9. KAPITEL

Das Appartment, in dem Donnie wohnte, ähnelte dem von Jack. Es war möbliert, nicht besonders groß und nicht besonders gemütlich. Es lag einige Häuser von Mrs. Klostermans Villa entfernt, und ausschlaggebend für die Wahl dieses Apartments war die Tatsache, dass die Fenster vergittert waren. So weit, so gut.

     Die Chancen, dass ihn irgendjemand hier finden würde, waren gering. Sie befanden sich Tausende von Kilometern entfernt von den Menschen, die Donnie an den Kragen wollten, und die Sicherheitsbeamten vor Ort waren Spezialisten. Trotzdem musste Donnie rund um die Uhr bewacht werden. Man konnte nie sicher sein, dass ihnen nicht doch jemand auf die Schliche gekommen war.

     Jack war froh, dass bald alles vorbei war und Donnie erst mal im Gefängnis sitzen würde. Aber nun saß er hier mit Donnie zusammen in dessen Wohnzimmer. Es war drei Uhr nachts. Was Natalie wohl tat? Nun, sie schlief sicher. Wenn Jack jetzt bei ihr wäre, wüsste er, was sie beide tun würden. Er bekam eine Gänsehaut, wenn er an ihren nackten Körper dachte und daran, wie er ihre Brüste umfasste und streichelte.

     Aber Job war nun mal Job, und er musste seinen Job erledigen. Sein Job war ihm schon immer das Wichtigste auf der Welt gewesen. Daran gab es nichts zu rütteln.

     "Donnie, jetzt setz dich hin und bleib sitzen", sagte er genervt zu seinem Freund, der auf und ab ging. "Es macht mich verrückt, wenn du dauernd herumläufst wie ein Tiger im Käfig."

     Donnie sah ihn an wie ein waidwundes Reh. Er trug eine ausgeleierte Jogginghose und einen uralten Pullover, und seitdem Jack bei ihm angekommen war, hatte er die zehnte Tasse Kaffee getrunken.

     "Ich bin ein Tiger in einem Käfig", klagte er und lief weiter herum.

     Jack konnte an nichts anderes als an Natalie denken, und der herumtigernde Donnie hinderte ihn daran, sich zu konzentrieren.

     "Du glaubst ja gar nicht, wie furchtbar ich das alles finde", nörgelte Donnie weiter. "Ich kann nicht sitzen, ich kann nicht schlafen, ich kann nichts essen, ich kann gar nichts tun."

     Er hatte einige Kilos verloren, seitdem sie hier angekommen waren, aber es stand ihm gar nicht mal schlecht. Donnies Problem war seine Langeweile. Konnte er nachts nicht schlafen, piepste er Jack auf seinem Pager an und verlangte, unterhalten zu werden. Im Gefängnis würden andere Regeln herrschen. Aber bis dahin galt es noch einige Zeit zu überbrücken.

     Die Hauptsache war, dass ihm nichts passierte. Und dass sie ihn wohlbehalten ins Gefängnis bekamen, in dem er wiederum rund um die Uhr bewacht werden würde. Jack hoffte inständig, dass es bald so weit war. Schließlich hatte er auch noch andere Dinge zu erledigen zu Hause. Ausgehen zum Beispiel. Sich mit Leuten treffen.

     Welche Leute? fragte ihn seine innere Stimme, und sie hatte Recht.

     Jack ging nicht gern aus, wenn, dann mal auf ein Bier mit Kollegen. Sein Job war nicht nach acht Stunden zu Ende, oft hatte er schon auf einem Feldbett in seinem Büro geschlafen, weil er unbedingt noch eine Sache fertig bringen wollte. Für Freunde war in seinem Leben einfach kein Platz.

     Natalie. Für Natalie war Platz. Ihr Gesicht ging ihm nicht aus dem Kopf. Jack hatte das Gefühl, bald durchzudrehen. Natalie war so gut, so edel, so feinfühlig, so ganz anders als die Frauen, mit denen Jack sonst zu tun hatte, wenn er mal was mit Frauen zu tun hatte. Natalie war weder arrogant, noch forderte sie etwas. Sie war einfach sie selbst. Sie war keine Frau, die ihren Lebensinhalt darin sah, edle Gartenpartys zu besuchen oder ein Vermögen für Designergarderobe auszugeben. Natalie war eine Frau, mit der man es sich gemütlich machen konnte. Mit Natalie konnte man abends auf dem Sofa sitzen, eine Flasche Wein trinken und schweigen, ohne dass es peinlich war.

     "Wenn du erst mal im Gefängnis sitzt, wirst du dich nach der Zeit hier zurücksehnen", meinte Jack dann in Donnies Richtung.

     Der grunzte und gab unverständliche Laute von sich.

     Eigentlich tat Donnie ihm Leid. Den Rest seines Lebens würde er Angst haben müssen. Angst davor, dass ihn doch jemand finden und töten würde. Zeugenschutzprogramm hin oder her. Und was war mit ihm, mit Jack? Er würde sich den Rest seines Lebens nach Natalie sehnen.

     Donnie ließ sich auf einen Stuhl fallen. "Erzähl mir was, Jack", verlangte er. "Aber etwas, das mich ablenkt."

     Es war nicht das erste Mal, dass er Jack zum Geschichtenerzählen verdonnerte. Die Nächte, in denen Jack hier schon gesessen und geredet hatte, konnte er kaum mehr zählen. Er hatte von ihrer gemeinsamen Kindheit gesprochen und von seinen Schwestern erzählt und auch von seinem Job. Es gab nichts, was er Donnie jetzt noch erzählen könnte.

     "Rück du mal mit einer Geschichte raus", forderte Jack den Freund auf. "Von mir hast du schon alle gehört. Unterhalte du mich mal."

     "Okay, gib mir eine Minute", Donnie dachte nach. "Ah, ich hab's. Ich erzähle dir die Geschichte von Angela und Gabriela Denunzio!"

     "Nicht schon wieder", Jack hob flehend die Hände. "Wie oft denn noch?"

     "Doch", sagte Donnie unnachgiebig. "Die Story von Angela und Gabriela und wie sie einen Prinzen in einen Frosch verwandelt haben!"

     Jack konnte die Geschichte über die Zwillingsschwestern wirklich nicht mehr hören, was auch mit daran lag, dass er darin vorkam.

     Aber Donnie war ganz in seinem Element. "Du erinnerst dich doch noch an sie?"

     Jack nickte müde. "Ja, das tue ich."

     "Aber erinnerst du dich auch noch daran, als du dich mit einer von ihnen verabreden wolltest, dich aber für keine entscheiden konntest, weil du beide so scharf fandest?"

     "Ja."

     "Und erinnerst du dich noch daran, dass du Angela schließlich gefragt hast?"

     "Auch daran erinnere ich mich, Donnie."

     "Aber sie hat dir eine Abfuhr erteilt, weil sie nämlich mit Tommy Fisher zusammen war. Der hatte sie kurz zuvor gefragt, ob sie sich verabreden wollten!"

     "Ich erinnere mich."

     "Dann hast du Gabriela gefragt, ob sie mit dir zum Abschlussball gehen möchte, aber die wollte auch nicht, weil sie schon eine Verabredung hatte."

     "Ja", sagte Jack.

     "Und wer war das? Wie hieß der nette junge Mann, der Freund von Gabriela? Ich komme einfach nicht drauf …"

     "Zum Teufel mit dir!" Jack grinste.

     "Mein Gedächtnis spielt in letzter Zeit nicht mehr so richtig mit", Donnie schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. "Ach, wenn ich doch bloß draufkommen würde!"

     "Warst du es vielleicht?" Jack spielte mit.

     Donnie sah ihn an. "Wer? Was hast du da gerade gesagt?"

     "Du?" wiederholte Jack nachgiebig.

     "Stimmt. Jetzt, wo du es sagst!" Donnie musste lachen. "Gabriela war meine Freundin! Mit ihr bin ich zum Abschlussball gegangen!"

     "Ich hatte sie aber auch gefragt, erinnere dich mal", Jack lächelte.

     "Aber sie hat abgelehnt. Weil sie mit mir zusammen war?" feixte Donnie. "Weißt du noch, dass du damals mit keiner zum Ball gegangen bist? Weil alle schon Verabredungen hatten? Weil sie alle schon vorher gefragt wurden. Weil die ganzen Jungs nicht bis zur letzten Minute gewartet haben. Weißt du noch?"

     "Ja, ich weiß", Jack schaute auf die Uhr.

     "Du bist mit deiner Tante Gina dort aufgetaucht", erinnerte sich Donnie.

     "Ja, zum Glück hatte sie Zeit."

     "Sie war nach einer Stunde völlig betrunken. Sie hat ein Glas Chianti nach dem anderen in sich reingekippt." Donnie klatschte die Hände zusammen. "Mann, das waren noch Zeiten."

     Jack blickte Donnie an und freute sich, dass es ihm offenbar gut ging. Dann dachte er daran, was ihm alles bevorstand.

     "Ja, Donnie. Ich werde die Zeit damals auch nie vergessen", sagte er dann.

     Beide Männer schwiegen für ungefähr eine Minute. Donnie schwelgte in Jugenderinnerungen. Aber Jack dachte nicht an früher. Er dachte an Natalie. Er dachte an die gemeinsame Nacht, die sie verbracht hatten, an ihr verschwitztes Haar, daran, wie das Gefühl war, als sie endlich vereint waren. Er dachte daran, wie er morgens aufgewacht war und Natalie neben ihm lag. Und dann dachte er auch daran, wie gut sie sich beim Trivial Pursuit verstanden hatten. Daran, wie sie morgens die Treppe hinunterkam, bevor sie zur Arbeit ging. Daran, dass er sie bald gar nicht mehr sehen würde. Verdammt.

     "Ich wollte Gabriela heiraten", sagte Donnie.

     Das war Jack neu. "Warum hast du sie nicht geheiratet?" fragte er. Donnie und Gabriela waren immerhin lange zusammen gewesen.

     "Tja, da kam das eine oder andere dazwischen", antwortete Donnie leise.

     Jack verstand. Der Job. Der Job bei der Mafia und das viele Geld waren Donnie wichtiger gewesen als eine glückliche Ehe mit der Frau zu führen, die er seit der Schule geliebt hatte.

     "Gabriela war eine tolle Frau", erinnerte sich Donnie. "Zu gut für mich. Sie wäre an meinem Job zerbrochen. Sie hätte das nicht verstanden. Es ist besser so. Wenn wir geheiratet hätten, wäre es nicht gut gegangen."

     Da hatte er sicher Recht. Gabriela Denunzio war viel zu ehrlich, um mit einem solchen Mann zusammen zu sein. Jedenfalls dann, wenn der Mann einen solchen Job hatte wie Donnie.

     Und wie war das mit Natalie und ihm? Angenommen, sie würden heiraten und Natalie würde seinetwegen ihren Job hier aufgeben und nach New York kommen, würde das gut gehen? Jack hatte Angst vor der Antwort.

     "Gabriela ist übrigens immer noch Single", sagte Jack. "Wusstest du das? Sie hat nie geheiratet." Genau wie Donnie.

     Der nickte. "Ja, ich weiß. Ich weiß. Es hätte mit uns nicht funktioniert. Selbst wenn wir uns jetzt wieder treffen würden. Wir sind einfach zu unterschiedlich."

     Die Frage, ob es mit den beiden beim zweiten Anlauf gut gehen würde, erübrigte sich von selbst, denn Donnie musste bald ins Gefängnis. Und dann ein neues Leben beginnen.

     Ja, Gabriela war eine wirklich feine Frau. Sie war bildschön, aber sie hatte ihre Schönheit nie benutzt, um etwas zu erreichen. Sie war damals lange mit Donnie zusammen, aber als er anfing, sich zu verändern, hatte sie sich von ihm getrennt. Sie war nicht nur einmal bei Jack gewesen, um ihn zu fragen, was mit Donnie los sei, aber Jack wollte ihr nicht die Wahrheit sagen. Er konnte ihr ja schlecht mitteilen, dass Donnie nun einen Job hatte, den nicht jeder hatte, und dass ihm dieser Job wichtiger war als sie.

     Jack musste schon wieder an Natalie denken. Eigentlich ähnelten sich die Geschichten. Ihm war sein Job auch so wichtig. Er würde bald nach New York zurückkehren. Zwar hatte er nicht dasselbe Berufsfeld wie Donnie eingeschlagen, nein, sein Job ging in die komplett andere Richtung, aber Parallelen waren schon da.

     Donnie und Gabriela hatten ihre Chance verpasst, und er und Natalie verpassten gerade ihre Chance.

     "Tja", Donnie schaute Jack an. "Wenn ich heute an Gabriela denke und daran, wie es alles hätte verlaufen können, ich glaube, ich hätte mich anders entschieden. Für sie. Wir hätten jetzt Kinder, würden in einem netten Haus wohnen und alles würde seinen geregelten Gang gehen. Ein ganz normales Leben, Jack." Er stand wieder auf. "Ein ganz normales Leben mit der Frau, die ich liebe. Nicht dieses rastlose Hin und Her, nicht das unterschwellige schlechte Gewissen bei allem, was ich tue. Nicht die Gewissheit, dass ich mein ganzes restliches Leben Angst davor haben muss, abgeknallt zu werden."

     Jack wollte ihm gerade antworten, als sein Handy klingelte. Er sprang auf, sagte "Miller" und hörte aufmerksam zu. Nach einer Weile dann sagte Jack "Okay, danke für die Nachrichten" und legte das Handy auf den Tisch zurück. Dann drehte er sich zu Donnie um. "Gute Nachrichten", verkündete er. "Der Prozess wird vorverlegt. Die Gerichtsverhandlung findet schon nächste Woche statt. Wir werden in einer Woche zurück nach New York fliegen."

 

Am nächsten Morgen schloss Jack seine Wohnungstür auf und überlegte ununterbrochen, wie er Natalie diese Nachricht beibringen sollte. Jetzt würde er sie nicht mehr antreffen, sie war schon unterwegs zur Schule, und er hatte sechs Stunden Zeit, um sich eine gute Erklärung auszudenken. Er konnte ja schlecht sagen: "Übrigens, ich fliege nächste Woche nach New York zurück und weiß auch nicht, ob wir uns jemals wiedersehen werden."

     Die Tatsache, Natalie bald zum letzten Mal zu sehen, schnürte ihm den Hals zu. Wenigstens ein paar Monate hätten sie so zusammen gehabt, und jetzt die plötzliche Order, nach New York zurück zu müssen. Das ging alles viel zu schnell. Und dann? Die Gerichtsverhandlung begann in einer Woche und würde voraussichtlich zwei bis drei Wochen dauern. Erst dann kam das Urteil. In dieser Zeit musste Jack bei Donnie bleiben. Dazu hatte er sich verpflichtet. Er hatte ihm außerdem versprochen, bei ihm zu sein, bis er in ein Flugzeug mit unbekanntem Ziel stieg. Und Jack wäre nicht Jack, wenn er seine Versprechen nicht halten würde. Was tun? Was tun? Er könnte also frühestens in einem Monat wieder hier bei Natalie sein. Ein Monat! Und dann? Sie hatte ihren Job in der Schule, er hatte seinen Job beim FBI. So einfach ging das nicht. Aber es ging auch nicht, dass er Natalie einen Monat lang nicht sah. Was war bloß los mit ihm? Er hatte vorher schon Beziehungen gehabt. Die hielten einige Wochen, manchmal auch Monate, und wenn er keine Lust mehr auf die Frauen hatte, dann hatte er eben Schluss gemacht. Und es kam die Nächste – oder längere Zeit auch gar keine. Jack hatte sich über eine feste Bindung noch nie Gedanken gemacht. Er wollte sich auch nie Gedanken darüber machen.

     Aber mit Natalie war es anders. Alles war anders. Was genau anders war, darüber wollte Jack gar nicht näher nachdenken. Weil er Angst vor der Antwort hatte.

     Tatsache war, dass er nächste Woche aufbrechen musste und sie allein hier zurückließ. Dass Mrs. Klosterman für Natalie da war, tröstete Jack nur schwach. Was war Mrs. Klosterman gegen ihn? Bestimmt würde die reizende alte Dame Natalie trösten, so gut es ging, aber konnte Natalie überhaupt getröstet werden? Und wollte sie sich trösten lassen?

     Jack fasste zusammen: In einigen Wochen war sein Job erledigt. So viel stand fest. Dann war die Mission Donnie beendet. Jack musste nicht mehr auf ihn aufpassen. Er konnte wieder ein geregeltes Leben führen. Um Donnie musste er sich nicht mehr kümmern. Er würde später sicher – hoffentlich sicher – in einer fernen Stadt leben, und auch wenn er und Gabriela niemals zusammenkommen würden, bestand ja immerhin die Möglichkeit, dass Donnie trotzdem glücklich werden könnte. Mit jemand anderem. Oder zumindest mit sich selbst.

     Aber was war mit ihm, mit Jack? Wie würde sein Leben verlaufen? Er war dann wieder zu Hause, und die Tage würden vergehen, einer wie der andere. Ohne besondere Vorkommnisse. Er würde da wieder anfangen, wo er aufgehört hatte, bevor er nach Louisville geschickt wurde. Nein, er konnte gar nicht wieder da anfangen. Weil in der Zwischenzeit viel passiert war. Er hatte Natalie kennen gelernt. Wie konnte er bloß daran glauben, dass alles so weitergehen würde wie vorher. Das war ja völliger Quatsch. Er würde den Rest seines Lebens damit verbringen, an sie zu denken. An die Art und Weise, wie sie ihn anlächelte. An ihren Gang. Wie sie in den intimsten Momenten hingebungsvoll die Augen schloss. Natalie …

     Aber so war das nun mal. Er lebte in New York und sie hier. Tausende Kilometer lagen zwischen ihnen. Und Jack konnte sich einfach nicht vorstellen, in Louisville zu wohnen. Er war in der Großstadt aufgewachsen, und er wollte die Großstadt nicht missen. Er wollte New York nicht verlassen. In diesem kleinen Nest hier würde er völlig zugrunde gehen. Unvorstellbar. Auch wenn es hier ein Kunstmuseum mit Impressionisten gab. Auch wenn in der Oper in der nächsten Saison Don Giovanni aufgeführt wurde. Auch wenn es beim Italiener unten an der Ecke das beste Essen überhaupt gab, für dessen Rezepte seine Tante Gina ihr Leben lassen würde. Auch wenn Natalie hier lebte.

     Aber sie könnte doch mit ihm nach New York kommen. Jack verwarf den Gedanken sofort. Nein. Natalie war nicht der Typ Frau, der in New York leben könnte. Sie brauchte eine überschaubare Umgebung. Außerdem – wollte er das? Er hatte noch nie mit einer Frau zusammengelebt, an Heirat sowieso noch nie gedacht. Was wäre, wenn er merken würde, dass ihm das alles nicht gefiel? Sollte er sie dann einfach wegschicken? Jack war schon immer rastlos gewesen. Und auf sich allein gestellt. Da war kein Platz für eine zweite Person. Eines wollte Jack aber auf gar keinen Fall: Natalie das Herz brechen.

     Dazu kam, dass sein Job eben kein gewöhnlicher Achtstundenjob war. Er arbeitete oft zwölf bis vierzehn Stunden am Tag, war oft unterwegs, und nicht selten war das, was er tat, auch gefährlich. Eine Frau wie Natalie war für solch ein Leben nicht geeignet. Sie war in einer behüteten Umgebung aufgewachsen, hatte ihre festen Rituale und schien damit auch nicht unglücklich zu sein. Früher oder später würde ihre Beziehung kaputtgehen. Und dann hätte er Natalie das Herz gebrochen.

     Jack setzte sich und dachte weiter nach. Alles, was er jetzt tun konnte, war, ihr die Tatsache, dass er gehen musste, so schonend wie möglich beizubringen. Er hoffte so sehr, dass sie ihn verstehen würde. Er musste ihr plausibel machen, dass es nun mal so war, wie es war. Dass er seine Arbeit nicht so ohne weiteres aufgeben konnte. Das musste sie doch verstehen. Sie musste doch begreifen, dass es ihm unmöglich war, hier in Louisville zu bleiben.

     Er hatte Angst davor, mit Natalie zu sprechen.

     Weil sie es nicht verstehen würde und er sich selbst nicht mehr verstand.