16. KAPITEL

In einem schwarzen Kostüm und mit einem Gesichtsausdruck, als wäre sie zu allem entschlossen, drängte Serena sich an Wes vorbei, als er die Tür öffnete. "Was ist los mit dir, Weston? Ich habe alles getan, um deine Aufmerksamkeit zu erregen, doch anscheinend bist du etwas schwer von Begriff, also lass es mich für dich in Worte fassen … Oh!" stieß sie hervor, als sie ihn genauer ansah. "Oh."

     Wes hatte nicht erwartet, dass sie so hereinstürmen würde, er hatte nur erreichen wollen, dass sie aufhörte zu klopfen und wieder verschwand. Als er einen kühlen Luftzug an seinem nackten Po verspürte, wich er zurück bis zur Kommode und bekam zum Dank für seine Mühe einen Schubladengriff an seine Kehrseite.

     "Ich habe zu tun, Serena." Er hatte die Tür offen gelassen, in einer unausgesprochenen Aufforderung an sie, zu gehen.

     "Du bist … Wow!" Sie musterte ihn von Kopf bis Fuß und ließ ihren Blick dann wieder höher gleiten.

     "Serena …" Er wich so abrupt zurück, dass er den Schubladengriff noch schmerzhafter spürte.

     "Wes …" Serena beugte sich vor. "Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt? Ist dir nun endlich klar, dass ich dich will?"

     "Ja, Serena, er hat's gehört." Das kam von einem grimmigen Josh, der plötzlich hereinspazierte.

     Wes hatte das Gefühl, sein Zimmer verwandelte sich allmählich in einen Bahnhof.

     Josh warf einen Blick auf Wes und begann zu lachen. "Ich sehe, du hast ein Problem." Dann wandte er sich wieder Serena zu, legte seine Hände auf ihre Schultern und zog sie hoch, bis sie auf den Zehenspitzen stand und ihr Mund nur noch Millimeter von seinem entfernt war. "Und hier ist meins."

     "He, Moment mal …"

     "Halt den Mund, Serena." Sein Ton war freundlich, aber er ließ sie noch immer nicht los. "So, wie ich es sehe, bekommst du hier keinen guten, heißen Sex, und das macht dich zum personifizierten Ärger. Ich habe dir einen Vorschlag zu machen."

     "Lass mich runter."

     "Nein." Josh warf Wes einen Blick über die Schulter zu. "Könntest du uns einen Moment allein lassen?"

     "Das würde ich gern, aber ich habe noch ein weiteres Problem im Badezimmer."

     "Und das wäre?"

     "Dass es momentan, zusammen mit all meinen Kleidern, von einer weiteren ziemlich aufgebrachten Frau besetzt ist."

     Josh starrte ihn an, dann grinste er. "O Mann, immer kriegst du den ganzen Spaß."

     "Könnten wir dies vielleicht etwas beschleunigen?" knurrte Wes.

     "Klar." Josh wandte sich wieder der zappelnden Serena zu, die eine solch grobe Behandlung sichtlich nicht gewöhnt war. "Okay, hör zu, wir müssen einen Gang zulegen wegen meines Bruders. Du möchtest Aufmerksamkeit von einem Mann? Ich habe viel davon zu geben. Du möchtest einen Mann, der weiß, was er will? Dieser Mann bin ich. Du willst jemanden, der verrückt nach dir ist und dich nie enttäuschen wird?" Er setzte sie auf ihre Füße und schlang seinen Arm um sie. "Dieser Mann bin ich, Serena."

     Sie wurde sehr still. "Was?"

     "Ich denke, du hast mich schon verstanden. Ich bin zwar nicht der Direktor dieses Hotels, ja nicht mal sein Stellvertreter, aber ich habe eine Position mit guten Möglichkeiten und bin verdammt clever. Außerdem bin ich genauso ehrgeizig wie du. Wir passen sehr gut zueinander, Schätzchen."

     Serena schüttelte den Kopf. Sie war so verwirrt, dass sie völlig vergaß, sich zu wehren. Tatsächlich packte sie ihn sogar mit beiden Händen an seinem Hemd und zog ihn näher. "Sag das noch mal."

     "Alles?"

     "Ja", verlangte sie. "Bitte."

     Joshs Lächeln war bestechend. "Ich bin verrückt nach dir. Und sag du mir nun, du wärst bereit, es mit mir zu versuchen, und lass uns hier verschwinden. Mein Bruder hat Probleme – wenn ich ihn nicht völlig missverstanden habe, sind ihm seine Kleider abhanden gekommen."

     Wes rechnete damit, dass Serena Josh den Kopf abreißen würde. Doch stattdessen lächelte sie nur sanft. "Ich denke, wir könnten es versuchen."

     Josh küsste sie wild, was vielleicht ewig so weitergegangen wäre, wenn Wes sich nicht geräuspert hätte.

     "Richtig." Josh grinste und scheuchte Serena aus dem Zimmer.

     Wes schloss die Tür ab und stürmte zum Badezimmer. "Mach auf, Kenna."

     Sie öffnete die Tür einen Spaltbreit. Sie hatte ihre Bluse inzwischen wieder zugeknöpft. Schade, nun würde er sich wieder mit den Knöpfen abplagen müssen. Er ließ sein Handtuch fallen und griff nach ihrer Hand, um sie aus dem Bad zu seinem Bett zu führen.

     Kenna ging so bereitwillig mit, dass er wusste, sie wollte es auch, und so legte er sich zu ihr auf das Bett. Mit einem Ruck riss er vorne ihre Bluse auseinander, so dass die Knöpfe absprangen.

     "Hm …"

     Nachdem er auch ihren BH geöffnet hatte, streifte er ihn und die Bluse über ihre Schultern. "Na also. So ist es schon ein bisschen besser."

     Sie sog scharf den Atem ein, als er seinen Mund auf eine ihrer nackten Brüste senkte, und wand sich hilflos unter der erotischen Attacke.

     Er streifte ihr ihren Rock ab, dann ihren Slip, bis sie genauso nackt wie er war. "So", sagte er und beugte sich triumphierend über sie.

     "Meinst du, Serena und Josh …"

     "Ja. Und mit etwas Glück tun wir es auch."

     Sie starrte auf seinen Mund. "Wes …"

     Er senkte seinen Mund auf ihren, weil er nicht hören wollte, warum dies nicht sehr klug von ihnen war. Er wusste es bereits, kannte genauestens die Gründe und kümmerte sich nicht darum. Er wollte sich verlieren in der Hitze ihres Verlangens, und fühlte sich so machtlos Kenna gegenüber wie an jenem ersten Tag, als sie in sein Leben getreten war.

     Sie küssten sich lange, und er wurde überwältigt vom drängendsten Verlangen, das er je verspürt hatte. Um dieses Verlangen zu stillen, glitt er an ihrem Körper hinab und bedeckte sie von Kopf bis Fuß mit Küssen.

     "Jetzt", hauchte Kenna atemlos.

     Er brauchte ein Kondom. "Bitte warte einen Moment." Er eilte ins Bad, wühlte in seiner Tasche und ließ sie versehentlich fallen. Schließlich fand er das kleine Päckchen, das er suchte, und auf dem Weg zurück zum Bett riss er die Folie auf. "Wo waren wir?"

     "Falls du es vergessen hast, du brauchtest dringend etwas aus dem Bad."

     Er lachte leise. Die leidenschaftliche Begierde nach Kenna erfüllte sein ganzes Sein, und so streifte er sich eilig das Kondom über und drang endlich in sie ein.

     Sie war so weich, so hingebungsvoll. Er musste seine ganze Selbstbeherrschung aufbieten, um ihr Liebesspiel zu verlängern. Er dachte an die Quartalsabrechnungen, an das Geld, das er auf dem Aktienmarkt verloren hatte, an alles Mögliche, aber da ging ein Beben durch Kennas Körper, und Wes war nicht mehr in der Lage, sich in Zaum zu halten. Gemeinsam mit ihr erreichte er den Gipfel der Ekstase.

     Es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl, fast so, als wäre er gestorben und in den Himmel gekommen. Doch dann schlossen Kennas Arme sich noch fester um ihn, und er wusste, er war noch am Leben.

     Er drehte sich mit ihr, so dass er auf dem Rücken lag und sie an seiner Seite, und wappnete sich gegen das übliche Gefühl des Eingeengtseins, das sich nach dem Sex immer bei ihm einstellte. Aber es kam nicht. Eine völlig andere Empfindung stellte sich stattdessen ein. Er wollte bei ihr sein.

     Er rief sich in Erinnerung, dass sie zu verschieden waren. Kenna war launenhaft und überspannt. Zufrieden damit, einfach nur zu sein.

     Er war von Ehrgeiz getrieben, erfolgshungrig und ambitioniert. Und voller Idiotie.

     Tatsache war, dass er Kenna nie wirklich etwas hatte vorwerfen können. Sie mochte zwar launenhaft und überspannt sein, aber sie arbeitete auch hart. Und es fehlte ihr auch nicht an Ehrgeiz und an Engagement. Das Jugendzentrum war der beste Beweis.

     "Wes?"

     "Ja?"

     "Ich habe nicht mit dir geschlafen, damit du unsere Berichte zusammen präsentierst."

     Er lachte.

     Sie nicht.

     Er seufzte und blickte ihr ins Gesicht. "Wenn ich das geglaubt hätte, hätten wir es nicht getan."

     "Ich wollte es nur sagen."

     "Nun … danke."

     Sie richtete sich auf. "Ich muss mich fertig machen."

     Aber er hatte schon wieder Lust. "Also … später dann?"

     Sie schien verblüfft. "Später was?"

     "Später … mehr."

     "Oh."

     Doch sie hob bereits ihre Sachen auf. Als sie ihren Slip anzog, wackelte ihr hübscher kleiner Po. "Ich nehme an, das war ein Nein." Wes stand auf und dachte, er hätte es wie immer halten sollen nach dem Sex, sich umdrehen und schlafen.

     Sie fand ihre Bluse und fluchte, als sie sich an die abgerissenen Knöpfe erinnerte. Das Kleidungsstück landete achtlos auf dem Boden, sie ging ins Bad und zu der Tasche, die dort noch auf dem Boden stand, und wühlte darin, bis sie eins seiner Hemden fand. Nachdem sie hineingeschlüpft war, stieg sie in ihren Rock und wackelte ein bisschen mit den Hüften, um das lange Hemd hineinzustecken. Danach fand sie etwas verspätet ihren BH und steckte ihn in ihre Tasche. "Wes …"

     Er sah ihr in die Augen und las dort eine überraschende Nervosität. "Es ist okay", sagte er. "Es wird schon gut gehen."

     "Bist du sicher?"

     Teufel, nein. "Absolut."

     Sie ging zur Tür, in seinem Hemd, zum zweiten Mal in einer Stunde voll bekleidet, während er noch immer splitternackt war.

     "Wir sehen uns bei der Sitzung", sagte er. "Ich bringe die Berichte mit."

     Sie sah sich um. "Du brauchst meinen nicht mitzubringen."

     "Halt den Mund, Kenna."

     "Ich meinte bloß, dass dies …" Sie zeigte auf das Bett. "Und das …", sie zeigte auf den Bericht, den sie auf seine Kommode gelegt hatte, "nichts miteinander zu tun hat."

     "Hör mal, ich weiß, dass dies …", Wes deutete mit dem Kinn aufs Bett und dann auf die Kommode, "… nichts miteinander zu tun hat."

     Sie nickte erleichtert und verließ das Zimmer.

     Und dann war er allein und fragte sich, warum er sich wie sitzen gelassen vorkam.

Sie hatte es getan. Sie hatte der erotischen Anziehung zwischen ihr und Wes nachgegeben, und was hatte es ihr eingebracht? Einen wunderbaren Höhepunkt. Oder vielmehr sogar zwei.

     In ihrem eigenen Zimmer duschte sie und zog sich an, dann ging sie nur wenige Minuten vor der Vorstandssitzung hinunter. Im Konferenzraum stand ein Tisch mit Essen und Getränken, aber sie hatte ihren Appetit verloren.

     Was hatte sie getan? Sie hatte Geschäftliches mit Vergnügen vermischt. Wie hatte das nur passieren können? Sie kam sich schrecklich fehlgeleitet vor. Verloren. Allein. Dumm.

     "Kenna."

     Sie drehte sich zu dem Mann um, der sie vor einer kleinen Weile noch zum Stöhnen gebracht hatte und den sie förmlich angefleht hatte, mit ihr zu schlafen.

     Er war ernst, sein Mund verkniffen, seine Augen blickten müde und angespannt hinter den Brillengläsern.

     Er hielt ihren Bericht in seiner Hand. "Bist du okay?" fragte er.

     Sie begann zu nicken, aber dann schüttelte sie langsam ihren Kopf. "Ich fühle mich ein bisschen durcheinander."

     "Als wärst du unter einen Lkw geraten?"

     "Ja."

     "Genauso fühlte ich mich auch. Bis ich darüber nachdachte." Er sah sie lange an. "Wir haben als ziemliche Widersacher begonnen, nicht?"

     "Allerdings."

     "Aber es ist nicht so geblieben", sagte er. "Ich denke, wir haben uns einen gegenseitigen Respekt, ja sogar eine Freundschaft aufgebaut."

     "Was vorhin passiert ist, hatte mit Respekt oder Freundschaft nichts zu tun."

     "Aber es war gut." Er lächelte, und ihr Herz machte einen Sprung.

     Ein Glück, dass sie diesmal wasserfeste Wimperntusche benutzt hatte.

     "Es muss nicht so kompliziert sein, Kenna." Er reichte ihr ihren Bericht. "Lass uns hier beginnen, und wenn auch nur, weil es nicht anders geht. Bist du bereit?"

     "Wozu? Muss ich da drinnen denn noch was anderes tun, als Mr. Mallorys Tochter zu sein?"

     "Du bist nicht gern die Tochter deines Vaters?"

     "Doch, natürlich. Außerhalb des Konferenzraums."

     Sein Blick glitt streichelnd über ihr Gesicht. "Dein Bericht ist gut. Versuch, deine Vorschläge durchzusetzen."

     Sie sah sich um, um sich zu vergewissern, dass niemand zuhörte. "Bist du sicher, dass das nicht der Sex ist, der da spricht?" flüsterte sie.

     Er setzte eine schockierte Miene auf. "Was? Ich dachte, du hättest gesagt, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun."

     "Nur um sicherzugehen. Ich meine, falls du sagst, der Bericht ist gut … bekommst du später mehr Sex, stimmt's?"

     Wes grinste. "Würde das denn wirklich funktionieren?"

     Kenna musste lachen. "Ich schäme mich nicht, zu sagen, Ja, das würde funktionieren – aber sag mir trotzdem, dass es nicht so ist."

     "Es ist nicht so." Sein Grinsen verblasste, er wurde wieder ernst. "Tu es, Kenna. Geh hinein und tu deine Arbeit. Du bist gut."

     "Ich weiß." Sie warf einen Blick auf das Büfett. Es gab auch Schokoladendoughnuts. Gut. Sie brauchte einen. Zwei. Sie brauchte definitiv zwei für diese Sitzung.

 

17. KAPITEL

 

In der gesamten Zeit, in der Wes vor dem Vorstand sprach, war die einzige Person, derer er sich bewusst war, Kenna. Alle schienen zuzuhören, nickten, lächelten oder was auch immer, aber das alles interessierte Wes im Grunde nicht … bis auf das, was Kenna dachte.

     Würde sie es tun? Aufstehen und verlangen, dass man ihre Vorschläge berücksichtigte?

     "Exzellent, Roth", sagte Mr. Mallory, als Wes geendet und alle applaudiert hatten. "Danke. Unser neues Hotel macht sich besser, als ich gehofft hatte, und wir wissen, dass wir das Ihnen zu verdanken haben."

     "Ich habe nicht allein gearbeitet."

     Mr. Mallory sah Kenna an. "Es freut mich, dass meine Tochter Ihnen behilflich sein konnte."

     Kennas Lächeln verschwand nicht, aber schließlich war sie ja auch eine Mallory. Und die waren zäh und nicht leicht unterzukriegen. "Sie hat weit mehr getan, als mir zu helfen", erklärte Wes. "Und sie hat auch einen Bericht erstellt."

     Mr. Mallory zog eine Augenbraue hoch und blickte seine Tochter an.

     Kenna stand auf und trug mit fester Stimme den Vorstandsmitgliedern vor, was sie von den Prämien hielt, die an leitende Angestellte gegangen waren, statt dem Personal, das sie sehr viel nötiger hatte, zugute zu kommen, und wie sie über die fehlenden Kindertagesstätten für die Angestellten dachte. Sie sagte dem Vorstand ihre Meinung über die nicht vorhandenen Programme für Mutterschaftsurlaub und erläuterte ihnen, ihr Konzept für freiwillige soziale Leistungen. Sie sprach über Kosten und empfahl Alternativen.

     Dann unterbrach ihr Vater sie. "Das sind kostspielige Ideen, Kenna."

     "Ja", stimmte sie ihm zu. "Aber wenn du dir die Finanzierung ansiehst, sind sie es wert. Insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass diese Investitionen dem Konzern im Endeffekt mehr einbringen als die Erfolgsprämien."

     Ihr Vater nickte. "Ich werde darüber nachdenken. Danke, Kenna. Was steht als Nächstes auf der Tagesordnung?"

     Mit unbewegter Miene setzte Kenna sich.

     Wes wartete darauf, dass sie ihn ansah, damit er ihr zulächeln konnte, um sie ein bisschen glücklicher zu stimmen, aber sie blickte nicht in seine Richtung.

     Mr. Mallory setzte die Sitzung fort, ohne seine Tochter noch mal anzusprechen. Nicht einmal, als die Sitzung vorüber war, redete er mit ihr.

     Wes vermutete, dass dies der Augenblick war, in dem ihm bewusst wurde, dass seine Loyalität gewechselt hatte.

Kenna ging an diesem Abend nicht zu Wes aufs Zimmer. Sie hatte vor, ein langes, heißes Bad zu nehmen und, was bei ihr nur selten vorkam, ausgiebig zu schmollen.

     Aber Wes kam zu ihr.

     Als sie ihm die Tür öffnete und beiseite trat, um ihn hereinzulassen, redeten sie nicht.

     Sie versuchten es nicht einmal.

     Aber sie taten ihr Bestes, um die Bettlaken in Flammen zu setzen. Die Dusche. Den Fußboden im Schlafzimmer.

     Und irgendwann tief in der Nacht schlief sie in seinen Armen ein.

     Sie erwachte allein. Er hatte eine Nachricht auf ihr Kissen gelegt – ein Blatt Hotelbriefpapier, auf das er einen Smiley gemalt hatte.

     Das brachte sie zum Lachen. Im Grunde war sie sogar froh, allein aufzuwachen, denn was hier in Los Angeles geschehen war, sowohl mit Wes als auch im Konferenzzimmer, hatte sie ein bisschen aus dem Gleichgewicht gebracht. Sie musste es in ihrem Kopf trennen und darüber nachdenken.

     Am Montag dachte sie, sie sei sich über alles klar geworden. Einiges von dem, was sie und Wes miteinander erlebt hatten, war aufrichtige Zuneigung. Aber überwiegend war es doch wohl nur pure Lust gewesen.

     Und nun hatten sie es höchstwahrscheinlich hinter sich. Angesichts dieser Erkenntnis war die Arbeit leichter, als sie gedacht hatte. Die Sitzungen hinderten sie und Wes daran, über Privates zu sprechen, und nach einem kurzen Anflug von Enttäuschung beschloss Kenna, dass das ganz gut so war. Sie brauchten die Dinge nicht mit einer Diskussion zu komplizieren.

     Außerdem, was sollte sie ihm sagen? Danke für den besten Sex, den ich je hatte. Ich werde ein Hotelbadezimmer nie wieder so wie früher sehen.

     Nach der Arbeit fuhr sie zu ihrem Elternhaus. Das Montagabend-Dinner mit der Familie erwies sich als genauso qualvoll wie sonst auch, und keine drei Minuten, nachdem es begonnen hatte, wünschte Kenna sich schon wieder fort.

     Ray hatte versucht, sie zu einem gemeinsamen Abendessen mit ihm und seiner neuesten Eroberung zu überreden. Sie hätte hingehen sollen, dann ginge es ihr jetzt besser.

     Aber stattdessen war sie hier. Und beherrscht von einer merkwürdigen Ruhelosigkeit, derer sie sich nicht zu erwehren wusste. Verdammt, sie hasste es, sich selbst zu bemitleiden. Sie zwang sich, sich zusammenzureißen. Keine wehleidigen Gedanken mehr, nicht einen einzigen. Sie versprach sich ein Dessert, falls es ihr gelang, ihr Lächeln zu bewahren.

     Alle anderen hatten jemanden. Ihre Mutter und ihr Vater. Ihre Tante und ihr Onkel. Dann kamen Serena und Josh und blickten einander in die Augen, bis es Kenna übel wurde.

     "Das Essen wird gleich serviert", sagte ihre Mutter. Sie blieb stehen, um ihre Tochter genauer in Augenschein zu nehmen, und runzelte die Stirn. "Kenna, du siehst ein bisschen blass aus. Du arbeitest zu viel. Das habe ich deinem Vater auch schon gesagt."

     "Worüber er natürlich gelacht hat." Kenna sah Serena und Josh um die Ecke biegen. Joshs Schlips hing schief. Serena hatte ein dümmliches Lächeln im Gesicht.

     "Lachen?" Ihre Mutter runzelte die Stirn. "Warum sollte er das tun? Tatsächlich stimmte er mir sogar zu. Er hat mir erzählt, wie viel Mühe du dir gegeben hast."

     "Das hat er gesagt?"

     "Dein Vater ist kein sentimentaler Mensch, das weißt du. Er gerät nicht oft ins Schwärmen, wenn jemand engagiert arbeitet, aber er bemerkt es. Denk ja nicht, dass er es nicht tut." Ihre Mutter warf einen prüfenden Blick auf ihr makelloses Kleid und strich ihr Haar zurück. "Ist Serena nicht bezaubernd heute Abend mit ihrem neuen Verehrer?" Sie ging in die Küche, und da Kenna nichts anderes zu tun hatte, folgte sie ihr. "Ich hoffe nur, er behandelt sie auch gut."

     Kenna lachte und nahm sich etwas von dem Tablett mit den Hors d'oeuvres auf der Anrichte. "Hast du da nicht was verwechselt? Ich hoffe, sie behandelt ihn gut."

     "Dann ist Josh also ein netter Mann? Oh, das ist gut. Deine Tante war schon so besorgt. Ich weiß, dass er nicht von besonders guter Herkunft ist, nicht, dass das wichtig ist, aber …"

     "Er ist ein anständiger Mann. Seine Familie ist …" Stark, fügte sie im Stillen hinzu. Intelligent. Sexy. Mit einem Mal sehnte sie sich unbändig nach Wes. Ihr Vater kam in die Küche. "Wir hatten noch keine Gelegenheit, ein privates Wort zu wechseln seit der Sitzung. Du warst großartig."

     "Was?"

     "Hörst du schlecht? Dein Vorschlag war solide."

     "Du hasstest meinen Vorschlag."

     Ihr Vater setzte eine schockierte Miene auf. "Natürlich nicht."

     "Du hast mir in keinem einzigen Punkt zugestimmt."

     "Ja, nun, das war geschäftlich. Aber du warst gut vorbereitet, warst scharfsinnig und gut verständlich." Er lächelte. "Ich war stolz auf dich."

     "Du warst stolz auf mich?" Kenna sah ihre Mutter an, die ebenfalls vor Stolz strahlte.

     "Absolut. Wir stellen hohe Erwartungen an dich."

     "Im Hotel."

     "Ja."

     Kenna holte tief Luft. "Dad, ich habe es versucht, und ich werde dir auch den Rest der sechs Monate geben, die ich dir versprochen habe, aber dies ist kein lebenslanger Beruf für mich. Mir fehlt einfach die dazu notwendige … Begeisterung."

     "Sagte ich dir nicht gerade, wie erfreut ich über deine Fortschritte bin?"

     "Ja, und glaub mir, das habe ich immer von dir hören wollen." Das Komische war nur, dass die Welt nicht stehen blieb. Ihr Herz nicht schneller schlug. Und niemand war überraschter als sie selbst, als sie sagte: "Es tut mir wirklich Leid. Aber ich möchte einfach nur etwas anderes tun."

     "Was?"

     Kennas Lächeln fiel ein bisschen zittrig aus, weil sie dachte, dass, obwohl ihr der Gedanke gerade erst gekommen war, sie es womöglich schon die ganze Zeit gewusst hatte. "Ich möchte nichts dazu sagen, bis ich die Stelle angenommen habe. Was ich allerdings nicht eher tun werde, bis ich dir die versprochene Zeit gegeben habe."

     Ihr Vater sah ihre Mutter an, die nickte. Er seufzte. "Ich wollte dich in diesen Posten hineindrängen, ich hatte so gehofft, es würde funktionieren. Aber wenn es das nicht tut, musst du dich nicht an dein Versprechen halten. So egoistisch bin ich nicht."

     Kenna starrte ihn an, dann umarmte sie ihn stürmisch. "Erinnerst du dich an den Ferrari, den du mir in Aussicht gestellt hast?"

     "Natürlich. Erzähl mir nicht, du wolltest ihn immer noch haben."

     "Nein. Weil ich nämlich eine viel bessere Verwendung für das Geld habe. Es ist für einen guten Zweck."

     Ihr Vater warf ihr einen langen Blick zu. "Aber ganz legal, nicht wahr?"

     Sie lachte und umarmte ihn von neuem. "Vollkommen legal."

Kenna hatte eigentlich auf direktem Weg zum Jugendzentrum fahren wollen, um Sarah zu sehen, aber dann machte sie einen Umweg und fuhr zu Wes. Sie war noch nie bei ihm zu Hause gewesen und hatte sich von ihrem Vater die Adresse geben lassen. Sie wollte einfach nur mit Wes reden, ihm von den Dingen erzählen, über die sie nachgedacht hatte … und na ja, vielleicht hatte sie auch beschlossen, dass es nicht nötig war, zu leiden und sie ruhig ein bisschen unverbindlichen Sex miteinander haben konnten. Alles im Namen der Therapie natürlich, aber er war nicht in seinem kleinen und erstaunlich hübschen Haus am Strand. Sie hinterließ ihm eine Nachricht an der Tür – einen Smiley.

     Weiter also. Sie fuhr durch San Diego in Richtung "Teen Zone", denn was sie noch mehr brauchte als ein bisschen unverbindlichen Sex, war, zu sehen, ob sie ihre Idee so umsetzen konnte, dass sie sich ihr mit voller Leidenschaft widmen konnte.

     Ein Mädchen saß auf den Eingangsstufen zu Sarahs Haus, aber erst als Kenna ins Licht trat, sah sie, dass es Lyssa war. "Erzähl mir nicht, du sitzt hier draußen, um zu rauchen", sagte Kenna. "Auf Lungenkrebs kann ich verzichten, vielen Dank."

     "Ich rauche nicht." Lyssas Stimme brach. "Ich häng nur so herum." Sie begann zu weinen.

     Kenna setzte sich neben sie und widerstand dem Impuls, sie zu umarmen. "Hat sich irgendein Junge dir gegenüber wie ein Blödmann benommen?"

     "Sie sind alle Blödmänner."

     "Ja, in deinem Alter zumindest sind sie es." Kenna seufzte. "Kennst du das Märchen 'Aschenputtel'?"

     Lyssa lehnte sich zurück und bedachte sie mit einem harten Blick, der Kenna daran erinnerte, dass dieses Mädchen nichts gehabt hatte, was einer einigermaßen behüteten Kindheit auch nur nahe kam. "Wollen Sie mir etwa erzählen, mein Märchenprinz wartete schon an der nächsten Ecke?" fragte sie.

     Kenna lächelte. "Ja."

     "Hat er ein Auto?"

     Kenna lehnte sich zurück und betrachtete die Sterne. "Das kann ich nicht sagen, aber ich bin ziemlich sicher, dass er irgendwo da draußen ist."

     "Er lässt sich aber ganz schön Zeit damit, mich zu finden."

     "Ja." Kenna hatte immer das gleiche Problem gehabt. Tatsächlich hatte sie sich jedoch nie wirklich umgesehen. Sie war nie eins dieser Mädchen gewesen, die von Ehe, Kindern und einem weißen Lattenzaun träumten. Sie hatte immer nur sich selbst verwirklichen wollen, und darin war sie bisher ziemlich gut gewesen. Vielleicht wurde es also langsam Zeit, über einen Märchenprinzen für sich nachzudenken.

     Aber dieser Märchenprinz, wer immer er auch sein mochte, würde nicht verstehen, dass sie wilden Sex mit Wes wollte. Ganz gewiss nicht. Vielleicht sollte sie Wes zu ihrem Märchenprinzen machen.

     Ihr Herz schlug schneller bei diesem Gedanken, denn er sah gut aus, er war lustig und sie war bereits mehr als nur etwas verliebt in ihn.

     "Kenna?"

     Sie merkte, dass Lyssa sie ansah. Wo waren sie stehen geblieben? Ach ja, beim Märchenprinzen. "Küss nur nicht zu viele Frösche, während du auf sein Erscheinen wartest. Oder besser noch, sitz nicht herum und warte auf ihn, sondern such dir den aus, den du willst."

     Lyssa lachte und wischte sich mit dem Ärmel über ihre Augen. "Ich soll ihn mir also einfach holen?"

     "Ja, aber falls er mehr will als dich küssen …"

     "Verwandle ich ihn in einen Frosch?"

     "Ja. In einen richtig hässlichen mit Warzen."

     Wieder lachte Lyssa, und es tat Kenna gut, sie lächeln zu sehen und zu wissen, dass sie ihr hatte helfen können.

     Ein paar Minuten saßen sie in kameradschaftlichem Schweigen zusammen und schauten in die Nacht hinaus, dann sagte Lyssa: "Also wo ist Ihr Prinz? Ist er auch irgendwo da draußen?"

     "Meinen eigenen Regeln zufolge müsste er es sein."

     "Sind Sie ihm schon begegnet?"

     "Ich hoffe." Sie sah eine Sternschnuppe. "Ich hoffe es sehr." Sie gab der Versuchung nach und umarmte Lyssa, bevor sie sich erhob. "Ich muss mit Sarah sprechen."

     "Worüber?"

     Kenna atmete tief ein. "Ich erzähle es dir, wenn es abgemachte Sache ist."

     Lyssa blinzelte. "Okay." Sie wartete, bis Kenna die Eingangstür erreicht hatte. "Werden Sie hier arbeiten?"

     "Bist du in der Schule auch so schlau?"

     "Was, glaubten Sie etwa, ich könnte es mir nicht denken?"

     "Also gut, ich möchte hier arbeiten." Kenna wollte nicht nur ihren Vater dazu bringen, das Geld zu stiften, das ein Ferrari kosten würde, und dem Jugendzentrum ab und zu einen Besuch abstatten. Sie wollte die zusätzlichen Collegekurse belegen, die sie brauchte, um die Jugendlichen zu beraten. Das, kombiniert mit ihrer eigenen Lebenserfahrung, müsste eigentlich ausreichen, um hier von Nutzen sein zu können. Und es würde sie mit Begeisterung erfüllen.

     Die Stunden würden lang und die Bezahlung knapp sein, aber was war daran neu? In der Zwischenzeit würde sie sich freiwillig zur Arbeit melden. Einfach indem sie ihre Zeit gab und half, so gut sie konnte. "Fändest du es gut, wenn ich hier arbeiten würde?"

     Lyssa zuckte mit den Schultern. "Klar."

     Nicht gerade eine überschwengliche Reaktion, aber von Lyssa konnte man kaum lauten Beifall erwarten.

     Aber dann verdrehte Lyssa die Augen. "Na klar, Kenna." Sie grinste breit. "Du wärst fabelhaft."

     Ja. Sie würde fabelhaft sein.