9. KAPITEL

Tony stellte sein Surfbrett an den Baum und drehte sich um, um Shannons entgegenzunehmen. Dass sie auf einmal wieder auf Distanz gegangen war, frustrierte ihn mächtig. Er hätte schwören können, dass sie den Moment dort draußen genauso genossen hatte wie er – ein wunderbarer Moment, der Sekunden später bestimmt noch besser geworden wäre.

     Stattdessen war Shannon plötzlich ins Wasser gehechtet.

     Abstand haltend, hatte sie erklärt, dass sie gern zurückschwimmen würde. Seitdem hatte sie kein Wort mehr gesagt. Tony ärgerte sich. Tagelang hatte er daran gearbeitet, sie zurückzuerobern, und jetzt machte er das alles an einem Nachmittag zunichte? Wenn er wenigstens wüsste, womit er sie vergrault hatte.

     Sie wischte den Sand vom Surfbrett. "Ist es in Ordnung, wenn wir sie hier so weit weg von unserem Ausgangspunkt stehen lassen?"

     Sie waren bestimmt eine Meile weit abgetrieben worden. "Ich kaufe neue Bretter. Ich bin schließlich ein verdammt reicher Prinz, schon vergessen?"

     Ja, sexuelle Frustration konnte einen Mann schon mal ein bisschen bärbeißig werden lassen. Und Shannon erwiderte nicht einmal etwas auf seine bitterböse Bemerkung.

     Tony marschierte los. Shannon lief schweigend neben ihm her. Der Wind frischte auf, und ließ das Laub der Bäume rascheln.

     "Oh", meinte Shannon auf einmal und zeigte zu den Bäumen, deren Äste und Zweige auseinandergeweht wurden, sodass eine kleine, steinerne Kapelle sichtbar wurde. "Die ist mir vorhin gar nicht aufgefallen."

     "Wir sind aus einer anderen Richtung gekommen."

     "Sie sieht hübsch aus. Warst du als Kind etwa Messdiener?"

     "Nur sehr kurz." Er schaute sie an, froh, dass sie endlich wieder mit ihm sprach. "Ich konnte nicht still sitzen, und der Priester fand es nicht so lustig, dass einer der Messdiener einen Sack Bücher und Legosteine mitbrachte, um sich während des Gottesdienstes nicht zu langweilen."

     "Legos?" Entgeistert starrte sie ihn an. "Ehrlich?"

     "Jeden Sonntag habe ich mehr mitgebracht, aber das Kindermädchen hat meine Wasserpistole konfisziert."

     "Wehe, du bringst Kolby auf dumme Gedanken." Sie stieß ihm spielerisch den Ellbogen in die Seite, doch als sie merkte, was sie getan hatte, beschleunigte sie ihre Schritte.

     O nein, so schnell würde er nicht aufgeben. "Das Taschenmesser hat sie aber nicht gefunden."

     "Du hast ein Messer mit in die Kirche genommen?"

     "Ich hab meine Initialen unter die Bank geritzt. Willst du mal sehen, ob sie noch da sind?"

     Sie schüttelte den Kopf. "Was ist heute mit dir los? Erst das Surfen und jetzt Kindheitserinnerungen?"

     Warum? Er hatte sich die Gründe nicht überlegt, sondern einfach instinktiv gehandelt, um diese aufregende Beziehung zu Shannon weiterzuführen. Doch er tat nichts ohne einen Grund.

     Sein Instinkt hatte ihn in diese Richtung gewiesen, weil … "Damit du nicht vergisst, dass hier drinnen ein Mann steckt." Er deutete auf seine Brust. "Nicht nur ein verdammt reicher Prinz."

     Aber was auch immer er sagte, oder wie weit er sich von hier entfernte, das Medina-Erbe floss durch seine Adern. Und egal, wie oft er seinen Namen änderte oder von vorn anfing, er würde immer Antonio Medina bleiben. Doch Shannon wollte diese Art von Leben nicht. Das musste er einfach akzeptieren.

Einige Stunden später öffnete Shannon, auf der Suche nach einem Mitternachtssnack, den riesigen Kühlschrank. Eine Auswahl köstlicher Nachspeisen lockte sie, und sie wählte zwei kleine Schälchen aus und setzte sich auf einen Hocker am Tresen.

     Sie war müde, gereizt und angespannt. Und das war allein Tonys Schuld, weil er sie mit seinen Kindheitserinnerungen und dem sinnlichen Intermezzo im Wasser heiß gemacht hatte – nur um sie kurz darauf wieder auf Abstand zu halten.

     Zum Trost schloss sie jetzt genüsslich die Augen und ließ die Creme auf der Zunge zergehen.

     Seit sie von ihrem Surfausflug zurück waren, hatte Tony sich sehr distanziert verhalten. Dabei hatte sie gedacht, sie wären einander nähergekommen – im wahrsten Sinne des Wortes –, als sie auf dem Surfbrett saßen, und dann, als er von den Legos erzählt hatte. Doch danach … Funkstille. Beim Abendessen hatte er sich wie ein perfekter – unterkühlter – Gastgeber verhalten.

     Nicht, dass sie etwas hätte essen können.

     Daher war sie jetzt so hungrig. Allerdings vermutete sie, dass selbst eine Riesenportion Dessert nicht den nagenden Hunger in ihr stillen konnte.

     Als sie begonnen hatte, mit Tony auszugehen, war sie ein kalkulierbares Risiko eingegangen, weil ihre Hormone bei seinem Anblick verrückt gespielt hatten und sie schon seit langer, langer Zeit keinen Sex mehr gehabt hatte. Zugegeben, Tony war der einzige Mann, bei dem ihre Hormone je so reagiert hatten. Ein Problem, das leider in keiner Weise kleiner geworden war.

     "Oh, verdammt." Tonys leiser Fluch schreckte sie auf.

     Er stand im Türrahmen und betrachtete sie misstrauisch. Er trug Jeans und ein Hemd, das er offenbar nur hastig übergeworfen hatte. Erst jetzt schloss er zwei Knöpfe und raubte ihr damit das Vergnügen, sein Sixpack bewundern zu können.

     Kühle Creme schmolz in ihrem Mund und berauschte ihre Sinne. Ihr Herz begann, schneller zu schlagen. Nervös zupfte sie am Ausschnitt ihres Morgenmantels. Das blaue Negligé bedeckte sie zwar vom Hals bis zu den Zehen, doch der locker fallende Chiffon- und Spitzenstoff wirkte wie ein zartes Streicheln auf der Haut.

     Als sie merkte, dass ihre Hände zitterten, presste sie sie auf den Tisch. "Lass dich von mir nicht stören. Ich gönne mir nur gerade einen Mitternachtssnack. Die Creme in der rechten, hinteren Ecke des Kühlschranks kann ich übrigens sehr empfehlen."

     Tony zögerte noch einen Moment, bevor er in die Küche kam und an Shannon vorbeiging, ohne sie zu berühren. "Ich brauche eher etwas Herzhaftes."

     "Dürfen Prinzen sich ihren eigenen Snack zubereiten?"

     "Wer will es mir verbieten?" Er schloss die Kühlschranktür mit dem Fuß, die Hände voller Zutaten für seinen Snack.

     "Stimmt auch wieder." Sie löffelte weiter ihre Creme und überlegte, wie unwirklich es war, sich mit einem Prinzen zu einem Mitternachtssnack in der Küche zu treffen.

     "Hattet ihr keine Haushälterin? Dein Mann war doch auch nicht gerade arm", nahm Tony den Gesprächsfaden wieder auf, nachdem er sein Brot belegt hatte und sich ihr gegenüber setzte.

     Sie waren zusammen ausgegangen. Sie hatten Sex gehabt. Aber erst jetzt wurde Shannon bewusst, dass ihre Beziehung im Grunde sehr oberflächlich geblieben war. Über die dunklen Seiten ihrer Vergangenheit hatten sie nie gesprochen.

     Auch jetzt war sie nicht bereit, die unangenehmen Details ihrer Ehe zu diskutieren, doch unabhängig davon, wie es mit ihnen weitergehen würde, wollte sie, dass er verstand, woher sie kam. "Ich bin nicht in diesen Kreisen aufgewachsen, in denen Nolan sich bewegt hat. Mein Dad war Lehrer an einer Highschool und meine Mom Sekretärin an einer Grundschule. Wir hatten genügend Geld, aber reich waren wir nicht." Sie zögerte … "Aber das haben deine Sicherheitskräfte bestimmt längst herausgefunden, oder?"

     Tony zuckte nur mit den Schultern, also ließ Shannon das Thema ruhen und kratzte den letzten Rest Creme aus dem Schälchen, bevor sie den Löffel genüsslich ableckte.

     Als sie den Blick hob, sah sie, dass Tony sie über den Tisch hinweg anstarrte, voller Intensität und Erregung. Sie erkannte die Anzeichen, auch wenn Tony sich keinen Millimeter auf sie zu bewegte.

     Sie legte den Löffel auf den Tisch. "Tony, warum bist du noch wach?"

     "Ich bin eine Nachteule. Man könnte auch sagen, ich leide unter Schlaflosigkeit."

     "Ehrlich? Das wusste ich gar nicht." Sie lachte gequält. "Aber woher soll ich das auch wissen? Wir haben ja noch nie eine ganze Nacht zusammen verbracht. Leidest du schon lange darunter?"

     "Ja, ich war schon immer so." Er drehte seinen Teller auf dem Tisch herum. "Meine Mutter hat alles Mögliche versucht, warme Milch, eine 'magische' Decke, bis sie mich schließlich einfach aufbleiben ließ. Sie hat mir manchmal sogar nachts noch etwas gekocht."

     "Deine Mutter, die Königin, hat gekocht?" Die Vorstellung, dass Tonys Mutter in der Küche eines Schlosses aus dem sechzehnten Jahrhundert gestanden und ihrem kleinen Sohn etwas zu essen gemacht hatte, war ihr sympathisch.

     Zur Hölle damit, Distanz wahren zu wollen und darauf zu warten, dass Tony den ersten Schritt tat. Kurz entschlossen legte Shannon die Hand auf seine. "Deine Mutter muss ein besonderer Mensch gewesen sein."

     Er nickte kurz. "Ich glaube auch."

     "Du glaubst?"

     "Ich habe nur wenige Erinnerungen an die Zeit, bevor sie … starb." Er streichelte ihre Hand mit dem Daumen. "Der Strand. Eine Decke. Essen."

     "Düfte helfen, Erinnerungen fester zu verankern."

     Sein Blick war traurig. "Starb" schien ein so harmloses Wort, um den Tod einer jungen Mutter zu beschreiben, die ermordet worden war, weil sie einen König geheiratet hatte. Eine Ader pochte sichtbar an Tonys Schläfe, mit jeder Sekunde schneller.

     Shannon hielt ganz still, während ihr Herz sich ihm öffnete. "Erinnerst du dich daran, wie sie gestorben ist? An eure Flucht aus San Rinaldo?"

     "Kaum." Er konzentrierte sich weiter auf ihre verschränkten Hände. "Ich war ja erst fünf."

     Das hatte er ihr bereits erzählt. Aber sie kaufte ihm seine Nonchalance nicht ab. "Traumatische Ereignisse brennen sich tiefer in unsere Erinnerung ein. Ich weiß noch, dass wir einen Autounfall hatten, da war ich erst zwei." Sie würde jetzt nicht aufgeben, nicht jetzt, da sie so kurz davor war, den Mann, der sich hinter dem Lachen und den großzügigen Gesten verbarg, besser zu verstehen. "Ich erinnere mich noch genau, dass der Wagen rot war."

     "Wahrscheinlich hast du später Fotos von dem Auto gesehen", meinte er, bevor er den Kopf hob und sie kämpferisch ansah. "Wie lange willst du noch warten, bis du mich bittest, dich zu küssen?", wechselte er abrupt das Thema. "Ich bin so heiß auf dich, dass ich am liebsten ausprobieren würde, was dieser Tisch aushält."

     "Tony, merkst du eigentlich, was du sagst?", fragte sie, frustriert und auch ein wenig beleidigt darüber, wie er mit ihr umsprang. "Erst bist du der romantische Prinz, der sich diskret zurückhält, dann ignorierst du mich beim Essen. Eben enthüllst du ganz private Dinge, und schon in der nächsten Sekunde machst du mir auf rüde Art sexuelle Avancen. Offen gesagt, komme ich mir vor wie auf einer emotionalen Achterbahnfahrt."

     Seine Arme zuckten, die Muskeln spannten sich. "Täusch dich nicht, ich begehre dich und denke Tag und Nacht an kaum etwas anderes. Mich kostet es verdammt viel Beherrschung, dich nicht an mich zu ziehen, egal, wer hier noch hereinspazieren könnte. Das Problem ist, ich bin mir einfach nicht sicher, ob dieses chaotische Leben, das ich führe, gut genug für dich ist."

     Sie schmolz bei seinen Worten dahin, auch wenn sie genau das beunruhigend fand. Tony hatte die immer stärker werdende Verbindung auch gespürt, und es machte ihm Angst. Also hatte er versucht, sie mit seinem Vorschlag, es auf dem Tisch zu treiben, zu verschrecken.

     Tja, Pech für ihn, so einfach ließ sie sich nicht verscheuchen. Sie wollte das hier, wollte Tony …