11. KAPITEL

Jack saß auf einer harten Holzbank im Gerichtssaal. Die Verhandlung dauerte nun schon viel länger als ursprünglich geplant, und er fragte sich, wie lange das noch so gehen würde. Donnie machte seine Sache wirklich perfekt, und Jack war stolz darauf, dass er sein Versprechen hielt und wirklich alles auspackte. Aber die Richter wollten immer noch mehr und noch mehr wissen, und alles zog sich in die Länge. Für Donnie war im Anschluss an die Verhandlung gesorgt. Darüber musste Jack sich keine Gedanken mehr machen, und er war froh, dass Donnie sich dazu entschlossen hatte, in den sauren Apfel zu beißen und eine Gefängnisstrafe in Kauf zu nehmen. Danach aber würde sein Leben in geordneten Bahnen verlaufen. Jack hatte seine Pflichten erfüllt.

     Er hätte glücklich und froh sein können. Aber er war es nicht. Dazu kam die Tatsache, dass seine Arbeit ihn nicht mehr ausfüllte. Er erwischte sich dabei, wie er abends in seiner Wohnung saß und sich nicht mehr auf den nächsten Tag freute. Ehrlich gesagt, war es so, dass er auch keine Überstunden mehr machte, wenn es nicht unbedingt nötig war. Er ging pünktlich nach Hause, und dann saß er herum und konnte sich zu nichts aufraffen. Das eine oder andere Mal hatten ihn Kollegen gefragt, ob er auf ein Bier mitkomme, aber er hatte keine Lust. Er hatte auf gar nichts Lust.

     Die Gerichtsverhandlung dauerte nun schon über einen Monat, und wenn das alles so weiterginge, würde sie noch einen Monat dauern.

     Die Sehnsucht nach Natalie machte ihn fast wahnsinnig. Sie selbst hatte sich bei ihm nicht gemeldet. Wie denn auch, er hatte eine Geheimnummer. Und das FBI würde seine Nummer auch nicht herausgeben. Davon mal abgesehen, war Natalie viel zu stolz, um ihm hinterherzulaufen. Das war auch ihr gutes Recht. Nach seinem würdelosen Abgang, für den er sich immer noch verfluchte, hatte er nichts von ihr gehört. Was für eine schwachsinnige Idee, ihr noch Erdbeeren vor die Tür zu stellen. Wie sah das denn aus?

     Jack dachte nach. Er könnte sie anrufen und wenigstens einen Zwischenbericht geben. Aber was sollte das nützen? Sie würde ihm am Telefon Vorwürfe machen, zu Recht, und letztendlich hatte er ja nicht wirklich etwas Neues zu berichten. Wäre klar, wann der Prozess hier zu Ende war, hätte er wenigstens handfeste Informationen, mit denen er Pläne schmieden konnte. Welche Pläne? Natalie hatte ihren Job in Louisville, er seinen in New York.

     Aber der Hauptgrund, warum er sich nicht traute, bei Natalie anzurufen, war die Angst, dass sie einen neuen Mann hatte. Dass sie kurz nach seiner Ankunft abends vor Verzweiflung ausgegangen war, und ein netter Kerl hätte sie angesprochen und auf ein Bier eingeladen. Dann wären sie zu ihm nach Hause gegangen und hätten dort … oh, meine Güte. Allein die Vorstellung, dass Natalie mit einem anderen zusammen sein konnte, ließ Jacks Haare zu Berge stehen. Das durfte einfach nicht sein. Aber konnte er es ihr verbieten oder gar verübeln? Sollte sie für den Rest ihres Lebens im dritten Stock von Mrs. Klostermans Haus sitzen und darauf warten, dass Jack sich mal meldete?

     "Hey, Jack", Donnie hatte seine Aussage beendet und setzte sich neben ihn. Für heute war der Prozess zu Ende. "Wie war ich?"

     Jack hatte nichts mitbekommen, weil er in Gedanken vertieft war, sagte aber trotzdem "Du warst sehr gut Donnie, du machst das brillant."

     Donnie sah gut aus. Die letzten Wochen hatten ihn zwar angestrengt, aber er achtete wieder mehr auf sein Äußeres. Und er freute sich auf sein neues Leben, wenn das hier alles vorbei war. Er hatte seine zweite Chance wirklich verdient, und er würde das Beste daraus machen.

     Die beiden Männer saßen schweigend nebeneinander und hingen ihren Gedanken nach.

     "Sorry, aber ich kann Sie hier nicht durchlassen", sagte eine Stimme hinter ihnen. Sie gehörte einem der Beamten, die darauf aufpassen sollten, dass niemand Unbefugtes den Gerichtssaal betrat.

     Jack drehte sich um.

     "Es ist okay, Marshall", sagte er, als er sah, wer da stand. "Lassen Sie sie durch. Es ist eine alte Bekannte."

     Gabriela Denunzio betrat den Raum, und Donnie, der sich auch umgedreht hatte, entglitten die Gesichtszüge. Er saß einfach nur da und starrte sie an.

     Gabriela hatte sich nicht sehr verändert in all den Jahren. Sie hatte immer noch volles, schwarzes Haar, mandelförmige Augen und hohe Wangenknochen, und, wie Jack feststellen musste, eine hervorragende Figur.

     Donnie schaute Jack fragend an, und Jack nickte lächelnd, woraufhin Donnie aufstand und auf Gabriela zuging.

     "Es ist wirklich alles in Ordnung", sagte er zum Marshall, der Anstalten machte, Donnie aufzuhalten. Wenn doch auch bei ihm alles in Ordnung wäre.

     Jack beobachtete die beiden, die sich gegenüberstanden und leise unterhielten. Donnie hob die Hand und streichelte Gabriela sanft über das Haar. So wie Jack Natalies Haar gestreichelt hatte an jenem letzten Tag, an dem er sie in der Schule aufgesucht hatte. Die Erinnerung daran zerriss ihn innerlich.

     Er stand auf und ging zu den beiden.

     "Es ist niemals zu spät, Donnie", hörte er Gabriela sagen. "Du hast dich geändert und wirst ein neues Leben beginnen." Sie bemerkte Jack und drehte sich zu ihm um. "Danke, Jack, dass ich kommen durfte", meinte sie dankbar. Jack nickte wieder. Sie hatte ihn gestern angerufen.

     "Wir müssen eine Menge besprechen, bevor du gehst", jetzt sprach sie wieder zu Donnie, hakte sich bei ihm unter und die beiden verließen den Gerichtssaal. Der Marshall blickte zu Jack, und der nickte wieder. "Bringen Sie sie in einen Verhörraum", sagte er. "Da sind sie ungestört. Und bleiben Sie bitte draußen stehen und passen auf."

     Wenigstens waren die beiden, wenn auch nur für eine kurze Zeit, glücklich. Vielleicht würde Gabriela sich dazu entschließen, mit Donnie ein neues Leben anzufangen. Dann wäre ihr Leben perfekt.

     Bei Jack war nichts perfekt.

 

Eine Woche später saß er in seiner Wohnung, hatte eine aufgewärmte Spinatlasagne vor sich und öffnete zischend eine Bierdose. Obwohl er nun schon über einen Monat wieder zu Hause war, fühlte er sich nicht heimisch hier.

     Früher hatte er sich um so was wie eine Wohnungseinrichtung keine Gedanken gemacht. Hauptsache, es war genug Bier und Wein vorrätig und irgendwas Essbares im Kühlschrank. Gekocht hatte er nie. Für wen auch? Er hatte eine Gefriertruhe, eine Mikrowelle, eine Espressomaschine, eine X-Box, jede Menge Spiele, eine Stereoanlage und einen großen Fernseher. Aber die Wohnung war nicht gemütlich. Nicht so gemütlich wie die Wohnung von Natalie beispielsweise. Wenn seine Mutter oder seine Schwestern ihn besuchten, wuselten sie regelmäßig herum und versuchten, seine Wohnung einigermaßen wohnlich zu gestalten. Aber kaum waren sie wieder weg, war alles wie vorher.

     Jack sah sich um. Die persönliche Note fehlte völlig. Er dachte an Natalies Wohnung mit den fließenden Vorhängen, den antiken Möbeln, den alten Tischdecken. Er hatte sich immer so wohl gefühlt dort. Das war ein Zuhause. Die Wohnung hatte Persönlichkeit. Hier wurde gelebt.

     Nicht nur gewohnt.

     Jack legte die Gabel zurück auf den Teller.

     Warum hatte er sie nicht angerufen?

     Warum hatte sie ihn nicht angerufen?

     Warum sollte sie ihn anrufen?

     Wie sollte sie ihn erreichen?

     Es hätte vielleicht doch eine Möglichkeit gegeben, seine Nummer herauszubekommen. Eventuell hatte sie in der FBI-Zentrale angerufen. Er hatte dort noch nicht mal nachgefragt. Aber normalerweise wurde ihm eine Nachricht hinterlassen, wenn sich jemand für ihn meldete.

     Blödsinn. Sie hatte es nicht versucht. Warum nicht?

     Ganz einfach. Weil er auf diesen Zettel geschrieben hatte, dass er sich melden würde. Er konnte von Natalie nicht erwarten, dass sie ihn heulend und bettelnd anrief und ihn anflehte, zu ihr zurückzukommen. Er hatte ihr Fakten auf ein Stück Papier gekritzelt, und sie hielt sich an die Abmachung. Was aber nicht hieß, dass sie ewig auf ihn warten würde. Möglicherweise wollte sie auch gar nichts mehr mit ihm zu tun haben. Was auch verständlich wäre. Vielleicht hatte sie ihn auch schon vergessen.

     Es gab viele Möglichkeiten, warum Natalie sich nicht meldete.

     Jack ließ seine Bierdose fallen, und sie landete auf dem Tisch, um dann umzukippen.

     Allmächtiger! Was, wenn Natalie sich gar nicht melden konnte? Wenn sie krank war! Oder von einem Bus überfahren worden wäre! Was, wenn sie eben in diesem Moment im Krankenhaus läge, im Fieberwahn, und tagaus, tagein seinen Namen rufen würde: Jack … Jack … Wo bist du? Jaaaaaack? Was, wenn sie bei einem Banküberfall als Geisel genommen worden war und jetzt gefesselt an einem geheimen Ort lag? Oder wenn sie bei einer Mitmach-Zirkusvorstellung von einem Messerwerfer unglücklich am Kopf getroffen wurde? Wenn eine Sekte in Mrs. Klostermans Haus eingedrungen war und Natalie und Mrs. Klosterman geknebelt und geschändet am Boden lagen, während die Sekte das Haus abfackelte?

     Jack zitterte. Er musste sofort nach Louisville fahren und schauen, ob mit Natalie alles in Ordnung war. Hoffentlich war es noch nicht zu spät …

 

"Ist alles in Ordnung? IST ALLES OKAY?"

     Natalie schrak aus dem Tiefschlaf hoch und schaute benommen auf ihren Wecker. Halb eins in der Nacht. Mein Gott, was war denn bloß los? Wer brüllte da herum? Und warum wurde andauernd die Türglocke betätigt? Und zwar ununterbrochen. Wer war das? Was war das? Um diese Uhrzeit? Natalie hangelte sich aus dem Bett und trat fast auf Mojo, ihren Kater, der sich sowieso schon entsetzlich aufregte. Verschlafen stand sie auf und rieb sich die Augen, während es immer weiter klingelte. Einbrecher! O Gott, Einbrecher! Aber Einbrecher klingelten ja gewöhnlich nicht. War es womöglich Mrs. Klosterman, die unterwegs war und ihren Schlüssel vergessen hatte? Aber die war doch früher ins Bett gegangen als Natalie selbst. Wo ist nur meine Brille? dachte Natalie und stolperte im Dunkeln herum. Endlich fand sie die Tür. Wer immer da klingelte, hörte nicht auf damit. Sie öffnete die Tür.

     "Jack."

     Mehr konnte sie nicht sagen. Nein, das konnte nicht sein. Sie träumte gerade. Jack konnte unmöglich hier sein. Sie rieb sich erneut die Augen, aber da stand tatsächlich Jack. Warum trage ich bloß schon wieder einen bunten Pyjama? dachte Natalie. Und was wollte Jack hier? Wieso war er hier?

     "Du wolltest mich anrufen", brachte sie heraus.

     Jack sah übernächtigt aus. Er trug eine schwarze Jeans und eine schwarze Lederjacke, und seine Schuhe waren immer noch oder schon wieder ungeputzt. Was machte sie sich bloß für Gedanken.

     "Du solltest nicht einfach die Tür aufmachen, ohne zu fragen, wer da ist", gab Jack zurück. "Es hätte sonst jemand sein können. Ein Verbrecher oder so."

     "Ja", antwortete Natalie und wurde so langsam wach.

     "Ist alles okay mit dir?" Jack klang besorgt.

     "Äh, ja", Natalie war jetzt richtig wach. "Und wie geht es dir so?"

     "Bist du gesund? Ist wirklich alles in Ordnung? Hat ein Bus dich angefahren oder so?" wollte Jack wissen.

     "Nein, mich hat kein Bus angefahren. Nichts dergleichen."

     Was war denn das für eine Konversation? War Jack nach Louisville gekommen, um sie zu fragen, ob sie angefahren worden war? Natalie verstand gar nichts mehr.

     "Es ist wirklich alles in Ordnung", sagte Natalie. "Alles okay. Warum hast du nicht angerufen?"

     "Weil ich nicht konnte. Ich hätte nicht gewusst, was ich dir sagen konnte. Das mit Donnie war und ist eine längere Geschichte. Verstehst du?"

     Natalie antwortete nicht.

     "Du hättest dich doch einfach mal so melden können", meinte sie dann und ihre Stimme wurde lauter. "Wir hätten einfach mal zwischendurch telefonieren können. Weißt du eigentlich, wie ich mich in den letzten Wochen gefühlt habe? Wie ich mir vorgekommen bin? Kannst du dir vorstellen, was ich durchgemacht habe? Nein, das kannst du nicht, das ist mir schon klar. Dir ist ja dein Job am wichtigsten. Da schreibt man einen kurzen Brief und verschwindet einfach. Ja, Jack, du hast es dir verdammt einfach gemacht. Du hast dich nicht einmal gemeldet. Nicht ein einziges Mal. Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich liebe? Ja, ich liebe dich über alles, Jack! Wie konntest du mir das antun?"

     Jack stand mit hängenden Schultern vor ihr, und am liebsten hätte sie ihn in den Arm genommen. Aber sie war wütend!

     "Ich habe doch verstanden, dass du nach New York zurück musstest", fuhr sie fort. "Ich habe dich nie gedrängt, es nicht zu tun. Aber ich gebe zu, dass ich gehofft habe, dass wir vielleicht einen gemeinsamen Weg finden. Ich habe alles begriffen. Nur eins nicht: dass du gehen konntest, ohne dich von mir zu verabschieden! Das habe ich einfach nicht verstanden!"

     Jack sagte nichts. Natalie hatte ja so Recht. Er war ein Trottel. Ein Volltrottel. Sie hätten reden können, gemeinsam einen Ausweg suchen. Aber er hatte nichts dergleichen getan. Er hatte nur an seine Arbeit gedacht und nicht daran, wie sehr er Natalie verletzt hatte. Er war ein egoistischer Schwachkopf. Wenn sie ihn jetzt wegschickte, konnte man es ihr nicht verübeln.

     "Also, du verstehst, dass ich gehen musste", stellte er fest, und sie nickte.

     "Aber jetzt bin ich wieder da. Mein Auftrag ist so gut wie abgeschlossen, Donnie ist in Sicherheit, ihm kann nichts mehr passieren. Deswegen bin ich jetzt hier. Ich habe kurzfristig freibekommen. Ich habe Fehler gemacht, und es tut mir so wahnsinnig Leid. Ich bin auch nicht perfekt", verwirrt bemerkte Jack, dass seine Stimme brüchig war. Würde er womöglich anfangen zu weinen?

     Dann, ohne zu verstehen, was in ihn fuhr, ging er auf Natalie zu und umarmte sie. Er presste sein Gesicht in ihr duftendes Haar und hielt sie ganz fest.

     "O Natalie, wenn du wüsstest, wie sehr ich dich vermisst habe", sagte er leise und umfasste ihren Körper noch fester. "Tag und Nacht habe ich an dich gedacht. Ich will nie mehr ohne dich sein, das habe ich in den letzten Wochen immer stärker gemerkt. Nie wieder will ich ohne dich sein! New York ist mir egal, ganz egal. Weil du nicht da bist. Ich will da sein, wo du bist, Natalie. Bitte glaub mir! Ich liebe dich über alles. Ich liebe dich so sehr!"

     Endlich, endlich konnte er es sagen!

     "Mir ist es ganz egal, wo ich wohne. Die Hauptsache ist, dass du bei mir bist. Für immer!"

     "O Jack. " Nun umarmte sie ihn auch. "O Jack …"

     Wie gut es Jack tat, Natalie zu spüren. Wie hatte er nur ohne sie überleben können. Wie herrlich, dass sie jetzt bei ihm war! Wie schön, dass er hier war, in Louisville. Jack musste zugeben, dass er die Umgebung hier vermisst hatte. Er hatte sogar Mrs. Klosterman ein wenig vermisst. Aber Natalie am allermeisten.

     "O Jack", wiederholte Natalie. "Aber ich muss dir etwas sagen. Ich möchte nicht in New York wohnen. Ich möchte hier in meiner gewohnten Umgebung bleiben. Ich liebe das hier. New York ist so groß, das ist nichts für mich. Und hier ist auch noch Mrs. Klosterman, sie ist die einzige Familie, die ich habe. Verstehst du das?"

     Jack nickte. "Ja, das verstehe ich. Das verstehe ich sogar sehr gut. Und ich will dir auch noch etwas sagen: Ich möchte da sein, wo du bist. Für immer und ewig."

     Natalie schaute ihn an. "Soll das etwa heißen, dass dein Besuch länger dauern könnte?"

     "Nun", Jack schaute auf seine Armbanduhr, "ich müsste normalerweise in vier Stunden bei der Arbeit sein. Das schaffe ich leider gar nicht mehr."

     Sie musste lachen.

     "Die Sache mit Donnie ist so gut wie durch. Ich habe jetzt erst mal Zeit. Wir werden viel reden, Natalie, das müssen wir. Und die Dinge ordnen. Und Pläne schmieden. Ich muss mich ja auch noch um meine Versetzung nach Louisville kümmern."

     "Das heißt … das heißt …"

     "Das heißt, dass ich bei dir bleiben werde." Jack nickte. "Mich wirst du nicht mehr los."

     Natalie fiel siedend heiß etwas ein. "Aber wir haben hier keine Probleme mit der Mafia. Was willst du dann tun?" fragte sie erschrocken. Nicht, dass jetzt alles an der Nichtexistenz der Mafia scheiterte.

     "Das wird sich alles finden. Es ist bestimmt nicht schlecht, mal kürzer zu treten. Ich freue mich sogar darauf, eventuell ein ganz normaler Polizist zu sein." Jack grinste. "Überstunden muss ich dann auch nicht mehr machen, und die will ich auch gar nicht mehr machen. Ich möchte nämlich abends so schnell wie möglich bei dir sein."

     "Jack!" Natalie warf sich in seine Arme. "Willst du das alles wirklich, Jack?"

     "Mir ist nie etwas ernster gewesen", erwiderte er mit fester Stimme.

     Er strich Natalie das Haar aus dem Gesicht und küsste sie sanft, während er die Wohnungstür mit einem Fuß zuschlug. Dann hob er Natalie hoch und trug sie ins Schlafzimmer.

     Sie liebten sich die ganze Nacht. Ohne Pause. Jack erkundete Natalies Körper mit seinen Händen, als ob es das allererste Mal wäre, und sie keuchte laut auf, als er ihr den ersten Höhepunkt verschaffte. Zwischendurch küssten sie sich immer wieder. Fordernd. Gierig.

     "Natalie, ich liebe dich", stöhnte Jack, als sie sich vereinten. "Ich werde dich mein ganzes Leben lang lieben. Glaubst du mir das?"

     Natalie umschlang ihn mit den Beinen. "Und ich werde dich immer lieben, Jack", entgegnete sie, während ihr Körper vor Glück bebte.

     Ja, ich werde dich immer lieben, dachte sie, und dann musste sie lächeln.

     Mein Leben hat gerade begonnen. Und ich finde, es ist ein sehr, sehr schönes Leben. Was auch immer passiert, Jack wird bei mir sein.

 

EPILOG

 

Es war Juli. Natalie und Jack wollten in diesem Monat heiraten. Sie hatten ein wunderschönes altes Haus in Old Louisville gekauft, ganz in der Nähe von Mrs. Klosterman. Noch wohnten sie bei der alten Lady, die sich ganz offensichtlich darüber freute, dass alles so gekommen war. "Das haben Sie mir zu verdanken", pflegte sie zu sagen.

     In dem über zweihundert Jahre alten Haus musste eine Menge renoviert werden, und Natalie glaubte manchmal, dass sie nie fertig würden. Aber es ging voran. Jack strich Wände, und Elektriker kamen, um neue Kabel zu verlegen. Natalie schleifte die Dielenböden und stritt sich mit den Denkmalschützern darüber, welche Fenster eingebaut werden sollten. Obwohl die Renovierungsarbeiten anstrengend waren, taten beide es gern. Weil es für sie war. Zu dem Haus gehörte ein wunderschöner Garten, in dem Mrs. Klosterman nur zu gern herumwerkelte, wenn sie mit ihrem fertig war. Natalie hatte nichts dagegen, sie war sogar froh, dass ihre Vermieterin eine Beschäftigung hatte.

     Jack hatte sich nach Louisville versetzen lassen und fühlte sich hier sehr wohl. New York fehlte ihm kein bisschen. Er genoss es, durch die Straßen zu gehen und die Namen der Leute zu kennen. Er genoss auch die Überschaubarkeit der ganzen Stadt. New York war eigentlich nur eine Flucht gewesen, gestand er sich einmal ein. Eine Großstadt, die ihm helfen sollte, seine Einsamkeit zu übertünchen. Aber zum Glück waren diese Zeiten jetzt vorbei. Er liebte Natalie von Tag zu Tag mehr und ihr ging es anders herum genauso. Nun hatten sie beide Urlaub, bis dieses Haus endlich fertig war.

     "Guten Abend, Mrs. Klosterman", rief Natalie an einem Samstagnachmittag, als sie durch den Garten ins Haus ging. Bis eben hatte sie acht Schichten Tapeten abgerissen und freute sich auf die Dusche. "Ihre Blumen sehen wie immer himmlisch aus."

     "Vielen Dank, meine Liebe", gab die alte Dame zurück, die einen riesengroßen Sonnenhut trug und quasi darunter verschwand. "Ich werde nachher einige davon mit ins Haus bringen. Sie kommen doch später zum Essen?"

     Es hatte sich eingebürgert, dass Jack und Natalie immer am Samstag mit Mrs. Klosterman zu Abend aßen. Sie hatte so viel für die beiden getan und freute sich immer so, wenn sie Ja sagten.

     Jack kam mit zwei Gläsern Eistee aus dem Haus. "Arbeiten Sie nicht so lange in der heißen Sonne, Mrs. K.", sagte er.

     Mrs. Klosterman winkte ab. "Sie beide endlich zusammenzubringen, war viel härtere Arbeit, das können Sie mir glauben", erwiderte sie und grinste schelmisch.

     Jack verdrehte die Augen. "Das werden Sie uns bis zum Ende unserer Tage vorhalten", sagte er mit gespielter Resignation.

     Mrs. Klosterman lachte und wuselte weiter zwischen ihren Blumen herum.

     Natalie nahm dankbar ein Glas Eistee und schaute Jack verliebt an. Er trug ein T-Shirt, auf dem sich Farbkleckse befanden, und eine zerschlissene Jeans. Sie selbst sah nicht besser aus. Natalie konnte immer noch nicht glauben, dass das hier die Wirklichkeit war. Dass Jack ihr gehörte. Dass sie zusammen ein Haus besaßen, dass sie für immer zusammenbleiben würden. Ihr wurde warm ums Herz.

     Sie waren einfach füreinander bestimmt. Sie wollten Kinder haben, nicht gleich, aber irgendwann. Oh, Jack würde ein wunderbarer Vater sein. Das wusste Natalie.

     "Wo ist eigentlich Onkel Dave?" fragte sie. Jacks Onkel war schon länger da, er wollte Natalie unbedingt vor der Hochzeit kennen lernen und wohnte in Mrs. Klostermans Haus. In Jacks ehemaliger Wohnung.

     "Er sitzt hinten im Garten und puzzelt", antwortete Jack. "Als er gesehen hat, dass Mrs. K. Puzzle besitzt, war er nicht zu bremsen."

     "Sie puzzelt ja auch gern", lachte Natalie. "Vielleicht sollte man den beiden mal vorschlagen, gemeinsam zu puzzeln."

     "Das können wir ja beim Abendessen tun. Mrs. K. wird weinen vor Freude, wenn sie feststellt, dass Onkel Dave es liebt, Mafiageschichten zu erzählen."

     Jacks Onkel war ein pensionierter Polizist und brüstete sich gern mit wahren Begebenheiten aus seiner Beamtenlaufbahn, die allesamt nicht stimmten.

     "Oh, das wird sie", Natalie schaute in die Sonne. "Wer weiß, wie das noch endet."

     "Vielleicht so wie mit uns?" Jack umarmte Natalie, und gemeinsam gingen sie ins Haus.

     "Nein, so was gibt es nicht noch mal", Natalie schüttelte mit Nachdruck den Kopf. "Unsere Geschichte wird immer einzigartig bleiben."

     Und damit hatte sie sicher Recht.

 

– ENDE –