5. KAPITEL

Alex' unerwarteter Kuss hatte Dana aufgewühlt. Obwohl sie sich sehnsüchtig einen Kuss von ihm gewünscht hatte, zog diese Berührung, die so schnell wieder vorbei war, dass sie nicht so darauf reagieren konnte, wie sie es sich gewünscht hätte, ihr den Boden unter den Füßen weg.

     Als er seinen Wagen neben ihrem vor dem Schloss parkte, fühlte sie ein so heftiges Verlangen, dass sie am ganzen Körper zitterte. Wenn sie sich nicht zusammenriss, glaubte er noch, er habe ein Schulmädchen statt einer erwachsenen Frau vor sich.

     Während sie ausstieg, öffnete er bereits den Kofferraum, um ihr Gepäck herauszuheben. Sie war so lange Zeit allein auf sich gestellt gewesen, dass es ihr nun unglaublich guttat, dass jemand sich um sie kümmerte und auf sie wartete.

     In der Halle stellte er ihren Koffer ab und schaltete das Licht ein. "Zuerst essen, oder?"

     "Ich mag Ihre Art, die Dinge anzugehen."

     Sie folgte ihm durch das Foyer in einen Flur, der zum Westflügel führte. Auch hier schaltete er Licht an. Dana war in diesem Teil des Gebäudes noch nicht gewesen. Sie gingen an einer Reihe von Doppeltüren vorbei.

     "Darf ich einmal reinschauen?"

     "Natürlich." Alex öffnete die Tür für sie. "Dies ist ein Salon, der in den Speisesaal führt. Wie Sie sehen, sind Bretter vor die zerbrochenen Scheiben genagelt. Wenn sie repariert sind, kann man von hier aus auf den vorderen Hof blicken."

     Die Schönheit des Raums bewirkte, dass Dana die Arme verschränkte und mit den Händen ihre Oberarme rieb. "Ich habe noch nie etwas so Exquisites gesehen. Die verzierten Wände und Decken geben einem das Gefühl, sich in einem Palast zu befinden. Ich bin überrascht, dass sich Ihre Mutter jemals an ein Leben in einem normalen Haus gewöhnen konnte."

     "Ich vermute, mein Vater hat sich darüber ein Leben lang Sorgen gemacht, aber die beiden führten eine gute Ehe. Vielleicht hat das einiges wettgemacht."

     "Ob Sie es glauben oder nicht, meine Eltern waren auch glücklich miteinander, auch wenn es eine sehr unorthodoxe Ehe war. Mom musste sicher sie meisten Kompromisse eingehen, aber irgendwie scheint es ja auch ihr Wunsch gewesen zu sein. Sonst hätte sie ihn verlassen, schließlich ist er ein unmöglicher Mensch."

     Dana folgte ihm zurück in den Korridor und um eine Ecke herum, wo die Küche lag.

     "Unglaublich!" Der Raum hatte gewaltige Ausmaße, war von einer Gewölbedecke überspannt, und beinahe die ganze Länge einer Raumseite wurde von einer offenen Herdstelle eingenommen. Moderne Küchengeräte und alte Gerätschaften gingen eine wunderbare Symbiose ein. In der Mitte der Küche stand ein alter Refektoriumstisch, flankiert zu beiden Seiten von langen Bänken. Sie schätzte, dass sechzehn Leute bequem daran Platz fanden.

     "Die Tür da hinten rechts führt zum Weinkeller, die andere zur Speisekammer, die einen Durchgang zum Garten hat. Durch die dritte dort gelangt man ins Badezimmer."

     Dana benutzte kurz das kleine, aber hübsch renovierte Bad, um sich die Hände zu waschen, und als sie in die Küche zurückkam, hatte Alex bereits den Tisch fürs Abendessen gedeckt. Gerade entkorkte er eine Weinflasche.

     "Entschuldigen Sie, ich habe noch die herrlichen Wandfliesen betrachtet."

     "Ein wenig kenne ich Sie ja nun schon, deshalb bin ich nicht verwundert. Nehmen Sie doch bitte schon Platz, das Essen ist gleich fertig."

     Als sie sich gesetzt hatte, goss er die helle goldene Flüssigkeit in ihre Gläser.

     Ihre Blicke begegneten sich. "Ist das ein besonderer Wein?"

     "Jetzt ja." Er setzte sich ihr gegenüber an den Tisch und erhob sein Glas. "Auf uns. Auf dass dieser unerwartete gemeinsame Monat noch viele angenehme Überraschungen bringt."

     Die Spielregeln hatte er gerade klargemacht. Sie sollte in diesen Kuss nicht zu viel hineininterpretieren. Wenn die Wochen vorüber waren, war auch die Zeit der Verzauberung vorbei. Trotz des Kummers, den sie bei diesem Gedanken empfand, lächelte sie und stieß mit ihm an. "Auf Sie, Monsieur. Mögen Sie länger leben als Ihr Bedauern über Ihre Großherzigkeit."

     Ein Lächeln lag um seine Lippen, während sie mit gesundem Appetit aß. "Wenn Sie wieder in der Lage sind zu sprechen, sagen Sie mir doch, was Sie von dem Wein halten."

     Dana räusperte sich. "Er ist ebenso gut wie der Wein, den wir neulich hatten, aber er stammt nicht vom selben Gut, nicht wahr? Ich schmecke bei diesem hier eine Honignote heraus."

     "Sie haben einen feinen Geschmack. Weil Sie den Wein im Hermitage mochten, habe ich diese Flasche hier gekauft, damit Sie ihn kosten können. Er kommt auch aus dem Anjou, ein Chaume von der Domaine des Forges."

     Wieder bekam sie diese Schmetterlinge im Bauch. Doch sie wollte sich ihre Verwirrung nicht anmerken lassen und biss in ein Stück Quiche, das er für sie aufgewärmt hatte. Es waren nicht nur seine Worte, die die Gefühle in ihr auslösten, es war vor allem die Art und Weise, wie er sie sagte.

     "Das war sehr aufmerksam von Ihnen. Nachdem ich nun die beiden probiert habe, frage ich mich natürlich, wie der Wein von Belles Fleurs schmeckt."

     "Nun, das werden wir wohl nie in Erfahrung bringen …" Seine Stimme wurde leiser. "Im Weinkeller lagert keine einzige Flasche mehr. Ich schätze, dass einige Kenner sie aufgekauft haben. Vielleicht liegen noch ein paar Flaschen in deren Kellern – für besondere Gelegenheiten."

     "Es ist so traurig, dass es keinen Wein aus den Trauben Ihres Besitzes mehr gibt."

     Tief in Gedanken versunken, schaute er sie an. "Ich fürchte, ich bin kein Winzer. Das ist eine ganz andere Welt, und man bräuchte einen der besten Oenologen, die man finden kann. Weinfachleute sind teuer, ebenso wie Winzer und Arbeiter."

     "Was glauben Sie, ist mit den Aufzeichnungen der früheren Winzer hier auf dem Gut passiert?"

     "Ich habe keine Ahnung. Wahrscheinlich verstecken sie sich irgendwo in den Tonnen von Kisten, in denen der Inhalt der Bibliothek verstaut wurde. Sie haben diesen Raum noch nicht gesehen. Er liegt im rechten Flügel, direkt neben dem Musikzimmer."

     Nachdem sie ihre Quiche aufgegessen hatte, erkundigte sie sich: "Lagern die Bücher oben, wo auch die Möbel sind?"

     "Im dritten Stock, im Erkerturmzimmer."

     Sie schälte eine Orange, aß einige Schnitze und dachte währenddessen über das nach, was er ihr erzählt hatte. "Alex, sind Sie nicht neugierig auf die Geschichte dieses Ortes?"

     Er trank einen Schluck und schaute sie über den Rand des Glases hinweg an. "Nein, nicht besonders."

     "Warum nicht?" Als er nicht gleich antwortete, fühlte sie sich schrecklich. Offensichtlich wollte er nicht über seine Familiengeschichte sprechen. "Entschuldigen Sie bitte, ich wollte nicht aufdringlich sein. Es geht mich gar nichts an."

     Keine Sekunde länger konnte sie ihm ruhig gegenübersitzen bleiben. Sie sprang auf und begann, den Tisch abzuräumen.

     "Lassen Sie das, Dana."

     Sie ignorierte seine Anweisung und trug das Geschirr hinüber zum Spülbecken. "Ich will mich wenigstens noch ein bisschen nützlich machen, bevor ich nach oben gehe."

     "Sie sind müde?"

     "Ja." Sie griff nach dem Rettungsseil, das er ihr zugeworfen hatte. "Sie wahrscheinlich auch, wenn man bedenkt, wie früh Sie aufstehen und was für einen anstrengenden Tag Sie haben." Das Spülen der Teller und Gläser bot ihr eine willkommene Ablenkung.

     Ihr Herz setzte für einen Schlag aus, als er mit einem Geschirrtuch in der Hand neben sie trat.

     "Da es zu Ihren Pflichten gehört, Ihrem Vater jeden Tag das Mittagessen zuzubereiten, möchte ich Ihnen anbieten, das hier in meiner Küche zu tun."

     Überrascht von diesem Angebot hob sie den Kopf, um ihm ins Gesicht sehen zu können. "Ich möchte Ihre Großzügigkeit in keinem Fall strapazieren. Ich habe bereits mit dem Hermitage eine Vereinbarung getroffen. Sie richten jeden Tag ein Mittagessen."

     "Aber hier steht eine komplett ausgestattete Küche. Sie würden sich viel Hin- und Herfahren sparen."

     Die Anziehung, die von ihm ausging, raubte ihr beinahe den Verstand. "Das kann ich nicht annehmen."

     "Auch nicht, wenn ich Sie bitte, mir dann ebenfalls etwas zu essen zu machen?"

     "Sie meinen, ich soll Ihnen das Essen raus in den Garten bringen?"

     "Nun, es würde mir eine Menge Zeit und Aufwand ersparen."

     Ja, sie sah ein, dass eine Köchin gut für ihn wäre. Sein Leben wäre einfacher, und er bräuchte seine Arbeit nicht zu unterbrechen. In dieser Hinsicht unterschied er sich nicht von ihrem Vater.

     "Ich muss zugeben, ich würde mich besser fühlen, wenn ich im Gegenzug für Ihre Gastfreundschaft etwas für Sie tun könnte."

     "Abgemacht. Ich möchte nämlich so schnell wie möglich das Gestrüpp ausreißen."

     "Ja, stimmt", sagte sie leise und versuchte, sich ihre Betroffenheit nicht anmerken zu lassen. "Sie wollen ja so bald wie möglich nach Louisiana." Die Vorstellung, dass er eines Tages nicht mehr auf Belles Fleurs sein würde, schmerzte zutiefst.

     "Was essen Sie denn gern?"

     Er betrachtete sie einen Moment lang. "Ich bin sicher, dass alles, was Sie kochen, ausgezeichnet schmeckt."

     Sein Charme war einfach umwerfend. "Morgen früh, wenn ich in Angers den Reifen reparieren lasse, gehe ich für die ganze Woche einkaufen. Vertrauen Sie mir?"

     "Sagen wir es so: Ich bin zu Treu und Glauben bereit."

     Sie lächelte. "Sie sind ein mutiger Mann."

     "Solange Sie mir nicht eingelegte Schweinsfüße vorsetzen, bin ich zufrieden."

     Ihr Lächeln wurde jetzt zu einem offenen Lachen. Am liebsten hätte sie diesen Augenblick für immer festgehalten. Mit diesem Mann zusammen zu sein, seine Aufmerksamkeit und seine Gesellschaft in dieser intimen Atmosphäre zu genießen brachte eine Freude in ihr Leben, die so nie kennengelernt hatte.

     "Ich hole ein paar Kerzen und meine Taschenlampe aus der Kammer und begleite Sie dann nach oben. Sie sehen schläfrig aus."

     Während er die Sachen besorgte, dachte sie über seine Worte nach. Eine Frau wünschte sich von dem Mann, den sie begehrte, bestimmte Worte zu hören, doch 'schläfrig' verwies sie in die Rolle eines kleinen Mädchens, um das der Papa sich kümmerte.

     Sie musste ihm zugestehen, dass er von Anfang an sehr fürsorglich um sie bemüht war, eine Tatsache, die aber keineswegs auf große Leidenschaft von seiner Seite schließen ließ. Auch wenn er vorhin flüchtig mit seinen Lippen die ihren berührt hatte, konnte sie selbst mit der größten Fantasie nicht von ungezügelter Lust oder irgendetwas in dieser Richtung sprechen.

     Dana befürchtete, schon unbewusst Bedürfnisse und Wünsche auszustrahlen, deshalb stand sie rasch auf, verließ die Küche und ging Richtung Halle. Dort nahm sie ihren Koffer und ging dann langsam die Treppen hinauf. Alex holte sie oben an der Treppe ein, wo es kein Licht mehr gab, und begleitete sie den Korridor entlang zu ihrem Zimmer.

     Natürlich war es in Wahrheit nicht ihr Zimmer, doch so fühlte es sich für sie an. Als der Lichtstrahl der Taschenlampe den Raum erhellte, hatte sie das Gefühl, nach Hause zu kommen. Ein Gefühl, das anhielt, während er neue Kerzen in dem Bodenständer anzündete.

     "Das wäre doch nicht nötig gewesen. Meine eigene Taschenlampe liegt hier direkt neben dem Bett."

     "Ich wollte es aber gern", antwortete er mit seiner tiefen, samtigen Stimme, die sie wohlig erschauern ließ. "Kerzenlicht unterstreicht das zarte Rosé Ihres Teints. Ich habe noch nie eine Frau kennengelernt, die eine solche Porzellanhaut hat wie Sie."

     Was sollte Sie darauf entgegnen? "Mir haben schon viele Leute gesagt, ich sähe aus wie ein Engelchen, um mir dann den Kopf zu tätscheln."

     Sein Blick heftete sich auf ihren Mund. "Ahnen Sie denn nicht, dass kein Mann bei Ihrem Anblick wagen würde, etwas anderes zu tun, aus Angst, der Blitzschlag würde ihn sonst treffen? Schlafen Sie gut."

     Nachdem er gegangen war, stand sie am ganzen Körper bebend da.

 

Als Dana am nächsten Tag aus Angers zurückkam, fuhr sie den Wagen um das Schloss herum und trug ihre Einkäufe durch den Seiteneingang in die Küche. Sie hatte die Tür extra aufgelassen, bevor sie losgefahren war.

     Ihr Vater wollte sein Mittagessen immer pünktlich um halb eins haben. Sie war spät dran. Schnell räumte sie alles ein, bereitete die beiden Lunchpakete zu und legte sie in zwei Körbe, jeweils zusammen mit einer Thermoskanne heißen Kaffee.

     Sobald alles fertig war, machte sie sich auf die Suche nach ihrem Vater. Er hielt sich in dem Salon auf, der gegenüber von Alex' Arbeitszimmer lag, und besprach sich mit den beiden Setmanagern. Die Arbeiter hatten schon die Möbel heruntergebracht, und die Szenerie nahm langsam Gestalt an. Unter Pauls Leitung war aus dem Schloss ein emsiger Bienenstock geworden, in dem organisierter Wirrwarr herrschte.

     Sie wusste, dass es mehr als unklug wäre, ihren Vater jetzt zu stören. So betrat sie das Zimmer nur leise und stellte den Korb neben der Tür ab. Er bedachte sie nicht einmal mit einem Blick, bevor sie wieder in die Küche zurückging. Nun hatte sie Zeit, den zweiten Korb dem Mann zu bringen, der für ihre Schlaflosigkeit in der letzten Nacht verantwortlich war.

     Als sie in den Garten kam, drang das Geräusch einer Motorsäge zu ihr. Heute hatte Alex die Leiter gegen einen anderen Baum gelehnt. Langsam, aber sicher machte er Fortschritte. Wie sie ihn dafür bewunderte, dass er so viel Arbeit allein bewältigte. Am liebsten hätte sie in die Welt hinausgerufen, was für ein bemerkenswerter Mann er war.

     Eigentlich eine Schande, dass er zum Essen vom Baum herunterklettern musste. Bei dem Gedanken, ihm den Korb nach oben zu bringen, schoss Adrenalin durch ihre Adern. Warum nicht? Es gab so viel Astwerk da oben, er fand bestimmt ein Plätzchen, um den Korb abzustellen.

     Ohne zu zögern, begann sie die Leiter hinaufzusteigen. Es gefiel ihr, ihm in jeder erdenklichen Weise für seine Großzügigkeit etwas zurückgeben zu können. Fast ganz oben in der Krone rief sie ihn. "Alex?"

     Das Geräusch der Motorsäge erstarb. "Dana?" Er klang erschrocken. Offensichtlich hatte er sie nicht gesehen. "Wo sind Sie?"

     Sie steckte den Kopf durch das Laub. "Hier. Der Berg ist zum Propheten gekommen", witzelte sie, erntete jedoch nicht die Reaktion, die sie erhofft hatte. Wütend funkelte er sie an.

     "Was hat Sie geritten, hier raufzuklettern? Wenn Sie aus dieser Höhe fallen, brechen Sie sich weit mehr als nur Ihren hübschen Nacken."

     Sie war auf eine Menge Dinge vorbereitet gewesen, nicht jedoch auf seine Verärgerung. "Sie haben recht. Das war dumm von mir. Ich habe nicht darüber nachgedacht, wie schuldig Sie sich fühlen würden, wenn mir etwas passieren und Sie meinem Vater die schlechte Nachricht überbringen müssten. Wirklich mein Fehler. Hier ist Ihr Essen."

     "Dana …", brachte er mühsam hervor, doch sie ignorierte ihn. Ohne den Korb war sie in Rekordzeit die Leiter wieder hinuntergestiegen. Noch einmal rief er sie, dieses Mal klang es frustriert.

     Da sie den Rest des Tages frei hatte, beschloss Dana, sich ein wenig die Gegend anzuschauen. Erst nach fünfzig Kilometern Landstraße fing ihr Puls langsam an, sich zu beruhigen. Im nächsten Ort bog sie in einen Park ein. In der Ferne sah man Schwäne auf einem See. Diese heitere Szenerie spottete dem Sturm, der in ihrem Inneren wütete.

     Nach der Erfahrung mit Neil hatte sie sich geschworen, niemals mehr einem Mann so nahe zu kommen, dass sie ihre wahren Gefühle offenlegte. Aber der erbärmliche kleine Stunt, den sie eben hingelegt hatte, zeigte die Brüchigkeit ihrer Vorsätze. Sie war gezwungen, ihrer eigenen Idiotie ins Gesicht zu sehen.

     Den Rest des Nachmittags verbrachte sie am See und machte Pläne, die nichts mit Alex zu tun hatten. Auf der Rückfahrt später aß sie in einem kleinen Restaurant, und als sie wieder in Rablay ankam, war es bereits halb sechs.

     Erleichtert sah sie, dass die Crew noch nicht in die Hotels gefahren war. Solange so viele Menschen im Schloss waren, machte Alex sich sicher rar, und sie käme auf ihr Zimmer, ohne ihm heute noch einmal begegnen zu müssen.

 

Alex arbeitete bis zum Einbruch der Dämmerung im Obstgarten. Eine Fahrt noch zum Bauhof, dann würde er Schluss machen für heute. Das Essen, das Dana ihm quasi Air express, ohne Rücksicht auf ihre eigene Sicherheit, gebracht hatte, war köstlich gewesen und hatte ihn so gesättigt, dass er bis weit über die Abendessenszeit durchgehalten hatte.

     So sehr er ihr am liebsten nachgelaufen wäre, er hatte das Publikum, einschließlich ihres Vaters, gescheut. Da niemand mitbekommen hatte, was passiert war, wollte er sich später bei ihr entschuldigen, wenn sie allein waren.

     Nach seiner letzten Tour verschloss er das Tor für die Nacht und stellte das Auto vor dem Schloss ab. Ihr Mietwagen war ebenfalls dort geparkt. Sie war also da. Während er in die Halle eilte, schnellte sein Puls nach oben. Er suchte alle Räume des Erdgeschosses in Windeseile ab und hoffte, sie irgendwo anzutreffen.

     Doch zu seinem Kummer fand er im Salon außer den Möbeln nur einen leeren Korb und daneben eine Thermoskanne vor.

     Nachdem er geduscht und sich umgezogen hatte, wärmte er sich etwas zu essen auf und rief Dana an. Vielleicht hatte sie ja Lust, ihm Gesellschaft zu leisten.

     "Alex?" Sie nahm das Gespräch nach dem vierten Klingeln an. "Ist etwas los?"

     "Ja", brach es aus ihm heraus. An diesem Punkt ihrer Beziehung war Ehrlichkeit das einzig Richtige.

     "Haben Sie Ihre Fernbedienung verloren und kommen nicht ins Schloss?"

     "Ich fürchte, mein Problem lässt sich nicht so leicht lösen."

     Er spürte ihr Zögern, bevor sie nachfragte. "Hat das Pariser Studio die Buchung für September storniert?"

     Die Besorgnis, die aus ihrer Stimme klang, und die Tatsache, dass sie sich an die Details seiner Angelegenheiten erinnerte, beschämten ihn. Er würde im Staub kriechen, wenn es ihn zu der Vertrautheit zurückbrächte, die sie geteilt hatten, bevor sie das Essen in den Baum hochgebracht hatte.

     Alex räusperte sich. "Ich weiß Ihre Anteilnahme zu schätzen, aber die Wahrheit ist: Ich war grob zu Ihnen heute Mittag. Es braucht schon eine Menge, um mir Angst einzujagen, aber als Sie so plötzlich wie eine bezaubernde Waldnymphe zwischen den Blättern auftauchten, dachte ich daran, wie weit Sie vom Boden entfernt sind, und habe alle Verhältnismäßigkeit verloren."

     Sie lachte ein wenig scheu. "Der Abstieg vom Cherubim zur Waldnymphe ist eine interessante Differenzierung, die ich irgendwie mag. Ich nehme sie an. Und was den Rest angeht, so hatte ich den ganzen Tag Zeit, über meine hirnlose Aktion nachzudenken. Schieben Sie es auf die Verzauberung, die von diesem Ort ausgeht."

     Er musste unbedingt seine Gefühle in den Griff bekommen. "Mit Sicherheit kann ich aber sagen, dass es das beste Mittagessen war, das ich jemals auf einem Baum hatte."

     "Ich weiß Ihr Lob und seine Einschränkung sehr zu würdigen, aber um Ihnen einen Herzinfarkt zu ersparen, werde ich zukünftig den Korb auf der Ladefläche Ihres Autos abstellen."

     "Warum kommen Sie nicht runter, und wir reden bei einem Glas Wein darüber?" Hätte er sich selbst nicht das Verbot auferlegt, Vorteile aus der Situation zu ziehen und niemals nach Einbruch der Dunkelheit ohne Einladung ihr Zimmer zu betreten, wäre er jetzt schon bei ihr.

     "So verlockend das klingt, ich wollte eben zu Bett gehen. Darf ich Ihnen etwas gestehen?"

     "Selbstverständlich." Er musste seine Enttäuschung herunterschlucken.

     "Irgendwie kommt es mir wie ein Sakrileg vor, hier auf Belles Fleurs einen anderen Wein als den aus den eigenen Reben gekelterten zu trinken. Das ergibt keinen Sinn, oder?"

     Für einen Augenblick schloss er die Augen. Ganz tief in sich drin hatte er gestern Abend den gleichen Gedanken gehabt. Wie die Saat der wertvollen Traube chenin blanc, die vor Jahrhunderten in die Erde des Anjou gelegt worden war, schien er aus dem Nichts gewachsen zu sein und ihn an die Wurzeln seiner Mutter zu erinnern.

     "Mehr als Sie glauben", antwortete er mit heiserer Stimme.

     Bis zum gestrigen Abend hatte er keine emotionale Bindung an das Château empfunden. Jetzt, auf einmal, rührte der Gedanke ihn an, und er begriff, dass alles mit Dana zusammenhing, die mit diesem Erwachen unmittelbar zu tun hatte.

     "Alex? Sind Sie noch dran?"

     "Mais oui." Er umfasste das Telefon fester. "Erinnern Sie sich, dass Sie fragten, ob ich die berühmten Weinstöcke von Belles Fleurs von der Baumkrone aus sehen könnte?"

     "Reden wir über die Frage, die Sie nicht beantwortet haben?"

     "Wollen wir uns morgen früh um acht draußen treffen? Es gibt da etwas, das ich Ihnen zeigen möchte." Am liebsten würde er sie jetzt sofort sehen. "Sind Sie sicher, dass Sie zu müde für eine Partie Scrabble sind? Ich habe das Spiel aus Bali mitgebracht, mein Vater und ich haben oft zusammen gespielt."

     "In wie vielen Sprachen?"

     Er konnte ein Lachen nicht unterdrücken. "Warum finden Sie es nicht heraus?"

     "An einem anderen Abend vielleicht, wenn ich nicht so kaputt bin."

     "Wann haben Sie Geburtstag?" Siebenundzwanzig würde sie werden. Nachdem er sie anfangs für so viel jünger gehalten hatte, würde er das nicht mehr vergessen.

     "Am Sechzehnten."

     "Nächsten Montag. Machen Sie keine Pläne. Wir feiern, und ich lasse Sie gewinnen."

     "Das habe ich ohnehin vor."

     Er grinste. "Wo waren Sie heute?"

     "Ich weiß es eigentlich nicht genau. Ich bin herumgefahren, bis ich zu diesem Park und dem See kam, dort bin ich den ganzen Nachmittag herumgelaufen."

     "Kein Wunder, dass Sie müde sind. Sollen wir uns vielleicht erst um neun …?"

     "Ich bin wahrscheinlich schon um halb acht draußen, bevor einer aus der Crew auftaucht. Ich mag es nämlich nicht, wenn einer von ihnen meine Angelegenheiten mitbekommt."

     Schloss das ihren Vater ein? Alex hatte den starken Verdacht, dass sie beiden wenig miteinander telefoniert hatten, seitdem sie gegen seinen ausdrücklichen Wunsch im Schloss schlief.

     "Das ist verständlich."

     "Um ehrlich zu sein, ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, wie Sie es aushalten, dass eine Horde Fremder in Ihre Privatsphäre einbricht und alles auf den Kopf stellt."

     Er zog scharf den Atem ein. "Das Zauberwort heißt Geld."

     "Das weiß ich, und ich hoffe, dass es sich in der Filmwelt schon herumgesprochen hat, dass Sie mit Anfragen überhäuft werden. Es würde mich für Sie glücklich machen. Gute Nacht."

     Während Alex abschloss und die Lichter löschte, kam ihm der Gedanke, dass Dana ein Geschenk war, wie man es in tausend Jahren einmal bekam, wenn man denn Glück hatte. Ihr Vater musste das doch wissen. Vielleicht war das auch der Grund, warum er seine Tochter so eifersüchtig bewachte.

     Innerhalb weniger Tage hatte Dana den Besitzerinstinkt in Alex geweckt. Offensichtlich hatte er jahrelang in ihm geschlummert und nur darauf gewartet, zum Leben erweckt zu werden, wenn oder falls die richtige Person in sein Leben trat.

     In der Nacht wurde er von Träumen gequält, die sich alle um eine Waldnymphe mit blauen Augen drehte, die ihn durch Blätter hindurch anlächelte.