9. KAPITEL

"Wollen wir los?" Alex nahm Dana beim Ellbogen und schob sie durch die Menge vor dem Kinoeingang zu seinem Auto. Nach einem Tag harter Arbeit war es herrlich gewesen, in die Stadt zu fahren, zu Abend zu essen und einen Film anzuschauen.

     "Wie fandest du den 'Da Vinci Code'?" Der Film war zwar nicht mehr neu, aber sie hatten ihn beide noch nicht gesehen. Sie war neugierig auf seine Meinung.

     "Die Mischung aus Fakten und Fiktion war spannend, aber mich interessiert eigentlich viel mehr, was du von dem Film hältst."

     "Warum?"

     Er drückte ihre Hand. "Ach komm, Dana. Wir beide kennen die Antwort auf diese Frage."

     Sie hörte einen Unterton in seiner Stimme, der sie verblüffte. "Tun wir das? Vielleicht solltest du mir auf die Sprünge helfen, denn ich habe die Antwort vergessen."

     "Paul hat mir vor einiger Zeit erzählt, dass du Pläne hast, ins Regiefach zu wechseln. Simone hat es heute auch erwähnt"

     Sie fühlte sich sehr befremdet und entzog ihre Hand seiner Berührung. "Und was genau hat sie dir erzählt?"

     "Du leugnest es also nicht?"

     "Alex, was soll das?" Warum lag auf einmal diese Spannung zwischen ihnen?

     "Simone sagte, dass deine Beiträge zu einigen Szenen des Films so klarsichtig waren, dass dein Vater sie ohne Kommentar übernommen hat."

     "Als meine Mutter noch lebte, haben wir das gemeinsam gemacht."

     "Aber du bist diejenige mit Talent."

     Dana senkte den Kopf. "Warum habe ich das Gefühl, dass du mich irgendwie beschuldigst?"

     "Weil du dich bei unserer ersten Begegnung als jemand anderen vorgestellt hast."

     Ärger begann sich in ihr zu regen. "In welcher Hinsicht?"

     "Du hast mir zu verstehen gegeben, du seiest Unterstützung und Back-up für deinen Vater, mehr nicht. In Wahrheit wirst du von ihm begleitet und gefördert, weil er an dein Talent glaubt."

     Wie bitte? "Du machst einen Scherz!"

     "Keineswegs. Dein Vater hat mich vom ersten Augenblick an gehasst, denn er will nicht, dass sich irgendjemand deiner brillanten Karriere in den Weg stellt. Dein Vater sieht mich als potenzielle Bedrohung."

     Sie konnte kaum glauben, was sie da hörte. Wut und Schmerz zerrissen sie. "Da du und ich aber wissen, dass dies nicht der Fall ist, brauchen wir diese Unterhaltung nicht fortzusetzen. Ich weiß nicht, was du gegen Filmregie hast. Jedem das Seine, oder nicht?"

     Er murmelte etwas Wütendes auf Französisch.

     "Wenn wir schon beim Fragen sind: Warum hast du nicht Simone heute Abend ausgeführt anstelle von mir? Paul hat vorhin angedeutet, dass sie mehr als interessiert an dir ist. Ich könnte mir vorstellen, dass du nur zu gern mit einer so reizenden Landsmännin Zeit verbringen möchtest."

     In der Zwischenzeit waren sie vor dem Schloss angekommen. Er zog mit Wucht die Handbremse an und drehte sich wütend zu ihr. "Das gefiele dir, nicht wahr?"

     Wütend schaute sie ihn an. "Es steht mir nicht an, das, was du tust, gut oder schlecht zu finden. Ich darf hier wohnen, aber jeder von uns kann tun und lassen, was ihm gefällt, kommen und gehen, wie er möchte. Du hast das mehr als klargemacht, als du den Wein als Geschenk zurückgewiesen hast, den ich dir aus Freundschaft gekauft habe." Scharf setzte sie hinzu: "Es ist mir unerklärlich, warum du mich dieser Inquisition unterziehst. Ich habe genug davon. Wenn es dir nichts ausmacht, ich bin müde und möchte ins Bett gehen."

     "Es macht mir aber etwas aus." Er beugte sich über sie und drückte den Türknopf nach unten. "Ich will die Wahrheit." Seine Lippen waren nur wenige Zentimeter von ihren entfernt, doch statt sie zu küssen, setzte er seine Befragung fort. "Hast du vor, in Zukunft Regie zu führen?"

     Es gab eine Zeit, da hatte diese Aussicht einen Reiz für sie. Aber nach dem Fiasko mit Neal hatte sie erkannt, dass sie mit der Filmwelt nichts zu tun haben wollte. Zu viele Narzissten, zu viele künstlerische Temperamente, zu viel blinde Ambition. Doch es hatte keinen Zweck, Alex die ganze Geschichte zu erzählen, er glaubte ohnehin nur das, was er glauben wollte.

     "Wenn Dad meint, ich sei so weit." Das war nicht nur die Antwort, die er anscheinend hatte hören wollen, sie sandte damit auch die Botschaft aus, dass sie außer ihm noch andere Dinge im Kopf hatte. "Kann ich jetzt aussteigen?"

     Er betrachtete sie aus schmalen Augen, so als wolle er den Wahrheitsgehalt ihrer Worte prüfen. "Noch nicht. Ich habe dich vor einigen Wochen nach dem Filmplot gefragt. Du bist mir ausgewichen. Simone hat mir erzählt, dass der Film auf eine Idee von dir zurückgeht. Sie sagte, dass du einen großen Teil zum Drehbuch beigetragen und mit David daran gearbeitet hast."

     "Und wenn es so wäre?"

     "Warum hast du mir das nicht erzählt?"

     Wenn sie jetzt die Wahrheit sagte und ihm erzählte, dass sie einfach nur versucht hatte, geheimnisvoll zu erscheinen, um sein Interesse zuwecken, dann wusste er, dass sie rückhaltlos verliebt in ihn war. Tief drinnen wusste er das bereits, aber sie würde ihm nicht die Genugtuung geben, diese Worte von ihr zu hören. Nicht, wenn er reglos zusah, wenn sie nächsten Montag auf Nimmerwiedersehen das Schloss verließ.

     "Die meisten Leute wollen die Antwort auf ihre Fragen gar nicht hören."

     "Ich aber schon."

     "Dann lass uns erst reingehen." Ihre Körper waren im Auto zu dicht beieinander.

 

In der Küche nahm Dana sich ein Wasser, Alex brühte sich einen Instantkaffee auf.

     "Warum bist du so sehr an der Geschichte interessiert?"

     "Wie könnte ich es nicht sein, wenn du dir unter den Schlössern Frankreichs ausgerechnet meines aussuchst?"

     An diesem Punkt hatte er recht.

     "Der Film handelt von einem deutschen Soldaten, der sich im August 1944 weigert, beim Massaker von Maillé mitzumachen. Er wird standrechtlich erschossen und liegen gelassen, überlebt aber und schleppt sich zu einem nahe gelegenen Schloss, das von den beiden Weltkriegen schwer beschädigt ist. Eine junge französische Adelige findet ihn und kümmert sich um den Verletzten. Sie ist gefangen in einer unglücklichen Ehe. Sie verliebt sich in ihn, aber er hat in Deutschland eine Frau, die er liebt. Die Französin könnte ihn jederzeit den Militärbehörden ausliefern. Der Film lotet die psychologischen Motive und die schmerzhaften Verletzungen ihrer Seelen aus. Er hält sie hin und überredet sie schließlich, ihn gehen zu lassen. In Deutschland findet er seine Frau wieder, die inzwischen ein Kind von einem anderen Mann bekommen hat. Der Film erzählt nicht, ob die Eheleute zusammenbleiben, jeder mit seiner Last, oder getrennte Wege gehen."

     Er trank den Rest seines Kaffees. "Das wird bestimmt ein sehr beeindruckender Film. Wird dein Name aufgeführt werden?"

     "Nein. Das darfst du nicht verwechseln. Es ist Dads Film." Sie wandte sich zur Tür. "Und was dich angeht: Das Schloss bekommt unvergänglichen Ruhm. Wenn du das Anwesen für das Publikum freigeben kannst, wird der Besucherstrom nicht mehr abreißen, und du wirst ein reicher Mann. Gute Nacht, Alex. Danke für das Abendessen und das Kino."

     Er machte dieses Mal nicht den Versuch, sie zurückzuhalten. Seine Reglosigkeit fügte ihrem geschundenen Herz einen weiteren Schmerz hinzu.

 

Am nächsten Morgen ging Dana nach oben in den dritten Stock, um weitere Bücherkisten zu öffnen und zu durchforsten. Da Alex aber so wenig Interesse an ihrem Projekt zeigte, entschied sie schließlich, dass es keinen Sinn hatte weiterzumachen.

     Bis zur Mittagszeit wollte sie Alex draußen helfen. Doch der Pick-up stand nicht vor dem Schloss, und Alex hatte auch keinen Haufen Grünabfall für sie aufgeschichtet. Sie war so sehr daran gewöhnt zu wissen, wo er sich immer befand, dass seine Abwesenheit sie nervös machte.

     Um zwölf trug sie die beiden Körbe mit Essen aus, von Alex aber immer noch keine Spur. Um eins entschloss sie sich, das Badezimmer gründlich zu putzen und alles aufzuräumen. Um drei Uhr hatte sie ihre Sachen gepackt.

     Eigentlich hatte sie vorgehabt, erst am nächsten Morgen aufzubrechen, doch vielleicht war es auf diese Weise besser. Keine Abschiedsszenen.

     Die Dreharbeiten dauerten noch einen Tag, dann reisten alle ab. Alex hatte übermorgen sein Schloss wieder für sich. Ihr Teil war getan.

     Sie stellte ihren Koffer auf den Pick-up und fuhr los. Ein Teil von ihr wünschte sich, er möge ihr im Auto entgegenkommen, damit sie ihn noch ein letztes Mal sehen konnte. Doch es geschah nicht. Sie war auf dem Weg nach Paris, frei wie ein Vogel und erfüllt von einer großen Einsamkeit, wie sie sie noch nie empfunden hatte.

     Es gab einen Abendflug von Orly nach St. Louis, von dort würde sie den Anschlussflug nach Los Angeles nehmen. Während sie in der Schlange wartete, um ihren Mietwagen wieder abgeben zu können, rief sie ihren Vater an.

     "Dana?"

     "Hi, Dad."

     "Gut, dass du anrufst. Gerade habe ich einen Anruf von Monsieur Dumarre bekommen. Er hat mich an die Party erinnert, die er zu Ehren von Alex am Samstag gibt. Wir fahren hier vom Hotel aus los, okay?"

     Die Winzerparty … Alex hatte sie in den letzten Tagen mit keinem Wort erwähnt.

     "Dad, ich fürchte, du musst Saskia mitnehmen."

     "Es ist aus zwischen uns. Ich will meine Tochter mitnehmen."

     In Wahrheit wollte er ihre Mutter. Sie war nur der nächstbeste Ersatz. "Du verstehst mich nicht. Während wir sprechen, warte ich auf meinen Flug nach Kalifornien."

     Es entstand eine lange Stille. "Was ist los?"

     "Ich habe es dir neulich gesagt. Ich will mein eigenes Leben leben. Es ist an der Zeit. Aber ich hoffe, du magst mir einen Gefallen tun."

     Dieses eine Mal war es ihr gelungen, ihn zu schockieren. Er sagte nichts, aber sie wusste, dass er zuhörte.

     "Bitte nimm Saskia zur Party mit. Tu es, um Alex zu unterstützen. Er … er ist ein guter Mensch. Einen besseren gibt es nicht." Ihre Stimme zitterte. "Sei nett zu ihm."

     "Dana!"

     Sie legte auf. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie ihm das Wort abgeschnitten. Dies war der Anfang von vielen ersten Malen, wenn sie ihren eigenen Weg gehen wollte. Einen Lebensweg ohne Alexandre Fleury Martin.

     Wenn man daran sterben konnte, jemanden zu sehr zu lieben, dann stand sie auf der Kandidatenliste ganz weit oben.

 

Nachdem er den ganzen Tag in geschäftlichen Besprechungen verbracht hatte, freute Alex sich darauf, Dana zu sehen und mit ihr zu reden. Es war halb acht, als er beim Schloss eintraf. Ihr Wagen war nirgends geparkt.

     Erst als er die Küche betrat und den Korb dort stehen sah, fiel ihm ein, dass er sie hätte anrufen und ihr Bescheid geben sollen, dass es später werden würde. Sie hatte ein paar Pflaumen eingepackt. Nun nahm er sich eine und biss kräftig hinein, während er ihre Nummer wählte. Teilnehmer nicht erreichbar. Er versuchte es bei Paul, aber dort lief die Mailbox. Wahrscheinlich saß die Crew irgendwo zusammen in einem Restaurant. Er hinterließ eine Nachricht und bat um einen Rückruf. Dann hörte er seine eigenen Nachrichten ab: Eine freundliche Erinnerung von Dumarre, der anfügte, Jan Lofgren in Begleitung seiner Tochter hätte ebenfalls zugesagt.

     In diesem Punkt hatte Alex seine eigenen Vorstellungen, allein deswegen musste er Dana sprechen. Er wollte mit ihr zu der Party gehen und hatte für danach schon Pläne.

     Unschlüssig stand er in der Küche. Er hatte in Angers mit seinem Freund aus Louisiana gut gegessen. Der Amerikaner war auf seine eindringliche Bitte hin nach Frankreich gekommen.

     Obwohl er satt war, hatte er Lust auf etwas Süßes, ihre Lippen zum Beispiel. Wo war Dana nur? Warum rief sie nicht an? Er kramte in dem Korb und fand ein kleines Schokoladentörtchen. Wie nett von ihr. Sie war ebenso wie er für süße Sachen immer zu haben. In zwei Bissen schlang er den Nachtisch hinunter.

     In seiner Verzweiflung wählte er jetzt sogar die Nummer des Hermitage, aber Jan Lofgren war nicht auf seinem Zimmer.

     Es war das letzte Wochenende für das Filmteam im Anjou. Wahrscheinlich feierten alle, auch der Regisseur, die Schauspieler und Dana irgendwo zusammen.

     In einer Woche würde ein Team aus Lyon für vier Tage im Schloss arbeiten, Mitte September hatte er wieder eine feste Buchung, und die zwei ersten Wochen im Oktober waren auch schon vergeben. Er hatte darüber hinaus bereits mehrere Anfragen bekommen. Das Geschäft lief an. Er war heute bei seinem Bankberater gewesen, die Aussichten, dass er die erste Rate der Steuerschuld fristgemäß bezahlen konnte, waren gut.

     Die nächsten zwei Stunden zogen sich hin wie Jahre. Er war zu unruhig, um Fernsehen zu schauen. Niemand rief an. Er probierte es noch einmal im Metropole und im Hermitage, aber weder Dana noch ihr Vater waren erreichbar.

     Als er sich gerade schlafen legen wollte, klingelte endlich sein Telefon. Paul.

     "Entschuldigung, ich habe eben erst gesehen, dass du angerufen hast. Es klang dringend."

     "Das macht nichts. Ich bin auf der Suche nach Dana."

     "Soweit ich informiert bin, ist sie in Paris, um dort noch nach einem Drehort zu suchen für den Fall, dass Jan noch eine Szene in Paris braucht. Sie will morgen zurück sein."

     In Paris war sie und hatte kein einziges Mal angerufen …

     "Danke für die Info, gute Nacht, Paul."

     Sein letzter Blick, bevor er das Licht löschte, fiel auf die Baskenmütze, die er auf die Kommode gelegt hatte. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass eine Frau einem Mann nicht so ein Geschenk machte, wenn sie es nicht ernst meinte.

     Als er am nächsten Morgen erwachte, checkte er sofort seine Mailbox. Keine Nachrichten, keine SMS. Eilig zog er sich an, um nachzusehen, ob sie zurückgekommen war. Keine Spur von ihr.

     Um die Mittagszeit hatte er alle Lust an der Arbeit verloren und beschloss, für heute Schluss zu machen.

 

Acht Stunden später stand Alex inmitten einer sympathischen und aufgeschlossenen Gästeschar. Die renommiertesten Winzer der Region waren gekommen, und die Konversation verlief angeregt. Die Gäste erkundigten sich nach seinen Plänen und hießen ihn aufs Herzlichste willkommen.

     Der Abend war schon weit fortgeschritten, aber Dana fehlte immer noch. Selbst Monsieur Dumarre, der diese ausgesuchte Gesellschaft in seinem Haus versammelt hatte, war enttäuscht. Da konnte auch die Anwesenheit des berühmten Jan Lofgren nichts ausrichten. Verglichen jedoch mit der finsteren Stimmung, in der sich Alex befand, war Monsieur Dumarres Enttäuschung eine Lappalie.

     Dana musste einen triftigen Grund haben, sonst wäre sie heute Abend gekommen. Irgendetwas stimmte nicht. Alex hatte es die ganze Zeit schon gespürt, doch verrückt, wie er war, hatte er sein Unbehagen verdrängt und sich auf die gemeinsame Zeit am späteren Abend gefreut.

     Er entschuldigte sich bei seinen Gesprächspartnern und suchte Jan Lofgren, der die Bewunderung einiger faszinierter Filmfans genoss. Saskia stand etwas abseits, ebenfalls umringt von Zuhörern.

     "Jan, kann ich Sie einen Augenblick sprechen?"

     Der ältere Mann nickte und entschuldigte sich für einen Moment. Zusammen gingen sie durch die offenen Glastüren auf eine Veranda, die zum Garten hin gelegen war. Niemand außer ihnen hielt sich gerade draußen auf.

     Alex ballte die Hände zu Fäusten. Die Auseinandersetzung war seit langem fällig. "Wo ist Dana? Ich möchte die Wahrheit wissen. Paul hat mich in Ihrem Auftrag angeschwindelt."

     Jan blickte ihn nachdenklich an. "In Kalifornien."

     Die Nachricht riss ihm den Boden unter den Füßen weg. "Wieder eine Erledigung für Sie?" Seine anklagende Frage hing in der Luft.

     "Nein", antwortete Jan betont ruhig. "Sie hat gestern ihren Job gekündigt und will sich neu orientieren."

     "Sie meinen als unabhängige Regisseurin?" Er hatte keine Lust mehr, bei dem allmächtigen Regisseur um den heißen Brei herumzureden. Es war Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen.

     Zu seiner Überraschung glänzten die Augen ihres Vaters gefühlvoll. Alex hatte nicht gewusst, dass Jan Lofgren überhaupt zu Gefühlen fähig war. "Sie ist gut, aber ich glaube nicht, dass das letztlich ihre Bestimmung ist."

     Die Worte erschütterten ihn. "Wie meinen Sie das?"

     "Ich meine, dass sie zu viel von ihrer Mutter hat – wahrscheinlich der beste Teil aus ihrem elterlichen Erbe. Ich hoffe, das beantwortet Ihre Frage, denn Saskia ruft mich gerade."

     Alex stand noch wie betäubt in einer Schockstarre, da reichte ihm Jan Lofgren die Hand und nötigte ihn auf diese Weise, sie zu schütteln. "Falls wir uns nicht mehr sehen: Haben Sie herzlichen Dank für alles. Nicht nur für die Vermietung des Schlosses, sondern auch für Ihre Großzügigkeit in jeder Hinsicht." Er neigte den Kopf. "Meine Tochter hat eine gute Wahl getroffen." Er wandte sich ab.

     Für Alex brach die Welt zusammen. Er war in dem Treibsand versunken, den er selbst aufgeschüttet hatte.

     Als er eine Stunde später nach halsbrecherischer Fahrt vor dem Schloss ankam und ihren Wagen dort stehen sah, glaubte er an Halluzinationen.

Dana hörte sein Auto, bevor sie es durch die Bäume erkennen konnte. Nach dem Motorengeräusch zu urteilen, fuhr er mindestens achtzig Stundenkilometer. Als er in die Bremsen trat, beschrieb das Auto einen Halbkreis und wirbelte eine Staubwolke auf, bevor es zum Stillstand kam. Dann sprang er aus der Fahrerkabine und rannte zu ihrem Wagen. Schnell stieg sie ebenfalls aus.

     Er sah hinreißend aus in dem dunkelblauen Abendanzug. Es war das erste Mal, dass sie ihn in Anzug und Krawatte sah. Ihr Mund wurde trocken, so sehr liebte sie ihn.

     Wütend fuhr er sie an. "Ich dachte, du wärest in Kalifornien."

     Nur ein Mensch kannte ihre Pläne. Alex und ihr Vater hatten also auf der Party miteinander gesprochen. Sie befeuchtete nervös ihre Lippen. "Ich habe meine Pläne geändert, aber ich bin zu spät für die Party hier angekommen. Wie … wie war es denn?"

     Alex musterte sie mit einer Eindringlichkeit, dass sich ihre Nackenhärchen aufstellten. "Bis auf einige Ausnahmen haben sich alle amüsiert. Monsieur Dumarre gehörte zu diesen Ausnahmen. Er war sehr enttäuscht."

     "Ich werde mich bei ihm entschuldigen und ihm alles erklären. Was ich wissen will, ist, ob du dich gut unterhalten hast."

     "Was ist das für eine Frage, nachdem du mit dem Weinkauf doch erst den Anstoß zu dieser Einladung gegeben hast?", brachte er hervor.

     "Willst du deshalb jetzt auf immer sauer sein?"

     "Ich weiß es nicht." Seine Stimme klang plötzlich müde. "Du hast mich schließlich in diese missliche Lage gebracht."

     Sein Gesicht war ihr so nahe, dass sie nur ihre Hände hätte ausstrecken müssen, um ihn zu berühren. "Es tut mir leid", flüsterte sie.

     "Nein, tut es dir nicht."

     Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück. "Du hast recht. Es tut mir nicht leid, dass er durch mich erfahren hat, dass du ein Fleury bist.

     Er wollte gern deine Ankunft in Rablay zusammen mit seinen Freunden feiern. Eine große Ehre für dich. Und ich wünschte, ich wäre dabei gewesen. Ich konnte es aber nicht ändern."

     Seine Anspannung zeigte sich an dem kleinen Nerv, der, wie neulich schon einmal, an seinem Mundwinkel zuckte. "Dein Vater hat mir erzählt, dass du gekündigt hast."

     Wenn er das bereits wusste, gab es keine Geheimnisse mehr. Das Gespräch zwischen den beiden Männern war mit Sicherheit furchtbar gewesen. "Das stimmt. Ich bin jetzt arbeitslos und schaue mich nach neuen Möglichkeiten um."

     "Mit deinen Kontakten solltest du keine Probleme haben. Warum sitzt du nicht im Flugzeug nach Kalifornien?"

     Dana wurde die Kehle eng. Nun hieß es, das Herz in beide Hände zu nehmen. "Als ich am Flughafen in der Schlange stand, kam mir plötzlich die Einsicht, was ich in meinem Leben wirklich tun will."

     "Einfach so?", knurrte er. Er klang außer sich.

     "Ja."

     "Wahrscheinlich sollte ich nicht überrascht sein. Du hast ja auch innerhalb von zehn Sekunden die Entscheidung getroffen, das Schloss für die Aufnahmen zu nehmen."

     "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es keinen Sinn hat zu zögern, wenn einem etwas klar geworden ist."

     "Du meinst, wie etwa eine hohe Leiter hinaufzusteigen, ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit."

     Ihre Augen sprühten Funken. "Das wirst du mich wohl niemals vergessen lassen, nicht wahr? Ich kann nichts dafür, das ist das Erbteil meiner Mutter."

     Seine Stimme klang mit einem Mal ganz ruhig. "Du hast meine Frage noch nicht beantwortet."

     "Das werde ich jetzt tun. Nachdem ich mich entschieden hatte, das Flugzeug nicht zu nehmen, habe ich bei der Autovermietung wieder meinen Wagen geliehen. Es war schon Mitternacht, als ich in Angers ankam. Ich war so erschöpft, dass ich mir erst einmal im Metropole ein Zimmer genommen und ausgeschlafen habe."

     "Du warst den ganzen Tag dort?"

     "Ja. Ich hatte eine Menge Telefonanrufe zu erledigen."

     "Nur mich konntest du nicht anrufen", fuhr er sie an.

     "Ich konnte dich nicht anrufen, solange ich nicht alle Dinge geklärt hatte."

     "Und das hat alles so lange gedauert, dass es zu spät war für die Party? Ist es das, was du sagen willst?"

     Sie nickte, mied seinen Blick. "Können wir vielleicht reingehen?"

     "Bei Monsieur Dumarre hättest du die besten Weine der Region probieren können."

     "Das hätte ich wahrscheinlich, aber der, den ich kosten wollte, wäre nicht dabei gewesen. Oder etwa doch?"

     "Nein. Unser freundlicher Gastgeber war dann doch nicht bereit, eine zweite Flasche Belles Fleurs zu opfern. Doch wer weiß, ob er es nicht getan hätte, wenn du da gewesen wärst …"

     Sie gingen die Stufen zum Eingang hinauf, und im Licht des Mondes fand sie sich selbst in ihrem T-Shirt und der Jeans so unattraktiv neben ihm, dass sie hätte weinen mögen. Schweigend folgte er ihr mit ihrem Koffer in der Hand in die Halle.