Abenteuer Liebe

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Liebesnächte in Mexiko


Zu Fuß müssen sich Jane und der breitschultrige Grant Sullivan, der sie aus der Dschungelfestung des Geheimdienstchefs Turego befreit hat, durch die grüne Hölle des Urwalds von Costa Rica kämpfen. Ohne Grant hätte Jane keine Chance! Fast scheinen sie gerettet - da wird Grant von Turego, der grausame Rache plant, gefangen genommen.

Gegen alle Regeln


Was helfen Tränen? Nichts! Und so verbietet Claudia sich, an ihren verstorbenen Vater zu denken, und setzt sich stattdessen voller Elan für den Erhalt der geerbten Ranch ein. Das Schicksal meint es gut mit ihr: Noch immer arbeitet Roland Jackson auf der "Bar D" - der Mann, der ihr erster Liebhaber war und den sie nie vergessen hat.

  • Erscheinungstag 01.10.2002
  • ISBN / Artikelnummer 9783862786350
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Linda Howard

Abenteuer Liebe

MIRA® TASCHENBUCH



MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Deutsche Taschenbucherstausgabe

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

Midnight Rainbow

Against The Rules

Copyright © 1986 by Linda Howard

1983 by Linda Howington

erschienen bei: Mira Books / Silhouette Books, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V., Amsterdam

Redaktion/Lektorat: Ilse Bröhl

Konzeption/Reihengestaltung: fredeboldpartner.network,

Köln Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Titelabbildung: by GettyImages, München

und f1online, Frankfurt

Autorenfoto: © by Harlequin Enterprise S.A., Schweiz

Satz: Berger Grafikpartner, Köln

Ebook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

ISBN (eBook, EPUB) 978-3-86278-635-0
ISBN (eBook, PDF) 978-3-86278-636-7

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Linda Howard

Liebesnächte in Mexiko

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Emma Luxx

1. KAPITEL

Du bist wirklich zu alt für so einen Blödsinn, dachte Grant Sullivan verärgert. Warum zum Teufel kroch er hier herum, wo er sich doch geschworen hatte, nie mehr im Leben einen Dschungel zu betreten? Er war beauftragt worden, eine Tochter aus reichem Hause zu retten, aber jetzt, nach zwei Tagen, wurde er den Eindruck nicht los, dass die junge Dame gar nicht gerettet werden wollte. Im Gegenteil, sie schien ihr derzeitiges Leben, das aus Lachen, Flirten und am Swimmingpool in der Sonne brutzeln bestand, in vollen Zügen zu genießen. Morgens schlief sie lange, dann stand sie auf und setzte sich zum Frühstück in den mit Steinplatten belegten Patio, wo sie den neuen Tag mit einem Glas Champagner begrüßte, während ihr Vater mittlerweile fast von Sinnen war vor Sorge um seine Tochter, weil er die Befürchtung hegte, ihre Entführer könnten sie schlimmsten Folterqualen unterziehen.

Der einzige, der hier gefoltert wird, bist du, dachte Grant mit wachsender Verärgerung und schlug um sich, um sich der Moskitos, die ein williges Opfer gefunden zu haben glaubten, zu erwehren. Der Schweiß lief ihm in Strömen über den Rücken, und seine Beine schmerzten vom langen Sitzen. Eben, als er seine Marschverpflegung heruntergewürgt hatte, war ihm wieder einmal aufgegangen, wie sehr er Marschverpflegung hasste. Die Schwüle bewirkte, dass sich seine Narben bemerkbar machten, und er hatte nicht wenige davon. Nein, es gab keinen Zweifel, er war definitiv zu alt für so einen Job.

Er war jetzt achtunddreißig und hatte gut die Hälfte seines Lebens irgendwo, in irgendeinem Krieg, verbracht. Mit der Zeit war er müde geworden, so müde, dass er sich schließlich nur noch gewünscht hatte, jeden Morgen in demselben Bett aufzuwachen. Er war ausgebrannt und sehnte sich nach nichts weiter als nach Ruhe.

Nicht, dass er sich nun in die Berge in eine Höhle zurückgezogen hätte, aber immerhin hatte er daran gedacht. Statt dessen hatte er sich eine heruntergewirtschaftete Farm in Tennessee gekauft und sie wieder auf Vordermann gebracht. Er war ausgestiegen und hatte sein altes Leben hinter sich gelassen, doch offensichtlich nicht weit genug, um nicht ab und zu aufgestöbert zu werden. Immer wenn bei einem Fall Dschungelerfahrung gefragt war, erinnerten sich seine ehemaligen Vorgesetzten beim Geheimdienst an Grant Sullivan.

Ein Geräusch auf dem Patio riss ihn aus seinen Gedanken, und er schob vorsichtig ein großes Blatt beiseite, um sein Gesichtsfeld zu erweitern. Da kam sie, leicht bekleidet wie stets, mit Sandaletten an den nackten Füßen, in der einen Hand einen kühlen Drink und in der anderen ein Buch. Ihr Gesicht war fast zur Hälfte von einer überdimensionalen Sonnenbrille verdeckt, doch als sie jetzt den Wachen lächelnd zuwinkte, während sie sich in den Liegestuhl am Pool gleiten ließ, sah er ihre Grübchen.

Verdammt noch mal, warum hatte sie unbedingt umherreisen und aller Welt ihre „Unabhängigkeit“ beweisen müssen, anstatt schön brav zu Hause unter Daddys Fittichen zu bleiben? Dann wäre das alles nicht passiert, und er, Grant, säße jetzt nicht hier, sondern könnte in aller Gemütsruhe auf seiner Farm herumwerkeln. Aber anscheinend hatte sie ein bemerkenswertes Talent, sich in gefährliche Situationen zu bringen.

Verdammt noch mal, ihr schien gar nicht klar zu sein, dass sie eine zentrale Rolle in einer hässlichen Spionagegeschichte spielte, in die mindestens drei Regierungen und verschiedene revolutionäre Splittergruppen verwickelt waren. Sie alle waren auf der Suche nach einem verschwundenen Mikrofilm. Das einzige, was ihr bisher das Leben gerettet hatte, war der Umstand, dass sich niemand so genau darüber im klaren war, wie viel sie wusste. War sie in George Persalls Spionageaktivitäten verwickelt, oder war sie einfach nur seine Geliebte gewesen? Wusste sie, wo sich der Mikrofilm jetzt befand, oder hatte ihn Luis Marcel an sich gebracht? Sicher war nur, dass sich der Film noch kurz vor George Persalls Tod in dessen Besitz befunden hatte. Doch nachdem Persall einer Herzattacke erlegen war – und zwar in ihrem Schlafzimmer – war der Film nicht mehr auffindbar gewesen. Hatte Persall ihn bereits vorher an Luis Marcel weitergegeben? Marcel war zwei Tage vor Persalls Tod untergetaucht, ob mit oder ohne den Film war ungeklärt. Die Amerikaner waren hinter besagtem Film nicht weniger her als die Russen und die Sandinisten sowie alle möglichen Rebellengrüppchen in Zentralund Südamerika. Teufel noch mal, dachte Sullivan jetzt, wahrscheinlich sind sogar die Eskimos scharf auf das Ding.

Und wer hätte jemals gedacht, dass George Persall, ein honoriger Geschäftsmann, der vorwiegend in Costa Rica seine Geschäfte tätigte, in Spionageaktivitäten verwickelt war? Das einzige, was an ihm von jeher auffällig gewesen war, war seine Schwäche für auffallend attraktive, langbeinige „Sekretärinnen“, doch das war weiß Gott nichts Außergewöhnliches. Und dann war George, der zwar nicht mehr der Jüngste war, vor Gesundheit aber nur so strotzte, plötzlich einer Herzattacke erlegen ... und der Mikrofilm war verschwunden. Jetzt herrschte bei den Amerikanern Alarmstufe eins, weil sie befürchteten, dass die Informationen über eine neu entwickelte Laserwaffe, die sich auf dem Film befand, in unbefugte Hände fallen könnten.

Manuel Turego, der Geheimdienstchef von Costa Rica, hatte am schnellsten geschaltet, indem er sich, ohne lange herumzufackeln, Priscilla Jane Hamilton Greer geschnappt und sie auf seine schwer bewachte Plantage in Costa Rica verschleppt hatte. Vielleicht hatte er ihr ja weisgemacht, er würde sie in „Sicherheitsverwahrung“ nehmen, und sie war möglicherweise naiv genug gewesen, ihm das abzukaufen und ihm dafür auch noch dankbar zu sein. Sicher war Turego schlau genug, um die Sache mit viel Fingerspitzengefühl anzugehen, denn zweifellos war ihm bekannt, dass Priscilla Jane Hamilton Greers Vater ein reicher Mann war, der zudem über eine Menge Einfluss verfügte. Turego hatte sich offensichtlich entschlossen abzuwarten, bis entweder Luis Marcel wieder auftauchte oder irgendeine Spur von dem Mikrofilm, und währenddessen hatte er Priscilla sozusagen als Unterpfand.

Nachdem James Hamilton erfahren hatte, dass sich seine Tochter in Turegos Gewalt befand, hatte er alle Hebel in Bewegung gesetzt, um sie freizubekommen, doch die amerikanische Regierung war wild entschlossen, ihre diplomatischen Beziehungen erst dann spielen zu lassen, wenn sich von Luis Marcel eine Spur gefunden hatte.

Da sich die Sache immer mehr in die Länge gezogen hatte, war James Hamilton schließlich verzweifelt genug gewesen, um die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen, und so war er, Grant, ins Spiel gekommen. Hamilton hatte seine Verbindungen zum Geheimdienst genutzt, wo Grants ehemalige Kollegen ihm unter der Hand den Tipp gaben, sich an ihn zu wenden. Und er hatte sich idiotischerweise breitschlagen lassen, Priscilla Jane Hamilton Greer aus den Fängen ihrer Entführer zu befreien.

Sie hier auf der Plantage aufzuspüren, war geradezu lächerlich einfach gewesen, und Kell Sabin, dem Eiswasser statt Blut durch die Adern rann und den er noch aus alten Zeiten kannte, hatte ihm dabei gute Dienste geleistet.

So war er also jetzt hier im tiefsten Regenwald von Costa Rica. Dass die Grenze zu Nicaragua verdammt nah war, war nicht gerade ein Trost, weil umherschweifende Rebellentrupps, Revolutionäre oder auch einfach nur Terroristen die Gegend unsicher machten und man immer darauf gefasst sein musste, sich plötzlich einer Gruppe schwer bewaffneter Männer – oder auch Frauen – gegenüberzusehen. Priscilla jedoch schien diese Tatsache nicht im mindesten zu berühren. Sie nippte Tag für Tag ungeachtet aller Gefahren, die im Dschungel lauerten, an ihren Eisdrinks und aalte sich in der Sonne.

Nun, er hatte genug gesehen. Heute Nacht würde er zuschlagen. Mittlerweile kannte er sowohl ihren Tagesablauf als auch den der Wachen bis ins letzte Detail und hatte sich seinen Plan genauestens zurechtgelegt. Das einzige, was ihn störte, war, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als ihn in der Nacht auszuführen, denn die Aussicht, hinterher mit ihr in der Finsternis durch den Dschungel zu stolpern, fand er nicht sonderlich erheiternd, aber eine andere Möglichkeit gab es nicht. Da sie morgens lange zu schlafen pflegte, würde sich niemand etwas dabei denken, wenn sie bis elf Uhr vormittags noch nicht aufgetaucht war. Bis dahin würden sie über alle Berge sein, weil Pablo sie mit seinem Helikopter kurz nach Sonnenaufgang an einer bestimmten Stelle, die sie genau abgesprochen hatten, einsammeln würde.

Grant rutschte vorsichtig auf Knien rückwärts tiefer in den Dschungel hinein, bis ihn ein dichter grüner Blättervorhang von dem Haus abschirmte. Erst dann richtete er sich auf und begann, aufmerksam nach Tretminen Ausschau haltend, um das Anwesen herumzuschleichen, um sich die örtlichen Gegebenheiten noch ein letztes Mal bei Tageslicht genau einzuprägen. Er wusste, wo Priscilla schlief, und er wusste auch, wie er in ihr Zimmer gelangen konnte. Der Zeitpunkt für die geplante „Entführung“ hätte nicht günstiger sein können, denn Turego war gestern weggefahren und bis jetzt noch nicht wieder zurückgekehrt, und Grant hoffte inständig, dass sich das auch bis nach Einbruch der Dunkelheit nicht geändert haben würde.

Stunden später fand er sich an derselben Stelle wieder, an der er am Nachmittag gekniet und Priscilla beobachtet hatte. Mittlerweile war die Dunkelheit hereingebrochen, und der Dschungel spielte zu seinem nächtlichen Konzert auf, das Grant bestens vertraut war: Affen schnatterten, Nachttiere, die sich auf die Wanderschaft machten, zirpten und raschelten im Unterholz, und irgendwo, nah beim Fluss, schrie ein Jaguar, doch Grant schenkte ihm kaum Aufmerksamkeit, so zu Hause fühlte er sich hier.

Gegen Mitternacht erhob er sich und schlich die Route, die er im Kopf wieder und wieder zurückgelegt hatte, entlang. Er bewegte sich so geschickt im Dschungel, dass ihn die Tiere nicht als einen Eindringling in ihrem Reich wahrzunehmen schienen, was ihm die Möglichkeit gab, sich voll und ganz auf eventuell vorhandene Tretminen zu konzentrieren. Zu diesem Zweck hatte er einen langen Stock in der Hand, mit dem er den Boden vor sich behutsam abtastete. Als er die ersten Ausläufer der Plantage erreicht hatte, blieb er stehen, legte den Stock beiseite und kniete sich hin, um durch das Blätterwerk in die Richtung zu spähen, die er einzuschlagen gedachte. Aus dem Haus fiel ein schwacher Lichtschein auf die Wachen, die zwar auf ihrem Posten waren, aber vor sich hindösten – bis auf einen Mann, der am Zaun langsam auf- und abging. Sie schienen in dieser gottverlassenen Gegend nicht mit unerwünschten Besuchern zu rechnen, was sie zu einer Unachtsamkeit in hohem Maße verführte, wie Grant die vergangenen drei Tage bereits beobachten konnte. Und dennoch waren sie da, und die Gewehre, die sie bei sich trugen, waren zweifellos mit scharfer Munition geladen. Einer der wichtigsten Gründe, weshalb Grant die vergangenen achtunddreißig Jahre lebend überstanden hatte, war der, dass er einen Heidenrespekt hatte vor Schusswaffen. Leichtsinn und Tollkühnheit zahlten sich niemals aus, sondern konnten einen das Leben kosten. Er wartete. Die Nacht war sternenklar, deshalb blieb ihm keine Bewegung der Männer verborgen. Ihn störte die Helligkeit nicht, es gab noch immer genug Schatten, in dessen Schutz er sich bewegen konnte.

Der Wachposten an der linken Seite des Hauses hatte sich in der ganzen Zeit, in der Grant ihm beobachtet hatte, noch keinen Millimeter von der Stelle gerührt; offensichtlich schlief er den Schlaf des Gerechten. Der andere Wachmann, der bis jetzt auf und abgegangen war, ließ sich nun auf den Boden nieder und lehnte sich mit dem Rücken gegen eine der Säulen am Vordereingang des Hauses. Der kleine rot glühende Punkt in Nähe seiner rechten Hand sagte Grant, dass er rauchte. Seinen Gewohnheiten zufolge konnte es nun nicht mehr lange dauern, bis er sich, nachdem er seine Zigarette ausgemacht hatte, seine Baseballkappe tief in die Stirn ziehen und sanft entschlummern würde.

Leise wie ein Geist verließ Grant das schützende Dickicht und huschte, von Busch zu Busch springend, auf das Haus zu. Einen Augenblick später hatte er, ohne das geringste Geräusch zu verursachen, die Veranda erklommen und drückte sich eng gegen die Hauswand, während er mit Blicken die Gegend absuchte. Alles blieb ruhig.

Priscillas Zimmer lag nach hinten hinaus. Es hatte eine große, doppelt verglaste Verandatür, die möglicherweise abgeschlossen sein würde, doch diese Tatsache bereitete ihm wenig Kopfzerbrechen. Mit Schlössern kannte er sich aus. Er schlich auf die Tür zu und drückte die Klinke herunter. Sie ließ sich anstandslos öffnen. Ausgesprochen entgegenkommend von Priscilla.

Leise, leise schob er die Tür Zentimeter für Zentimeter auf und schlüpfte lautlos durch den Spalt. Dann blieb er einen Moment stehen und wartete, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Nach der mondhellen Nacht draußen erschien es ihm in dem Raum plötzlich so dunkel wie im tiefsten Dschungel.

Wenig später vermochte er bereits die ersten Umrisse zu erkennen. Das Zimmer war groß und geräumig eingerichtet, den Holzfußboden bedeckten Strohmatten. Das Bett, um das ein Moskitonetz gespannt war, befand sich an der Wand zu seiner Rechten. Durch das dünne Netz hindurch konnte Grant die Bettdecke sehen, unter der sich ein sanfter Hügel abzeichnete. Zu seiner Linken wurden die Schatten tiefer, aber er konnte eine Tür erkennen, bei der es sich wahrscheinlich um die Badezimmertür handelte, und an der Wand einen großen Kleiderschrank. Langsam und lautlos wie ein Panther tauchte er in den Schatten neben dem Kleiderschrank ein. Jetzt sah er neben dem Bett, in dem sie schlief, einen Stuhl, über dessen Lehne ein langes weißes Kleidungsstück hing, ein Nachthemd oder ein Morgenrock. Der Gedanke, dass Priscilla womöglich nackt schlafen könnte, entlockte ihm ein kleines, schiefes Grinsen, das jedoch keine wirkliche Belustigung enthielt. Angenommen, sie schlief tatsächlich nackt, würde sie sich wehren wie eine Wildkatze, wenn er Hand an sie legte, und ganz genau das konnte er im Moment gar nicht gebrauchen. Deshalb hoffte er zu ihrer beider Bestem, dass sie zumindest irgendetwas auf dem Leibe trug.

Er trat vorsichtig näher an das Bett heran, die Augen unablässig auf die schmale Gestalt unter der Bettdecke gerichtet. Sie lag so unnatürlich still da ... Plötzlich stellten sich ihm die Nackenhaare auf, und bereits eine Sekunde später warf er sich zur Seite, so dass ihn der Handkantenschlag an der Schulter traf und nicht im Nacken. Er rollte über den Fußboden, und als er wieder auf die Füße kam, erwartete er, seinem Angreifer von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen, doch er konnte niemanden entdecken. Nichts bewegte sich, nicht einmal die Frau im Bett. Grant versuchte irgendwelche Geräusche auszumachen, ein Atmen, Kleiderrascheln oder sonst etwas, aber da war nichts. Die Stille im Raum wirkte betäubend. Wo war der Angreifer? Wie Grant hatte er sich in den Schutz der Dunkelheit zurückgezogen.

Wer war er? Und was hatte er in dem Schlafzimmer der Frau zu suchen?

Vielleicht stand er ja neben dem Kleiderschrank. Dort war es so dunkel, dass man kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Grant zog das Buschmesser an seinem Gürtel aus der Scheide, schob es jedoch gleich darauf wieder zurück. Seine Hände waren genug.

Da ... es war nur eine winzige Bewegung, sie genügte jedoch, um den Mann in der Dunkelheit auszumachen. Grant duckte sich zum Sprung. Einen Moment später machte er einen Satz und riss die schlanke Gestalt, deren Schatten sich dunkel neben dem Moskitonetz abzeichnete, zu Boden. Diesmal traf ihn der Handkantenschlag am Kinn, doch es gelang ihm, seinen Widersacher zu überwältigen, ein Knie auf dem Fußboden, das andere auf seiner Brust. Gerade als er zum entscheidenden Schlag ausholen wollte, um den Kampf zu beenden, spürte er unter seinem Knie etwas seltsam Weiches. Plötzlich ging ihm ein Licht auf. Der so merkwürdig ruhig daliegende Körper unter der Bettdecke war gar kein menschlicher Körper, sondern nur ein Haufen Decken. Die Frau war aufgestanden, als sie ihn hatte hereinschleichen sehen. Aber warum hatte sie nicht geschrien? Warum hatte sie ihn angegriffen, obwohl ihr doch hätte klar sein müssen, dass er sie überwältigen würde? Er nahm sein Knie von ihrer Brust und legte eine Hand auf die weichen Hügel, um sich davon zu überzeugen, dass sie noch atmete. Er spürte, wie sich ihr Brustkorb hob und senkte, gleich darauf hörte er sie leise keuchen.

„Es ist alles in Ordnung“, flüsterte er, doch plötzlich begann sie sich unter ihm zu winden, und eine Sekunde später schoss ihr Knie blitzschnell hoch und krachte so schmerzhaft in seine Magengrube, dass ihm für einen Moment die Luft wegblieb. Rote Spiralnebel tanzten vor seinen Augen, und seine Hand zuckte zu seinem Bauch, während er langsam zur Seite kippte.

Sie rappelte sich keuchend auf, und er erkannte undeutlich, wie sie nach einem dunklen, ausgebeulten Gegenstand griff und damit zur Verandatür hastete. Eine Sekunde später hatte die Dunkelheit sie geschluckt.

Der panische Schreck, der ihn durchfuhr, ließ ihn seinen Schmerz vergessen. Verdammt, sie versuchte auf eigene Faust zu entkommen. Sie war dabei, alles zu ruinieren! Hastig rappelte er sich auf und sprintete hinter ihr her.

2. KAPITEL

Jane versuchte mit den Augen die Dunkelheit zu durchdringen. Dort drüben musste sie hin. Jetzt floh sie weniger vor Turego, als vor dem schwarzen Dämon, der versucht hatte, sie zu überwältigen. Sie rannte um ihr Leben. Seit Wochen hatte sie Pläne geschmiedet, wie sie Turego entkommen könnte, und nun war ihr Vorhaben auf eine ganz andere Art Wirklichkeit geworden, als sie erwartet hatte. Ihr Herz klopfte wie ein Presslufthammer, das Blut rauschte in ihren Ohren, und ihre Lungen schmerzten. Plötzlich fiel ihr auf, dass sie den Atem anhielt. Sie holte tief Luft und rannte weiter. In dem Moment, in dem sie ins schützende Buschwerk eintauchen wollte, stolperte sie über eine Wurzel und schlug lang hin. Nackte Panik ergriff von ihr Besitz. Oh, Gott, jetzt würde sie der Angreifer überwältigen. Das Blut gefror ihr vor Schreck in den Adern, doch noch bevor sie die Kraft fand, einen Schrei auszustoßen, fühlte sie eine Hand auf ihrem Rücken. Gleich darauf fiel sie in ein tiefes schwarzes Loch.

Als ihr Bewusstsein nach und nach zurückkehrte, war es ihr im ersten Moment unmöglich, sich zu orientieren. Was war mit ihr? Wo befand sie sich? Stand sie wirklich kopf, oder bildete sie sich das nur ein? Sie fühlte sich durchgeschüttelt, als säße sie auf dem Rücken eines Pferdes, und seltsame Laute drangen an ihr Ohr, Laute, die sie nicht einordnen konnte. Selbst wenn sie die Augen öffnete, sah sie nichts als rabenschwarze Finsternis. Es musste ein Alptraum sein, und zwar der schrecklichste Alptraum ihres Lebens. Sie versuchte, ihre Arme und Beine zu bewegen, um den Traum zu beenden, doch es wollte ihr nicht gelingen. Als sie ein paar Mal hilflos hin und herzappelte wie ein Fisch im Netz, versetzte ihr jemand einen harten Klaps auf den Po.

„Beruhigen Sie sich“, drang eine schlechtgelaunte Stimme an ihr Ohr. Jane kannte die Stimme nicht, aber aus irgendeinem Grund gehorchte sie und hielt still.

Nach und nach gelang es ihr, die Dinge einzuordnen. Sie erkannte die Geräusche um sich herum wieder, und ihr wurde auch klar, dass sie nicht auf dem Rücken eines Pferdes saß, sondern über der Schulter eines Mannes lag, der sie durch den Dschungel schleppte. An Händen und Füßen war sie gefesselt, und in ihrem Mund steckte ein Knebel, so dass sie nur entweder summen oder grunzen konnte, wenn sie sich bemerkbar machen wollte. Da ihr nicht nach Summen zumute war, nutzte sie ihre eingeschränkte Stimmkraft zu einem hässlichen Grunzen, das ihre vornehme Mutter zum Erblassen gebracht hätte, um ihrer Meinung über den Mann, über dessen Schulter sie lag, Ausdruck zu verleihen. Wieder machte ihr Po Bekanntschaft mit der Handfläche des Mannes. „Seien Sie still“, grollte die Stimme. „Sie klingen wie ein grunzendes Schwein am Trog.“

Ein Amerikaner, dachte sie verblüfft. Er war Amerikaner. Bestimmt war er gekommen, um sie zu retten. Andererseits, wenn er die Absicht gehabt hätte, sie zu retten, wäre er dann wirklich so hart mit ihr umgesprungen, wie er es getan hatte? Wohl kaum. Als sie daran dachte, wie viele Gruppierungen hinter dem Mikrofilm her waren, überlief sie ein eisiger Schauer. Es hatte gar nichts zu sagen, dass er Amerikaner war, denn jedermann konnte sich schließlich einen Amerikaner für seine finsteren Zwecke anheuern.

Traue niemandem, nahm sie sich vor. Niemandem. Sie war in dieser Sache ganz auf sich allein gestellt.

Der Mann blieb stehen, ließ sie wie ein Paket von seiner Schulter rutschen und stellte sie auf den Boden. Jane zwinkerte, dann riss sie die Augen auf in der Anstrengung etwas zu sehen, doch es war so dunkel, dass sie nicht einmal die Hand vor Augen erkennen konnte. Wo war er? Was führte er im Schilde? Beabsichtigte er, sie mitten im Dschungel auszusetzen, damit die Jaguare sie zum Frühstück verspeisen konnten? Instinktiv nahm sie eine Bewegung wahr, konnte sie jedoch mit nichts in Zusammenhang bringen. Ein Wimmern stieg in ihrer Kehle auf, und sie versuchte sich zu bewegen, doch als sie ins Taumeln geriet, fiel ihr ein, dass sie ja an Händen und Füßen gefesselt war.

„Bleiben Sie stehen, verdammt noch mal!“

Also war er noch da. Und er konnte sie sehen. Wieso konnte er sie sehen, wenn sie ihn doch nicht sah? Egal, was er tat oder auch nicht tat, Jane war im Moment dankbar allein für seine Anwesenheit. Es gelang ihr nicht, ihre Panik vor der Dunkelheit zu überwinden, aber die bloße Tatsache, dass er bei ihr war, hielt sie zumindest in Grenzen. Sie gab ein leises Keuchen von sich, als er sie wieder hochhob, um sie sich erneut ohne das geringste Anzeichen von Anstrengung wie eine Gliederpuppe über die Schulter zu werfen.

Er bewegte sich mit traumwandlerisch anmutender Sicherheit durch die Finsternis. Ihr Kopf schlug rhythmisch gegen seinen Rücken. Vor und zurück. Vor und zurück. Als sie Übelkeit in sich aufsteigen fühlte, begann sie wie wild zu zappeln in dem verzweifelten Wunsch sich aufzurichten.

„Immer mit der Ruhe.“ Anscheinend war ihm nicht entgangen, wie sie sich fühlte, denn er blieb stehen und ließ sie sich langsam von der Schulter gleiten. Als sie schließlich auf ihren eigenen zwei Beinen stand, gelang es ihr nicht, ein Wimmern zu unterdrücken, weil ihr die Fesseln schmerzhaft in Arm- und Beingelenke schnitten. „Okay“, sagte der Mann. „Ich nehme Ihnen die Fesseln ab. Aber wenn Sie Ärger machen, schnüre ich Sie zusammen wie einen gefüllten Weihnachtstruthahn und lasse Sie hier liegen, ist das klar?“

Sie nickte, wobei sie sich ein weiteres Mal fragte, wie er sie in der Dunkelheit sehen konnte. Denn offensichtlich konnte er das wirklich, weil er jetzt die Hand nach ihr ausstreckte und sie umdrehte, um ihr mit etwas, von dem sie vermutete, dass es ein Messer war, die Fesseln an den Handgelenken aufzuschneiden. Als er ihr anschließend die Arme zu massieren begann, schossen ihr vor Schmerz die Tränen in die Augen.

„Ihr Vater hat mich geschickt, um Sie hier rauszuholen“, sagte der Mann, während er sie nun behutsam von dem Knebel befreite.

Ehe Jane den Versuch zu sprechen unternahm, bewegte sie erst einmal ihre schmerzenden Kiefer einige Male mühsam vor und zurück. „Mein Vater?“ stieß sie schließlich heiser hervor.

„Ja. So, Pris, jetzt mache ich Ihnen die Fesseln an den Beinen auch noch ab, aber kommen Sie bitte nicht wieder auf die Idee, mir einen Fußtritt zu versetzen. Es würde Ihnen nicht gut bekommen.“ Obwohl sich seine Worte nur so dahingesagt anhörten, entging ihr doch nicht der drohende Unterton in seiner Stimme.

„Wenn Sie mich nicht betatscht hätten, hätte ich Ihnen auch keinen Fußtritt versetzen müssen.“

„Ich habe Sie nicht betatscht, ich wollte nur sehen, ob Sie noch atmen.“

„Davon haben Sie sich ziemlich gründlich überzeugt.“

„Sie zu knebeln war eine verdammt gute Idee“, gab er gelassen zurück, und Jane beschloss, zumindest fürs erste, besser den Mund zu halten. Sie konnte von ihm noch immer nicht mehr erkennen als einen vagen Umriss, aber seine Stimme klang entschlossen genug, um ihr zu verdeutlichen, dass er keine Hemmungen haben würde, sie erneut zu fesseln und zu knebeln, wenn er es für angebracht hielt.

Er schnitt nun auch ihre Fußfesseln auf und begann ziemlich unsanft ihre Fußgelenke zu massieren. Als er sie schließlich losließ, taumelte sie, und es dauerte einen Moment, ehe sich ihr Gleichgewichtssinn eingependelt hatte, da ihre Augen wegen der Dunkelheit nichts hatten, woran sie sich orientieren konnten.

„Wir haben es nicht mehr weit; bleiben Sie dicht hinter mir und verhalten Sie sich ruhig.“

„Halt! Warten Sie!“ flüsterte Jane verängstigt. „Wie kann ich Ihnen folgen, wenn ich Sie nicht sehe?“

Er nahm ihre Hand und legte sie an seine Taille. „Hier. Halten Sie sich an meinem Gürtel fest.“

Sie tat, was er sagte, und krallte sich so fest in seinen Gürtel, dass er ein verärgertes Brummen von sich gab, doch sie dachte gar nicht daran, locker zu lassen. Nicht auszudenken, was ihr zustoßen könnte, wenn sie ihn hier mitten im stockfinsteren Dschungel verlieren würde.

Ihm mochte der Weg nicht weit erscheinen, Jane jedoch, die ständig über Wurzeln und Äste stolperte, kam er endlos vor. Endlich blieb er stehen. „Wir warten jetzt hier. Ein Stück weiter vorn ist eine Lichtung, aber wir gehen erst rüber, wenn ich den Helikopter höre.“

„Den Helikopter?“

„Ja. Irgendwie müssen wir schließlich hier rauskommen.“

„Und wann wird das sein?“

„Kurz nach Sonnenaufgang.“

„Und wann ist das?“

„In einer halben Stunde.“

Sich noch immer an seinen Gürtel klammernd, stand sie die nächste halbe Stunde hinter ihm und wartete darauf, dass die Sonne aufging. Die Minuten dehnten sich ins Endlose, doch so bekam sie Gelegenheit, sich zum ersten Mal darüber klar zu werden, dass sie Turego wirklich entkommen war. Sie war in Sicherheit und frei ... nun, fast zumindest. Auf jeden Fall war sie Turegos Zugriff entronnen, und was diesen Mann hier vor ihr anbetraf, so wusste sie nicht recht, was sie von ihm halten sollte. Es konnte natürlich sein, dass ihr Vater ihn geschickt hatte, aber einen Beweis dafür gab es nicht. Alles, was sie hatte, war sein Wort, aber so naiv, sich auf das Wort eines Fremden zu verlassen, war sie nicht. Dazu war sie zu wachsam.

Da sie sich noch immer an seinem Gürtel festhielt, spürte sie, wie der Mann vor ihr begann, unruhig von einem Fuß auf den anderen zu treten. „Hören Sie, Honey, meinen Sie nicht, dass Sie meinen Gürtel jetzt langsam mal loslassen könnten?“

Jane spürte, wie sie errötete, und ließ hastig los. „Oh, entschuldigen Sie“, flüsterte sie. „Ich war mir gar nicht bewusst, dass ich mich noch immer an Ihnen festhalte.“ Sie stand einen Moment wie erstarrt mit hängenden Armen da, dann fühlte sie Panik in sich aufsteigen. Sie konnte ihn in der Dunkelheit nicht sehen, sie hörte ihn nicht einmal atmen, und nun, da sie sich durch die Berührung nicht länger vergewissern konnte, dass er da war, war sie sich seiner Anwesenheit plötzlich nicht mehr sicher. Was war, wenn er sie allein gelassen hatte? Die Luft kam ihr auf einmal so stickig vor, dass sie Mühe hatte zu atmen. Sie war sich darüber im klaren, dass ihre Reaktion irrational war, doch sie kam nicht dagegen an. Auch wenn sie die Quelle ihrer Angst kannte, half ihr das doch nicht, sie zu überwinden. Sie hatte Finsternis noch nie ertragen können, sie konnte im Dunkeln nicht einschlafen und betrat niemals ein Zimmer, ohne vorher das Licht einzuschalten, und wenn sie abends ausging und wusste, dass sie spät nach Hause kommen würde, ließ sie stets eine Lampe brennen. Und ausgerechnet sie, die immer ängstlich Vorsorge traf, sich niemals der Dunkelheit auszusetzen, stand nun hier inmitten einer so tiefschwarzen Finsternis, die es ihr nicht einmal erlaubte, die Hand vor Augen zu sehen, ganz so, als wäre sie blind.

Plötzlich spürte sie, wie ihre mühsam aufrecht erhaltene Selbstkontrolle zersplitterte, und sie streckte in panischer Angst die Hand nach dem Mann aus in dem Verlangen, sich an ihn zu klammern, um sich zu versichern, dass er noch da war. Ihre Finger tasteten Stoff, und im nächsten Moment hing sie von hinten an seinem Hals, schwer atmend in einer Mischung aus Angst und Erleichterung. Im selben Augenblick fühlte sie sich gepackt und durch die Luft gewirbelt, und gleich darauf fand sie sich auf dem Rücken liegend auf dem weichen Erdboden zwischen üppigen Farnen, die ihr übers Gesicht streichelten, wieder. Noch ehe sie eine Bewegung machen konnte, ja noch bevor sie überhaupt dazu kam Atem zu holen, fühlte sie, wie ihr Kopf an den Haaren zurückgezerrt wurde, dann senkte sich ein Gewicht auf ihre Brust, das sie Sekundenbruchteile später als sein Knie erkannte. Sie hörte ihn über sich atmen, und seine Stimme war nicht viel mehr als ein leises Schnarren, als er jetzt sagte: „Fassen Sie mich nie – nie – wieder von hinten an.“

Jane wand sich unter ihm und versuchte, sein Knie wegzuschieben. Einen Moment später nahm er es weg und stand auf. Selbst über seiner Schulter liegend hatte sie sich besser gefühlt als eben, wo sie sich in der Dunkelheit allein gelassen glaubte. Deshalb streckte sie jetzt erneut die Hand nach ihm aus und umklammerte seine Knie, was ihn automatisch dazu veranlasste, ihr auszuweichen, doch sie hielt ihn mit Bärenkräften, die ihr die Angst verliehen, fest. Er stieß einen Fluch aus und versuchte sein Gleichgewicht zu halten, schaffte es jedoch nicht und stürzte einen Augenblick später zu Boden.

Er lag so still, dass Jane Angst bekam. Was war, wenn er sich verletzt hatte? Wenn er so unglücklich mit dem Kopf auf dem Boden aufgeschlagen war, dass er ohnmächtig geworden oder – nicht auszudenken – vielleicht sogar tot war? So etwas war bereits vorgekommen. Sie hatte von derart unglücklichen Stürzen schon oft in der Zeitung gelesen. Mit zitternden Händen betastete sie seine Arme und Schultern und flüsterte schließlich verängstigt: „Mister, ist mit Ihnen alles in Ordnung?“ Ihre Hände waren jetzt in seinem Gesicht und an seinem Kopf, um sich durch behutsames Tasten davon zu überzeugen, dass er nirgendwo eine Beule oder womöglich sogar eine offene Wunde davongetragen hatte. An seinem Hinterkopf spürte sie ein Gummiband, und als sie dessen Verlauf nach vorn verfolgte, ertastete sie über seinen Augen etwas, das sie für eine Brille hielt. „Sind Sie verletzt?“ wiederholte sie mit gepresster Stimme, nachdem er ihr noch immer nicht geantwortet hatte. Mittlerweile schlug ihr das Herz vor Angst bis zum Hals. „Verdammt noch mal, antworten Sie mir!“

„Lady“, kam es jetzt wütend zurück, „Sie sind wirklich total übergeschnappt. Wenn ich Ihr Daddy wäre, würde ich Turego noch Geld dafür zahlen, damit er sie nur ja behält.“

Er war ein Wildfremder für sie, deshalb berührte es sie seltsam, dass seine Worte ihr einen kleinen Stich versetzten. Sie saß einen Moment ganz still da, erschrocken darüber, dass ein Mann, den sie gar nicht kannte, imstande war, ihre Gefühle zu verletzen.

Da sie ganz nah bei ihm saß, spürte sie, wie er sich jetzt aufsetzte, und da sie keine Anstalten machte, auf seine Bemerkung einzugehen, seufzte er. „Warum zum Teufel sind Sie denn vorhin auf mich drauf gesprungen?“ fragte er, mittlerweile etwas besänftigt.

„Weil ich Angst vor der Dunkelheit habe“, sagte sie mit ruhiger Würde. „Ich hörte Sie nicht mehr atmen, und konnte nicht mal die Hand vor Augen sehen. Ich bin in Panik geraten. Es tut mir Leid.“

Er hüllte sich einen Augenblick lang in Schweigen, dann erwiderte er kurz angebunden: „In Ordnung.“ Damit sprang er auf, beugte sich zu ihr herab und zog sie an den Handgelenken hoch. Jane trat noch einen kleinen Schritt näher an ihn heran.

„Sie können nur deshalb etwas sehen, weil Sie diese Brille aufhaben, stimmt’s?“

„Ja. Es ist eine Infrarotbrille.“

Als plötzlich ein Affe über ihren Köpfen zu kreischen begann, zuckte Jane erschrocken zusammen. „Haben Sie noch eine dabei?“ fragte sie.

Sie spürte, wie er zögerte, und einen Moment später legte er ihr den Arm um die Schultern. „Nein, nur die eine. Machen Sie sich keine Sorgen, Pris, ich werde Sie ab jetzt nicht mehr loslassen. Und in ein paar Minuten wird es sowieso hell.“

„Es geht schon wieder“, versicherte sie ihm, und das stimmte wirklich. Jetzt, wo sie spürte, dass er da war, und wusste, dass sie nicht allein war, hatte sich ihre Panik verflüchtigt. Jahrelang hatte sie versucht, gegen ihre Angst anzukämpfen, doch ohne Erfolg. Es hatte begonnen, als sie neun Jahre alt war, und mittlerweile hatte sie gelernt damit zu leben, doch heute, in dieser Ausnahmesituation, in der sie keinen der Tricks, mit denen sie sich sonst über Wasser hielt, anwenden konnte, hatte sie die Nerven verloren. Es würde nicht wieder vorkommen. Der Mann, dessen Namen sie nicht einmal wusste, hatte ihr versprochen, sie festzuhalten, bis es hell war. Und dann würde auch gleich der Helikopter kommen, der sie zurück in die sichere Heimat brachte.

Ein paar Minuten später hatte sie tatsächlich das Gefühl, etwas mehr sehen zu können. So tief im Regenwald, wie sie im Moment waren, ging die Sonne nicht strahlend auf, weil das dichte Blätterdach das Eindringen der Sonnenstrahlen verhinderte. Jane wusste, dass es im Dschungel selbst um die Mittagszeit, wenn die Sonne am höchsten stand, düster war, doch mittlerweile konnte sie zumindest die Umrisse der üppigen Vegetation, von der sie umgeben waren, erkennen. Sie starrte verblüfft ein riesiges Gewächs an, das ihr eine Kreuzung zu sein schien aus einem Farm und einem Baum. Es hatte einen dicken knorrigen Stamm, über dem sich in mehr als acht Fuß Höhe eine dichte Krone aus Farnblättern wölbte. So etwas hatte sie noch nie in ihrem Leben gesehen.

„Offensichtlich können Sie jetzt wieder sehen“, murmelte der Mann neben ihr, der sie anscheinend beobachtet hatte, nahm den Arm von ihrer Schulter und setzte seine Brille ab, um sie anschließend sorgfältig in seinem Marschgepäck zu verstauen.

Jane starrte ihn mit unverhüllter Neugier an, wobei sie sich noch mehr Licht wünschte. Das wenige, was sie von ihm sah, reichte jedoch aus. Er sieht gefährlich aus, durchfuhr es sie, wobei ihr ein wohliger Schauer den Rücken hinabrann. Sie konnte die Farbe seiner Augen nicht erkennen, doch das Glitzern, das in ihnen lag, entging ihr nicht. Sein Gesicht war braun gebrannt, was die Augen noch leuchtender erscheinen ließ. Das volle dunkelblonde Haar war entschieden zu lang, und um zu verhindern, dass es ihm in die Augen fiel, hatte er sich ein Stirnband umgebunden. Bekleidet war er mit einen schwarz getigerten olivgrünen Tarnanzug, dessen Hosenbeine er in seine kniehohen schwarzen Stiefel gesteckt hatte. Er bot das Bild eines Kriegers, das noch unterstrichen wurde von dem Buschmesser und der Pistole an seinem Gürtel sowie dem Gewehr, das er über der rechten Schulter trug. Ihr überraschter Blick wanderte hinauf zu seinem Gesicht, dessen stark ausgeprägte Züge keinerlei Gefühlsregung erkennen ließen, obwohl er sich ihrer ausführlichen Musterung zweifelsohne bewusst war.

„Sie sind ja bestens ausgerüstet“, bemerkte sie.

„Mein Motto heißt allzeit bereit.“

Nun, er sah wirklich so aus, als sei er für alle Eventualitäten gerüstet. Sie ließ ihren Blick erneut über ihn hinwegwandern, aufmerksamer diesmal; er war bestimmt weit über einsachtzig groß und sah aus wie ... wie ... sie kramte einen Augenblick nach einem passenden Vergleich und hatte ihn gleich darauf gefunden. Sie fand ihn zwar schief, aber treffend. Er sah aus wie eine gut geölte, hervorragend funktionierende Kampfmaschine, kein Gramm Fett, nur stahlharte Muskeln und straffe, glänzende Haut über den Knochen. Seine Schultern waren ungeheuer breit, weshalb es sie jetzt auch nicht länger verwunderte, dass er sie den ganzen Weg durch den Dschungel hatte tragen können, ohne auch nur den Hauch einer Anstrengung zu zeigen. Er hatte sie zweimal zu Boden geschickt, und der einzige Grund dafür, dass er sie nicht ernsthaft verletzt hatte, war wohl der, dass er seine Körperkraft wohldosiert einzusetzen wusste.

Einen Augenblick später entzog er sich abrupt ihrem Blick und hob den Kopf. Seine Augen verengten sich, während er lauschte. „Der Helikopter ist im Anflug. Lassen Sie uns gehen.“

Jane lauschte ebenfalls, doch sie hörte nichts. „Sind Sie sicher?“ fragte sie zweifelnd.

„Ich sagte, wir sollen gehen.“ Seine Stimme klang ungeduldig, er wandte sich zum Gehen. Jane brauchte ein paar Sekunden, ehe ihr klar wurde, dass er gleich hinter der üppigen Vegetation verschwunden sein würde, wenn sie sich nicht beeilte.

„He, warten Sie!“ rief sie erschrocken aus und hielt ihn am Gürtel fest.

„Dann bewegen Sie sich endlich“, befahl er mitleidlos. „Der Helikopter wird nicht ewig warten; Pablo pflegt es eilig zu haben.“

„Wer ist Pablo?“

„Der Pilot.“

Jetzt drang ein leises, fast unhörbares Brummen an ihr Ohr, und es dauerte noch immer einen Moment, ehe sie es mit dem Motor eines Hubschraubers in Verbindung bringen konnte. Wie war es ihm möglich gewesen, es schon so viel früher zu hören? Er schien extrem geschärfte Sinne zu haben.

Er bewegte sich geschmeidig und sicher. Da Jane sich auf den Weg konzentrierte, schenkte sie ihrer Umgebung keine Beachtung, so dass sie, als sie aufschaute, überrascht war, dass sie auf einer kleinen Anhöhe standen, von der aus sie auf eine Lichtung schauen konnten. Dort stand mit langsam kreisenden Propellern der Helikopter.

„Besser als ein Taxi“, murmelte Jane erleichtert und ging schneller.

Seine Hand legte sich schwer auf ihre Schulter und riss sie zurück.

„Still!“ befahl er, während er mit zusammengekniffenen Augen die Umgebung absuchte.

„Stimmt irgendwas nicht?“

„Halten Sie den Mund!“

Jane starrte ihn an, verärgert über seine unangemessene Grobheit, während seine Hand ihre Schulter noch immer so fest umklammerte, dass es fast schon an Schmerz grenzte. Der Griff erschien ihr wie eine Warnung, dass er sie, falls sie Anstalten machen sollte, die Sicherheit des Dschungels ohne seine ausdrückliche Genehmigung zu verlassen, entschlossen war, sie notfalls auch mit Gewalt zurückzuhalten.

Die Minuten zerrannen zäh. Der Pilot begann unruhig zu werden, er verrenkte sich fast den Hals in dem Versuch, mit Blicken das Dickicht des Dschungels zu durchdringen. Gleich darauf schaute er auf seine Armbanduhr, um anschließend seine Aufmerksamkeit wieder dem Regenwald zuzuwenden, wobei er von Sekunde zu Sekunde sichtlich nervöser wurde.

Jane fühlte die Spannung, die von dem Mann neben ihr ausging. Was stimmte nicht? Wonach hielt er Ausschau, worauf wartete er? Er stand bewegungslos da, wie ein Jaguar, der seine Beute nicht aus den Augen lässt.

„Verfluchter Mist“, murmelte er plötzlich und zog sie wieder in den Dschungel zurück.

„Was ist denn?“

„Warten Sie hier und rühren Sie sich nicht von der Stelle.“ Er befahl ihr, sich hinter einen großen Baum zu ducken, und gleich darauf war er weg. Plötzlich war er mit dem Dschungel verschmolzen, so rasch und unmerklich, dass es ihr zuerst entgangen war. Sie fuhr herum, konnte jedoch nichts sehen, nicht einmal schwankende Blätter.

Sie ließ sich auf dem Boden nieder, schlang die Arme um ihre Knie und starrte gedankenverloren vor sich hin. Ein grünes Stöckchen mit Beinen schleppte eine große Spinne ab. Was war, wenn der Mann nicht mehr zurückkam? Warum hatte sie ihn nicht nach seinem Namen gefragt? Und wenn ihm nun etwas passierte? Würde sie je wieder aus diesem Dschungel herauskommen?

Warten Sie hier, hatte er gesagt. Wie lange? Bis zum Lunch? Bis Sonnenuntergang? Oder bis zu ihrem nächsten Geburtstag? Männer drückten sich immer so ungenau aus. Und dieser spezielle Mann hier schien, was Konversation anbelangte, sowieso nicht besonders begabt zu sein. Still, Mund halten, stehen bleiben, aufstehen waren offenbar die einzigen Highlights in seinem Repertoire.

Was für ein riesiger Baum, unter dem er sie da abgestellt hatte. Der Stamm lief in ein gewaltiges Wurzelwerk aus, das sich über den Boden breitete wie Arme.

Die Riemen ihres Rucksacks schnitten in ihre Schultern ein, deshalb nahm sie ihn ab und streckte sich. Dann zog sie sich den Rucksack heran und begann, nach ihrer Haarbürste zu kramen. Dass sie diesen Rucksack zufälligerweise in dem großen Schrank in ihrem Zimmer gefunden hatte, war ein großes Glück gewesen. Ansonsten hätte sie die Dinge, die sie sich im Lauf der Wochen für ihre Flucht vom Mund abgespart und heimlich gehamstert hatte, in eine Decke einwickeln müssen.

Als sie den Kopf hob, sah sie über sich in den Zweigen einen kleinen Affen schaukeln, der mit beleidigtem Gesicht auf sie herabschaute. Wahrscheinlich war er böse, dass sie in sein Territorium eingedrungen war. Sie winkte ihm freundlich zu.

Sich zu ihrem Weitblick gratulierend, steckte sie das Haar hoch und kramte eine schwarze Baseballkappe aus dem Rucksack, die sie sich nun aufsetzte. Sie zog den Schirm tief über die Augen herunter, gleich darauf schob sie ihn wieder zurück. Es gab keine Sonne hier drin. Wenn sie nach oben schaute, sah sie zwar helle leuchtende Pünktchen in dem dichten Blätterdach, doch unten am Boden herrschte nur ein diffuses, gefiltertes Licht.

Wie lange mochte sie nun schon hier sitzen? War er in Schwierigkeiten?

Weil ihre Beine einzuschlafen drohten, erhob sie sich und stampfte ein paar Mal auf dem Boden auf, um ihre Blutzirkulation anzuregen. Die Warterei verunsicherte sie, und plötzlich hatte sie das Gefühl, dass gleich etwas passieren würde. Jane war ein sensibler Mensch, der die Atmosphäre um sich herum wie ein Barometer erspürte. Sie bückte sich nach ihrem Rucksack und hängte ihn sich um.

Als eine Maschinengewehrsalve die Stille zerriss, wirbelte sie herum. Das Herz klopfte ihr in der Kehle. Zu Tode erschrocken lauschte sie dem Stakkato der Schüsse. O Gott, auf wen mochte da geschossen worden sein? Etwa auf ihren Retter? Es wäre nicht auszudenken.

Plötzlich wurde ihr kalt, und als sie auf ihre Hände schaute, bemerkte sie, dass sie zitterten. Und nun? Sollte sie warten oder wegrennen? Aber wegrennen wohin? Und was war, wenn er Hilfe brauchte? Rasch wurde ihr klar, dass sie ihm natürlich keine große Hilfe sein würde, da sie unbewaffnet war, und dennoch konnte sie ihn nicht einfach im Stich lassen. Er war zwar nicht unbedingt der liebenswürdigste Mann, den sie in ihrem Leben kennen gelernt hatte, und im Grunde genommen traute sie ihmnicht einmal richtig über den Weg, aber immerhin war er im Moment der beste und einzige Freund, den sie hatte.

Obwohl ihr ihre Füße nicht recht gehorchen wollten und ihr Magen ihr vorkam, als sei er verknotet, verließ Jane den Schutz des Baumriesen und bahnte sich vorsichtig ihren Weg durch den Dschungel. Jetzt hörte sie nur noch sporadische Schüsse, die alle aus derselben Richtung kamen.

Plötzlich drangen weit entfernt Stimmen an ihr Ohr. Von Panik erfüllt, huschte sie hinter den nächsten Baum. Die raue Rinde bohrte sich in ihre Handflächen, als sie sich gegen den Stamm lehnte und vorsichtig dahinter hervorspähte.

Da legte sich eine harte Hand über ihren Mund. Ihr Schrei wurde in der Kehle erstickt. „Verdammt noch mal, ich habe gesagt, Sie sollen sich nicht von der Stelle rühren.“

3. KAPITEL

Jane, die noch immer seine Hand über dem Mund hatte, starrte ihn mit aufgerissenen Augen an, und nach und nach verwandelte sich ihr Schreck in Erleichterung vermischt mit Ärger. Dieser Mann missfiel ihr. Er missfiel ihr ganz entschieden, und das würde sie ihm, sobald dieses Chaos hier vorbei war, auch sehr deutlich zu verstehen geben.

Schließlich nahm er seine Hand weg und drückte Jane wortlos an den Schultern nach unten, bis sie auf Ellbogen und Knien war. „Kriechen!“ befahl er heiser flüsternd und deutete nach links.

Jane tat, was er sagte, und bemühte sich nach Kräften, das stachlige Unterholz zu ignorieren, und selbst als sie auf irgend etwas widerlich Glitschiges stieß, fühlte sie sich nicht sonderlich beunruhigt. Jetzt, wo er wieder da war, hatte sie das Gefühl, dass ihr nichts zustoßen konnte. Was er auch sonst für Fehler haben mochte, zumindest kannte er sich hier aus.

Er klebte ihr buchstäblich an den Fersen und scheuchte sie erbarmungslos vorwärts, wenn er der Meinung war, dass sie sich zu langsam bewegte. Als sie sich nach einiger Zeit an den Fußknöcheln gepackt und zurückgezerrt fühlte, verharrte sie und wandte den Kopf. Da sah sie in einiger Entfernung zu ihrer Rechten den Soldat mit einem Maschinengewehr im Anschlag stehen. Er war, seinem Aussehen nach zu urteilen, lateinamerikanischer Abstammung, trug einen Tarnanzug und auf dem Kopf eine Baseballkappe. Offensichtlich versuchten sie, einen Bogen um ihn zu schlagen.

Einen Moment lang bewegten sie sich nicht. Dann spürte Jane, wie ihre Fußknöchel wieder freigegeben wurden, und die Hand, die an ihrer Hüfte lag, drängte sie erneut vorwärts. Schritt für Schritt ging es weiter.

Es dauerte nicht lange, dann lichtete sich der Regenwald, und das Sonnenlicht malte in einiger Entfernung helle Kringel auf den Boden. Er ergriff sie am Arm und zog sie hoch. „Rennen Sie, aber bewegen Sie sich so leise wie möglich“, zischte er ihr ins Ohr und deutete nach vorn.

Na toll. Renn, aber renn leise. Sie schleuderte ihm einen bösen Blick zu, und dann rannte sie wie ein aufgescheuchtes Reh in die angegebene Richtung. Das, was sie an der ganzen Angelegenheit am meisten ärgerte, war, dass er nicht das geringste Geräusch verursachte, während ihre eigenen Füße sich in Schlagstöcke verwandelt zu haben schienen. Ihr Körper begrüßte freudig erregt das bisschen Sonnenlicht, und sie fühlte, wie sie trotz der schlaflosen Nacht neue Energie durchströmte. Das Adrenalin schien ihr das Gewicht von den Schultern zu nehmen, und ihre Schritte wurden schneller und sicherer.

Nach einiger Zeit jedoch wurde der Busch wieder dichter, und sie mussten langsamer laufen. Nach fünfzehn Minuten veranlasste er sie zum Stehenbleiben, indem er ihr eine Hand auf die Schulter legte und sie hinter den dicken Stamm eines Dschungelriesen zog. „Ruhen Sie sich einen Moment aus“, flüsterte er. „Die Schwüle wird Ihnen zusetzen, weil Sie nicht daran gewöhnt sind.“

Bis zu diesem Moment war es Jane nicht aufgefallen, dass sie schweißüberströmt war, weil sie mehr damit beschäftigt gewesen war, ihre Haut zu retten, als sich über deren Feuchtigkeitszustand Gedanken zu machen. Erst jetzt bemerkte sie die unerträgliche Schwüle, die hier im Regenwald herrschte und die ihr das Atmen schwer machte. Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn, der in den kleinen Kratzern, die sie sich zugezogen hatte, brannte.

Der Mann kramte eine Feldflasche aus seinem Marschgepäck. „Hier, nehmen Sie einen Schluck, Sie sehen aus, als könnten Sie ihn vertragen.“

Die Vorstellung, wie sie wahrscheinlich aussah, entlockte ihr ein kleines Grinsen. Sie nahm die Feldflasche entgegen und nippte kurz, dann gab sie sie ihm wieder zurück. „Danke.“

Er schaute sie verblüfft an. „Sie können ruhig mehr trinken.“

„Danke. Mehr will ich nicht.“ Als sie ihn jetzt anschaute, stellte sie fest, dass seine Augen von einem eigenartigen Goldbraun waren, wie Bernstein. Sein Gesicht war ebenfalls schweißüberströmt, aber er rang nicht nach Atem. Wer und was auch immer er sein mochte, er machte seine Sache verdammt gut. „Verraten Sie mir Ihren Namen?“ fragte sie ihn in der Hoffnung, dass ihn ein Name zumindest ein klein wenig greifbarer machen würde.

Er warf ihr einen argwöhnischen Blick zu, und sie spürte, dass es ihm nicht passte, etwas von sich preisgeben zu müssen. „Sullivan“, gab er widerstrebend zurück.

„Ist das Ihr Vor- oder Ihr Nachname?“

„Mein Nachname.“

„Und Ihr Vorname?“

„Grant.“

Grant Sullivan. Der Name gefiel ihr. Er war nicht ausgefallen, nein, das bestimmt nicht. Nichts Modisches. Er klang hart und gefährlich, und das erregte sie sonderbarerweise irgendwie. Hart und gefährlich, aber nicht hinterhältig. Der Name sprach eine klare Sprache.

„Lassen Sie uns weitergehen“, sagte er. „Wir müssen noch ein bisschen mehr Abstand zwischen die Hunde und die Füchse legen.“

Gehorsam folgte Jane seiner Aufforderung, doch bereits nach wenigen Schritten musste sie feststellen, dass die Wirkung des Adrenalinschubs deutlich nachgelassen hatte. Sie fühlte sich plötzlich wie ausgelaugt. Deshalb stolperte sie, weil sich ihr Fuß in einer Liane verhakt hatte, aber Grant rettete sie geistesgegenwärtig vor dem Sturz. Sie dankte ihm mit einem kleinen Lächeln und versuchte, sich seinem Griff zu entziehen und weiterzugehen, doch er hielt sie fest. Er stand wie angewurzelt da und starrte mit unbewegtem Gesichtsausdruck auf einen Punkt über ihrer Schulter. Als sie den Kopf wandte, schaute sie in einen Gewehrlauf.

Sie fühlte, wie ihr der Schweiß zwischen den Schulterblättern hinabrann. Einen schrecklichen Augenblick lang wartete sie auf den Schuss, doch der Moment ging vorbei, und sie war noch immer am Leben. Jetzt gelang es ihr, ihren Blick von dem Gewehrlauf zu lösen und ihn weiter nach oben wandern zu lassen. Sie starrte in das harte, dunkle Gesicht des Soldaten, der das Gewehr hielt und Sullivan mit zusammengekniffenen Augen fixierte. Jetzt sagte er etwas auf Spanisch, doch Jane war zu aufgeregt, um es zu verstehen.

Sullivan ließ Jane langsam und überlegt los und forderte sie, die Hände hebend, ruhig auf: „Gehen Sie einen Schritt zur Seite.“

Der Soldat bellte ihm einen Befehl zu. Janes Augen weiteten sich vor Schreck. Sie war überzeugt davon, dass dieser Verrückte schießen würde, sobald sie auch nur mit der Wimper zuckte. Aber Sullivan hatte ihr befohlen zur Seite zu gehen, also ging sie zur Seite. Ihr Gesicht war so weiß, dass die kleinen Sommersprossen auf ihrer Nase hervortraten. Der Gewehrlauf zeigte jetzt auf sie, und der Soldat sagte wieder irgend etwas. Er ist nervös, erkannte Jane plötzlich. Seine Stimme klang angespannt, und seine Bewegungen waren fahrig. Großer Gott, wenn er nun aus Versehen an den Abzugshahn kam ...! Einen Augenblick später schwenkte er die Waffe herum, so dass der Lauf wieder auf Sullivan zielte.

Sullivan führte etwas im Schilde. Jane spürte es deutlich. War er verrückt geworden? Der Soldat würde ihn beim geringsten Versuch der Gegenwehr kaltblütig erschießen. Sie starrte auf die Hand des Guerilleros, die das Gewehr hielt, und plötzlich fiel ihr etwas auf. Die Waffe stand nicht auf Automatik. Es dauerte noch einen Moment, bis ihr klar wurde, was das bedeutete, dann reagierte sie ohne nachzudenken. Ihr Körper, vom Ballett und unzähligen Selbstverteidigungskursen bestens durchtrainiert, neigte sich in einer fließenden Bewegung zur Seite, dann schoss ihr linkes Bein hoch und kickte den Gewehrlauf nach oben, so dass sich der Schuss, der jetzt losging, irgendwo, weit über ihnen in dem dichten Blätterdach des Regenwalds, verfing.

Eine zweite Gelegenheit bekam der Guerillero nicht, denn Grant war bereits bei ihm und entwand ihm mit der einen Hand das Gewehr, während er ihm mit der anderen einen Handkantenschlag ins Genick versetzte. Die Augen des Mannes wurden glasig, und einen Moment später sackte er lautlos zu Boden.

Grant schnappte sich Janes Arm. „Nichts wie weg hier! Schnell! Dieser Schuss ruft mit Sicherheit seine Gefährten auf den Plan.“

Die Dringlichkeit in seinem Ton veranlasste sie zu umgehendem Handeln, obwohl sie sich fragte, ob sie überhaupt noch die nötige Kraft zum Wegrennen hätte. Ihre Beine waren schwer wie Blei, und ihre Stiefel schienen mehr als fünfzig Pfund zu wiegen, doch sie zwang sich, darüber hinwegzusehen; müde Muskeln hatten längst nichts so Unabänderliches an sich wie der Tod. Angetrieben von seiner Hand, die auf ihrem Rücken lag, stolperte sie über Wurzeln und Sträucher. Dornen zerkratzten ihre Haut, und ihre Lungen brannten, aber sie war so erschöpft, dass sie die Schmerzen nicht spürte.

Nachdem sie mit letzter Kraft eine Hügelkuppe erklommen hatte und den steilen, steinigen Abhang auf der anderen Seite hinunterschaute, fühlte sie sich plötzlich, als hätte ihr jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Ihr Kopf wurde leer, und sie schwankte. Grant streckte geistesgegenwärtig die Hand nach ihr aus in der Absicht sie aufzufangen, doch es war zu spät, sie stürzte bereits und zog ihn mit. Die Welt drehte sich vor ihren Augen, und als sie den Fluss, aus dem zerklüftete Felsen ragten, am Fuße des Abhangs sah, entrang sich ihrer Kehle ein heiserer Schrei. War es ihr Schicksal, an einem dieser Felsen zu zerschellen?

Grant, der instinktiv den Arm um sie gelegt hatte und dem die Gefahr nicht weniger deutlich vor Augen stand, versuchte fluchend den Fall abzubremsen, und gleich darauf rutschten Jane und er in halb sitzender Position abwärts. Grant grub seine Stiefelabsätze in das Erdreich, und ihr Sturz verlangsamte sich weiter, einen Augenblick später blieben sie sitzen. Einen Moment waren sie wie gelähmt.

„Pris?“ fragte er dann heiser, legte ihr die Hand unters Kinn und sah sie an. „Sind Sie verletzt?“

„Nein, nein“, versicherte sie ihm eilig, ihre Schmerzen ignorierend. Gebrochen war ihr rechter Arm bestimmt nicht, auch wenn er schrecklich weh tat; sie zuckte zusammen, als sie versuchte, ihn zu bewegen. Von ihrem Rucksack war ein Träger abgerissen, so dass er ihr jetzt einseitig über der rechten Schulter hing. Ihre Mütze war weg.

Er rückte das Gewehr an seiner Schulter gerade, und Jane fragte sich, wie er es angestellt hatte, es nicht zu verlieren. Ließ er nie etwas fallen oder verlor etwas, war er nie müde oder hungrig? Als sie daran dachte, dass sie bisher noch nicht einmal gesehen hatte, dass er aus seiner Feldflasche getrunken hatte, fiel ihr ihr Vergleich wieder ein. Natürlich, eine Kampfmaschine war weder hungrig noch durstig und ermüdete auch nicht.

„Meine Mütze ist weg“, verkündete sie, während sie sich umdrehte und ihren Blick den steilen Abhang hinaufwandern ließ. Zwischen der Spitze und ihnen lagen mindestens dreißig Meter, und es grenzte an ein Wunder, dass sie den Felsen im Flussbett entgangen waren.

„Ich seh’ sie.“ Er rappelte sich auf und kletterte behände wie eine Bergziege den Abhang ein Stück hinauf, um ihre Baseballkappe zu holen, die sich, wie Jane jetzt erst bemerkte, in den Zweigen eines Buschs verfangen hatte. Einen Moment später saß er wieder neben ihr und stülpte ihr die Mütze über den Kopf. „Meinen Sie, Sie schaffen’s noch bis rüber auf die andere Seite?“ Er deutete auf den Fluss. „Er ist nicht tief, wir können durchwaten.“

Im Leben nicht, dachte sie. Ihr Körper weigerte sich, noch länger zu funktionieren. Sie schaute ihn an und hob das Kinn. „Selbstverständlich.“

Er lächelte nicht, aber auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck von Anerkennung.

„Wir müssen in Bewegung bleiben, sonst klappen wir zusammen“, sagte er, nahm ihren Arm, zog sie hoch und drängte sie in Richtung Fluss. Sie kletterten die Böschung hinunter, und einen Moment später standen sie knietief im Wasser und wateten flussabwärts, während er bereits mit Blicken das gegenüberliegende Ufer nach einer zum Herausklettern geeigneten Stelle absuchte.

„Okay, lassen Sie uns dort raufgehen“, sagte er schließlich und deutete nach vorn, doch so sehr sich Jane auch bemühte, sie konnte beim besten Willen keine Schneise entdecken, die ihnen ein Durchkommen ermöglichen würde.

„Also wirklich, ich weiß nicht ...“ erwiderte sie zweifelnd.

Er stieß einen Seufzer aus. „Hören Sie, Pris. Ich weiß ja, dass Sie müde sind, aber ...“

Ob es die Übermüdung war oder die Anspannung, wusste sie nicht, auf jeden Fall rastete irgend etwas in Jane aus. Sie wirbelte herum und packte Grant vorn an seinem Hemd und schüttelte ihn. „Wenn Sie mich nur noch ein einziges Mal ,Pris‘ nennen, mach ich Hackfleisch aus Ihnen, kapiert?“ Ihre Augen schossen Blitze. Niemand, nicht ein einziger Mensch auf dieser Welt, hatte es jemals gewagt, sie Priscilla, Pris oder auch Cilla zu rufen, und dass er es tat, ging ihr schon von Anfang an auf die Nerven. Bisher hatte sie dazu geschwiegen, aber jetzt war sie müde und hungrig und verängstigt, und genug war genug!

Er reagierte so rasch, dass sie nicht einmal die Zeit hatte zu zwinkern. Seine Hand schoss vor und legte sich um ihre Faust, die noch immer sein Hemd umklammerte. „Sind Sie noch bei Trost? Ich habe Ihnen diesen Namen doch nicht gegeben. Wenn er Ihnen nicht passt, müssen Sie sich schon bei Ihren Eltern beschweren, bei mir sind Sie an der falschen Adresse. Aber bis dahin gehen Sie weiter, bitte!“

Und Jane schleppte sich weiter, obwohl sie überzeugt war, dass sie jeden Moment zusammenbrechen würde. Wie in Trance kletterte sie auf der anderen Flussseite ans Ufer, und jetzt, da sie das schier undurchdringliche Dickicht aus der Nähe sah, jagte es ihr einen unsäglichen Schrecken ein. Was konnte sich darin nicht alles verbergen! Angenommen, ein Jaguar hielt sich darin versteckt, würde sie ihn erst bemerken, wenn ihre Hand in seinem Maul steckte. Plötzlich erinnerte sie sich, dass Jaguare das Wasser liebten und sich die meiste Zeit in der Nähe eines Flusses oder eines Baches aufhielten, und sie schwor sich, sich an Grant Sullivan zu rächen für die Ängste, die sie seinetwegen ausstehen musste.

Nachdem sie schließlich unter unsäglichen Mühen die Böschung erklommen hatten, lichtete sich der Dschungel, und sie kamen besser voran. Jane hängte sich ihren Rucksack über die andere Schulter und zuckte zusammen, als sie versehentlich einen frischen Kratzer auf ihrem Arm streifte. „Wohin gehen wir eigentlich? Zum Helikopter?“

„Nein“, erwiderte er kurz angebunden. „Der Helikopter wird beobachtet.“

„Was waren das denn für Männer?“

Er zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Vielleicht Sandinisten. Wir sind hier nur einen Steinwurf weit von der nicaraguanischen Grenze entfernt. Dieser verdammte Pablo hat uns verkauft.“

Jane machte sich nicht die Mühe nachzufragen, was das heißen sollte; sie war viel zu müde, als dass es sie besonders interessiert hätte. „Wenn wir nicht zu dem Helikopter gehen, wohin gehen wir dann?“

„Nach Süden.“

Sie presste die Kiefer aufeinander. Diesem Mann eine brauchbare Information zu entlocken war schwieriger als Zähneziehen. „Wohin nach Süden?“

„Nach Limon vielleicht. Im Moment gehen wir aber noch in Richtung Osten.“

Jane kannte Costa Rica gut genug, um zu wissen, was im Osten lag, und dieser Gedanke behagte ihr gar nicht. Im Osten befand sich die Karibikküste, wo der Regenwald in ein trügerisches Sumpfgebiet überging. Wenn sie wirklich nur ein paar Kilometer von der nicaraguanischen Grenze entfernt waren, müssten es bis Limon, grob geschätzt, noch etwa hundert Meilen sein. Wie, um alles in der Welt, sollte sie in ihrem derzeitigen Zustand einen Fußmarsch von hundert Meilen hinter sich bringen? Und wie lange würden sie dafür benötigen? Vier oder fünf Tage? Und wie, bitte schön, sollte sie noch vier oder fünf weitere Tage mit Mr. Sunshine durchstehen? Sie kannte ihn noch nicht einmal zwölf Stunden und taumelte schon jetzt am Abgrund des Todes entlang.

„Warum können wir nicht einfach geradewegs nach Süden gehen?“

Er deutete mit dem Kopf in die Richtung, aus der sie gekommen waren. „Weil sie dort sind. Es sind zwar nicht Turegos Leute, aber es steht zu befürchten, dass er dennoch erfahren wird, welche Richtung wir eingeschlagen haben. Wir müssen vorsichtig sein.“

Das leuchtete ihr ein, auch wenn es ihr nicht gefiel. Sie war bisher niemals in der karibischen Küstenregion von Costa Rica gewesen, deshalb wusste sie nicht, was sie erwartete, aber giftige Schlangen, Alligatoren und Treibsand erschienen ihr immer noch besser als Turego. Und wegen der Sümpfe konnte sie sich Gedanken zu machen, wenn sie erst einmal dort waren. Mit diesem Vorsatz im Kopf wandte sie sich nun ihrem brennendsten Problem zu.

„Wann machen wir endlich Rast? Ich bin schon am Verhungern. Ganz zu schweigen davon, dass ich langsam wirklich dringend mal verschwinden müsste.“

Um seine Mundwinkel zuckte es verräterisch. „Eine Pause können wir uns im Moment nicht leisten. Wenn Sie Hunger haben, müssen Sie schon im Laufen etwas essen. Und was Ihr zweites Problem anbelangt, gibt es dafür jede Menge geeigneter Bäume.“

Nachdem sie einen Gewaltmarsch von mehreren Stunden hinter sich gelegt hatten, drohten Jane endgültig alle ihre Kräfte zu verlassen. Sie spürte ihre Beine nicht mehr, und der Schweiß rann ihr in Strömen über den ganzen Körper, ein Flüssigkeitsverlust, den auch der Inhalt von Grants Feldflasche nicht ausgleichen konnte.

Gerade als sie ihm sagen wollte, dass sie keinen einzigen Schritt mehr weitergehen konnte, blieb er stehen.

„Bleiben Sie hier, ich suche uns einen Unterschlupf. Es wird in Kürze anfangen zu regnen.“

Jane zog sich ihre Mütze vom Kopf und wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Woher wusste er, dass es demnächst anfangen würde zu regnen? Natürlich, im Regenwald regnete es fast jeden Tag, um das zu wissen, brauchte man kein Hellseher zu sein, aber sie hatte bis jetzt noch keinen Donner gehört.

Er kehrte nach kurzer Zeit zurück, nahm sie am Arm und führte sie zu einem Abhang, in dem sich eine kleine Höhle befand. Er schob sie hinein und begann dann in Windeseile mit großem Geschick, das Buschwerk über der Öffnung so zu arrangieren, dass es einen Moment später so gut wie regenundurchlässig war.

„Machen Sie es sich bequem“, forderte er sie auf, während er sich neben ihr ausstreckte. Jetzt hörte sie in der Ferne ein leises Donnergrollen. Gleichviel, womit sich der Mann neben ihr auch seinen Lebensunterhalt verdienen mochte, auf jeden Fall kannte er sich im Dschungel aus, als wäre er hier geboren.

Grant zog jetzt seinen Rucksack zu sich heran. Anscheinend hatte er entschieden, die Wartezeit mit Essen zu überbrücken, denn nach einem Moment des Herumkramens förderte er zwei Büchsen zutage.

Jane beäugte sie misstrauisch. „Was ist denn das?“

„Essen.“

„Was für Essen?“

Er zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Ich habe es mir noch nie näher angeschaut, und kann Ihnen nur den guten Rat geben, es genauso zu machen. Essen Sie es einfach.“

Als er Anstalten machte, die Dose zu öffnen, legte sie ihm eine Hand auf den Arm. „Moment. Warum warten wir damit nicht, bis es unbedingt sein muss?“

„Es muss jetzt unbedingt sein“, knurrte er ungehalten. „Wir müssen etwas essen.“

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