7. KAPITEL

Alex' schallendes Gelächter hallte von den Wänden wider. Es war ein tiefes, männliches Lachen, das so ansteckend wirkte, dass ihre Tränen versiegten und sie ebenfalls in Lachen ausbrach.

     Er griff nach ihrer Hand und drückte diese fest. Seine Berührung löste einen Wärmestrahl in ihrem Körper aus. "Ich bin gerührt, dass du dir für mich solche Mühe gemacht hast, Dana."

     "Ich hätte etwas kochen sollen, das mir schmeckt, nicht dieses fettige, geschmacklose Fleisch."

     "Ja, ganz furchtbar." In seinem Blick lag eine Welt voller Gefühle. "Lass uns einen Schluck dazu trinken."

     "Nein, warte."

     Ihre hektischen Worte wischten das warme Lächeln aus seinem Gesicht. "Warum nicht? Was ist los?"

     "Nichts. Es ist nur, ich habe uns eine ganz besondere Überraschung in der Stadt gekauft. Und vielleicht ist das jetzt ein guter Zeitpunkt …"

     "Darf ich die Kiste endlich aufmachen?" Er sah aus und klang wie ein aufgeregter Schuljunge, der es nicht erwarten konnte, das Papier von seinem lang ersehnten Geburtstagsgeschenk zu reißen.

     Sie nickte. "Aber bitte sei vorsichtig."

     Mit einigen raschen Schritten war er an der Arbeitsplatte. Dana stand auf, um ihn aus der Nähe beobachten zu können. Die Kiste enthielt eine alte grüne Weinflasche, die in Stroh gebettet lag. Langsam hob er sie heraus, um das purpurrot und cremeweiße Etikett lesen zu können.

     Sein Gesicht wurde aschfahl. "Domaine Belles Fleurs Coteaux-du-Layon Cuvee D' Excellence, 1892, Anjou, France." Er sprach die Worte langsam und deutlich, wie ein Mensch im Schockzustand.

     Unvermittelt wandte er den Blick von der Flasche zu ihr. Funken schienen aus seinen Augen zu sprühen. "Woher hast du sie?" Seine Stimme zitterte.

     "Die Herkunft ist einwandfrei. Madame Fournier hat freundlicherweise die Verbindung zu dem Herrn hergestellt. Ein wohlhabender Geschäftsmann und Weinkenner aus Angers. In seinem Keller lagern drei Flaschen Domaine Belles Fleurs verschiedener Jahrgänge. Als ich ihm erklärte, warum ich gern eine Flasche erwerben würde, war er so freundlich, mir diese hier zu verkaufen."

     Alex schluckte schwer. Selbst seine Hände zitterten. "Diese Flasche kostet gewiss fünftausend Dollar. Selbst wenn er einen guten Preis bekommen hat, kann ich mir kaum vorstellen, dass er sich leicht davon getrennt hat."

     Dana lächelte. "Manchmal hilft es, die Tochter von Jan Lofgren zu sein. Die Tatsache, dass er seinen neuen Film auf Belles Fleurs dreht, hat den Herrn durchaus für ihn eingenommen. Ich habe darüber hinaus fallen lassen, dass der neue Besitzer bislang am anderen Ende der Welt gelebt hat und noch nie den Wein der Familie probieren konnte."

     Alex glich immer mehr einem Unfallopfer, das einen schweren Schock erlitten hat. "Mir fehlen die Worte für das, was du getan hast", flüsterte er. "Du musst diese Flasche sofort zurückbringen und dein Geld wiederholen."

     Langsam atmete sie ein. "Ich wusste, dass du das sagen würdest. Aber ich habe sie gekauft, weil es mir Freude gemacht hat. Weißt du übrigens, dass er dich gern kennenlernen möchte? Er will dich morgen anrufen, um eine Verabredung zu treffen."

     Seine Miene war so finster und unerreichbar, dass sie Angst bekam. "Hast du mir nicht zugehört? Wenn du sie nicht zurückbringst, dann mache ich es." Schon hatte er die Flasche wieder in die Kiste gelegt. Offenbar hatte er überhaupt nicht gehört, was sie gesagt hatte.

     Entschlossen hob sie das Kinn. "Das ist mein Geschenk. Ich habe es von meinem Geld bezahlt, nicht aus dem Budget der Filmgesellschaft, wenn du dir darüber Sorgen machst."

     "Wenn dein Vater das wüsste …"

     Dass er ihren Vater erwähnte, entfachte ihren Zorn. "Willst du es ihm erzählen? Nur zu. Aber wenn du glaubst, dass ich auf Erpressung reagiere und deshalb meine Meinung ändere, dann kennst du mich schlecht."

     "Dana", seine Stimme klang rau, "so etwas verschenkt man nicht."

     "Nun, Pardon, aber genau das habe ich getan. Es gefällt mir, dir etwas zu schenken, das zur Geschichte deiner Mutter gehört, der einzig greifbare Beweis, der von einem einstmals florierenden Weingut geblieben ist. Wo bleibt die Romantik in deiner Seele?"

     Er ballte die Hände zu Fäusten. "Wir reden hier über dein hart verdientes Geld."

     Sie zuckte mit den Schultern. "Wenn das Geld da ist, ist es da. Es gab bisher nichts, für das ich es ausgeben wollte. Aber ich hätte wohl daran denken sollen, dass du knapp bei Kasse bist und die Steuern bezahlen musst. Dann schlage ich dir Folgendes vor: Geh zu Monsieur Dumarre. Wenn du das Geld bekommen hast, zahlst du es einfach auf dein Konto ein – umso schneller kommst du hier weg und kannst an deiner Karriere arbeiten."

     Blind von Tränen und Schmerz griff sie nach ihrer Handtasche und rannte durch den langen Korridor zur Halle. Sie brauchte oben kein Licht, den Weg fand sie mit verbundenen Augen. In ihrem Zimmer warf sie sich auf ihr Bett.

     "Dana!"

     Sie hätte wissen müssen, dass er ihr folgte. Nun konnte sie nicht ungestört in ihr Kissen schluchzen. "Komm bitte wieder runter und lass uns reden."

     "Das werde ich nicht tun."

     "Dann komme ich jetzt rein. Denk dran, ich habe dir die Wahl gelassen."

     Alex setzte sich rittlings auf einen Stuhl, den er sich neben ihr Bett gezogen hatte, und schaute sie für einige spannungsgeladene Augenblicke unverwandt an. "Dein Geschenk hat mich überwältigt. Wie kann ich dir nur begreiflich machen, dass ich noch nie eine solche Großzügigkeit erfahren habe? Ich bin so sehr berührt, dass ich es nicht mit Worten ausdrücken kann."

     "Ich glaube, ich wollte einfach mit aller Kraft, dass wir beide den Wein einmal kosten können. Ich habe es mir so sehr gewünscht, dass ich deiner Meinung nach über das Ziel hinausgeschossen bin. Aber um ehrlich zu sein, Alex, so teuer war er nicht."

     "Wie viel?", fragte er mit ruhiger Stimme. "Die Wahrheit."

     "Er hat mir als Willkommensgeschenk an dich einen Nachlass gewährt. Dreitausend Dollar. Weniger als ich in einem Monat verdiene."

     Sie hörte ein frustriertes Schnauben. Wie konnte sie ihn nur erreichen?

     "Kannst du nicht verstehen, wie glücklich es mich gemacht hat, eine Flasche Wein von deinem Gut zu finden? Nachdem ich gesehen habe, in welchem Zustand der Weinberg jetzt ist, kommt es mir wie – ich weiß nicht – es kommt mir vor, als hätte ich einen traumhaften Schatz gefunden."

     Die Qual auf seinem schönen Gesicht brachte sie beinahe um.

     "Unter einer Bedingung kann ich es annehmen."

     Sie sprang vom Bett auf. "Nein, ich werde dein Geld nicht annehmen. Vergiss es. Ich habe es schon längst vergessen." Sie ging zur Tür.

     "Und wo willst du jetzt hin?" Augenblicklich war er aufgesprungen.

     "In die Küche, um dieses grauenvolle Gericht wegzuwerfen." Sie musste raus, bevor sie damit herausplatzte, was sie in Wahrheit sagen wollte: dass sie ihn liebte, und zwar auf eine Art, die tief in ihrer Seele wurzelte.

     "Das Essen kann warten." Alex hatte sie vor der ersten Treppenstufe eingeholt, nahm sie einfach auf seine starken Arme, als wäre sie ein Federgewicht, und trug sie zurück zum Turmzimmer.

     "Nein, Alex!", rief sie, während sie versuchte, sich aus seinen Armen zu befreien. "Jetzt tue ich dir leid, so als wäre ich ein kleines Mädchen, dem es mit einem Küsschen auf die Wange und einem Lutscher in der Hand gleich besser geht."

     Er legte sie auf das Bett, beugte sich hinunter und legte sich so, dass er sie mit seinem Körper halb bedeckte. Sie spürte seine Finger liebkosend in ihrem Haar. "Du hast nicht die leiseste Ahnung, was ich empfinde. Wärest du ein kleines Mädchen, könnte ich dich nach Hause zu deinem Vater schicken. Das bist du aber nicht." Seine Lippen berührten ihre Wangen, ihre Stirn, ihr Haar. "Du bist ein großes Mädchen, das ich zu meinem Vergnügen in diesen Turm hier einsperren möchte." Sein Mund entzündete das Feuer der Leidenschaft. "Verstehst du, wovon ich spreche?"

     "Dann hör auf, mich zu quälen, und küss mich richtig. Ich sehne mich seit dem Moment, als Saskia uns unterbrochen hat, danach."

     "Ich brenne schon viel länger", gestand er.

     Seine Lippen auf ihren lösten einen Freudentaumel in ihr aus, dass sie nichts mehr um sich herum wahrnahm als diesen wunderbaren Mann, der in ihr eine Welle der Lust entfesselte. Kein anderes Gefühl der Welt ließ sich damit vergleichen. Wieder und wieder küssten sie sich, genossen den Geschmack und die Nähe des anderen.

     Dana schlang ihm die Hände um den Hinterkopf, zog ihn näher zu sich heran, berührte, streichelte und küsste ihn. Die Lippen an ihrem zarten Hals flüsterte er: "Du ahnst nicht, wie sehr ich dich begehre."

     Die beiden ineinander verschlungenen Körper verströmten Hitze. Seine Zärtlichkeiten ließen ihren Atem schneller und tiefer gehen. "Alex!" Sie rief seinen Namen in haltlosem Entzücken.

     "Was ist los?", flüsterte er dicht an ihren Lippen.

     Was los ist?

     Seine Hände lagen auf ihren Schultern. "Erschrecke ich dich? Das ist alles sehr neu für dich, nicht wahr? Sag mir die Wahrheit."

     In diesem Moment sank ihr das Herz. Wusste er nicht, dass sie seinen Namen in einem Moment der Euphorie ausgesprochen hatte?

     Er hätte diese Frage niemals gestellt, wenn er sie auf Augenhöhe wahrnähme.

     Er sah sie nicht als erwachsene, reife Frau. In seinen Augen war sie ein Mädchen, das sich ungehorsam gegenüber dem Vater verhielt, ein impulsives Mädchen, das sich nichts dabei dachte, mit einem Fremden in dessen Schloss zu schlafen und schlimmer – dreitausend Dollar für ihn zu verschwenden.

     Dana vergab ihm das. Natürlich vergab sie ihm. Aber solange er sie mit diesen Augen sah, war die Freude dieser Nacht getrübt. Vielleicht würde kein Mann sie jemals ernst nehmen, solange sie mit ihrem Vater verbunden war. Langsam zog sie sich aus der Umarmung zurück, obwohl es sie übermenschliche Kräfte kostete. "Du hast mich nicht erschreckt, aber um ehrlich zu sein, macht mich die Geschwindigkeit, mit der sich die Dinge entwickeln, etwas nervös."

     Zögernd stand er auf. "Ich habe geschworen, dass ich niemals dein Zimmer betrete, während du hier bist. Heute habe ich meinen Schwur gebrochen, aber ich verspreche, dass es nicht mehr vorkommen wird."

     "Alex, keiner hat Schuld. Wir haben beide den kurz den Kopf verloren. Das ist nur menschlich. Ich würde lügen, wenn ich sagte, dass ich nicht jede Minute genossen hätte. Aber lass uns trotzdem ehrlich sein: Willst du, dass ich das Schloss verlasse?"

     "Die Entscheidung liegt ganz bei dir. Wir können uns morgen früh um halb acht vor dem Schloss treffen, dann fahre ich dich zu deinem Auto nach Angers."

     Ihr Herz schlug so heftig, dass es schmerzte. Ihre Frage bewies nur, dass sie tatsächlich das Mädchen war, für das er sie hielt, und keine erwachsene Frau, die selbständig ihre Entscheidungen traf. Sie hatte einen Fehler gemacht – hoffentlich war er der letzte. "Danke. Gute Nacht."

     Er ging, und sie saß lange auf ihrem Bett und dachte darüber nach, was sie tun sollte. Ein Mädchen würde in Tränen aufgelöst zusammenbrechen. Eine Frau fand ihren Weg.

     Er hat Saskia gesagt, ich sei bei ihm angestellt, überlegte sie. Also würde sie sich von nun an wie eine Angestellte verhalten, Mittagessen machen und ihn ansonsten in Ruhe lassen, bis sie abreiste. Der Mann hatte keine Zeit für Dramen. Er war in Eile.

 

Als Alex am nächsten Morgen um halb acht den Wagen vor das Schloss fuhr, stand Dana schon wartend vor dem Eingang. Sein Pulsschlag beschleunigte sich, denn sie sah blendend aus in weißen Bundfaltenhosen und einem in Grün und Blau bedruckten Top. Keine Frau, die er kannte, war so reizvoll.

     "Guten Morgen." Ihr Ton war so freundlich, als hätte das Feuerwerk letzte Nacht sich niemals ereignet.

     "Du klingst ausgeruht."

     "Ja." Sie stieg ins Auto ein. "Ich habe wundervoll geschlafen."

     Während er zum Tor fuhr, umfasste er das Lenkrad fest. In dieser endlosen Nacht hatte sein Verlangen nach ihr keinen Moment lang nachgelassen. Noch immer konnte er ihren Mund schmecken, noch immer ihren weichen Körper spüren. Auch wenn er ihr gesagt hatte, die Entscheidung läge bei ihr, hatte er das in Wahrheit nicht so gemeint. Das Schloss wäre ohne sie nicht mehr dasselbe. Er wollte heute alles daransetzen, dass sie für die restliche Zeit blieb.

     "Als ich vorhin in die Küche kam, stand die Weinkiste nicht mehr da."

     "Ich habe sie zur sicheren Verwahrung in den Weinkeller gebracht."

     Sie schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln. "Dann liegt sie dort, wo sie eigentlich schon lange hingehört."

     Sie war völlig unvorhersehbar für ihn. Was ging nur in ihrem Kopf vor? Für eine Weile herrschte Stille zwischen ihnen. Doch kurz bevor sie Angers erreichten, fragte er: "Hättest du Lust, das Schloss von Angers zu besichtigen? So früh werden noch nicht viele Touristen da sein."

     Zu seiner Überraschung lachte sie auf. Es war kein fröhliches Lachen. "Weißt du, dass du manchmal meinem Vater unheimlich ähnlich bist?"

     Er verzog ungläubig das Gesicht. "Wie kommst du jetzt auf deinen Vater?"

     "Wann war er auf die eine oder andere Weise jemals nicht in unseren Unterhaltungen anwesend? Gestern warst du gegen mich aufgebracht, heute versuchst du, mich zu besänftigen. Diese Reaktionen kenne ich seit meiner Kindheit. Wirf Dana einen Leckerbissen hin, und sie wird schon alles vergessen."

     Ohne Vorwarnung trat Alex auf die Bremse und fuhr seitlich auf den Randstreifen. Er drehte sich zu ihr, umfasste mit seiner warmen Hand ihren Nacken und spürte, dass ihre Härchen sich aufstellten.

     "Keine Sekunde habe ich vergessen, was letzte Nacht passiert ist, und ich bin mir sicher, du genauso wenig." Er konnte sich nicht länger zurückhalten und küsste die zarte Haut ihres Nackens. "Die Wahrheit ist, ich möchte, dass du im Schloss bleibst, und hatte gehofft, dir das bei einer kleinen, angenehmen Auszeit sagen zu können."

     "Ich weiß aber, wie dringlich es dir ist, das Schloss und den Park fürs Publikum öffnen zu können, du tust uns beiden also keinen Gefallen, wenn du mich auf diesem Monsterschloss herumführst. Ich habe meine eigenen Pläne für den Tag. Aber dank dir trotzdem."

     Die Lust, sie an einen geheimen Ort zu bringen und sie zu küssen, bis sie um Erbarmen rief, wurde nur von dem Wissen übertrumpft, dass sie nicht vor ihm davonlief. Zärtlich knabberte er an ihrem Ohrläppchen, bevor er sich wieder von ihr löste und losfuhr.

     Bis zur Stadt sprachen sie kein Wort mehr, was ihn aber nicht störte. Erst einmal war es gut zu wissen, dass sie blieb. Sie liebte alles an diesem Schloss, einschließlich seiner verdammten Weinstöcke. Die einzige Beeinträchtigung in diesem Szenario schien er selbst zu sein.

     Danas Ruf riss ihn aus seinen Gedanken. "Da steht mein Auto."

     Als sie wenige Minuten später in ihrem Wagen saß, kurbelte sie noch einmal das Fenster hinunter. "Danke, dass du mich hergefahren hast. Wir sehen uns später." Er winkte ihr nach, bis er ihr goldblondes Haar nicht mehr sehen konnte.

     Zwei Blocks entfernt lag das Postamt, wo er seine postlagernden Briefe abholte. Ein paar Rechnungen waren dabei und Briefe von seinen Kollegen in Bali wie auch von seinen Kontaktleuten in Louisiana. Zum Schluss fiel ihm noch eine Postkarte in die Hände. Das Foto von Sanur verriet ihm bereits, wer der Absender war.

     Martain, vielen Dank für die Postkarte mit dem Riesenschloss vorne drauf. Eines Tages will ich es mir anschauen und auch das Haus, das Sie von Ihrem Großvater geerbt haben. Ich arbeite viel und spare Geld, damit ich nach Frankreich reisen kann. Vielleicht kann ich bald für Sie in den USA arbeiten? Sind die Französinnen so heiß, wie man überall hört? Wie viele hatten Sie schon? Schreiben Sie mir bald, Ihr Sapto.

     Alex grinste. Vom Postamt aus ging er um die Ecke zu einem Andenkenladen, wo man auch Postkarten kaufen konnte. Dort erstand er eine, auf der das Château von Chenonceau abgebildet war, Danas Lieblingsschloss.

     Hey, Sapto. Ich mag Deine Karte sehr. Es hat mich an viele Dinge auf Bali erinnert. Ich freue mich, dass Du hart arbeitest. Es wird sich auszahlen. Vielleicht sehen wir uns eines Tages wieder. Die Französinnen sind definitiv sexy, aber sie können mit der Amerikanerin, die gerade bei mir im Schloss wohnt, nicht mithalten. Mit ihr habe ich Pläne. Was er sonst noch von ihr dachte, schrieb er auf Indonesisch und unterschrieb die Karte, A. Martin.

     Er klebte die Briefmarke auf und warf die Karte ein, dann machte er sich auf den Weg nach Hause. Auf halbem Weg fiel ihm auf, dass er zum ersten Mal, seit er in Frankreich war, das Schloss als Zuhause bezeichnete. Irgendetwas geschah mit ihm. Irgendetwas Tiefgehendes.

     Er war in Tagträumereien versunken, als sein Handy klingelte.

     "Monsieur Martin?", fragte eine Männerstimme auf Französisch.

     "Ja?"

     "Ich bin Honoré Dumarre. Vielleicht hatte Mademoiselle Lofgren noch nicht die Gelegenheit, Ihnen von unserem gestrigen Treffen zu erzählen."

     Alex setzte sich aufrecht hin. Dana hatte ihm gesagt, dass dieser Mann sich melden würde, aber er hatte nicht so rasch mit seinem Anruf gerechnet. "Sie hat mir gestern Abend eine Flasche 1892er Belles Fleurs aus Ihrem Bestand als Geschenk überreicht."

     Der Mann am anderen Ende lachte leise. "Es ist eine große Ehre für mich zu wissen, dass sie sich nun wieder in den Händen des rechtmäßigen Besitzers befindet. Seien Sie herzlich willkommen, Monsieur. Es freut mich sehr, dass nach all den Jahren wieder ein Fleury bei uns ist."

     Alex empfand große Sympathie für die Art und Herzenswärme dieses ihm unbekannten Menschen. "Haben Sie herzlichen Dank, Monsieur. Sie sind sehr freundlich. Wie Sie sich vorstellen können, ist das ein ganz und gar unglaubliches Geschenk für mich. Ich bin jetzt noch überwältigt. Ich hatte auch vor, Sie heute noch anzurufen und Ihnen dafür zu danken, dass Sie sich von dieser Kostbarkeit getrennt haben."

     "Mademoiselle Lofgren hatte so viel Freude daran, Ihnen dieses Geschenk zu machen, dass ich gar nicht anders konnte. Das Leben schenkt uns zuweilen etwas Kostbares, etwas, das jenseits von Preisen und Geld liegt. Ich denke dabei nicht nur an den Wein, sondern auch an die schöne junge Frau. Aus ihren himmlisch blauen Augen scheint direkt ihre Seele zu leuchten, nicht wahr? Sie ist ein Hauptgewinn des Schicksals."

     "Ja", war alles, was Alex sagen konnte, denn seine Kehle war von Gefühlen wie zugeschnürt."

     "Dass sie Jan Lofgrens Tochter ist … Seine Filme sind wirklich genial."

     "Da stimme ich Ihnen zu."

     "Hat sie Ihnen erzählt, dass ich eine Party gebe?" Das hatte sie nicht, aber er hatte ihr auch nicht ernsthaft die Chance dazu gegeben. "All Ihre benachbarten Winzer möchten Sie gern kennenlernen. Ich möchte auch gern die Lofgrens einladen und hoffe, dass sie kommen werden."

     "Herzlichen Dank für die Einladung, Monsieur Dumarre."

     "Wunderbar. Nennen Sie mich doch bitte Honoré. Meine Frau Denise und ich dachten an Samstag. Passt halb neun?"

     "Ich freue mich sehr. Nennen Sie mich doch bitte Alex."

     "Gern. Wir freuen uns alle auf den Abend."

     "Ich freue mich auch."

     "Auf bald, Alex."

     "Bis Samstag, Honoré."

 

Am Montag verließ Dana das Schloss früh am Morgen, um sich mit ihrem Vater zu treffen. Sie hatte ihn angerufen und ihr Kommen angekündigt. Als sie an seine Hotelzimmertür klopfte, öffnete er, noch im Morgenmantel und mit einer Tasse Kaffee in der Hand."

     "Hi, Dad." Sie trat ein und schaute sich kurz in dem chaotischen Raum um. "Das Blutbild im Krankenhaus steht heute an. Während du dich fertig machst, kümmere ich mich um die Wäsche." Sie begann, Kleidungsstücke einzusammeln.

     "Ich dachte schon, du hättest es vergessen."

     Wie kam er nur dazu, so etwas zu sagen? Es zeigte nur einmal mehr, wie gedankenlos er mit ihr umging. "Habe ich je etwas vergessen?"

     "Ich sehe dich überhaupt nicht mehr." O Mann. "Wie ich höre, bist du sehr beschäftigt damit, die Bibliothek für Alex in Ordnung zu bringen."

     "Ich sehe dich auch nie. Du bist so mit deiner Arbeit beschäftigt, dass ich nur aus den leeren Lunchkörben schließe, dass du im Schloss bist."

     Nach einer kurzen Pause sagte er: "Ich mag dein Essen. Du kochst wie deine Mutter."

     Beinahe ließ Dana die Kleidungsstücke auf den Boden fallen. Ein Kompliment von ihm kam ungefähr so oft wie der Halleysche Komet. "Sie war die Beste."

     "Ich vermisse sie auch, Dana. Willst du dich nicht setzen? Ich möchte mit dir sprechen."

     "Warum?" Sie ahnte, dass eine Standpauke folgte. Das war neuerdings der einzige Grund, warum er mit ihr sprach.

     "Weil ich meiner Tochter einen Geburtstagskuss geben möchte. Das kann ich nicht, wenn du ständig herumläufst." Er nahm sie in die Arme und drückte sie fest. Dana war gerührt und erwiderte seine Umarmung.

     "Ich dachte schon, du hättest es vergessen."

     "Das schaffe selbst ich nicht." Nach einem Kuss auf die Stirn ließ er sie los und zog ein Armband aus seiner Tasche, das ihr bekannt vorkam. Es war wie ein feines Seil aus Gold gearbeitet, sehr elegant, sehr schick. Er legte ihr das Schmuckstück um den Arm und schloss das Band. "Ich habe es deiner Mutter an ihrem letzten Geburtstag geschenkt. Ich möchte, dass du es jetzt trägst."

     Noch nie hatte er ihr etwas aus dem Besitz ihrer Mutter geschenkt. "Danke", flüsterte sie. "Mama hat dieses Armband sehr geliebt. Ich werde es in Ehren halten."

     "Ich weiß." Er räusperte sich. "Was hältst du davon, wenn wir uns einen schönen Tag machen und nach dem Krankenhaus zusammen essen gehen?"

     Seit sie das Zimmer betreten hatte, hatte sie gespürt, dass ihm etwas auf dem Herzen lag. Doch dieser Vorschlag passte so gar nicht zu ihm.

     "Kannst du einfach so einen Tag lang vom Set wegbleiben?"

     "Sie werden schon mal ohne mich zurechtkommen können."

     Nein, konnten sie nicht! "Ich dachte, ihr seid so knapp in der Zeit. Komm schon, Dad, sag mir, was los ist."

     Seine Miene wurde sorgenvoll. "Du brauchst väterliche Führung."

     "Mit anderen Worten, du möchtest meinen Geburtstag darauf verwenden, mir einen Vortrag zu halten?"

     "Ist es wahr, dass du eine Flasche Belles Fleurs für Alex zu einem Preis von dreitausend Dollar von Monsieur Dumarre gekauft hast?"

     Dana fühlte sich, als würde ihr gerade der Kopf mit einer Spitzhacke gespalten. Woher wusste ihr Vater davon? Hatte Alex sie hintergangen? Das könnte sie nicht ertragen.

     "Ja."

     "Gestern hat mich Monsieur Honoré Dumarre angerufen, um mich zu einer Winzerparty zu Ehren von Monsieur Martin einzuladen. Ich möge meine bezaubernde Tochter mitbringen. Und er beeilte sich zu sagen, dass wahre Schönheit und Großzügigkeit sehr selten seien auf dieser Welt."

     Alex hatte es ihm also nicht gesagt. Unendliche Erleichterung durchflutete sie.

     "Dana, siehst du nicht, dass Alex Martin dich nur benutzt?"

     Ihr Vater würde einen Mann wie Alex nie verstehen. Alex war einfach ein anderer Menschenschlag.

     "Es tut mir leid, dass du es so siehst."

     "Saskia hat dich mit ihm gesehen. Nach dem, was sie mir erzählt, habe ich gute Gründe, mir Sorgen um dich zu machen."

     Saskia war wütend gewesen, weil Alex sie hatte auflaufen lassen, aber ihr Vater blickte nicht hinter ihre Motive. Ohne seine Frau war er wirklich verloren.

     "Weißt du was, Vater? Es ist für uns nicht mehr gut, zusammen zu arbeiten. Ich liebe dich, aber wenn wir hier in Frankreich fertig sind, fliege ich nach Kalifornien zurück. Ich suche mir eine eigene Wohnung und schaue mich nach einem Job um, der Perspektiven hat."

     Sie griff nach dem Wäschesack. "Soll ich im Auto auf dich warten?"

     Er schüttelte den Kopf. "Ich fahre allein ins Krankenhaus."

     "Okay. Danke nochmals für das Geschenk. Ich weiß es über alles zu schätzen."

     Zwei Stunden später hatte sie ihre Besorgungen erledigt und fuhr eilig zum Schloss, um die Mittagessen rechtzeitig bereitzuhaben.

     Während der letzten Tage hatte sie in den Büchern der Bibliothek gestöbert und Kisten beschriftet. Einige interessante Funde waren dabei, doch bislang nichts, was mit der Familiengeschichte zu tun hatte. Aber vielleicht hatte sie noch Glück und stieß auf etwas, das für Alex wertvoll war.

     Was den umwerfenden Schlossherrn anging, so hatte sie ihn kommen und gehen sehen, doch er war beschäftigter als sonst und fast immer hinten im Obstgarten. Da sie die Dringlichkeit spürte, mit der er die Arbeiten draußen beenden wollte, hatte sie einen Plan entworfen, um ihm zu helfen. Ob er es wollte oder nicht.