie auch eingeladen." Es war ihr zwar nicht leicht gefallen, aber Rebecca wohnte in der gleichen Straße, und es sah nicht gut aus, wenn alle außer ihr eingeladen waren.

     Jack starrte sie an. "Aber sie hat doch keine Kinder."

     Daran hatte sie auch schon gedacht, aber sie hatte auch Carly und Bo eingeladen, die ebenfalls noch kinderlos waren.

     "Nein, aber sie ist unsere Nachbarin, und die Party ist auch für die Erwachsenen gedacht." Zooey lächelte Jack an. "Meines Erachtens ist Emily nicht die Einzige, die etwas mehr Kontakt braucht."

     Sie war zu weit gegangen. "Du bist nicht meine Nanny."

     Sein Tonfall schreckte sie nicht ab. "Betrachte das als Gratiszugabe."

     Vielleicht musste er einfach direkter sein. "Ich betrachte es als Ärgernis."

     Einen Moment lang überlegte sie nachzugeben, aber das entsprach einfach nicht ihrem Temperament. "Du hast jegliches Recht …"

     Eine Sekunde lang schloss Jack die Augen und war dankbar, dass er Zooey nicht im Gerichtssaal gegenüberstand. Denn er wäre arg in Versuchung, ihr den Hals umzudrehen, und das wäre für einen erfahrenen Anwalt gar nicht gut.

     "Dich zu entlassen – ja, das weiß ich." Er öffnete die Augen wieder und sah Zooey vielsagend an. "Ich könnte dich eines Tages beim Wort nehmen."

     Zooeys Ausdruck änderte sich nicht. "Das weiß ich."

     "Und trotzdem machst du weiter." Entweder war sie sehr dumm oder eine verdammt gute Pokerspielerin. Wahrscheinlich Letzteres.

     Für sie war die Sache ganz einfach. "Schließlich muss ich mir treu bleiben."

     "Als Nervensäge?", wollte er wissen.

     Sie verzog keine Miene. "Ich will das erledigen, was getan werden muss."

     Diese Frau raubte ihm noch den letzten Nerv. Trotzdem wollte er sie verdammt gerne küssen.

     Er würde ihren vorwitzigen Mund mit seinen Küssen zum Schweigen bringen und …

     Was war nur mit ihm los? So kannte er sich gar nicht. Wahrscheinlich brachten Hut und Perücke sein Blut zum Kochen. Doch das änderte nichts an der Tatsache, dass er Zooey begehrte und mit ihr schlafen wollte.

     Er brauchte Abstand. Am liebsten hätte er das Fenster aufgerissen, um ihren Duft, der ihn wahnsinnig machte, aus dem Raum zu vertreiben. Draußen regnete es zwar, aber die feuchte Luft würde ihm guttun.

     "Du wolltest Emily doch noch zudecken."

     "Ich weiß."

     "Dann tu das", riet er ihr.

     Jetzt geh schon, bevor ich etwas Dummes anstelle, Zooey.

     Zooey lächelte ihn heiter an. Konnte sie etwa Gedanken lesen?

     "Bin schon auf dem Weg", antwortete sie.

     Kaum hatte sie das Arbeitszimmer verlassen, als Jack das Fenster öffnete und versuchte, nicht mehr an Zooey zu denken.

 

Am Samstagmorgen rannte Emily in Jacks Arbeitszimmer. "Daddy, Daddy, wir gehen einkaufen. Kommst du mit?"

     "Warum sollte ich mitkommen?"

     "Weil es für die Party ist. Wir gehen in den Supermarkt", verkündete sie.

     Sie zog heftig am Arm ihres Vaters, um ihn zum Aufstehen zu bewegen.

     Meine Tochter scheint in letzter Zeit viel glücklicher zu sein, dachte Jack. Und viel lebhafter. Er vermisste die ruhigere Emily, aber er wusste, dass die Veränderung für das Mädchen sicher gut war.

     Er blickte zur Tür und sah Zooey, die Jackie fest an der Hand hielt. Zum ersten Mal schien es, als hätte sie diesen Überfall nicht geplant.

     "Wir müssen gehen, Emily. Dein Vater ist beschäftigt", sagte Zooey freundlich.

     "Nein, bin ich nicht."

     Er merkte, dass seine Antwort Zooey völlig überraschte. Obwohl es kindisch war, beglückwünschte er sich dazu, dass er sie endlich auch einmal verblüfft hatte. Das war nur fair, denn die Frau machte das umgekehrt ständig bei ihm.

     "Wirklich nicht?" Sie blickte auf die Papiere in seiner Hand.

     "Nicht so sehr wie sonst", erklärte er.

     Zooey ließ Jackie los und ging zu Jacks Schreibtisch. Sofort versuchte Jackie, auf den Tisch zu klettern, aber Zooey hob ihn schnell hoch. Unsicher sah sie Jack an. "Du willst wirklich mit uns in den Supermarkt gehen?"

     "Könnte interessant werden."

     "Stimmt", erwiderte Zooey, immer noch erstaunt. "Was tut man dir denn neuerdings in den Kaffee?"

     Jack merkte, dass ihm dieser witzige Schlagabtausch gefiel. "Kann ein Mann nicht mal mit seiner Familie in den Supermarkt gehen, ohne gleich verdächtigt zu werden?"

     Mit seiner Familie.

     Hatte er sie versehentlich oder absichtlich dazugezählt? Zooeys Puls schlug schneller.

     "Natürlich kann er das", erwiderte sie. Sie hätte ihn gefragt, ob er mitkommen wollte, aber sie wusste genau, was heute für ein Tag war. Und wo er in einigen Stunden sein würde. Und mit wem. "Aber ich dachte, du wolltest dich noch fertig machen."

     Die Party konnte sie nicht meinen, denn die fand erst morgen statt. "Wofür?"

     Warum wollte er, dass sie es sagte? So zerstreut konnte er doch nicht sein. Machte er sich etwa auf ihre Kosten lustig? Aber er war gar nicht der Typ dafür, schließlich war er nicht gemein, sondern nur etwas distanziert.

     "Dein Date mit Rebecca", sagte sie schließlich und hinderte Jackie daran, auf den Glastisch zu klettern. "Es ist doch heute, oder?"

     Schon vor mehreren Tagen hatte er die Verabredung abgesagt, denn es war nicht fair, Rebeccas Zeit in Anspruch zu nehmen, wenn er mit dem Herzen nicht bei der Sache war. Er hatte seine Entscheidung jedoch nicht an die große Glocke gehängt. "Es sollte heute stattfinden."

     "Wer ist Rebecca?", fragte Emily und blickte von ihrem Vater zu Zooey.

     "Sollte?", erkundigte sich Zooey. Sie schaffte es zwar, nicht zu lächeln, aber ihre Stimme klang freudig. "Was ist passiert?"

     Jack wollte keine Einzelheiten preisgeben, besonders nicht vor den Kindern. "Können wir später darüber reden?"

     Diesmal fing er Jackie auf dem Sofa ein, wo der Kleine fröhlich herumsprang.

     "Wer ist Rebecca?" Diesmal war Emilys Stimme schon lauter.

     "Eine Nachbarin", erwiderte Zooey. "Sie lebt drei Häuser weiter, nahe bei Olivia, und sie kommt auch zur Party."

     Jack stellte seinen Sohn auf den Boden und holte seinen Mantel. "Ich würde nicht damit rechnen", sagte er über die Schulter.

     Zooey nahm Jackie an der Hand und zog ihn aus dem Arbeitszimmer. Emily hüpfte hinter ihnen her.

     Jetzt hat er es geschafft, dachte Zooey. Erst macht er mich neugierig, und dann geht er weg. Er wusste genau, was er tat, denn ihm war klar, dass sie immer alles wissen wollte.

     Wie konnte er ihr das antun?

     In Gegenwart der Kindern würde sie darüber nichts aus ihm herauskriegen. Sie musste einfach warten, bis sie Jack alleine antraf.

 

Jack war erschöpft, aber auch seltsam zufrieden. Als er in die Einfahrt fuhr, fiel ihm auf, dass er tatsächlich lächelte. Den anstrengenden Nachmittag hatte er sogar genossen. Er wusste nicht, wann er zuletzt in einem Supermarkt gewesen war, denn das Einkaufen hatte nie zu seinen Aufgaben gehört.

     Zum letzten Mal hatte er sich um sein Essen kümmern müssen, als er auf dem College war. Bei seiner Mutter hatte es dafür Hausangestellte gegeben, und danach Patricia. Nach ihrem Tod hatten die Nannys die Lebensmittel eingekauft.

     Er blickte zu Zooey, während er den Motor ausstellte. Die Musik aus dem Radio erstarb. Seine Kinder verstummten jedoch nicht, obwohl sie sehr lebhaft gewesen waren, seit sie das Haus verlassen hatten.

     Nachdem er den Sicherheitsgurt gelöst hatte, stieg er aus und öffnete den Kofferraum. Mir gefällt Zooeys Lachen, dachte er, als er vier Tüten heraushob und ins Haus brachte. In der Küche stellte er alles auf den Tisch.

     Hinter ihm trugen Emily und Jackie jeder eine kleine Tüte. Zooey hatte Jackie die Servietten gegeben, und Emily durfte die bunten Pappbecher und Pappteller hineinbringen.

     Zum ersten Mal fühlte er sich wie in einer Familie, denn als Patricia noch lebte, hatten sie nichts gemeinsam als Familie unternommen. Sie hatte sich um die Kinder gekümmert, und wenn er einmal Zeit hatte, waren sie ausgegangen, ohne die Kinder mitzunehmen.

     Bei Patricias Tod war er für Emily und Jackie fast wie ein Fremder gewesen, und das war sein Fehler.

     Heute war alles anders abgelaufen.

     Wie wäre es wohl, wenn Zooey wirklich zur Familie gehörte? Wenn sie mehr als nur die Nanny wäre?

     Sie ist schon mehr, erinnerte er sich. Denn bevor sie kam, waren sie keine Familie gewesen. Nur ein Mann mit zwei Kindern, die er von seiner verstorbenen Frau geerbt hatte. Zooey hatte ihn seinen Kindern nähergebracht. Patricia hatte es nie geschafft, ihn mit einzubeziehen, aber vielleicht hatte sie das auch gar nicht gewollt.

     Wenn er zurückblickte, war er nicht sicher. Patricia hatte er geheiratet, weil er gehofft hatte, jemanden zu finden, der ihm half, Gefühle zu entwickeln. Aber das hatte nicht funktioniert, und die Empfindungen, die er zu haben glaubte, waren verschwunden. Vielleicht hatte es sie auch nie gegeben.

     Wahrscheinlich hatte er sie sich nur eingebildet.

     Jetzt entwickelte er wieder Gefühle, und die waren stärker als je zuvor.

     Dummerweise musste er sie zurückdrängen, denn was er fühlte, durfte nicht noch größer werden. Aus vielerlei Gründen.

     Schwierigkeiten hatte er nie gemocht, und wenn er sich mit Zooey einließe, waren sie vorprogrammiert.

     Er trug die letzten vier Einkaufstüten in die Küche und stellte sie auf den Tisch. Wunderbarerweise hatte Zooey alle anderen Lebensmittel schon weggepackt, mit Ausnahme einer Tüte. Jack beobachtete, wie sie vier Dosen mit einer Kürbispasteten-Mischung auf die Anrichte stellte.

     "Du willst Pasteten backen?", fragte er skeptisch.

     "Sicher, und ich werde Hilfe bekommen, nicht wahr?" Ihre Frage hatte sie an Emily und Jackie gerichtet, die heftig nickten.

     "Ja!", rief Emily.

     "Ja!", jubelte Jackie begeistert.

     "Nun, dann hast du ja mehrere Stunden zu tun", bemerkte Jack lachend. Seiner Meinung nach hatte Zooey eine enorme Aufgabe vor sich.

     Sie holte diverse Schüsseln aus einem Küchenschrank. "Wir kriegen das schon hin", meinte sie. Aus einem anderen Schrank nahm sie Messbecher und Messlöffel. "Wenn man in Gesellschaft von Kindern etwas erledigen will, dann muss man sie mit einbeziehen und nicht darauf hoffen, dass sie einem nicht im Weg sind."

     "Wenn du meinst."

     "Du kannst gerne mithelfen, wenn du möchtest."

     Jack hatte vom Kochen keine Ahnung. Er wusste überhaupt nicht, wie man aus rohen Zutaten ein essbares Gericht zaubern konnte. "Ich dachte, das tue ich schon, wenn ich mich bereit erkläre, das lächerliche Kostüm zu tragen."

     "Das ist doch erst der Anfang."

     War diese Frau nie zufrieden? "Du nimmst wohl immer die ganze Hand, wenn man dir den kleinen Finger reicht."

     Ein rätselhaftes Lächeln zeigte sich auf ihren Lippen, doch sie wandte sich an die Kinder. "Warum zieht ihr euch nicht um und wascht die Hände, damit ihr mit backen könnt? Emily, hilf bitte deinem Bruder", fügte sie hinzu.

     Geduldig seufzend nahm Emily Jackies Hand. "Komm mit."

     Jack wunderte sich, als der Kleine ihr brav folgte. Offensichtlich geschahen hier jeden Tag neue Wunder.

     "Die Party findet doch erst morgen statt. Warum backst du die Pasteten heute schon?"

     Sie holte eine Schürze aus der Vorratskammer und zog sie an. "Weil ich Dinge nicht gerne …"

     "… auf den letzten Drücker erledige", vervollständigte er den Satz. "So langsam verstehe ich dich."

     Kaum waren Emily und Jackie aus der Küche verschwunden, da wollte Zooey unbedingt etwas wissen. "Warum gehst du heute Abend nicht aus?"

     Überrascht sah Jack sie an. Fast zwei Stunden waren sie einkaufen gewesen, und er hatte das Gespräch über sein Date längst vergessen. Zooey offenbar nicht.

     "Du erinnerst mich an einen Jagdhund, der seine Beute nicht mehr loslässt."

     Zooey zuckte mit den Schultern. "Ein netterer Vergleich konnte dir wohl nicht einfallen, aber okay, ich streite mich nicht darüber. Warum also?"

     Es gefiel ihm nicht, mit ihr über sein Privatleben zu reden. Besonders, da sie der Grund für sein erstes Date mit Rebecca war und der Grund für seine Absage. "Meinst du nicht, dass du dich zu sehr in mein Privatleben einmischst?"

     "Wahrscheinlich schon", stimmte sie zu. Trotzdem wollte sie eine Antwort haben. "Warum?", wiederholte sie zum dritten Mal.

     "Weil ich es für sinnlos halte, die Zeit eines Menschen zu verschwenden."

     "Rebeccas oder deine?"

     "Die von uns beiden."

     Zooey betrachtete den Mann an ihrer Seite genau, und dann lächelte sie strahlend.

     "Verstehe."

     "Nein, das tust du nicht." Er wollte nicht, dass sie auf falsche – beziehungsweise in diesem Fall auf richtige – Gedanken kam. Die Sache musste er mit sich selbst ausmachen.

     Je mehr er alles verneinte, desto bestärkter fühlte sich Zooey in ihrer Meinung.

     "Oh, doch", konterte sie und war sehr zufrieden. Er geht nicht mit Rebecca aus. Das heißt eins zu null für die heimische Mannschaft. "Kannst du Käse reiben?", erkundigte sie sich leichthin.

     "Käse?", fragte er unsicher. "Für die Pastete?"

     Er wusste aber auch gar nichts über Kochen oder Backen. Sie wies ihn gar nicht erst darauf hin, dass in eine Kürbispastete kein Käse gehörte, denn sie wollte ihn gerade jetzt nicht verärgern.

     "Nein, für das gefüllte Filetstück, das ich braten werde."

     Jack wusste immer noch nicht mehr als vorher. "Keine Ahnung, ich habe es nie probiert."

     Das hätte sie sich denken können. "Du kannst es sofort lernen", schlug sie vor. Zooey holte die Käsereibe aus einer Schublade und legte sie vor Jack auf den Tisch. "Jetzt leg einfach los", bat sie ihn. Sie gab ihm die Reibe in die rechte Hand und den Käse in die linke. "Achte nur auf deine Finger", warnte sie, "denn Blut gehört nicht zum Rezept."

     Als Emily und Jackie wieder in die Küche kamen, wandte Zooey sich an sie. "Okay, jetzt sind alle da. Dann kann es ja losgehen."

     Jack dachte an den Schriftsatz in seinem Arbeitszimmer. Er war zwar nicht dringend, aber er wollte ihn eigentlich gerne vor der gefürchteten Halloween-Party erledigt haben.

     Aber das kann warten, dachte Jack, während der Berg mit dem geraspelten Käse wuchs.

 

Am nächsten Tag klingelten um kurz nach fünf die ersten Gäste an der Haustür.

     Jack kam die Treppe hinunter und erkannte sein eigenes Haus kaum wieder. Zooey und die Kinder hatten den ganzen Tag dekoriert. Jetzt gab es kaum einen Platz, an dem nicht ein freundlicher Geist, eine pelzige Spinne oder ein anderes Fantasiewesen zu sehen war.

     Überall waren Süßigkeiten verteilt, und wunderbarerweise schaffte Zooey es, Jackie davon fernzuhalten. Sie hatte Emily um Hilfe gebeten, und das Mädchen war so brav, dass es selbst auch nichts aß.

     Seine Tochter besaß wohl mehr Willensstärke, als er gedacht hatte.

     Und Zooey war eine Hexe, ungeachtet ihres Haremskostüms. Obwohl sie ihn gezwungen hatte, das Piratenkostüm anzuprobieren, hatte sie ihm ihres nicht gezeigt. Deshalb waren ihm beinahe die Augen übergegangen, als Zooey mit dem Punsch aus der Küche getreten war.

     Noch nie hatte er so raffiniert drapierten Stoff gesehen, der zwar alles Wesentliche bedeckte, aber auf eine sinnliche Art gleichzeitig enthüllte. Das Kostüm regte ihn zu Fantasien an, die sich wahrscheinlich nie erfüllen würden.

     "Wow."

     Als er das Wort hörte, merkte Jack, dass er es nicht nur gedacht, sondern ausgesprochen hatte. Ein zufriedenes Grinsen zeigte ihm, dass Zooey seine Bemerkung gehört hatte.

     "Danke, ebenso. Du siehst sehr verwegen aus", entgegnete sie.

     Jack verzog das Gesicht. Sein Kopf juckte unter der Perücke, und der Hut brachte ihn zum Schwitzen. "Ich sehe lächerlich aus", bemerkte er.

     Er scheint das wirklich zu glauben, dachte Zooey.

     "Nein, das stimmt nicht", beteuerte sie. Als sie Emily sah, rief sie das Mädchen zu sich. "Sieht dein Vater nicht gut aus, Emily?"

     Das Kind nickte heftig, und die Locken, die Zooey ihr ins Haar gemacht hatte, wippten auf und ab. Bevor sie etwas sagen konnte, klingelte es an der Tür.

     "Darf ich aufmachen?", fragte Emily hoffnungsvoll.

     Normalerweise erlaubte Zooey den Kindern nicht, die Tür zu öffnen, damit sich kein Fremder Zugang zum Haus verschaffen konnte.

     "Wir sind alle zu Hause, also ist es in Ordnung", erwiderte sie.

     Emily rannte zur Tür, und ihr Prinzessinnenschleier wehte hinter ihr her.

     "Gut gemacht", stellte Jack fest.

     Zooey dachte, er meinte Emilys Kostüm, das sie genäht hatte. Außer Jacks Piratenoutfit hatte sie alle selbst gemacht, auch Jackies, der als Miniaturausgabe von Robin Hood durch die Gegend lief.

     "Danke", antwortete sie und blickte zur Tür, um zu sehen, wen Emily hineinließ. Es war Olivia, die ein Pudelkostüm trug und die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. "Es war nicht schwer", erwiderte Zooey und bezog sich auf Emilys Kostüm.

     "Nein, ich finde es gut, dass du meiner Tochter beibringst, wann sie die Tür öffnen darf und wann nicht." Bewundernd sah er sie an. "Durch dich haben die Kinder viel gelernt."

     Das war kein Problem, dachte sie. Sie musste sich nur daran erinnern, wie sie behandelt werden wollte, als sie so alt wie Emily war. Sie wollte nicht herumkommandiert werden, als hätte sie keinen Verstand, sondern hatte sich gewünscht, dass man respektvoll mit ihr umging.

     "Auch ich habe von ihnen gelernt", bemerkte sie. "Die beiden haben eine ziemlich beruhigende Wirkung auf mich."

     Ungläubig sah Jack sie an. Dann musste er laut lachen. Er ging davon aus, dass seine beiden Kinder mehr Energie hatten, als an einem Tag in einem Kernkraftwerk erzeugt wurde. Wie sollte von ihnen eine beruhigende Wirkung ausgehen?

     Zooey war eine merkwürdige, interessante junge Frau. Und sexy noch dazu.

     Den letzten Gedanken verdrängte er schnell und ging zur Tür, um weitere Gäste zu begrüßen. Hoffentlich lachte ihn niemand aus.