3. KAPITEL

Zwei Samstage nachdem Natalie Jack das erste Mal in Mrs. Klostermans Küche begegnet war – unter nicht gerade idealen Umständen – traf sie ihn erneut dort an. Unter nicht gerade idealen Umständen.

     Seitdem Jack hier wohnte, verließ Natalie ihre Wohnung niemals, ohne komplett angezogen und geschminkt zu sein. Und mit Kontaktlinsen in den Augen. Aber herrje, heute war Samstag, und Jack war nie wieder in der Küche aufgetaucht. Auch am letzten Wochenende nicht. Offenbar war er viel unterwegs am Wochenende. Was sprach also dagegen, in einer zwanzig Jahre alten, ausgeleierten Jeans hier zu sitzen und dazu ein Sweatshirt zu tragen, das seine beste Zeit in den späten Siebzigern hatte? Nichts. Es war ja Wochenende.

     Jack sah auch nicht gerade aus, als wolle er in die Oper gehen. Er war ausnahmsweise mal nicht ganz in Schwarz gekleidet, sondern trug eine ausgeblichene Jeans und ein altes T-Shirt, an dem Knöpfe fehlten. Wahrscheinlich war auch er der Meinung, dass heute Samstag war. Oder, und das war die wahrscheinlichere Möglichkeit, er hatte deswegen so alte Klamotten an, weil er gerade unter Mrs. Klostermans Spüle lag und offenbar etwas reparierte. Er machte einen fürchterlichen Lärm, der sich so anhörte, als würde er mit einer Pistole gegen die Rohre schlagen. Natalie hoffte, dass das nicht der Fall war.

     Mrs. Klosterman selbst war weit und breit nicht in Sicht, was relativ ungewöhnlich war. Gewöhnlich saß sie schon lange in der Küche, bevor Natalie eintraf. Na ja, vielleicht schlief sie einfach mal länger. Wenn man sich das trübe, nasskalte Wetter draußen ansah, war das, im Grunde genommen, eine gute Wahl. Natalie hätte auch gern ausgeschlafen, aber wenn man eine Katze hatte, die Mojo hieß, konnte man sich das abschminken. Mojo war es egal, ob es Samstag war und wie das Wetter draußen war. Wenn Mojo hungrig war, sprang er so lange auf Natalie herum, bis sie hellwach war. Mojo könnte Tote aufwecken.

     "Guten Morgen", Natalie stellte ihre Teetasse vorsichtig auf den Tisch. Das fehlte noch, dass sie Jack erneut mit Tee verbrühte!

     Offenbar hatte Jack nicht damit gerechnet, dass jemand in die Küche kommen würde, denn er zuckte zusammen und schlug wohl versehentlich gegen das falsche Rohr. Im nächsten Moment spritzte Wasser unter der Spüle hervor und Jack schrie: "Verdammter Mist!" Doch einige hektische Bewegungen später war die Fontäne verebbt. Dann krabbelte er unter dem Waschbecken hervor.

     "Oh, ich wollte Sie nicht erschrecken", Natalie musste zugeben, dass Jack auch klatschnass einfach hinreißend aussah. Unter seinem halb offenen Hemd sah sie dunkle Haare und spürte schon wieder dieses Kribbeln. Ein Glück, dass sie nicht schuld an der Misere war!

     Jack stand auf und wischte sich die ölverschmierten Hände an der Jeans ab. Natalie stockte fast der Atem. Jacks Gesicht glänzte und seine Haare waren auch nass. Das Wasser tropfte von Stirn und Wangen und er sah aus wie … wie Marlon Brando in seinen besten Jahren. Nein, Jack sah viel, viel besser aus.

     Jack begutachtete Natalie von oben bis unten. Dann blieb sein Blick an ihren Füßen hängen. Sie schaute schnell nach unten. O nein. Warum hatte sie zwei verschiedenfarbige dicke Socken an? Und überhaupt – wie sah sie auch sonst aus? Jack hatte einen Grund, alte Sachen zu tragen. Wer reparierte schon ein Spülbecken im Anzug? Aber sie stand vor ihm, als hätte sie das letzte Mal vor zehn Jahren in einer Modezeitschrift geblättert. Natalie beschimpfte sich innerlich selbst. Sie sollte sich keine Hoffnungen machen. Hatte Jack nicht letztens noch gesagt, dass er ein anderes Mal gern ihre Einladung zum Abendessen annehmen würde? Sie waren sich ein paar Mal begegnet, hatten sich höflich gegrüßt und waren dann weitergegangen. Okay, Natalie hätte ihn erneut einladen können, aber was, wenn er wieder Nein gesagt hätte? Wie hätte sie dann dagestanden? Er hätte doch auch von sich aus fragen können, wie es denn mit einem Abendessen aussähe. Musste sie denn immer den ersten Schritt tun? Schluss. Aus. Ende. Das Beste würde sein, wenn sie Jack für immer und ewig abschrieb.

     "Kein Problem." Jack schüttelte sich wie eine nasse Katze und war ganz offensichtlich nicht besonders erfreut darüber, dass er unfreiwillig eine Dusche genommen hatte. Seine Stimme klang grimmig.

     "Es tut mir wirklich Leid", sagte Natalie mit Nachdruck. Dachte er, dass sie das extra gemacht hatte?

     "Schon in Ordnung", meinte Jack dann und lächelte schon wieder. "Mein Kopf kann einiges aushalten. Dafür, dass es Wochenende ist, sind Sie aber ganz schön früh wach." Er setzte sich auf einen Stuhl, woraufhin das Wasser vom Stuhl tropfte.

     "Ich stehe immer um diese Zeit auf", auch Natalie setzte sich. "Mrs. Klosterman und ich frühstücken am Wochenende immer zusammen. Eigentlich ist sie auch immer früher in der Küche als ich. Aber vielleicht schläft sie ja noch."

     "Mrs. K. war schon hier, als ich runterkam", Jack strich sich die Haare zurück. "Sie hat mich gefragt, ob ich mich mit Wasserrohren auskenne. Da tropfte was. Das Ergebnis ist ja bekannt." Er lachte. "Jedenfalls ist sie dann weggegangen."

     Das war in der Tat sehr ungewöhnlich für Mrs. Klosterman. Normalerweise verließ sie das Haus am Wochenende überhaupt nicht.

     "Hat sie gesagt, wo sie hinwollte?" Natalie machte sich Sorgen.

     "Nein, muss sie das?" gab Jack zurück.

     "Hatte sie zufälligerweise schwarz angemalte Augenbrauen und ganz kräftig getuschte, lange Wimpern?"

     Jack sah Natalie an. "Nichts dergleichen", meinte er dann.

     Ups. Das war absolut ungewöhnlich für ihre Vermieterin. Mrs. Klosterman brachte noch nicht mal den Müll raus, wenn sie nicht geschminkt und aufgetakelt war. Was war bloß los? Hoffentlich war nichts passiert.

     "Merkwürdig", sagte Natalie.

     "Sie sah aber so aus, als wäre alles in Ordnung", meinte Jack beruhigend. "Übrigens schminkt sich meine Großtante Gina genauso wie Mrs. K." Er grinste. "Ihre Wimpern sehen immer aus wie Spinnenbeine, wenn sie fertig ist."

     Gina. Gina? War das nicht ein italienischer Name?

     Na, und wenn schon? Es gab viele Italiener. Einige davon reparierten auch defekte Rohre mit Handfeuerwaffen. Verstohlen blickte sie auf Jacks Hände. In der rechten hielt er nichts, in der linken Hand eine Zange. Glück gehabt.

     Natalie hielt es für besser, lieber weiter über Mrs. Klostermans Ausflug nachzudenken, als nach Handfeuerwaffen zu suchen. Warum hatte die Lady ihr nichts gesagt? Sonst erzählte sie ihr doch auch alles. Es gab zwischen Mrs. Klosterman und Natalie zwei feste Abmachungen: Am Samstag wurde gemeinsam gefrühstückt, und wenn nicht gemeinsam gefrühstückt wurde, weil einer von beiden etwas dazwischenkam, wurde das rechtzeitig bekannt gegeben. Mrs. Klosterman kam, von dieser Abmachung mal abgesehen, nie etwas dazwischen. Ihr Leben war so überschaubar wie dieser Küchentisch hier.

     "Was ist denn los mit Ihnen?" fragte Jack. "Machen Sie sich um Mrs. K. Sorgen? Oder glauben Sie, dass ihr etwas passiert ist?" Er beugte sich nach vorn und senkte die Stimme bedrohlich. "Vielleicht ist sie gar nicht weggegangen. Vielleicht ist sie ja … tot! Huuuh!" Er lachte.

     Moment mal. Wieso sagte Jack so was? Hätte er nicht einfach sagen können, dass man Mrs. Klosterman eventuell suchen gehen sollte? Wieso brachte er einen möglichen Tod ins Spiel? War doch was dran an Mrs. Klostermans Verdächtigungen? Hatte er sie womöglich umgebracht? Wenn ja, wo hatte er sie hingeschafft? Andererseits – dann hätte Jack auch nicht ihre Spüle reparieren müssen. Denn die bräuchte Mrs. Klosterman dann ja nicht mehr. Nein. Jack hatte lediglich einen kleinen Scherz gemacht. Sehr witzig. Wahrscheinlich redeten alle Ganoven so. Und Mrs. Klosterman würde gleich zur Tür hereinkommen und sich einen heißen Tee eingießen, um dann über das nasskalte Wetter zu jammern.

     "Es wird schon nichts passiert sein", sagte Natalie dann zu Jack. "Es ist nur ungewöhnlich, dass sie gegangen ist, ohne mir was zu sagen. Normalerweise frühstücken wir am Wochenende doch immer zusammen."

     "Nun, da sie ja offensichtlich nicht da ist, wie wäre es denn, wenn wir zusammen frühstücken würden?" fragte Jack.

     Natalies Herz machte einen Sprung. Er wollte mit ihr frühstücken!

     "Gern", antwortete Natalie und betete zu Gott, dass ihre Stimme nicht allzu sehr zitterte. "Trinken Sie Tee?" Sie stand auf.

     "Eigentlich mag ich Kaffee lieber", meinte Jack. "Mrs. Klosterman war so freundlich, mir welchen zu kochen, bevor sie gegangen ist."

     Er stand auch auf, und Natalie musste einfach auf sein halb offenes Hemd starren. Auf die Muskeln. Am liebsten hätte sie ihm das Hemd vom Leib gerissen. Für gewisse Dinge würde sie sogar aufs Frühstücken verzichten. Jack strahlte eine so immense sexuelle Anziehungskraft auf sie aus, dass sie kaum noch an sich halten konnte. Sex. Ja. Der Mann hatte einfach Sex. Und davon eine ganze Menge.

     "Wie nett von Ihnen, dass Sie Mrs. Klosterman mit der Reparatur geholfen haben", sagte Natalie dann, um sich mal wieder abzulenken.

     "Das ist doch selbstverständlich", meinte Jack. "Mrs. K. ist so reizend, ich bin doch froh, wenn ich ihr mal helfen kann. Aber richtig repariert ist die Spüle noch nicht. Ich muss die Rohre noch verschrauben."

     "Ich finde das nicht selbstverständlich", Natalie schüttelte den Kopf. "Sie hätten ihr ja auch sagen können, dass sie einen Klempner rufen soll."

     Sie setzten sich wieder hin, Natalie mit ihrer Tee- und Jack mit seiner Kaffeetasse.

     "Wie viele Schwestern haben Sie?" fragte Natalie neugierig. Sie würde so gern mehr von ihm erfahren.

     "Vier", Jack grinste. "Und alle sind jünger als ich."

     Natalie lächelte zurück. "Ups, das ist eine Menge. Das war doch bestimmt lustig früher."

     "O ja", Jack nahm einen Schluck. "Manchmal war es sehr lustig, und manchmal hätte ich sie alle gern in einen Sack gesteckt. Wie ist es mit Ihnen? Wie viele Geschwister haben Sie?"

     "Ich bin ein Einzelkind", erzählte Natalie bereitwillig. "Ich habe meinen Eltern so viel Ärger gemacht, dass sie darauf verzichtet haben, noch mehr von meiner Sorte zu bekommen."

     Jack zog die Augenbrauen hoch: "Sie sollen Ärger gemacht haben? Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Aber sagen Sie – es muss doch toll sein, ein Einzelkind zu sein, oder? Man muss mit niemandem teilen, muss morgens nicht warten, bis das Bad frei ist oder man telefonieren kann …"

     "… niemanden zum Spielen zu haben, niemanden zum Streiten zu haben, niemanden zu haben, mit dem man ein Geheimnis teilen kann", vervollständigte Natalie Jacks Ausführungen, und der musste schon wieder grinsen.

     "Nicht, dass Sie jetzt denken, ich will mich beklagen", sagte Natalie schnell. Um Himmels willen, sie wollte nicht den Eindruck erwecken, dass sie eine alte, verbitterte Frau sei. "Bei uns zu Hause war eben nicht so viel Trubel."

     Jack nickte. "Das verstehe ich. Ihre Eltern – leben die hier in der Nähe?"

     Natalie schüttelte den Kopf. "Nein, sie sind beide schon tot. Da war ich noch auf dem College. Erst ist mein Vater gestorben. Er war schwer krank. Kurz darauf starb auch meine Mutter. Sie hat ihn wohl zu sehr vermisst." Natalie war heute noch manchmal böse auf ihre Mutter. Ihre Tochter war ihr wohl nicht wichtig genug, um am Leben bleiben zu wollen.

     "Das tut mir sehr Leid", sagte Jack mit leiser Stimme.

     "Tja, so ist das nun mal", Natalie zuckte mit den Schultern. "Aber danke."

     Auf gar keinen Fall wollte sie vor Jack anfangen zu heulen. Auch wenn der Tod ihrer Eltern schon eine Weile zurücklag, sie musste so oft an sie denken.

     "Haben Sie denn hier in der Nähe Verwandte?" wollte Jack interessiert wissen. Natalie schüttelte den Kopf. "Die wohnen alle weit weg. Nein, ich habe niemanden hier in der Nähe und halte auch keinen richtigen Kontakt."

     Schon früher hatte sie ihre Großeltern nur ein paar Mal gesehen. Ihre Eltern waren sich selbst so genug, dass sie keine verwandtschaftlichen Beziehungen pflegten. Natürlich hätte Natalie sich nach dem Tod ihrer Eltern um Kontakt bemühen können, doch wie das so ist, waren dann wieder andere Dinge wichtiger gewesen. Schon oft hatte Natalie sich gefragt, warum es sie so zu Mrs. Klosterman hinzog. Die alte Dame war wie eine Großmutter für sie, die sie nie hatte.

     "Und wo sind Sie aufgewachsen?" fragte sie dann und wartete gespannt auf Jacks Antwort. Hatte er nicht mal erwähnt, dass er aus Frankreich kam? Oder hatte sie vielleicht nicht richtig zugehört und er kam nicht aus Frankreich? Also, wo kam er her?

     "Brooklyn", entgegnete Jack mit ruhiger Stimme.

     Lügner. Aber vielleicht hatte sie das falsch verstanden.

     "Und lebt ihre Familie noch dort?" wollte Natalie wissen.

     "Einige schon, einige wohnen weiter weg. Meine Schwester Sofia zum Beispiel lebt in Vermont."

     Sofia. Wieder ein italienischer Name. Aber wer eine Schwester hatte, die in Vermont lebte, konnte doch keine Verbindungen zur Mafia haben. Da lebten doch nur Kühe. Oder doch? Ach, was tat das denn zur Sache?

     Jack redete weiter. "Einige wohnen in Philadelphia, in Boston und in Chicago. In Las Vegas auch. Palm Springs. Einfach überall."

     Natalie war sich nicht sicher, ob die Mafia auch in Philadelphia oder Palm Springs ansässig war, aber ganz bestimmt in Boston und Chicago. Womöglich meinte Jack auch nicht seine Familie, sondern Die Familie. Die Mafia eben. Und sie, Natalie, sollte glauben, dass es sich bei seinen Erzählungen um die echte Familie handelte. Aber sie war ja nicht dumm. Sie durchschaute Jack. Den attraktiven Jack. Was wusste sie eigentlich über diesen Mann? Nun: Er war nicht begeistert, wenn man ihm Tee überschüttete, hatte hier offenbar einen Job zu erledigen, trug meistens schwarze Sachen, trank Chianti, führte komische Telefonate, in denen er ankündigte, jemanden umzubringen, reparierte Wasserrohre und ging ins Kunstmuseum. Das war doch schon eine ganze Menge. Eigentlich war es nichts. Und eigentlich war es auch ganz egal, ob Jack ihr erzählte, wo überall seine Familie lebte, denn sie, Natalie, würde von ihm auch noch um die Ecke gebracht werden. In Verbindung mit dem Job.

     Aufhören jetzt! Sie wurde ja langsam völlig verrückt. Jack war kein Mörder, und sie sollte einfach mal aufhören, ständig Mrs. Klostermans Worte in ihrem Kopf herumspuken zu lassen. Hätte Mrs. Klosterman behauptet, dass Jack in seiner Freizeit gern Menschenfleisch aß, hätte sie das womöglich auch noch geglaubt.

     "Aber der Großteil meiner Familie lebt noch heute in Brooklyn", führte Jack das Gespräch fort. "Die sind nie rausgekommen."

     Das kannte Natalie. Sie selbst war auch immer hier in dieser Gegend gewesen. Aber ihr gefiel es hier auch, und sie hatte nicht vor wegzugehen.

     "Ja, wir sind eine große Familie", redete Jack weiter. "Natürlich streiten wir uns hin und wieder, aber wer tut das nicht? Aber egal, ob groß oder klein, wichtig ist ja, dass die Familie sich versteht." Jack sagte das in einem Ton, der Natalie aufhorchen ließ. Sie sagte nichts, musste aber die ganze Zeit darüber nachdenken, ob er seine tatsächliche Familie mit diesen Worten meinte, oder eine ganz andere. Merkwürdig, dieser Tonfall. Sehr merkwürdig.

 

"Natalie, warum gehen Sie eigentlich nicht mal aus?" fragte Mrs. Klosterman am darauf folgenden Sonntagabend. Sie saß mit Natalie an einem Fünftausend-Teile-Puzzle im Wohnzimmer, das beide zur Verzweiflung brachte. Da es sich bei dem Puzzle um die fotografierten Alpen handelte, waren alle Teile blau oder weiß. Wenn es jemals fertig werden sollte, musste Mrs. Klosterman ihren Tisch irgendwann verlängern lassen.

     "Wie kommen Sie denn darauf?" Natalie konzentrierte sich gerade stark.

     Mrs. Klosterman beugte sich zu ihr. Sie war wie immer Ton in Ton angezogen. Heute war Orange ihre Farbe. Sie hätte als Apfelsine durchgehen können.

     "Mein liebes Kind", fuhr sie fort. "Sie sind eine attraktive, junge Frau. Sie sollten nicht Abend für Abend hier zu Hause so allein herumsitzen. Sie sollen raus, sich amüsieren!"

     Natalie blickte auf. "Ich sitze doch gar nicht allein herum. Ich sitze oft mit Ihnen zusammen."

     "Das ist es ja", regte sich Mrs. Klosterman auf. "Sie sollen Ihre Zeit nicht mit mir alter Schachtel verbringen."

     "Ich tue es aber gern", Natalie blickte Mrs. Klosterman liebevoll an. "Ich würde ja auch ausgehen, wenn ich Lust dazu hätte, aber ich habe einfach keine Lust."

     Damit gab sich die alte Dame nicht zufrieden. "Wenn Sie nicht unter Leute gehen, werden Sie nie einen Mann finden", sie hob drohend den Zeigefinger. "Und Sie wollen doch irgendwann mal einen Mann finden!" Ihre Stimme wurde leiser. "Sie müssen doch auch mal Sex haben!"

     Natalie musste grinsen. "Ich hatte schon Sex, ob Sie es glauben oder nicht. Im Moment jedenfalls fehlt er mir nicht." Oh, wie gut sie lügen konnte. Wenn sie nur an Jack dachte, wurde ihr siedend heiß. Und nicht nur an den Wangen.

     Mrs. Klosterman schmunzelte. "Glauben Sie mir, wenn Sie erst mal den richtigen Mann gefunden haben, werden Sie das Gefühl haben, ohne Sex gar nicht mehr leben zu können! Ich weiß, wovon ich spreche. Aber wenn Sie Abend für Abend hier herumsitzen, wird der Richtige nicht kommen. Gehen Sie aus! Treffen Sie sich mit Kollegen. Tun Sie was!"

     "Ich gehe doch manchmal aus", versuchte Natalie sich zu rechtfertigen. Vorhin hatte sie nämlich einen Spaziergang gemacht. Und letzte Woche war sie im Museum. Was wollte Mrs. Klosterman denn? Manchmal traf sie auch Leute. Wie zum Beispiel Jack Miller letzte Woche im Museum.

     "Aber offenbar treffen Sie nicht die richtigen Leute", Mrs. Klosterman ließ sich nicht beirren. "Sie sollten sich mal ein Beispiel an Jack nehmen. Der ist so gut wie nie zu Hause."

     Ja, das hatte Natalie auch schon gemerkt. Jack war ständig unterwegs, und sie fragte sich oft, wohin er wohl ging und mit wem er sich traf. Aber fragen wollte sie ihn auch nicht. Sie dachte sowieso viel zu oft über Jack nach.

     "Er erinnert mich ein bisschen an Mr. Klosterman", sagte Mrs. Klosterman und ihr Blick verklärte sich. Hoffentlich fing sie nicht noch an zu kichern.

     "Tatsächlich", fragte Natalie. "Hatte Ihr Mann auch Verbindungen zur Mafia?"

     "Natürlich nicht", Mrs. Klosterman schüttelte den Kopf. "Er war ein erfolgreicher, ein sehr erfolgreicher und begnadeter Geldfälscher, bevor wir uns kennen gelernt haben." Sie sagte das so, als ob Mr. Klosterman nebenberuflich in einer Gärtnerei gearbeitet hätte.

     "Was?" Natalie traute ihren Ohren kaum. Sie musste sich verhört haben.

     "Ein Geldfälscher?"

     "Aber ja", Mrs. Klosterman nickte gnädig. "Ich dachte, das hätte ich Ihnen schon erzählt."

     Jetzt wurde es Natalie aber zu bunt. "Sie haben mir erzählt, er sei Milchmann oder so gewesen."

     Mrs. Klosterman sah Natalie liebevoll an. "Das war er doch auch. Er war ein sehr guter Milchmann. Und davor war er ein sehr guter Geldfälscher." Sie dachte nach. "Na ja, so gut war er vielleicht dann doch nicht. Sonst hätte er wahrscheinlich nicht einige Jahre im Zuchthaus gesessen."

     "Was?" das war wieder Natalie.

     Mrs. Klosterman nickte. "Aber das war, bevor wir uns trafen."

     Natalie hatte das Gefühl, dass ein Bienenschwarm durch ihren Kopf tobte. Was war denn hier los? Da setzte sich ihre Vermieterin seelenruhig hin und erzählte ihr die haarsträubendsten Geschichten, die sie noch nicht mal schlimm zu finden schien.

     "Nachdem wir uns kennen gelernt haben, hat er sich aber geändert", Mrs. Klosterman sagte das ganz stolz. "Und das ist alles, was zählt."

     Klar, das war alles, was zählte. Was war schon Vergangenheit? Nichts. Oder hatte Natalie eventuell einen Teil von Mrs. Klostermans Erzählungen verpasst, weil sie eingenickt war? Das wäre nicht das erste Mal. Mrs. Klosterman redete nämlich auch weiter, wenn jemand neben ihr so laut schnarchte wie ein Walross.

     "Es zählt doch nur, dass er sich für mich geändert hat", Natalies Vermieterin schwelgte in der Vergangenheit. "Meine Liebe hat ihn zur Einsicht gebracht. Was Liebe doch alles bewirken kann. Er hat ja auch als Geldfälscher nicht schlecht verdient. Aber für mich ist er seriös geworden. Das war für mich das größte Glück. Ja, und dann ist er in die Milchindustrie gegangen."

     Natalie war ein wenig gerührt. Ob sie auch mal einen Mann treffen würde, der vor ihrem Kennenlernen ein gesuchter Auftragskiller war und sie eigentlich das nächste Opfer, und dann würden sie sich anschauen und der Auftragskiller würde dann feststellen, dass man doch auch als Fleischereifachverkäufer sein Auskommen haben könnte? Vielleicht passierte ihr das ja mit …

     Stop!

     "So etwas müsste Jack auch tun", ging es weiter.

     "Was müsste Jack tun?" fragte Natalie. "In die Milchindustrie gehen?"

     Mrs. Klosterman schüttelte den Kopf. "Nein, in der Milchindustrie verdient man ja kaum was. Jack müsste sein Leben ändern, wie mein seliger Mann. Und ich glaube, dass nur die Liebe einer Frau ihn dazu bringen könnte."

     Mrs. Klosterman hatte offenbar nicht mitbekommen, dass Jack letzte Nacht nicht nach Hause gekommen war. Nicht, dass Natalie bei ihm auf der Lauer gelegen hätte. Aber sie bekam nun mal jedes Geräusch im Haus mit, und als sie gegen halb fünf morgens aufgestanden war, weil sie nicht einschlafen konnte, was daran lag, dass Mojo so unruhig war, musste sie feststellen, dass er immer noch nicht da war. Wahrscheinlich lag er jetzt noch in den Armen einer schönen Frau, die ihn davon überzeugt hatte, dass er sein Leben ändern musste. Wo bitte sollte er denn sonst die ganze Nacht gewesen sein? Im Bordell? Jack gehörte nicht zu dem Typ Mann, der für eine Frau bezahlte. O nein. Jack gehörte zu dem Typ Mann, den Frauen bezahlten. Natalie eingeschlossen. Ab sofort würde sie dafür sorgen, dass sie immer genug Bargeld im Hause hatte!

     "Wer sagt denn, dass er keine Frau hat?" fragte sie ihre Vermieterin. "Er könnte doch verheiratet sein. Er muss uns ja nicht alles erzählen." Stimmte doch.

     Mrs. Klosterman kniff die Augen zusammen. "Jack ist definitiv mit niemandem zusammen", sagte sie dann.

     "Woher wissen Sie das? Haben Sie ihn gefragt?" Jetzt war Natalie neugierig.

     "Ich weiß es einfach", sagte Mrs. Klosterman mit fester Stimme, und das war genau das, was Natalie hören wollte.

     "Aber woher?"

     "Wegen seiner Schuhe."

     Natalie sah die alte Dame ungläubig an. "Wegen seiner Schuhe?"

     Mrs. Klosterman verschränkte die Arme. "Ja. Er putzt sie nie. Männer, die eine Frau oder zumindest eine Freundin haben, putzen regelmäßig ihre Schuhe."

     "Das ist mir noch nie aufgefallen", entgegnete Natalie.

     "Dann waren die Männer, mit denen Sie zusammen waren, nicht wirklich verliebt in Sie", stellte Mrs. Klosterman unnachgiebig fest und blickte Natalie Beifall heischend an. So, als ob sie stolz darauf wäre, dass angeblich noch nie ein Mann wirklich in Natalie verliebt gewesen wäre.

     Natalie sagte gar nichts darauf. Sie hatte keine Lust auf lange Diskussionen, die bei Mrs. Klosterman regelmäßig in einem Migräneanfall endeten. Speziell dann, wenn sie nicht mehr weiter wusste.

     "Vielleicht haben Sie ja Recht", sagte sie schließlich.

     "Natürlich habe ich Recht", echauffierte sich Mrs. Klosterman und zupfte an ihrem orangefarbenen Pullover herum. "Wenn Jack die richtige Frau gefunden hat, wird er auch seine Schuhe putzen. Und keine kriminelle Energie mehr haben. Und er wird glücklich sein mit ihr. Das ist alles, was zählt. Er braucht einfach eine Frau. Aber die richtige."

     "Na gut", Natalie gab es auf. Es war müßig, mit Mrs. Klosterman zu streiten. Für die alte Dame war die Ehe das Größte auf Erden. Sie war in einer Zeit groß geworden, in der nur zählte, dass man möglichst schnell heiratete. Und eine Scheidung war undenkbar. Da hatten es Männer und Frauen heute doch einfacher. Aber das war nicht Mrs. Klostermans Welt. Damit konnte sie nichts anfangen. Für Mrs. Klosterman wäre es das Tollste, wenn Natalie sie über ihre bevorstehende Hochzeit informieren würde. Und wenn Jack das Gleiche täte, wäre ihre Welt perfekt. Dann würde sie ungestört weiterpuzzeln können. Apropos puzzeln. Schweigend beugte sich Natalie über die Alpen und setzte ein passendes Teil ein. Mrs. Klosterman widmete sich auch wieder den fünftausend Teilen, und so hingen sie beide ihren Gedanken nach.

     "Nun haben wir ja gestern unser gemeinsames Frühstück verpasst, weil ich mal kurz draußen war", sagte Mrs. Klosterman schließlich. "Ach, mir ist in letzter Zeit oft so schwindelig, dann muss ich direkt an die frische Luft. Na ja, das habe ich Ihnen ja schon gesagt. Sie müssen sich nicht immer um mich sorgen, Kind. Aber Sie und Jack haben sich bestimmt gut unterhalten. Wie ist es, wollen wir nicht morgen zusammen zu Abend essen? Ich koche uns was Leckeres."

     Da Natalie am folgenden Abend wie immer nichts vorhatte, sprach nichts dagegen. "Gern", sagte sie. "Soll ich was mitbringen?"

     Die alte Dame sah Natalie liebevoll an. "Es reicht, wenn Sie sich mitbringen. Das ist die größte Freude, die Sie mir machen können."