4. KAPITEL

Alex arbeitete ganz oben in der Krone einer der höchsten Bäume und schnitt dort tote Äste aus, als er sah, dass die beiden Autos das Grundstück verließen. Jan Lofgren hatte höchstens zwanzig Minuten auf dem Anwesen verbracht. Das war kurz, doch Alex vermutete, dass der Filmemacher keine Überraschung erlebt hatte. Dana hatte noch weniger Zeit gebraucht, um das Schloss für die Produktionsfirma anzumieten.

     Seine Vermutung hatte sich bestätigt: Jan Lofgren war der personifizierte Dünkel. Dana hatte in dieser Hinsicht wundersamerweise nichts von ihrem Vater.

     Zwei Stunden später, Alex kam gerade von einer Tour vom Bauhof zurück, klingelte sein Handy. Es war Paul Soleri, der nur sichergehen wollte, dass er und die Crew Zutritt zum Gelände hatten. Sie waren alle auf dem Weg zum Schloss.

     Das Timing war perfekt. Ihm blieb Zeit, alle zu begrüßen, die wichtigsten Fragen zu beantworten und sich dann direkt wieder an die Arbeit zu machen. Die Aussicht, dass Dana später am Abend wiederkommen und im Schloss schlafen würde, begleitete ihn den ganzen Tag.

     Wenig später fuhren ein Auto und zwei Minivans vor dem Schloss vor. Alex trat vor die Tür, um Paul und das Dutzend Beleuchter und Kameramänner zu begrüßen, die sich auf dem Vorplatz versammelt hatten. Alle schienen erfreut zu sein von dem, was sie sahen. Ihre Begeisterung wuchs, als sie das Innere des Schlosses betraten.

     Alex stellte sich vor und zeigte der Crew auf einem ersten Rundgang die Toiletten und das Treppenhaus. Er lud sie ein, sich überall in Ruhe umzuschauen – bis auf den Salon im Erdgeschoss und der Westrotunde im ersten Stock stünden ihnen alle Räume offen.

     Paul, der etwa Mitte vierzig sein mochte, nahm Alex beiseite. "War Jan schon hier?"

     "Ja, vor ein paar Stunden. Er ist aber nicht lange geblieben und dann mit seiner Tochter weggefahren."

     Der dunkelblonde Mann verzog nachdenklich die Lippen. "Ich bin nur überrascht, dass ich noch nichts von ihm gehört habe."

     "Vielleicht war er müde von dem langen Flug."

     "Das passt nicht zu ihm", erwiderte er. "Ich habe gedacht, er wäre hier."

     "Ich muss zugeben, dass ich auch ein wenig irritiert war, als er so schnell wieder fuhr."

     "Nun ja, macht nichts. Wir machen erst einmal ohne ihn weiter."

     "Fühlen Sie sich wie zu Hause, Paul. Wie ich Ihnen schon am Telefon gesagt habe, sind die Möbel alle im dritten Stock eingelagert. Es ist nirgendwo abgeschlossen. Bedienen Sie sich."

     Paul stieß einen langen Pfiff aus. "Wenn David das sieht, haut es ihn um."

     "David?"

     "Der Drehbuchautor. Er wird jede Minute mit dem Set-Designer und den Kostüm- und Make-up-Kollegen hier eintreffen. Die werden alle in Ohnmacht fallen."

     "Und ist das gut?"

     "Sie machen sich keine Vorstellung. Jan wollte für diese Szenen etwas absolut Besonderes und Außergewöhnliches. Wir haben befürchtet, dass es so etwas nicht gibt. Wenn überhaupt, dann konnte Dana es finden. Sie hatte schon immer einen Instinkt für die richtigen Orte, aber dieses Mal hat sie sich selbst übertroffen. Zitieren Sie mich nicht, aber ich denke, sie wird eines Tages ihren Vater als Regisseurin übertrumpfen."

     Diese Information kam völlig unerwartet. "Hat sie Ambitionen in Richtung Regie?"

     "Ja, aber die letzte Person, die das erfährt, ist Jan. Und das ist gut so."

     Alex erinnerte sich an ihre Antwort, als er sie fragte, was sie in ihrer Freizeit mache. 'Nichts Besonderes. Ich lese viel und koche gern. Sonst würde mein Vater vergessen zu essen.'

     "Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen, Paul. Ich muss zurück zu meiner Arbeit draußen. Rufen Sie mich an, wenn Sie mich brauchen."

     "Mache ich."

     Während Alex die Halle in Richtung des Seiteneingangs durchquerte, empfand er eine unerklärliche Irritation über das eben Gehörte. Talent konnte sich durchaus vererben, doch er hatte das sichere Gefühl, dass es sie ein gerüttelt Maß an Mut kosten würde, aus dem legendären Schatten von Jan Lofgren herauszutreten.

     Sollte sie aus ihrer jetzigen Situation ausbrechen, dann nur, um ihre eigene Karriere voranzutreiben. Der Gedanke daran ließ ihn mit den Zähnen knirschen.

 

Dana fand einen Parkplatz direkt vor dem Hotel und folgte ihrem Vater zu dessen Zimmer. Auf der kurzen Fahrt hatte sie sich innerlich auf die bevorstehende Standpauke vorbereitet. Wahrscheinlich gefiel ihm nicht, was sie gefunden hatte.

     Sie wusste, dass der Ort perfekt für den Film war. Es musste also etwas anderes sein, das er auszusetzen hatte. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, was es sein mochte. In jedem Fall bedeutete es aber, dass seine Laune miserabel war und die ganze Crew darunter zu leiden haben würde.

     Es war schon schlimm genug, dass sie wieder alles zusammenpacken und nach Paris fahren mussten. Alex war schließlich auch betroffen. Sol hatte ihm einen Standardvertrag geschickt. Darin gab es eine Klausel, die besagte, dass Alex nur einen Bruchteil des Geldes bekam, wenn sie aus welchen Gründen auch immer, sich entschlossen, den Film woanders zu drehen. Dieses Geld würde nie und nimmer ausreichen, dass er seine Pläne realisieren konnte.

     Als sie das Hotelzimmer betrat, war sie zum Kampf mit ihrem Vater bereit. Sollte er aus irgendeiner seiner mysteriösen Marotten heraus von dem Vertrag zurücktreten wollen, würde sie darauf bestehen, dass Alex den vollen Betrag erhielt, denn er hatte in gutem Glauben auf die Vertrauenswürdigkeit seiner Partner unterschrieben.

     Wie üblich war das Zimmer ein einziges Chaos. Dieses Mal jedoch begann sie nicht automatisch, verstreut herumliegende Dinge aufzuheben. Stattdessen schloss sie die Tür und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Während sie darauf wartete, dass er zu sprechen anfing, verschränkte sie die Arme.

     "Erzähl mir von Monsieur Martain." Er sprach den Nachnamen mit französischer Intonation aus.

     Eine rote Flagge erschien vor ihrem inneren Auge.

     Vor einigen Monaten hatte ihr Vater schon einmal in dieser Weise ein Gespräch eröffnet, nur dass die Person, um die es damals ging, Neal Robeson gewesen war.

     So, dieses Mal ging es also um Alex – nicht darum, ob das Schloss die richtige Entscheidung war. Erleichterung lief wie eine Flutwelle durch ihren Körper.

     Zweifelsohne hatte er es nicht gemocht, dass Alex ihm gesagt hatte, er möge doch allein das Schloss und den Garten erkunden. Diesen Vorschlag hatte er nur machen können, weil sie ihm etwas über ihren Vater erzählt hatte. Dana wusste, dass ihr Vater es liebte, für andere Menschen ein Mysterium zu bleiben. Es bereitete ihm Unbehagen, für Alex durchschaubar zu sein. Diese Irritation würde vorübergehen, zumal Alex während der Dreharbeiten meistens abwesend sein würde.

     "Martin ist sein australischer Name", korrigierte sie ihn.

     "Es muss ihm wirklich dringend sein mit der Schauspielerei, sonst würde er mir nicht die freie Verfügung über sein Schloss einräumen."

     Sie bewegte sich von der Tür weg. "Hast du vergessen, dass ich auf ihn zugegangen bin und nicht umgekehrt? Er braucht dringend Geld für die Restaurierung des Schlosses. Er will es als touristisches Ziel vermarkten und dann wieder als Agraringenieur arbeiten."

     Ihr Vater nickte ein paar Mal herablassend, eine Geste, die er perfekt beherrschte. "Das hat er dir also erzählt."

     "In diesem Fall hast du es nicht mit einem Typen wie Neal zu tun."

     "Nein", murmelte er, "Monsieur Martain ist älter und verfügt über sehr viel mehr Lebenserfahrung. In diesem angeblich leer stehenden Schloss, in dem es nur im Erdgeschoss elektrischen Strom gibt, hat er dein Schlafzimmer so exquisit eingerichtet, dass es selbst mir den Atem genommen hat."

     "Vorsicht, Dad. So wie du es darstellst, klingt es nach der Schönen und dem Biest. Als ich ihm sagte, dass ich im Schlafsack dort schlafen würde, bestand er auf einem anständigen Bett für mich."

     Lofgren drückte seine Zigarette aus.

     "Ich verbiete es dir, Dana."

     Verbieten? "Ich glaube, du vergisst gerade, dass ich seit langem volljährig bin." Gerade als sie sich umdrehte, um den Raum zu verlassen, klopfte es an der Tür.

     "Jan? Ich bin es, Saskia. Lass mich rein."

     Genau im richtigen Moment, aber ihr Vater sah aus, als würde er gleich mit dem nächstbesten Gegenstand werfen.

     "Ich mach auf", bot Dana an und öffnete im selben Augenblick.

     "Hi, Saskia. Hattest du einen guten Flug?"

     "Ging so." Die brünette Schauspielerin küsste sie auf beide Wangen, ein Anschein von Höflichkeit.

     Dana hielt mit, um den Frieden nicht zu brechen.

     "Ich war gerade im Gehen. Bis später, Dad."

 

Als Dana ihren Wagen vor dem Château parkte, gestand sie sich ein, dass es für sie keinen Frieden geben würde, wenn ihr Vater so wütend war, dass er selbst den Vertrag aufs Spiel setzte. Alex hatte das nicht verdient, von den anderen nicht zu reden, die zu Recht verärgert wären. Es sah aus, als wäre es an ihr, dieses Boot vor dem Kentern zu bewahren.

     Wenn sie Alex erzählte, dass sie doch nicht im Schloss wohnen würde, würde er glauben, dass das geschah, was er von Anfang an vermutet hatte: dass sie die Wünsche ihres Vater erfüllte. Doch so beschämend das auch sein mochte, es war egal, wenn es bedeutete, dass Alex sein Geld bekam.

     "Dana?"

     In dem Augenblick, als sie aus dem Auto ausstieg, sah sie David aus dem Wald auf sie zulaufen. Er war im Alter ihres Vaters, ein warmherziger Familienmensch mit einer großen Begabung fürs Schreiben.

     Als er bei ihr ankam, umarmte er sie fest. "Danke, tausend Dank dafür. Worte können das nicht beschreiben."

     Davids Reaktion bestärkte sie in ihrem Entschluss. Dieser Film war auch für ihn von großer Wichtigkeit. Ihr blieb keine andere Wahl, als ihre Sachen zu packen und zum Hermitage zu fahren.

     Zuerst wollte sie aber mit Alex sprechen. Nach allem, was er für sie getan hatte, schuldete sie ihm eine Erklärung. Er würde niemals erfahren, dass sie seinetwegen den schönsten Tag und die herrlichste Nacht ihres ganzen Lebens verbracht hatte. Ein Mann wie er war zu gut für sie. Zumindest aber hatte sie jetzt eine Erinnerung, an die sie sich immer klammern konnte.

     Zunächst folgte sie dem Pfad entlang der Hecke, die seitlich des Schlosses wuchs. Der Weg führte zum rückwärtigen Teil des Grundstücks, wo sie vorher noch nicht gewesen war. Zu ihrer Überraschung erstreckte sich der Garten bis zum Fluss hinunter. Sie ging einige Schritte und bewunderte die Aussicht. Alex hatte etwa die Hälfte des Gartens säuberlich frei geschnitten. Die meisten Obstbäume hatten nun wieder Licht und Luft. Wer hätte gedacht, dass sich hier ein Kleinod versteckte? In besseren Tagen war der Garten bestimmt eine Sehenswürdigkeit gewesen.

     "Bonsoir, ma belle."

     Ihr Herz machte einen Sprung. "Alex?" Sie hörte seine verführerische Stimme, konnte ihn aber nirgends ausmachen.

     "Ich bin auf dem Baum!" Er warf etwas kleines Grünes vor ihre Füße.

     Sie bückte sich danach und schaute dann nach oben. Eine hohe Leiter lehnte gegen den Baumstamm. In dem dichten Blattwerk erspähte sie nur hie und da einen Teil seines athletischen Körpers. Als Alex ein paar Äste zur Seite schob, sah sie auch sein Gesicht und sein strahlendes, entwaffnendes Lächeln.

     "Sind das alles Apfelbäume hier?"

     "Ja, von der Sorte Blanc d'Hiver. Damit kann man die weltbeste Apfeltorte machen. Ich schätze, Ende Oktober kann ich die ersten Früchte ernten. Hinter Ihnen stehen Anjou-Pfirsiche."

     Dana schüttelte den Kopf. "Kein Wunder, dass das Anwesen den Namen Belles Fleurs trägt. Wenn die Bäume in Blüte stehen, muss der Ausblick von den Schlossfenstern atemberaubend sein."

     "Das hängt davon ab, ob ich lange genug lebe, um aus diesem Dschungel wieder …"

     "Wie alt sind Sie?"

     "Dreiunddreißig."

     "Dann haben Sie noch viele Jahre!"

     "Was für Jahre?"

     "Das weiß ich nicht." Dana mochte nicht über sein Leben an anderen Orten der Welt nachdenken. Mit anderen Frauen … Die Frau, die einmal sein Herz eroberte, musste ganz besonders sein. "Sagen Sie …"

     "Das ist ein weites Feld."

     Dana wechselte das Thema. "Können Sie von da oben die Weinreben sehen?"

     "Sie haben also das kleine Gebäude entdeckt, in dem die Presse steht."

     "Ja, aber ich habe auch gehört, dass das Gut früher einen berühmten Wein produziert hat – Domaine Belles Fleurs."

     Sie vernahm Blätterrascheln. Sekunden später war er mit kraftvoller Leichtigkeit die Leiter hinuntergeklettert und das letzte Stück auf den Boden gesprungen. "Die Leute reden zu viel." Er sammelte die Äste auf, die er eben geschnitten hatte, und warf sie auf die Ladefläche. "Warten Sie, lassen Sie mich raten: Madame Fournier vom Hermitage."

     Ihm entging auch gar nichts. "Wer noch?" Sie lächelte, doch sein Gesicht blieb unbewegt. Schließlich strich er mit dem Daumen über seine Unterlippe. "Seit 1930 ist keine Flasche mehr abgefüllt worden."

     "Das hat Madame Fournier mir auch erzählt. Natürlich war ich neugierig."

     "Natürlich", gab er zurück, aber zu ihrer Erleichterung klang es eher neckend als verärgert.

     "Als ich wieder in Kalifornien war, habe ich ein bisschen im Internet recherchiert."

     "Und was haben Sie herausgefunden?"

     "Zum einen haben holländische Händler die Belles-Fleurs-Weine bevorzugt."

     Er atmete aus. "Jetzt kann ich mir genauso gut den Rest auch anhören. So wie ich Dana Lofgren kenne, hat sie an dieser Stelle nicht aufgehört."

     "Viel mehr gab es nicht, doch eines will ich noch sagen, auch wenn ich keine Weinkennerin bin: Wenn der Wein von Belles Fleurs auch nur annähernd so gut war wie der Wein, den wir im Hermitage getrunken haben, dann ist es ein immenser Verlust."

     Sie bemerkte, dass er sein Gewicht von einem Bein auf das andere verlagerte. "Meine Eltern haben mir gegenüber nie ein einziges Wort über den Wein verloren."

     "Sie scherzen."

     "Mein Vater war so sehr darum bemüht, meine Mutter vor neuen Schmerzen zu schützen, dass wir einfach nie über ihre Vergangenheit gesprochen haben. In dem Brief des Anwalts wurden die Weinstöcke nicht mit einem Wort erwähnt. Der Anwalt ließ mich im Grunde in dem Glauben, dass das Grundstück so gut wie verloren wäre."

     "Klingt, als er hätte er darauf gesetzt, dass Sie Ihren Anspruch verfallen lassen und er das Schloss für einen Apfel und ein Ei kaufen kann."

     Er nickte. "Ich hatte von Anfang das unbestimmte Gefühl, er würde etwas verbergen, wusste aber nicht, was, bis ich dann die Weinpresse und schließlich die Stöcke entdeckte. Zweifelsohne hat er massenhaft Kaufanfragen von Winzern aus dem ganzen Anjou bekommen, die zwar das Schloss nicht bezahlen können, aber den Weinberg bestellen wollen."

     "Sind die Weinstöcke ein Geheimnis?"

     "Nein, überhaupt nicht."

     "Aber es wäre Ihnen lieber, wenn ich mich um meine Angelegenheiten kümmerte, nicht wahr?"

     "Sie missverstehen mich, Dana. Es gibt etwas, das Sie nicht wissen. Begleiten Sie mich auf meiner letzten Fahrt für heute, dann erkläre ich es Ihnen."

     Seine Einladung gab ihr die Möglichkeit, noch etwas länger mit ihm zusammen zu sein. Mehr konnte sie nicht verlangen. Er machte eine kleine Pause, bevor sein nächster Satz den Zauber des Moments verdarb. "Es sei denn, Ihre Unterstützung wird woanders verlangt." Er hatte die Stirn gerunzelt. "Ihr Vater steht selbstverständlich auf Platz eins, wenn es um Ihre Zeit geht."

     Zwischen ihrem Vater und Alex fühlte sie sich wie ein Fußball, den die beiden hin und her kickten. Beide behandelten sie, als wäre sie ein Kind, das nicht für sich allein entscheiden konnte. Sie hatte geglaubt, Alex und sie würden wie zwei Erwachsene miteinander umgehen, aber sie hatte sich getäuscht!

     Zitternd vor Wut murmelte sie: "Wenn das der Fall wäre, stünde ich wohl nicht hier draußen im Garten."

     Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging einige Schritte in Richtung Schloss, doch Alex war schneller. Im nächsten Augenblick hatte er seine Hände um ihre Oberarme gelegt und sie gegen seine Brust gezogen. "Warum sind Sie denn zu mir in den Garten gekommen?"

     Zu viele Empfindungen brachen gleichzeitig über sie herein. Sein warmer Atem streifte ihren Nacken. Sein fester Herzschlag änderte den Rhythmus ihres Herzens. Seine Finger kreisten auf ihrer Haut. Ein Schwächeanfall überfiel sie, und zugleich spürte sie schmerzhaft intensives Verlangen.

     "Ich … ich wollte Ihnen danken." Sie bekam die Worte kaum heraus.

     "Wofür?" Er drehte sie schwungvoll herum. "Das klingt, als wollten Sie abreisen. Macht es Ihnen etwas aus, mir zu sagen, wohin Sie fahren?"

     "Zum Bauhof vielleicht?"

     "Dana." Seine Stimme klang rau.

     Sie musste jetzt unbedingt irgendetwas tun, bevor sie vergaß, worüber sie eigentlich sprachen.

     "Ich hätte Ihren Rat beherzigen sollen, bevor Sie sich wegen mir so viele Umstände gemacht und das Zimmer eingerichtet haben." Sie versuchte sich von ihm zu lösen, doch er lockerte seinen Griff um ihre Arme nicht.

     "Sie wussten, dass Ihr Vater Ihre Entscheidung nicht gutheißen würde. Was hat sich geändert?"

     Dana benetzte nervös ihre Lippen. "Kennen Sie das Sprichwort 'Entscheide dich für die wichtigen Schlachten'?" Sie sah, dass ein kleiner Nerv an seinem Mundwinkel zuckte. Unter anderen Umständen hätte sie gern ihre Lippen daraufgedrückt. "Diese Schlacht ist nicht wichtig."

     Sie versuchte, unbekümmert zu klingen, hoffte, dass der leichte Ton ihr helfen würde. Tat er nicht. Das Gegenteil eines Lächelns spielte sich auf seinem Gesicht ab: Eine Art Kampf spiegelte sich in seiner Miene wider, und schließlich ließ er seine Hände fast widerwillig sinken.

     Das war der Augenblick für ihren Abgang. "Wir sehen uns, Alex."

     Was sie jetzt brauchte, war Abstand. Rasch ging sie ins Schloss zurück, packte ihre Sachen, trug den Koffer ins Auto und fuhr ins Hotel.

     Die Rezeptionistin begrüßte sie freundlich. "Bonsoir, Mademoiselle."

     "Bonsoir, Madame. Die Schlüssel für Zimmer elf, bitte."

     Die Frau hob erstaunt die Augenbrauen. "Elf? Das Zimmer ist leider belegt."

     "Ich weiß. Mein Vater und ich haben angrenzende Räume."

     "Non, non. Vorhin hat Mademoiselle Brusse eingecheckt."

     Etwas Seltsames ging hier vor.

     "Oh, ich verstehe. Herzlichen Dank für Ihre Hilfe, Madame."

     "Gern geschehen."

     Dana nahm die Treppen in den ersten Stock, ging zum Zimmer ihres Vaters und klopfte energisch an die Tür. Keine Antwort. Wahrscheinlich war er bei Saskia, aber die Angelegenheit duldete keinen Aufschub. Sie nahm ihr Mobiltelefon heraus und rief ihn an.

     "Dana?" Beim zweiten Klingeln war er dran.

     "Hi, Dad. Was ist los? Ich wollte eben einchecken, aber die Frau unten am Empfang sagte, dass Saskia die Schlüssel bekommen hat."

     Er beantwortete ihre Frage mit einer Gegenfrage. "Wo bist du?"

     "Ich stehe vor deiner Zimmertür."

     "Ich bin gleich da."

     Innerhalb weniger Sekunden stand er neben ihr im Flur. "Saskia und ich haben ein paar Probleme, aber ich kann es mir nicht leisten, die Beziehung zu beenden, bevor der Film abgedreht ist. Natürlich weiß sie von alledem noch nichts."

     Dana war für ihren Vater erleichtert, dass er endlich wieder zu Verstand kam.

     "Sie hat mich angebettelt, dass sie in dem Zimmer wohnen kann, bis wir unsere Konflikte gelöst haben."

     Arme Saskia. "Das klingt vernünftig."

     "Saskias Zimmer im Hotel in Angers steht noch frei. Ich habe dort angerufen und es für dich reserviert."

     "Danke", murmelte sie. "Aber ich kümmere mich schon selbst."

     Nach einer langen Pause sagte er: "Wenn du zum Schloss zurück fährst, tust du das auf eigenes Risiko."

     Ihre Blicke trafen sich. "Und auf das von Monsieur Martin?"

     In seinen Augen blitzte Wut auf. "Wie kommt es, dass dieser Mann dich so schnell in seinen Bann schlagen konnte?"

     Dana gab nicht klein bei. "Warum beantwortest du die Frage nicht selbst, Dad?"

     Er brauchte sehr lange für eine Erwiderung.

     "Ich verbiete es dir immer noch, aber du hast mich ja mit der ganzen Sorglosigkeit deiner amerikanischen Kultur daran erinnert, dass du nicht mehr siebzehn bist."

     Mit diesen Worten ging er auf sein Zimmer. Dana war sich aber trotz seiner verletzenden Bemerkung sicher, dass er Alex nicht abstrafen würde. Nicht weil ihr Vater unter einem plötzlich auftretenden Anfall von Mitmenschlichkeit und Anstand litt, sondern weil er wusste, dass er für seinen Film keinen perfekteren Ort finden würde.

     Als sie wenig später vor dem Schloss angekommen war, fand sie die Haupteingangstür verschlossen vor, und Alex' Pick-up war nirgends zu sehen.

     Ein Gefühl der Leere überkam sie. Ein Blick auf die Armbanduhr: schon acht. Womöglich hatte er eine Verabredung mit einer Frau und war zum Abendessen nach Angers gefahren. Natürlich könnte sie ihn anrufen, aber vielleicht störte sie ihn. Davon abgesehen glaubte er ja, dass sie im Hermitage eingecheckt hatte. Am besten fuhr sie jetzt einfach in das nächste Dorf, in die entgegengesetzte Richtung von Chanzeaux, wo sie auf keinen Fall zufällig ihren Vater treffen würde. Dort würde sie etwas essen und anschließend hier auf Alex warten.

 

"Bonsoir, Monsieur Martin."

     "Bonsoir, Madame Fournier. Ist Mademoiselle Lofgren schon eingetroffen?" Er hatte Danas Auto nicht auf dem Parkplatz stehen sehen.

     Sie schüttelte den Kopf. "Nein, sie hat keine Reservierung hier."

     "Dann wohnt ihr Vater auch nicht mehr im Hotel?"

     "Doch, selbstverständlich! Die Dame im Nachbarzimmer ist Mademoiselle Brusse. Sie ist Schauspielerin in einem Film, den der berühmte Monsieur Lofgren dreht."

     Unwillkürlich ballte er die Hände zu Fäusten. Wenn Dana hier nicht untergekommen war, war sie sicherlich nach Angers gefahren, um sich dort ein Hotel zu suchen. Die letzte Fahrt zum Bauhof hatte ihn viel Zeit gekostet, und er hatte sich noch geduscht und umgezogen, deshalb hatte er sie verpasst.

     "Merci, Madame." Bevor sie ihm Tratsch und Klatsch erzählen konnte, ging er nach draußen, um Dana auf ihrem Handy anzurufen. Er ließ es sieben Mal läuten. Gerade wollte er frustriert aufgeben, als er ihre Stimme hörte.

     "Alex?" Dana klang außer Atem.

     "Was ist los?", fragte er ohne Begrüßung.

     "Mein linker Vorderreifen ist platt. Ich habe versucht, den Wagenheber anzusetzen, aber es hat bislang nicht geklappt. Ich bekomme es schon noch hin."

     Sie hatte einen Unfall! Ein eisernes Band legte sich um seinen Brustkorb. "Wo genau sind Sie?"

     "Irgendwo auf der Straße zwischen Rablay und Beaulieu."

     "Ich bin unterwegs." Er ließ den Motor an und fuhr vom Parkplatz des Hotels. "Bleiben Sie im Wagen, und verschließen Sie die Türen."

     "Machen Sie sich keine Sorgen um mich."

     "Was haben Sie dort verloren?"

     "Als Sie nicht im Château waren, habe ich beschlossen, im nächsten Dorf zu Abend zu essen. Aber so weit bin ich gar nicht gekommen."

     Das Blut rauschte in seinen Ohren. "Sie waren beim Schloss?"

     "Ja. Dad und Saskia haben Probleme, und sie wollte gern in seiner Nähe wohnen."

     "Warum sind Sie wiedergekommen?"

     "Um Sie zu fragen, ob ich mein Schlafzimmer noch einmal mieten kann, das heißt, wenn Sie nichts dagegen haben."

     Er murmelte irgendetwas wenig Intelligentes in die Sprechmuschel.

     "Was haben Sie gesagt, Alex? Ich glaube, die Verbindung ist schlecht."

     Mit der Verbindung hatte das nichts zu tun. Er umfasste das Lenkrad fester. "Und Ihr Vater ist einverstanden?"

     Dana zögerte, ehe sie antwortete. "Nein. Ist jetzt kein Zimmer mehr frei in Ihrem Motel?"

     Himmel! "Sie kennen die Antwort doch." Langsam sickerte die Nachricht in sein Hirn, dass sie bei ihm wohnen wollte, egal, ob ihr Vater das mochte oder nicht.

     "Sie klingen aufgebracht. Sollte ich Ihre Pläne für den Abend stören, vergessen Sie es. Wenn ich den Reifen nicht wechseln kann, laufe ich zum Schloss zurück und warte dort, bis Sie wiederkommen."

     "Nein, das werden Sie nicht." Eine Frau, die so aussah wie sie, war schon bei Tageslicht nicht sicher. Alex mochte sich nicht vorstellen, was ihr bei Nacht alles passieren konnte.

     "Ich verstehe, dass Sie denken, ich sei zu jung, um irgendetwas allein zu schaffen. Ich bin aber keineswegs hilflos."

     "Alter hat damit nichts zu tun. Ich bin nur vorsichtig."

     "Der Punkt geht an Sie", gab sie mit ruhiger Stimme zu.

     Alex entspannte sich ein wenig. "Wo möchten Sie heute zu Abend essen?"

     "Heißt das, Sie hatten auch noch kein Dinner?"

     "Offen gesprochen bin ich in der Hoffnung zum Hermitage gefahren, wir könnten gemeinsam in Angers essen."

     "Ich bin so hungrig, mir läuft beim Gedanken an die Quiches, die wir in Angers gekauft haben, das Wasser im Mund zusammen. Sind noch welche übrig?"

     Er lächelte. "Ich habe sie alle aufbewahrt. Es sind genug da für mehrere Mahlzeiten." Gern würde er heute Abend zu Hause mit ihr essen, wo er sie mit niemandem teilen musste. Während seine Gedanken bei dem Abend waren, der vor ihnen lag, sah er im Scheinwerferlicht ihr Auto am Straßenrand auftauchen. Er brachte seinen Wagen hinter ihrem zum Stehen. "Kein Grund zur Sorge. Ich sehe Sie."

     "Ich muss zugeben, ich bin sehr froh, dass Sie es sind. Ich lege auf."

     Nachdem er den Motor abgestellt hatte, nahm er seine Taschenlampe aus dem Handschuhfach und stieg aus. Sie drehte das Fenster herunter und streckte den Kopf heraus, sodass ihr wunderschönes goldblondes Haar aufleuchtete. Im Lichtstrahl der Taschenlampe glänzten ihre blauen Augen.

     "Was habe ich falsch gemacht?"

     Für einen Augenblick war er so auf sie konzentriert, dass er alles andere vergaß. "Lassen Sie mich mal schauen", murmelte er und leuchtete den Reifen an. Er war platt. So weit, so gut.

     Sie stieg aus dem Auto aus. "Was kann ich tun, um zu helfen?"

     Der blumige Duft ihres Parfüms stieg ihm in die Nase. "Wenn Sie die Lampe halten könnten, mache ich das schnell."

     Ihre Finger berührten sich, als er ihr die Taschenlampe reichte, und diese Berührung ließ ihm einmal mehr zu Bewusstsein kommen, dass ein warmer weiblicher Körper dicht neben ihm war. Er ging in die Hocke, um den Wagen aufzubocken und anschließend das Ersatzrad aufzuziehen.

     Nach wenigen Minuten war er fertig. Sie trat zu ihm hin und gab ihm die Taschenlampe. "Ich kann nicht glauben, dass Sie das so schnell hinbekommen haben."

     "Nur eine Frage der Übung. Über die Jahre habe ich an vielen Lastern die Reifen wechseln müssen, und zwar in Gegenden, wo man das selbst können muss, oder man läuft fünfzig Meilen."

     "Danke, dass Sie zu meiner Rettung gekommen sind, auch wenn Sie so tun, als sei das nichts."

     "Die Freude ist ganz auf meiner Seite." Ohne darüber nachzudenken, küsste er ganz kurz ihre verführerischen Lippen. Sie fühlten sich weich an und schmeckten süß. Er sehnte sich nach mehr, doch nicht hier, auf der Straße, wo Passanten ihnen zuschauen konnten. "Fahren Sie zurück zum Schloss. Ich fahre hinter Ihnen her."

     Sie stieg ein, wendete den Wagen und fuhr das kurze Stück Richtung Rablay-sur-Layon. Sobald sie in die Privatstraße eingebogen waren, betätigte er die Fernbedienung, um das Tor zu öffnen.

     Das Geräusch des sich hinter ihnen schließenden Tors war der schönste Ton, den er seit langem gehört hatte. Er bedeutete, dass sie die Welt hinter sich ließen. Für den Rest der Nacht gab es nur sie beide.