3. KAPITEL

Er bestand darauf? Warum das?

     Vielleicht witterte er wie Neal damals die Chance, über sie zum Film zu kommen und viel Geld zu machen. So blendend, wie er aussah, hatte er tatsächlich gute Aussichten, eines Tages groß rauszukommen. Allein der Gedanke, dass er sie nur als Trittstein auf dem Weg zu ihrem Vater betrachtete, verursachte ihr Übelkeit.

     Wenn sie sich aber über seine Motive täuschte, was konnte dann der Grund sein, dass er so plötzlich seine Meinung geändert hatte? Dieser Mann konnte jede Frau haben, die er wollte.

     Alex zog die Brauen hoch. "Warum auf einmal so schweigsam?"

     Diese Frage aus seinem unwiderstehlichen Mund war wie eine Kampfansage, die in einer trügerischen, samtig weichen Stimme ausgesprochen wurde. Ein Zittern durchlief sie bis hinab in die Zehenspitzen. Sie brauchte nicht zweimal über sein Angebot nachzudenken. Schon die Aussicht, die nächsten drei Wochen mit Alex Martin unter einem Dach zu leben, war aufregend. Am liebsten wäre sie vor Freude in die Luft gesprungen.

     Aber sie musste aus verschiedenen naheliegenden Gründen zweimal darüber nachdenken: Anstand, gesunden Menschenverstand und Selbstschutz – besonders Selbstschutz – wollte sie nicht unbesehen über Bord werfen. Er konnte ähnlich wie ihr Vater launisch und anmaßend sein, und genau davor wollte sie für eine Weile fliehen.

     Dann gab es noch die weniger naheliegenden Gründe wie beispielsweise den Umstand, dass ihr Vater auf ihre bloße Empfehlung hierherkam, um den wichtigsten Film seiner Karriere zu drehen. Wenn sie sich jetzt mit Alex überwarf und er beschloss, den Vertrag aufzulösen, hätte sie ihre liebe Not, das ihrem Vater, geschweige denn der Produktionsfirma zu erklären.

     Viel Geld hatte die Seiten gewechselt. Für beide Männer stand zu viel auf dem Spiel, als dass jetzt wegen ihr Ärger aufkam.

     Sie steckte schon zu tief in dieser Geschichte drin, um sich zu diesem Zeitpunkt auf eine Auseinandersetzung einzulassen. Eine innere Stimme flüsterte unüberhörbar, dass es klug wäre, bei ihm zu bleiben. Und Dana wusste, dass so ein Angebot nie wieder ihren Weg kreuzen würde. Warum sollte sie ihn nicht beim Wort nehmen? Es bräuchte nachgerade unmenschliche Kräfte, diese Gelegenheit auszuschlagen.

     "Danke, Alex. Ich werde mir Mühe geben, Ihnen nicht in die Quere zu kommen."

     Egal in welchem Zimmer sie schlafen würde, sie wollte dafür sorgen, dass es nicht in seiner Nähe sein würde. Als sie sein Schoss als klein bezeichnet hatte, hatte sie gemeint, dass es mit dem Ausmaß von Chambords mit seinen 440 Zimmern nicht mithalten konnte, aber es war immer noch groß genug, um sich zu verlaufen.

     Ein merkwürdiges Funkeln in seinen Augen war das einzige Zeichen dafür, dass ihre Antwort ihn überrascht hatte. "Wenn das geklärt ist, können wir jetzt raufgehen, oder? Sie können sich im zweiten Stock ein Zimmer aussuchen."

     Einvernehmlich wandten sie sich dem herrlichen Treppenhaus zu. "Wie viele gibt es da?"

     "Sechs."

     Während sie darüber nachdachte, wo sich wohl sein Schlafzimmer befand, las er anscheinend ihre Gedanken. "Ich habe für mich den Salon, der direkt vom Foyer abgeht, vorübergehend in ein Arbeits- und Schlafzimmer umgewandelt."

     Zwischen ihnen würde also ein Stockwerk liegen. Das war gut.

     Als sie die lang gestreckte Diele betraten, war sie von dem Anblick überwältigt. "Das ist ja wie das Rippengewölbe in Chenonceau! Einfach unglaublich!"

     Alex nickte. "Natürlich nur in einem kleinen Maßstab." Während er mit langen, kraftvollen Schritten zum Ende des Korridors ging, schaute sie seiner hochgewachsenen, muskulösen Gestalt nach. "Lassen Sie uns mit dem Schlafzimmer im Erkerturm anfangen."

     "Oh!", rief sie in dem Augenblick, als er die Tür öffnete und sie den Raum überblicken konnte. "Den möchte ich!"

     Ein Lächeln zeigte sich in den Winkeln seines sinnlichen Mundes. "Sind Sie sicher? Sie haben die anderen noch gar nicht gesehen. Das Erkerzimmer auf der anderen Seite hat einen Kamin."

     "Ich bin ganz sicher. Schauen Sie sich dies hier an!" In den Holzboden waren in unregelmäßigen Abständen Lilienmuster eingelegt. Sie kniete sich hin, um die Intarsien aus der Nähe zu betrachten.

     "Wenn der erste Innenarchitekt dieses Schlosses gesehen hätte, dass eine Frau im 21. Jahrhundert seine aufwendigen Handwerksarbeiten so aufmerksam studiert, wäre er von dem Anblick sicherlich entzückt gewesen."

     "Machen Sie sich nur über mich lustig", antwortete sie mit einem Lachen und stand wieder auf. In den nächsten Minuten war sie, den Kopf in den Nacken gelegt, in die Betrachtung der quer verstrebten Decke versunken. An manchen Stellen waren weiß emaillierte und in Gold gefasste Ovale ins Holz eingelassen, die Blumen und verschiedene Waldtiere zeigten. "Wie haben die das nur gemacht? Wie haben die das alles hier bloß gemacht?"

     Sie sah zum Fenster, das von außen und innen zwar dringend geputzt werden musste, aber immerhin heil war. Der ganze Raum konnte eine gründliche Reinigung gut gebrauchen, um die Schichten von jahrealtem Staub loszuwerden. Doch auch in diesem Zustand konnte man die wunderschöne Aussicht genießen und den ganz besonderen Charme dieses Zimmers wahrnehmen. Sie drehte sich zu ihm um. "Glauben Sie, dass dies das Zimmer Ihrer Mutter gewesen ist?"

     Ihre Frage schien ihn nachdenklich zu machen und löste bestimmt schmerzliche Erinnerungen aus. Sie wünschte, sie wäre nicht so unbedacht mit ihrer Frage herausgeplatzt.

     "Meine Mutter hat hier gelebt, bis sie Anfang zwanzig war. Ich habe keine Ahnung, welches Zimmer ihres war, aber es würde mich nicht überraschen, wenn es das gewesen wäre. Der Ausblick auf den Fluss Layon ist von hier oben fast überirdisch schön."

     "Ja, das habe ich bemerkt", murmelte Dana. "Ich bin froh, dass sie Ihren Vater kennengelernt hat und nicht mehr einsam war."

     Alex verlagerte sein Gewicht. "Einsam ist eine interessante Wortwahl."

     "Das war sie doch, oder? Wenn ihr Vater ihr den Bruder vorgezogen hat?"

     "Wahrscheinlich haben Sie recht. Meine Mutter machte oft einen melancholischen Eindruck, so wird das zumindest gern genannt. Aber Ihre Beschreibung trifft es besser. Selbst in einem überfüllten Raum strahlte sie manchmal Einsamkeit aus, sehr zum Kummer meines Vaters."

     "Verzeihen Sie, dass ich das Thema angesprochen habe. Es geht mich überhaupt nichts an. Die Atmosphäre dieses Zimmers hat wahrscheinlich meine Fantasie angeregt."

     "Nun, schließlich sind Sie die Tochter Ihres Vaters, es ist also verständlich."

     "Wenn Sie mir sagen, wo ich Putzsachen finde, fange ich hier an, bevor ich meinen Schlafsack hochbringe."

     Er schüttelte den Kopf. "Ich habe eine bessere Idee. Wir fahren mit meinem Auto nach Angers und essen dort zu Mittag. Ich muss ohnehin einiges erledigen. Und dann kaufen wir Ihnen einen Lattenrost und eine neue Matratze."

     "Das brauchen Sie nicht."

     "Ich erlaube es Ihnen nicht, die drei Wochen hier im Schlafsack zu schlafen. Wenn wir zurückkommen, putzen wir zusammen das Zimmer, und ich hole Ihnen ein paar Möbel von oben. Bei Sonnenuntergang wird Rapunzel sich in ihrem Turm eingerichtet haben."

     Sie kicherte, um ihre Aufregung darüber zu verbergen, dass sie den Tag mit ihm verbringen würde, vom Rest des Monats gar nicht zu reden.

     "Ich fahre den Wagen vor. Wenn Sie sich frisch gemacht haben, treffen wir uns draußen. Ich zeige Ihnen jetzt das Bad."

     Als sie wenige Minuten später ins Freie trat, lehnte Alex gegen einen blauen Pick-up, dessen Ladefläche mit abgeschnittenen Ästen und Buschwerk, an dem noch die Wurzelballen hingen, beladen war. Dana ging davon aus, dass er diese Knochenarbeit allein bewerkstelligte. Im Grunde wäre es ein Job für ein halbes Dutzend Landschaftsgärtner, das Grundstück auszuputzen, doch er konnte Hilfskräfte nicht bezahlen, weil die Steuer ihn bei lebendigem Leib auffraß.

     Sie spürte den Blick seiner dunklen Augen auf sich, während sie auf das Auto zuging. Er schien sie zu durchbohren, und ihr Puls beschleunigte sich. Trotzdem wäre auf der Fahrt in die Stadt alles okay gewesen, hätten sich ihre Körper nicht berührt, als er ihr beim Einsteigen behilflich war. Sie hielt den Atem an und fürchtete, dass ihm ihre Reaktion nicht entging. Nun saß sie regungslos neben ihm auf dem Beifahrersitz und musste so tun, als sei sie nicht gerade elektrifiziert worden.

     "Es wird nicht lange dauern", sagte er kurze Zeit später und riss sie aus ihren wirren Gedanken. Sie hatten an einem Bauhof angehalten, wo man die Grünabfälle entladen konnte. Glücklicherweise gab es einen Angestellten, der sehr hilfsbereit war, und so fuhren sie wenig später wieder auf der Straße Richtung Angers. In einer Kurve kam das wuchtige Schloss, das die Stadt überragte, in Sicht.

     "Waren Sie schon oben?"

     Sie verneinte kopfschüttelnd. "Noch nicht, aber ich will noch hin. Was ist mit Ihnen?"

     "Ein Blick auf den Zustand von Belles Fleurs hat genügt, und meine touristischen Ambitionen sind durch die zerbrochenen Fensterscheiben davongeflogen."

     Dana warf ihm einen Seitenblick zu. "Sie wissen doch sicher, dass man vom vielen Arbeiten auch abgestumpft werden kann."

     "Wollen Sie zufällig andeuten, dass ich abgestumpft bin?"

     "Vielleicht nicht …", sagte sie, bevor sie sich wünschte, sie hätte es nicht gesagt.

     "Sie können mich jetzt nicht mit diesem Halbsatz hängenlassen!" Sein Ausruf klang brummig, aber er lächelte dabei. Wenn er das tat, verwandelte er sich in den attraktivsten Mann, dem sie jemals begegnet war.

     Dana war froh, als er in eine schmale Seitenstraße abbog und den Wagen auf der Höhe eines Cafés parkte, in dem sich Einheimische und Touristen tummelten. Sie stieg rasch aus, bevor er um das Auto herumkommen konnte.

     Im Halbschatten unter einem Sonnenschirm gab es noch einen freien Tisch, und Alex führte sie dort hin, ehe ihnen jemand zuvorkam. Am Morgen waren die Temperaturen noch mäßig gewesen, aber inzwischen war es heiß. Ein Kellner trat zu ihnen und nahm ihre Bestellung auf.

     Alex schaute Dana an. "Ich könnte zu den Baguettes eine Tasse Kaffee vertragen, aber vielleicht mögen Sie lieber etwas Kaltes. Die Luftfeuchtigkeit ist heute sehr hoch."

     "Kaffee klingt gut." Der Kellner nickte und verschwand. Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. "Ich dachte, dass die meisten Franzosen lieber Tee trinken."

     "Ich bin mit Kaffee groß geworden. Tee ist nicht meine Sache"

     "Ich bin auch ein großer Kaffeefreund." Sie lächelte. "Sie wirken so französisch, dass ich vergesse, dass Sie eigentlich Australier sind."

     "Gut, dass mein Vater das nicht mehr hört."

     Nach einer kurzen Pause fragte sie: "Wann werden Sie wieder nach Hause fliegen?"

     "Ich habe kein Zuhause im traditionellen Sinn. Durch die Arbeit meines Vaters sind wir wie Globetrotter gewesen. Meine Mutter starb an der Elfenbeinküste und Vater in Bali, wo wir zu der Zeit beide für dieselbe Firma gearbeitet haben. Meine Eltern sind in Brisbane begraben."

     "Nun, jetzt haben Sie ja ein Zuhause."

     "Ein Vermächtnis, meinen Sie. Ich bin mir nicht sicher, ob es den Einsatz wert ist."

     Sie wünschte, sie könnte seine Stimmung etwas aufheitern. "Wohl wahr. Sie haben ja andere Pläne. Wo in den Staaten wollen Sie sich niederlassen?"

     "Louisiana. Dort kann ich meine beruflichen Qualifikationen am besten einsetzen."

     "Dann sind Sie in Eile?"

     Der Kellner servierte ihre Bestellungen, erst dann antwortete Alex. "Ich war mir dessen gar nicht bewusst, aber vermutlich stimmt es."

     Während er sein Schinken-Käse-Baguette in Angriff nahm, trank sie einen Schluck heißen Kaffee. "Klingt, als hätte die Lebensweise Ihres Vaters auf Sie abgefärbt."

     Der Blick, den er ihr zuwarf, war von überraschender Intensität. "Dem Wenigen nach zu urteilen, das Sie mir erzählt haben, sind Sie in ähnlicher Weise geplagt worden."

     "Geplagt? Eine merkwürdige Wortwahl." Aber sie verstand natürlich, was er meinte. Das jahrelange Reisen durch Europa, immer auf der Suche nach neuen Drehorten für ihren Vater, hatte sie daran gehindert, an einem Ort wirklich Fuß zu fassen. Das bedeutete aber keineswegs, dass sie sich nicht sehr gut vorstellen könnte, unter bestimmten Voraussetzungen irgendwo heimisch zu werden.

     "Manche Leute verlassen nie den Ort, an dem sie geboren wurden", murmelte er. "Und ich schätze, dass sie den wichtigsten Geheimnissen des Lebens auch auf die Spur gekommen sind."

     "Sie meinen, im Unterschied zu uns Nomaden, die hin und her düsen auf der Suche nach etwas Unbestimmtem?"

     In seinen Augen blitzte es amüsiert auf. "So etwas in der Richtung, ja."

     "Nun, müsste ich eine Wahl treffen, ich nähme mein Leben. Anders könnte ich schließlich nicht meinen Traum leben. Mein Kleinmädchentraum: Prinzessin auf einem Schloss in einem weit entfernten Land zu sein. Ist auch nicht wichtig, dass er in einem Monat aufhört. Ich habe vor, jede einzelne Minute zu genießen – dank Ihrer Großzügigkeit."

     Plötzlich merkte sie, dass sie zu viel redete, und aß ihr Salami-Baguette auf.

     "Das, denken Sie, ist es?" Die Frage ließ ihren Pulsschlag nach oben springen. "Kleine Jungs haben auch Träume", kam die schelmische Nebenbemerkung.

     Wärmestrahlen durchfluteten ihren Körper.

     "Aber meine Mutter hat mir gesagt, dass sie nicht für die Ohren kleiner Mädchen bestimmt sind." Nachdem sie ihren letzten Schluck Kaffee ausgetrunken hatte, wagte sie ihn anzublicken. "Für wie jung haben Sie mich gehalten, als wir uns das erste Mal begegnet sind?"

     "Zu jung", war alles, was er bereit war zuzugeben. Er legte etwas Geld auf den Tisch und stand auf. "Wenn Sie so weit sind, gehen wir die Einkäufe erledigen. Ich würde vorschlagen, die Lebensmittel zum Schluss."

     Sie nahm sich vor, ihren Anteil zu bezahlen. Er ließ sie zwar im Château schlafen, doch darüber hinaus erwartete sie nichts.

     Nachdem sie in einem Baumarkt gewesen waren, nahm er sie mit in den dritten Stock eines Kaufhauses, wo die Bettenabteilung untergebracht war. Alex hielt Ausschau nach einem Verkäufer und unterhielt sich dann in Französisch mit ihm. Sie sprachen so schnell, dass Dana kein einziges Wort verstand. Nach wenigen Augenblicken schaute der junge Angestellte sie an und grinste breit.

     "Ich glaube nicht, dass ich eine Übersetzung möchte."

     Alex verzog den Mund zu einem Grinsen. "Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Als er mich fragte, welche Art von Matratze wir denn suchten, fragte ich ihn einfach, ob er das Märchen von der Prinzessin auf der Erbse kennen würde. Er sagte, er habe das perfekte Modell für Sie."

     Sie versuchte nicht zu lachen. "Ich verstehe."

     Der Verkäufer breitete in typisch französischer Manier die Hände aus. "Möchte Mademoiselle die Matratze ausprobieren?"

     Alex antwortete für sie. "Sie sagt Ja." Sie folgten dem Mann über die Etage zu den Ausstellungsstücken.

     "Diese hier ist die beste. Legen Sie sich doch bitte einmal darauf."

     "Seien Sie nicht schüchtern", flüsterte Alex. "Er ist nicht Figaro, der den Platz für Ihr Hochzeitsbett vermisst."

     "Vielleicht denkt er, er würde Ihres ausmessen. Warum legen Sie sich nicht zuerst hin und lassen ihm seinen Willen?"

     Mit beneidenswerter Ruhe streckte sich Alex auf einer Seite der Matratze aus und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Blinzend schaute er zu ihr auf.

     "Venez, Mademoiselle." Der Angestellte klopfte auf die andere Seite. "Der Herr sagte, Sie suchen nach einer Matratze für ein Doppelbett. Probieren Sie, ob sie Ihnen angenehm ist."

     Schließlich wolltest du deine Flügel ausbreiten, Dana Lofgren. Allerdings war sie nicht darauf vorbereitet, sich vor aller Augen neben Alex auf einem Bett auszustrecken. Einige Kunden waren schon mit wachsender Neugierde stehen geblieben und verfolgten die Szene. Wenn sie noch länger zögerte, würde sich die Situation zu einem kleinen Spektakel ausweiten.

     Als sie der Länge nach ausgestreckt lag, wandte sie den Kopf zu Alex. "Wie fühlt sich das für Ihren gebeutelten Rücken an?"

     Er dreht sich zu ihr auf die Seite, was ihn gefährlich nah brachte. "Das haben Sie also bemerkt." Seine Stimme klang tief und besonders verführerisch.

     Wahrscheinlich merkte er, dass ihr alles an ihm auffiel, deshalb sagte sie schnell: "Ich denke, wir sollten sie nehmen. Schauen Sie, obwohl Sie so dicht bei mir liegen, gibt die Matratze kein bisschen nach."

     "Das ist mir auch aufgefallen." Als er jetzt sprach, hatte sie das Gefühl, seine Stimme dringe ihr bis ins Mark. Seine Augen blickten unverwandt auf ihren Mund. Schnell stand sie auf und stand auf wackeligen Beinen in sicherer Entfernung.

     "Eh bien, Mademoiselle?"

     Sie beschloss, dass dies sein Glückstag sein sollte. "Perfekt."

     Er rieb seine Hände gegeneinander. "Ausgezeichnet."

     "Alex, ich gehe noch in die Abteilung für Bettwäsche. Wir treffen uns am Wagen." Ohne sich umzudrehen, ging sie zur Rolltreppe.

     Eine Viertelstunde später trafen sie sich unten auf der Straße, und nachdem sie die Einkäufe verstaut hatten, fuhr er direkt zu einem Laden, wo ihr das Wasser im Mund zusammenlief, bevor sie sich endlich für knusprige kleine Quiches und mit Schinken gefüllte Croissants entschied. Alex kaufte drei Baguettes und dazu Gruyère und Camembert.

     "Ich fühle mich schon zügellos, obwohl ich noch kein einziges Stückchen gekostet habe", stöhnte sie.

     Auf dem Weg zurück zum Auto blitzte in seinen Augen ein teuflisches Funkeln auf.

     "Das war die Idee. Immerhin bin ich heute schon des Stumpfsinns – oder war es Blödheit –? bezichtigt worden."

     "Womöglich habe ich ein wenig übertrieben", sagte sie und erschauerte bei seinem sinnlichen Blick.

     "Vorsicht, Mademoiselle Lofgren, oder ich bekomme den Eindruck, dass Sie mich mit Freundlichkeit umbringen wollen." Sie stiegen ein, und er fuhr los.

     Noch nie in ihrem Leben hatte sie so viel Spaß gehabt, und der Tag war noch nicht vorbei.

 

"Ich komme jetzt den Flur runter, Dana. Ich hoffe, Sie sind fertig."

     Er konnte nicht unterscheiden, ob sie vor Angst oder Amüsement kicherte.

     "Alex, bitte, es ist fast zehn Uhr. Sie haben für heute wirklich genug gemacht! Ich brauche nichts mehr." Sie hatten gemeinsam jeden Zentimeter im Schlafzimmer geputzt, bis alles glänzte.

     "Ich glaube, Sie werden das hier als sehr angenehm empfinden." Um den Weg in ihr Zimmer zu finden, hatte er seine Halogen-Taschenlampe eingeschaltet. Im Erkerzimmer stellte er einen schweren Bodenkandelaber aus Bronze, den er aus dem Lager geholt hatte, nahe beim Kopfteil des Bettes ab. Der Leuchter war fast so groß wie sie selbst.

     Dana hatte ihre Schuhe ausgezogen und kniete auf ihrem neu hergerichteten Bett. Mit dem Feuerzeug entzündete er die zwölf Kerzen, die bereits in ihren Halterungen steckten. Als stiege die Sonne über den Horizont, füllte sich der Raum langsam mit flackerndem, weichem Licht.

     "Oh", entfuhr es ihr.

     Was seine Gefühle ziemlich genau beschrieb. Die Kerzen beleuchteten nicht nur die Intarsienarbeiten des Kleiderschranks und der Kommode italienischer Herkunft, sondern auch die schlichtweg bezaubernde Frau, die den ganzen Nachmittag und Abend hart an seiner Seite gearbeitet hatte. Ihr pfirsichfarbener Teint schimmerte, ihre blauen Augen leuchteten.

     "Die Kerzen brauchen etwa eine Stunde, bis sie heruntergebrannt sind. Genug Zeit also zum Lesen, bis der Jetlag Sie dann wahrscheinlich einholt."

     Sie nickte. "Ich habe das Gefühl, in einer Zeitkapsel zu sitzen."

     "Dieses Gefühl überkommt mich jedes Mal, wenn ich das Schloss betrete." Los, raus jetzt aus ihrem Schlafzimmer. Jetzt. "Bevor ich runtergehe, sollten wir vielleicht noch besprechen, wie Sie morgen mit Ihrem Vater umgehen wollen."

     Ein Flackern glomm in ihren Augen auf, das nichts mit dem Kerzenlicht zu tun hatte. "Wie meinen Sie das, umgehen?"

     "Ich dachte, das wäre klar. Schöne Träume, Prinzessin."

 

Dana hatte keinen Terminplan. Sie musste nirgendwo hin.

     Sie schlief bis Mittag und ließ sich danach viel Zeit in dem überraschend modern ausgestatteten Badezimmer. Alex hatte es auf wunderbare Weise geschafft, das Dekor aus dem 18. Jahrhundert mit zeitgenössischen Accessoires zu kombinieren.

     Gerade als sie wieder ihr Zimmer betrat, vibrierte ihr Handy auf der Kommode. Vielleicht war es Alex, der sich sicher schon fragte, ob sie noch am Leben wäre. Auf einmal war sie ganz atemlos, und ein Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie das Gespräch annahm. "Bonjour!"

     "Bist du es, Dana?"

     Ihr Vater war am Apparat. Eine echte Überraschung. "Hi, Dad. Wie war dein Flug?" Er hasste es, so viele Stunden auf so engem Raum eingesperrt zu sein.

     "Langweilig." Das bedeutete, dass es seiner Geliebten nicht gelungen war, ihn zu abzulenken.

     "Und Saskia?"

     "Sie ist im Metropole Hotel in Angers."

     "Du klingst müde. Wo bist du gerade?"

     "Ich stehe hier in meinem Hotelzimmer im Hermitage", grummelte er. "Aber was mich eigentlich interessiert, ist die Frage, wo du bist. Die Empfangsdame sagte, dass du gestern gar nicht eingecheckt hast." Das hatte er also tatsächlich mitbekommen?

     "Das stimmt. Ich habe mich entschlossen, im Château zu wohnen. Das erspart mir einige Hin- und Rückwege."

     "Ich dachte, es steht leer."

     "Nicht ganz." Sie begann, ihr Haar zu kämmen. "Der Besitzer lebt hier. Er war sehr entgegenkommend und hat für mich eine Ausnahme gemacht. Schlaf doch erst einmal ein paar Stunden und komm dann in deinem Mietwagen her. Ich werde dich am Tor erwarten."

     Für einen Augenblick war es ruhig am anderen Ende der Leitung, dann sagte er: "Ich komme sofort."

     Offensichtlich konnte er es nicht erwarten, mit eigenen Augen zu sehen, was sie für ihn an Land gezogen hatte. Alles hing von ihrer Entdeckung ab.

     "Dann gebe ich dir jetzt die Beschreibung, wie du herfindest." Ohne Saskia im Schlepptau konnte er in Ruhe über das Gelände streifen und nachdenken. Sie erklärte ihm den Weg. "Bis später dann."

     Nachdem sie sich angezogen hatte, lief Dana die Treppen hinunter und trat dann hinaus in einen Tag, der heißer zu sein schien als der gestrige. Oder aber sie hatte die Hitze nicht so gespürt, weil es drinnen im Schloss viel kühler war. Im Schatten der hohen Bäume hatte sie das Gefühl, als liefe sie durch das Hauptschiff einer Kathedrale. Hier und da brachen ein paar Sonnenstrahlen durch das Blätterdach hindurch.

     Als sie aus dem Waldstück heraustrat, sah sie Alex. Er befestigte in der Hocke sitzend gerade etwas an dem schmiedeeisernen Tor. Er trug Jeans und ein weißes T-Shirt, und durch den dünnen Baumwollstoff konnte sie das Spiel seiner Rückenmuskeln erkennen. Ihr Herz schlug so hart, dass sie meinte, er müsste es hören können.

     "Ah, Dornröschen ist erwacht", murmelte er und betrachtete sie vom Kopf bis zu den Zehen. Seine Augen waren so dunkel und sprühend vor Lebendigkeit, dass ein süßes Gefühl des Verlangens sie durchströmte.

     "Sie bringen Ihre Prinzessinnen durcheinander."

     "Nein …" Er wandte sich wieder dem Tor zu und zog eine Schraube mit dem Drehbohrer fest. "Sie sind eine Frau mit vielen Seiten. Ich weiß nie, wann welche in Erscheinung tritt."

     Seine Bemerkung brachte sie zum Lächeln. "Sie beschreiben sich selbst, Alex, aber hören Sie nicht auf damit. Wenn ich hier wegfahre, nehme ich einen ganzen Sack hinreißender Geheimnisse mit."

     Für einen Augenblick verharrte er in der Bewegung. "Wohin fahren Sie als Nächstes?"

     "In eine kleine deutsche Stadt am Rhein, wo der Schluss des Films abgedreht wird."

     Er klopfte sich den Staub von der Jeans und kam auf die Füße. "Treten Sie einen Schritt zurück, und lassen Sie uns sehen, ob meine Installation funktioniert." Er zog eine Fernbedienung aus seiner Tasche und drückte einen Knopf. Langsam setzte sich das Tor in Bewegung und schloss sich automatisch.

     "Bravo. Bedauerlich, dass Sie es nicht früher zum Laufen bekommen haben. Es hätte mich daran gehindert, hier einzudringen, und ich hätte telefonisch eine Verabredung mit Ihnen treffen müssen."

     Bevor sie die Zeit hatte, den nächsten Atemzug zu tun, bedachte er sie mit einem Blick, der durchdringender war als ein Laserstrahl. "Wie Sie bereits vermutet haben dürften, stört mich weder Ihr überraschendes Auftauchen noch der Umstand, dass Sie hier wohnen." Seine Antwort schickte eine Welle der Wärme durch ihren Körper. "Ich finde aber, dass diese Automatik nützlich ist, wenn die Filmcrew hier arbeitet. So bleiben unerwünschte Besucher draußen." Er drückte ihr die Fernbedienung in die Hand. "Das ist Ihre. Ich habe noch welche im Büro, die ich Paul oder wem immer gebe."

     "Vielen Dank."

     Sie spürte seinen Blick auf sich. "Haben Sie mich gesucht?"

     Dana hielt den Atem an. "Nein. Mein Vater ist eben im Hotel losgefahren und wird gleich hier sein. Ich wollte ihn am Tor erwarten."

     Als hätten ihre Worte ihn herbeigezaubert, fuhr in diesem Moment ein roter Wagen auf das Tor zu und kam wenige Meter davor zum Stehen. Ehe Alex etwas sagen konnte, das sie an seine Abschiedsworte gestern Nacht erinnerte, betätigte sie die Fernbedienung, und das Tor öffnete sich.

     "Hi, Dad. Fahr durch."

     Sein kahler Schädel schimmerte in der Sonne, als er nickte und tat, was sie gesagt hatte. Als er durchs Tor durchgefahren war, bremste er und stieg aus. Er war von kräftiger Statur, bewegte sich jedoch geschmeidig. Wie meistens bei der Regiearbeit trug er graue Hosen und ein dazu passendes graues Hemd. Der Blick aus seinen blauen Augen, die einige Schattierungen dunkler waren als ihre, umfasste sie und Alex. Man hätte seinen Ausdruck als feindselig auffassen können, aber Dana war daran gewöhnt.

     "Dad, darf ich dir Monsieur Alexandre Martin vorstellen, der Schlossbesitzer."

     "Monsieur." Die beiden Männer schüttelten sich die Hände.

     "Nennen Sie mich bitte Alex. Ich habe einige Ihrer Filme gesehen und fand sie bemerkenswert. Es ist eine Ehre, Sie kennenzulernen."

     "Vielen Dank. Ihr Englisch ist ausgezeichnet."

     "Sein Vater ist Australier, Dad."

     "Ah, daher der besondere Tonfall, den ich nicht zuordnen konnte."

     "Ganz im Unterschied zu deinem Akzent! Niemand zweifelt auch nur eine Sekunde daran, dass du aus Schweden kommst", witzelte Dana.

     "Das ist leider nur zu wahr." Sein Blick unter den schweren Lidern ging zwischen Alex und Dana hin und her, bevor er sich an Alex wandte. "Meine Tochter hat mich überzeugt. Sie sagte, ich würde von dieser Location nicht enttäuscht sein."

     Alex betrachtete Jan Lofgren aufmerksam. "Warum spazieren Sie nicht allein die Straße dort hinunter. Die linke Abzweigung führt direkt zum Schloss. Die Tür ist nicht verschlossen. Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen. Soweit ich verstanden habe, ist Ihnen die Entdeckung lieber als die Fremdenführung."

     Ihr Vater sah mehr als überrascht aus. Alex hatte aus ihrer Erzählung die richtigen Schlüsse gezogen. Unter vielen anderen Qualitäten bewies er gerade seinen meisterlichen Sinn für Psychologie.

     "Gib mir die Schlüssel, Dad. Ich fahre das Auto zum Schloss und treffe dich dort in ein paar Minuten."

     Als ihr Vater um die Kurve der Auffahrt verschwunden war, drehte sich Dana zu Alex, der gerade sein Werkzeug einsammelte. Sie spürte, dass er es eilig hatte, wieder zu seinem Gehölzschnitt zu kommen. Da er schließlich gestern den ganzen Tag und den Abend damit zugebracht hatte, ihr ein Schlafzimmer herzurichten, das einer Prinzessin würdig war, wollte sie nicht diejenige sein, die ihn nun noch länger von der Arbeit abhielt.

     Als sie schon im Auto saß, streckte sie noch einmal den Kopf zum Fenster hinaus. "Sie sind fantastisch mit meinem Vater umgegangen, Alex. Glückwunsch, Sie gehören zu den wenigen Auserwählten." Das Letzte, was sie im Rückspiegel von ihm sah, als sie den Motor anließ, war sein dunkler, geheimnisvoller Blick.

     Fahr weiter, Dana!

     Wenn sie noch eine Sekunde länger bliebe, würde sie vermutlich etwas unendlich Peinliches rufen, so etwas wie: Brauchen Sie nicht Unterstützung? Sie bemühte sich, jeden Blick in den Rückspiegel zu vermeiden, während sie den Weg entlangfuhr.

     Nachdem sie das Auto neben ihrem geparkt hatte, gab sie ihrem Vater noch ein paar Minuten Vorsprung, bevor sie ausstieg. Dieses Mal war sie sich seiner positiven Reaktion so sicher, dass sie regelrecht geschockt war, als er plötzlich vor dem Schloss auftauchte, das Gesicht leer und ausdruckslos. Der Blick, den sie in seinen Augen erwartet hatte, fehlte.

     "Fahr mir nach, zurück zum Hermitage. Wir müssen reden."