2. KAPITEL

"Oh, hallo!" Natalies Worte kamen viel freundlicher heraus, als sie eigentlich sein sollten. Wer hätte das gedacht, dass sie ihren neuen Nachbarn ausgerechnet hier im Kunstmuseum treffen würde? Was für ein Zufall! Er stand direkt neben ihr, war schon wieder ganz in Schwarz gekleidet und wegen des dämmrigen Lichts kaum zu erkennen.

     Sie fand es schön, ihn wiederzusehen. Er sah umwerfend aus in seiner schwarzen Jeans und in seiner Lederjacke, die natürlich auch schwarz war. Aber am faszinierendsten fand Natalie seine etwas längeren schwarzen Haare, die in einer Art zurückgekämmt waren, dass sie sie am liebsten auf der Stelle angefasst hätte. So etwas ging natürlich nicht. Natalie fand Jack Miller derart erotisch, dass sie sich hier, in diesem Museum, vorstellen musste, wie es wohl wäre, mit ihm Sex zu haben. Ob er es wohl fertig bringen würde, sie so zu verführen, dass sie ganz willenlos wäre? Ob er es wohl schaffen würde, sie so richtig zu befriedigen? Oh, nicht daran denken … Sie gab sich selbst den Befehl, es einfach nett zu finden, ihn hier zu sehen. Diese Ausstrahlung!

     Das peinliche erste Zusammentreffen, bei dem Natalie Jack heißen Tee übergeschüttet hatte, war nun schon eine Weile her. Auch wenn Mrs. Klosterman weiterhin steif und fest behauptete, Jack Miller sei nicht und niemals im Leben Jack Miller, musste Natalie trotzdem "Jack" denken, wenn sie ihn sah. Wenn sie ihm auf dem Flur oder sonst wo im Haus begegnete, sagte sie zwar immer höflich "Hallo Mr. Miller", doch er konterte ebenso höflich mit: "Bitte nennen Sie mich Jack, Natalie. Alle nennen mich Jack." Also nannte Natalie Jack "Jack". Natalie war sich immer noch nicht sicher, ob Jack Miller wirklich sein richtiger Name war, aber sie hatte ja keine Alternative. Sie konnte sich ja schlecht einen Namen ausdenken. Mrs. Klosterman hatte Natalie wirklich verrückt gemacht mit ihren Zweifeln. Natürlich – Jack Miller war ein Allerweltsname, und hieße Jack Miller Robert Stepford oder Matthew Brodman oder wie auch immer, aber nicht Jack Miller, würde sich kein Mensch darüber Gedanken machen, ob der Name echt wäre oder nicht. Aber so! Miller war einfach zu normal. Da musste doch etwas hinter stecken? Oder sah Natalie Gespenster?

     Wie auch immer, jedenfalls musste sie ihn ja irgendwie ansprechen. Sie konnte ja schlecht "Guten Morgen, Herr Gangster aus dem zweiten Stock" zu ihm sagen, wenn sie ihn traf.

     Nun, Natalie beobachtete Jack Miller heimlich. Die Sache ließ ihr keine Ruhe. Welche Sache? Na, eben die Sache, beziehungsweise die Tatsache, dass Jack vielleicht nicht Jack sein konnte. Natalie stellte fest, dass er öfters mal Knoblauch beim Kochen verwendete – es duftete oft sehr lecker aus seiner Wohnung. Dann sah sie eines Tages, dass er doch tatsächlich eine Flasche Chianti in seiner Einkaufstasche transportierte. Aber vielleicht wollte er die bauchige Flasche ja einfach dazu benutzen, um eine Kerze draufzustecken. Das taten ja viele Leute. All das hatte nichts zu bedeuten. Okay, Mafiosi und Gangster aßen bestimmt auch gern Knoblauch und tranken gern Chianti. Natalie selbst mochte das ja auch. Italienisches Essen und dazu ein guter Wein, wer konnte da schon Nein sagen? Eben. Dass Jack immer Schwarz trug, nun, auch dagegen konnte man nichts einwenden. Millionen Menschen trugen Schwarz. Also, was war dabei? Und Jack hatte Geschmack, das musste man ihm lassen. Seine italienischen Schuhe – er besaß mehrere Paar davon – gefielen Natalie besonders gut, und dann erst diese Seidenhemden! Natürlich immer perfekt gebügelt. Wobei er sie bestimmt nicht selbst bügelte, bestimmt ließ er bügeln. Mrs. Klosterman war einfach verrückt. Eine alte Frau, die den ganzen Tag lang nichts Besseres zu tun hatte, als sich zu wünschen, dass Jack Miller ein Ganove erster Klasse wäre. So.

     Nun stand er also vor ihr. Im Kunstmuseum. Natalie bereute es, dass sie nicht anders angezogen war. Sie trug eine helle Hose und ein etwas zu großes rosafarbenes Sweatshirt. Als sie die Sachen gekauft hatte, fand sie sie schick, doch jetzt, in diesem Augenblick kam sie sich wie ein geschmackloses Monster darin vor. Was mit Sicherheit auch mit daran lag, dass Jack so unglaublich elegant aussah. "Hallo, Frau Nachbarin", sagte Jack und lächelte freundlich. Zu freundlich?

     "Tag", gab Natalie zurück und überlegte krampfhaft, was sie als Nächstes sagen sollte. Wenn das überhaupt noch nötig war. Vielleicht zog Jack es ja vor, einfach weiterzugehen. Ein höflicher Gruß und auf Wiedersehen. Was ja nicht verboten war.

     Aber Jack Miller wusste, was sich gehörte: "Was macht eine Frau wie Sie denn an einem solchen Ort?" fragte er, und Natalie hätte schwören können, dass seine Stimme ein ganz klein wenig süffisant klang.

     Sie schaute nach rechts, dann nach links und dann in Jacks Augen. "Das ist ein Kunstmuseum", stellte sie fest. "Ich finde es sehr interessant hier."

     "Ach tatsächlich", entgegnete Jack. "Dann bin ich ja richtig."

     "Sie mögen also Kunst", fragte Natalie, nur um etwas zu fragen.

     Jack nickte und wedelte mit einem Museumsführer vor ihrer Nase herum: "Ja, ich mag Kunst." Aber er sagte das so, als ob er vom Gegenteil überzeugt wäre. Er sah weiterhin so aus, als würde er sich sehr unwohl fühlen.

     "Ich finde Kunst ganz okay", sagte er dann, als ob er seine Aussage berichtigen wollte. Womöglich wollte er auch einen Grund finden, um ganz schnell aus dem Museum zu verschwinden. Denn wenn jemand Kunst "ganz okay" fand, hieß das ja, dass er Kunst nicht immer okay fand, oder? Und Jack hätte allen Anlass der Welt, sich umzudrehen und Natalie stehen zu lassen. So dachte sie zumindest.

     Vielleicht wollte sich Mr. Gangster hier auch mit einem anderen schwarz gekleideten Menschen aus der Unterwelt treffen, und sie, Natalie, hatte ihm mit ihrer Anwesenheit einen Strich durch die Rechnung gemacht. Alles, alles war möglich.

     Natalie schimpfte innerlich mit sich selbst. Ohne Mrs. Klosterman hätte sie solche Gedanken im ganzen Leben nicht gehabt. Jack Miller war einfach nur hier, um seine Kunstkenntnisse ein wenig aufzufrischen, das war alles. Es war doch schwachsinnig, Jack zu verdächtigen, dass er was mit irgendwelchen Gangstern oder sogar mit der Mafia zu tun hätte. Absolut schwachsinnig! Aber möglich war alles.

     "Besonders mag ich die italienischen Meister", sagte Jack.

     Jesus! Und eben noch hatte sie vermutet, dass alles noch ganz harmlos war. Aber am allerfrechsten fand sie, dass Jack sie nicht anschaute, während er diesen Satz sagte, sondern irgendwie ganz unsicher wirkte und über sie hinwegblickte. Als wäre da ein Teufel mit einer lodernden Fackel. Pah! Wahrscheinlich hatte sie ihn in Verlegenheit gebracht, und jetzt wand er sich. Egal. Herrlich. Männer eben. Ha! Und bestimmt dachte Jack, dass sie sich mit den italienischen Meistern so gar nicht auskannte. Dem würde sie es zeigen. Aber wie sie es ihm zeigen würde. "Ich mag sie auch sehr gern", sagte Natalie und hoffte, dass ein arroganter, wissender Unterton in ihrer Stimme mitschwang. Schließlich sollte Mr. Alleswisser merken, dass sie sich auskannte. "Besonders Michelangelo ist wirklich großartig. Es ist eine Schande, dass es keine Originale von ihm in diesem Museum gibt." So.

     Aber Jack zeigte sich unbeeindruckt. "Ich mag alle", sagte er.

     Ja, natürlich. Jetzt sollte Natalie wohl denken, dass er sich mit allen italienischen Meistern bestens auskannte. Ach was, nicht nur mit den italienischen, sondern mit allen, die jemals einen Pinsel oder einen Meißel in der Hand gehalten hatten. Er wollte Natalie beeindrucken. Aber Natalie war keineswegs beeindruckt. Oder doch? Hm.

     "Es ist wirklich lustig", Jack lächelte und wollte offenbar nun doch Mitleid erregen. "Ich weiß tatsächlich eine Menge über Kunst, aber ich weiß nicht, was ich wirklich mögen soll."

     Armer Jack. Er konnte einem wirklich Leid tun.

     "Michelangelo ist unbestritten der Größte, der Tollste von allen", redete Jack weiter. "Jedenfalls behaupten das eine Menge Leute. Sie selbst sagen das ja auch. Aber er ist ja nicht der Einzige." Er schaute Natalie an, so, als ob er hoffen würde, dass sie ihm einige Namen nennen würde, weil er nur Michelangelo kannte. Aber Natalie würde einen Teufel tun und schön den Mund halten. Angeber. Und sie wollte Jack auch nicht in Verlegenheit bringen. Wie peinlich für ihn, wenn sie ihm Namen wie Raphael oder Tizian zuwerfen und Jack dann herumstammeln würde. Also – was wollte Natalie nun eigentlich? Ihn auflaufen lassen oder doch nicht? Sie verstand sich selbst nicht mehr.

     "Raphael hat allerdings auch einiges zu Stande gebracht", fuhr Jack fort, und Natalie wunderte sich tatsächlich. Na ja, wahrscheinlich hatte er das Programmheft auswendig gelernt.

     "Er hatte wirklich seinen eigenen Stil", redete Jack weiter. "Unglaublich, was dieser Künstler in seiner Epoche alles geleistet hat. Er war ein einzigartiger Porträtmaler. Wie er Details hervorgehoben hat, ist wirklich unglaublich. Er hatte eine Technik, die ihm keiner nachmachen konnte. Diese Farbenmischung und wie er die Schatten gemalt hat, das ist weltweit unübertroffen. Und es gibt natürlich auch Tizian. In der Renaissance ein großer Name. Dann die ganzen Meister der Spätrenaissance. Ich kann sie gar nicht alle aufzählen. Wenn ich es mir recht überlege, mag ich die Italiener tatsächlich am liebsten. Uccello ist auch so einer. Er ist nicht so sehr bekannt wie die anderen, er hatte einen sehr filigranen Stil, ich mag ihn sehr, falls Sie verstehen, was ich meine!"

     Natalie schluckte. Ups. Jack schien tatsächlich eine Menge von Kunst zu verstehen. Wenn sie ganz ehrlich war, mehr als sie selbst. Sie kannte ja noch nicht mal den Unterschied zwischen Renaissance und Spätrenaissance. Und sie wusste auch nichts über Raphael oder Tizian. Waren das Maler oder Bildhauer gewesen? Aber das musste sie Jack ja nicht auf die Nase binden. Nein, sie musste jetzt beweisen, dass auch sie Ahnung hatte.

     "Ich, ich liebe die flämischen Maler", sagte sie und hoffte inständig, dass Jack ihr jetzt keine Fangfrage stellen würde. Ach, sollte er ihr doch eine stellen.

     "Dass die flämischen Maler sich von den italienischen haben inspirieren lassen, dürfte Ihnen bekannt sein", stellte Jack eher fest, als dass er es fragte.

     Ja, wenigstens das wusste Natalie. Wenigstens das. Aber mit Sicherheit wusste er mehr über die Inspiration als sie selbst. Sie musste schnell das Thema wechseln.

     "Kommen Sie oft hierher?" Offensichtlich. Sonst wüsste er wohl nicht so gut Bescheid.

     Jack schaute schon wieder so komisch an ihr vorbei. Irgendwas schien ihn hinter ihr sehr zu interessieren. Weil Natalie neugierig war, drehte sie sich um. Doch Jack stellte sich schnell so vor sie, dass sie nichts sehen konnte. Offenbar wollte er nicht, dass sie etwas sah.

     "Ich bin zum ersten Mal hier", sagte Jack dann schnell. "Es wurde mir empfohlen."

     Natalie versuchte nicht mehr, zu erforschen, was sich hinter Jacks Rücken abspielte. Nein, das interessierte sie auch gar nicht mehr. Jacks Hand befand sich nämlich an ihrem Oberarm, und er zog sie beiseite, warum auch immer. Dieses Gefühl, also seine Hand da an ihrem Arm zu spüren, machte Natalie ganz verrückt. Ein wohliges Kribbeln durchzog sie und sie spürte dieses Kribbeln bis in die Fingerspitzen.

     Jack schien das zu spüren, denn plötzlich schaute er nicht mehr über sie hinweg, sondern direkt in ihr Gesicht. Natalie wurde rot, und Jack wurde auch rot.

     "Ich, äh …", brachte Natalie heraus.

     "Äh, ich …", das war Jack.

     "Ich muss gehen", das waren beide.

     Dann ließ Jack Natalies Arm los, und beide rasten in unterschiedliche Richtungen davon.

     Alles, was Natalie denken konnte, war: Für einen Ganoven ist er aber sehr, sehr nett. Wirklich nett. Also nett. Außerdem hatte Jack das gewisse Etwas. Und er kannte sich mit Kunst aus. Das gefiel Natalie. Das gefiel ihr sogar sehr.

 

Jack rannte durch das Museum und beobachtete den Mann, den er beobachten sollte, als er Natalie erneut begegnete. Fast wäre er in sie hineingerannt. Gerade noch rechtzeitig konnte er sich hinter einer Statue verstecken. So ein Mist. Reichte es denn nicht, dass er eine Person im Auge behalten musste? Er presste sein Gesicht gegen den kühlen Marmor und dachte nach. Natalie hatte ihm den Rücken zugedreht. Was Jack wunderte, war die Tatsache, dass er viel lieber sie weiter beobachten würde als diesen verdammten Mann in seinem Trenchcoat, der interessiert einen Matisse studierte. Aber es war nun mal sein Auftrag, diesen Mann zu beobachten. Und seine Aufträge erledigte Jack sehr gewissenhaft. Warum musste Natalie ausgerechnet hier auftauchen? Warum verunsicherte sie ihn so? Warum interessierte sie ihn so? Warum beobachtete er sie heimlich – nicht hier, sondern zu Hause? Ja, er musste sich eingestehen, dass er schon relativ viel von Natalie Dorset wusste. So wusste er beispielsweise, dass sie das Haus jeden Morgen gegen 7 Uhr 30 verließ, und zwar pünktlich. Weiterhin wusste er, dass sie oft mit Mrs. Klosterman frühstückte und auch zu Abend aß. Er wusste auch, dass Natalie einen alten VW fuhr. Das hatte ihn alles gar nicht zu interessieren, aber es interessierte ihn eben. Natalie liebte alte Filme. Das wusste er, weil sie oft mit Mrs. Klosterman vor dem Fernseher saß, während diese Schnulzen liefen. Schwarz-Weiß-Filme aus den vierziger Jahren. Casablanca zum Beispiel. Spiel das Lied noch einmal, Jack. Äh, Sam. Natalie schien Humphrey Bogart zu lieben. Sie schaute auch gern Filme mit Cary Grant. Jack hatte mal ein Gespräch zwischen Natalie und Mrs. Klosterman mitbekommen, als die Tür zum Wohnzimmer offen stand. Das seien wenigstens noch richtige Männer gewesen und so weiter. Bodenständig. Kultiviert. So, wie ich eben nicht bin, dachte Jack damals. Aber darum ging es ja jetzt gar nicht. Um was ging es hier eigentlich?

     Um was ging es?

     Ach so. Richtig. Es ging darum, dass er hier nicht hinter einer Marmorstatue stehen sollte, um sich vor einer Frau zu verstecken, weil er einen Job zu erledigen hatte. Darum ging es. Und um nichts anderes. Eine Frau wie Natalie Dorset konnte er hier einfach nicht gebrauchen.

     Jack fand Natalie schon gut. Nein, er fand sie – scharf! Einmal hatte er sich vorgestellt, wie sie wohl nackt aussah. Welche Art Taille sie hatte. Wie ihre Haut sich wohl anfühlte. Wenn er ehrlich sein sollte, hatte er sich das schon zwei Mal vorgestellt. Und um ganz bei der Wahrheit zu bleiben, insgesamt fünf Mal. Okay, der Chianti war schuld. Außerdem liefen da immer die entsprechenden Filme nachts im Kabelfernsehen. Welcher Mann dachte da nicht an so was? Jack versuchte, zu verdrängen, dass er auch schon während der Wettervorhersage an Natalies Körper gedacht hatte. Auch daran, was sich wohl unter ihrer Bluse verbarg.

     Teufel noch mal!

     Noch mal: Er hatte hier einen Job zu erledigen, und er würde seinen Job wie immer gut erledigen. In diesem Job war kein Platz für Natalie Dorset, ob sie nun angezogen oder nackt war. Ob sie auf dem Sofa saß oder im Bett lag. Ob sie unter der Dusche stand oder am Küchentisch Kaffee trank. Oder ob sie auf dem Küchenboden lag. Nackt oder nicht nackt.

     Äh. Weswegen war er hier? Verdammt, Jack konnte es sich nicht leisten, dauernd an Natalie zu denken, weil er diesen Job hier hatte. Würde er sich jetzt bitte mal auf diesen Job konzentrieren? Was war denn bloß los mit ihm?

     Er blickte quer durch den Raum, um den Mann im Trenchcoat wiederzufinden. Wo war der denn abgeblieben? Da! Er stand zwei Bilder weiter. Wie lange konnte man sich denn ein einziges Bild anschauen? Wie lange brauchte der denn noch, bis er hier fertig war? Jack verspürte Hunger. Er hatte Lust auf eine Pizza. Und auf ein Bier. Und auf eine nackte Nachbarin, die jeden Morgen pünktlich um halb acht das Haus verließ. Oder ihn mit heißem Tee verbrühte.

     Als Jack seine Wange von dem Marmor erhob, merkte er, dass er sie die ganze Zeit an die Brüste einer Rodin-Statue gepresst hatte. Vorbeilaufende Leute grinsten.

     Mann, o Mann, dachte Jack, hätte ich diesen Job doch bloß nie angenommen.

 

Als Natalie an diesem Abend die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufging – beladen mit zwei Einkaufstüten – kam sie wie immer an Jacks Apartment vorbei. Sie hörte Stimmen. Es war natürlich sein gutes Recht, Besuch zu haben, aber Natalie musste zugeben, dass sie neugierig war. Sie blieb stehen und hielt die Luft an, um den einen oder anderen Wortfetzen zu verstehen. Da! Ganz deutlich! Er hatte das Wort Mord benutzt. O Gott! Nein. Nein. Er hatte natürlich nicht das Wort Mord benutzt. Die Tür war ja zu und Natalie hatte sich bestimmt verhört. Sie würde Mrs. Klosterman endlich umbringen müssen, um nicht dauernd solche Gedanken zu haben. Jack hatte natürlich nicht Mord gesagt, sondern Bord, oder fort, oder Lord, oder Sport. Genau. Er wollte Sport treiben. Womöglich mit seinem Gesprächspartner in der Wohnung. Der war vielleicht auch ein Lord und hatte ein Segelboot und wollte Jack mit an Bord nehmen und dann waren sie beide erst mal fort. Dort auf dem Segelboot. Vielleicht wollten sie auch von Norden nach Süden segeln.

     Ganz offenbar verbrachte Natalie viel zu viel Zeit mit ihrer Vermieterin. Das musste sich ändern. Sie packte ihre Einkaufstaschen, die sie auf der Treppe abgestellt hatte, und ging eine Stufe weiter nach oben. Da hörte sie einen vollständigen Satz: "Ich könnte ihn umbringen."

     Nein! Nein! Wo war Mrs. Klosterman?

     Natalie setzte die Einkäufe wieder ab und schlich leise zu Jacks Wohnungstür.

     "Nein, Manny, ich meine das genau so. Ich werde den Typen umbringen. Er macht mich fertig."

     Natalie erstarrte. Es musste Jacks Stimme sein. Erstens kannte sie Jacks Stimme, und zweitens hörte sie nur eine Stimme. Also schien Jack zu telefonieren. Die Möglichkeit, dass eine zweite Person in Jacks Apartment jemanden töten wollte, war hiermit ausgeschlossen. Fest presste sie ihr Ohr an die Holztür.

     Eine Pause entstand, Jack schien jemandem zuzuhören. Dann wieder seine Stimme: "So einfach geht das nicht. Ich hab ihn heute den ganzen Tag beobachtet. Er scheint sehr nervös zu sein. Hält sich nur dort auf, wo viele Menschen sind. Man weiß nie, wo er als Nächstes hingeht."

     Pause. Natalie schwitzte.

     "Wir müssen den Plan ändern. Es muss anders ablaufen. So geht das alles nicht."

     O meine Güte, dachte Natalie. Mein Nachbar ist kein Mafiainformant, das ist ein Mörder. Ein Mörder.

     Nein, nein, nein, sagte sie dann zu sich selbst. Moment mal. Wie oft hatte sie in der letzten Woche jemanden umbringen wollen? Sie dachte nach. Bestimmt zehn Mal. Ihre Schüler machten sie teilweise so wahnsinnig, dass sie ununterbrochen dachte: Ich bring sie alle um. Oder personenbezogen: Ich bring ihn um. Ich werde ihn umbringen! Das war alles ganz normal. Ganz normal. Dann fiel ihr die ultimative Lösung ein: Jack Miller probte lediglich ein Drohgespräch. Er war mit Sicherheit ein Geldeintreiber der ansässigen Telefongesellschaft. Wenn Kunden nicht zahlen, tauchte Jack auf, drohte, sie umzubringen, und dann bezahlten die überfälligen Kunden zähneknirschend ihre Rechnung, und alles war wieder gut. Natalie atmete auf. Ja, so war es. Sie hatte im Fernsehen von diesen Männern gehört. Die Telefongesellschaften kamen mit ihren Mahnschreiben schon lange nicht mehr hinterher und engagierten Eintreiber, die die Schuldner aufsuchten und sie ein wenig bedrohten. So sparte man auch die Portokosten. Und – es erklärte die Tatsache, dass Jack so viele Muskeln hatte. Ein Glück, ein Glück, dass es so war und nicht anders. Natalie hätte vor Freude laut aufheulen können. Jack war doch kein Mörder.

     "Keine Panik, Manny", hörte sie da wieder Jacks Stimme. "Ich bin hierher gekommen, um einen Job zu erledigen, und ich werde nicht eher gehen, bevor der Job erledigt ist. Wollen wir nur hoffen, dass nicht noch mehr Komplikationen hinzukommen."

     Wahrscheinlich hatte heute einer der Schuldner kein Bargeld im Haus gehabt, seine Kreditkarte war gesperrt, und er hatte Jack vertrösten müssen. Bitte, lieber Gott, mach, dass es so war. Jack würde einfach morgen noch mal dorthin gehen und die Sache regeln. Ohne Blutvergießen.

     Im nächsten Moment wurde Jacks Wohnungstür von innen geöffnet und Natalie, die immer noch mit dem Ohr daran klebte, taumelte ihm entgegen. Er trug immer noch seine Lederjacke. Mein Gott, was sollte sie denn jetzt sagen? Und was sollte Jack von ihr denken? Wie sollte sie ihm erklären, dass sie vor seiner Tür herumlungerte und ganz offensichtlich gelauscht hatte. Zu allem Überfluss stolperte sie auch noch über die verdammten Einkaufstaschen.

     Jack griff nach ihrem Arm um richtete sie auf: "Brennt es irgendwo?" fragte er. "Sie sehen ja total verstört aus." Dann bückte er sich, um Natalies Einkäufe aufzuheben, die verstreut herumlagen. O nein. Musste er ausgerechnet die Packung mit den Tampons in die Hand nehmen? Wie peinlich war das denn? Und was meinte er überhaupt damit, dass es brannte? Am liebsten hätte Natalie geschrien: "Ja, verdammt, ich brenne! Weil ich verrückt nach dir bin! Siehst du das denn nicht?"

     Und könnte er bitte augenblicklich damit aufhören, die Sachen vom Boden aufzuheben und sie, Natalie, wieder anfassen? BITTE! Aber Jack stopfte alles in die Tüten und machte keine Anstalten, sie zu berühren.

     "Es … es tut mir sehr Leid", sagte Natalie langsam und versuchte, sich zu beruhigen.

     "Nein, mir tut es Leid." Jack sah Natalie an. Dann hob er die Hand und fuhr ihr mit den Fingern sachte über den Oberarm. Könnte er das bitte lassen? Könnte er es bitte nicht lassen! Uuuuh, er sollte bitte nie wieder aufhören! Natalie musste sich vorstellen, dass er sie im nächsten Moment einfach so in seine Wohnung zog, sie aufs Bett warf und über sie herfiel. Eine herrliche Fantasie.

     Aber Jack streichelte einfach weiter ihren Oberarm und tat sonst nichts. Eine Zeit lang sprach keiner von beiden ein Wort. Natalie hätte brennend gern gewusst, was er gerade dachte. Aber leider war sie nicht mit der Gabe gesegnet, in die Gehirne anderer Leute zu schauen. Jack war auch viel zu höflich, um zu fragen, warum sie vor seiner Tür gestanden hatte. Vielleicht dachte er aber auch, sie sei gerade vorbeigegangen, und er hatte gar nicht mitbekommen, dass sie lauschte.

     "Ich helfe Ihnen mit den restlichen Sachen", endlich sprach Jack wieder. Und dann bückte er sich erneut und sammelte die Einkäufe ein. Als er die Tampons in die Tasche stopfte, wurde Natalie rot, und natürlich sah Jack in diesem Moment, dass sie rot wurde. "Ich habe Schwestern", lächelte Jack und reichte Natalie die Einkaufstüten. Würde ein Mörder lächelnd Tampons einpacken? Nie im Leben. Natalie musste sich verhört haben. Sie nahm ihre Tüten und versuchte zu ignorieren, dass die Erdbeeren ein einziger Matschhaufen waren, was insofern ärgerlich war, als Erdbeeren um diese Jahreszeit nicht nur schwer zu kriegen, sondern auch teuer waren, und fing an, die Treppe hochzugehen.

     "Lassen Sie mich die Sachen tragen", bot Jack ihr an und stand schon neben ihr.

     "Das ist sehr nett von Ihnen, aber das schaffe ich schon allein." Doch Jack griff nach einer Tasche, also ging Natalie vor und gab sich Mühe, nicht wie ein Trampel zu laufen. Immerhin war Jack direkt hinter ihr und sie war sich hundertprozentig sicher, dass er sie beim Gehen beobachtete. Sie war immer noch durcheinander. Warum machte dieser Mann sie so scharf? Warum musste sie sich ununterbrochen vorstellen, wie es wäre, mit ihm ins Bett zu gehen? Wie fand er sie wohl? Fand er sie lächerlich?

     Als sie beide vor Natalies Wohnungstür standen und Natalie die Taschen abstellte, um ihren Schlüssel hervorzukramen, war Jack direkt hinter ihr. Sie konnte sein After Shave riechen. Zitronig, frisch. Es passte zu ihm, und ihr wurde schon wieder heiß. Wo war bloß der Schlüssel? Wollte sie den Schlüssel überhaupt finden. Ehrlich gesagt, nein. Ginge es nach Natalie, könnten sie beide für den Rest ihres Lebens so stehen bleiben. Oder einfach in ihre Wohnung gehen und da … Stop!

     "Warum schließen Sie nicht auf?" fragte Jack und Natalie bemerkte, dass sie ihren Schlüssel schon die ganze Zeit in der Hand hielt. Natürlich zitterte ihre Hand, als sie versuchte, das doofe Ding ins Schloss zu stecken. Jack griff um sie herum, und sie konnte nun seinen eigenen Körpergeruch wahrnehmen. Männlich, einfach männlich. Und mit diesem herrlichen After Shave gemischt – göttlich. Ach, warum konnte der Schlüssel nicht abbrechen oder das Schloss verklebt sein oder so was. Bis der Schaden behoben war, würde es dauern, und während Jack versuchen würde, das Dilemma zu beheben, könnte sie die ganze Zeit an ihm riechen!

     "Möchten Sie nicht reingehen?" Jack sah Natalie an. Die Tür war offen.

     "Ja … ja … natürlich, ich war nur gerade in Gedanken", rechtfertigte sich Natalie und ging in ihre Wohnung. Könnte Jack ihr doch jeden Abend die Tür aufschließen! Würde er ihr doch jeden Abend in die Wohnung folgen! Könnten sie doch jeden Abend miteinander ins Bett gehen!

     Oh, bitte!

     Hastig lief Natalie in die Küche und stellte die Taschen ab. Jack ging ihr hinterher. Er war so groß und so breitschultrig, dass er den Raum so winzig wie eine Besenkammer erscheinen ließ. Noch nie vorher hatte Natalie einen so gut gebauten Mann gesehen. Ehrlich nicht. Während Natalie die Sachen in den Kühlschrank räumte und die zerdrückten Erdbeeren entsorgte, schaute Jack sich um und ging dann ins Wohnzimmer. Er wollte also noch gar nicht wieder gehen! Er wollte bleiben! Oder war es einfach nur höflich von ihm, sie nicht allein zu lassen? Dachte er, sie würde es nicht selbstständig fertig bringen, ihre Einkaufstüten auszuräumen?

     "Schön haben Sie es hier", sagte Jack und begutachtete ihre Einrichtung. War da eine Spur von Zynismus in seiner Stimme? Natalie überlegte, wie ihre Wohnung auf Besucher wirken mochte. O ja, sie fand schon, dass sie einen guten Geschmack hatte. Okay, in den fünf Jahren, die sie nun hier wohnte, war allerhand zusammengekommen, was daran lag, dass Natalie an schönen Dingen einfach nicht vorbeigehen konnte, ohne sie zu kaufen. Sie hatte eine Vorliebe für Antiquitäten und war stolz auf ihren alten Biedermeier-Sekretär, ihren üppigen Kronleuchter und diesen herrlichen Diwan, der mit rotem Samt bezogen war. Darauf konnte man im Übrigen auch wunderbaren Sex haben. Nur mal so nebenbei erwähnt. Ihre Vorhänge liebte Natalie ganz besonders. In mehreren Lagen hingen sie vorm Fenster, und wenn das Fenster offen war, bewegten sie sich sacht im Wind. Mit diesem leichten Rauschen von Taft. Ihre Wohnung war vielleicht nicht nach Jacks Geschmack eingerichtet, aber es war ja auch nicht seine Wohnung. Musste er deswegen so zynisch sein? Der alte Cocktailmixer gefiel ihm aber bestimmt. Denn Jack gehörte mit Sicherheit zu der Sorte Mann, die gern mal einen Drink zu sich nahmen. Gern. Gerne! Mix dir einen Drink. Da stehen wundervoll geschliffene alte Gläser. Du darfst gern eins davon benutzen. Nein, wir werden zusammen einen Drink nehmen. Natalie hatte das Gefühl, jetzt sofort Alkohol zu benötigen, um nicht verrückt zu werden. Wirkte ihre Wohnung altbacken auf ihn? Wie die Bleibe einer abgehalfterten Hollywoodschauspielerin, die mit siebzig noch wie dreißig aussehen will und nie darüber hinweggekommen ist, dass kein Produzent ihr eine Hauptrolle geben wollte? War das der Eindruck, den ihre Wohnung auf Mr. Muskelmann machte?

     "Vielen Dank. Freut mich, dass es Ihnen gefällt", sie würde gar nicht weiter auf ihre Einrichtung eingehen. Und wenn Jack klug war, sagte er jetzt nichts Unüberlegtes.

     "Ja, es ist sehr gemütlich hier. Man fühlt sich gleich wohl", strahlte Jack sie an und seine weißen Zähne blitzten. Ob er sie bleichen ließ? Ließen Männer überhaupt ihre Zähne bleichen? Was für Gedanken machte sie sich eigentlich dauernd? Als Nächstes würde sie sich eventuell die Frage stellen, ob Jack sich die Haare wohl färbte und ob Männer das eigentlich tun. Oder ob er sich regelmäßig bei der Fußpflegerin die Hornhaut entfernen ließ.

     "Ihre Wohnung ist ganz anders als meine", Jack zuckte mit den Schultern. "Meine ist lange nicht so gemütlich."

     Natalie wusste, dass sein Apartment möbliert war. Mit lauter Sachen, die Mrs. Klosterman nicht mehr gebrauchen konnte. Da war ihre Wohnung doch anders.

     Jack machte im Übrigen immer noch keine Anstalten, zu gehen. Er lief langsam durch den ganzen Raum, blieb stehen und schaute sich alles ganz genau an. Vielleicht wollte er ihr was abkaufen. Vor ihrem Bücherregal machte er erneut Halt. Neugierig studierte er die Titel: "Sie mögen amerikanische Literatur", stellte er fest.

     Natalie nickte.

     "Besonders die aus dem 19. Jahrhundert. Aber das frühe 20. Jahrhundert mag ich auch sehr."

     Jack nickte: "Verstehe. Ich bevorzuge die etwas jüngeren. Fitzgerald, Faulkner, Hemingway. Ich finde Der alte Mann und das Meer ist das Beste, was er geschrieben hat."

     "Ich mag Wem die Stunde schlägt noch lieber." Jack sollte nur nicht glauben, dass sie Hemingways Bücher nicht kannte. Um ganz ehrlich zu sein: Was sollte diese Art von Konversation?

     Wie geht es Ihnen?

     Mir geht es gut.

     Schön haben Sie es hier.

     Danke. Vielen Dank.

     Ach, Sie lesen gern.

     Ja, Sie auch?

     Ja.

     Und was machen Sie so in Ihrer Freizeit?

     Eisangeln.

     Eisangeln?

     Eisangeln.

     Wie nett.

     Konnte das Gespräch nicht wie folgt ablaufen:

     Besitzen Sie Strapse?

     Ja. Soll ich sie mal anziehen?

     Gern. Ich mixe uns derweil einen Campari-Orange.

     Hier bin ich. Sehe ich nicht umwerfend aus?

     Das tun Sie. Ich bin ganz wild auf Sie.

     Ich auch auf Sie!

     Auf was stehen Sie denn so beim Sex?

     Auf alles!

     Ich auch! Na, worauf warten wir noch!

     Das wäre doch viel interessanter.

     "Haben Sie schon zu Abend gegessen?" fragte Natalie und wünschte sich, dass er antwortete, dass er sie zu verspeisen gedenke. Und zwar mit Haut und Haaren.

     "Nein, ich wollte nachher noch was essen gehen." Jack ging schon wieder umher.

     "Wenn Sie mögen, also … nur wenn Sie mögen, ich habe nämlich auch noch nicht gegessen. Also, wenn Sie Lust haben, können wir hier zusammen was essen." Und dann ins Bett gehen.

     "Das ist sehr lieb von Ihnen, vielen Dank. Aber ich muss noch mal weg. Ich habe noch eine Verabredung."

     Sag doch gleich, dass du heute Abend noch jemanden umbringen musst!

     Natalie versuchte, ihre Stimme teilnahmslos klingen zu lassen. "Na dann, viel Spaß."

     "Vielleicht ein andermal. Gern ein anderes Mal." Jack bewegte sich Richtung Tür.

     "Klar. Gern." Natalie kam sich vor wie eine Idiotin.

     Nachdem Jack gegangen war, legte sich Natalie mit ihrem Kater aufs Sofa und sah sich eine schwachsinnige Talkshow im Fernsehen an, in der sich Nachbarn gegenseitig vorwarfen, die Mülltonnen nicht ordentlich auf den gemeinsamen Mülltonnenplatz zu stellen. Die Wohnung kam ihr so leer vor ohne Jack. Lediglich der Geruch von seinem leckeren After Shave lag noch in der Luft. Natalie hoffte, dass Jacks "Gern ein anderes Mal" nicht nur höflich gemeint war.