13. KAPITEL

"Einen Verstoß gegen die Sicherheitsvorkehrungen? Wo ist Kolby?", fragte Shannon voller Panik.

     Sie sprang auf und lief durch das Musikzimmer zu Tony. Der kranke König stützte sich an der Wand ab und schaffte es aufzustehen. "Was ist passiert?"

     "Kolby geht es gut. Niemand ist verletzt worden, aber wir sind wieder in den Schlagzeilen."

     "Haben sie die Insel entdeckt?", wollte Enrique wissen.

     "Nein", sagte Tony, während Alys hinter ihm auftauchte. "Es ist am Flughafen passiert, als Eloisas und Jonahs Flugzeug in South Carolina gelandet ist. Die Presse hat schon auf sie gewartet."

     Shannons Magen verkrampfte sich. "Könnte die Aufregung auch mit der Familie Landis zu tun haben?"

     "Nein", erklärte Tony. "Die Fragen drehten sich alle um den Urlaub, den sie bei Eloisas Vater, dem König, verbracht hatten."

     Alys drängte sich mit dem Rollstuhl an Tony vorbei. "Ihre Majestät, ich bringe Sie in Ihr Büro, damit Sie direkt mit den Sicherheitsleuten sprechen können."

     Der König ließ sich schwer in den Rollstuhl fallen. "Danke, Alys."

     Nervös wollte Shannon ihm folgen, doch Tony hielt sie auf. "Wir müssen reden."

     Seine eisige Stimme ließ sie erstarren. Hatte er sich zurückgehalten, um seinen kranken Vater nicht zusätzlich zu belasten? "Was ist los? Was hast du mir nicht erzählt?"

     Sie trat Trost suchend näher an ihn heran, doch er verschränkte die Arme vor der Brust. "Der Informant kam hier aus dem Haus. Heute Nachmittag hat jemand von hier aus einen Anruf auf ein nicht registriertes Handy getätigt."

     "Von hier? Aber die Sicherheitsvorkehrungen deines Vaters sind auf dem neuesten Stand."

     Tony nahm sein iPhone heraus. "Wir haben Beweisaufnahmen."

     Er scrollte auf das Bild einer Frau mit einem weißen Kapuzen-T-Shirt. Die Kapuze verdeckte das Gesicht, doch man konnte erkennen, dass die Frau telefonierte.

     Shannon war verwirrt. Sie hatte auch so ein Kapuzenshirt. "Ich verstehe das nicht. Glaubst du, dass ich das bin? Warum sollte ich die Presse informieren?"

     Tonys Mund blieb zu einer harten Linie verzogen, und seine Augen … O nein, sie erinnerte sich nur zu gut an solche verächtlichen Blicke – damals, als Nolan verhaftet worden war und sich anschließend umgebracht hatte.

     Ganz ruhig, ermahnte sie sich. Tony war nicht Nolan, und er hatte allen Grund, vorsichtig zu sein. Sie holte tief Luft.

     "Ich verstehe ja, dass du erzogen wurdest, misstrauisch gegenüber den Menschen in deiner Umgebung zu sein. Nach dem, was deiner Mutter passiert ist, durchaus verständlich." Die Vorstellung, dass Tony als kleines Kind mit ansehen musste, wie seine Mutter ermordet wurde, brach ihr fast das Herz und dämpfte den Ärger über seine Verdächtigungen. "Aber ich habe dir bisher keinen Grund geliefert, der dich veranlassen könnte, mich zu verdächtigen."

     "Ich weiß, dass du alles tun würdest, um die Zukunft deines Sohnes zu sichern. Wer auch immer diese Information verkauft hat, hat dafür ein hübsches Sümmchen kassiert." Mit kaltem Blick musterte er sie.

     Einerseits hatte er recht. Sie würde alles für Kolby tun. Aber andererseits irrte Tony sich jedoch gewaltig. Schon einmal hatte er ihr Geld angeboten, davon ausgehend, dass ihr das Sicherheit bieten würde. Doch sie wollte ihrem Sohn andere Wertvorstellungen mitgeben. Zum Beispiel sich selbst auf ehrliche Weise seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Tony hatte sich das auch beweisen müssen und hatte daher die Insel verlassen. Warum fiel es ihm so schwer zu verstehen, dass es ihr genauso ging? Auch ihr Mitgefühl hatte Grenzen.

     "Du glaubst tatsächlich, dass ich dich verraten habe? Dass ich all die Menschen hier für ein paar Dollar solch einem Risiko ausgesetzt habe?" Jetzt wurde sie wütend. "Ich wollte all das hier nicht. Mein Sohn und ich kommen auch ohne dich und dein Heimkino wunderbar aus." Sie schlug ihn auf den Arm. "Antworte mir, verdammt."

     "Ich weiß nicht, was ich denken soll." Er rieb sich den Nasenrücken. "Sag mir, dass es ein unglücklicher Zufall war. Dass du eine Freundin angerufen hast, weil du Heimweh hattest, und dass die Freundin dich verraten hat."

     Hatte er vergessen, dass sie keine Freunde hatte? Wohl kaum. Offenbar war nicht einmal mehr Tony ihr Freund. "Ich werde mich dir gegenüber nicht rechtfertigen. Entweder du vertraust mir oder nicht."

     Er umschloss ihre Schultern, es war eine sanfte Berührung, doch in seinen Augen loderte das Feuer. "Ich wünsche mir eine gemeinsame Zukunft mit dir, Shannon. Verdammt, ich wollte dir heute Abend in der Kapelle einen Heiratsantrag machen."

     Seine Worte versetzten ihr einen Stich. Wäre dieser Albtraum nicht passiert, dann hätte sie heute Abend mit Tony ihre Verlobung feiern können, denn sie hätte Ja gesagt. Das war jetzt nicht mehr möglich.

     "Glaubst du ernsthaft, wir könnten heiraten, obwohl du so wenig Vertrauen in mich hast?" Bitter enttäuscht löste sie sich von ihm und wandte sich ab.

     "Verdammt, Shannon, wir sind noch nicht fertig." Er kam wieder auf sie zu.

     "Halt." Sie hob eine Hand. "Komm mir nicht zu nahe. Weder jetzt, noch jemals wieder."

     "Wo willst du hin?" Er blieb auf Distanz. "Ich muss wissen, dass ihr in Sicherheit seid."

     "Ist die Alarmanlage in meiner Wohnung bereits installiert?"

     Er nickte. "Aber wir arbeiten noch immer an der einstweiligen Verfügung. Angesichts der neuen Aufregung …"

     "Die neuen Schlösser und die Alarmanlage reichen erst einmal."

     "Verdammt, Shannon …"

     "Ich muss Alys suchen, damit sie alles organisieren kann."

     Sie straffte die Schultern. Ihr Stolz und ihr Kind waren jetzt alles, was ihr noch blieb, nachdem er ihr das Herz gebrochen hatte. "Kolby und ich kehren nach Texas zurück."

"Wo sind Shannon und ihr Sohn?"

     "Du weißt genau, wo sie ist. Dir entgeht hier doch sowieso nichts", erwiderte Tony gereizt auf die Frage seines Vaters, während er sich einen großen Schluck Cognac einschenkte.

     Die vergangenen zwei Stunden hatten sie damit verbracht, herauszufinden, wer sie verraten hatte. Der ganze Presserummel war von Neuem entbrannt, nachdem veröffentlicht worden war, dass Eloisa auch mit den Medinas verwandt war. Tony setzte es zu, dass Shannon etwas damit zu tun hatte, auch wenn er sich immer wieder einzureden versuchte, dass es aus Versehen passiert sein musste.

     Sollte sie nur aus Unachtsamkeit einen Fehler begangen haben, konnte er ihr vergeben. Schließlich hatte man ihr nicht von Kindesbeinen an eingetrichtert, wie wichtig es war, achtsam zu sein.

     Sein Vater rollte vom Computer weg. "Anscheinend weiß ich nicht alles, was unter meinem Dach geschieht, denn jemand hat einen Anruf getätigt, der Eloisas Flug in Gefahr gebracht hat. Ich habe jemandem vertraut, dem ich besser nicht hätte vertrauen sollen."

     "Du hast mir und meiner Urteilskraft vertraut."

     Sein Vater schnaubte ungeduldig. "Sei doch nicht so ein impulsiver Dummkopf. Benutz deinen Verstand zum Denken, nicht dein Herz."

     "So, wie du es immer getan hast?", fuhr Tony ihn an, weil er die rätselhaften Spielchen langsam leid war. "Nein, danke."

     Sobald er die vier Wochen, die er seinem Vater versprochen hatte, abgeleistet hatte, würde er keinen Fuß mehr auf diese verdammte Insel setzen. Die Erinnerungen an das Leben hier waren vorher schon nicht glücklich gewesen, jetzt waren sie unerträglich. Sein Vater sollte sowieso aufs Festland fahren, um sich medizinisch versorgen zu lassen.

     Enrique schenkte sich einen Drink ein und leerte das Glas in einem Zug. "Ich habe mich von meinem Herzen leiten lassen, als ich San Rinaldo verlassen habe. Ich hatte solche Angst um meine Frau und meine Söhne, dass ich unseren Fluchtplan nicht vernünftig zu Ende gedacht habe."

     Der unbesiegbare Enrique gab einen Fehler zu? "Du hast dich von uns getrennt, um sie auf eine falsche Fährte zu locken. Das klingt für mich ziemlich selbstlos." Den Mut und den kühlen Kopf seines Vaters hatte er nie infrage gestellt.

     "Ich habe es nicht durchdacht." Er goss sich noch einen Drink ein und starrte voller Reue auf das Glas. Selbst die Krankheit hatte den König niemals schwach erscheinen lassen, doch in diesem Moment, als die Geister der Vergangenheit ihn heimsuchten, wirkte er sehr verletzlich. "Hätte ich es getan, hätte ich bedacht, wie Carlos in solch einer Stresssituation reagieren würde. Arroganterweise hielt ich meinen Plan für wasserdicht. Wie gesagt, ich habe mich von Emotionen leiten lassen, doch die Aufrührer kannten meine Schwäche genau."

     Tony stellte sein Glas zur Seite, ohne auch nur einen Tropfen getrunken zu haben. Mitgefühl mit seinem Vater brannte stärker als jeder Alkohol in ihm. Weil er aufgrund der Erfahrung mit Shannon inzwischen sehr viel mehr Verständnis für Enrique aufbringen konnte, meinte er: "Du hast damals nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt."

     Konnte er dasselbe von sich in Bezug auf Shannon sagen?

     "Ich habe versucht, es mit dieser Insel wiedergutzumachen. Ich habe alles in meiner Macht Stehende getan, um meinen Söhnen einen sicheren Hafen zu schaffen."

     "Aber wir alle haben den Schutz des Hafens verlassen."

     "Das macht mir nichts aus. Mein Ziel war es, euch in Sicherheit zu wissen, bis ihr erwachsen geworden seid. Als ihr die Insel verlassen habt, hattet ihr genügend Kenntnisse und Erfahrungen, um euch selbst zu schützen, und um euren Platz in der Welt zu finden. Das wäre niemals möglich gewesen, wenn ihr mit den Verpflichtungen eines Königreiches aufgewachsen wäret. Zumindest darauf bin ich stolz."

     Auch wenn sein Vater ihm nichts Neues erzählte, waren es bewegende Worte, die in ihm ein tieferes Verständnis für Enrique wachriefen. So wie seine Mutter ihm damals die Decke gestrickt hatte, die sie zum Schutzschild erklärt hatte, war es auch für seinen Vater oberste Priorität gewesen, ihm Schutz zu bieten. Seine Methoden waren vielleicht nicht immer die besten, aber ihre Situation war ja auch nicht gerade einfach gewesen.

     Etwas von seinem Verständnis war ihm anscheinend anzusehen, denn sein Vater lächelte anerkennend.

     "So, mein Sohn, und jetzt denk noch einmal logisch über Shannon nach und nicht wie ein liebeskranker Teenager."

     Liebeskranker Teenager? Das verletzte ihn jetzt aber doch ein wenig. Und weshalb? Weil es wahr war. Er liebte sie, und das hatte sein Denkvermögen eingeschränkt.

     Er liebte Shannon. Und deshalb hatte er instinktiv Schlüsse gezogen, statt logisch über alles nachzudenken. Er zwang sich, noch einmal vernünftig zu überlegen, was er über Shannon wusste. "Sie ist eine Frau, die von Natur aus vorsichtig ist, und die niemals etwas tun würde, was ihren Sohn in Gefahr bringen könnte. Wenn sie jemanden hätte anrufen wollen, hätte sie dich oder mich gefragt, um sicherzugehen, dass es in Ordnung ist."

     "Und was schließt du daraus?"

     "Wir haben das Gesicht der Anruferin nicht gesehen. Nur weil die Frau ein Kapuzen-T-Shirt trug und aussah wie Shannon, habe ich geglaubt, sie sei es. Es muss sich um jemand handeln, der bestens mit unseren Sicherheitsvorkehrungen vertraut ist. Eine Frau mit ungefähr gleicher Statur. Jemand, der etwas zu gewinnen hat, aber keinerlei Loyalität den Medinas gegenüber empfindet …" Es dauerte nicht lange, bis er auf die Lösung kam … "Alys?"

     "Ich würde darauf wetten." Die Wut, die Enrique jetzt zeigte, verhieß nichts Gutes für die Assistentin, die ihre familiären Verbindungen ausgenutzt hatte, um einen kranken König und sein alterndes Personal hereinzulegen. "Sie hat die Kleider für Shannon besorgt …"

     Shannon hatte nichts Falsches getan.

     "Verdammt, hat sie uns an den Global-Intruder verraten?" Seine Knie gaben fast unter ihm nach, als ihm bewusst wurde, wie sehr er die ganze Sache vermasselt hatte. Er legte eine Hand auf die Schulter seines Vaters und berührte ihn damit zum ersten Mal seit vierzehn Jahren. "Wo, zum Teufel, ist Alys?"

     Enrique schluckte. Er legte eine Hand auf Tonys und räusperte sich.

     "Überlass Alys mir." Mit königlicher Würde übernahm er wieder das Kommando. "Hast du nichts Wichtigeres zu tun?"

     Tony schaute auf die Uhr. Ihm blieben fünf Minuten, bevor die Fähre zum Flugplatz losfuhr. Zweifellos würde sein Vater in Kürze Alys' Verrat beweisen können, aber Shannon musste wissen, dass er ihr auch ohne Beweise vertraute.

     Er hatte genau fünf Minuten Zeit, um ihr zu sagen, wie sehr er sie liebte und ihr vertraute.

Die Schiffsglocke ertönte, als die Fähre abfahrbereit war.

     Mit Kolby im Arm schaute Shannon zum letzten Mal auf die Insel. Der Abschied fiel ihr schwer, viel schwerer, als sie erwartet hatte. Wie sollte sie es nur überstehen, nach Galveston zurückzukehren, wo sie überall an Tony erinnert werden würde? Das konnte sie nicht. Sie würde irgendwo anders neu anfangen müssen.

     Nur gab es keinen Ort, an den sie flüchten konnte. Die Medinas würden sie überall hin verfolgen. An den Kiosken würde sie Schlagzeilen über die Familie entdecken. Wenn sie sich im Fernsehen durch die Programme zappte, würde sie ihnen begegnen. Und sie wollte gar nicht daran denken, wie oft ihr Tonys Gesicht wohl im Internet entgegensehen würde, um sie daran zu erinnern, wie wenig Vertrauen er in sie gehabt hatte. So sehr sie sich auch danach sehnte, all das zu ignorieren und das zu nehmen, was er ihr bot, war sie nicht bereit, sich noch einmal mit halben Sachen zufriedenzugeben.

     Tränen traten ihr in die Augen, sodass sie den Strand nur noch verschwommen wahrnahm.

     "Mommy?" Kolby tätschelte ihr das Gesicht.

     Sie brachte ein gequältes Lächeln zustande und konzentrierte sich auf ihren Sohn. "Mir geht es gut, Schätzchen. Alles wird gut. Lass uns mal sehen, ob wir einen Delfin entdecken."

     "Nein", sagte er. "Warum rennt Tony denn so? Kann er bitte, bitte mit uns kommen?"

     Was? Ihr Blick folgte Kolbys ausgestrecktem Finger …

     Tony rannte den Anleger entlang, sein Mund bewegte sich, doch seine Worte wurden vom Dröhnen der Maschinen verschluckt. Shannon blieb fast das Herz stehen. Sie wagte es kaum, Hoffnung zu schöpfen, aber Tony war immer für eine Überraschung gut.

     Sie stellte Kolby aufs Deck und beugte sich über die Reling, in der Hoffnung Tonys Worte verstehen zu können. Vergeblich, der Wind trug sie fort, während die Fähre langsam ablegte. Enttäuschung breitete sich in ihr aus.

     Doch dann sah sie, dass Tony nicht aufhörte zu laufen. Du meine Güte, er hatte doch wohl nicht vor …

     Ihr stockte der Atem, als er Sekunden lang durch die Luft flog. Dann landete er auf dem Deck mit der Leichtigkeit eines erfahrenen Matrosen und kam mit festen Schritten auf Shannon zu.

     Er streckte ihr eine Hand entgegen, in der sich Seegras befand, das er wohl eben herausgerissen hatte. "Du brauchst jetzt ein bisschen Fantasie, weil ich nicht viel Zeit hatte." Er reichte ihr einen Halm. "Stell dir vor, dass dies eine lilafarbene Hyazinthe ist, mit der man um Vergebung bittet. Ich hoffe, du akzeptierst sie zusammen mit meiner aufrichtigen Entschuldigung."

     "Warum sollte ich?", fragte sie, ohne nach der angeblichen Hyazinthe zu greifen. Nach allem, was er ihr angetan hatte, erwartete sie schon ein wenig mehr Abbitte.

     Kolby drückte ihr Bein, weil er ihre Aufmerksamkeit wollte. Tony zwinkerte dem Jungen zu und reichte ihm auch einen Halm, den der Kleine gleich wie eine Fahne schwenkte. Nachdem Kolby zufriedengestellt war, wandte Tony sich wieder Shannon zu.

     "Ich bin ein Idiot gewesen", erklärte er. "Ich hätte wissen müssen, dass du nichts tun würdest, was Kolby oder meine Familie in Gefahr bringen könnte. Und hättest du es aus Versehen getan, dann hättest du es eingestanden." Jetzt sagte er die Dinge, die sie vorhin von ihm hatte hören wollen.

     Obwohl sie seine Geste ganz romantisch fand, störte es sie noch immer, dass er einen Beweis gebraucht hatte. Vertrauen war etwas so Fragiles und doch so wichtig in einer Beziehung.

     "Was hat dich zu dieser plötzlichen Einsicht in meinen wahren Charakter gebracht? Habt ihr weitere Überwachungsfilme gesichtet, die meine Unschuld beweisen?"

     "Ich habe mit meinem Vater gesprochen. Er hat mich aufgefordert, meinen Verstand zu benutzen, statt mich von meinem furchtsamen Herzen leiten zu lassen. Ich bin heilfroh, dass er es getan hat, denn als ich erst einmal anfing nachzudenken, wurde mir klar, dass Alys den Anruf getätigt haben muss. Ich vermute sogar, dass sie auch für den ersten Hinweis an die Presse verantwortlich ist. Wir haben zwar noch keine Beweise, aber die werden wir finden."

     Alys? Shannon überlegte, und dabei fiel ihr ein, wie verlangend die Assistentin Tony angestarrt hatte. Sie hatte gespürt, dass die Frau eine Medina werden wollte. Vielleicht wollte Alys aber kein Leben im Verborgenen führen.

     Erneut streckte Tony ihr einen Halm Seegras entgegen. "Aber das alles ist unwichtig. Das Wichtigste ist, dass du mir vertraust."

     Shannon ließ sich Zeit und wägte ihre Worte sorgfältig ab. Dieser Moment könnte über den Rest ihres Lebens entscheiden. "Mir ist klar, dass die Art und Weise, wie du groß geworden bist, Spuren hinterlassen hat … Das, was deiner Mutter passiert ist … die Isolation, in der du aufgewachsen bist. Aber ich möchte mich nicht ständig fragen müssen, wann du mich wieder von dir stößt, nur weil du Angst hast, ich könnte dich verraten."

     Sie umschloss seine Hand. "So viele Menschen haben sich schon von mir abgewendet. Ich kann und möchte mein Leben nicht damit zubringen, mich dir zu beweisen."

     "Das erwarte ich doch gar nicht von dir. Du hast recht. Ich habe einen Fehler gemacht. Das, was ich für dich empfinde, ist beängstigend. Aber der Gedanke, dich zu verlieren, macht mir viel mehr Angst als alles andere."

     "Was genau meinst du damit?" Sie wollte, dass er es laut sagte, wollte hören, was er ihr versprach.

     "Mein Leben ist kompliziert und bietet weit mehr Nach- als Vorteile. Nichts kann Alys davon abhalten, alles auszuplaudern, was sie weiß, und wenn sie es tut, bricht die Hölle über uns herein. Ein Leben mit mir wird nicht einfach sein. Für die Welt bin ich ein Medina. Und ich hoffe, dass du einwilligst, auch eine Medina zu werden."

     Tony kniete vor ihr nieder, noch immer das Seegras in der Hand, das jetzt offiziell zu ihrer Lieblingspflanze ernannt wurde.

     "Shannon, willst du meine Frau werden? Lass mich dein Mann sein und Kolbys Vater." Er hielt kurz inne und zerzauste dem Jungen das Haar, was ihrem Sohn ein strahlendes Lächeln entlockte. "Und der Vater von den anderen Kindern, die wir vielleicht noch bekommen. Ich kann dir nicht versprechen, dass ich mich nicht auch mal wieder als Idiot entpuppe, was ich dir aber versprechen kann, ist, dass ich zu dir – zu uns – stehen werde, denn du bedeutest mir zu viel, als dass ich dich jemals wieder gehen lassen könnte."

     Shannon hockte sich hin und fiel Tony in die Arme, wobei sie ihren Sohn mit in die Umarmung einbezog. "Ja, natürlich heirate ich dich und gründe eine Familie mit dir. Tony Castillo, Antonio Medina oder wie auch immer du noch heißen magst, denn ich liebe dich auch. Mein Herz gehört für immer dir."

     "Gott sei Dank." Er zog sie fester an sich und seufzte erleichtert.

     Einen Moment lang genoss Shannon dieses wunderbare Gefühl, bis Kolby zu zappeln begann und sie den Applaus der Schiffscrew hörte. Lachend standen sie auf, als der Kapitän lautstark Befehl zum Umkehren gab.

     Gemeinsam mit Kolby und Tony stand Shannon an der Reling und starrte auf die Insel, einen Ort, das wusste sie, den sie immer wieder besuchen würde. Glücklich hielt sie Tonys Arm fest und presste ihre Wange auf sein Tattoo.

     "Die Legende über den Kompass ist wahr. Ich habe meinen Weg nach Hause gefunden."

     Überrascht schaute sie zu ihm hoch. "Zurück auf die Insel?"

     Kopfschüttelnd legte er einen Finger unter ihr Kinn und küsste sie sanft. "Nein, Shanny, du bist mein Zuhause."