4. KAPITEL

 Am nächsten Abend regnete es. Es war die Sorte von Regen, bei dem man keinen Hund auf die Straße jagte. Natalie beeilte sich, nach Hause zu kommen, bevor ein neuer Guss vom Himmel kam. Trotzdem war sie völlig durchnässt, als sie ihren Regenmantel endlich auf den Flurhaken hing. Es war ziemlich dunkel hier. Mrs. Klosterman hatte das Licht offenbar noch nicht angeschaltet. Dazu kamen die dicken Wolken, die am düsteren Himmel klebten wie schwarze Watte. Vielleicht war Mrs. Klosterman aber auch noch mal weggegangen, und es brannte deswegen kein Licht. Aber dann fiel ihr ein, dass sie ja heute Abend bei ihr zum Essen eingeladen war, und gleichzeitig roch sie, dass da was wirklich Gutes im Ofen brutzeln musste. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen. Mrs. Klosterman war bestimmt so beschäftigt, dass sie einfach vergessen hatte, das Flurlicht anzumachen. Natalie tastete sich zum Lichtschalter vor und betätigte ihn. Nichts passierte. Natalie knipste noch mal – und wieder passierte nichts. Sie tastete sich zum Wohnzimmer vor und versuchte dort ihr Glück. Nichts. Verdammt. Na toll. Kein Strom mehr. Zum Glück gab es in der Küche einen Gasofen. Hui, roch das lecker.

     "Mrs. Klosterman", rief Natalie laut, während sie sich in Richtung Küche tastete. "Ich bin zu Hause! Wir werden wohl Kerzen anmachen müssen heute, was? Wie unheimlich!" Sie betrat die Küche. "Und wie …"

     In der Küche befand sich Jack Miller, der vor dem offenen Ofen stand und das, was darin lag, mit Soße übergoss.

     "… romantisch!" vervollständigte Natalie ihren Satz.

     "Jo", sagte John anstelle einer Begrüßung. Na ja, vielleicht sollte es ja auch eine sein. Sie wollte antworten, brachte aber kein Wort über ihre Lippen. Wie Jack aussah! Seine Krawatte hatte er geöffnet, sie hing lose über seinem Hemd, das ein Stück weit aufgeknöpft war. Seine Hose hatte Fettflecken und Jack selbst schwitzte ganz fürchterlich, was offenbar daher rührte, dass der Ofen geöffnet war und die Dämpfe heraustraten. In der einen Hand hielt er einen Schöpflöffel, in der anderen ein Handtuch. Eigentlich sah er ganz süß aus, wie Natalie feststellen musste.

     "Wo ist Mrs. Klosterman?" fragte sie, weil sie sich auch etwas wunderte.

     "Tja, Sie müssen mit mir vorlieb nehmen", antwortete Jack, während er versuchte, das, was im Ofen lag, erneut zu übergießen. Dann redete er weiter. "Als ich nach Hause kam, hörte ich, wie die Hintertür zuschlug. Ich habe natürlich nachgesehen, aber niemanden gefunden. Also auch nicht Mrs. Klosterman. Hier in der Küche lag dann dieser Zettel, auf dem stand, dass das, was auch immer hier in diesem Ofen in der Kasserolle liegt, mit Soße übergossen werden muss und in ungefähr einer Viertelstunde gar ist. Auf dem Zettel stand auch noch, dass Salat im Kühlschrank ist, und es stand darauf, dass sie, also Mrs. K., den ganzen Abend weg sei. Mehr kann ich Ihnen auch nicht sagen. Also habe ich das hier mit Soße übergossen und gleich ist es fertig!" Duftete das himmlisch!

     "Aber wie konnte Mrs. Klosterman denn wissen, dass Sie so pünktlich sind", fragte Natalie. "Wegen der Viertelstunde."

     Jack zuckte mit den Schultern. "Ich komme ja jeden Abend um dieselbe Zeit nach Hause. Meistens jedenfalls", erklärte er. "Möglicherweise hat Mrs. K. sich das gemerkt."

     Das war eine Erklärung. "Normalerweise wäre ich auch eine Viertelstunde eher gekommen", sagte Natalie. "Der Zettel war bestimmt für mich."

     "Ich verstehe nur nicht, dass sie in dem Moment geht, wenn einer von uns das Haus betritt", wunderte sich Jack. "Sie hätte es doch einem von uns einfach noch sagen können."

     Da hatte er Recht.

     "Tja, Mrs. Klosterman ist manchmal sehr eigen", lächelte Natalie. "Hin und wieder habe ich das Gefühl, sie lebt in einer anderen Welt. Was sie denkt und tut, verstehe ich manchmal auch nicht."

     Jack holte die Kasserolle aus dem Backofen und verbrannte sich dabei mehrere Finger. Aber er war ein Mann, der viel vertragen konnte und deswegen beschwerte er sich nicht. "Ganz schön heftig, der Sturm, was?" er blickte nach draußen. Der Regen klatschte gegen die Fensterscheiben.

     "Allerdings", meinte Natalie. "So früh wird es sonst nur im Winter dunkel. Funktioniert der Strom im ganzen Haus nicht?"

     Jack schüttelte den Kopf. "Nichts funktioniert. Ich werde morgen mal nachsehen."

     "Haben Sie schon zu Abend gegessen?" Bitte sag Nein.

     "Nein", meinte Jack. "Mrs. K. hat mich zum Essen eingeladen."

     Das verwunderte Natalie. "Äh, mich auch", sagte sie dann und überlegte kurz, ob sie die Essenseinladung eventuell geträumt haben könnte. Nein, sie war definitiv heute Abend zum Essen eingeladen worden. Von Mrs. Klosterman – oder Mrs. K., wie Jack sie zu nennen pflegte. "Wann hat sie Sie denn eingeladen?" wollte Natalie dann wissen.

     "Heute Morgen, bevor ich gegangen bin", antwortete Jack.

     "Mich hat sie gestern Abend gefragt. Komisch", Natalie wunderte sich nun wirklich.

     "Ja, komisch", Jack war ihrer Meinung. "Ich meine, warum lädt sie uns beide für heute Abend ein, um dann auf einen Zettel zu schreiben, dass sie nicht da ist?"

     Plötzlich war Natalie alles klar. Dass sie nicht gleich darauf gekommen war. Natürlich – Mrs. Klosterman war der Meinung, dass Jack eine Frau brauchte, und sie war weiterhin der Meinung, dass sie, Natalie, einen Mann brauchte. Dann hatte sie eins und eins zusammengezählt und sich gedacht, dass man doch mit einer Aktion wie dieser hier zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen könnte. Offenbar hatte Mrs. Klosterman eine romantische Ader. Auf keinen Fall würde Natalie Jack ihre Vermutung erzählen. Dann drehte er sich womöglich um und ging. Und das wollte Natalie ja nicht.

     "Nun ja, ich werde sie morgen fragen. Jedenfalls riecht es sehr lecker", sagte sie dann.

     "Tja, wie sieht es aus?" Jack deutete auf die Kasserolle. "Immerhin sind wir beide eingeladen worden, also spricht doch nichts dagegen, dass wir zusammen essen. Noch ist es heiß."

     Ja. JA!

     "Ich decke den Tisch", sagte Natalie schnell, bevor Jack es sich anders überlegen konnte. "Ich würde sagen, wir essen im Wohnzimmer. Da gibt es genügend Kerzen."

     Jack nickte und kümmerte sich um die Kasserolle.

     Als Natalie Mrs. Klostermans Wohnzimmer betrat, traute sie ihren Augen nicht. Der Tisch war fertig gedeckt, und zwar mit dem guten Chinaporzellan, das ihre Vermieterin nur für ganz besondere Anlässe aus dem Schrank holte. Daneben lag das antike Silberbesteck, das Mrs. Klosterman von ihrer Großmutter geerbt hatte. Auf dem Tisch standen eine Vase mit Blumen und ein großer fünfarmiger Kerzenleuchter, und in einem silbernen Sektkühler wartete eine Flasche Champagner darauf, geöffnet zu werden. Die Kristallgläser standen bereit.

     Meine Güte. Wie sollte sie das denn Jack erklären? Dass Mrs. Klosterman ein wenig sonderbar war, mochte er glauben, aber das hier war ganz eindeutig der Versuch, jemanden zu verkuppeln. Wenn Jack jetzt ins Wohnzimmer käme, würde er das sofort bemerken. Das hier war ein gedeckter Tisch für ein romantisches Abendessen. Und der Tisch war für zwei Personen gedeckt. Ein Blinder würde das sehen. Aber noch schlimmer: Was, wenn Jack denken würde, sie hätte den Tisch so gedeckt? Er würde mit Sicherheit denken, dass das eine Aufforderung zum Sex wäre. Nachdem sie gegessen hätten, natürlich. Die Idee war nicht schlecht, und Natalie musste sich vorstellen, wie sie es gleich mitten auf dem Tisch taten, aber das änderte die momentane Situation auch nicht. Was tun?

     "Oh", Jack stand hinter ihr. "Mrs. K. hat den Tisch ja schon gedeckt. Wie hübsch sie das alles arrangiert hat. Das ist ja nett von ihr. Sogar an Kerzen hat sie gedacht." Er sagte das völlig emotionslos. Sah er denn nicht, wie der Tisch gedeckt war? Oder hatte er keinen Sinn für Romantik? Gehörte er zu der Sorte Männern, die bei einem romantischen Candle-Light-Dinner über ihre Umsatzsteuervoranmeldung sprachen oder darüber, wie lange das neueste Porschemodell brauchte, um von null auf hundert zu beschleunigen? Also wirklich.

     Jack jedenfalls drehte sich wieder um und ging zurück in die Küche. Okay, er war vielleicht kein Romantiker, aber er könnte doch mal versuchen, einer zu sein. Wenigstens heute Abend. Natalie stellte widerstrebend fest, dass sie ihn immer schärfer fand. Einen bestimmten Grund gab es hierfür nicht. Es war einfach so. Natalie ging Jack langsam hinterher. Er holte gerade den Salat aus dem Kühlschrank und schon wieder konnte sie seine Muskeln sehen, die unter seinem Hemd deutlich hervortraten. Jack füllte den Salat in eine Schüssel, vermischte ihn mit dem von Mrs. Klosterman vorbereiteten Dressing und meinte dann zu Natalie: "Würden Sie die Kerzen im Wohnzimmer anzünden?"

     Also ging Natalie ins Wohnzimmer zurück und zündete die Kerzen an. Jack folgte ihr mit der Schüssel, und als er sie so dastehen sah, wie sie konzentriert eine Kerze nach der anderen anzündete, fand er sie wunderschön. Ihr Profil sah in dem sanften Kerzenlicht so filigran aus. So zart und so lieb. Jack blieb einen Augenblick stehen und genoss den Anblick. Sie trug ihr dunkles Haar offen, es fiel ihr über die Schultern. Jacks Blick wanderte weiter. Er konnte ihre Brüste unter der Bluse zwar nur erahnen, war sich aber sicher, dass er von ihnen nicht enttäuscht sein würde. Der eng sitzende Rock stand ihr sehr gut, und Jack bemerkte ihre schlanken Beine. O Gott! Er begehrte sie plötzlich so sehr, dass er fast die Salatschüssel fallen ließ. Natalie sah einfach sexy aus. Nicht so, wie Lehrerinnen normalerweise aussahen. Verknöchert und verbittert. Nein, Natalie sah sooo sexy aus. Und sie schien es nicht mal zu wissen. Das machte den Gesamteindruck für Jack noch mal reizvoller.

     Natalie schien zu bemerken, dass er sie beobachtete und sah auf. "Was kann ich jetzt tun?" fragte sie dann, und Jack fiel zum ersten Mal auf, wie schön ihre Stimme war.

     Ja, was könnte sie nun tun? Da gab es viele Möglichkeiten. Jack überlegte sich tausend Dinge, die sie beide jetzt zusammen tun könnten. Oder die Natalie tun könnte. Sie könnte im Kerzenschein ihre Bluse aufknöpfen und ihm dann erlauben, ihre Brüste zu berühren. Sie könnte auf ihn zukommen und ihn küssen. Sie könnte mit ihren Händen unter sein Hemd fahren und seinen Brustkorb streicheln. Sie könnte …

     "Nichts", sagte Jack und merkte, dass seine Stimme rauer klang als sonst. "Es ist ja so weit alles fertig. Ich hole jetzt das Essen. Sie können sich schon hinsetzen." Dann ging er in die Küche. O Mann, dachte er. Das könnte eine lange Nacht werden.

 

Wer von ihnen beiden auf die Idee gekommen war, Trivial Pursuit zu spielen, wusste Natalie nicht mehr. Das Essen hatte sehr gut geschmeckt, die Küche war aufgeräumt und nun saßen sie hier, wieder am Esstisch im Wohnzimmer, bei Kerzenschein und weil Jack ein Gentleman war, ließ er Natalie zuerst würfeln.

     "Unterhaltung", Natalie setzte ihren Spielstein auf das rosa Feld. Fein, dachte sie. In diesem Bereich kannte sie sich am besten aus. Dann noch ein bisschen in der Rubrik Kunst und Literatur.

     Jack nahm eine Spielkarte aus dem Stapel. "Welcher Film hat 1972 einen Oscar in der Kategorie Bester Film bekommen?"

     Ha, das war ja einfach. "Der Pate", kam es von Natalie wie aus der Pistole geschossen.

     Jack nickte und Natalie würfelte erneut. Diesmal war es das blaue Feld. Erdkunde. Mist. Darin war sie gar nicht gut.

     "Welches Gewässer verbindet Sizilien mit dem italienischen Festland?" Jack grinste. "Ich weiß die Antwort", er drehte die Karte um und nickte dann.

     "Keine Ahnung", sagte Natalie.

     "Die Straße von Messina", klärte Jack sie auf. "Jetzt bin ich dran." Er würfelte und kam auf ein gelbes Feld. "Fein. Ich bin gut in Geschichte", freute er sich.

     "Welcher Vulkan brach im Jahre 1669 mit verheerenden Auswirkungen aus?"

     "Der Ätna", Jack war stolz.

     Natalie drehte die Karte um. Die Antwort war richtig.

     "Wo ist der Ätna?" fragte sie Jack.

     "Sizilien", meinte Jack. "Das ist ja witzig. Zwei Fragen hintereinander, in denen es um Sizilien ging. Lustiger Zufall!"

     Richtig, dachte Natalie, und davor hatten wir den Paten. Ging es vielleicht in dieser Ausgabe von Trivial Pursuit nur um Italien? Natalie machte sich schon wieder komische Gedanken.

     Stop!

     "Ah, ich bin noch mal dran", Jack würfelte. "Sport und Vergnügen. Ganz mein Ding. Fragen Sie!"

     "Welches NBA-Team gewann 1978 das National Championship?" wer wusste denn so was?

     Jack setzte sich mit stolzgeschwellter Brust auf. "Die Washington Bullets", kam es von ihm mit fester Stimme. Die Antwort war natürlich richtig. Und wieder war Jack am Zug, und wieder kam er auf ein orangefarbenes Sportfeld. Wenn er jetzt wieder die richtige Antwort gab, bekam er ein orangenes Steinchen. Ha. Das wusste Jack garantiert nicht. Es war zwar keine Sportfrage, aber die Rubrik hieß ja auch Vergnügen.

     "Wie heißt der Drink, der aus Zuckerrohrschnaps, Limetten und braunem Zucker hergestellt wird?"

     Jacks Miene hellte sich auf. "Ich weiß es, ich weiß es. Ich komme nur nicht drauf. Mist, mir liegt es auf der Zunge."

     "Fünfzehn Sekunden", Natalie war unnachgiebig.

     Jack schaute sie an. "Seit wann gibt es bei Trivial Pursuit eine zeitliche Begrenzung?" fragte er verwundert.

     "Das ist nur für Spieler, die Zeit schinden wollen", meinte Natalie. "Zehn Sekunden."

     "Gleich hab ich's, gleich …", Jack überlegte fieberhaft.

     "Fünf, vier, drei, zwei, eins, aus!"

     "Das ist gemein", Jack war beleidigt.

     Natalie wendete die Karte, um sich zu vergewissern. "Caipirinha", sagte sie dann.

     Jack nickte. "Hab ich doch gesagt."

     Natalie grinste. Sie war dran, würfelte und kam auf Wissenschaft und Technik, ein Gebiet, das sie schon immer gehasst hatte. Deswegen versagte sie auch bei der Frage, in der es um die Milchstraße ging, kläglich. Und Jack war schon wieder am Zug. Jetzt kam er auf ein rosa Feld. Bestimmt war er da der komplette Versager.

     "In welcher Straße in Chicago findet die traditionelle St.-Patricks-Day-Parade statt?"

     "Die Straße kenne ich. Ich habe doch Familie in Chicago", Jack freute sich.

     "Und wie heißt die Straße, Mister Alleswisser?" Natalie verdrehte die Augen.

     "Wacker Avenue."

     Natürlich richtig.

     Wieder eine rosa Frage.

     "Wer schrieb den Roman Der Pate?"

     "Mario Puzo."

     Natalie nahm den Spielkarton und schaute drauf. "Was ist das hier? Eine Italienkollektion?" Sie war sauer.

     Jack lachte. "Ertappt! Sie sind eine schlechte Verliererin!"

     "Das stimmt nicht. Ich habe nicht verloren. Keiner von uns hat bis jetzt eine bunte Ecke bekommen. Wir stehen absolut gleich."

     "Aber ich habe mehr Fragen richtig beantworten können als Sie", brüstete sich Jack.

     Ja, weil sich auch alles um deine Familie gedreht hat, dachte Natalie.

     "Wie nett von Ihnen, mich darauf hinzuweisen", sagte sie schnippisch. "Vielen Dank auch."

     Jack ergriff ihren Arm. "He, Sie haben ja Recht. Das war nicht gerade nett von mir. Wollen wir mit dem Spiel aufhören und was anderes machen?"

     Was anderes machen? "An was haben Sie denn gedacht?" fragte sie. "Draußen regnet es, es ist total kalt. Also auf einen Spaziergang habe ich keine Lust."

     Aber sie hatte auf etwas ganz anderes Lust. Und zwar eine solche Lust, dass sie sich beherrschen musste, um diese Lust nicht in Worten laut herauszuschreien. Sie hatte Lust darauf, mit Jack zu schlafen. Jetzt. In diesem Moment. Aber anstatt das zu sagen, sagte sie "Nun, wir könnten die Küche aufräumen, damit Mrs. Klosterman morgen nicht so viel Arbeit hat. Genau. Das könnten wir tun."

     Schließlich war es schon neun Uhr und Mrs. Klosterman konnte jeden Moment nach Hause kommen. Vielleicht kam sie aber auch erst morgen früh nach Hause. Oder erst in einem Monat. Dann spräche ja nichts dagegen, dass sie und Jack jetzt …

     "Natalie … Natalie." Das war Jack.

     "Äh, ja …?" Sie war kurz mit ihren Gedanken woanders gewesen.

     "Natalie, wir haben die Küche schon aufgeräumt. Vor ungefähr einer Stunde. Wissen Sie das nicht mehr?"

     "Oh …", war alles, was Natalie sagen konnte. Hatte sie plötzlich Alzheimer bekommen? Wieso konnte sie sich nicht mehr daran erinnern? Weil du die ganze Zeit daran denken musst, wie Jack wohl im Bett ist.

     "Wir könnten … das Porzellan und die Gläser wegräumen. Das könnten wir tun", meine Güte, kam sich Natalie blöde vor.

     Jack nickte. "Dann tun wir das."

     Da der Schrank, in dem das Geschirr aufbewahrt wurde, ziemlich klein war, ließ es sich nicht vermeiden, dass die beiden sich dauernd berührten. Natalie hatte das Gefühl, tausend elektrische Schläge zu bekommen. Immer dann, wenn Jack sie zufällig anfasste. Apropos Strom. Sie schaute aus dem Fenster. Merkwürdig. Im Nachbarhaus brannte Licht. Kein Kerzenlicht, sondern elektrisches Licht, das sah sie sofort.

     "Schauen Sie mal, da drüben", meinte sie zu Jack. "Da gibt es Strom. Und warum bei uns nicht?"

     Jack trat zum Fenster und streifte Natalie im Vorbeigehen, so dass sie erneut fast kollabierte.

     "Das ist wirklich komisch", sagte er, nachdem er sich überzeugt hatte, dass im Nachbarhaus tatsächlich Licht brannte. "Die beiden Häuser werden doch zusammen versorgt."

     Er ging zum Lichtschalter und betätigte ihn. Nichts. Im Flur tat sich auch nichts.

     "Vielleicht haben wir einen Kurzschluss", warf Natalie ein.

     Jack schüttelte den Kopf. "Im ganzen Haus? Das ist doch unwahrscheinlich. Aber es könnte sein, dass nur das Erdgeschoss keinen Strom hat und oben funktioniert alles. Wir waren ja beide noch nicht in unseren Wohnungen. Wissen Sie, wo der Sicherungskasten ist?"

     Natalie holte eine Taschenlampe aus der Küche und zeigte Jack den Weg. Der Sicherungskasten befand sich im Keller hinter einer schweren Eisentür. Jack öffnete sie und leuchtete auf die Knöpfe. Dann betätigte er einen Schalter nach dem anderen und runzelte dabei die Stirn. "Jemand hat alle Sicherungen ausgeschaltet", meinte er dann. "Oder es ist von selbst passiert. Nun ja, es ist ein altes Haus."

     Natalie nickte. Sie war sich sicher, dass sie beide dasselbe dachten. Wo gab es denn Sicherungen, die sich von selbst ausschalteten? Und so viele auf einmal!

     Mrs. Klosterman hatte es bestimmt nur gut gemeint.