8. KAPITEL

Als Natalie am nächsten Morgen erwachte, regnete es. Sie liebte das Geräusch, wenn die Regentropfen gegen ihre Scheiben fielen. Und noch mehr liebte sie es, im Bett liegen zu können und nicht aufstehen zu müssen. Sie kuschelte sich wieder in ihr Kissen und döste ein wenig vor sich hin. Neben ihr schnurrte Mojo, ihr Kater. Mojo, ihr Kater? Das Schnurren war anders als sonst. Natalie öffnete die Augen. Seit wann hatte sie weiße Vorhänge in ihrem Schlafzimmer? Und seit wann hatte sie dieses Bettzeug? Und seit wann schnurrte Mojo so komisch?! Sie drehte sich um. Das war gar nicht Mojo. Natalie stellte fest, dass sie nicht neben ihrem Kater lag, sondern in einem fremden Bett. Ein fremder Arm war um sie geschlungen, und der war sehr durchtrainiert und behaart.

     Jetzt erinnerte sie sich wieder. Sie wollte Jack ein Päckchen bringen, aber der wollte es gar nicht haben. Was zur Folge hatte, dass Jack jetzt neben ihr lag. Er hielt sie fest umschlungen, als hätte er Angst, dass sie fortgehen könnte. Aber sie wollte ja gar nicht gehen. Wohlig kuschelte sich Natalie in Jacks Arm.

     Da war er also, der berühmte Morgen danach. Und er gefiel ihr außerordentlich gut. Draußen war es kalt, es regnete, es war Wochenende, und sie selbst lag im Bett mit dem Mann, der ihr die herrlichste Nacht in ihrem ganzen Leben bereitet hatte. Natalie lächelte und genoss die Situation.

     Jack, o Jack, dachte sie und betrachtete ihn. Er schlief tief und fest. Sie waren beide nackt, und Natalie spürte seinen Körper dicht an ihrem. So könnte sie noch stundenlang liegen bleiben. Eigentlich für immer.

     Sie liebte Jack. Ja, sie liebte ihn so sehr. Und sie hoffte, dass er dasselbe für sie empfand. Nun ja, er hatte gesagt, er sei verliebt in sie. Aber sie liebte ihn. Das war ein gewaltiger Unterschied. Natalie wollte sich darüber auch gar keine Gedanken machen, sondern den Augenblick genießen.

     Jack streckte sich im Schlaf, drehte sich noch weiter zu ihr um und umfasste eine ihrer Brüste mit der Hand. Mmmhmm. Dann presste er sich mit seinem Körper an sie.

     Uuuh. Sie waren erst eingeschlafen, als es schon sechs oder sieben Uhr morgens war. Aber offensichtlich war Jack schon wieder bereit. Nun, sie selbst hatte auch Appetit. Auf ein etwas anderes Frühstück.

     Jack umfasste sie noch heftiger und drehte sie auf den Rücken. Offenbar war er wach. Vorsichtig robbte er an sie heran und bedeckte ihren Körper mit Küssen. Natalie umschlang ihn mit beiden Armen und zog ihn auf sich. Jack lag auf ihr, und sie liebten sich ein weiteres Mal. Sie küssten einander zärtlich und liebevoll, und der Sex war an diesem Morgen anders als in der Nacht. Behutsamer. Noch sinnlicher. Jack fuhr Natalie durchs Haar und bewegte sich langsam. Sie umklammerte ihn mit ihren Beinen, und gemeinsam fanden sie einen langsamen, doch sehr erregenden Rhythmus.

     Später, viel später, lagen sie nebeneinander, lauschten dem Regen, und lange Zeit sprach keiner von beiden auch nur ein Wort.

     "So nett hat mich noch nie jemand geweckt", sagte Natalie irgendwann leise.

     Jack streichelte ihr über das Haar. Niemals zuvor hatte er sich in der Gegenwart einer Frau so verdammt wohl gefühlt. Er würde sich wahrscheinlich auch nie wieder in der Gegenwart einer Frau so wohl fühlen. Ein untrügliches Gefühl sagte ihm das.

     "Jack", redete Natalie weiter. "Ich muss dich etwas fragen, etwas sehr Wichtiges, und du musst mir versprechen, ehrlich zu antworten."

     Sie sagte das ganz ernst, und Jack fragte sich, was sie wohl fragen würde. Ob er verheiratet war? Ob er vorher schon mal Sex gehabt hatte? Ob er in der Schule gut gewesen war? Was könnte sie wissen wollen?

     Natalie setzte sich auf und zog die Bettdecke fester um ihre Hüften. Sie sah einerseits entschlossen und andererseits ängstlich aus. So, als würde sie sich vor der Frage und auch vor der Antwort fürchten.

     "Frag", sagte Jack.

     "Also", Natalie stockte und dann sprudelte die Frage so schnell aus ihrem Mund, dass Jack Mühe hatte, sie richtig zu verstehen. "Du-arbeitest-doch-nicht-für-die-Mafia-oder-so-das-tust-du-doch-nicht-du-bist-kein-Verbrecher-oder-Mörder-oder-so-das-bist-du-doch-nicht-nein?"

     Jack war sprachlos. Wie kam sie darauf, dass er zur Mafia gehörte? Wegen der Pistole? Aber deswegen gehörte man doch nicht gleich zur Mafia. Meine Güte, sah Natalie süß aus, wie sie dasaß mit ihren verstrubbelten Haaren und auf eine Antwort wartete. Sie sah so süß aus, dass er sie am liebsten umarmen würde. Aber er konnte in diesem Augenblick gar nichts machen, außer anfangen zu grinsen. Und dieses Grinsen wurde immer breiter, und dann musste Jack einfach losprusten, er lachte und konnte nicht mehr aufhören.

     "Ein … ein … Mafiosi", sagte er mit abgehackter Stimme, weil er immer mehr lachen musste. "Ich?"

     Natalie schaute ihn ungläubig an. Was gab es denn da zu lachen? Das war doch eine ernst zu nehmende Frage. Sie wartete ab, was als Nächstes passierte. Doch Jack lachte und lachte. Er lachte so sehr, dass er sich beinahe verschluckte, und sein Lachen war so ansteckend, dass Natalie beinahe auch anfangen musste zu lachen. Aber sie konnte sich beherrschen.

     "Ein Mafiosi", gluckste Jack weiter. "Du denkst, ich sei ein Mafiosi!"

     "Ja", Natalie wurde langsam sauer. "Diese Frage hätte ich jetzt gern beantwortet."

     Wie kam sie nur darauf? Wie konnte überhaupt irgendjemand auf so eine verrückte Idee kommen?

     "Warum denkst du das von mir?" konnte Jack während einer Lachpause endlich fragen.

     "Na ja, immerhin liegt eine Waffe in deinem Wohnzimmer", erklärte Natalie.

     Also doch. Jack hatte innerlich gehofft, dass sie keine Frage mehr zu der Pistole stellen würde, aber andererseits konnte er auch verstehen, dass sie es tat. Es war ja normalerweise nicht üblich, dass jemand einfach so eine Waffe besaß. Er selbst hätte wahrscheinlich dasselbe gefragt. Aber dass sie gleich denken musste, dass er ein Unterweltler war, also wirklich.

     "Jack", Natalie wurde ungeduldig. "Würdest du mir bitte meine Frage beantworten?"

     Jack konnte sich nicht beruhigen. Mafiosi. Hätte sie nicht denken können, er sei ein Gerichtsvollzieher oder so was? Die hatten doch auch manchmal Waffen. Und waren sympathischer als Mafiabosse. Aber offenbar traute Natalie ihm nicht zu, ein Gerichtsvollzieher zu sein.

     "Du hast immer ein Geheimnis um deinen Job gemacht", ging es weiter. "Da muss man doch so was denken", sagte Natalie empört.

     "Hab ich das?" fragte Jack.

     "O ja", Natalie nickte. "Du hast mir bis heute nicht erzählt, was du beruflich machst."

     "Du hast mich auch nicht gefragt", konterte Jack.

     "Aber Mrs. Klosterman hat dich gefragt", trumpfte Natalie auf. "Der hast du erzählt, du würdest in einer Werbeagentur arbeiten. Aber ganz ehrlich, Leute, die in einer Werbeagentur arbeiten, tragen üblicherweise keine Waffen mit sich."

     Mist. Ehrlich gesagt, hatte Jack gehofft, dass Mrs. K. das Gespräch wieder vergessen oder zumindest seinen Beruf vergessen hatte. Aber er hätte der netten, alten Dame unmöglich sagen können, was er wirklich machte. Sie hätte es nicht verstanden.

     "Okay, ich gebe zu, dass ich da ein wenig gelogen habe", gab Jack zu. "Sie fragte mich völlig unvermittelt, was ich denn beruflich mache und ich habe den erstbesten Beruf genommen, der mir in den Kopf kam. Ich konnte ihr nicht die Wahrheit sagen. Sie hätte womöglich überreagiert. Verstehst du?"

     "Mrs. Klosterman und überreagieren?" fragte Natalie verwundert. "Sie würde niemals überreagieren. Sie würde höchstens überreagieren, wenn sie nicht ständig was zum Tratschen hätte."

     "Da magst du Recht haben", gab Jack zu.

     "Also, jetzt noch mal, was machst du wirklich?" wollte Natalie wissen. "Warum denkst du, dass Mrs. Klosterman überreagieren würde, wenn sie erfahren sollte, was du tatsächlich tust? Ich fange langsam an, mir selbst auch einige Sorgen zu machen."

     Natalie rückte von Jack ab und beobachtete ihn mit gerunzelter Stirn.

     "Natalie …", begann Jack.

     Aber Natalie redete schon weiter. "Da war nämlich ein Telefonat, das ich belauscht habe", sagte sie. "In diesem Telefonat hast du davon geredet, dass du einen Job erledigen musst. Es kam das Wort umbringen vor, das habe ich genau gehört. Was soll man denn da denken? Kannst du mir das erklären?"

     Jack wusste nicht gleich, wovon sie sprach. Dann erinnerte er sich. Es war der Abend, an dem er mit seinem Chef telefoniert hatte. Der Abend, an dem Natalie plötzlich vor ihm stand mit ihren Einkaufstüten und zermatschten Erdbeeren. Er erinnerte sich, dass er sehr genervt war von diesem Telefonat.

     "Ich weiß, welches Gespräch du meinst", gab Jack zu.

     "Aha", machte Natalie und sah sehr besorgt aus.

     "Aber bevor ich dir das jetzt erkläre, möchte ich dir eine Frage stellen."

     "Bitte."

     "Wie kommst du dazu, meine Telefonate zu belauschen?"

     Natalie sah schuldbewusst aus und wurde ein wenig rot, was sie noch süßer aussehen ließ. Jack hatte damals also doch nicht gleich mitbekommen, dass sie an der Tür hing.

     "Na ja", wand sie sich. "Die Wände hier im Haus sind sehr dünn, weißt du?"

     "Ja, natürlich", lächelte Jack. Er konnte Natalie ja verstehen. Er selbst hätte auch gelauscht, wenn in einem Telefonat das Wort umbringen gefallen wäre. Es war ja nicht Natalies Schuld, dass sie gerade in diesem Moment an seiner Tür vorbeiging.

     "Also", begann Jack. "Es ist richtig, dass ich an diesem Abend ein Telefonat geführt habe, in dem das Wort umbringen gefallen ist."

     "Warum?" wollte Natalie wissen.

     "Natalie", Jacks Stimme wurde ernst. "Ich schwöre dir, dass ich kein Angehöriger der Mafia bin." Er ergriff ihren Arm. "Aber ich muss zugeben, dass ich etwas mit der Mafia zu tun habe."

     Natalie starrte ihn an.

     "Warte", wehrte Jack ab. "Es ist nicht so, wie du jetzt denkst. Ich gehöre nicht zur Mafia. Ich bin FBI-Agent und arbeite gerade als Sicherheitsmann. Ich muss hier jemanden beschützen. Es handelt sich um ein Zeugenschutzprogramm. Deswegen bin ich von New York nach Louisville abkommandiert worden. Verstehst du?"

     "Ups", machte Natalie. "Mrs. Klosterman lag also doch richtig."

     "Mit was lag sie richtig?"

     "Erinnerst du dich noch, als wir uns das erste Mal in ihrer Küche trafen?" fragte Natalie, und Jack nickte. "Damals hatte sie schon irgend so was vermutet. Entweder dass du zur Mafia gehörst oder irgendwas damit zu tun hast. Dann erzählte sie mir von einem anderen Mann, der vorher das Apartment angeschaut hatte, das du dann später gemietet hast, und sie war sicher, dass da irgendeine Verbindung besteht. Natürlich keine gute. Ich habe damals zu ihr gesagt, dass das lächerlich sei, aber sie ließ sich nicht davon abbringen und hat mich damit ganz verrückt gemacht."

     Jack nickte. Jetzt verstand er auch, warum Natalie ihm diese Fragen gestellt hatte. Mrs. K. sollte man doch nicht unterschätzen.

     "Dieser Mann, der damals das Apartment angeschaut hat, hat das für mich getan. Es ist ein Kollege hier aus der Gegend. Er hat für mich und einen weiteren Kollegen aus New York die Unterkünfte gesucht und sie sich vorher eben angesehen. Diese beiden wohnen jetzt einige Häuser weiter. Und ich bin hier. Wir müssen einen Mann beobachten beziehungsweise auf ihn aufpassen, der tatsächlich zur Mafia gehört. Beziehungsweise gehörte. Wir müssen dafür sorgen, dass ihm nichts passiert und ihn rund um die Uhr bewachen. Er muss im nächsten Frühling eine sehr wichtige Zeugenaussage machen, die gewissen Leuten nicht passt. Falls du jetzt denkst, dass mein Job gefährlich ist, nun ja, das ist er in der Tat manchmal, aber in dem Fall kann ich dich beruhigen. Den Mann, den wir beschatten, ist ungefährlich. Er ist ein … ein alter Freund von mir."

     "Du hast Mafiafreunde?" Nun war Natalie irritiert.

     "Keine Freunde. Einen Freund", korrigierte Jack sie.

     Oje. Er hatte schon viel zu viel gesagt, viel zu viel erklärt. So war das alles nicht geplant. Jack würde Natalie viel lieber an sich ziehen und mit ihr über andere Dinge reden oder andere Dinge tun, aber nun musste er ständig mehr erklären. Andererseits war es ihm wichtig, dass sie das alles wusste. Er wollte, dass sie ihn verstand. Seinen Job verstand.

     "In der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, Natalie", redete Jack weiter, "ging es nicht gerade zimperlich zu. Aber trotzdem habe ich mich wohl gefühlt und wir haben alle zusammengehalten. Die Leute, die Nachbarn waren okay. Die sind jetzt immer noch okay. Fast alle zumindest. Da waren allerdings auch Leute, die nicht okay waren."

     "Die Mafia?", fragte Natalie.

     Jack nickte. "Wir wollten unsere Ruhe haben, in Frieden leben, aber sie wollten nicht weg. Und sie haben uns nicht in Ruhe gelassen. Sie haben versucht, alle möglichen Leute auf ihre Seite zu ziehen, und versprachen ihnen eine Menge Geld für kriminelle Sachen. Einige von uns haben nicht Nein gesagt. Die Mafia hat eine Menge Macht auf der ganzen Welt, Natalie, und sie haben ihre Leute gut bezahlt. Donnie Morissey war mein bester Freund, seitdem ich sechs Jahre alt war. Er hatte wie ich nur Schwestern, und wir hingen zusammen wie Pech und Schwefel. Wir waren wie Brüder füreinander. Die Brüder, die keiner von uns hatte. In der High School hat sich Donnie dann plötzlich verändert. Ich habe zu spät gemerkt, was da vor sich ging. Jedenfalls war es so, dass einige Leute der Mafia an ihn herangetreten sind. Und Donnie wollte wohl das schnelle Geld. Und das hat die Mafia ihm versprochen. Aber was musste er dafür tun? Um es kurz zu machen, er hat Dinge getan, die ihn lebenslang ins Gefängnis bringen würden. Dinge, die keiner von uns jemals tun würde. Dafür gab es das schnelle Geld. Und sehr viel Geld."

     Jack machte eine Pause und war mit einem Mal sehr müde. Abgespannt.

     "Irgendwann wurde Donnie dann wohl klar, dass das, was er tat, nicht richtig war. Nach Jahren rief er mich an und wollte mich sehen. Wir trafen uns, und er hat mir alles erzählt. Er wollte uns einige gute Informationen geben, mit denen wir wenigstens einen Teil der Mafia würden lahm legen können. Im Gegenzug wollte er eine andere Identität. Irgendwo ein neues Leben beginnen. Aber er stellte Bedingungen: Ich sollte einer der Agenten sein, die ihn nach seiner Aussage bis zum Prozessbeginn bewachen sollten. Was hätte ich tun sollen? Wir waren früher immer füreinander da, er hatte mir vertraut. Sollte ich ihn jetzt im Stich lassen? Also habe ich es ihm versprochen, und das FBI hat beschlossen, ihn an einen unauffälligen Ort zu bringen, bis der Prozess beginnt. Und deswegen sind wir nun hier. Wenn er seine Zeugenaussagen gemacht hat, wird er erst mal ins Gefängnis müssen. Denn bestraft wird er werden, das ist klar. Aber seine Strafe fällt milder aus als üblicherweise. Weil er ja diese Aussagen macht. Danach erhält er eine neue Identität und wird irgendwo auf der Welt leben. Wo, das werde selbst ich nie erfahren."

     Natalie nickte. Sie verstand.

     "Das heißt, du wirst in ein paar Monaten nicht mehr hier sein." Sie schaute aus dem Fenster, und Jack wusste, was sie dachte. Genau das hatte er vermeiden wollen. Natalie hatte sich eine gemeinsame Zukunft erhofft. Das Letzte, was sie brauchte, war ein Mann, der kam und gleich wieder ging.

     Aber was sollte er tun? Job war nun mal Job, und er liebte seinen Job. Und er liebte New York. Für ihn war es undenkbar, irgendwo anders zu leben als in New York. So bitter es war, aber er musste Natalie das jetzt ehrlich sagen.

     "Wenn Donnie nach New York fliegt, werde ich mit ihm zurückfliegen. Nach seiner Haftstrafe wird er Gott-weiß-wo auf der Welt wohnen. Ohne mich. Ich werde in New York bleiben."

     Natalie schaute immer noch aus dem Fenster. Es regnete stärker. Sie nickte langsam.

     Jack musste ihr noch etwas sagen.

     "Dieses Telefonat, das du belauscht hast", fuhr er fort. "In dem ging es um Donnie. Wir sprachen darüber, dass es unvernünftig sei, dass er immer allein unterwegs ist. Ich könnte ihn umbringen, habe ich damals zu meinem Boss gesagt."

     Und wenn schon, dachte Natalie. Was tat das auch jetzt noch zur Sache? Jack würde in ein paar Monaten nicht mehr hier sein. Das war alles, was ihr im Moment durch den Kopf ging.

     "Heißt du eigentlich wirklich Jack Miller?" fragte Natalie, weil sie etwas sagen wollte.

     "Hast du daran etwa auch gezweifelt?"

     Natalie zuckte mit den Schultern. "Na ja, du siehst eben nicht aus wie ein gewöhnlicher Jack Miller."

     Jack grinste. "Eigentlich heiße ich doch auch John."

     Natalie erwiderte sein Grinsen nicht. "Du siehst auch nicht aus wie ein John."

     "Wie sehe ich denn aus?"

     "Südländisch", antwortete Natalie.

     "Meine Mutter ist Italienerin", gab Jack zu. "Mein Spitzname ist 'Der Pate'."

     Sehr witzig, dachte Natalie, ich lache mich gleich tot.

     "Aha", machte sie.

     "Mein Vater kommt aus Frankreich", erzählte Jack weiter.

     Dann hatte er sie damals doch nicht angelogen, als er erklärte, er komme aus Frankreich. Ach, egal.

     Jack schwieg und dachte darüber nach, was seine Eltern und seine Schwestern wohl sagen würden, wenn er ihnen Natalie vorstellte. Sie würden sie lieben. Er hatte noch nie eine Frau mit nach Hause gebracht. Aber Natalie war eben ganz anders.

     "Glaubst du mir denn jetzt, dass ich kein Verbrecher bin?" fragte Jack.

     Natalie nickte. Warum sollte er ihr denn ein Märchen auftischen? Er war ja ehrlich zu ihr. Er hatte ihr ehrlich gesagt, dass er bald zurück nach New York gehen würde. Zu seiner Arbeit, zu seinen Freunden. Und sie, Natalie, würde hier in Louisville bleiben. Bis an ihr Lebensende würde sie hier in Mrs. Klostermans Haus wohnen, Popcorn essen, Denver Clan schauen und nie ausgehen. Eine reizvolle Vorstellung. Aber konnte man Jack zumuten, von New York nach Louisville zu ziehen? In die Provinz? Nein. In Natalie machte sich eine unendliche Trauer breit.

     "Wie lange bist du schon beim FBI?" wollte sie wissen.

     "Ich habe mich direkt nach dem College dort beworben", antwortete Jack bereitwillig. "Ich fand das immer spannend. Mein Großvater war bei der Polizei und hatte immer was zu erzählen. Als ich klein war, dachte ich immer, er hätte den coolsten Job auf der ganzen Welt. Aber in Wirklichkeit sieht das natürlich ein wenig anders aus."

     Er machte eine Pause.

     "Aber ich wollte nicht einfach nur Polizist sein. Ich wollte mehr. Ich wollte gegen die Mafia ankämpfen und dabei auch etwas erreichen. Deswegen bin ich da gelandet, wo ich jetzt bin. Wenn du gesehen hättest, was die Mafia bei uns alles angerichtet hat. Ich habe das ja direkt mitbekommen. Die haben Leute verprügeln und umbringen lassen, die haben Mädchen als Prostituierte auf die Straße geschickt und so weiter und so fort. Ich hasse diese Leute. Und wie ich sie hasse! Okay, Donnie hat den Absprung geschafft. Aber trotzdem wird er nie wieder derselbe wie früher sein."

     Bei den letzten Worten wurde Jacks Stimme lauter.

     Natalie streichelte seinen Arm, und er sah, dass sie lächelte. "Dein Job ist wohl sehr, sehr wichtig für dich", sagte sie dann leise.

     "Verdammt wichtig", gab Jack zu und nickte.

     "Und er geht dir oft sehr nah, stimmt's?" wollte Natalie wissen.

     Jack nickte wieder.

     Natalie zog ihn an sich und umarmte ihn. Er legte den Kopf auf ihre Brust und sie schwiegen. Natalie liebte diesen Moment, und sie liebte Jack. Gleichzeitig fühlte sie eine solche Leere in sich, dass sie hätte aufheulen können.

     "Verzeihst du mir, dass ich dich für einen Mafiosi gehalten habe?" flüsterte sie in Jacks Ohr.

     "Klar", sagte er. "Es deutete ja alles drauf hin, dass ich einer sein könnte. Und ich habe ja auch jede Nacht mit einer Strumpfmaske vor deiner Tür gestanden und dich mit einer Pumpgun bedroht. Huäh!"

     "Vielleicht sollte ich gemeinsam mit Mrs. Klosterman eine Therapie machen", sagte Natalie mit gespieltem Ernst. "Schaden kann es bestimmt nicht."

     "Du hast vielleicht Recht", Jack war genauso ernst.

     "Du findest also, ich sollte zu einem Psychiater gehen?" jetzt war Natalie böse.

     Jack lachte.

     "Nein, natürlich nicht. Aber eines sollte dir klar werden. Das, was du über die Mafia im Fernsehen siehst, ist nicht das wahre Leben. Einem Mafiosi sieht man nicht an, dass er einer ist. Und das, was die Mafia wirklich tut, wird niemals im Fernsehen gezeigt."

     Er sagte das ganz ernst.

     "Jack", Natalie sah ihn traurig an. "Was wird aus uns, wenn du mit diesem Donnie nach New York zurückgehst? Werden wir uns wiedersehen? Oder soll ich den Rest meines Lebens über diese Begegnung mit dir nachdenken, und mich fragen, wie sie verlaufen wäre, wenn du nicht nach New York zurückgegangen wärst?"

     "Natalie …" Jack sah traurig aus.

     "Du bedeutest mir was, Jack. Du bedeutest mir sogar sehr viel", brachte Natalie hervor. "Du bist nicht einfach nur eine Nacht für mich oder meinetwegen eine kurze Beziehung. Verstehst du?"

     "Ich weiß nicht, was dann ist", sagte Jack. Ich kann wirklich nicht, dachte er. Erst einmal muss ich meinen Job hier zu Ende bringen, dann muss ich mit Donnie zurück in die USA. Was dann kommt? Woher soll ich das wissen.

     "Ich weiß es wirklich nicht", wiederholte er.

     "Wenigstens bist du ehrlich", meinte Natalie und lächelte ihn an.

     Aber Jack sah, dass sie am liebsten angefangen hätte zu weinen.