6. KAPITEL

"Salut, ma belle."

     Dana winkte Alex zu, der neben dem Wagen stand. Er trug enge Jeans und ein weißes T-Shirt. Die Konturen seines athletisch gebauten Körpers wurden in dieser Kleidung perfekt betont. Im Sonnenschein glänzte sein schwarzbraunes Haar, das er für einen Mann relativ lang trug und was ihm hervorragend stand.

     "Es ist so ein schöner Morgen, ich werde Sie gar nicht erst fragen, wie es Ihnen geht, denn es kann einem an einem solchen Tag nicht schlecht gehen." Er war frisch rasiert, und der feine Duft der Seife, die er beim Duschen benutzt hatte, lag schwach in der Luft.

     "Damit haben Sie vollkommen recht", murmelte sie, während er eine lange Baumschere aufhob. "Können wir los?" Um seine Lippen lag die Andeutung eines Lächelns, in dessen Genuss sie neulich Abend einmal kurz gekommen war. Leider hatte es eine anhaltende Sehnsucht nach mehr ausgelöst, die nur gestillt werden konnte, wenn die Erfahrung sich unendlich oft wiederholte.

     Dana nickte und folgte ihm dann den Pfad hinunter, der den Garten teilte. Vielleicht war sie verrückt, aber sie spürte ein Prickeln zwischen ihnen, als ob die Luft elektrisch aufgeladen sei.

     Sie gelangten zur anderen Seite des Gartens, wo dicht an dicht übermannshohe Dornensträucher wuchsen. Sie bedeckten den ganzen Hügel bis zur Flussbiegung.

     So etwas hatte sie noch nie gesehen.

     "Das Einzige, was mir dazu einfällt, sind die Dornenhecken, die um Dornröschens Schloss wachsen, aber das ist in einem Märchen."

     Er bedachte sie mit einem geheimnisvollen Blick. "Darf ich Sie daran erinnern, dass es ein französisches Märchen ist?" Er verschränkte die Arme. "Madame, vor sich sehen Sie die Weinberge von Belles Fleurs."

     "Nein."

     Dana wandte sich ab, damit Alex nicht sah, wie sehr der Anblick sie schmerzte. Jetzt verstand sie, warum er nicht darüber hatte reden wollen.

     "Achtzig Jahre Vernachlässigung, dann passiert so etwas."

     "Oh, Alex, wie konnte Ihre Familie es nur so weit kommen lassen – das übersteigt mein Fassungsvermögen." Sie sah ihm ins Gesicht. "Wir haben Sie das nur ertragen, als Sie diese Schändung das erste Mal gesehen haben?"

     "Seien Sie nicht allzu traurig." Er macht einen Schritt nach vorn und wischte ihr mit dem Daumen eine Träne weg, die über ihre glühende Wange lief. Als ihre Blicke sich trafen, umfasste er mit beiden Händen zart ihr Gesicht. "Ob Sie es glauben oder nicht, die Weinstöcke leben noch."

     "Das kann gar nicht sein!"

     "Ich versichere Ihnen, es ist aber so. Weinstöcke sind ungewöhnliche Pflanzen. Dieses verhedderte Chaos, das Sie hier vor sich sehen, ist der wahrscheinlich am besten vorbereitete Boden entlang des Layon. Die achtzig Jahre dauernde Brache hat ihn fruchtbar gemacht. Alles, was der Weinberg braucht, ist ein bisschen Arbeit."

     "Ein bisschen?"

     Er lachte leise, nahm seine Hände von ihrem Gesicht, griff nach der Arbeitsschere und erklärte: "Fünf Jahre bräuchte es, um diese Wildnis wieder in einen florierenden Weinbaubetrieb zu verwandeln. Im ersten Jahr müsste man alle Stöcke auf ungefähr neunzig Zentimeter runterschneiden, so in etwa."

     Sie beobachtete verwundert und fasziniert, wie er den Beschnitt ansetzte. Als ob Michaelangelo eine Figur aus einem Marmorblock befreite. Die abgeschnittenen Äste warf er beiseite. Dana bückte sich, um den kleinen Stock zu betrachten. "Was passiert danach?"

     "Im darauffolgenden Jahr wachsen neue Triebe. Man muss sie wie neugeborene Babys pflegen."

     Sein Lächeln ließ ihr Herz rasend schnell schlagen. Sie erwiderte es. "Sie sagten, fünf Jahre."

     "Ja, im dritten Jahr knospt der Weinstock, im vierten reifen die ersten Trauben. Im fünften Jahr kann man anfangen, einen guten Wein daraus zu machen."

     Fünf Jahre … Dann wäre er nicht mehr hier. Die Vorstellung fand sie traurig. "Ich verstehe jetzt, warum Sie mir nicht geantwortet haben, als ich Sie fragte, warum Ihnen das Schicksal des Weinbergs nicht am Herzen liegt. Man sagt, ein Bild verrate mehr als tausend Worte. In diesem Fall sind es bestimmt eine Million."

     "Weinanbau ist ein Familiengeschäft. Ohne Familie – oder mit einer zerstrittenen – ist es die immense Anstrengung nicht wert."

     War es Traurigkeit, was in seiner Stimme lag?

     "Nein. Ich kann verstehen … also heißt das, dass Sie darüber nachdenken, den Weinberg zu verpachten oder ihn sogar an einen interessierten Winzer zu verkaufen?"

     "Ich weiß es noch nicht." Sie machten sich auf den Rückweg, und Dana spürte, dass er wieder zu seiner Arbeit im Obstgarten zurückwollte. Zeit, das Thema zu wechseln.

     "Alex, Sie wissen, ich bin ein Bücherwurm. Würden Sie es als schrecklichen Einbruch in Ihre Privatsphäre betrachten, wenn ich mir einige der Bücherkartons oben anschaue? Ich kann nicht gut Französisch, aber es reicht doch, um die Titel und Inhaltsangaben zu verstehen."

     "Nur zu, fühlen Sie sich wie zu Hause."

     Sie freute sich wie ein Kind. Womöglich fand sie alte Familienaufzeichnungen oder Alben, die er sich bestimmt gern anschaute. "Meinen Sie das ernst?"

     Mit dem Blick seiner dunklen Augen schien er ihre Seele erkunden zu wollen.

     "Was glauben Sie?"

     "Danke!", rief sie. Ohne nachzudenken, umfasste sie seine Oberarme und stellte sich auf ihre Zehenspitzen, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben. Was als Nächstes geschah, ereignete sich so schnell, dass sie es nie und nimmer hatte kommen sehen. Alex ließ die Schere fallen, drückte sie an sich und bedeckte ihren Mund mit seinen Lippen.

     Dana wusste nicht zu sagen, wer von ihnen beiden hungriger und leidenschaftlicher küsste. Worauf es aber ankam, war, dass er sie küsste, bis beinahe schmerzvolle Lust durch ihren ganzen Körper bis zu den Zehenspitzen strömte. Man konnte nicht vor Entzücken sterben, das wusste sie, doch sie war kurz davor.

     Als sie seufzte, flüsterte er: "Ungefähr das, was ich fühle. Dein Mund schmeckt süßer als irgendein Anjou-Wein auf dieser Welt."

     Sie umschlang seinen Nacken, um näher an ihm zu sein, und küsste jeden Zentimeter seiner Wangen. Sie konnte nicht genug von ihm bekommen. Seine Hände wanderten ihren Rücken hinauf und hinunter, und er presste sie gegen seinen Brustkorb, sodass sie den festen Schlag seines Herzens spüren konnte.

     "Du bist so unglaublich schön, Dana. Hilf mir bitte aufzuhören, sonst bin ich verloren."

     Sie streifte seine Lippen mit ihren. "Ich will nicht aufhören."

     "Ich auch nicht, aber da kommt jemand."

     Wer auch immer es war, er ruinierte diesen Augenblick. Sie musste sich zwingen, Alex loszulassen. Gerade rechtzeitig drehte sie sich um und erkannte Saskia, die auf sie zukam.

     Natürlich. Wer sonst.

     "Hallo, guten Morgen." Sie betrachtete Alex unverhohlen, überrascht, dass ein Mann so attraktiv sein konnte. Mit ihren dreißig Jahren war Saskia ebenfalls äußerst gut aussehend, und das wusste sie. Irgendwann löste sie den Blick von Alex und blickte Dana an. "Willst du uns nicht miteinander bekannt machen?"

     "Saskia, darf ich dir Monsieur Alex Martin vorstellen? Alex, das ist Saskia Brusse, die Freundin meines Vaters. Sie spielt übrigens auch in dem Film mit."

     "Mein Part beginnt aber erst, wenn wir die Szenen in Deutschland drehen."

     "Und welche Rolle spielen Sie?"

     Saskia blinzelte kurz, bevor sie Dana anstarrte. "Heißt das, du hast es ihm noch nicht erzählt?"

     Dana hatte keine Lust, sich von ihr anmachen zu lassen. "Wir haben nicht über das Drehbuch gesprochen."

     Alex schüttelte Saskia die Hand. "Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mademoiselle Brusse."

     "Herzlichen Dank. Ich hatte gehofft, heute Morgen mit Ihnen sprechen zu können. Deshalb bin ich so früh mit Jan hergekommen."

     "Worum geht es denn?"

     Saskias Stimme klang sehr angespannt. "Jan hat mir erzählt, dass Dana hier im Schloss wohnt, und ich habe mich gefragt, ob ich für den Rest des Monates nicht auch in einem der Zimmer schlafen könnte. Hier in Frankreich habe ich eine Menge Freizeit, und das Schloss ist ein so herrlicher Ort."

     "Es freut mich, dass Sie das so sehen", sagte Alex mit einem Lächeln. "Leider gestatte ich es niemandem, im Schloss zu wohnen, außer meinen Angestellten. Dana unterstützt mich dabei, die Bibliothek des Schlosses zu sortieren. Eine Riesenaufgabe. Aber Sie wissen ja am besten, dass sie eine ausgezeichnete Historikerin ist." Er hob die Baumschere auf. "Wenn mich die Damen jetzt entschuldigen wollen, auf mich wartet Arbeit. Es war nett, Sie kennenzulernen, Mademoiselle Brusse. Wenn der Film in die Kinos kommt, werde ich ihn mir bestimmt anschauen."

     Dana hatte noch keinen Menschen erlebt, der in einer heiklen Situation so schnell und geschickt reagierte. Die arme Saskia wusste überhaupt nicht, wie ihr geschah.

     Kein Mann hatte ihr jemals den Respekt gezeigt wie Alex, und niemand hatte sie so zuvorkommend behandelt. Dass jemand ihr gegenüber Saskia den Vorzug gab und ihr Komplimente machte, das war eine neue Erfahrung. Und er kümmerte sich aufmerksam um sie. Er war das Gegenstück zu ihrem Vater.

     Aus den Augenwinkeln konnte sie sehen, dass Saskia dem Schlossherrn in einer Mischung aus Frustration, weil sie nicht bekommen hatte, was sie wollte, und unverhüllter Begierde nachsah. Plötzlich drehte sie sich zu Dana um. "Ich habe euch zwei gesehen, bevor ihr mich gesehen habt. Es kann riskant sein, Geschäft und Vergnügen miteinander zu vermischen."

     "Was du am besten wissen musst. Wir sehen uns später, Saskia." Damit drehte sie sich um und ging über den Pfad zum Seiteneingang des Schlosses.

     Dank Alex' Großzügigkeit konnte sie alles über die Geschichte von Belles Fleurs herausfinden. Irgendwann kam bestimmt der Tag, an dem er für diese Dinge Interesse aufbrächte. Wenn sie mit dem Mittagessen fertig war, wollte sie hinaufgehen und ihren ersten Rundgang starten.

     Obendrein wollte sie noch sein Abendessen vorbereiten – etwas authentisch Französisches sollte es sein. Sie hatte gestern alle Zutaten eingekauft und schon einiges vorbereitet, nun nahm sie nochmals das französische Kochbuch ihrer Mutter in die Hand, um das Rezept genau zu lesen.

     Waschen Sie den Ochsenschwanz unter fließendem Wasser ab, schneiden Sie das Fleisch in Stück, und wässern Sie es für mehrere Stunden.

     Das hatte sie schon gemacht. Anbraten, Würzen und das Schmurgeln in Brühe, Knoblauch, Gemüse und Brandy konnte sie am Nachmittag angehen.

     Rasch bereitete sie die beiden Essenskörbe vor, und nachdem sie sie ausgeliefert hatte, nahm sie die Dienstbotentreppe in den dritten Stock und ging den langen Korridor entlang zum Erkerzimmer. Ein Meer von Kisten lag vor ihr, als sie den staubigen Raum betrat. Dutzende und Aberdutzende von Kisten. Wer immer sie gepackt hatte, hatte sich nicht die Zeit genommen, sie zu beschriften. Was für ein Jammer.

     Sie versuchte, eine zu öffnen, doch ohne Messer oder Schere hatte sie keine Chance. Auch Markerstifte, um zu notieren, was sich in den einzelnen Kisten befand, waren sicher sinnvoll. Dazu ein Stuhl und ein Staubtuch. Morgen wollte sie wiederkommen und alles Notwendige mitbringen.

     Als sie schließlich nach getaner Arbeit am späten Nachmittag in ihrem Zimmer war, zog Dana sich um und packte in eine kleine Reisetasche, die sie gestern in Angers gekauft hatte, frische Kleidung, Nachtwäsche und ein paar Toilettenartikel. Sie war zum Aufbruch bereit.

     Oben an der Treppe wartete sie, bis die Halle verwaist war, stieg dann rasch die Stufen hinab und eilte zur Küche. Sie war zufrieden mit ihren Kochkünsten: Es riecht ziemlich gut, fand sie. In Wahrheit duftete es so, wie es in einer französischen Küche duften sollte.

     Sie schaltete die Kochplatte ab, stellte den Topf auf die Herdplatte, und als alles fertig war, setzte sie sich an den Tisch und holte ihr Notizbuch hervor.

     Monsieur Martin schrieb sie auf einen Umschlag, denn sie wollte sichergehen, dass ihre Nachricht nicht von fremden Augen gelesen wurde, Dein Abendessen steht auf dem Herd. Du musst es nur noch ein paar Minuten aufwärmen. Nur damit Du Bescheid weißt, ich bleibe heute Nacht in Angers, aber ich verspreche, morgen früh bin ich wieder da.

     Den verschlossenen Umschlag stellte sie auf die Anrichte neben dem Waschbecken, an dem er sich immer die Hände wusch. Auf diese Weise würde er ihre Nachricht nicht übersehen. Jetzt war alles getan. Sie verließ das Schloss durch den Gartenausgang und ging um das Gebäude herum zu ihrem Auto.

     Einige Crewmitglieder verabschiedeten sich gerade voneinander und stiegen in ihre Wagen. Wenn Alex sie von einer der Baumkronen aus abfahren sehen konnte – umso besser.

     Nachdem sie heute Morgen so sehr in seiner Umarmung geglüht hatte, wollte sie jetzt nicht, dass er von ihr glaubte, was er unweigerlich glauben musste. Bei dem Gedanken daran, dass sie ihn mit ihren Küssen praktisch verschlungen hatte, stieg ihr Röte in die Wangen. Und das um acht Uhr in der Früh!

     Als er sie gestern Abend am Telefon gebeten hatte, ihm noch Gesellschaft zu leisten, hatte sie schier übermenschliche Selbstdisziplin aufbringen müssen. Sie wusste, dass sie heute nachgeben würde, wenn er sie bloß ansah. Das Klügste, was sie machen konnte, war, sich selbst aus der Reichweite der Versuchung zu begeben und zu hoffen, dass sie eine andere Perspektive entwickelte.

 

Dana hatte den Lunch anscheinend vorbeigebracht, als er oben im Baum arbeitete und sie nicht sehen konnte. Als Alex die Leiter hinab stieg, stand der Korb auf der Ladefläche des Pick-ups. Obwohl er enttäuscht war, dass er sie verpasst hatte, verspürte einen Riesenappetit.

     Heute wollte er sie zum Dinner ausführen und mit ihr tanzen gehen. Zwei Nächte hintereinander konnte sie kaum Müdigkeit vorschützen! Er brauchte sie in seinen Armen und hatte nicht vor, irgendetwas dazwischenkommen zu lassen.

     Er machte früh Schluss, fuhr die letzte Tour zum Bauhof gegen sechs und schlüpfte dann voller Vorfreude durch den Garteneingang ins Schloss. Es duftete schon im Vorratsraum ganz köstlich. Sein Blick fiel auf einen geschlossenen Topf, der auf dem Herd stand.

     Als er die Besteckschublade aufzog, um sich eine Gabel zu holen, sah er den Umschlag. Die Nachricht war kurz und liebevoll. Er stieß einen Seufzer aus. Dana Lofgren – was versuchst du, mit mir zu machen?

     Er musste sich beruhigen, sonst explodierte er aus dem Stand. Wenn sie glaubte, sie könne sich vor ihm verstecken, hatte sie sich getäuscht. Er würde sie in einem der Hotels finden, die Paul für das Team aufgelistet hatte.

     Während er duschte und sich umzog, hatte sich das Schloss geleert. Alex schloss alle Türen ab und machte sich auf den Weg nach Angers. Gut, dass es heute keine Geschwindigkeitskontrollen gab. Und dieses Mal warnte er sie nicht mit einem Anruf vor. Damit war Schluss.

     Zuerst versuchte er es im Hotel Beau Rivage, aber dort war sie nicht gemeldet. Seine Enttäuschung wuchs, als er hörte, dass sie auch im Chatelet nicht eingecheckt hatte. Als er schließlich vor dem Rezeptionisten im Metropole stand, waren seine Zweifel, ob sie überhaupt in einem der Hotels der Stadt übernachtete, erheblich gewachsen.

     Doch er hatte Glück. Dana war in diesem Haus zu Gast, aber nicht in ihrem Zimmer.

     Da er nun wusste, wo seine bezaubernde Köchin die Nacht verbrachte, verließ er das Hotel, um einige Besorgungen zu erledigen.

     Das Kopfsteinpflaster der Straßen verströmte die sommerliche Hitze. Es war ein Sommerabend, wie gemacht für Liebende, doch so ein starkes Gefühl der Liebe hatte er bislang für keine Frau empfunden. Alex spürte, dass in ihm Bedürfnisse und Wünsche wuchsen. Und es war eine neue Erfahrung für ihn, nach einem Tag harter Arbeit Leere und Unzufriedenheit mit seinem Leben zu empfinden.

     Er presste die Kiefer zusammen. Der Gedanke, die Nacht ohne Dana auf dem Schloss verbringen zu bringen, war ihm plötzlich schier unerträglich vorgekommen. Wie war sie ihm nur in diesen wenigen Tagen so wichtig geworden?

     Bald schon würde sie nach Deutschland abreisen. Und was dann? Paul hatte ja angedeutet, dass sie Regiepläne hatte.

     Er beschloss, ihr bis zehn Uhr Zeit zu geben. Jetzt war es acht. Er legte seine Einkäufe ins Auto, betrat das Hotel und stieg hinauf in den dritten Stock, wo ihr Zimmer lag.

     "Dana?" Während er an die Tür klopfte, rief er mehrmals ihren Namen. "Ich bin es, Alex. Ich weiß, dass du hier wohnst. Es ist also sinnlos, so zu tun, als wärest du nicht da."

     "Warum sollte ich das tun?", erklang ihre Stimme hinter ihm. Überrascht drehte er sich um und sah sie auf sich zukommen.

     Beim Gehen hüpften ihr kleine lockige Haarsträhnen ins Gesicht. Es juckte ihn in den Fingern, in ihrem Haar zu spielen. Sie trug eine Kiste auf dem Arm. "Warum hast mich nicht angerufen, wenn du mit mir sprechen willst?"

     Er atmete scharf ein. "Wärst du drangegangen?"

     "Natürlich."

     Da er es nicht probiert hatte, konnte er ihr nun schwerlich vorwerfen, sie würde lügen. "Warum hast du mir nicht erzählt, dass du über Nacht fortbleiben willst?"

     "Hast du meine Nachricht nicht gefunden?" Sie war perfekt in der Rolle der Unschuldigen. "Ich habe den Umschlag auf die Anrichte gestellt."

     "Die habe ich gefunden. Aber ich spreche von heute Morgen."

     An ihrem Hals zuckte ein kleiner Nerv. "Wenn du dich erinnerst, wir sind … unterbrochen worden."

     "Mein Gedächtnis funktioniert tadellos", murmelte er. Sein Blick haftete auf ihrem Mund. Mit ihren Lippen hatte sie ein Feuer entfacht, das hell in ihm brannte. "Und mittags, als du den Korb gebracht hast und so schnell wieder verschwunden warst, dass ich dich nicht einmal bemerkt habe?"

     Sie wandte den Blick ab. "Ich habe mich erst am Nachmittag entschieden."

     "Was hast du da eigentlich im Arm? Du hältst die Kiste wie ein neugeborenes Baby."

     Eine feine Röte überzog ihre Wangen. "Es ist etwas sehr Altes und Kostbares."

     Alex hatte keine Idee. "In diesem Fall sollten wir sie in meinem Auto ins Schloss bringen. Dort liegt sie sicher, und wir können das wunderbare Abendessen genießen, das du gekocht hast. Allein schon der Duft hat mir das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen."

     "Du hast noch nicht gegessen?" Sie klang enttäuscht.

     "Ich habe ein bisschen gekostet, aber allein mochte ich nicht essen. Der Topf steht im Kühlschrank und wartet auf uns."

     Es frustrierte ihn, dass sie immer noch nicht überzeugt war. Also versuchte er eine andere Taktik. "Warum gibst du mir nicht die Kiste und packst unterdessen deine Sachen? Morgen fahre ich dich zu deinem Auto zurück. Ich muss ohnehin in die Stadt."

     Sie kaute auf ihrer Unterlippe, was sein Begehren nur verstärkte. Hoffentlich war dies ein Zeichen dafür, dass sie allmählich schwach wurde. "Also gut", seufzte sie endlich. "Aber bitte lass es nicht fallen, ich könnte es so schnell nicht mehr ersetzen."

     Das klang sehr geheimnisvoll. Seine Neugierde war beträchtlich.

     "Ich verspreche, ich schütze das Päckchen mit meinem Leben."

 

Es könnte dein Leben sein, Alex.

     Vorsichtig überreichte sie ihm die Kiste. Sie brauchte nur ein paar Minuten, um ihre Sachen zu packen, und wenig später verließen sie das Hotel. In Wahrheit hatte sie ohnehin keine Lust gehabt, in diesem sterilen Hotelzimmer zu übernachten. Und dass er hierher gekommen war, versetzte sie bis ins Innerste in Aufruhr.

     Als sie am Auto standen, stellte sie ihre Reisetasche ab und nahm ihm die Kiste ab, während er mit der Fernbedienung die Türen entriegelte.

     "Ich nehme dir das ab, steig du erst einmal ein."

     Alex konnte so galant sein. Erst als sie saß, reichte er ihr die Kiste ins Auto und schloss behutsam die Tür. Auf der Fahrt schaute er sie mit einem Mal eindringlich an. "Hast du beim Öffnen der Bücherkisten irgendetwas Interessantes entdeckt?"

     "Ohne Werkzeug bekomme ich sie nicht auf, und sie sind nicht beschriftet. Das war ein bisschen blöd, aber morgen ist ein neuer Tag. Wie lief es in deinem Garten?"

     "Dank der köstlichen Mittagessen habe ich diese Woche schon zwei Stunden zusätzlich gewonnen. Wenn es so weitergeht, bin ich Ende nächster Woche fertig."

     Die Tage vergingen viel zu schnell. Eine leichte Panik befiel sie. "Was willst du als Nächstes machen?"

     "Das Gestrüpp zwischen dem Schloss und dem kleinen Nebengebäude in Angriff nehmen."

     Nicht lange und das Außengelände wäre fertig. Blieben die Innenräume. Aber mit dieser Arbeitshaltung und seinem Tempo würde er das Schloss im Handumdrehen für Besichtigungen öffnen können.

     Sie spürte seinen Blick auf ihr. "Über was denkst du so angestrengt nach?"

     "Über all die Arbeit, die du ohne Unterstützung geleistet hast."

     "Ich mag diese Art von Arbeit."

     Dana bewunderte ihn mehr, als sie zu sagen vermochte. "Ganz offensichtlich liebst du die Arbeit im Freien."

     "Ich habe immer meine Freiheit gebraucht."

     Oh, ja, das hatte sie verstanden. Schließlich hatte er die Grenzen ihrer Beziehung für die Dauer dieser vier Wochen klar festgelegt. Wie sonst wäre er auch all die Jahre Junggeselle geblieben?

     In diesem Augenblick fuhren sie in den Schlosshof ein. Alex parkte, stieg aus und öffnete ihr die Beifahrertür. "Ich freue mich schon auf ein Mitternachtsessen mit dir. Es scheint, als sei es heute unser Abend."

     Von so einem Abend hatte sie geträumt. "Bist du nach der Schufterei in der heißen Sonne nicht kaputt?"

     "Im Gegenteil. Ich fühle mich voller Energie."

     Den Weg zur Küche legte sie fast im Laufschritt zurück. Er folgte ihr, trug ihre Reisetasche und seine Einkäufe.

     "Wieso hast du es so eilig?" Er hatte inzwischen den Topf aus dem Kühlschrank genommen und ihn auf den Herd gestellt.

     "Ich dachte, ich bringe das hier zuerst nach oben."

     Alex betrachtete die Kiste. "Oben ist es dunkel. Du könntest stolpern und der Inhalt dieser Kiste, die du so eifersüchtig bewachst, zerbrechen."

     Das konnte sie nicht riskieren, und so stellte sie die Kiste auf die Arbeitsplatte. "Du hast recht."

     Ihr Blick fiel auf den Umschlag, den sie für Alex hinterlassen hatte. Keinen Augenblick hatte sie daran gedacht, dass er ihr nachfahren und sie zurückholen würde. Ihr Herz schlug Purzelbäume.

     Sein Verhalten hatte gewiss etwas zu bedeuten, doch sie wäre verrückt zu glauben, dass er mehr wollte als ein paar Wochen Vergnügen mit ihr unter seinem Dach. Was heute Morgen passiert war, konnte sich ganz rasch wiederholen, und diese Vorstellung machte ihr Angst.

     Aber schließlich war sie diejenige gewesen, die gefragt hatte, ob sie im Schloss schlafen dürfe. Wenn, dann hatte sie Vorteile aus der Situation gezogen, nicht umgekehrt. Und für alles, was nun passierte, hatte sie selbst die Verantwortung zu tragen.

     Schon bald zog ein würziger Duft durch die Küche. Als sie sich umdrehte, sah Dana, dass Alex schon den Tisch gedeckt hatte. Weißbrot und eine Flasche Wein standen bereit, dazu hatte er einen alten silbernen Kerzenständer mit frischen Kerzen auf den Tisch gestellt.

     Nachdem er die Kerzen angezündet hatte, schaltete er die Küchenbeleuchtung aus. Der Raum war in intimes, warmes Licht getaucht. Mit seinen Augen bedeutete er ihr, Platz zu nehmen, und im Widerschein des Kerzenlichts leuchteten sie in einer Weise, die ihren ganzen Körper erzittern ließ.

     Sie nestelte nervös an ihrer Serviette, während er das Essen in einer wunderschönen alten Schüssel mit Griffen servierte. Er setzte sich und tat ihnen beiden auf. "Bon appetit."

     In der Hoffnung, dass der Geschmack mit dem Duft mithalten konnte, probierte sie den ersten Bissen, und zu ihrer Überraschung schmeckte das Fleisch anders als alles, was sie vorher in ihrem Leben gekostet hatte. Ein zweiter Bissen – irgendetwas fehlte. Vielleicht half ein Stück Baguette.

     Alex hatte seinen Teller schon fast leer gegessen. "Mein Kompliment an die Köchin. Neben vielen anderen Begabungen kannst du ausgezeichnet kochen, Dana."

     Entschieden legte sie den Löffel beiseite. "Nein, kann ich nicht."

     "Was sagst du da?"

     "Es schmeckt grauenvoll. Ich wollte dir etwas Besonderes machen, aber das Essen ist komplett misslungen."

     "Wie heißt das Gericht?"

     "Siehst du? Selbst du weißt nicht, was es ist." Tränen stiegen ihr in die Augen.

     "Ist es Huhn?"

     "Nein."

     "Wenn du mir jetzt sagst, dass es eingelegte Schweinsfüße sind, dann bin ich überrascht, wie delikat sie schmecken."

     "Falsches Tier."

     Er hob eine Augenbraue. "Kuh?"

     "Nein."

     "Pferd?"

     "Nein!"

     "Froschschenkel?"

     Sie schüttelte den Kopf. "Du rätst es nie. Das Rezept habe ich in dem alten französischen Kochbuch meiner Mutter gefunden, das ich aus Kalifornien mitgebracht habe."

     "Dann kann es alles sein, von Hirn, über Innereien bis Zunge."

     "Es ist mehr ein Stück vom Ende. Der Metzger meinte, es sei eine große Delikatesse."

     "Ein Endstück …" Sie konnte sein Gehirn förmlich die Möglichkeiten durchgehen hören.

     Als nichts kam, eröffnete sie ihm die Wahrheit. "Es ist Ochsenschwanz. Wie können die Franzosen so etwas essen? Ich finde es ekelhaft!"