8. KAPITEL

Auf ihrem Zimmer zog sie sich rasch um, eilte in die Küche, um den Lunch zuzubereiten, und nachdem sie den Korb für ihren Vater abgestellt hatte, trat sie mit dem Korb für Alex vor die große Eingangstür.

     In der Stadt hatte sie bei der Autovermietung ihren Wagen gegen einen Pick-up eingetauscht. Ein Halbtonner, nicht ganz so groß wie Alex', doch sicher hilfreich. Auch an Arbeitshandschuhe hatte sie gedacht. Sie war startklar und fuhr den Wagen nach hinten in den Garten, um das Essen auszuliefern.

     Alex war gerade dabei, einen riesigen Haufen Äste und Grünabfall auf die Ladefläche zu schaufeln. Die Kapazität würde für diese Menge nicht ausreichen. Ein idealer Moment. Sie hielt auf der anderen Seite des Haufens an.

     Schade, dass sie keine Kamera dabeihatte, um seinen Gesichtsausdruck in diesem Augenblick festzuhalten. "Darf ich fragen, was das werden soll?"

     "Heute ist mein Geburtstag, und ich möchte etwas machen, das mir Freude bereitet. Wenn du mich helfen lässt, wird das ein perfekter Tag. Ich bin ein Mädchen aus Kalifornien, und wir lieben die Sonne."

     "Seit langem habe ich kein solches Angebot bekommen."

     "Prima." Sie zog die Handschuhe über und stieg aus dem Pick-up aus.

     Einige Äste waren viel zu schwer für sie, aber die meisten konnte sie mit kräftigem Schwung hochwuchten. Als sie sah, wie schnell der Haufen verschwand, wünschte sie, sie wäre schon eine Woche früher auf diese Idee gekommen.

     "Wenn du weiter so schnell arbeitest, bist du bald kaputt."

     "Ich mache schon Pause, wenn ich eine brauche", versicherte sie ihm. Sie arbeiteten, bis alles aufgeladen war. "Dann los. Ich fahre dir hinterher." Sie stieg ins Führerhäuschen und ließ den Motor an.

     Das hier machte ihr so viel Spaß, dass sie wünschte, die Arbeit möge niemals enden. Mit Alex zusammen zu sein machte sie glücklich. Auch wenn sie schwer dabei arbeiten musste.

     Als es Abend wurde, hatten sie sechs Fuhren geschafft, die doppelte Menge in der halben Zeit. Als sie nach ihrer letzten Fahrt wieder vor dem Schloss ankamen, parkten sie die beiden Wagen nebeneinander. In zwei Sekunden war er bei ihr und zog sie vom Sitz in seine Arme.

     "Du bist engagiert", flüsterte er, bevor er die Lippen auf ihren Hals presste. Seine Bartstoppeln kitzelten.

     Sie schlang ihre Arme um seinen Oberkörper. "Ich hoffe, das meinst du ernst, denn ich habe vor, dir zu helfen, bis ich abreise."

     Seine Lippen streiften über ihr leicht von der Sonne gebräuntes Gesicht, bevor er sie auf den Mund küsste. Beide verloren sich in diesem Kuss, der nicht endete. Ihre Körper drängten sich aneinander. Sie genoss seine Wärme und seinen männlichen Geruch. Beide waren erhitzt, durstig und müde. Sie hatte nie zerzauster ausgesehen, doch die Art, wie er sie küsste, gab ihr das Gefühl, schön zu sein. Noch nie hatte sie sich schön gefühlt.

     "Du hast dir ein Bad verdient, mach es aber bitte kurz. Wir treffen uns in einer halben Stunde in der Halle. Ich freue mich schon die ganze Zeit auf unser Scrabble-Spiel und will nicht, dass du mir nach dem Abendessen einschläfst."

     "Schön kann ich mich in einer halben Stunde nicht machen, aber wenigstens sauber."

     "Dann verzeihst du mir, wenn ich mich nicht rasiere?"

     Sie lächelte. "Ich mag deinen Bartschatten." Sie küsste ihn noch einmal auf die Wange, bevor sie sich aus seinen Armen löste.

     Dreißig Minuten später rannte sie in Sandalen die Treppen hinunter. Sie hatte einen khakifarbenen Rock und eine passende gestreifte Wickelbluse angezogen. Ihr Haar war noch feucht, aber immerhin zu etwas wie einer Frisur gekämmt. Einen Hauch von hellem Lippenstift hatte sie noch aufgetragen.

     Ihr Herz klopfte viel zu schnell. Nie mehr würde sie so jung sein, nie mehr würde sie einen Geburtstag wie diesen erleben mit einem Mann, der sie bis ins Innerste erregte.

     Als er aus seinem Büro trat und sie hereinwinkte, wurden ihr die Knie weich, so anziehend und gut aussehend war er. Er trug ein helles Poloshirt und hellbraune Hosen. "Wir passen farblich zusammen", witzelte sie, um die Gefühle zu verbergen, die sie empfand, als er sie in das Zimmer bat, in dem er arbeitete und schlief.

     "Ich dachte, wir essen heute Abend hier."

     Die Inneneinrichtung überraschte sie vollkommen, denn er hatte sich mit modernen Möbeln eingerichtet. Lustigerweise in dem Stil ihres Elternhauses in Hollywood. "Hast du das alles mit dem Schiff herbringen lassen?"

     Er nickte. "Aus Bali. Es sind meine Möbel und zum Teil die meiner Eltern. Wenn ich dieses Zimmer hier betrete, erinnere ich mich daran, dass ich nicht im siebzehnten Jahrhundert lebe."

     "Ich verstehe, was du meinst. Die Atmosphäre des Schlosses kann einen bei lebendigem Leib verschlingen. Wenn ich nach oben gehe, fühle ich mich zwischen zwei Welten gefangen."

     "Möchte das Geburtstagskind mir jetzt Gesellschaft leisten?" Er küsste sie auf beide Wangen und wünschte ihr Glück, bevor er ihr an einem runden Spieltisch aus Mahagoni einen Stuhl anbot. Ein Scrabble-Brett lag bereit, und neben dem Tisch stand ein Servierwagen, beladen mit belegten Baguettes, Obst, Erfrischungsgetränken und Schokoladenkeksen zum Nachtisch.

     Nachdem sie Platz genommen hatte, sagte sie: "Ich bin so froh, dass es weder Ochsenschwanz noch eingelegte Schweinsfüße gibt."

     "Nach der harten Arbeit heute hätte ich dir das nicht antun können. Bitte, bedien dich, dann können wir mit unserem Spiel anfangen."

     Alex' Ton war beiläufig und heiter, dafür liebte sie ihn. "Ich muss gestehen, ich habe das seit Jahren nicht gespielt."

     In den nächsten Stunden lachten, aßen und spielten sie, kämpften um Worte, die sie wechselweise erfanden, wenn nichts anderes mehr ging. Alex gewann jede Runde.

     "Du bist zu gut."

     "Das musste ich sein, um mit meinem Vater mithalten zu können."

     "Mein Vater und ich haben nie irgendwas gespielt. Ihm fehlte einfach die Geduld dazu." Und seit ihre Mutter tot war, hatte er nicht die Zeit dazu gehabt.

     "Manche Geister sind zu hochfliegend."

     "Wahrscheinlich hatte er einfach Angst zu verlieren", log sie und wünschte sich, in Alex' Armen einschlafen zu können.

     "Du siehst aus, als würdest du gleich einschlafen. Bevor du das tust, habe ich noch ein Geschenk für dich." Unten aus dem Servierwagen zog er ein eingewickeltes Päckchen hervor und überreichte es ihr. Es hatte die Form eines Buches.

     "Das ist reizend von dir. Vielen Dank."

     Obwohl Alex sich in dem Rattansessel zurückgelehnt hatte, spürte sie die intensive Anspannung, die von ihm ausging, während er darauf wartete, dass sie sein Geschenk auspacke. Zuerst wusste sie nicht, was sie davon halten sollte. Das Buch war etwa zweieinhalb Zentimeter dick und in mattrotem Stoff eingeschlagen. Kein Titel. Es erinnerte sie an ein altes Notizbuch.

     Neugierig schlug sie die erste Seite auf. Das Papier hatte einen leicht gelblichen Farbton. Es war in Französisch geschrieben, Schrift und Anmerkungen – viele bestanden aus Ziffern – waren in dicker schwarzer Tinte eingetragen. Irgendwie sah es nach einer Art Kassenbuch aus. Dana hob die Augen und sah Alex an. "Was ist das?"

     "Dir war so sehr daran gelegen, etwas vom Weinkeller zu finden. Ich habe ein bisschen in den Kisten gestöbert und bin auf dieses Buch gestoßen, das einer der Winzer von Belles Fleurs geführt hat."

     "Alex!!", rief sie voller Freude. "Also ist nicht alles verloren gegangen!"

     "Augenscheinlich nicht. Wenn du links unten auf der Seite schaust, siehst du, es sind Notizen aus dem Jahr 1902. Ich bin mir sicher, dass es noch mehr Bücher dieser Art gibt."

     "Ich wünschte, ich könnte besser Französisch lesen, um das alles hier entziffern zu können."

     "Ich übersetze ein bisschen für dich." Er stand auf, kam um den Tisch herum und stellte sich hinter sie. Mit seinem linken Arm umfasste er sie, mit seinem rechten Zeigefinger fuhr er die Zeilen entlang, die er ins Englische übersetzte. Sein Kinn ruhte auf ihrem Haar.

     "Juni. In dem heiklen Augenblick, als die Trauben sich entwickelten, kam es durch den wochenlang anhaltenden Regen zu einer irregulären Blüte.

     Juli. Ein Problem war der Schimmelpilz. Durch den starken Regen ist der Layon über die Ufer getreten. Wir haben Laub an den Pflanzen entfernt, damit die Sonne zu den reifenden Beeren durchdringt. In der Hoffnung, dass die verbleibenden Trauben vollständig reifen.

     August. Die schwere Arbeit ist fast getan. Das Wetter ist inzwischen heiß und sonnig. Wir haben wieder Hoffnung, dass die Ernte gerettet wird. Gott möge uns noch ein paar trockene Wochen schenken. Im September können wir hoffentlich reiche Ernte einholen. Der Juni bringt die Menge. Der August die Qualität."

     Sie schüttelte den Kopf. "Ich kann es nicht glauben. Das ist wie eine Stimme, die uns aus der Vergangenheit erreicht. Der Bericht lässt mich richtig erschaudern."

     "So geht es mir auch", murmelte er. "Komm, wir setzen uns bequemer hin und lesen noch ein paar Seiten."

     Sie wechselten zur Couch hinüber, und er zog sie auf seinen Schoß. Sie kuschelte sich ein, ihr Kopf lag an seiner Schulter. Seite für Seite übersetzte er für sie. Sie bekamen einen Einblick in die Mühen und Freuden eines Winzers. Der gesamte Arbeitsvorgang war viel komplizierter, als sie sich jemals vorgestellt hatte.

     Seine tiefe Stimme war so angenehm an ihrem Ohr, dass sie wünschte, er möge niemals aufhören, ihr vorzulesen. Ihre Augenlider wurden schwer.

     "Du schläfst ja schon."

     "Nein, bestimmt nicht. Bitte beweg dich nicht."

     Sein Kuss war liebevoll und innig. "Das werde ich nicht."

     Sie schmiegte sich an ihn. "Ich liebe es, wenn du mich küsst."

     "Ich liebe es, dich zu küssen. Die Form deines Mundes ist wie das Herz einer Rose. Er ist für mich gemacht."

     "Verlass mich nicht." Ihre Sehnsucht nach ihm war zu einem unerträglichen Schmerz geworden.

     "Das habe ich nicht vor."

     Dana verschmolz mit ihm, versuchte, sein Wesen in sich aufzunehmen, bis sie in den Schlaf hinüberglitt.

     Es war schon Morgen, als sie das nächste Mal ihre Umgebung wahrnahm. Sie lag in derselben Kleidung wie gestern Abend – bis auf die Sandalen – auf ihrem Bett.

     Das hieß, er hatte sie den ganzen Weg die Treppe hinauf bis zu ihrem Zimmer getragen. Und das, nachdem er zehn Stunden schwer gearbeitet und das Geburtstagsdinner für sie zubereitet hatte.

     Al sie sich aufsetzte, sah sie das Buch auf ihrem Nachttisch liegen. Er wollte also, dass sie es behielt. Sie war zutiefst berührt, aber es bedeutete gleichzeitig auch, dass das Buch für ihn keine Bedeutung hatte. Es kümmerte ihn nicht, dass sie es mitnehmen würde, wenn die Dreharbeiten beendet waren.

     Ein Psychologe hätte vermutlich ein Begriff für das Phänomen, dass sie es so sehr wollte, dass Alex sich um seinen Besitz kümmerte, obwohl es nichts mit ihr zu tun hatte.

     Sie machte sich frisch und ging hinunter in die Küche, wo er schon frühstückte. "Ist Dornröschen erwacht?"

     "Es tut mir leid, dass ich gestern eingeschlafen bin. Dieser letzte, schwere Gang hat wahrscheinlich deinen Rücken ruiniert."

     Ein Lächeln lag in seinen Augen. "Noch nicht einmal der erste Kuss einer jungen Liebe hätte dich geweckt. Aber ich beschwere mich nicht."

     Aus irgendwelchen merkwürdigen Gründen fühlte sie sich auf einmal in seiner Gegenwart schüchtern. "Ich danke dir für einen wunderschönen Geburtstag. Ich werde ihn niemals vergessen." Sie griff nach einem Apfel und biss hinein.

     "Ich auch nicht. Ich habe noch nie eine Frau so hart arbeiten sehen wie dich."

     "Mutter sagte, dass sei mein schwedischer Erbteil."

     Sie würde niemals erfahren, was er als Nächstes sagen wollte, denn in diesem Augenblick betrat Paul, der auf der Suche nach Alex war, die Küche.

     "Ich bin froh, dass ich Sie erwische. Wir wollen in den beiden nächsten Tagen in der Küche Nachtszenen drehen. Der Setdirektor wird an diesen Tagen um etwa sieben Uhr abends hier sein, um alles zu organisieren. Ist das für Sie ein Problem?"

     Alex schüttelte den Kopf. "Nein, überhaupt nicht. Das ist eine gute Entschuldigung für mich. Mademoiselle Lofgren findet nämlich, dass ich zu viel arbeite. Zwei Abende sollten genügen, um ihre schlechte Meinung zu korrigieren."

     Paul zwinkerte ihr zu. "Sehen Sie nur zu, dass ihr Vater es nicht erfährt."

     "Was soll ich nicht erfahren?"

     Dana wirbelte herum und sah ihren Vater an der Küchentür stehen. Er sah aus wie ein leibhaftiges Donnergrollen. "Es ist ein Scherz zwischen deiner Tochter und mir. Entspann dich, Jan." Paul verschwand.

     Ihr Vater trat auf sie zu. "Ich muss mit dir sprechen, Dana. Allein. Es ist wichtig." Und mit einem Blick zu Alex: "Wenn Sie uns bitte entschuldigen wollen."

     "Selbstverständlich."

     Dana empfand große Enttäuschung. Sie hatte eigentlich vorgehabt, Alex den ganzen Tag lang draußen zu helfen. Das Letzte, wozu sie Lust hatte, war Schadensbegrenzung für ihren Vater zu leisten. Wahrscheinlich hatte er sich mit einem der Schauspieler überworfen. Wenn ihr Vater die Geduld verlor, wackelten die Wände. Meistens musste sie dann die Wogen glätten.

     Bevor sie die Küche verließ, warf sie Alex einen langen Blick zu.

     Nachdem sie erfahren hatte, was ihr Vater von ihr wollte, lief sie eilig zu Paul. "Kannst du mir einen Gefallen tun?"

     "Jeden, wenn es die Laune deines Vaters hebt. David und er streiten sich normalerweise nicht."

     "Es liegt an Dad. Wenn er in letzter Minute Änderungen beschließt, hat es keinen Zweck, ihm mit logischen Argumenten zu kommen. Ich muss für ein paar Tage weg. Kannst du bitte im Hermitage Bescheid geben, dass sie sich um die beiden Mittagessen kümmern?"

     "Klar, mache ich."

     "Danke, Paul. Lass uns hoffen, dass ich mit guten Nachrichten zurückkomme."

     "Amen."

 

Drei Bäume noch und der Obstgarten war fertig. Alex machte sich an den ersten und horchte währenddessen, ob Danas Pick-up sich näherte. Nach der gestrigen Erfahrung war er verwöhnt und wollte sie Tag und Nacht um sich haben. Aber der Vormittag verging, ohne dass sie auftauchte. Aber schließlich arbeitete sie für ihren Vater. Er hatte allen Anspruch auf ihre Zeit.

     In den letzten zwei Wochen hatte er sensibel auf ihre Zwischentöne geachtet. Zu seinem Kummer klang es, als würde sie Ende August nach Deutschland fahren. Es blieb nur noch so wenig Zeit. Auch wenn sie unabhängig sein wollte, so hatte er doch den Eindruck, dass sie sofort sprang, wenn ihr Vater nach ihr rief. Und wenn man zusätzlich bedachte, was Paul erzählt hatte, so war es natürlich naheliegend, dass sie weiterhin eng mit Jan Lofgren arbeitete, um das Regiehandwerk von ihm zu lernen.

     Einen Augenblick lang war er nicht aufmerksam, die Säge rutschte ihm aus der Hand und einige Sägezähne verletzten ihn am linken Unterarm. Alex fluchte. Die Wunde war nicht tief, aber er brauchte etwas, um die Blutung zu stoppen.

     "Hallo, Alex."

     Von allen Menschen dieser Welt stand ausgerechnet Saskia Brusse am Fuß der Leiter. "Bonjour, Mademoiselle."

     "Nun, das nenne ich perfektes Timing. Haben Sie bemerkt, dass Sie bluten?"

     "Deshalb bin ich vom Baum gestiegen."

     "Ich habe hier in der Tasche ein paar Servietten. Die können Sie benutzen." Sie reichte ihm die Papiertücher, und er presste sie gegen die Wunde. Es war Gott sei Dank tatsächlich nur eine oberflächliche Verletzung.

     "Paul hat mich gebeten, Ihnen das Essen zu bringen. Vielleicht können wir ja ein wenig plaudern, während Sie Pause machen." Leider hatte Alex andere Pläne. Er wollte nämlich herausfinden, wo Dana war.

     "Es tut mir sehr leid, aber ich habe keine Zeit. War mir ein Vergnügen. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen wollen." Mit diesen Worten stieg er ins Auto, schloss die Tür und fuhr in Richtung Bauhof.

     Als er abends von seiner letzten Tour zurückkam, war es halb sieben. Dana war offenkundig immer noch für ihren Vater unterwegs, denn ihr Wagen stand nicht im Hof. In diesem Moment trat Paul vor die Tür. "Danke, dass Sie sich um mein Mittagessen gekümmert haben!"

     "Kein Problem. Dana wird in ein paar Tagen wieder zurück sein."

     Zurück? Alex bemühte sich um Fassung. "Wo ist sie hingefahren?"

     "Nach Maillé."

     "Maillé wie in 'Massaker von Maillé'?"

     Paul nickte. "Es liegt in der Nähe von Tours. Jan hat kurzfristig umdisponiert und will dort einige Szenen drehen. Sie kümmert sich um die Location."

     "Ich verstehe." Bittere Enttäuschung stieg in ihm auf.

     Dana hätte ihm Bescheid sagen, ihn fragen können, ob er sie nicht hinfahren wollte. Aber das würde sie nie tun, es passte nicht zu ihr, um Unterstützung zu bitten.

     Er nahm sein Handy heraus und versuchte sie anzurufen. Er brauchte sie …

     Doch bei jedem Versuch bekam er nur die Ansage 'Teilnehmer nicht erreichbar'. Sie hatte ihr Handy ausgeschaltet!

     Alex hat das beunruhigende Gefühl, dass sie absichtlich Abstand von ihm hielt. War das ihre Art, ihn fallen zu lassen? Stück für Stück den Kontakt beschneiden, bis nichts mehr übrig war, wenn sie nach Deutschland fuhr? Wollte sie an ihrer Karriere arbeiten und konnte deshalb keine privaten Komplikationen brauchen?

     Zum zweiten Mal an diesem Tag fluchte er laut.

 

Donnerstagmorgen stand Dana früh auf, verließ ihr Hotel in Maillé und machte sich auf den Weg nach Rablay. Es fühlte sich an, als seien Monate, nicht Tage vergangen, seit sie Alex zuletzt gesehen hatte. Um zehn Uhr, als sie auf den Hof des Schlosses fuhr, konnte sie vor Aufregung kaum noch atmen. Sie sah ihn sofort: Er arbeitete auf einer Leiter an einem Baum zwischen dem Schloss und dem Nebengebäude. Das hieß, der Obstgarten war fertig!

     Panik überfiel sie. Die Tage seines Aufenthalts in Frankreich waren gezählt.

     Vor Aufregung zitternd stieg sie aus dem Auto und rannte hinüber zu ihm. Am Fuß der Leiter blieb sie stehen, blickte nach oben.

     "Pardon, Monsieur", rief sie in ihrem besten Französisch, das immer noch lausig war. "Ich suche nach Prinz Charming. Können Sie mir sagen, wo er ist?"

     Seine Hände lagen noch auf dem Ast, den er gerade beschnitt. Er schaute nach unten, sein Blick war durchdringend und düster. "Ich fürchte, den gibt es nur im Märchen."

     Sie schluckte, denn er hatte sich offensichtlich hinter diese distanzierende Fassade zurückgezogen, die sie schon von ihm kannte. "Spielverderber." Das Gespräch konnte ein wenig Leichtigkeit vertragen. "Du bist so brummig, dass ich annehmen muss, du hast mein Essen vermisst."

     "Saskia hat ihr Bestes getan, um die Lücke zu füllen."

     Nicht mehr Mademoiselle Brusse? "Wenn du nett zu mir bist, habe ich ein Geschenk für dich. Es hat nur zehn Euro gekostet."

     "Ist es etwas zu essen?"

     Vielleicht taute er doch auf.

     "Nein."

     "Zu lesen?"

     Sie lächelte. "Nein."

     "Ich gebe auf. Warum bringst du es mir nicht?"

     "Spreche ich mit demselben Mann, der mich beschimpft hat, als ich es das letzte Mal auf einer Leiter versuchte? Ich gehe nur rasch ins Haus."

     Sie war noch nicht in der Küche, da spürte sie seine Hände um ihre Oberarme. Er wirbelte sie herum, ihre Körper dicht beieinander. Sie bekam kaum Luft. "Warum hast du dein Telefon ausgeschaltet?"

     Sie waren beide außer Atem. "Damit mein Vater mich nicht die ganze Zeit nervt."

     "Du hast dich nicht verabschiedet." Er schüttelte sie sanft. "Kein einziger Anruf, um mir zu sagen, dass es dir gut geht."

     Seine Worte waren wie eine Offenbarung. "Ich … ich wollte dich anrufen, aber ich hatte Angst, dich zu stören."

     "Mich zu stören?", brach es aus ihm heraus. "Du hast mir zwei schlaflose Nächte bereitet, indem du nicht angerufen hast."

     "Entschuldigung, ich …"

     Sie konnte den Satz nicht mehr beenden, denn er küsste sie mit einer Leidenschaft, von der sie nur zu träumen gewagt hatte. Er presste sie an sich, sein stürmisches Begehren übertrug sich auf sie.

     "Als du weg warst, bin ich fast verrückt geworden." Mit seinen Lippen liebkoste er ihre Augen, ihre Nase und ihren Hals. Glühende Hitze durchströmte sie.

     "Weißt du nicht, dass ich dich auch schrecklich vermisst habe?" Sie hatte dem Moment entgegengefiebert, wenn sie wieder in seinen Armen liegen würde.

     "Ich will gar nicht darüber nachdenken, wie es sein wird, wenn du nicht mehr da bist."

     Dana hörte, was er sagte, doch es brauchte eine Weile, bis sie die Bedeutung seiner Worte verstand. Egal, wie sehr er sich zu ihr hingezogen fühlte, egal, wie sehr er sie begehrte und vermissen würde, wenn die Zeit gekommen war, würde er sie gehen lassen. Sie wusste, ihr Herz würde brechen.

     Sie bot ihre letzte innere Stärke auf und umfasste sein geliebtes Gesicht mit beiden Händen. "Jetzt bin erst einmal wieder da und platze vor Spannung, wenn ich dir nicht endlich mein Geschenk geben kann."

     Dana nahm eine kleine Tüte aus ihrer Handtasche. "Ich habe nicht mehr geschafft, es einzupacken."

     Erstaunt hielt er den Gegenstand in beiden Händen. "Du hast mir eine Baskenmütze gekauft?"

     "Nicht irgendeine. Die Initiative, bei der ich sie gekauft habe, unterstützt das Andenken an die ermordeten Resistance-Kämpfer und hilft deren Familien mit einem Gedenkfonds."

     Sie setzte ihm die Mütze in einem kecken Winkel auf den Kopf.

     "Du bis ein gut aussehender Mann, weißt du, aber die Baskenmütze gibt dir zusätzlich noch das gewisse Etwas. Jeder Franzose sollte so blendend aussehen."

     Sein entwaffnendes Lächeln brachte sie an den Rand einer Ohnmacht.

     "Sie sollten auf Dana hören. Sie weiß, wovon sie redet."

     Sie drehten sich beide um und sahen Simone Laval, die berühmte französische Schauspielerin, an der Küchentür stehen.

     Dana lächelte sie an. "Simone? Darf ich Ihnen Alexandre Fleury Martin vorstellen? Er ist der Schlossherr. Alex? Das ist Simone Laval."

     "Sehr erfreut, Mademoiselle. Ich habe einen Ihrer Filme gesehen, Sie sind eine herausragende Schauspielerin. Meine Mutter war ein Fan von Ihnen. Wenn sie noch lebte, hätte sie sich sehr gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen."

     Die Schauspielerin schaute ihn mit weiblichem Interesse an. Ihre braunen Augen strahlten Wärme aus. Sie kam wohl gerade vom Set, ihr Make-up war im Stil der vierziger Jahre. "Nennen Sie mich Simone. Die Freude ist ganz auf meiner Seite."

     Während sie sich die Hände schüttelten und plauderten, wechselten sie ins Französische. Dana sah, dass Alex von dem gewinnenden Charme der Schauspielerin ganz gefangen war. Simone war achtunddreißig Jahre und geschieden, eine natürliche Schönheit mit kastanienbraunem Haar. Eine Perle, wie die Jungs aus der Crew sagten.

     Die beiden sahen gut aus zusammen. Dana spürte, dass es einen Funken zwischen ihnen gab, sah es in ihrer Körpersprache. Sie waren so sehr miteinander befasst, dass sie sich unbemerkt aus der Küche schlich.

     Ihr Vater erwartete einen Bericht von ihr. Das konnte sie genauso gut jetzt erledigen, anscheinend war ja gerade Drehpause.