6. KAPITEL

Natalie wurde von Mojo geweckt. Sie lag im Morgenmantel auf ihrem Sofa und war wohl eingeschlafen. Draußen war es hell. Langsam stand Natalie auf, ging mechanisch in die Küche, um eine Dose Katzenfutter für Mojo zu öffnen, stellte ihm den Napf hin und setzte sich dann wieder ins Wohnzimmer.

     Jack war nicht zurückgekommen. Aber er hatte doch gesagt, dass er zurückkommen würde! Warum hatte er es dann nicht getan? Fand er sie doch nicht so attraktiv? Natalie hatte nicht den Eindruck, dass das so war.

     Sie redete sich ein, dass es wichtige Gründe für sein Fortbleiben geben müsse. Gründe, die er ihr bestimmt erklären würde. Plausible Gründe. Vielleicht war Jack auf dem Heimweg einem Frosch begegnet, der seinen Tümpel nicht mehr fand, und Jack hatte ihm bei der Suche geholfen. Irgend so etwas Wichtiges war es bestimmt.

     Natalie öffnete das Fenster und ließ die erfrischende Morgenluft in den Raum. Barfuß wanderte sie dann im Wohnzimmer herum und stieß mit dem Fuß gegen das Paket, das Jack ihr gestern mitgebracht hatte. Merkwürdig. Sie hatte nichts bestellt, und schon gar nichts Großes. Vorsichtig öffnete sie das Päckchen und hatte eine rosa Schachtel in der Hand. Sie löste die Schleife, mit der sie eingewickelt war und hob den Deckel. Mit spitzen Fingern zog sie den Inhalt heraus. Schwarze Seidendessous. Strapse, Strümpfe, ein BH und ein Hemdchen mit Spaghettiträgern. Und eine Karte. Nun können Sie die Dinge perfekt angehen! In Liebe, Mrs. K.

     Mrs. Klosterman, Mrs. Klosterman! Hatte sie ihr nicht versprochen, dass sie solche Aktionen bleiben ließe? Nein, das stimmte nicht ganz, sie hatte Natalie lediglich versprochen, dass es keine Einladungen mehr zum Abendessen geben würde. Von Dessous war niemals die Rede gewesen.

     Natalie musste lächeln. Tja, wäre doch gar nicht nötig gewesen. Fast hätte es auch ohne schwarze Strapse geklappt. Wenn nicht der Notfall dazwischengekommen wäre. Natalie seufzte und packte die Dessous wieder in die Schachtel.

     Dann vernahm sie ein Geräusch. Jemand lief die Treppe hinauf. Mrs. Klosterman konnte das nicht sein, dafür waren die Schritte zu schnell. Es war Jack. Er war nach Hause gekommen. Wenigstens war er wirklich erst jetzt da. Natalie hätte es beleidigender gefunden, wenn er sein Versprechen nicht wahr gemacht hätte und jetzt schon schlafend im Bett lag. Aber warum kam er nicht zu ihr? Er hatte doch gesagt, dass er zu ihr kommen würde. Vielleicht war er müde. Er war ja offenbar die ganze Nacht weg gewesen. Trotzdem fand Natalie es unhöflich. Andererseits stellte sie sich erneut die Frage: Was wusste sie schon groß über Jack? Nicht viel. Er war Vegetarier. Er war gut im Trivial Pursuit. Er konnte mit einer Rohrzange umgehen. Er kam aus Brooklyn. Er roch gut. Das war nicht besonders viel. Sie sollte sich nicht zu große Hoffnungen machen. Vielleicht war Jack sowieso nur an einem One-Night-Stand mit ihr interessiert gewesen, und es hatte eine alte Flamme auf dem Pager eine Nachricht mit dem Inhalt hinterlassen, dass sie ganz wild auf ihn war und sich freuen würde, wenn er jetzt gleich vorbeikäme. Für wirklich guten Sex. Ach, egal. Es war müßig, überhaupt darüber nachzudenken.

     Sie sah Jack den ganzen Tag lang nicht. Abends um zehn, als sie auf dem Sofa lag und versuchte, sich auf einen Roman zu konzentrieren, klingelte das Telefon. Natalie setzte sich auf. Das musste Jack sein. Natürlich. Er wollte sich in aller Form dafür entschuldigen, dass er nicht mehr vorbeigekommen war. Und dann würde er vorbeikommen, und sie würden da aufhören, wobei sie unterbrochen wurden.

     Aber es war nicht Jack, es war Mrs. Klosterman. In Natalie keimte die Hoffnung auf, dass sie vielleicht wieder ein romantisches Dinner für sie und Jack angerichtet hätte, und nun rief sie an und fragte, wo Natalie denn bleibe, Jack würde schon warten. Aber es war nichts dergleichen.

     "Im Fernsehen läuft heute die Pilotfolge von Denver Clan", rief Mrs. Klosterman aufgeregt. "Um halb elf geht's los. Wollen Sie nicht runterkommen und mit mir gemeinsam schauen? Ich habe auch dieses süße Popcorn da, das Sie so mögen."

     Natalie ignorierte die Tatsache, dass es eigentlich Mrs. Klosterman war, die süchtig nach diesem Popcorn war.

     "Ja, ich komme", sagte Natalie resigniert. "Ich muss mir nur eben was anziehen. Ich bin schon im Pyjama."

     "Ach, wegen mir müssen Sie sich nichts anziehen", meinte Mrs. Klosterman. "Jack ist nicht da. Er ist ausgegangen. Er meinte, es würde spät werden."

     Aha. Natalies Laune sank auf den Nullpunkt. Wo war Jack? Na, bestimmt bei einer heißen Frau. Wo denn sonst? Er würde ihr lächelnd erzählen, dass der kurze Zwischenstopp bei Natalie keine Bedeutung hätte, weil sie sowieso eine Nullnummer auf ganzer Linie war. Natalie konnte eigentlich froh sein, dass sie gestern Abend rechtzeitig gestört wurden von diesem Piepser. So konnte sie wenigstens sagen, dass sie nicht mit Jack geschlafen hatte, und er konnte sich nicht damit brüsten, sie ins Bett gekriegt zu haben. Bald war er weg, und sie würde ihn vergessen. So einfach war das.

     "Natalie, Sie sind so still, was ist denn?" fragte Mrs. Klosterman am anderen Ende der Leitung.

     "Ich komme gleich", antwortete Natalie langsam und nachdenklich, und kurze Zeit später schlurfte sie hinunter zu ihrer Vermieterin.

     Um sich alte Folgen vom Denver Clan anzuschauen. Am Wochenende.

 

"Also, Jack sagte, dass er verabredet sei?" wollte Natalie dann doch wissen. "Hat er gesagt, wo er hingehen will?"

     "Das nicht", Mrs. Klosterman starrte gebannt auf den Fernseher, in dem gerade Blake Carrington in einem grauen Anzug eine Treppe hinaufging. "Aber er roch sehr, sehr gut, als er ging."

     Natürlich. Wie sollte Jack auch sonst riechen? Natalie fühlte sich in ihrer Annahme bestätigt, dass er die Nacht mit einer wilden, hemmungslosen Frau verbringen würde. Warum auch nicht? Jack war ein freier Mann, und er sah sehr gut aus. Er brauchte doch bloß mit dem Finger zu schnipsen, und schon bildete sich ein Privatharem um ihn. Da kam sie, die Kleinstadtlehrerin mit Kontaktlinsen, nicht mit. Kein Selbstmitleid jetzt!

     Nun, sie würde irgendwann schon noch Gelegenheit haben, die schwarzen Dessous anzuziehen. Aber nicht bei Jack. Sondern bei einem Mann, der es wirklich ernst meinte.

     "Vielen Dank übrigens für das nette Geschenk", sagte Natalie mit süffisanter Stimme.

     "Welches Geschenk?" Mrs. Klosterman tat ahnungslos, doch ihre Augen strahlten.

     "Die netten Sachen zum Anziehen in Schwarz", erwiderte Natalie. "Sie hätten sie vielleicht lieber Jack schenken sollen, dann hätte er das Zeug gleich mit zu seiner Verabredung nehmen können, die er heute hat."

     "Oh, ich glaube nicht, dass Jack dafür Verwendung hätte. Er und seine Verabredung stehen, glaube ich, nicht auf Dessous", stellte Mrs. Klosterman fest.

     "Moment mal", jetzt war Natalie verwirrt. "Sie haben mir doch gesagt, er hätte eine Verabredung, und es würde spät werden."

     Mrs. Klosterman setzte sich auf. "Das ist richtig, aber ich habe nicht gesagt, dass er sich mit einer Frau trifft."

     Da hatte sie Recht.

     "Und woher wissen Sie das nun schon wieder?" Natalie stopfte sich entnervt Popcorn in den Mund. Ein Teil davon blieb an ihrem Gaumen kleben. Wie immer.

     "Ich habe ihn durch die Gardinen beobachtet", lächelte Mrs. Klosterman.

     "Und da haben Sie ihn mit einem Mann weggehen sehen?" Warum konnte sie eigentlich nicht mal zusammenhängend sprechen?

     "Nein, da war niemand. Aber wenn er sich mit einer Frau hätte treffen wollen, wäre er doch mit dem Auto in die Stadt gefahren", Mrs. Klostermans Logik war nicht zu übertreffen. "Aber er ist zu Fuß gegangen. Und soll ich Ihnen sagen, wohin?"

     "Das wäre sehr nett", gleich würde Natalie ihr an die Gurgel gehen.

     "Zu Millicent Gleason."

     Nun, Millicent Gleason wohnte einige Häuser weiter. Sie war in Mrs. Klostermans Alter und vermietete wie sie Apartments.

     "Jack trifft sich mit Mrs. Gleason?" fragte Natalie ungläubig.

     "Aber nein. Wissen Sie, ich spreche mehrmals am Tag mit Millicent. Sie hat auch neue Mieter. Einer oder zwei sind so ungefähr in derselben Zeit eingezogen, als Jack zu uns kam. Nun, Jack war schon öfter da und hat sich mit einem dieser neuen Mieter getroffen. Das hat Milli mir erzählt. Der neue Gast heißt übrigens Donnie. Wenn Jack bei ihm ist, hat Milli schon einige Unterhaltungen mitbekommen. Sie scheinen sich schon länger zu kennen."

     Natalie musste sich vorstellen, wie Millicent Gleason an Donnies Tür hing und Ohren so groß wie Platzteller bekam, vor lauter Panik, was zu verpassen.

     "Also, dann besucht Jack nur einen Freund", fasste Natalie zusammen. "Aber warum sagt er dann zu Ihnen, dass er noch eine späte Verabredung hat?"

     "Keine Ahnung. Vielleicht habe ich das auch falsch verstanden. Jedenfalls waren Sie ganz schön eifersüchtig eben, als Sie dachten, dass Jack sich mit einer anderen Frau trifft."

     "Ich war überhaupt nicht eifersüchtig", verteidigte sich Natalie böse.

     "O doch, ich habe es ganz genau gesehen!" rief Mrs. Klosterman fröhlich.

     "Nein", Natalie winkte ab. "Aber sagen Sie, wer ist dieser Donnie, mit dem sich Jack trifft?"

     "Ich habe nicht die leiseste Idee", ihre Vermieterin nahm einen Schluck Portwein, den sie sich abends gern mal genehmigte. "Aber falls es Sie interessiert: Er war auch gestern Abend bei Donnie, nachdem Sie und er …", sie hob vielsagend die Augenbrauen.

     "Nachdem er und ich was?" hatte Mrs. Klosterman etwa vor ihrer Wohnungstür gestanden und gelauscht? Oder waren in ihrem Apartment Überwachungskameras installiert?

     Mrs. Klosterman schaute sie nur bedeutungsvoll an und widmete sich dann wieder ihrem Portwein.

     "Wir haben Karten gespielt", warum sagte Natalie das?

     "Sicher", kam es von der alten Dame.

     Ich werde mich jetzt nicht mehr rechtfertigen, dachte Natalie. Ich bin ein erwachsener Mensch und muss mich vor meiner Vermieterin nicht rechtfertigen.

     "Wir haben wirklich Karten gespielt", sagte sie dann.

     "Aber ja", Mrs. Klosterman schaute gebannt auf den Fernseher. Dann drehte sie sich wieder zu Natalie um. "Ich habe wirklich alles getan, um euch beide zusammenzubringen", ihre Stimme klang leidend.

     "Da ist nichts zum Zusammenbringen", klärte Natalie sie auf. "Ein für alle Mal."

     Mrs. Klosterman sah beleidigt aus. "Sie passen so gut zueinander. Sie sehen beide so gut aus, und Sie verstehen sich doch auch gut."

     Sie gab nicht auf.

     "Wir kennen uns doch gar nicht", versuchte Natalie zu erklären.

     "Noch nicht", gab Mrs. Klosterman zurück.

     Uff. In ihren Träumen sah Mrs. Klosterman sie und Jack mit einer Horde Kinder in einem abbezahlten Häuschen sitzen. Vor Glück strahlend. Zwar hatten sie sich nichts zu sagen, aber sie passten ja so gut zusammen. Möglicherweise hatte Mrs. Klosterman sogar Recht. In einer Sache passten Natalie und Jack zusammen. Im Bett nämlich. Aber Natalie hatte nicht vor, ihr das auf die Nase zu binden. Mrs. Klosterman musste nicht alles wissen.

     "Mrs. Klosterman", Natalie versuchte erneut, sie von ihren Kuppelversuchen abzubringen. "Es ist doch so, dass …"

     In diesem Moment hörten sie beide, dass die Haustür aufgesperrt wurde. Es war Jack. Wer sollte es sonst sein? Er war ganz leise, so, als ob er niemanden wecken wollte. Leise ging er am Wohnzimmer vorbei, um zur Treppe zu gelangen, doch weil die Tür offen stand, konnten Mrs. Klosterman und Natalie ihn sehen und weil er ins Wohnzimmer schaute, sah er sie auch. Als er stehen blieb und merkte, dass Natalie da saß, machte er einen schuldbewussten Eindruck. Er sah aus wie ein Vierzehnjähriger, der beim Äpfelklauen erwischt worden war.

     "Meine Güte, habe ich Kopfschmerzen, ich muss sofort ins Bett!" rief Mrs. Klosterman, sprang hurtig auf, schaltete den Fernseher aus und rannte aus dem Wohnzimmer.

     "Natalie", sagte Jack mit zärtlicher Stimme.

     Die setzte sich in ihrem Pyjama auf und funkelte ihn böse an. "Ich habe die ganze Nacht auf dich gewartet. Du sagtest, dass du zurückkommen würdest. Vielen Dank."

     Jack betrat den Raum und setzte sich neben sie aufs Sofa. "Ich wäre auch gekommen", erklärte er. "Aber ich war fast die ganze Nacht weg. Als ich nach Hause kam, war es schon fast hell und ich wollte dich nicht wecken."

     "Aber heute, tagsüber, da warst du den ganzen Tag zu Hause und hast es auch nicht für nötig gehalten, zu mir zu kommen", gab Natalie zurück und merkte, dass ihre Stimme zitterte.

     Jack sah sie an. "Ich dachte, dass du deine Meinung vielleicht geändert haben könntest", sagte er schließlich. "Dass du letzte Nacht vielleicht unvernünftig gewesen sein könntest und das alles bereuen würdest."

     "Ich habe nichts bereut, und ich bereue nichts", Natalie war vielleicht eine Spur zu laut.

     Jacks Hand lag auf ihrem Knie. "Du bereust nichts? Das heißt, du willst …"

     "Ja."

     Jack sagte gar nichts. Er dachte nach. Letzte Nacht, als sein Pager losging, hätte er denjenigen, der ihn anpiepste, am liebsten auf der Stelle umgebracht. Aber im Nachhinein war es vielleicht gar nicht so schlecht, dass der Pager losging. Denn es war so, dass Jack Natalie nicht verletzen wollte. Er wollte sie nicht für schnellen Sex benutzen. Er gestand sich ein, dass er jetzt sofort am liebsten mit ihr genau da anfangen wollte, wo sie beide gestern aufgehört hatten, aber wie würde es mit ihnen weitergehen? Sein Auftrag hier in Louisville war eventuell schneller zu Ende, als er annahm, und dann musste er zurück nach New York, wo er lebte. Das war Tausende von Kilometern entfernt. Natalie hatte hier ihren Beruf und ihre Heimat, und er, Jack, hatte dies alles in New York. Wie sollte das gehen?

     "Du scheinst es allerdings nicht zu wollen", Natalies Stimme klang traurig.

     Am liebsten würde Jack ihr alles erklären, ihr sagen, warum er hier war und warum er bald wieder weg musste, aber das ging nicht. Das durfte er nicht.

     "Es passt momentan alles nicht so gut", sagte er dann schließlich.

     "Mit anderen Worten, ich soll mich zum Teufel scheren, ja?" fragte Natalie, und ihre Stimme troff vor Sarkasmus.

     "Natalie, es ist nicht so, wie du denkst …", versuchte Jack erneut, doch Natalie hob die Hand und er schwieg.

     "Nein, natürlich nicht", sagte sie. "Es hat nichts mit mir zu tun."

     "Es ist einfach so, dass …", setzte Jack wieder an.

     "… es besser ist, wenn wir den Zwischenfall von letzter Nacht am besten vergessen und nie wieder darüber sprechen", vervollständigte Natalie den Satz, und jetzt war ihre Stimme richtig böse. Und enttäuscht. "Gut, dann machen wir das so. Kein Problem."

     "Aber ich hoffe …", das war wieder Jack.

     "… dass wir Freunde bleiben?" beendete Natalie Jacks Ausführungen und zog ihr Pyjamaoberteil glatt. Dann sah sie Jack an. "Okay, kein Problem. Bleiben wir Freunde, vergessen alles und sind einfach nur Nachbarn, die sich morgens und abends grüßen, wenn sie sich zufällig begegnen. Kein Thema."

     "Okay", sagte Jack langsam. "Okay."

     Dann sagte keiner von ihnen etwas. Die Stille dröhnte in Jacks Ohren, und er hoffte, gerade eben keinen großen Fehler gemacht zu haben.

 

In der kommenden Woche tat Natalie alles Erdenkliche, um Jack nicht zu begegnen. Sie verließ das Haus eine halbe Stunde früher als gewöhnlich. Nach der Schule erledigte sie ihre Einkäufe, und sie ließ sich dabei so lange Zeit, bis sie sicher war, dass sie Jack nicht mehr begegnen würde. Hörte sie, dass er im Treppenhaus oder bei Mrs. Klosterman war, verließ sie ihre Wohnung nicht. Mehr konnte sie nicht tun.

     "Guten Abend, Natalie", sagte Mrs. Klosterman am Freitagabend zu ihr, als sie sich gerade durch den Flur stehlen wollte. "Wären Sie wohl so freundlich, dies hier für Jack mit hinauf zu nehmen?"

     "Was ist das?" Natalie blickte auf das Päckchen. "Haben Sie für ihn jetzt auch schwarze Dessous besorgt?"

     "Nein", kam es von Mrs. Klosterman. "Es ist einer von diesen wahnsinnig sexy G-Strings, die Männer gern tragen. Mit einem Elefanten drauf, falls Sie verstehen, was ich meine." Sie schüttelte den Kopf. "Nein, ich habe eine Kleinigkeit für Jack besorgt, als Dankeschön dafür, dass er mir das Rohr in der Küche repariert hat."

     Natalie beobachtete sie mit zusammengekniffenen Augen. Aber es schien, als würde sie die Wahrheit sagen.

     "Wären Sie so freundlich?" Mrs. Klosterman schaute Natalie bittend an.

     "Warum?" gab Natalie zurück.

     "Nun, er duscht gerade. Ich habe gehört, wie das Wasser anging, es ist ja so hellhörig hier im Haus. Und da dachte ich mir, dass Sie ihm das raufbringen und an seine Tür klopfen, und dann kommt er aus der Dusche, um Ihnen zu öffnen und hat fast nichts an. So wie Sie damals. Da habe ich auch gewartet, bis bei Ihnen das Wasser anging. Wenn man aus der Dusche kommt, trägt man ja meistens nichts, das hat doch gut gepasst. Oder? Und dann können Sie beide endlich da weitermachen, wo Sie letztens aufgehört haben."

     Natalie starrte sie fassungslos an. Wie durchtrieben sie war! Und vor allen Dingen tat sie so, als sei das alles das Normalste der Welt.

     "Mrs. Klosterman", sagte Natalie nur.

     "Ach so, noch was", fuhr Mrs. Klosterman fort. "Machen Sie sich keine Sorgen wegen des Geräts, das damals gepiepst hat. Ich habe die Batterien entfernt."

     "Mrs. Klosterman! Was ist, wenn Jack zu einem Notfall gerufen wird und dann nicht erreichbar ist?" rief Natalie empört.

     "Oh, bitte, meine Liebe", ihre Vermieterin winkte ab. "Jack ist nicht der Präsident der Vereinigten Staaten und er ist auch kein Kriegsberichterstatter aus dem Nahen Osten. Also, was sollte schon sein? Machen Sie sich darüber mal keine Gedanken. Die ganze Woche sind Sie beide hier im Haus herumgeschlichen wie Diebe. Das konnte man ja nicht mit ansehen. Es ist an der Zeit, dass Sie sich mal aussprechen. Das Bett ist dafür übrigens in diesem Fall ein passender Ort."

     "Mrs. Klosterman!"

     "Ich werde jetzt gehen", sagte die Lady. "Ich habe meinen Canasta-Abend heute, und danach werden wir noch schick essen gehen. Alison hat gefragt, ob ich nicht bei ihr übernachten möchte, und ich habe zugesagt. Also, meine Liebe, ich werde nicht vor morgen Mittag zurück sein. Sie sind also ungestört und können auch laut sein. Niemand wird Sie hören!"

     Natalie sagte gar nichts. Sie war sprachlos.

     "So. Und jetzt nehmen Sie bitte dieses Päckchen und gehen zu Jack. Jetzt", Mrs. Klostermans Stimme war fordernd.

     Natalie nahm das Päckchen.

     "Jetzt gehen Sie die Treppe hoch, Natalie." Mrs. Klosterman wartete ab.

     Natalie ging die Treppe hoch.

     "Weitergehen", kam es.

     "Ja, ja."

     "Ach, und Natalie", wollte Mrs. Klosterman noch etwas sagen.

     Natalie drehte sich um.

     "Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht. Wir sehen uns dann morgen, meine Liebe!"