1. KAPITEL

Natalie Dorset frühstückte wie an jedem Samstagmorgen gemeinsam mit ihrer Vermieterin, als ihr Leben sich veränderte. Nein, also "verändern" ist vielleicht nicht das richtige Wort; ihr Leben wurde ein wenig, sagen wir, unwirklich.

     Der Tag begann eigentlich ganz normal. Wie immer wurde sie gegen halb neun Uhr morgens von Mojo, ihrem Kater, geweckt, der wie immer um diese Zeit Hunger hatte, und sich danach wie immer in ihr noch warmes Bett verkroch. Dann brühte sich Natalie wie immer ihren Tee auf – weil Wochenende war, nahm sie den guten Fortnum & Mason –, um dann wie immer ihr Küchenfenster zu öffnen, um die kühle Herbstluft hereinzulassen. Dann band sie wie immer ihr schulterlanges braunes Haar zu einem Pferdeschwanz, verzichtete wie immer auf ihre Kontaktlinsen, und setzte sich stattdessen wie immer ihre Brille auf die Nase, um dann wie immer ihre mit Monden und Sternchen verzierte, schon ein wenig ausgeleierte Pyjamahose anzubehalten, bevor sie wie immer ihre Teetasse und sich selbst in die Küche des unteren Stockwerks bugsierte, die Mrs. Klosterman und ihre Mieter als Treffpunkt nutzten. Hier nahmen Mrs. Klosterman und Natalie auch ihr gemeinsames Frühstück ein.

     Wie immer am Samstag.

     So war es auch heute. Mrs. Klosterman war fast fertig mit ihrem Redeschwall. Jetzt, zum Ende hin, nahm ihre Stimme einen fast schon dramatischen Klang an. Das war insofern nichts Ungewöhnliches, weil Mrs. Klosterman Dramen liebte, doch Natalie musste zugeben, dass sie noch nie eine solche Perfektion in ihren dramatischen Ausführungen an den Tag gelegt hatte. Gäbe es eine olympische Disziplin hierfür, die alte Dame würde sie ganz sicher gewinnen.

     Mit Mrs. Klosterman konnte man sich nicht im eigentlichen Sinne des Wortes unterhalten. Man konnte ihr lediglich zuhören. Für Menschen, die selbst nicht gern reden, war die Lady ideal.

     "Ich sage es Ihnen", sagte Natalies Vermieterin, noch bevor sie ihre erste Tasse mit dem heißen Tee auch nur angefasst hatte. "Er hat irgendwas mit der Mafia zu tun. Wahrscheinlich soll er etwas aufdecken, und die Polizei hat ihn hier einquartiert. Oder er steckt mit der Mafia unter einer Decke. Eine noch entsetzlichere Vorstellung. Allmächtiger. Wir könnten morgen beide mit durchschnittenen Kehlen in unseren Betten aufwachen!"

     Natalie lächelte und schüttelte den Kopf. Alles, alles war wie immer.

     Mrs. Klosterman redete über ihren neuen Mieter, der seit kurzem im zweiten Stockwerk ihrer dreistöckigen viktorianischen Villa in Old Louisville wohnte. Und jetzt, gerade mal einige Tage nach Unterzeichnung des Mietvertrages, machte sie sich schon Gedanken über ihn. Nicht, dass es einen Anlass zur Sorge gegeben hätte, nein. Wahrscheinlich war es sogar so, dass sie sich schon die ganze Zeit Gedanken gemacht hatte. Weil sich Mrs. Klosterman nämlich immer Gedanken machte. Über alles Mögliche. Sie hatte ihre eigene Vorstellung von der Realität. Ja, so ungefähr könnte man die Tatsache ausdrücken, dass die alte Lady ab und an unter Wahnvorstellungen litt.

     Natalie lebte nun seit fünf Jahren in Mrs. Klostermans Haus. Sie wohnte im dritten Stock. Von hier aus hatte Natalie ihren Abschluss gemacht und arbeitete seitdem als Lehrerin in einer nahe gelegenen High School. Andere Mieter kamen und gingen in diesen ganzen Jahren, aber Natalie blieb. Sie konnte sich einfach nicht aufraffen, sich eine eigene, größere oder auch kleinere Wohnung zu suchen. Nein, Natalie lebte gern in dem alten, verbauten Haus. Es hatte nämlich eine Menge Charakter. So wie Mrs. Klosterman natürlich auch. Sie mochte ihre Vermieterin, die anscheinend keine Familie hatte, sondern nur ihre Mieter. Natalie selbst hatte auch keine Familie. Für sie war die kleine Gemeinschaft hier ihre Familie. Mrs. Klostermans Haus war aber auch sehr gemütlich.

     In der Weihnachtszeit half Natalie ihr gemeinsam mit den anderen Mietern, einen großen Christbaum aufzustellen, und alle machten sich an Heiligabend gegenseitig Geschenke. Natalie, die weder Mann noch Kinder hatte, fand, dass sie es nicht besser hätte treffen können als hier. Wenn sie daran dachte, wie öde Weihnachten bei ihr zu Hause abgelaufen war, fand sie es hier doch bedeutend schöner. Viel schöner, um genauer zu sein. Andererseits konnte ihr Weihnachten auch egal sein, denn wenn man Mrs. Klosterman Glauben schenken durfte, würde sie ja bald mit aufgeschlitzter Kehle in ihrem Bett aufwachen. Und wahrscheinlich nicht nur sie, sondern alle Mieter und Mrs. Klosterman natürlich auch. Vielleicht wachten sie nächstes Jahr in der Weihnachtszeit wirklich alle mit durchschnittenen Kehlen in ihren Betten auf. Und dann? UND DANN? Natalie verschluckte sich an ihrem Tee.

     Dann schob sie diese wirren Gedanken beiseite. Was für ein Blödsinn. Niemand wachte mit einer durchtrennten Kehle wieder auf. Das zumindest wusste Natalie, obwohl ihr medizinisches Wissen ansonsten zu wünschen übrig ließ. Diese Tatsache beruhigte sie ein Stück weit. "Warum glauben Sie, dass der Neue was mit der Mafia zu tun hat?" fragte sie. Ihr gesunder Menschenverstand sagte ihr zwar, dass das alles völliger Unfug war, was Mrs. Klosterman da von sich gab. Es war nicht das erste Mal, dass ihre Vermieterin irgendjemanden verdächtigte oder irgendwelche Horrorvisionen hatte. Seitdem Natalie sie kannte, erfand sie entsetzliche Geschichten oder behauptete Gott-weiß-was, um ein wenig Farbe in ihr Leben zu bringen.

     Natalie war neugierig. Davon mal ganz abgesehen, fand sie, dass Mrs. Klosterman alles Recht der Welt hatte, ein wenig sonderbar zu sein. Seit dem Tod ihres Mannes Edgar vor zwanzig Jahren musste sie allein zurechtkommen, und das gelang ihr doch erstaunlich gut. Was machte es schon, dass sie sich ab und an in eine andere Welt verirrte? Eben. Nichts.

     Wenn es nach Mrs. Klosterman ginge, könnten alle Personen, die in gruseligen Kriminalromanen mitspielten, aus den Büchern springen und lebendig werden. Das wäre doch für die alte Dame das Größte überhaupt. Was da alles passieren würde!

     Natalie lächelte. Das war wahrscheinlich das Alter. Schließlich war Mrs. Klosterman schon fünfundachtzig.

     "Ich sage es ja nur", antwortete Mrs. Klosterman auf Natalies Frage und zupfte an ihrem viel zu großen, mit schillernden bunten Blumen bedruckten Morgenmantel herum. Dann kontrollierte sie mit ihren perfekt in Pink manikürten Fingernägeln ihr perfekt toupiertes und nachtschwarz gefärbtes Haar. Es schien alles in Ordnung zu sein. Mrs. Klosterman verließ das Haus nie, ohne sich die Augenbrauen in der gleichen nachtschwarzen Farbe anzumalen. Das Gleiche galt für die Wimpern. Die wurden so lange schwarz getuscht, bis sie wie Spinnenbeine von den Augen abstanden. Mrs. Klosterman fand das schick.

     "Mein Gefühl sagt mir, dass ich Recht habe", redete sie weiter und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte herum. "Es ist sozusagen eine innere Eingebung."

     Ihre Stimme senkte sich. "Wie er schon aussieht, und wie er schaut, und wie er sich bewegt, und wie er redet", zählte sie auf und beugte sich nach vorn. "Schon sein Name allein ist unglaublich verdächtig."

     Natalie, die schon wieder grinsen musste, nickte einfühlsam. Was kam denn jetzt?

"Oh mein Gott", sagte sie mit gespieltem Entsetzen zu Mrs. Klosterman. "Bestimmt trägt er einen schwarzen Polyesteranzug und Lackschuhe und eine riesengroße dunkle Sonnenbrille, auch wenn es draußen schon dunkel ist. Und ganz sicher ernährt er sich nur von Pasta und italienischem Mineralwasser. Und er riecht ganz stark nach Knoblauch. Stimmt's? Sein Name muss 'Der Pate' oder 'Vinnie Mancuso' sein. Das ist der aus dem Film Eraser. Hat er Ihnen denn auch schon gesagt, wie viele Menschen er unter die Erde bringen will, und vor allen Dingen, wie?"

     Mrs. Klosterman fand das gar nicht lustig. Böse verdrehte sie die Augen: "Selbstverständlich nicht", sie schenkte sich erneut Tee nach. "Er ist ganz normal angezogen, sonst würde das ja alles noch mehr auffallen. Und er riecht sehr angenehm. Aber wie er redet. Wie ein … wie ein …", allem Anschein nach traute sich Mrs. Klosterman nicht, das schlimme Wort auszusprechen. "Wie ein Gangster", brachte sie schließlich heraus. Bestimmt hoffte sie, dass der gut riechende Mann im nächsten Augenblick mit seinen Lackschuhen vor ihr stünde, um ihr eine Bratpfanne über den Schädel zu schlagen. Nach ihrer Genesung hätte sie dann wieder etwas zu erzählen.

     "Wie ein Gangster", wiederholte Natalie und dachte nach. Wie sprach ein Gangster?

     "Hat er das Wort verprügeln benutzt?" fragte sie dann, weil sie nun wirklich neugierig war.

     "In der Tat", Mrs. Klosterman nickte gnädig. "In der Tat benutzte er dieses Wort."

Beifall heischend schaute sie Natalie an. "Er sagte es, als er hier war, um den Mietvertrag zu unterschreiben." Mrs. Klosterman setzte sich auf. "Da hat er das Wort gesagt."

     "Hat er gesagt, dass er jemanden verprügeln will?" fragte Natalie. Mrs. Klosterman redete gewöhnlich ohne Punkt und Komma, aber manchmal musste man ihr wirklich jedes Wort wie einen Wurm aus der Nase ziehen. Natalie nahm sich eine Scheibe Weißbrot und träufelte Ahornsirup darauf.

     Wahrscheinlich war der Mieter hauptberuflich Profiboxer und wollte nur ein wenig von seinem Job erzählen. Und Mrs. Klosterman verdrehte wieder alles so, dass es ihr wunderbar in den Kram passte.

     "Nein, das hat er nicht", antwortete Mrs. Klosterman und tupfte sich mit einer Serviette einen imaginären Teerest von den Lippen. "Er sagte, dass in der Gegend, in der er vorher gelebt hat, Prügeleien an der Tagesordnung waren. Ich habe ihm natürlich versichert, dass wir hier mit so etwas keine Probleme haben. Die haben wir ja auch nicht." Bestimmt bedauerte sie das. "Aber all die anderen Sachen, die mir so an ihm aufgefallen sind", redete sie weiter, bevor Natalie etwas sagen konnte. "Der Name …" Mrs. Klosterman stockte erneut. Sie musste sich fassen. Zitternd stand sie auf, ging zum Fenster, schaute nach draußen und war sichtlich nervös. Natalies Neugierde wuchs. Nannte sich der neue Mieter womöglich "Jack the Ripper" oder "Heinrich VIII."? Hatte er außer Straßenmädchen womöglich noch eine Menge Ehefrauen auf dem Gewissen?

     "Wie heißt er denn? Nun sagen Sie es doch endlich!" Natalie stellte ihre Teetasse lauter als nötig auf den Tisch. Um zwei Sätze mit Mrs. Klosterman auszutauschen, musste man ab und an einen ganzen Tag einkalkulieren. Mit schleppendem Gang wankte Mrs. Klosterman zum Tisch zurück.

     "Sein Name ist … sein Name ist … sein Name ist … John!" wisperte sie schließlich.

     Allmächtiger!

     "John", sagte Natalie und verdrehte die Augen. "John!"

"Ja", sagte Mrs. Klosterman. "John." Sie war sehr zufrieden mit ihrem Auftritt. Wie ein Racheengel stand sie am Tisch und blickte Natalie mit angstvoll aufgerissenen Augen an.

     "Das ist ja entsetzlich", erwiderte Natalie und tat so, als ob sie die Tatsache, dass der Mieter John hieß, auch ganz furchtbar fand. Mrs. Klosterman war wirklich einzigartig. John. Da musste man ja um sein Leben rennen. John – das war der Gangster- oder Mafianame überhaupt. Wenn jemand in der Unterwelt sagte "Da kommt John", machten alle Gamaschenträger, dass sie wegkamen, und das schnell.

     "Alle bekannten Gangster heißen John", brachte Natalie schließlich hervor und musste aufpassen, um nicht laut aufzulachen, weil Mrs. Klosterman nickte.

     "John Capone, John Malkovich (garantiert wusste ihre Vermieterin nicht, dass es sich hierbei um einen Schauspieler handelte), Johnny von Johnny and Clyde …"

     "John Dillinger, John Gotti", fiel Mrs. Klosterman lauthals ein und schlug auf den Tisch. Fast wäre ihre Teetasse umgefallen. "Aber dass er John heißt, ist nicht das Schlimmste", sie machte schon wieder eine Kunstpause. "Das Schlimmste ist sein voller Name. Er heißt nämlich John Miller!"

     Auch das noch!!! Hilfe!

     "Das Komische daran ist, dass er nicht John genannt werden möchte. Er will, dass ihn alle Jack nennen!" rief Mrs. Klosterman. Wie Jack the Ripper, dachte Natalie, hab ich's nicht gesagt? Jetzt bloß nicht lachen.

     Auf Grund dieser schrecklichen Tatsache musste sich Mrs. Klosterman erst mal wieder hinsetzen. "Verstehen Sie jetzt, meine Liebe, warum er mir so suspekt vorkommt?"

     Ja, Natalie verstand. Zweifelsohne war Mrs. Klosterman eben gerade komplett verrückt geworden. Schade eigentlich. Vielleicht befanden sich in ihrer Teemischung aber auch Drogen. Sicher konnte man sich ja nie sein.

     "John Miller", sagte Natalie langsam und mit Nachdruck. "Ich verstehe. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass John Miller auf der ganzen Welt von der Polizei gesucht wird. Auf jeder Fahndungsliste steht John Miller."

     "Genau." Mrs Klosterman hatte sich einigermaßen beruhigt. "Ich meine, was ist denn das für ein Name? Da haben wir es doch! Der Name ist zu gewöhnlich. Jeder könnte diesen Namen tragen. Deswegen ist dieser Mann mir ja auch so unheimlich. Millionen John Millers laufen herum." Mrs. Klosterman war nicht zu bremsen, aber Natalie versuchte, wenigstens einen kleinen Satz loszuwerden. "Und Sie glauben, dass dieser John Miller ein Verbrecher ist?" fragte sie und war gespannt auf Mrs. Klostermans weitere Erklärungen. Die nickte.

     Natalie lehnte sich entspannt zurück. Was für ein schöner Samstagmorgen!

     "Meine Liebe, wissen Sie, er sieht eben nicht aus wie ein John Miller. So sieht er nicht aus. Und wie ein Jack Miller auch nicht", fügte sie noch schnell hinzu.

     "Ja, wie sieht er denn nun aus?" fragte Natalie, die so ganz langsam ungeduldig wurde. Mrs. Klosterman zögerte einen Moment, dann brach es aus ihr heraus. "Er sieht aus wie dieser schreckliche Mann aus diesem schrecklichen Film. Dieser … dieser Vinnie aus Eraser, also er sieht aus wie ein Mafiosi!" Das letzte Wort betonte Mrs. Klosterman so, als sei sie bereits dem Tode geweiht gewesen und ihm gerade noch mal von der Schippe gesprungen. Natalie trank schnell noch einen Schluck Tee und hielt die Tasse länger als nötig vor den Mund, weil sie nicht wollte, dass Mrs. Klosterman sah, dass sie grinsen musste.

     "Aha", sagte sie dann beherrscht und fragte sich, was Mrs. Klosterman als Nächstes hervorbringen würde. Sie musste nicht lange warten. Denn Mrs. Klosterman wäre nicht Mrs. Klosterman gewesen, wenn nun nichts mehr gekommen wäre. Das wusste Natalie. Und sie behielt Recht. Mrs. Klostermans Gesicht war jetzt ganz nah vor ihrem. Sie regte sich schrecklich auf. "Aber das Schlimmste kommt jetzt!" schrie die alte Lady los. "Bevor dieser Mr. Miller hier war und den Mietvertrag unterzeichnet hat, kam ein paar Tage vorher ein anderer Mann, der exakt, ich wiederhole, exakt so angezogen war wie dieser Mr. Miller, und hat sich das Apartment angeschaut. Er meinte dann, er würde es für jemanden mieten wollen. Vielleicht war auch erst dieser Mr. Miller da und dann der andere. Aber sie kleiden sich ganz ähnlich. Das ist doch kein Zufall. Wo gibt es denn so was?"

     Natalie musste zugeben, dass das zugegebenermaßen etwas merkwürdig klang, aber musste Mrs. Klosterman deswegen so losschreien?

     Die rannte nun in der kleinen Küche hin und her und war sichtlich aufgeregt.

     "Am schlimmsten aber fand ich, dass dieser zweite Mann tatsächlich wie ein Mr. Miller aussah. Er machte mir einen sehr, einen zu gewöhnlichen Eindruck, falls Sie verstehen, was ich meine."

     Gewiss, Natalie verstand. Sie nickte. Was hätte sie sonst tun sollen?

     Mrs. Klosterman hielt inne. Dann schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen:

     "Er sah aus wie jemand vom Geheimdienst oder so. Jetzt erinnere ich mich wieder genau. Er trug … er trug nämlich einen Trenchchoat!"

     Natalie biss sich verzweifelt auf die Lippen, um nicht laut loszulachen. Herrje, was wäre ihr Leben doch langweilig ohne ihre Vermieterin! Davon mal ganz abgesehen, dass es Oktober war und damit kälter als im Sommer und es dadurch verständlich war, dass viele Leute im Trenchcoat herumliefen, liefen auch sonst jede Menge Leute im Trenchcoat herum. Aber mit dieser klaren Aussage würde Mrs. Klosterman nichts anfangen können.

     "Dieser Mann ist mir einfach unheimlich. Er gehört zu irgendeiner Untergrundorganisation. Zu welcher, weiß ich zwar noch nicht, aber Sie werden sehen, dass ich Recht habe. Ich habe nämlich immer Recht", rechtfertigte Mrs. Klosterman ihre Behauptung.

     "Mrs. Klosterman", Natalie versuchte, ganz vernünftig zu bleiben "Ich glaube ehrlich gesagt nicht dass Ihr neuer Mieter …"

     "Er gehört einem Geheimbund an, o ja, irgendeinem Bund, von dem wir alle nichts ahnen", unterbrach Mrs. Klosterman Natalie und regte sich nun noch mehr auf. "Wir werden alle nicht mehr lange leben. Der führt nichts Gutes im Schilde. Ich habe das einfach im Gefühl. O ja!"

     Mrs. Klosterman musste die letzten Tage damit zugebracht haben, haufenweise Literatur über irgendwelche Geheimdienste oder -bünde gelesen zu haben, eine andere Möglichkeit sah Natalie nicht.

     "Oder er ist untergetaucht, hier in diesem Haus. Irgendein Zeugenschutzprogramm oder so. Sie werden es sehen, meine Liebe, Sie werden sehen!" Mrs. Klosterman verschränkte die Arme und sah Natalie Beifall heischend an. Natalie musste sich gruselnd vorstellen, dass Mrs. Klosterman – einfach so – nach einem Messer griff und ihren harmlosen neuen Mieter damit bedrohte, bloß damit er zugab, entweder ein Mafiamitglied oder ein Mitglied eines Geheimbundes oder eines Zeugenschutzprogramms zu sein. Wenn Mrs. Klosterman es schaffte, dabei noch besonders furchterregend auszusehen, würde dieser arme Mann bestimmt zugeben, eigentlich Jack the Ripper oder Charles Manson zu heißen. Da musste man aufpassen. Mit Mrs. Klostermans Fantasie war nämlich nicht zu spaßen.

     "Guten Morgen" sagte plötzlich eine männliche Stimme und Natalie drehte sich rasch um. In der Tür stand Mr. Miller. Es musste Mr. Miller sein. Wenn das nicht Mr. Miller war – wer sollte es sonst sein? Natalie rang um Fassung. Was für ein Mann!

     Er sah aus wie … wie … Antonio Banderas oder Keanu Reeves oder, ach, Natalie fand, dass es keinen gebührenden Vergleich gab. Fast hätte sie ihre Teetasse umgestoßen. Sie glotzte diesen Mr. Miller, oder wie er auch immer heißen mochte, ununterbrochen an. Was für ein Mann! Er war so … so wow! Das war das einzige Wort, das ihr dazu einfiel. Da saß sie nun in Mrs. Klostermans Küche in ihrer bunten Pyjamahose, völlig ungewaschen und ungeschminkt, und Mrs. Klosterman selbst sah nicht besser aus, und dann kam dieser Mann da einfach rein. Natürlich vollständig angezogen, und nicht im Schlafanzug. Er war komplett in Schwarz gekleidet und unter seinem T-Shirt zeichneten sich wohlgeformte Muskeln ab. Natalie sah auf einen Blick, dass es mehrere Hundert Dollar waren, die dieser Mann da klamottenmäßig am Körper trug. Er hatte auch noch sehr edle Schuhe an. Schlicht, dezent, und ganz aus Leder, was Natalie wohlwollend auffiel. Das mussten italienische Schuhe sein.

     Die ganze Erscheinung Mr. Millers brachte Natalie beinahe um den Verstand. Er hatte eine Ausstrahlung, die einfach nicht in Worte zu fassen war. Nicht, dass John oder Jack so richtig klassisch schön war, nein, deswegen sah er ja auch nicht wirklich aus wie Antonio Banderas; seine Ausstrahlung hatte etwas Mystisches, etwas ganz, ganz Außergewöhnliches. Wäre Natalie nicht so gut erzogen, würde sie jetzt einfach aufstehen, ihre Teetasse auf den Tisch stellen, den Mann an der Hand nehmen und mit ihm hoch in ihr Schlafzimmer gehen. Aber so was tat man ja nicht. Es sei denn, man war schlecht erzogen.

     O Gott!

     Diese Augen! Dieser Mund! Diese schwarzen Haare. Dieser Mann! Natalie hoffte nur, dass Mr. Miller nicht hörte, wie laut ihr Herz pochte. Diese Augen faszinierten sie. Sie glänzten so wunderbar, und wie er sie anschaute, also … oh, bitte! Diese Augen machten Natalie wahnsinnig. Sie musste sich vorstellen, dass dieser Mr. Miller sie fragte, ob sie abends mit ihm essen ginge, nein, viel besser noch, er könnte sie auch gleich fragen, ob sie ihn heiraten möge. Eine wunderbare Vorstellung. Sie, Natalie, im weißen Kleid und er in einem schwarzen Anzug – schwarz stand ihm ja. Es würde im Prinzip auch erst mal genügen, wenn er sie jetzt, hier, in diesem Moment, einfach fragen würde, wie es ihr ginge, egal, er müsste auch gar nicht fragen, wie es ihr ginge, er müsste sie einfach nur ansprechen. Alles Weitere käme von selbst. Wenn er sie doch nur ansprechen würde. Ansprechen …

     "AU! Meine Güte, Sie wollen mich wohl bei lebendigem Leib verbrennen!"

     Natalie schrak auf. Ach du liebe Güte. Sie musste, während sie diesen unsinnigen Gedanken nachgehangen hatte, aus welchen Gründen auch immer, im Affekt den Inhalt ihrer Teetasse in Jack oder John Millers Richtung gekippt haben. Wie peinlich.

     Natürlich. Es musste ja so kommen. Natalie hatte ganz offenbar eine unglaubliche Begabung dafür, ein eventuelles und unkompliziertes Kennenlernen im Keim zu ersticken.

     Natalie sprang von ihrem Stuhl hoch. "Es tut mir wahnsinnig Leid", stammelte sie herum und versuchte, mit dem Ärmel ihres ausgeleierten Sweatshirts die Flecken auf seinem T-Shirt zu trocknen, was natürlich nicht funktionierte, weil man wegen der schwarzen Kleidungsstücke überhaupt nicht sehen konnte, wo es denn nun nass war. Verzweifelt nahm sie ein Handtuch und begann, den ganzen Mann abzuwischen, in der Hoffnung, wenigstens eine nasse Stelle zu finden. "Ich hoffe, ich habe Ihnen nicht wehgetan!"

     Sie wartete eine Antwort gar nicht ab, sondern rubbelte ununterbrochen weiter. An den Schultern, dann über der muskulösen Brust. Lecker. Sie fand Gefallen an ihrem Tun. Jetzt die Beine, der Hintern, und da, am Reißverschluss, könnte es doch auch nass sein. Und sein Gesicht. Das war bestimmt nass. Natalie sprang vor Mr. Miller herum wie ein Irrwisch und rubbelte, was das Zeug hielt.

     "Was, zum Teufel, tun Sie da?" Mr. Miller griff nach ihren Armen und hielt sie fest. Natalie hörte auf zu putzen und starrte ihn an. Dann wurde ihr erneut bewusst, wie sie vor ihm dastand. Sie sah mit Sicherheit unglaublich attraktiv aus. Wie sollte sie auch sonst aussehen in ihrer bescheuerten Schlafanzughose. Warum hatte sie ausgerechnet die mit den blöden Sternchen angezogen? WARUM?

     Danke, dass ich immer ein solches Glück habe, dachte Natalie und verfluchte diesen verrückten Samstagmorgen. Dabei hätte alles so schön sein können.

     "Oh, Mr. Miller, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll", brachte sie endlich stammelnd hervor. "Ich …"

     "Woher wissen Sie denn, wie ich heiße?" fragte John Miller, und plötzlich klang seine Stimme ziemlich Unheil verkündend.

     Weil Natalie nicht noch einen Fehler begehen wollte, entschloss sie sich, bei der Wahrheit zu bleiben. "Ähem, Mrs. Klosterman hat ihn mir gesagt?" um dann etwas zu spät zu bemerken, dass sie ihm diese Antwort als Frage gestellt hatte. Was sollte dieser Mann nur von ihr denken? Er musste von ihr denken, dass sie komplett durchgeknallt war, was ja auch ein Stück weit stimmte. Aber anstatt jetzt einfach still zu sein, fragte sie weiter. "Sie hat mir von Ihnen erzählt? Sie sagte, dass Sie kürzlich eingezogen seien? Ich wollte mich auch vorstellen? Ich bin Natalie? Natalie Dorset? Ich wohne im dritten Stock? Und ich möchte Sie warnen? Ich habe eine Katze? Die heißt Mojo? Sie mag es, mit Golfbällen auf dem Flur herumzutoben? Manchmal flippt sie aus, die Katze, und dann wird sie gewalttätig, sozusagen zum Mörder? Ach, das mögen Sie nicht? Lassen Sie mich es dann wissen? Ich sorge dann dafür, dass Mojo es nicht tut?"

     Natalie wünschte, dass sie einfach aufhören könnte zu sprechen, und hatte langsam, aber sicher das Gefühl, gleich komplett hysterisch zu werden. Hysterisch. Hysterisch! Aber es war zu spät. Zu spät. Diese Tatsache war die schlimmste von allen.

     In diesem Moment wurde das Licht in der Küche dunkler.

     "Mr. Miller", Mrs. Klosterman hatte den Dimmer am Lichtschalter betätigt, offenbar glaubte sie, dass Natalie davon ruhiger wurde. "Mr. Miller, darf ich Ihnen eine weitere Mieterin vorstellen. Mr. Miller, das ist Natalie Dorset. Wie sie Ihnen schon mitteilte, wohnt sie im dritten Stock. Was ihre Katze – Mojo – betrifft, so kann ich Ihnen versichern, dass es sich bei dieser Katze um einen sehr ruhigen Artgenossen handelt. Er ist sehr gut erzogen. Natalie", Mrs. Klostermans Stimme war sehr ruhig und sehr tief, so, als wolle sie damit erreichen, dass Natalie in Trance verfiel. "Natalie, das ist John Miller, Ihr neuer Nachbar."

     "Jack", sagte John Miller, und auch seine Stimme war ganz ruhig. Natalie fragte sich, ob die beiden sich abgesprochen hatten. Vielleicht sah sie, Natalie, aber auch so gefährlich aus, als ob man so mit ihr sprechen musste, um ein größeres Unheil zu verhindern.

     "Nennen Sie mich einfach Jack", redete Mr. Miller weiter. "Jeder nennt mich Jack."

     Dann sah er Natalie auf eine Art und Weise an, die sie schon wieder ganz nervös machte. Oder bildete sie sich das ein? Nein, er musterte sie. Mit Interesse. Das merkte Natalie sofort. Warum glotzte der so doof und musterte sie von oben bis unten? Natalies Selbstbewusstsein ging Richtung null runter. Ja, ja, sie war nun mal eine Durchschnittsfrau, na und? Klar war auch, dass sie in diesem Aufzug – in ihrer Schlafanzughose, der Brille und ihrem unordentlichen Pferdeschwanz – aussehen musste wie, ja wie eigentlich? Wie eine Idiotin? Zum Glück war Mr. Miller höflich genug, das nicht auszusprechen, falls er es tatsächlich denken sollte.

     Ganz offensichtlich schaute er aber gar nicht auf ihren Pyjama, und es schien ihm auch gar nicht weiter aufzufallen, dass sie überhaupt einen trug. Er blickte ihr ununterbrochen ins Gesicht. Forschend. Und interessiert. Für ungefähr eine Minute. Dann blickte er weg und widmete sich selbst seinen Teeflecken, wofür er das Handtuch zur Hilfe nahm, mit dem Natalie ihr Glück schon versucht hatte.

     "Jo", sagte er dann und sah an sich herunter und dann zu Mrs. Klosterman, die er die ganze Zeit nicht beachtet hatte.

     "Jo, alles klar?" fragte er in ihre Richtung. Mrs. Klosterman nickte. Natalie fiel sein Akzent auf. Er kam nicht aus dieser Gegend. Irgendwie war ein Touch Brooklyn in seiner Stimme, und Natalie musste sich vorstellen, wie er mit seinen Kumpanen in der Dunkelheit vor brennenden Tonnen stand und sich alle gegenseitig fragten: "Jo, alles klar?"

     "Jo, alles klar?" sagte Johnjack Miller dann in ihre, Natalies Richtung und Natalie fiel nichts Passenderes ein, als mit einem langsamen "Hi" zu antworten, wofür er sie wahrscheinlich noch dämlicher halten musste. Aber sie konnte ja schlecht auf die Frage, ob so weit alles klar sei, antworten mit: "Übrigens, Sie haben die tollsten, traumhaftesten Augen, die ich je gesehen habe, Jack" und dann womöglich noch "Ich wollte schon immer mal einem Mafiaboss heißen Tee überschütten". Andererseits: Kam es darauf jetzt überhaupt noch an?

     "Jo, Mrs. Klosterman", sagte Jack und drehte sich zu seiner Vermieterin um. "Ich habe noch keinen Schlüssel für die Hintertür meiner Wohnung und finde eigentlich, dass ich einen haben sollte, meinen Sie nicht?" fragte er.

     Mrs. Klosterman tauschte einen vielsagenden Blick mit Natalie, und die wusste, was die alte Dame dachte: Mr. Miller wollte einen Schlüssel für die Hintertür, damit er nachts düstere Gestalten einlassen konnte, die, wenn sie gestört wurden, mir nichts dir nichts eine abgeschnittene Schrotflinte ziehen würden, um den Eindringling unschädlich zu machen. Oh, und was war, wenn Mrs. Klosterman Recht hatte?

     Nein. Nein. Nein. Natalie fluchte innerlich. Sie würde sich nicht von ihr beeinflussen lassen. Das wäre doch absurd. Natalie zwang sich, die Dinge nüchtern und realistisch zu sehen. Sonst hätte sie auch bald blauschwarz gefärbte Haare und würde jeden, der ein schwarzes T-Shirt trug, für einen Mafiaboss halten.

     Nein. Mr. Miller wollte einen Schlüssel für die Hintertür seines Apartments, damit er, falls ein Feuer ausbräche, dort flüchten konnte. So einfach war das. Natalie hatte auch einen Schlüssel für die Hintertür ihrer Wohnung, aus eben diesem Grund. Jede weitere Vermutung war lächerlich.

     "Ach, das habe ich ja ganz vergessen", Mrs. Klosterman schlug mit der Hand gegen ihre Stirn. "Ich hatte das Schloss auswechseln lassen, nachdem der letzte Mieter ausgezogen war. Es war schon sehr alt, das Schloss. Ich habe die neuen Schlüssel für das neue Schloss in meinem Arbeitszimmer. Ich werde einen für Sie holen."

     Woraufhin Mrs. Klosterman aus der Küche schwebte und Natalie mit Mr. Miller allein ließ. Sie lässt mich mit einem Gangster allein, fuhr es durch Natalies Kopf. Nein, sie lässt dich mit deinem Nachbarn allein, korrigierte sie sich wütend. Mein Gott, war sie verwirrt.

     Natalie zwang sich, Konversation zu betreiben. "Sie, äh, Sie sind aber nicht von hier, oder?" fragte sie lächelnd und hoffte, dass ihre Stimme ganz normal klang.

     Mr. Miller lächelte brav zurück. "Das haben Sie ganz allein herausgefunden?"

     "Es ist der Akzent", antwortete Natalie schnell.

     "Tja, was soll ich tun?" Mr. Miller zuckte mit den Schultern. "Wenn ich den Mund aufmache, weiß jeder, dass ich ein Franzose bin."

     "Tatsächlich", erwiderte Natalie. "Woher aus Frankreich stammen Sie denn?"

     Mr. Millers Lächeln wurde immer breiter. "Aus dem Norden."

     Ja, natürlich. Natalie war kurz davor, ihn zu fragen, ob er aus Nouvelle-Harlem oder Nouveau-Brooklyn stammte, konnte sich aber gerade noch bremsen.

     "Und Sie, Sie kommen von hier? Aus dieser Gegend?" fragte Mr. Miller, und Natalie hatte den Eindruck, dass er lauernd fragte. Sie nickte. "Ja, ich bin hier geboren und auch aufgewachsen", antwortete sie.

     "Ja, das sieht man", Mr. Millers Grinsen vertiefte sich noch mehr.

     "Was sieht man?" fragte Natalie, und sie fragte sich gleichzeitig, ob Mr. Millers Aussage eine Beleidigung sein sollte. Der grinste weiter und schaute sie dabei an. Natalie wurde schon wieder unsicher. Die Pyjamahose. Die Brille. Bestimmt dachte Mr. Miller, dass alle in dieser Gegend so rumliefen. Und das nicht nur nachts.

     "Nun, Sie sehen so gesund aus", sagte er endlich.

     Bingo! Das war genau das, was jede Frau hören wollte. Sie sehen so gesund aus, das hieß im Klartext: Sie sind zwar hässlich wie die Nacht, aber wenigstens ernähren Sie sich einigermaßen anständig. Vielen Dank. Natalie wurde zornig, versuchte aber krampfhaft, es Mr. Miller nicht merken zu lassen. Warum war sie nicht schlagfertig genug, um mit einer passenden, genauso unverschämten Antwort zu kontern?

     "Gesund", brachte sie schließlich hervor.

     Mr. Millers Grinsen wurde so breit, dass keine Chance mehr bestand, dass es noch breiter werden könnte.

     "Ja, wie ich eben schon sagte. Sie sehen gesund aus."

     Okay, dachte Natalie. Wenigstens ist er ehrlich, der Gangster – äh, Nachbar – und sagt frei von der Leber weg, was er denkt. Er war sowieso nicht ihr Typ. Sie mochte Männer, die Kakerlaken niemals erschlagen würden. Sie mochte Männer, die nicht von Kopf bis Fuß in schwarzen Klamotten steckten. Im Prinzip mochte sie alle Männer. Nur diesen Jack Miller nicht. Der würde Kakerlaken nämlich in seinem schwarzen T-Shirt tottreten. Unfassbar.

     Hör jetzt auf, sagte Natalie zu sich. Du machst dich vor dir selbst lächerlich.

     "Es tut mir wirklich sehr Leid wegen des Tees", sagte sie jetzt zum zweiten oder dritten Mal.

     "Das macht gar nichts", entgegnete Jack. "Ich mag Tee sehr gern."

     Tatsächlich?

     "Und machen Sie sich keine Sorgen wegen Ihrer Katze", fügte er dann noch hinzu. "Ich mag Katzen auch sehr gern."

     Da kam Mrs. Klosterman zurück und wedelte mit einem Schlüsselbund. "So, mein Lieber, hier ist der neue Schlüssel für die Hintertür", sagte sie zu Mr. Miller und drückte ihm den Schlüssel in die Hand. "Und hier habe ich noch einen kompletten Satz Schlüssel für Sie herausgesucht. Vielleicht möchten Sie ja jemandem für den Notfall welche geben?"

     Mrs. Klosterman sagte das so, als würde sie folgende Antwort erwarten: "Danke, Mrs. Klosterman, dass Sie daran gedacht haben. Es ist tatsächlich so, dass ich die Schlüssel jemandem geben werde, der im Notfall schnell hier ist und meine Wohnung ausräumt. Es handelt sich dabei um einen gedrungenen Italiener mit einer Sonnenbrille, den Sie bitte nicht ansprechen, sonst könnten Sie eine Sekunde später keine Stimmbänder mehr haben."

     Aber Mr. Miller sagte: "Danke, Mrs. K."

     Mrs. K.?

     Mrs. Klosterman kicherte, als sie ihren neuen Kosenamen hörte und Natalie starrte sie ungläubig an. Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass sie in ihrem ganzen Leben vorher noch nie einen Menschen so derart übertrieben hatte kichern hören, war es eben diese Mrs. Klosterman, die ihr vor kurzem noch prophezeit hatte, dass sie beide mit durchschnittenen Kehlen in ihren Betten aufwachen würden. Und jetzt, jetzt mutierte Mrs. Klosterman zu einer Siebzehnjährigen, die ihren eigenen Mörder mit hingebungsvollem Augenaufschlag bedachte. Natalie konnte es nicht fassen. Frauen waren manchmal wirklich merkwürdig. So leicht beeinflussbar. Manchmal schämte sich Natalie sozusagen dafür, wie leicht beeinflussbar Frauen waren. Eben gerade schämte sie sich besonders. Da musste bloß so ein Kerl auftauchen, der einen Traumkörper mit Traummuskeln hatte und dazu noch Traumaugen und eine traumhafte Ausstrahlung … Stop!

     "Wenn die Damen mich jetzt entschuldigen würden", das war der Mann mit dem Traumkörper und den Traumaugen. "Ich muss noch einige Sachen erledigen."

     Ja, wahrscheinlich ein paar Leichen wegschaffen.

     Natalie versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Auf keinen Fall wollte sie den gleichen Mist denken wie Mrs. Klosterman. Schluss jetzt damit. Und sie wollte auch nicht wie eine Siebzehnjährige hier stehen und diesen Gangster, Entschuldigung, diesen neuen Nachbarn fast schon verliebt anschauen. Das tat Mrs. Klosterman nämlich. Natalie wartete bloß darauf, dass sie, also Mrs. Klosterman, ihren Bademantel aufriss, um dann zu rufen: "Komm in meine Arme!"

     "Also dann", sagte Mr. Miller, grinste ein letztes Mal, wünschte einen schönen Tag und empfahl sich. An der Tür drehte er sich noch mal um und schaute Natalie an. "Natalie, richtig?" fragte er dann, wartete eine Antwort allerdings nicht ab und verließ die Küche.

     In den nächsten fünf Minuten sprachen weder Mrs. Klosterman noch Natalie ein einziges Wort. Schweigend nahm sich Natalie eine neue Teetasse, und schweigend dachte sie darüber nach, wie sie sich eben gerade blamiert hatte. Sie wünschte sich so sehr, alles ungeschehen machen zu können. Wie konnte sie diesen Mann bloß mit heißem Tee übergießen? Wie konnte sie nur so idiotische Sachen von sich geben? Warum musste ausgerechnet ihr das passieren? Warum konnte man die Zeit nicht einfach zurückdrehen und Jack Miller würde einfach noch mal reinkommen und sie würde ein ganz normales Gespräch mit ihm führen? Mrs. Klosterman sah aus dem Fenster. Sie hatte einen versonnenen Gesichtsausdruck. Womöglich war sie in Jack Miller verliebt. Wundern würde es Natalie nicht. Verliebt in einen Mörder. Äh, Nachbarn.

     Das Einzige, was Natalie schließlich herausbrachte, war die Frage: "Hatten Sie mir nicht erzählt, er würde ganz normale Sachen tragen?"

     "Na, er trägt doch auch ganz normale Sachen", rechtfertigte sich Mrs. Klosterman. "Er trägt normale Sachen, nur dass sie eben schwarz sind, das ist alles."

     Wenigstens hat er nicht nach Pesto gerochen, dachte Natalie.

     "Meine Liebe, Sie haben ihn doch reden hören, oder?" fing Mrs. Klosterman wieder an. "Jetzt haben Sie den Beweis. Er ist ein Schurke!"

     "Oder in Brooklyn aufgewachsen", gab Natalie zurück. "Oder New Jersey. Oder Philadelphia. Oder von mir aus irgendwo sonst. Es gibt Tausende dieser Orte, in denen mit diesem Akzent gesprochen wird."

     "Jedenfalls ist er kein John Miller", Mrs. Klosterman regte sich auf.

     Natalie hatte keine Lust auf weitere Diskussionen. Aber irgendwie war er schon merkwürdig, der neue Nachbar. So undurchschaubar. Rätselhaft.

 

Auf dem Weg in seine Wohnung musste Jack Miller gar nicht mehr grinsen. Er dachte an die dunkelhaarige Frau in der Pyjamahose. Er hatte gar nicht gewusst, dass noch jemand hier wohnte. Hm, ob sie ein Problem darstellen würde? Schlimm genug, dass er ein Auge auf Mrs. Klosterman haben musste – aber nun noch jemand. Mal sehen.

     Mein Gott, er hatte sich wie ein Trottel benommen. Aber was hätte er denn sonst tun sollen? Die Art, wie diese Natalie Dorset ihn angesehen hatte … ganz offensichtlich fand sie ihn interessant. Das hatte ihm jetzt gerade noch gefehlt, dass ihn hier jemand interessant fand. Er jedenfalls fand diese Natalie überhaupt nicht interessant. Er hatte auch noch nie eine Frau getroffen, die eine Pyjamahose mit Monden und Sternen drauf trug. Um ganz ehrlich zu sein, er fand diese Natalie doch ein bisschen interessant. Und um noch ehrlicher zu sein, hatte er vorher auch keine Frau gesehen, die überhaupt Pyjamas trug.

     Dann dachte Jack darüber nach, wie Natalie wohl aussehen würde, wenn sie lächelte. Um noch mal mehr ehrlicher zu sein, er fände es schön, sie lächeln zu sehen. Was müsste ein Mann wohl tun, um ihr ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern? Andererseits konnte ihm das auch ganz egal sein, denn Natalie war exakt nicht der Typ Frau, auf den er stand. Absolut nicht. Was hätte er also davon, wenn sie lächeln würde? Eben. Nichts.

     Ach, Mist. Jack hasste es, solche Gedanken zu haben. Dass er sich überhaupt Gedanken um diese Natalie machte. Er hatte Besseres zu tun. Wer war Natalie schon? Und er, Jack, war schließlich kein achtzehnjähriger Jugendlicher im Endstadium der Pubertät. Aufhören jetzt!

     Mist, dachte er dann. Das war gar nicht gut, dass diese Natalie hier auch noch wohnte. Das war so gar nicht eingeplant.

     Jack dachte über seinen Plan nach. Er war hierher gekommen, um einen Job zu erledigen. Professionell wie immer. Cool wie immer. Zuverlässig wie immer. Und er würde sich seine Pläne nicht durchkreuzen lassen. Schon gar nicht von einer braunhaarigen, Pyjama tragenden, Tee verspritzenden Frau mit einer eventuell durchgeknallten Katze.

     Ach, was machte er sich überhaupt Gedanken. Er würde dieser Natalie Dorset einfach aus dem Weg gehen.