10. KAPITEL

Tony hatte eigentlich nichts weiter gewollt, als Shannon wieder in sein Bett zu locken, doch irgendwie war es ihr gelungen, Gedanken und Erinnerungen wachzurütteln, die besser vergessen geblieben wären. Sie lenkten ab. Taten weh. Waren, verdammt noch mal, zu nichts nütze.

     Der Schmerz ließ ihn wütend werden. "Also? Was willst du? Sex hier oder in deinem Zimmer?"

     Erstaunlicherweise zuckte sie weder zurück, noch ging sie. "Ging es während der vergangenen Woche darum?", fragte sie leise.

     Er ließ seinen Blick auf dem Ausschnitt ihres Negligés ruhen. Die Spitzenkante schmiegte sich an die Wölbung ihrer Brüste, und er sehnte sich danach, sie zur Seite zu schieben und die nackte Haut zu berühren. "Ich habe von Anfang an deutlich gesagt, was ich will."

     "Bist du dir da so sicher?"

     "Was, zum Teufel, soll das denn jetzt heißen?", fuhr er sie an.

     Shannon glitt vom Hocker und kam um den Tisch herum. "Verwechsele mich nicht mit deiner Mutter."

     "Gütiger Himmel, im Leben nicht!" Er zog sie auf seinen Schoß und senkte den Kopf, entschlossen, es ihr zu beweisen.

     "Warte." Sie hielt ihn zurück, indem sie eine Hand auf seinen Oberkörper legte. Ihre Handfläche kühlte seine überhitzte Haut, beruhigte ihn und setzte ihn gleichzeitig in Flammen, aber sie war ja schon immer eine bunte Mischung aus Widersprüchen gewesen. "Du hast als Kind ein traumatisches Erlebnis gehabt. Niemand sollte ein Elternteil verlieren, schon gar nicht auf so tragische Weise. Ich wünschte, dir wäre das erspart geblieben."

     "Ich wünschte, meiner Mutter wäre es erspart geblieben." Er griff in Shannons Morgenmantel.

     "Ich frage mich, ob du mir hilfst – einer Mutter mit einem Kleinkind –, um ihren Geist zur Ruhe zu betten. Um deine eigenen Geister zur Ruhe zu betten."

     Angesichts des Horrors, der ihm in seiner Vergangenheit widerfahren war, hatte er sein Leben ziemlich gut in den Griff bekommen. Der Frust, den er bei Shannons Worten verspürte, goss noch mehr Öl ins Feuer. "Du hast anscheinend viel darüber nachgedacht."

     "Das, was du mir heute Nachmittag und eben erzählt hast, hat mir die Augen geöffnet."

     "Na, vielen Dank für die Psychoanalyse. Ich würde dir ja anbieten, dich für deine Dienste zu bezahlen, doch ich möchte darüber nicht schon wieder mit dir streiten."

     "Klingt aber ganz so, als wärst du auf Streit aus." Ihr Blick wurde weicher, und das Mitgefühl setzte Tony noch mehr zu. "Tut mir leid, wenn ich dir zu nahe getreten bin, und einen Nerv getroffen habe."

     Einen Nerv? Sie hatte sein Innerstes nach außen gekehrt. In seinem Kopf hallte auf einmal das Gewehrfeuer wider, das auf ihn, auf seine Brüder gerichtet gewesen war. Auf seine Mutter. Verzweifelt suchte er nach Worten, um dieses Gespräch zu beenden, schwieg jedoch.

     Shannon glitt von seinem Schoß und stand auf, während Tony die Enttäuschung darüber zu ignorieren versuchte. Doch Shannon verließ ihn nicht, sondern streckte die Hand aus und verschränkte ihre Finger mit seinen.

     "Shannon", presste er hervor. "Ich bin kurz davor auszurasten. Also, wenn du nicht willst, dass ich innerhalb von zwei Minuten tief in dir bin, solltest du jetzt lieber in dein Zimmer verschwinden."

     Wie selbstverständlich hielt sie seine Hand weiterhin fest.

     "Shannon, verdammt, du weißt nicht, was du tust. In der Stimmung, in der ich bin, willst du nichts mit mir zu tun haben." Ihre bohrenden Fragen hatten ihn vielleicht in diese Stimmung versetzt, aber er wollte es nicht an ihr auslassen.

     Ganz langsam beugte sie sich vor und küsste ihn. Ohne sich weiter zu bewegen. Nur ihre Lippen und ihre Hände waren verbunden.

     Er wollte – musste – sie sanft von sich stoßen. Stattdessen schloss er die Finger um ihren weichen Arm. "Shanny", flüsterte er, "sag mir, dass ich gehen soll."

     "Nichts da. Ich habe nur noch eine Frage."

     "Ja?" Er wappnete sich gegen einen weiteren emotionalen Anschlag.

     Sie legte seine Hand auf ihre Brust. "Hast du ein Kondom dabei?"

     "Himmel, ja. Ich habe eins, nein, sogar zwei, in der Hosentasche. Bei uns beiden besteht doch stets die Gefahr, dass es funkt. Und ich werde immer, wirklich immer, sicherstellen, dass nichts passiert."

     Er stand auf und hob Shannon hoch. Ein leises, zufriedenes Seufzen entschlüpfte ihr, als sie ihm die Arme um den Nacken schlang und den Kopf zurücklegte, um ihn ausgiebig zu küssen. Ihre weichen Brüste an seinem Oberkörper ließen seinen Adrenalinspiegel steigen. Seine Jeans wurden merklich enger, und als er dann auch noch den süßen Karamellgeschmack auf ihrer Zunge wahrnahm, hätte er wirklich fast dem Impuls nachgegeben und Shannon hier und jetzt auf dem Tisch geliebt.

     Mit den Lippen streifte er von ihrem Mund über das Kinn, bis hinunter zu ihrem Schlüsselbein, während der Duft nach Lavendel ihn daran erinnerte, wie sie bei ihm zu Hause gemeinsam unter der Dusche gestanden hatten. "Wir müssen nach oben."

     "Die Speisekammer ist näher." Sie knabberte an seiner Unterlippe. "Und leer. Wir können die Tür abschließen. Ich brauche dich jetzt."

     "Bist du sich…"

     "Pst." Sie schob die Hände unter sein Hemd. "Ich will dich … jetzt."

     Ihre Worte duldeten keinen Widerspruch und löschten auch den letzten Rest Vernunft aus. Shannon verteilte Küsse auf seinem Hals, küsste sein Ohrläppchen und flüsterte ihm Worte des Verlangens ins Ohr, die ihn aufstöhnen ließen – und ihn dazu brachten, noch schneller auf die Speisekammer zuzugehen.

     Sekunden später standen sie in der geräumigen Speisekammer, und Tony ließ Shannon wieder herunter. Der Duft von getrockneten Kräutern hing in der Luft, doch das bekam er nur vage mit. Er nahm Shannon die Brille ab und legte sie auf ein Regal.

     Als er die Tür zustieß, wurde es schlagartig dunkel, und all seine anderen Sinne nahmen die Umgebung umso deutlicher wahr. Shannon wollte nach dem Lichtschalter tasten, doch Tony umschloss ihr Handgelenk und hielt sie davon ab.

     "Ich brauche kein Licht, um dich zu sehen. Dein wunderschöner Körper ist in mein Gedächtnis eingebrannt." Mit den Fingerspitzen glitt er an ihrem Bein hinauf und schob den dünnen Stoff des Morgenmantels hoch, bis er die Rundung ihres Pos erreichte. "Allein das Gefühl deiner nackten Haut raubt mir fast das letzte bisschen Selbstbeherrschung."

     "Ich will nicht, dass du dich beherrschst. Ich habe die Nase voll von deiner Zurückhaltung. Der hemmungslose Tony ist mir viel lieber." Ihre heisere Stimme erfüllte den Raum mit unmissverständlichem Verlangen.

     Tony zog sie noch näher an sich, streifte mit den Lippen ihren Hals, und hatte Sekunden später den Morgenmantel von ihren Schultern geschoben und eine harte Brustspitze gefunden. O nein, er brauchte kein Licht. Er kannte ihren Körper, wusste, wie und wo er sie verwöhnen musste, um sie dazu zu bringen, sich lustvoll zu winden.

     Hektisch zog Shannon an seinem Hemd.

     Die Knöpfe rissen ab, und kühle Luft strich über seinen Rücken, während Shannon sich mit ihrem warmen Körper an ihn presste. Tony streichelte ihren flachen Bauch, tastete mit einem Finger unter das Bündchen des Slips und schob ihn langsam nach unten.

     Nachdem Shannon sich ganz davon befreit hatte, kam sie wieder näher, und das dünne Negligé bauschte sich zwischen ihnen auf, als sie die Hand auf den Reißverschluss seiner Jeans legte. Tony keuchte auf, genoss Shannons Berührung und spürte, dass er noch härter wurde. Shannon, dachte er. Nur Shannon.

     Sie zog den Reißverschluss auf und befreite ihn, bevor sie die Finger um ihn schloss und ihn langsam zu streicheln begann. Dabei glitt ihr Daumen jedes Mal über die Spitze, und Tony schloss die Augen, um diesen wunderbaren Moment voll auszukosten.

     Mit der anderen Hand tastete sie seine Taschen ab und fand schließlich ein Kondom. Es war eine Folter der köstlichsten Art, als sie es ihm überstreifte.

     "Jetzt", forderte sie ihn leise auf. "Hier. Auf der Leiter oder an der Tür, es ist mir egal, solange du in mir bist."

     Das brennende Verlangen löschte den letzten Rest von Zurückhaltung. Kein Warten mehr. Tony drängte sie gegen die Tür, während sie die Fingernägel an seine Schultern presste, an seinen Rücken und tiefer, als sie die Hände in die Jeans und die Boxershorts schob.

     Lustvoll drängte sie sich an ihn, schlang ein Bein um ihn und öffnete sich für ihn. Ihr Schuh fiel zu Boden, doch sie schien es gar nicht zu bemerken. Er zuckte, und er spürte, dass sie bereit für ihn war. Länger konnte auch er nicht warten. Mit einer einzigen Bewegung drang er in sie ein.

     Samtweiche Hitze umfing ihn, zog ihn tiefer, und das Gefühl war so berauschend, dass er meinte, Sterne hinter den geschlossenen Augenlidern zu sehen. Die Dunkelheit verstärkte das Gefühl, Shannon pur zu erleben, eine Erfahrung, die alles Bisherige übertraf. Es war eine Erkenntnis, die ihn fast in die Knie zwang.

     Also konzentrierte er sich auf Shannon, suchte mit Händen und Lippen, bewegte sich in ihr und streichelte sie, um sicherzugehen, dass sie genauso von diesem Taumel der Lust mitgerissen wurde. Immer schneller bewegten sich ihre Hüften. Immer lauter wurde ihr lustvolles Stöhnen, bis er es mit einem Kuss erstickte. Genau wie sein Unterleib schnellte seine Zunge vor und zurück. Begierig erkundete er ihren Mund und kostete es aus, als sie die Muskeln anspannte. Jetzt war sie nicht mehr weit vom Höhepunkt entfernt.

     Auch wenn es ihm unendlich schwerfiel, hielt Tony sich noch zurück. Shannon hatte ihr Gesicht an seinen Hals gepresst. Ihr ja, ja, ja war wie ein Echo auf seinen rasenden Puls. Doch bevor er sich Erlösung gönnte, wollte er sie noch einmal in diese schwindelerregenden Höhen bringen. Sie kam ihm entgegen, wieder und wieder, bis sie einen kehligen Lustschrei ausstieß.

     Ihr Duft, der Duft von Sex sowie das würzige Aroma der Speisekammer vermischten sich.

     Und endlich konnte auch Tony sich gehen lassen. Die Woge der Lust stieg und stieg, das Blut rauschte durch seine Adern. Er war viel zu lange ohne Shannon gewesen. Dann endlich brach die Welle, und Tony wurde mitgerissen. Ihm kam es vor, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen, und schließlich dachte er gar nichts mehr, sondern gab sich einfach hin.

     Einen Moment später schloss er Shannon noch fester in die Arme und landete langsam mit ihr wieder auf der Erde – in der Speisekammer.

     Du meine Güte, in der Speisekammer!

     Seine Chancen, sich noch einmal von Shannon zu lösen, waren gering. Wie zwei Magnete wurden sie voneinander angezogen. Aber beim nächsten Mal – das stand fest – würde es romantischer zugehen.

Das klare Wasser des Pools glitzerte in der Sonne. Shannon zog Kolby ein T-Shirt über und half ihm, seine Ledersandalen anzuziehen. Sie hatte den Morgen mit ihrem Sohn und Tonys Schwester am Pool verbracht. Allerdings hatte das ihre aufgestaute Spannung nicht im Geringsten abgebaut. Selbst das stete Plätschern des Brunnens hatte ihre innere Unruhe nicht besänftigen können.

     Nachdem sie Sex in der Speisekammer gehabt hatten, waren Tony und sie in ihr Zimmer geschlichen, wo er sie noch einmal zärtlich und ausgiebig geliebt hatte. Ihre Haut erinnerte sich nur allzu gut an das Kratzen seines Bartes über ihre Brüste, ihren Bauch, die Oberschenkel. Wie konnte es angehen, dass sie sich schon wieder nach ihm sehnte? Bevor sie allerdings wieder mit Tony allein sein konnte, musste sie ihn erst einmal finden.

     Er war über den Balkon verschwunden, als die Sonne am frühen Morgen am Horizont aufgetaucht war. Inzwischen stand sie in ihrem Zenit, und von Tony war nichts zu sehen. Geistesabwesend ließ sie die Luft aus den Schwimmflügeln ihres Sohnes. Das mütterliche Ritual erinnerte sie an das, was Tony ihr erzählt hatte, bevor sie in der Speisekammer gelandet waren.

     Ging er ihr aus dem Weg, weil er kein ernsthaftes Gespräch mit ihr führen wollte? Er hatte kein Geheimnis daraus gemacht, dass er Sex benutzt hatte, um dem schmerzhaften Gesprächsthema auszuweichen. Sie konnte es ihm nicht einmal verdenken.

     Kolby zerrte am Saum ihres Strandkleides. "Ich will noch einen Film gucken."

     "Wir werden sehen, Schätzchen." Kolby war fasziniert von dem großen Heimkino, aber welches Kind wäre das nicht?

     Tonys Halbschwester, die auf einer Liege lag und las, beschattete sich die Augen. "Ich kann mit ihm reingehen, wenn du noch draußen bleiben möchtest. Ehrlich, es macht mir nichts aus, ich wollte mir den neuesten Disneyfilm sowieso noch anschauen."

     "Bitte, Mom?" Kolby tapste zu Eloisa. "Ich mag Leesa."

     Shannon nickte Tonys Schwester zu. "Wenn du dir sicher bist?"

     "Er ist ein Schatz, und ich vermute, dass er schläft, bevor der Film halb um ist. Genieß den Pool noch ein bisschen länger. Für mich ist es eine gute Übung." Sie lächelte verschwörerisch. "Schließlich wollen Jonah und ich auch irgendwann ein paar solcher Racker haben."

     "Danke, dann nehme ich dein Angebot gern an. Ich hoffe aber, wir sehen uns noch, bevor ihr heute Nachmittag abreist."

     "Keine Angst." Eloisa zwinkerte ihr zu. "Ich bin sicher, wir treffen uns wieder."

     Shannon drückte Kolby noch einen Kuss auf die Stirn und ermahnte ihn: "Sei artig", bevor er mit Eloisa davonstapfte.

     Noch immer rastlos, entschied Shannon sich, ein paar Bahnen im Pool zu schwimmen. Während sie in gleichmäßigem Rhythmus durchs warme Wasser glitt, begann sie langsam abzuschalten. Keine Verantwortung, keine Gedanken an die Welt dort draußen. Nur das laute Pochen ihres Herzens vermischt mit dem Rauschen des Wassers.

     Fünf Bahnen später machte sie am Ende der Bahn eine Rolle und drehte sich auf den Rücken. Als sie die Augen öffnete … sah sie Tony, der in schwarzen Shorts am Beckenrand stand.

     Wow. Ihr Magen reagierte. Tonys gebräunte Brust rief Erinnerungen an ihre gemeinsame Nacht wach, an all die Sinne, die aufgrund der Dunkelheit in der nach Kräutern duftenden Speisekammer aufs Äußerste stimuliert worden waren. Wer hätte gedacht, dass getrockneter Oregano und Rosmarin solch aphrodisische Wirkung hatten?

     Tonys Blick glitt voller Bewunderung über ihren knappen Bikini. Er kannte jeden Zentimeter ihres Körpers und ließ sie seine Bewunderung spüren, egal, ob sie Designerkleider trug oder ihre schlichte schwarze Kellnerinnen-Uniform.

     "Ist mit Kolby alles in Ordnung?", wollte sie wissen.

     "Der genießt den Film und das Popcorn." Er kniete sich an den Beckenrand. "Doch so, wie sein Kopf immer zur Seite fällt, vermute ich, dass er inzwischen schon schläft."

     "Danke, dass du nach ihm geschaut hast." Sie widerstand dem Wunsch, Tony zu fragen, was er denn den ganzen Vormittag getrieben hatte.

     "Kein Problem." Seine Finger glitten vor ihr durchs Wasser, ohne sie zu berühren, jedoch so nah, dass sie die kleinen Wellen wie ein Streicheln auf ihren Brüsten spürte.

     "Bist du bereit, dich königlich verwöhnen und verführen zu lassen?", fragte er mit einem kleinen Lächeln.