10. KAPITEL

In einer Viertelstunde war Pause. Natalie bemerkte Jack, als sie kurz aus dem Fenster des Klassenraums schaute. Er stand da und schien auf sie zu warten. Sie schloss kurz die Augen, weil sie dachte, eine Vision zu haben, aber als sie die Augen wieder aufmachte, stand er immer noch da. Merkwürdig. Was machte er hier? Er war noch nie hierher gekommen. Jack sah irgendwie traurig aus. Er trug wie immer seine schwarzen Sachen, aber die wirkten fast zu groß an ihm, was eventuell daran lag, dass er die Schultern hängen ließ.

     Natalie winkte ihm kurz zu, und er nickte. Sie gab ihm mit einem Handzeichen zu verstehen, dass er auf sie warten sollte, und er nickte wieder und ging dann Richtung Eingang.

     Sie versuchte, sich wieder auf den Unterricht zu konzentrieren, was ihr aber leider misslang. Außerdem hatten ihre Schüler mitbekommen, dass Jack da draußen stand, und grinsten in sich hinein. Es war das erste Mal, dass ein Mann hier auftauchte, der offensichtlich zu Natalie gehörte.

     "Ist das Ihr Freund?" fragte Tom, und man merkte, dass alle in der Klasse diese Frage am liebsten gestellt hätten.

     "Nein", erwiderte Natalie und wurde rot. Mist. Immer musste sie rot werden.

     "Also ist er doch Ihr Freund", stellte Tom fest und grinste. Die Schüler begannen zu kichern, und Natalie wünschte sich sehnlichst, dass die Pausenglocke ertönte, damit sie endlich aus der Klasse und zu Jack gehen konnte.

     "Wo waren wir?" Natalie versuchte, streng auszusehen, aber in diesem Augenblick war die Stunde zu Ende und ihre Zöglinge verließen den Raum mit Überschallgeschwindigkeit.

     Natalie packte ihre Sachen zusammen und verließ dann langsam das Klassenzimmer. Jack wartete an einem Colaautomaten auf sie. Er sah immer noch traurig aus. Einerseits war Natalie sehr froh, ihn hier zu sehen, andererseits war ihr seine Anwesenheit unangenehm. Einige ihrer Schüler, vorwiegend Schülerinnen, gruppierten sich nämlich auch gerade um den Automaten und begutachteten Jack mit großem Interesse. Sie konnte sich unmöglich hier mit ihm unterhalten.

     "Hallo, Mr. Miller", sagte sie betont reserviert. "Schön, dass Sie vorbeigekommen sind. Wollen wir eben in den Klassenraum gehen?"

     Natalies Schülerinnen stand die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Womöglich hatten sie gehofft, dass Natalie Jack vor ihren Augen vernaschen würde.

     "Das ist Jack Miller, mein Nachbar", erklärte sie ihnen. "Er arbeitet ebenfalls als Lehrer. Und er liest sehr gern. Mr. Miller, wir nehmen gerade einen Ihrer Lieblingsromane durch."

     "Tatsächlich?" fragte Jack und lächelte. "Welchen denn, Miss Dorset?"

     Die Tatsache, wie er Miss Dorset aussprach, ließ Natalie erneut erröten. Vor deinen Schülern nenne ich dich Miss Dorset, aber im Bett sage ich ganz andere Dinge zu dir, deutete sie seine Tonlage und war kurz davor, Jack das Hemd vom Leib zu reißen. Um dann erneut die ganzen herrlichen Sachen mit ihm zu tun.

     "Äh, Hemingways Wem die Stunde schlägt", antwortete Natalie und zwang sich, einigermaßen unerregt auszusehen.

     "War das nicht Ihr Lieblingsbuch, Miss Dorset?" Jack hob die Augenbrauen. "Und meinen Sie, dass das die passende Literatur für Jugendliche ist? Geht es da nicht auch um …?"

     "Um was?" wollte Natalie wissen.

     Jack schaute zu ihren Schülerinnen und dann wieder auf sie. Die Schülerinnen traten einen Schritt nach vorn, um bloß nichts zu verpassen.

     "Na ja, es geht darin doch um …"

     "Ja?" So leicht ließ Natalie sich nicht verunsichern.

     "Um die Mafia", sagte Jack mit tiefer Stimme.

     Natalie wurde so rot wie ein gekochter Hummer.

     "Nein, das verwechseln Sie, Mr. Miller."

     "Ja, mit Verwechslungen ist das so eine Sache", Jack grinste. "Da könnte ich Ihnen Sachen erzählen. Aber sagen Sie", er blickte zu Natalies Schülerinnen, die immer noch wie Ölgötzen dastanden und lauschten, "Geht es in Wem die Stunde schlägt nicht auch um …"

     Was wollte er denn jetzt?

     "Um was?" Natalie ließ sich auf das Spiel ein.

     "Na ja, um das, was viele Leute so in ihrer Freizeit tun." Jack wollte sie in die Enge treiben. Er wollte sehen, wie sie sich jetzt aus der Situation hinausmanövrierte. Er wollte sie unsicher machen. Natürlich nicht mit böser Absicht, nein. Er fand einfach nur Gefallen daran, ihre Reaktionen auszutesten. Pah!

     "Meinen Sie Sex, Mr. Miller?" fragte Natalie süffisant. "Nun, dazu kann ich Ihnen sagen, dass ich wie Sie der festen Überzeugung bin, dass viele Leute in ihrer Freizeit Sex haben. Ganz sicher sogar. Und wir haben dieses Thema natürlich im Unterricht auch schon ausdiskutiert. Im Übrigen haben neueste Forschungen ergeben, dass bei Männern die Lust auf Sex ab einem bestimmten Alter rapide abnimmt. Ich rede jetzt nicht von Mitte sechzig oder Mitte siebzig. Ich rede von Ende dreißig, falls Sie verstehen, was ich meine. Was wir auch herausgefunden haben: Dunkelhaarige Männer, die gern in schwarzen Lederjacken herumlaufen, haben weniger Lust auf Sex als solche, die helle Kleidung bevorzugen. Haben Sie noch irgendwelche Fragen, Mr. Miller?"

     Bingo!

     Jack starrte Natalie mit offenem Mund an. Ihre Schülerinnen kicherten verlegen und stießen sich gegenseitig die Ellbogen in die Rippen. Kompliment, Natalie, dachte Jack. Sie war tatsächlich nicht auf den Mund gefallen. Und er konnte sich noch nicht mal beschweren, hatte er doch mit der ganzen Sache angefangen.

 

Wie soll ich es ihr nur sagen? fragte Jack sich, während Natalie ins Klassenzimmer vorausging. Er konnte und wollte jetzt nicht weiterflachsen.

     In den letzten Tagen hatten sie jede freie Minute und jede Nacht zusammen verbracht – ausgenommen, Donnie hatte ihn angepiepst und Unterhaltung verlangt. Seit jenem Morgen, an dem Jack zu Natalie gesagt hatte, dass er in ein paar Monaten zurück nach New York musste und sie so traurig war, hatten sie das Thema bewusst nicht mehr angesprochen. So, als ob sie die Tatsache verdrängen wollten. Sie waren so glücklich, wenn sie zusammen waren. So unendlich glücklich.

     Jack hatte für Natalie Spaghetti nach einem Rezept seiner Tante Gina gekocht. Die Soße war zwar so scharf, dass sie literweise Wasser in sich hineinschütten mussten, aber das war ihnen egal. Dazu legte Jack eine CD mit einer Verdi-Oper ein. Danach liebten sie sich wieder mit einer Innigkeit, die Jack mal wieder in ein grenzenloses Erstaunen versetzte. Natalie gab sich ihm mit Haut und Haaren hin, so dass er sich wie im siebten Himmel fühlte. Und ihr erging es nicht anders.

     Er konnte von Natalie nicht genug bekommen. Niemals. Sie kosteten ihre gemeinsamen Nächte bis zur letzten Sekunde aus, und nicht nur einmal war Natalie zum Unterricht aufgebrochen, ohne eine Minute geschlafen zu haben. Aber es war ihr egal. Das, was zählte, war Jack. Und genauso erging es ihm. Was bedeutete schon Schlaf? Sie erzählten sich alles aus ihrem Leben. Sie lachten miteinander und liebten sich immer wieder zwischendurch. Aber eines wurde nie angesprochen: die Zukunft. Je mehr Tage vergingen, desto ängstlicher wurde Natalie. Denn jeder Tag, der vorbei war, war ein Tag näher zum Abschied. Und das wollte sie nicht wahrhaben.

     "Setz dich", Natalie selbst ließ sich auf ihrem Lehrerpult nieder. Jack tat, was sie sagte, und ein paar Minuten vergingen, ohne dass einer sprach. Jack sah sich im Klassenraum um.

     "Hier bringst du also deinen Schülern was bei?" fragte er dann.

     Natalie nickte und verschränkte die Arme. Jack sah selbst wie ein Schüler aus, so, wie er da saß. Allerdings wie ein rebellischer Schüler, seine schwarze Lederjacke erinnerte sie ein wenig an James Dean in Denn sie wissen nicht, was sie tun.

     Jack schaute sich im Klassenraum um, und Natalie beobachtete ihn dabei. Wie sie ihn doch liebte. Wie sie ihn begehrte. Nein, nicht weiterdenken. Sie zwang sich, realistisch zu bleiben. Immerhin hatten sie beide wenigstens noch ein paar Wochen beziehungsweise Monate miteinander, bevor Jack sie verlassen musste. Natalies Hals schnürte sich zu, und ein Kloß bildete sich. Sie durfte jetzt nicht anfangen zu weinen. Angenommen, einer ihrer Schüler steckte den Kopf in den Raum, um irgendwas zu fragen, und sah sie hier sitzen wie ein Häufchen Elend – das ging auf gar keinen Fall.

     Natalie tut wenigstens etwas Sinnvolles, dachte Jack. Sie brachte jungen Menschen etwas für die Zukunft bei. Sie lehrte. Und sie schien das gut zu machen. Ihre Schüler und Schülerinnen sahen so aus, als ob sie Natalie respektierten. Sicher war sie keine Respektsperson im herkömmlichen Sinn, aber sie strahlte schon eine gewisse Seriosität aus. Jack war sicher, dass Natalie sehr beliebt war. Ich tue auch etwas Sinnvolles, dachte er zynisch weiter. Ich bewahre Exmafiosi davor, umgebracht zu werden. War das sinnvoll? Hätte er mit seinem Leben nicht auch etwas ähnlich Sinnvolles wie Natalie anstellen können? Blödsinn, sagte er zu sich selbst. Dein Job ist ebenso wichtig. Wichtiger als Natalie. Verdammt, verdammt, verdammt. Er fühlte sich hilflos, ratlos und zerschlagen.

     Warum musste alles so kompliziert sein? Könnte nicht einfach eine gute Fee kommen, mit ihrem Zauberstab wedeln und anbieten, ihnen bei ihrem Problem zu helfen beziehungsweise es zu lösen? Dann wäre alles gut. Aber es kam keine gute Fee. Jack war auf sich allein gestellt. Verflixt und zugenäht, er musste Natalie jetzt reinen Wein einschenken. Er konnte ja schlecht klammheimlich nach New York abreisen und ihr dann eine Postkarte schicken. Natalie hatte die Wahrheit verdient. Er liebte sie so sehr. Er musste es ihr sagen.

     Jacks Sachen waren gepackt und eigentlich hatte er vor, in der Stadt ein Hotel anzumieten, um dort die letzten Stunden mit Natalie zu verbringen. Er konnte die Vorstellung nicht ertragen, in ihrer Wohnung zu sein. In der vertrauten Umgebung, in der sie eine wunderbare Zeit verbracht hatten.

     Sein Flug ging in ein paar Stunden. Er wollte wenigstens diese Zeit noch mit ihr zusammen sein. Jack hatte vor, direkt vom Hotel aus zum Flughafen zu fahren. Dort würde er sich mit Donnie treffen, dann würde er schon bald im Flugzeug sitzen, und dann würde das Flugzeug abheben und ihn jede Sekunde weiter von Natalie wegbringen. Dann bliebe ihm nichts anderes mehr übrig, als von der Erinnerung zu zehren. In New York dann würde er erst einmal beschäftigt sein und keine Zeit zum Nachdenken haben.

     Aber er hatte kein Hotel in der Stadt angemietet. Er war einfach hierher gefahren. Ohne zu wissen, wie er Natalie beibringen konnte, was er ihr beibringen musste.

     "Ich …", begann Jack und stockte.

     "Was ist?" fragte Natalie, die immer noch die Arme verschränkt hielt und ihn abwartend ansah.

     Er konnte nicht. Es ging einfach nicht. Natalie sah so zerbrechlich aus, wie sie da am Pult lehnte. Ihre schmalen Schultern wirkten noch schmaler als sonst, ihr zusammengebundenes Haar ließ ihr Gesicht noch filigraner aussehen. Wo blieb denn nur die gute Fee? O Gott, warum war er nicht eiskalt und abgebrüht? Dann könnte er jetzt aufstehen, Natalie auf die Schulter klopfen und mit klirrender Stimme sagen: "Übrigens, Babe, in ein paar Stunden geht mein Flieger. Ich wollte dir nur Bescheid sagen, dass du heute Abend nicht mit dem Essen auf mich warten musst. Ach so, ja, ich wünsche dir ein schönes restliches Leben. War echt nett mit dir!" Dann würde er sich umdrehen, den Klassenraum verlassen und sich einreden, dass die Geräusche, die hinter der verschlossenen Tür ertönen, kein Weinen, sondern die Laute eines verirrten Kojoten seien.

     Aber so war er nun mal nicht. Ein neues Problem kam hinzu: Wenn er Natalie jetzt sagte, dass er in ein paar Stunden zurück müsste, würde sie ihn fragen, wann sie sich wiedersahen. Und das wusste er einfach nicht. Würde sie sich mit dieser Antwort zufrieden geben, die eigentlich keine war? Was hieß schon: Ich weiß es nicht.

     "Ich wollte dich sehen", brachte Jack hervor und verfluchte sich für diesen Satz.

     Natalie errötete leicht. "Oh, das ist aber schön", meinte sie dann.

     "Ich habe dich so vermisst. Ich vermisse dich immer, wenn du nicht bei mir bist", redete Jack sich weiter ins Verderben, aber er konnte nicht anders.

     "Ich dich auch", sagte Natalie und lächelte. "Ich habe mich heute schon wieder den ganzen Tag auf dich gefreut. Ich kann es nie erwarten, nach Hause zu kommen."

     Bravo, Jack, das hast du gut gemacht!

     Natalie ging zur angelehnten Tür und schloss sie.

     "Oh, Entschuldigung", Jack hob die Hände. "Ich hatte total vergessen, dass deine Schüler draußen lauschen könnten."

     "Macht nichts", meinte Natalie und kam zurück. "Die sind ja auch nicht von gestern. Und aufgeklärter, als man denkt. Ich finde es jedenfalls sehr schön, dass du hergekommen bist", fuhr sie fort. "Aber so Leid es mir tut, ich kann jetzt nicht weg. Ich muss noch bleiben."

     "Warum?" wollte Jack wissen.

     "Es wurde hier kurzfristig eine Konferenz anberaumt, und die dauert einige Stunden. Aber ich könnte auf dem Nachhauseweg einkaufen und uns was Leckeres kochen. Was hältst du davon? Oder wir treffen uns in der Stadt zum Essen. Donnie wird es wohl ein paar Stunden allein aushalten können, oder?" Natalies Augen glänzten. Sie freute sich auf den gemeinsamen Abend.

     Sag es ihr. SAG ES IHR! Sag ihr, dass du heute nach New York zurück musst. Sag es ihr jetzt!

     Er konnte nicht. Er konnte es nicht.

     "Ich muss mich heute Abend um ihn kümmern", war alles, was Jack herausbrachte.

     "Du warst erst letzten Abend und die ganze Nacht bei Donnie", Natalie war verwundert. "Kann Douglas das heute nicht mal übernehmen?"

     Douglas war Jacks Kollege. Der würde nachher nicht in ein Flugzeug steigen. Der würde hier bleiben.

     "Douglas kann heute Abend nicht", Jack wusste überhaupt nicht mehr, wie er aus dieser Nummer herauskommen sollte. "Deswegen muss ich es tun."

     Natalie runzelte die Stirn. "Das ist aber unfair. Ihr könntet euch doch mal abwechseln. Dauernd musst du Donnie babysitten."

     "So ist das nun mal", rechtfertigte sich Jack lahm.

     Dann stand er auf und fuhr Natalie durchs Haar. "Ich wollte dich einfach nur sehen. Nur kurz sehen. Weil ich dich so schrecklich vermisst habe."

     Natalie schloss die Augen und presste sich an ihn. Er umarmte sie und zog sie so fest an sich, dass sie beinahe keine Luft mehr bekam.

     Dann küssten sie sich. O nein, dachte Natalie, wir können doch nicht hier im Klassenzimmer …

     Jack, der dasselbe dachte, kam als Erster zur Vernunft und rückte ein Stück von Natalie weg.

     "Puh", sagte er verlegen.

     Natalie strich ihre Bluse glatt. "Schade eigentlich", meinte sie lächelnd. "Aber vielleicht können wir uns ja heute Abend wenigstens kurz sehen. Ich melde mich, wenn die Konferenz zu Ende ist."

     "Mach dir deswegen keine Gedanken." sagte Jack lahm. "Ich kriege die Zeit schon herum. Ich muss sowieso noch einige Dinge erledigen."

     Bastard, du Bastard, dachte er wütend. Du feiger, elender Bastard!

     Dann streichelte er zärtlich Natalies Gesicht, fuhr mit dem Finger erst über ihre Wangen, dann über ihre Lippen, um sich dann nach vorn zu beugen und sie erneut zu küssen.

     Eine Minute später zwang er sich, Natalie loszulassen und rannte fast in Richtung Klassentür. "Also, lass dir Zeit", sagte er, und seine Stimme war rau.

     "Okay", Natalie war ein wenig verwundert. "Dann sehen wir uns, wenn ich nach Hause komme, ja?"

     Jack war an der Tür angelangt. Er nickte, sprechen konnte er nicht. Schnell verließ er den Raum, und während er den Schulflur entlangging, spürte er Natalies Blicke in seinem Rücken. Dieses Gefühl würde er nie vergessen. Nie, solange er lebte.

     Er hatte sie angelogen. Nein, er hatte gar nichts gemacht. Er war selbst zum Lügen zu feige. Er fühlte sich so schrecklich wie noch nie.

     Natalie …

 

Als Natalie nach Hause kam, stand etwas vor ihrer Wohnungstür. Sie konnte nicht gleich erkennen, um was es sich handelte, aber dann sah sie, dass es ein Korb voll mit Erdbeeren war. Den Umschlag, der dazwischen steckte, entdeckte sie nicht sofort. Es waren eine Menge Erdbeeren und sie sahen aus, als seien sie ganz frisch gepflückt. Komisch, wo bekam man um diese Jahreszeit noch Erdbeeren?

     Jack. Das war bestimmt Jack. Er wollte sie überraschen. Sie erinnerte sich noch daran, wie sie vor ewig langer Zeit mal Erdbeeren gekauft hatte, die dann zermatscht waren. Das war an dem Tag, als sie an Jacks Tür gelauscht hatte. Damals hatte sie ihn noch gefragt, ob er zum Essen bleiben wollte. An diesem Abend konnte er nicht. Gott sei Dank hatten sich die Zeiten geändert.

     Wo war Jack? War er nicht zu Hause? Da sah Natalie den Umschlag, und auf einmal nahm ein ungutes Gefühl von ihr Besitz. Sie hatte sich den ganzen restlichen Tag gewundert, warum er plötzlich in der Schule aufgetaucht war. Noch mehr hatte sie sich Gedanken darüber gemacht, warum er plötzlich davonrannte. Und jetzt eine Nachricht. War sie von ihm? Mit zitternden Fingern zog Natalie das Kuvert aus dem Erdbeerkorb. 'Natalie' stand darauf. Es war unverkennbar Jacks Handschrift.

     Natalies ungutes Gefühl wich einem bedrohlichen. Sie traute sich nicht, den Umschlag zu öffnen. Nein, sie musste den Umschlag auch gar nicht mehr öffnen. Sie wusste es. Mit einem Mal wurde ihr alles klar.

     Jack war weg. Deswegen war er heute in der Schule. Deswegen hatte er sie so an sich gezogen. Dann das Weglaufen, das fast schon verzweifelt aussah. Es gab keine andere Erklärung. Er war fort.

     Sie öffnete dann doch das Kuvert und begann zu lesen.

     Natalie, stand da. Ich kam heute zu dir in die Schule, um dir etwas Wichtiges zu sagen. Aber dann, als ich vor dir stand, konnte ich es nicht. Nenn mich feige, ja, das ist der richtige Ausdruck für mein Verhalten. Die Sache ist die, dass Donnies Gerichtsverhandlung vorverlegt wurde. Sie findet nun schon nächste Woche statt. Wir müssen morgen in New York sein und haben deswegen für heute Abend einen Flug gebucht. Natalie, ich habe keine Ahnung, wie lange die Verhandlung dauern wird. Ich werde dich anrufen, wenn ich mehr weiß. Die Erdbeeren habe ich auf dem Wochenmarkt entdeckt und dachte mir, du freust dich darüber. Du magst Erdbeeren doch so gern. Pass auf dich auf. Jack.

 

Das war alles. Mehr nicht.

     Pass auf dich auf, las sie nochmals. Ja, danke schön. Ich werde auf mich aufpassen.

     Wie konnte er das tun? Natalie ließ sich neben ihrer Wohnungstür auf den Boden gleiten. Wie konnte Jack Louisville verlassen und nach New York zurückfliegen, ohne sich von ihr zu verabschieden? Ihr einfach nur einen Korb mit Erdbeeren und eine unpersönliche Nachricht hinterlassen? Nach all dem, was zwischen ihnen passiert war.

     Ich werde dich anrufen, wenn ich mehr weiß.

     Ja. Ganz bestimmt würde Jack anrufen. Wenn er es noch nicht mal fertig brachte, sich anständig von ihr zu verabschieden, würde er sie ganz sicher anrufen.

     Natalie lachte verbittert auf. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Er war so wie all die anderen Männer, die sagten "Ich ruf dich an" und es dann nie taten. Aber Natalie würde ganz sicher nicht ihr Leben damit zubringen, weinend neben einem stummen Telefon zu sitzen. Ganz sicher nicht. Plötzlich war sie richtig wütend und gleichzeitig so tieftraurig.

     Sie ignorierte die Tränen, die über ihre Wangen flossen.

     Moment mal, dachte sie dann fairerweise. Jack hatte ihr nie Hoffnungen gemacht. Er hatte nie von einer gemeinsamen Zukunft gesprochen. Sie erinnerte sich an ihre erste gemeinsame Nacht. Am nächsten Morgen hatte er ihr unmissverständlich klar gemacht, dass man realistisch sein müsste. Insofern hatte Jack sich nicht falsch verhalten.

     Trotzdem. In ihrem tiefsten Innern hatte Natalie sich immer gewünscht, dass er sich doch anders entscheiden würde. Für sie. Für ein Leben mit ihr.

     Sie wollten Freunde bleiben. Ja. Natürlich. Jack würde einmal im Jahr anrufen und fragen, wie es ihr ging und was denn so passiert war, und Natalie würde standardmäßig mit: "Oh, nichts Besonderes, gestern Abend habe ich mit Mrs. Klosterman die siebenhundertste Folge vom Denver Clan geschaut und morgen Abend werde ich mit Mrs. Klosterman die siebenhunderterste Folge vom Denver Clan schauen, in der Schule läuft alles wie gehabt, und in deiner Wohnung lebt jetzt übrigens ein agiler Mittsechziger, der in seiner Freizeit Schmetterlinge beobachtet."

     Genau so würde es sein.

     Wie hatte sie nur so dumm sein können zu glauben, dass Jack sich auch nur einmal darüber Gedanken gemacht hatte, für sie sein Leben zu ändern? Für ihn würde sein Job immer das Wichtigste bleiben, da war für eine Frau aus Louisville kein Platz. Er war der Großstadtmensch, brauchte New York wie die Luft zum Atmen. Sie war aus dem kleinen Nest hier nie herausgekommen. Selbst wenn sie nach New York ginge, würde sie wahrscheinlich gleich überfahren werden, weil sie die vielen Autos nicht gewohnt war. Warum hatte Jack sie eigentlich nicht mal gefragt, ob sie in New York leben wollte? Nie wurde über solche Dinge gesprochen. Sie waren doch so glücklich miteinander. Wieso war eine gemeinsame Zukunft so völlig ausgeschlossen?

     Ach, hätte sie doch einfach mal das Gespräch darauf gebracht. Aber dazu war es jetzt zu spät.

     Natalie wusste, dass Jack irgendwann hätte gehen müssen. Sie war überfordert damit, dass es so plötzlich geschehen musste. Sie hatte es noch nicht vollends verstanden. Er war weg. Und der Himmel wusste, ob sie ihn jemals wiedersehen würde.

     Sie liebte Jack doch. Er sie doch auch, oder? Hatte er das überhaupt jemals gesagt? Sie versuchte, sich zu erinnern, aber in ihrem Kopf dröhnte es. Natalie war nicht imstande, einen klaren Gedanken zu fassen.

     Ich werde dich auf jeden Fall anrufen, dachte sie dauernd nur. Nur wann? In drei Wochen, in drei Monaten oder in drei Jahren? Er hatte noch nicht mal geschrieben, wann ungefähr er sie anrufen würde.

     Schwerfällig erhob sie sich und zwang sich, die Sache positiv zu sehen. Vielleicht ruft er ja wirklich an, überlegte sie. Möglicherweise ist diese Gerichtsverhandlung schneller vorbei, als alle annehmen, und dann würde das Telefon klingeln. Jack wäre dran und würde verkünden, dass er bereits am nächsten Tag zu ihr käme, oder er würde sie fragen, ob sie nicht Lust auf einen kurzen Besuch in New York hätte. Aus dem kurzen Besuch könnte ja ein langer Besuch werden. Der lange Besuch könnte dann …

     Plötzlich fiel Natalie etwas ein. Etwas, was ihr heute Mittag in der Schule aufgefallen war. Als Jack sie verließ, hatte sie ihm nachgeschaut. Er war beim Laufen kurz gestolpert, und sie hatte auf seine Schuhe geblickt.

     Sie waren nicht geputzt.

     Mrs. Klosterman hatte höchstwahrscheinlich mal wieder Recht behalten.

     Jack war einfach kein Mann für eine feste Bindung.

     Finde dich damit ab, dachte sie. Finde dich endlich damit ab. Vergiss ihn.