7. KAPITEL

Natalie ging langsam die Treppe hoch. Sie hörte, wie unten die Tür zuschlug. Mrs. Klosterman war gegangen. Okay. Sie würde einfach das Päckchen vor Jacks Tür legen, klingeln und dann schnell in ihre Wohnung flüchten. Mrs. Klosterman konnte sie morgen erzählen, dass er nicht aufgemacht hätte. Aber warum sollte sie das tun? Sie war eine erwachsene Frau. Eine selbstbewusste Frau, die mit beiden Beinen im Leben stand. Was war schon dabei, Jack ein Päckchen zu übergeben? Danach konnte sie immer noch gehen. Es würde weniger als eine Minute dauern.

     Vor Jacks Wohnungstür blieb sie stehen. Drinnen hörte sie das Wasser rauschen. Mrs. Klostermans Timing war perfekt. Leise klopfte Natalie an die Tür. Keine Reaktion. Klar, er stand ja unter der Dusche. Dann betätigte sie die Türglocke und zog ihre Bluse glatt. Sie hörte Schritte.

     "Wer ist da?"

     "Ich bin es, Natalie", sagte Natalie. "Mrs. Klosterman hat mich gebeten, dir ein Päckchen vorbeizubringen."

     Stille.

     "Jack?"

     "Ein Päckchen", kam es durch die geschlossene Tür. "Komisch. Vorhin habe ich mich noch kurz mit Mrs. K. unterhalten, da hat sie nichts von einem Päckchen erwähnt. Merkwürdig, was? Kommt dir das nicht bekannt vor?"

     "Jack, mach doch einfach auf, damit ich dir das Päckchen geben kann. Ich habe keine Lust, mich mit dieser Tür zu unterhalten."

     Mit einem Grummeln öffnete Jack. Um seine Hüften war ein blaues Handtuch geschlungen, ansonsten trug er nichts. Das Wasser tropfte auf den Dielenboden. Natalie schaute auf seinen muskulösen Körper und musste daran denken, wie sie ihn vor einigen Tagen berührt hatte. Ihr kam es wie eine Ewigkeit vor. Jack stand vor ihr und sagte kein Wort.

     "Du bist ganz nass", Natalies Stimme war brüchig.

     "Und du solltest lieber reinkommen", meinte Jack. "Ich glaube, wir müssen miteinander reden."

     Reden. Reden? Das war, ehrlich gesagt, das Letzte, was Natalie in diesem Moment wollte. Sie wollte ihm das Handtuch von den Hüften reißen, ihn auf sein Bett stoßen und dann einfach die Gedanken ausschalten. Aber sie wollte ganz gewiss nicht reden. Was wollte er ihr denn sagen? Dass sie Freunde blieben? Das wusste sie schon. Natalie wurde kurzzeitig trotzig. Wenn es das war, was er ihr sagen wollte, dann konnte sie auch gleich wieder gehen. Sie war kurz davor, ihm das Päckchen vor die Füße zu knallen und wegzurennen. Aber irgendwas in Jacks Stimme sagte ihr, dass es besser wäre, zu bleiben. Da war auch was in seinen Augen und in der Art und Weise, wie er da stand. Und in dem Handtuch.

     Stop!

     Natalie betrat Jacks Wohnung. Sie war ganz anders als ihre eigene. Da sie möbliert vermietet wurde, war sie nicht so gemütlich wie Natalies. Es fehlte ein wenig die persönliche Note. Jack schien das nicht zu stören. Er war ja sowieso fast nie zu Hause. Natalie blickte sich um. Da waren einige antike Möbel von Mrs. Klosterman, da stand ein Sofa mit einem Tisch davor, und es gab auch einen Fernsehapparat. Und da lag eine Pistole auf einem Stuhl. Natalie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Warum lag da eine Pistole auf dem Stuhl? Schoss Jack in seiner Freizeit gern auf Coladosen oder auf Tontauben? Was hatte das zu bedeuten? Mrs. Klosterman hatte wohl doch einen siebten Sinn, selbst wenn sie sich mittlerweile dazu entschlossen hatte, Jack nicht als Mörder abzustempeln.

     Nach Natalies Auffassung gab es zwei Sorten von Menschen, die Pistolen bei sich trugen: Polizisten oder Gangster. Zu welcher Sorte gehörte Jack? Sollte sie ihn einfach fragen? Dann hörte sie, wie Jack die Wohnungstür zumachte. Und abschloss. Er kam auf sie zu, halb nackt, und blieb vor ihr stehen. Er wirkte noch mal größer, noch mal breitschultriger, noch mal kräftiger.

     Noch mal gefährlicher?

     Natalie blickte wieder auf die Pistole, und Jacks Blick folgte ihrem. In seinem Gesicht war keine Regung.

     "Ist das … ist das eine Pistole?" hörte Natalie sich fragen.

     Jack war ganz ruhig. "Ja, das ist eine Pistole", sagte er. "Ich freue mich so, dich zu sehen, Natalie. Ich musste die letzte Woche sehr oft an dich denken."

     Das mit der Pistole hatte er so dahingesagt, als würde es sich um das Normalste der Welt handeln. Jeder hatte doch heutzutage eine Waffe. Einfach jeder.

     "Aber …" Natalie deutete auf die Pistole. "Du hast …. du hast …"

     "Ja, ich habe mich in dich verliebt", kam es von Jack. "War das deutlich genug?"

     O nein. Sie würde sich jetzt auf keinen Small Talk mit ihm einlassen. Und warum rückte er mit der Tatsache, sich in sie verliebt zu haben, ausgerechnet jetzt heraus? Jetzt, wo sie die Waffe entdeckt hatte? Er wollte sie ablenken. Aber nicht mit ihr, Natalie. O nein!

     "Du hast dich verliebt? In … mich?" Vielleicht hatte sie sich verhört.

     "Ja", Jack nickte. "Und zwar sehr. Ich kann an nichts anderes mehr denken als an dich."

     Klar denken, klar denken. Hier steht ein Mann vor dir, der dir gerade gestanden hat, dass er in dich verliebt ist. Dieser Mann trägt nichts weiter als ein Handtuch, und du warst schon fast mit ihm im Bett. Dieser Mann besitzt außerdem eine Pistole. Tief durchatmen.

     Natalie schaute auf das blaue Handtuch und sah, dass sich darunter etwas regte. Und was sich da regte, stand nicht auf Halbmast, sondern war quasi segelbereit.

     "Ich muss gehen. Hier", sie wollte Jack das Päckchen in die Hand drücken. "Ich muss gehen. Jetzt", sagte sie dann noch mal.

     Jack machte keinerlei Anstalten, sie vorbeizulassen oder ihr das Päckchen abzunehmen. Natalie schaute wieder auf das Handtuch. Jack roch verdammt gut. Herrje. Sie wollte natürlich gar nicht gehen. Sie wollte all die süßen Sachen mit ihm tun, die sie sich in ihrer Fantasie ausgemalt hatte. Aber er hatte eine Pistole. Na und? Aber er hatte eine Pistole!

     "Jack." Sie musste sich räuspern.

     "Natalie", kam es zurück.

     "Würdest du wohl bitte zur Seite gehen, damit ich vorbeikann?"

     "Ja, ich könnte jetzt zur Seite gehen, damit du vorbeikannst", wiederholte Jack ihre Bitte. "Aber ich will nicht, dass du gehst."

     Er kam näher und strich ihr durchs Haar. Natalie schloss die Augen. O Gott! Dann zog Jack sie an sich, und sie spürte seine Erregung deutlicher als je zuvor. O Gott! Er durfte sie gar nicht gehen lassen. Er sollte sie bitte nicht gehen lassen. Jack presste sich an sie und fing an, sie zu küssen. Und obwohl Jack eine Pistole besaß, erwiderte Natalie seine Küsse leidenschaftlich und fordernd. Sie bekam kaum noch Luft, ihr Herz hämmerte, und auch sie begann, Jack zu berühren. Am Rücken, an den Armen.

     "Ich glaube, es wäre ein sehr großer Fehler, wenn du jetzt gehen würdest", keuchte Jack und fing wieder an, sie zu küssen. "Ein ganz großer Fehler."

     Sie taumelten durch den Raum, stolperten und konnten sich in letzter Sekunde fangen. Jack zerrte an Natalies Bluse, fand die Knöpfe und riss einen nach dem anderen auf. Dann fing er an, über ihren BH zu streichen, um anschließend den Verschluss zu suchen, damit er ihn öffnen konnte.

     "Warum sollte ich nicht gehen?" fragte Natalie mit rauer Stimme und hoffte, dass Jack den Verschluss endlich finden würde.

     "Weil ich die Nacht mit dir verbringen möchte. Weil ich mit dir schlafen möchte. Die ganze Nacht, Natalie, die ganze Nacht!"

     Der BH war offen.

     "Aber … aber du hast eine Waffe", erwiderte Natalie. "Erklär mir das bitte."

     "Ja, ich besitze eine Waffe. Das hat doch nichts zu bedeuten. Es ist lediglich eine Vorsichtsmaßnahme", Jacks Lippen gruben sich in Natalies Hals. Ein wohliger Schauer jagte ihr über den Rücken.

     "Bitte bleib bei mir, Natalie. Geh nicht weg. Lass mich nicht allein. Bleib hier."

     Er sagte das mit einem solchen Flehen in der Stimme, dass Natalie weich wie Butter wurde. Sie wollte ja auch gar nicht gehen. Sie wollte bleiben, Jack die ganze Nacht berühren, am liebsten nie wieder gehen. Das mit der Waffe würde er ihr später erklären. Sie wollte jetzt auch gar nicht mehr an die Waffe denken. Sondern daran, was sie beide als Nächstes tun würden. Wie sie es tun würden. Jacks Lippen wanderten zu ihren Brüsten, deren Spitzen sich sofort aufrichteten. Und Natalies rechte Hand machte sich auf die Suche nach dem, was unter dem Handtuch auf sie wartete. Sie brauchte nicht lange, um es zu finden. Dann pressten sie beide wieder die Lippen aufeinander und küssten sich innig.

     "Ich werde nicht gehen", flüsterte Natalie dann.

     Jack zog sie in sein Schlafzimmer, und sie sanken auf sein Bett, sich immer wieder küssend.

     "Tu mit mir alles, was du willst." Jack wand sich unter ihren Berührungen. "Tu es einfach." Und Natalie tat es. Sie küsste Jack vom Hals abwärts, streichelte ihn dabei, genoss den herben Duft seiner Haut und zog schließlich das Handtuch von seinen Hüften. O Gott! Was sie da sah, warf sie fast um. Und sie dankte Mrs. Klosterman dafür, dass sie ihr eine gute Nacht gewünscht hatte.

     Jack begann, Natalie langsam auszuziehen. Sie genoss jede Sekunde. Als sie endlich ganz nackt vor ihm lag, hielt Jack inne und betrachtete sie staunend. Sie lag vor ihm wie eine perfekte Skulptur, von Rodin oder einem anderen Künstler erschaffen. Ihre Brüste hoben und senkten sich beim Atmen, ihr flacher Bauch wartete darauf, von ihm berührt und geküsst zu werden, und ihre wohlgeformten Beine rundeten die ganze Erscheinung perfekt ab. Vorsichtig berührte er ihre Oberschenkel, um seine Hände dann in die Mitte gleiten zu lassen. Natalie bäumte sich auf. Ihr dunkles, langes Haar war leicht verschwitzt und fiel ihr über die Schultern.

     "Jack, hör nicht auf, mach weiter", wisperte sie erregt. Jack machte weiter. Er vergrub seinen Kopf in ihrem duftenden Dreieck, und Natalie schloss die Augen und genoss seine Liebkosungen. Und sie genoss ihre Höhepunkte und scheute sich nicht, laut aufzustöhnen, jedes Mal, wenn es so weit war.

     Dann lag Jack auf ihr, und während er in sie eindrang, zog sie ihre Fingernägel über seinen Rücken und schluchzte vor Begehren auf. Sie schauten einander an, und ihre Blicke verschmolzen ineinander. Wie oft Natalie kam, konnte sie nicht zählen, sie wusste nur, dass sie sich wünschte, diese Nacht würde nie enden. Jack legte sich auf den Rücken, und Natalie war über ihm. Während sie sich weiterliebten, ergriff er ihre Brüste, fasste sie ein wenig härter an, und es gefiel Natalie. Ihre Knospen standen hervor, und die Tatsache, dass ihr Anblick Jack erregte, ließ sie einen weiteren Höhepunkt erreichen.

     Jack bekam vor Erregung und Gier beinahe keine Luft mehr. Er nahm sie in jeder Stellung, und ihm gefiel es, dass Natalie so oft zum Höhepunkt kam. Er selbst hielt sich zurück. Das sollte ihre Nacht sein. Er wollte sie glücklich machen. Und er machte sie glücklich, das spürte er.

     Natalie hörte auf, ihre Orgasmen zu zählen. Sie gab sich Jack mit einer solchen Leidenschaft hin, die sie gar nicht von sich kannte. Ihre Körper vereinigten sich in einer solchen Perfektion, als ob sie nie etwas anderes getan hätten. Als sie sich erneut auf Jack setzte und ihn ansah, durchfuhr es sie wie ein Blitz. Sein Blick, seine Berührungen, sein schweißnasses Gesicht, die behaarte Brust, der ganze muskulöse Körper. Ich liebe dich, Jack, hätte sie am liebsten laut herausgeschrien. Ich liebe dich! Bitte verlass mich niemals!

     Sie wollte, dass nun auch Jack seinen Höhepunkt erreichte, bewegte rhythmisch ihre Hüften, ohne den Blick von ihm abzuwenden. Er schaute sie an, umfasste mit beiden Händen ihre Taille. Seine Bewegungen wurden schneller, und dann fuhr ein Gefühl wie ein heftiger Stromstoß durch seinen Körper. Er stöhnte laut und schloss die Augen, während der Höhepunkt ihn durchflutete und nicht enden wollte. Er spürte Natalies Gesicht neben seinem, nahm ihren Herzschlag wahr und zog sie fest an sich.

     Sie waren eins.