5. KAPITEL

Tony stand auf dem Deck der Fähre und starrte hinüber zur Insel, auf der er aufgewachsen war. Er hasste es, das Schiff nicht steuern zu können, fast genauso, wie er es hasste, hierher zurückzukehren. Einzig und allein die Sorge um Shannon und ihren Sohn hatte ihn bewogen, sich den Erinnerungen zu stellen und zurückzukehren.

     Bei jeder Welle, die gegen den Schiffsrumpf schwappte, bemühte Tony sich, die heimtückischen Emotionen zu unterdrücken, um nicht darin unterzugehen.

     Entschlossen richtete er den Blick auf die Küste, wo ein Fischadler sein Nest umkreiste. Palmen säumten den Strand, und parallel dazu verlief eine zweispurige Straße. Auf den ersten Blick war lediglich ein weißes Gebäude zu erkennen. Erst, wenn man genauer hinschaute, entdeckte man den Wachturm.

     Als sie damals auf diese Insel vor der Küste von St. Augustine geflüchtet waren, hatte es Zeiten gegeben, da hatte Tony geglaubt, er wäre wieder zu Hause … dass sein Vater mit ihnen nur an einen anderen Ort auf San Rinaldo gezogen war. Nachts war er schweißgebadet aufgewacht, überzeugt, dass die Soldaten in ihrer Tarnkleidung die Gitter vor seinen Fenstern zersägt hatten und ihn holen kamen. Manchmal hatte er sich eingebildet, sie hätten ihn bereits geschnappt, und er säße hinter Gefängnisgittern.

     In den schlimmsten Nächten hatte er geträumt, seine Mutter wäre noch am Leben, nur um sie noch einmal sterben zu sehen.

     Shannon berührte zaghaft seinen Ellbogen. "Wie lange habe ich im Flugzeug geschlafen?"

     "Eine ganze Weile." Tony lächelte sie an, um sie zu beruhigen, doch es wirkte wohl nicht sonderlich überzeugend. Verdammt, er wünschte, es hätte die vergangene Woche nie gegeben. Dann könnte er sie an sich ziehen und alles andere vergessen.

     Der Wind wehte ihr die Haare ins Gesicht. "Oh, natürlich. Wenn du es mir sagst, könnte ich ja erahnen, wie weit wir von Galveston entfernt sind. Ich könnte erraten, wo wir sind. Tut mir leid, dass es mich leicht beunruhigt, von der Welt abgeschnitten zu sein."

     "Das verstehe ich, und ich werde mein Möglichstes tun, damit alles so schnell es geht wieder ins Lot kommt." Auch er wollte nichts lieber, als von dieser Insel verschwinden und in das Leben zurückkehren, das er sich aufgebaut – das er gewählt – hatte. Das Einzige, was die Rückkehr hierher erträglich machte, war der Umstand, dass Shannon an seiner Seite war. Diese Erkenntnis brachte jedoch seine ganze Welt ins Wanken, es machte ihm nämlich klar, wie wichtig sie ihm bereits geworden war.

     "Obwohl ich zugeben muss", meinte sie, während sie ihren Sohn näher an sich zog, "dass das hier meine kühnsten Erwartungen übertrifft."

     Ihr Blick fiel auf die Reiher, die an der Küste entlangstolzierten, das Seegras, das sich im Wind wiegte, und ihre Augen leuchteten vor Begeisterung auf. Die in den Bäumen versteckten Kameras hatte sie anscheinend noch nicht entdeckt, genauso wenig wie den Sicherheitsposten, der am Dock stand, mit einem Gewehr um die Schulter.

     Kolby stieß einen kleinen Schrei aus und beugte sich im Arm seiner Mutter vor.

     "Hoppla …" Tony erwischte ihn gerade noch an den Trägern seiner Latzhose. "Nicht so hastig, junger Mann."

     Erschrocken rang Shannon nach Atem. "Zum Glück warst du so schnell. Ich habe eine Sekunde lang nicht hingeschaut. Es gibt hier so viel zu sehen, so viele Ablenkungen."

     Kolby zappelte. "Will runter."

     Shannon fing ihren Sohn auf, als er sich zu ihr hinüberlehnte. Sie deutete über die Reling. "Wolltest du das sehen, Schätzchen?"

     Ein Delfin zog neben der Fähre seine Bahnen. Die Flosse schnitt durch das Wasser, bevor er wieder untertauchte.

     Kolby klatschte in die Hände und rief: "Ja, ja, ja."

     Tony verspürte einen großen Beschützerinstinkt, was Mutter und Sohn anging. Er würde nicht zulassen, dass die Vergangenheit der Medinas ihre Zukunft beeinträchtigte. Selbst wenn es bedeutete, dass er die Identität, die er so mühsam versucht hatte aufzugeben, wieder annehmen musste.

     Die Fähre legte an der Insel an.

     Und Prinz Antonio Medina war zurück.

 

Was bedeutete es für Tony, nach so langer Zeit zurückzukehren? Angesichts der Entfremdung in dieser Familie, die nur durch Anwälte kommunizierte, war es offenbar keine glückliche Heimkehr.

     Shannon hätte gern die Hand nach ihm ausgestreckt, als sie jetzt in der Limousine saßen, doch Tony hatte in dem Moment, als die Fähre am Anleger festgemacht hatte, begonnen, sich emotional zu distanzieren. Natürlich war er ganz der Gentleman, als sie die Fähre verließen und zur Mercedes-Limousine gingen.

     Sei vorsichtig … Brauchst du Hilfe? Doch sein Lächeln wirkte immer gequälter.

     Vielleicht waren es auch ihre düsteren Gedanken, die ihre Wahrnehmung trübten. Kolby drückte sich fasziniert die Nase an der Scheibe platt und schien von all dem nichts mitzubekommen.

     Kein Wunder, die Landschaft, die Tiere und schließlich die königliche Villa waren beeindruckend. Weißer Stuck, Bögen und Erker – es war nicht unbedingt ein Märchenschloss, aber durchaus imposant und fast so groß wie ein Hotel. Nur, dass in keinem Hotel, in dem sie gewesen war, Sicherheitskräfte mit geschulterten Maschinengewehren vor der Tür standen.

     Was ihr ein Gefühl der Sicherheit hätte vermitteln sollen, erinnerte sie stattdessen nur daran, dass Geld und Macht nicht ohne Bürden zu haben waren. Wenn man sich überlegte, dass Tony aufgewachsen war, ohne je mit der realen Welt in Berührung gekommen zu sein … Ein Wunder, dass er normal geblieben war.

     Wenn man einen millionenschweren Prinzen mit einer Vorliebe fürs Surfen als "normal" bezeichnen konnte.

     Die Limousine fuhr langsam an einem marmornen Brunnen vorbei und kam schließlich zum Stehen. Sofort tauchten weitere uniformierte Männer auf und öffneten die Türen. Ein Butler stand oben auf der Treppe. Auch wenn Tony darauf beharrt hatte, dass er nichts mehr mit seinem Erbe zu tun haben wollte, schien er sich doch in dieser Welt völlig heimisch zu fühlen. Im Grunde begriff sie es erst jetzt wirklich: Der atemberaubend gut aussehende – schweigsame – Mann, der neben ihr ging, war ein blaublütiger Prinz.

     "Tony?" Sie berührte seinen Ellbogen.

     "Nach dir", sagte er nur und deutete zu der Flügeltür, die von einem Butler aufgehalten wurde.

     Shannon setzte sich ihren Sohn auf die Hüfte und schritt tapfer voran … Kolby blickte entgeistert um sich.

     Von der eindrucksvollen runden Halle führten golden schimmernde Torbögen in offene Säle. Zwei geschwungene Treppen trafen im ersten Stock zusammen. Und, Himmel, war das etwa ein Picasso an der Wand?

     Ihre Turnschuhe quietschten auf dem Marmorboden, während sie durch weitere Torbögen tiefer in das Anwesen hineingeführt wurde. Und auch wenn Shannon sich immer wieder versicherte, dass Geld nicht wichtig war, wünschte sie jetzt, sie hätte andere Schuhe eingepackt.

     Vor ihnen tauchte eine große, gläserne Verandatür auf, die den Blick auf das Meer freigab. Tony bog jedoch vorher ab und ging mir ihr in ein Zimmer, das wohl die Bibliothek war. Bücherregale bedeckten drei der vier Wände, nur unterbrochen von großen Fenstern.

     Ein älterer Mann döste in einem Sessel beim Kamin. Zwei große Hunde lagen rechts und links von ihm.

     Tonys Vater. Ein echter König.

     Entweder eine Krankheit oder das Alter hatten ihren Tribut gefordert – die Ähnlichkeit zu Tony war kaum noch zu erkennen. Das silbergraue Haar war zurückgekämmt, und die Zerbrechlichkeit und Blässe in seinem Gesicht riefen in Shannon den Wunsch hervor, ihn zu trösten.

     Dann schlug er die Augen auf. Das Funkeln in den dunklen Augen ließ sie innehalten.

     Wow, der König mochte alt sein, aber er hatte nichts von seinem Charisma eingebüßt.

     "Willkommen zu Hause, hijo pródigo." Der verlorene Sohn.

     Enrique Medina sprach Englisch, mit unmissverständlich spanischem Akzent. Und offenbar ließ ihn dieses Wiedersehen nicht ganz unberührt. Oder war es nur Wunschdenken ihrerseits, weil sie es sich für Tony wünschte?

     "Hallo, Vater." Tony legte ihr eine Hand auf den Rücken. "Dies sind Shannon und ihr Sohn Kolby."

     Der alternde Monarch nickte in ihre Richtung. "Wir heißen Sie und Ihren Sohn willkommen."

     "Vielen Dank für Ihre Gastfreundschaft und Ihre Hilfe, Sir." Aus Angst, sich mit Eure Hoheit oder Eure Majestät zu verfransen, entschied sie sich für diese einfache Anrede.

     "Wenn meine Familie nicht wäre, bräuchten Sie meine Unterstützung nicht."

     Tonys Finger zuckten auf ihrem Rücken. "Wollen wir hoffen, dass wir dir nicht allzu lange zur Last fallen müssen. Shannon und ihr Sohn brauchen nur einen Ort, wo sie Unterschlupf finden können, bis Gras über die Sache gewachsen ist."

     "Das wird nicht so schnell geschehen", stellte Enrique fest.

     Shannon zuckte zusammen.

     "Ich freue mich, dass Sie hier sind, meine Liebe. Sie haben Tony nach Hause gebracht, also haben Sie schon meine Gunst gewonnen." Enrique lächelte, und nun konnte sie die Familienähnlichkeit ganz deutlich erkennen.

     Kolby zappelte und linste zu Enrique. "Was ist mit dir?"

     "Pst … Kolby." Sie drückte ihm hastig einen Kuss auf die Stirn, um ihn zum Schweigen zu bringen. "Das ist eine unhöfliche Frage."

     "Es ist eine ehrliche Frage." Der König wandte seine Aufmerksamkeit Kolby zu. "Ich bin krank, und meine Beine sind nicht mehr kräftig genug, daher kann ich nicht mehr so gut gehen."

     Kolby nickte und beäugte den Rollstuhl, der zusammengeklappt neben dem Kamin stand. "Da musst du aber ziemlich krank gewesen sein."

     "Ja, aber ich habe gute Ärzte."

     "Hast du Bazillen?"

     Ein Lächeln huschte über das ernste Gesicht. "Nein, Kind. Du und deine Mutter, ihr braucht keine Angst zu haben, dass ihr euch ansteckt."

     "Das ist gut." Er stopfte seine kleinen Fäuste in die Taschen. "Ich mag nämlich nicht, Hände zu waschen."

     Enrique lachte leise, bevor er eine Hand auf den Kopf eines Hundes legte. "Magst du Tiere?"

     "Mhm." Kolby wand sich, bis Shannon nichts anderes übrig blieb, als ihn loszulassen. "Ich will auch einen Hund."

     Solch ein völlig normaler Wunsch, dachte Shannon, und ich kann es mir nicht leisten, ihn zu erfüllen. Ihr tat es schrecklich weh, dass es so viele Dinge gab, die sie ihrem Sohn nicht bieten konnte.

     Andererseits hatte Tony nicht trotz seines Reichtums auch auf so viel verzichten müssen? Er hatte seine Heimat verloren, seine Mutter und stattdessen ein goldenes Gefängnis bekommen. Mitleid mit einem mutterlosen Jungen, der abgeschieden von der Welt aufgewachsen war, stimmte sie milde, obwohl sie sich doch nicht wieder von ihm hatte einwickeln lassen wollen.

     Enrique winkte Kolby zu sich. "Du darfst meine Hunde streicheln. Komm her, dann stelle ich sie dir vor."

     Kolby zögerte nicht eine Sekunde. Er mochte zwar Vorbehalte gegenüber Tony haben, doch nicht gegenüber König Enrique – und schon gar nicht gegenüber seinen Hunden.

     Als jemand sich hinter ihr räusperte, schreckte Shannon aus ihren Gedanken auf. Sie blickte über die Schulter und sah eine junge Frau in der Tür stehen. Sie war Ende zwanzig, trug ein Chanelkostüm und war ganz offensichtlich nicht die Haushälterin.

     Aber sie sah umwerfend aus. Statt Turnschuhen trug sie modische Riemchenschuhe mit hohen Absätzen. Shannon schalt sich. Es war albern, eifersüchtig auf jemanden zu sein, den man nicht einmal kannte, aber genau genommen war sie ja auch nur neidisch auf die hübschen roten Schuhe.

     "Alys", sagte der Monarch, "kommen Sie doch herein. Darf ich Ihnen meinen Sohn und seine Gäste vorstellen. Alys ist meine Assistentin. Alys Reyes de la Cortez. Sie wird Ihnen Ihre Zimmer zeigen."

     Shannon vermied es, voreilige Schlüsse zu ziehen. Es ging sie nichts an, wen Enrique Medina in seinen Diensten beschäftigte, und sie durfte einen Menschen nicht nach seinem Äußeren beurteilen.

     Sie war nicht eifersüchtig auf die fantastisch aussehende Frau in diesem perfekten Outfit, eine Frau, die so gut in Tonys Welt zu passen schien.

     Trotzdem wünschte sie erneut, sie hätte ein Paar Pumps eingepackt.

 

Eine Stunde später klappte Shannon einen leeren Koffer zu und schaute sich in ihren Zimmern um.

     Das Ganze glich einer Luxus-Eigentumswohnung innerhalb des Palastes. Sie und Kolby hatten getrennte Schlafzimmer, die beide von einem gemütlichen Wohnraum abgingen. Außerdem gab es eine Essecke und eine hochmoderne Küche. Der Balkon war größer als so mancher Garten.

     Nachdem Alys sie hinaufbegleitet hatte, war Kolby aufgeregt von Zimmer zu Zimmer gelaufen, bis er schließlich müde geworden und erschöpft eingeschlafen war.

     Jetzt herrschte fast beunruhigende Stille, nur das Rauschen des Meeres war zu hören. Geistesabwesend strich Shannon über die Sofalehne und schaute nach draußen, wo das Mondlicht Schatten auf den Balkon warf. Magisch angezogen von diesen Schatten, ging sie näher, bis sie die Umrisse eines Mannes erkennen konnte, der am Balkongitter lehnte.

     Tony? Er kam ihr vor wie ein sicherer Hafen, an einem Tag, der so turbulent gewesen war. Aber wie war er hierhergekommen, ohne dass sie etwas davon mitbekommen hatte?

     Offenbar grenzte sein Balkon direkt an ihren. Das bedeutete wohl auch, dass ihre Zimmer nebeneinander lagen, oder? Hatte er auf sie gewartet? Aufregung machte sich in ihr breit, als sie daran dachte, dass sie ihn jetzt ganz für sich allein hatte.

     Shannon öffnete die Balkontür. Der Duft der Blumen, die auf dem Balkon standen, gemischt mit der würzigen Meeresbrise, betörte ihre Sinne. Himmel, was war sie müde und obendrein schrecklich emotional – wahrlich nicht der beste Zustand, um sich in Tonys Nähe zu begeben. Sie sollte lieber ins Bett gehen, statt seinen so sündhaft aufregenden Körper anzustarren, der geradezu danach zu rufen schien, dass sie ihm die Wange auf den Rücken legte und die Arme um die Taille schlang. Ihre Finger verkrampften sich, als sie daran dachte, wie sich seine nackte Haut anfühlte. Der Duft seines Sandelholz-Aftershaves machte die Sache nicht leichter.

     Verlangen erfasste sie und schwächte ihren ohnehin schon schwindenden Widerstand.

     Seine Schultern spannten sich unter dem gestärkten weißen Hemd kurz an, bevor er sich umdrehte. Im nächsten Moment entspannte er sich jedoch. "Schläft Kolby?"

     "Ja, und vielen Dank für all die Vorbereitungen. Die Spielzeuge, das Essen … die Blumen."

     "Alles Teil des Medina-Willkommenspaketes."

     "Vielleicht." Aber sie hatte viel zu viele ihrer Lieblingsdinge entdeckt, als dass es Zufall hätte sein können. Zögernd kam sie näher. "Das ist alles … irgendwie überwältigend."

     "Als wir San Rinaldo verließen, mussten wir uns verkleinern." Er schenkte ihr ein leicht ironisches Lächeln.

     Je mehr sie über seine Geheimnisse erfuhr, desto größer wurde ihr Mitgefühl. "Danke, dass du uns hergebracht hast. Ich weiß, dass es für dich nicht einfach war."

     "Ich bin der Grund, warum ihr euch verstecken müsst. Von daher scheint es mir nur fair zu sein, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um es wiedergutzumachen."

     Ihr Ehemann hatte niemals versucht, seine Fehler zu korrigieren, hatte sich nicht einmal entschuldigt, als man ihn wegen unzweifelhafter Beweise festgenommen hatte. Shannon rechnete es Tony hoch an, dass er die Verantwortung übernahm.

     "Was ist mit dir?" Sie stellte sich zu ihm ans Geländer. "Du wärst nicht hergekommen, wenn es nicht meinetwegen gewesen wäre. Ist es dir sehr schwergefallen?"

     "Mach dir um mich keine Sorgen." Er lehnte sich mit dem Rücken gegen das Geländer. "Ich passe schon auf mich auf."

     "Was hast du denn zu gewinnen?"

     "Mehr Zeit mit dir." Die Glut in seinem Blick verriet seine Absicht, Sekunden, bevor er die Arme nach ihr ausstreckte. "Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, wie sehr ich mich danach sehne, mit dir zusammen zu sein. Schon bei unserer ersten Verabredung, als du mir nicht einmal einen Gutenachtkuss geben wolltest."

     "Hast du mich deshalb erobert. Weil ich Nein gesagt habe?"

     "Du bist ja zum Glück nicht bei deinem Nein geblieben, und hier stehe ich jetzt, und noch immer erregt mich allein der Klang deiner Stimme …" Er nahm ihr die Brille ab und umschloss Shannons Gesicht mit beiden Händen. "Das Gefühl deiner Haut."

     Obwohl er inzwischen ein Reederei-Imperium besaß, waren seine Hände noch immer rau von seiner Zeit als Dockarbeiter und Seemann. Er war ein Mann, der zupacken konnte. Als er ihr jetzt sanft über die Wangen strich, erinnerte sie sich an das köstliche Gefühl. Wenn er mit seinen rauen Händen ihren Körper erkundete …

     Zärtlich strich er ihr vom Nacken aus durchs Haar. "… das Gefühl deines Haares."

     Ein leises Stöhnen entschlüpfte ihr. "Tony …"

     Seine Berührung war zärtlich, seine Lippen dagegen fest, als er sie auf ihre presste. Shannon öffnete den Mund und hieß ihn – den vertrauten Geschmack, das vertraute, köstliche Gefühl – willkommen. Weil ihre Knie nachzugeben drohten, hielt sie sich an Tony fest. Ihre Brüste begannen zu kribbeln, und bevor sie nachdenken oder sich zurückhalten konnte, bewegte sie sich hin und her und verstärkte das berauschende Gefühl, seinen Körper an ihrem zu spüren. Seinen Oberschenkel zwischen ihren Beinen.

     Sie machte einen Schritt rückwärts.

     Und zog Tony mit sich.

     Hin zur offenen Balkontür, die zu ihrem Schlafzimmer führte, weil ihr Verstand, wie immer, wenn sie sich in Tonys Gegenwart befand, aussetzte und ihr Körper das Kommando übernahm. Sie presste die Beine zusammen, genoss den Druck seines muskulösen Oberschenkels … Sie war so nahe, zu nahe. Sie wollte, musste ihn erst in sich spüren.

     Noch fester umklammerte sie seine Arme und sehnte sich danach, ihn zu bitten, bei ihr zu bleiben, um sie alle Sorgen vergessen zu lassen. "Tony …"

     "Ich weiß." Er löste den Mund von ihrem, seine Bartstoppeln kratzten, als er den Kopf noch einmal an ihrem Hals barg und tief durchatmete. "Wir müssen aufhören."

     Aufhören? Fast hätte sie frustriert aufgeschrien. "Aber ich dachte … Ich meine, normalerweise, wenn wir so weit gekommen sind, beenden wir es auch."

     "Bist du bereit, unsere Affäre fortzusetzen?"

     Affäre. Nicht nur eine Nacht, keine Einmaligkeit, sondern eine Beziehung mit Verwicklungen und Komplikationen. Shannons Gedanken überschlugen sich, während ihr Verstand versuchte, wieder die Kontrolle zu übernehmen. Du meine Güte, was hatte sie eben fast getan? Ein paar Küsse, zusammen mit einem gut platzierten Oberschenkel, und schon war sie bereit, sich wieder von Tony verführen zu lassen.

     Entschlossen legte sie die Hände auf seinen Oberkörper und trat einen Schritt zurück. "Ich kann nicht leugnen, dass ich dich vermisst habe und dich begehre, aber ich habe keine Lust darauf, als Geliebte des Medina-Prinzen betitelt zu werden."

     Tonys Augenbrauen hoben sich. "Soll das heißen, du willst heiraten?"