Baccara Collection Band 442

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VERBOTENE KÜSSE VOM EX von MAUREEN CHILD
Bei seinem neuesten Deal begegnet CEO Henry Porter seiner Ex Amanda wieder. Sie ist nicht nur eine ebenbürtige Rivalin, sondern auch überaus sinnlich – wie er aus Erfahrung weiß. Doch davon darf er sich auf keinen Fall beeinflussen lassen!

VERLOCKENDES SPIEL MIT DEM MILLIONÄR von LAQUETTE
Jeremiah Benton will mit ihr verhandeln? Lächerlich! Die selbstbewusste Trey lässt sich so leicht nicht die Butter vom Brot nehmen. Doch während sie ihrer sexy Verhandlungsstrategie folgt, muss sie feststellen, dass Jeremiah ebenso gefährlich wie verlockend ist …

WIE ZÄHMT MAN EINEN WILDEN COWBOY? von DEBBI RAWLINS
Er soll bei einem Fotoshooting mitmachen? Rodeoreiter Will Tanner ist von Lexys Vorschlag alles andere als begeistert! Mit der hübschen Karrierefrau gerät der Cowboy immer wieder aneinander. Doch er kann nicht leugnen, dass diese selbstbewusste Frau ihn fasziniert …


  • Erscheinungstag 22.02.2022
  • Bandnummer 442
  • ISBN / Artikelnummer 0855220442
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Maureen Child, LaQuette, Debbi Rawlins

BACCARA COLLECTION BAND 442

MAUREEN CHILD

Verbotene Küsse vom Ex

Zehn Jahre ist es her, dass Amanda mit Henry die sinnlichste Nacht ihres Lebens genossen hat. Jetzt taucht er als ihr Business-Rivale wieder auf! Amanda spürt, dass der Mann, der sie damals ohne ein Wort verlassen hat, ihr jetzt wieder etwas verheimlicht. Also muss sie verführerische Methoden anwenden, um sein Geheimnis zu lüften …

LAQUETTE

Verlockendes Spiel mit dem Millionär

Auf den smarten Tycoon Jeremiah Benton kommen harte Verhandlungen zu, wenn er die Anteile an der Firma seines Onkels übernehmen will. Die größte Herausforderung dabei? Seine Verhandlungspartnerin, die traumhaft attraktive Trey! Darf Jeremiah sich auf den Flirt mit ihr einlassen oder ist alles nur Teil von Treys Strategie?

DEBBI RAWLINS

Wie zähmt man einen wilden Cowboy?

Eine Woche hat die ehrgeizige Lexy Zeit, um den letzten Cowboy für das Fotoshooting für ihren Kalender zu finden. Nur mit Mühe und Not kann sie den gut aussehenden Rodeostar Will Tanner überreden, bei der Aktion mitzumachen – und findet sich plötzlich mit ihm auf einem Roadtrip wieder, der ihr Leben verändern soll!

1. KAPITEL

Henry Porter lächelte.

„Sie ist da, Chef. Besonders glücklich sieht sie nicht aus.“

Die Info seiner Assistentin zauberte ein breites Grinsen auf Henrys Gesicht. „Das ist auch gut so, Donna. Ich bin nicht daran interessiert, die Familie Carey glücklich zu machen.“

„Dann haben Sie ja alles richtig gemacht“, raunte Donna ihm zu. „Sie hat keinen Termin. Soll ich sie jetzt trotzdem reinschicken?“

„Ja, aber erst in fünf Minuten.“ Er schaltete die Gegensprechanlage aus und erhob sich vom Chefsessel. Nachdenklich ging er zur Fensterfront und ließ den Blick über Los Angeles und die Vororte auf dieser Seite schweifen. Diese Aussicht würde ihm am neuen Firmensitz in Orange County fehlen. Doch als Entschädigung lag dort der Ozean praktisch direkt vor der Tür.

Nun nutzte er erst einmal die fünf Minuten, um sich auf das Wiedersehen mit der Frau einzustellen, an die er immer noch viel zu oft dachte.

Er hatte geahnt, dass entweder Amanda Carey oder ihr älterer Bruder Bennett früher oder später in seinem Büro auftauchen würde. Tatsächlich hatte er es sogar darauf angelegt. Zum Glück wartete nun Amanda ungeduldig darauf, von ihm empfangen zu werden.

In den vergangenen Jahren hatte er keine Gelegenheit ausgelassen, die Pläne der Careys zu vereiteln. Er hatte wiederholt von Joint Ventures mit deren Familienunternehmen abgeraten. Übernahmen hatte er durch bessere Gebote für sich entschieden. Natürlich anonym, sodass er sich klammheimlich über die Frustration der Careys freuen konnte.

Insbesondere Bennett wollte er damit treffen. Der war mal sein bester Freund gewesen und sollte spüren, dass sich die Zeiten geändert hatten.

Dieses Mal hatte Henry jedoch öffentlich gemacht, dass Porter Enterprises hinter der Übernahme der Immobilie steckte, die den Careys praktisch direkt vor der Nase weggeschnappt worden war. Er hatte Wind davon bekommen, dass sie sehr interessiert an diesem Objekt waren und dafür gesorgt, dass sie das Nachsehen hatten.

Amanda Careys Besuch demonstrierte, wie sehr der Schlag sie getroffen hatte. Seit einer Spendengala in San Diego vor einem Jahr hatte er keinen persönlichen Kontakt mehr zu ihr gehabt, erinnerte sich aber noch genau an die Begegnung. Amanda hatte das lange dunkelblonde Haar zu einem Beehive aufgesteckt und eine weiße Toga getragen. Der anmutige, gleichzeitig sexy Anblick hatte ihm den Atem geraubt.

Natürlich ließ Henry sich das nicht anmerken, als sie sich zufällig an der Bar getroffen hatten. Amandas vernichtender Blick hatte ihn erst recht heiß gemacht.

Es passte ihm nicht, dass sie noch immer diese Wirkung auf ihn hatte. Doch er konnte nichts dagegen tun.

Sie hatten sich kurz über Geschäfte unterhalten. Unter den neugierigen Blicken und gespitzten Ohren der anderen Gäste wäre es zu riskant gewesen, über Privates zu sprechen. Immerhin konnte Henry zufrieden feststellen, dass Amanda ebenso auf ihn reagierte, wie er auf sie. Die vernichtenden Blicke verrieten ihr Temperament und dienten nur der Tarnung.

Er hatte sich sofort zu ihr hingezogen gefühlt, als er sie als Achtzehnjährige kennengelernt hatte. Damals besuchte er noch das College, und Bennett Carey war sein bester Kumpel. Hals über Kopf hatte er sich in die bildhübsche, intelligente, lustige Amanda verliebt, als sie zwanzig war. Je mehr Zeit er mit ihr verbrachte, desto unwiderstehlicher wurde sie für ihn. Während eines zweiwöchigen Italienurlaubs in der idyllisch an einem See gelegenen Villa der Careys war es dann im Bootschuppen passiert.

Sie gaben ihrer heißen Lust aufeinander nach und hatten Sex. Erst viel zu spät hatte Henry gemerkt, dass Amanda noch unberührt gewesen war. Sie hatte ihn energisch davon abgehalten, das aufregende Spiel abzubrechen. Wilde Leidenschaft hatte sie beide mit sich fortgerissen und sich mit unerwarteter Heftigkeit entladen. Sie wussten damals beide nicht so recht, wie sie darauf reagieren sollten.

Wie sich dann allzu schnell herausstellte, mussten sie sich darüber nicht den Kopf zerbrechen.

Missvergnügt verzog Henry das Gesicht und verbannte die Erinnerung schleunigst aus seinem Gedächtnis. Dann kehrte er zurück an seinen Schreibtisch, verschränkte die Arme und wartete.

Als die Tür sich öffnete, wurde Amanda auf der Schwelle von einem Sonnenstrahl erfasst, der sie wie ein Bühnenscheinwerfer in Szene setzte.

Zu schwarzem Minirock und blütenweißer Bluse trug sie einen knallroten Blazer. Die ebenfalls roten High Heels ließen Amandas fantastische Beine noch länger erscheinen. Das lange blonde Haar fiel ihr über die Schultern. Henry musste dem Impuls widerstehen, die Hände durch die schimmernde Pracht gleiten zu lassen.

„Amanda …“

Sie atmete tief durch und schloss die Tür, bevor sie zu ihm herumwirbelte und ihn wütend anfunkelte. „Das hast du absichtlich getan!“

Er lächelte selbstzufrieden. „Ich freue mich auch, dich zu sehen.“

„Die Charmeoffensive kannst du dir sparen, Henry.“

„Du findest mich charmant?“, fragte er provozierend.

„Ganz sicher nicht.“ Mit großen, schnellen Schritten kam sie sichtlich aufgebracht zum Schreibtisch. „Ich will wissen, warum du das getan hast.“

„Was genau meinst du?“ Natürlich wusste er das nur zu genau, wollte es aber aus ihrem Mund hören.

„Das alte Hallengebäude in der Nähe des Carey Centers. Du hast es gekauft.“

„Ist das verboten?“

„Nein, aber abscheulich.“ Wütend warf sie ihre schwarze Lederhandtasche auf einen seiner Besuchersessel und stützte die Hände auf die aufregend geschwungenen Hüften. „Du wusstest, dass wir die Immobile haben wollten.“

Das war ihm in der Tat bekannt gewesen. „Woher hätte ich das wissen sollen?“, erkundigte er sich unschuldig.

Sie fuchtelte mit den Händen in der Luft. „Von deinen Spionen?“

Henry lachte amüsiert. Er liebte Amandas Temperamentsausbrüche. Und sie war noch schöner, faszinierender und begehrenswerter geworden, seit sie vor zehn Jahren eine einzige Nacht zusammen verbracht hatten.

„Das ist nicht dein Ernst, Amanda. Glaubst du wirklich, ich hätte Spione angeheuert?“

„Wieso nicht? Es würde zu deiner Langzeitstrategie passen, es den Careys heimzuzahlen.“

Er spielte den Verblüfften. „Was soll ich ihnen heimzahlen?“

Amanda ignorierte die Frage. „Das ist jetzt zehn Jahre her, Henry“, sagte sie nur aufgebracht.

„Wie die Zeit vergeht.“

„Genau. Bist du immer noch auf Rache aus?“

„Rache? Jetzt wird’s melodramatisch.“ Er lachte harsch.

Mit einer heftigen Kopfbewegung ließ sie das Haar über die Schultern schwingen. „Wie soll man es denn sonst bezeichnen?“

„Karma?“, schlug er vor. Alles hatte mit der gemeinsam verbrachten Nacht vor zehn Jahren und den Folgen zu tun. Damals war Henrys Schicksal besiegelt worden. Er hatte alles, aber auch alles in seinen ehrgeizigen Plan gesetzt, den er noch immer verfolgte.

Amanda presste kurz die Lippen zusammen, wandte sich um, machte zwei Schritte Richtung Tür, überlegte es sich jedoch blitzschnell anders, wirbelte herum und kam zurück. „Ist es dir so wichtig, uns fertigzumachen? Musstest du uns das Objekt wirklich vor der Nase wegschnappen?“

„Ja. Als ich erfuhr, dass ihr scharf darauf seid, habe ich euch schlicht und einfach überboten.“

„Einfach so.“ Sie konnte es kaum glauben.

„Genau.“

Amanda musterte ihn scharf. „Und was hast du damit vor?“

„Was geht dich das an?“ Sie sah wirklich unwiderstehlich aus in ihrer Wut. Zu gern hätte er Amanda an sich gezogen. Aber das wäre ihm wohl schlecht bekommen. Also musste er sich damit begnügen, sie anzuschauen.

„Verdammt, Henry!“

Das klang eher frustriert als wütend.

„Wieso regst du dich eigentlich so darüber auf, dass eine von Bennetts Ideen sich in Luft aufgelöst hat?“, erkundigte er sich neugierig.

„Wie kommst du darauf, dass es seine Idee war?“

Gute Frage. Er war einfach davon ausgegangen und wild entschlossen gewesen, Bennetts Vorhaben zu vereiteln.

„Mann, Henry“, sagte sie enttäuscht. „Du hast alles zerstört.“

Mit ihrer Wut hätte er umgehen können, doch die Frau, die vor ihm stand, wirkte eher verzweifelt. Das passte nicht zu ihr. Er hatte sie in den vergangenen Jahren nie ganz aus den Augen verloren und wusste, dass sie ihr BWL-Studium erfolgreich abgeschlossen hatte und zur stellvertretenden Generaldirektorin des Carey-Unternehmens befördert worden war. Sie war mindestens so ehrgeizig wie er selbst.

„Was meinst du damit, Amanda?“ Forschend schaute er sie an.

Offensichtlich fürchtete sie, schon zu viel preisgegeben zu haben. Jedenfalls versuchte sie, eine gleichgültige Miene aufzusetzen. „Nichts. Es spielt keine Rolle. Ich hätte nicht herkommen sollen.“

„Ich bin froh, dass du da bist.“

„Ja, ganz bestimmt.“ Sie lächelte sarkastisch und griff nach ihrer Handtasche.

„Du wirst es nicht glauben, Amanda, aber es ging nicht um dich.“

Sie schob sich die Handtaschenträger über die Schulter und hielt Henrys Blick fest. „Ich glaube dir kein Wort, auch wenn ich es gern täte. Keine Ahnung, was du sonst noch vorhast, aber halt dich bitte fern, Henry.“

„Von dir oder von der ganzen Familie Carey?“

„Da gibt es keinen Unterschied“, antwortete sie knapp.

Den hat es aber mal gegeben, dachte Henry. Inzwischen war Amanda jedoch voll ins Familienunternehmen eingestiegen. Also machte er sich keine Gedanken mehr darum, wieso Amanda seinen letzten Schachzug so persönlich nahm. Sein Rachefeldzug gegen die Careys konnte ungebremst weitergehen.

Versonnen betrachtete er ihren sexy Po, als Amanda wortlos das Büro verließ. Wie gern hätte er sich dieses erregenden Anblicks noch etwas länger erfreut. Doch darauf musste er einstweilen verzichten. Wenigstens blieb ihm die Erinnerung an eine unvergessliche Nacht. Amanda unter ihm, auf ihm, ihr Geschmack auf seiner Zunge, das unbeschreibliche Gefühl, sich tief in ihrem Innern zu verlieren. Auch wenn das inzwischen zehn Jahre her war, kam es ihm vor, als wäre es gestern gewesen. Nicht nur die Magie, mit Amanda zusammen zu sein, sondern auch, wie es geendet hatte: mit einer handfesten Konfrontation mit Bennett.

Die Geschehnisse dieser Nacht und ihre Nachwirkungen hatten ihn angetrieben. Er hatte Chancen genutzt und war Risiken eingegangen, um ein Unternehmen aufzubauen, das dem der Careys in nichts nachstand. Dieses Ziel war nun zum Greifen nah. Da kam es natürlich überhaupt nicht infrage, auf den letzten Metern klein beizugeben und sich fernzuhalten, wie Amanda sich ausgedrückt hatte.

Henry Porter war noch nicht fertig.

Ohne sich etwas anmerken zu lassen, schritt Amanda an Henrys Assistentin vorbei, verließ die luxuriöse Chefetage von Porter Enterprises und verschwand im Fahrstuhl. Erst als der sich in Bewegung setzte, atmete sie tief ein, um ihren rasenden Puls zu beruhigen. Doch damit war es natürlich nicht getan.

Der Zorn hatte sie hergeführt. Der war allerdings verraucht, als sie Henry gegenüber gestanden hatte. Ein Blick in seine waldgrünen Augen genügte, heftiges, erregendes Prickeln in ihr auszulösen.

Henry trug das schwarze Haar inzwischen etwas länger. Es fiel ihm lockig über den Kragen. Sie musste den Kopf in den Nacken legen, um Henry in die Augen zu schauen, obwohl sie High Heels trug. Mit fast einem Meter neunzig war er gut einen Kopf größer als sie. Schlank, durchtrainiert, im eleganten dunklen Anzug wäre vielen Frauen bei seinem Anblick das Wasser im Mund zusammengelaufen. Auch Amanda war alles andere als immun gegen diesen Mann – trotz allem …

Das war schon immer so gewesen, seit Bennett seinen Kommilitonen übers verlängerte Wochenende mit in sein Elternhaus gebracht hatte. Damals war Amanda achtzehn gewesen. Eineinhalb Jahre später durfte Henry den obligatorischen Italienurlaub mit ihnen verbringen und sie hatte sich Hals über Kopf in ein Liebesabenteuer mit ihm gestürzt, das mit einer sehr unsanften Landung geendet hatte.

Amanda straffte sich, bevor sie im Erdgeschoss des modernen Bürogebäudes den Fahrstuhl verließ. Dann schritt sie über den weißen Granitboden der Lobby zum Ausgang und fand sich wenig später auf einem belebten Boulevard wieder. Das Verkehrsaufkommen, die Menschenmengen auf den Bürgersteigen in diesem Teil von L.A. waren immens. Statt weitere Gedanken an Henry zu verschwenden, musste sie sich auf den Weg konzentrieren.

Doch schon auf der langen Rückfahrt nach Orange County spielte sie die Szene in Henrys Büro immer wieder vor ihrem geistigen Auge ab.

Gedämpftes Sonnenlicht drang durch die breiten Fenster des Konferenzraums mit Blick auf die kalifornische Stadt Irvine. Die Bürotürme erhoben sich aus den Grüngürteln, die sich wie Samtbänder um das Gebäude wanden. Jenseits der Interstate 405, auf der mal wieder der Verkehr zum Erliegen gekommen war, glitzerte blau der Pazifik.

Die Careys hatten sich dazu entschlossen, auch die Unternehmensverwaltung in Irvine anzusiedeln, wo sich bereits das weitläufige Carey Center befand. Dort wurde jedes Jahr das Sommerspektakel veranstaltet. An jedem Sommerwochenende fanden hier Ballettaufführungen, Sinfoniekonzerte, Musicals und Gesangswettbewerbe statt.

Eine Familienkonferenz hatte Amanda an einem Tag wie diesem gerade noch gefehlt. Leider kam sie nicht darum herum. Wenigstens hätte sie der Familie von ihren Plänen für das Hallengebäude erzählen können – wenn Henry ihr die Immobilie nicht vor der Nase weggeschnappt hätte. Bislang hatten die Careys überhaupt kein Interesse an der ganz in der Nähe gelegenen Immobilie gehabt. Doch kaum war sie auf dem Markt, hatte es bei Amanda klick gemacht. Plötzlich erkannte sie den Mehrwert des Gebäudes für das Carey Center. Ihre Ideen, die Immobilien zu erweitern und miteinander zu verbinden, überschlugen sich geradezu.

Es wäre die Chance gewesen, der Familie zu beweisen, wie wertvoll sie für das Unternehmen war. Amanda war für die Organisation des Sommerspektakels verantwortlich und hatte gehofft, ihren Verantwortungsbereich zu erweitern.

„Aus der Traum“, murmelte sie vor sich hin.

„Was meinst du?“ Ihre ältere Schwester Serena musterte sie fragend. „Willst du dich zu Wort melden?“

Amanda sah sie an. Serena war mit ihren zweiunddreißig Jahren zwei Jahre älter als sie selbst. Sie hatte hellblondes Haar und sanfte blaue Augen und war von heiterer Gelassenheit. Sie war geschieden, hatte eine dreijährige Tochter – die kleine Alli – und fasste nun wieder Fuß im Familienunternehmen.

Schnell vergewisserte sich Amanda, dass die anderen am Konferenztisch versammelten Familienmitglieder ihr und Serena keine Aufmerksamkeit schenkten und flüsterte: „Ich war heute Morgen in L.A.“

„Alles klar.“ Serena lachte leise. „Bei dem Verkehr ist die schlechte Laune vorprogrammiert.“

Amanda hätte es dabei belassen können. Aber sie dachte gar nicht daran. „Es liegt nicht am Verkehr, sondern an Henry Porter.“

Serena staunte. „Du warst bei ihm?“

„Nicht so laut! Ja, ich musste mit ihm reden.“

„Wie geht es ihm?“

„Wie immer.“ Allein der Gedanke an ihn löste ein erregendes Prickeln in ihr aus. Ihr war unbegreiflich, wieso sie sich noch immer nach einem Mann sehnen konnte, der sich praktisch zum Feind der Familie Carey gemacht hatte.

„Wusstest du, dass er umzieht?“

Überrascht sah sie Serena an. „Nein. Ich hatte keine Ahnung. Wohin zieht er denn?“

Serena wollte es ihr gerade verraten, als Bennett sich laut Gehör verschaffte. Amanda beschloss, ihre Schwester nach der Konferenz zur Seite zu nehmen. Woher wusste Serena von Henrys Plänen?

„So, lasst uns anfangen.“ Bennett warf einen Blick auf seine goldene Rolex. „Ich habe in vierzig Minuten eine Besprechung mit dem Leiter der Merchandising-Abteilung.“ Sein Blick ruhte auf Amanda. „Wie läuft es mit der Programmzusammenstellung für das Sommerspektakel?“

Amanda rang sich ein Lächeln ab. „Großartig. Wir konnten erneut das chinesische Ballett verpflichten. Es sind schon viele Karten verkauft. Die Vorstellung findet im Juli statt.“ Sie klappte ihr Tablet auf, um einen Blick auf die anderen Gigs zu werfen. „Vorher haben wir Sweeney Todd im Programm und die Chöre dreier Highschools aus der Region.“

Bennett stöhnte unwillig.

„Du, die sind richtig klasse“, erklärte Amanda sofort. „Außerdem tut es dem Sommerspektakel gut, wenn auch Künstler aus der Region auftreten. Dazu sage ich gleich noch mehr.“ Sie konzentrierte sich wieder aufs Tablet. „Die Los Angeles Philharmoniker geben über den Sommer verteilt drei Vorstellungen. Mit anderen Künstlern bin ich noch im Gespräch.“ Sie sah auf. „Es ist ja erst April. Da bleibt uns noch etwas Zeit. Fast alle historischen Darsteller vom letzten Jahr wollen übrigens wieder teilnehmen.“

„Abgesehen von den Chören klingt das schon ganz ordentlich“, meinte Bennett und wandte sich Serena zu. „Wie steht’s mit dem Marketing?“

„Das läuft noch nicht rund. Ich muss mich erst einarbeiten. Bis zum Monatsende weiß ich aber mehr und werde dann berichten.“

Das klang mal wieder ziemlich unsicher, stellte Amanda fest. Aber Serena hatte sich nie besonders für das Unternehmen interessiert. Ihr war es immer wichtiger gewesen, eine Familie zu gründen, am liebsten mit sechs Kindern. Alles schien perfekt zu sein, als sie sich verliebte. Doch dann ließ ihr Freund sie sitzen. Angeblich war er noch nicht bereit für eine Familie. Zutiefst verletzt hatte Serena sich dann in eine Ehe gestürzt. Leider war sie mit Robert nicht glücklich geworden. Nach Allis Geburt hatte sie dann bald die Scheidung eingereicht. Nun war sie wieder frei und glücklich und ins Familienunternehmen eingestiegen. Während sie arbeitete, war ihre dreijährige Tochter in der firmeneigenen Kita im Erdgeschoss gut untergebracht.

„Serena stellt ihr Licht unter den Scheffel.“ Energisch schaltete Amanda sich ein. „Sie kümmert sich um die Probentermine für das Sommerstarprogramm und richtet die Homepage ein. Ihr Team steht bereit. Die elektronische Stimmabgabe sollte also kein Problem darstellen. Außerdem bereitet Serena Werbefilme für die Lokalsender vor.“

„Das ist aber alles noch nicht spruchreif“, warf Serena schnell ein. „Ich …“

Bennett stoppte sie mit einer Handbewegung. „Wie mir scheint, hast du alles im Griff. Sehr gut, Serena. Ich glaube, die Sommerstars werden ein großer Erfolg.“

„Ist das nicht aufregend?“ Ihre Mutter Candace Carey warf einen strahlenden Blick in die Runde. „Wir geben Menschen die Chance, sich live für das Sommerspektakel zu bewerben. Das ist eine wundervolle Idee. Ich habe zwar keine Ahnung, wie das mit der Online-Stimmabgabe funktioniert, aber ich freue mich auf den Wettbewerb.“

„Ja, das war wirklich eine gute Idee“, pflichtete Martin Carey seiner Frau lächelnd bei. Die bedachte ihn nur mit einem kühlen Blick. Auch mit vierundsechzig Jahren war der Mann noch eine beeindruckende Erscheinung mit wachen blauen Augen, graumeliertem dunkelblonden Haar und sportlicher Figur. Und er war sehr präsent, obwohl er vor einem Jahr verkündet hatte, das aktive Geschäft nun seinen Kindern überlassen zu wollen. Doch er konnte nicht loslassen, was insbesondere Candace langsam in den Wahnsinn trieb.

„Wieso ist die Homepage noch nicht online, Serena?“, erkundigte er sich nun.

Bennett, sein ältester Sohn und CEO des Unternehmens, schob frustriert die Hände in die Hosentaschen seines Maßanzugs und richtete den Blick starr auf die gegenüberliegende Wand. Mit seinem dunkelblonden Kurzhaarschnitt und den wasserblauen Augen wirkte er wie eine jüngere Version seines Vaters.

Serena sah erst Bennett an, dann ihren Vater und sagte freundlich: „Sie ist noch nicht ganz fertig und muss optimiert werden, damit die Navigation für die Nutzer einfacher wird. Chad Davis arbeitet daran. In ein, zwei Wochen sollte die Seite freigeschaltet sein.“

„Spätestens in einer Woche“, verlangte Martin nachdrücklich.

„Ihr habt zwei Wochen Zeit“, widersprach Bennett und warf seinem Vater einen energischen Blick zu. „Das ist vollkommen ausreichend, Dad.“

Candace seufzte schwer, Martin zuckte zusammen, nickte dann. „Auch gut. Du bist der Boss, Bennett.“

Der Vierunddreißigjährige war entschlossen, sich nicht noch einmal von seinem alten Herrn in die Parade fahren zu lassen und fuhr zielstrebig fort. Zum Schluss fragte er: „Hat Justin sich gemeldet?“

„Nein.“ Serena vergewisserte sich bei Amanda. Auch die hatte nichts von ihrem jüngsten Bruder gehört. Beruhigend lächelte Serena ihren Eltern zu. „Ich habe letzte Woche versucht, ihn zu erreichen. Leider wieder nur die Mailbox. Ihm geht es bestimmt gut, Mom. Du kennst doch Justin.“

Mit ihren knapp sechzig Jahren sah Candace eher wie fünfzig aus. Das verdankte sie guten Genen und der ausgeklügelten Verwendung von Feuchtigkeitsspendern. Die sportliche Kurzhaarfrisur leuchtete in sattem Kastanienrot, das die blauen Augen erst richtig zum Strahlen brachten. Die kaum sichtbaren Lachfältchen um die ausdrucksvollen Augen zeugten von einem zufriedenen Leben.

„Stimmt, Serena. Justin geht es gut. Ich habe gestern mit ihm gesprochen. Er ist in Santa Monica.“

„Wieso nicht hier? Er ist ein Carey und sollte an dieser Konferenz teilnehmen“, murrte Martin.

Candace warf ihrem Mann einen mahnenden Blick zu. „Er arbeitet an einem Projekt, das ihm wichtig ist“, erklärte sie.

„Was ist wichtiger als unser Familienunternehmen?“ Ungnädig schüttelte Martin den Kopf.

Amanda zuckte zusammen. Mit dieser Reaktion verärgerte er seine Frau erst recht. Wieso merkt er das nicht? überlegte sie ratlos.

„Diese Frage ist ausgesprochen bezeichnend, Martin“, sagte Candace.

Oje, der Haussegen hängt definitiv schief, dachte Amanda. Normalerweise nannte ihre Mutter ihren Mann nämlich Marty.

Martin merkte auf, doch es war zu spät. „So habe ich das doch nicht gemeint, Candy.“

„Oh doch, Martin.“ Candace sah ihn wütend an. „Wie oft haben wir schon darüber gesprochen? Du wolltest dich aus der Firma zurückziehen. Wir haben Pläne geschmiedet.“

„Ich weiß, Schatz. Und wir werden unsere Pläne auch umsetzen“, versprach Martin.

„Wann?“ Ungeduldig trommelte sie mit den sorgfältig manikürten Fingernägeln auf den Tisch.

„Erst mal müssen wir das Sommerspektakel über die Bühne bringen“, antwortete er ausweichend.

„Darum kümmert sich Amanda. Und sie macht ihren Job sehr gut.“ Wohlwollend nickte Candace ihrer Tochter zu. „Sonst noch was. Martin?“

„Na ja, da ist noch die Fusion mit der Mackintosh-Hotelgruppe.“

„Die hat Bennett gut im Griff“, konterte Candace.

„Und was ist mit Justin?“ Martin spielte seine Trumpfkarte aus.

„Justin kommt gut ohne dich klar, Martin. Wir haben unsere Kinder zur Selbstständigkeit erzogen. Alle leisten ausgezeichnete Arbeit. Weißt du was, Martin? Langsam gewinne ich den Eindruck, du willst deine Zeit nicht mit mir verbringen.“

Amanda und Serena wechselten einen beunruhigten Blick.

„Das ist Unsinn, Liebling.“ Martin wollte nach Candaces Hand greifen.

Seine Frau rückte schnell außer Reichweite, stand auf und griff nach ihrer schwarzen Handtasche. „Ich sehe das anders, Martin. Du hast mir deutlich zu verstehen gegeben, wo deine Loyalität liegt.“

„Bitte, Mom …“ Bennetts Versuch, die Wogen zu glätten, wurden mit einer Handbewegung seiner Mutter gestoppt. „Ich bin mit Tante Viv zum Mittagessen verabredet“, sagte sie.

„Ich dachte, wir gehen zusammen zum Mittagessen“, protestierte Martin.

„Und ich dachte, wir wollten diese Woche in Palm Springs verbringen“, konterte Candace. „Nun sind wir beide enttäuscht.“

„Ich wollte mich doch nur vergewissern, dass hier alles läuft, bevor wir losfahren, Liebling. Das ist alles“, erklärte Martin kleinlaut.

„Das ist eben leider nicht alles. Du hast Bennett bestens auf die Nachfolge vorbereitet. Aber du kannst einfach nicht loslassen. Du hast versprochen, dich aus dem Unternehmen zurückzuziehen und mit mir auf Reisen zu gehen.“

„Das werden wir ja auch tun.“

„Wie soll das gehen? Du kannst dich ja nicht einmal für eine Woche Palm Springs loseisen. Wie willst du dann mit mir auf Europareise gehen?“ Sie wandte sich zum Gehen. „Du bist hier festgewachsen, Martin.“ Sie wandte sich kurz Bennett zu. „Viel Glück, mein Sohn.“

„Moment mal!“ Martin fing den irritierten Blick seiner Frau auf.

„Ich habe lange genug gewartet, Martin.“ Ihren Kindern wünschte sie noch einen schönen Tag, dann rauschte sie aus dem Konferenzraum.

Seltsam, dachte Amanda. Sie und ihre Mutter hatten beide Probleme mit den Männern.

2. KAPITEL

Henry stand im sonnendurchfluteten Salon seines im Tudorstil erbauten Herrenhauses in Beverly Hills. Wieder einmal drängte ihn seine innere Stimme, endlich auszuziehen.

Genau das tat er ja nun. Eigentlich war das Haus gar nicht so übel. Trotzdem wurde es Zeit für eine Veränderung.

Flüchtig ließ er den Blick über das antike und wertvolle, aber unbequeme Mobiliar seiner Mutter schweifen, bevor er das Portrait über dem blau gekachelten Kamin betrachtete, das eine fröhlich lächelnde Familie darstellte. Ein begabter Kunstmaler hatte diesen Moment für die Ewigkeit festgehalten. Abgebildet waren seine jungen, hoffnungsvoll in die Zukunft schauenden Eltern und er selbst im Alter von zehn Jahren. Er wusste noch genau, wie unwohl er sich in dem Anzug gefühlt hatte.

Zwei Jahre später war seine Mutter tot und sein Vater nur noch ein Schatten seiner selbst. Er hielt es in dem Haus einfach nicht mehr aus. Schließlich war er dann vor fünf Jahren zurück nach Texas gezogen. Glücklicher war er dort auch nicht, aber wenigstens hatte er die quälenden Erinnerungen hinter sich gelassen.

Henry zückte sein Handy und wählte die Nummer seines Vaters.

Es dauerte eine Weile, bevor er sich meldete.

„Hi, Dad.“

„Henry! Was ist los?“

So war sein Vater. Er kam immer direkt zum Punkt, mochte keine langen Unterhaltungen. Selbst im Ruhestand verhielt Michael Porter sich brüsk und verlangte, dass man sich kurzfasste.

„Du weißt ja, dass ich das Haus verkaufe.“

„Wird auch Zeit.“

Offenbar hatte sein Vater auch aus der Entfernung nichts für das Haus übrig. Nachdem seine Frau gestorben war oder sie ihn verlassen hatte, wie er es ausdrückte, hatte er so wenig Zeit wie möglich dort verbracht. Verkauft hatte er es nicht, weil die Immobilie eine gute Investition darstellte.

Das in den 1920er Jahren erbaute Herrenhaus befand sich auf einem Anwesen von knapp zwanzigtausend Quadratmetern. So ein riesiges Grundstück gab es heutzutage kaum noch in Beverly Hills, denn schon vor Jahrzehnten waren große Grundstücke zu kleineren Einheiten heruntergebrochen und mit hohem Profit verkauft worden.

Henry war nach dem Wegzug seines Vaters geblieben, denn das Firmengebäude lag in der Nähe, und er nutzte das Haus sowieso nur zum Schlafen. Jetzt hatte er jedoch beschlossen, den Firmensitz weiter in den Süden zu verlegen. Da nutzte ihm das Haus nichts mehr.

„Ich wollte nur fragen, ob ich dir das Portrait nach Texas schicken lassen soll, Dad.“

Nach zwei, drei Sekunden reagierte Michael. „Nein, ich will es nicht.“

Das hatte Henry sich schon gedacht, fühlte sich jedoch verpflichtet, seinen Vater wenigstens zu fragen.

Nach dem Tod seiner Frau hatte Michael alles, was an sie erinnerte, weggeschlossen. Das Portrait hatte auf dem Dachboden ein trauriges Dasein gefristet. Henry hatte es dann wieder aufgehängt, nachdem sein Vater nach Texas gezogen war. Sein Vater hätte das wohl als widerspenstig bezeichnet. Er hatte das Bild abgehängt, sein Sohn hängte es wieder auf. Vielleicht war das der Grund. Vielleicht aber auch nicht. Henry hatte jetzt keine Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Er würde das Portrait mitnehmen.

„Okay, was soll mit dem Rest passieren?“

„Was ich wollte, habe ich mit nach Texas genommen. Über den Rest musst du entscheiden.“

Evelyn Porter hatte das ganze Haus mit viel Liebe eingerichtet. Und nun wollte keiner die Möbel haben. Was sie wohl davon halten würde?

„Alles okay in San Antonio, Dad?“

„Ja, es ist gut hier. Du solltest mal einen Blick auf die neue IT-Firma werfen, die hier mit Computerspielen für Furore sorgt.“

Michael hatte schon immer lieber übers Geschäft als über familiäre Angelegenheiten gesprochen. Widerstrebend ließ Henry sich darauf ein. Er schlenderte übers Parkett zum Fenster, das nach vorne hinausging und betrachtete den gepflegten Rasen und den Bilderbuchgarten, während er seinem Vater zuhörte.

„Sie haben einen neuen Programmierer eingestellt, der den Laden auf Vordermann bringt. Ich habe gehört, dass sie Investoren suchen, um schnell zu wachsen.“

„Aha, das hast du also gehört. Vermutlich von einem Spion, den du in der Firma platziert hast.“

Spion ist ein harsches Wort.“

„Aber zutreffend, oder?“

Michael lachte amüsiert. Ich sage nur so viel: Wir haben einen Wissensvorsprung von einer Woche. Wenn du schnell bist, hat unsere Konkurrenz das Nachsehen.“

Sein alter Herr hatte schon immer eine gute Nase fürs Geschäft gehabt. Natürlich würde Henry die Gelegenheit nutzen, egal, wie sein Vater an die Information gekommen war. Er selbst hatte schließlich auch seine Informanten, um zu erfahren, was die Konkurrenz vorhatte. Und natürlich seine Feinde – die Careys. Amanda hatte vollkommen richtiggelegen mit ihrer Behauptung, Ohne seine Spione hätte er wohl kaum Wind davon bekommen, dass eine gewisse Immobilie in der Nähe des Carey Centers zum Verkauf stand. Er hatte blitzschnell zugeschlagen, bevor die Careys auch nur ein Gebot hätten abgeben können. So würde er es auch mit der Computerspielfirma machen.

Henry wandte sich ab, verließ den Salon und begab sich ins Arbeitszimmer, das früher sein Vater genutzt hatte. Er setzte sich an den Schreibtisch, griff zu Papier und Stift und sagte: „Okay, Dad. Dann berichte mal, was du über die Firma weißt.“

Sein Vater lachte selbstzufrieden. „Gut zu wissen, dass der Apfel nicht weit vom Baum gefallen ist, Henry.“

Er stutzte. Dann machte er sich eifrig Notizen, überlegte jedoch gleichzeitig, ob er wirklich so sein wollte wie sein Vater.

Nach der schier endlos erscheinenden Familienkonferenz nahm Amanda ihre Schwester zur Seite und schlug vor, im La Ferovia zu Mittag zu essen. Serena war sofort einverstanden, und so saßen sie wenig später im italienischen Nobelrestaurant, das sich in der Nähe der Firmenzentrale befand.

Bei mit Käse überbackenen Auberginen, die einfach himmlisch schmeckten, drehte sich die Unterhaltung um die Familie. Sie suchten nach einer Möglichkeit, die Fehde ihrer Eltern zu schlichten und Justin zu überzeugen, in den Schoß der Familie zurückzukehren. Spontane Lösungen fielen ihnen zwar nicht ein, aber nach dem Gespräch mit ihrer Schwester fühlte Amanda sich schon wesentlich besser.

„Das Essen war fantastisch“, sagte Serena schließlich.

„Stimmt. Obwohl wir uns nach der Konferenz vorhin eigentlich ein Glas Wein zum Essen verdient hätten“, fand Amanda.

Lachend schüttelte Serena den Kopf. „Wenn wir nach jeder kontrovers geführten Familiendiskussion Wein trinken, laufen wir nur noch berauscht herum.“

Vielleicht hätte das sogar etwas für sich, dachte Amanda, behielt das aber lieber für sich. Sie und Serena waren die beiden Mädchen in der Familie und die mittleren Geschwister, die sich schon immer sehr nahegestanden hatten. Abgesehen von dem einen Jahr, als Serena mit Robert O’Dare verheiratet gewesen war und sich komplett von der Familie zurückgezogen hatte. Das hatte Amanda damals sehr verletzt. Erst später hatte sie erfahren, wie unglücklich Serena in der Ehe gewesen war. Niemand sollte wissen, dass die Heirat ein Riesenfehler gewesen war.

Amanda hatte sich lange Zeit Vorwürfe gemacht, nicht bemerkt zu haben, was ihre Schwester durchmachte. Inzwischen war sie froh, dass die alte Nähe zwischen ihnen wiederhergestellt war.

Jetzt hatten sie es sich auf einem leuchtend roten Sofa in der firmeneigenen Kindertagesstätte gemütlich gemacht, denn Serena wollte nach Alli sehen.

Amanda liebte es, ihrer entzückenden dreijährigen Nichte beim Spiel mit ihren kleinen Freunden zuzusehen. Sie fühlte sich danach immer geerdet. Heute war sie besonders froh, mal kurz abzuschalten, denn sie hatte schon den ganzen Tag lang über einer Idee gebrütet. Für die Umsetzung benötigte sie Serenas Hilfe.

Mindestens ein Dutzend Kinder im Alter von fünf Jahren und jünger kreischten, weinten und kicherten durcheinander. Die Erzieherinnen hier hätten alle eine Medaille für ihre unendliche Geduld verdient. Amanda liebte Kinder, aber der Lärm in der Kita war ohrenbetäubend. Eine Erzieherin las einer kleinen Gruppe aus einem Buch vor. Andere spielten mit einer Eisenbahn, und Alli und ihr kleiner Freund spielten in einer Ecke mit Babypuppen.

„Sind sie nicht süß?“ Lächelnd betrachtete Serena die beiden Kinder. „Alli redet fast ununterbrochen von Carter.“

Amanda richtete nun auch den Blick auf ihre Nichte. Ihr wurde warm ums Herz. Als erstes Enkelkind war Alli der Mittelpunkt der Familie Carey und wurde von allen verwöhnt und angebetet. „Ja, sehr süß“, stimmte sie geistesabwesend zu. „Mal was anderes, Serena. Du hast vorhin erzählt, dass Henry umzieht. Woher weißt du das?“

Amüsiert sah Serena sie von der Seite an. „Er hat es mir selbst erzählt.“

Damit hatte Amanda nicht gerechnet. „Aber die Careys reden doch nicht mit Henry. Schon seit Jahren nicht mehr.“

„Außer mir.“ Serena zuckte lässig die Schultern.

„Das hast du aber schön für dich behalten, oder?“

„Klar. Bennett hätte wahrscheinlich getobt, und wie du reagieren würdest, konnte ich nicht einschätzen.“

„Was soll das heißen?“ Amanda wusste selbst, wie dumm diese Frage war.

Ihre Schwester warf ihr einen vielsagenden Blick zu, dann sah sie ihrer Tochter wieder beim Spielen zu. „Besonders angetan warst du ja auch nicht mehr von Henry. Aber ich fand es einfach lächerlich, ihn komplett zu ignorieren.“

„Aber …“

Serena verzog ungehalten das Gesicht. „Wenn ich aufhören würde, mit allen Leuten zu reden, die es sich mit Bennett verscherzt haben, würde ich bald nur noch Selbstgespräche führen.“

Da hat sie recht, dachte Amanda. „Aber hat es dir gar nichts ausgemacht, was zwischen Henry und mir passiert ist?“

„Doch, natürlich.“ Serena trank einen Schluck Cola, um Zeit zu gewinnen. „Das war schrecklich. Aber du hattest uns. Henry hatte niemanden auf seiner Seite.“

„Du bist auf seiner Seite?“ Amanda musterte ihre Schwester fassungslos.

„Nein, so kann man das nicht ausdrücken. Ich fand es nur nicht gut, wie Henry praktisch vom Hof gejagt wurde. Das habe ich ihm irgendwann mal gesagt. Seitdem unterhalten wir uns mehr oder weniger regelmäßig.“

„Aha. Wie lange geht das schon?“, fragte sie misstrauisch.

„Wohl ungefähr zwei Jahre.“

Was zwischen ihr und Henry gewesen war, lag zehn Jahre zurück. Serena hatte sich also nicht unmittelbar danach bei ihm gemeldet, um ihm Trost zu spenden. Nichtsdestotrotz musste Amanda Genaueres wissen. „Du hast ihn also impulsiv irgendwann angerufen?“

Serena lehnte sich zurück und trank noch einen Schluck. „Nein. Wir sind uns zufällig begegnet“, räumte sie ein. Ich war frisch geschieden und habe mir ein Wellness-Wochenende in Santa Monica gegönnt. Erinnerst du dich?“

„Sicher.“ Nun hatte Amanda fast ein schlechtes Gewissen, Serena dazu zu bringen, über die sehr belastende Zeit damals zu sprechen – wenn auch unabsichtlich.

Für das Familienunternehmen hatte ihre Schwester sich eigentlich nie besonders interessiert. Sie hatte immer davon geträumt, eine Familie zu gründen. Zur Hochzeit des Feminismus mochte das altmodisch klingen. Andererseits ging es beim Feminismus darum, selbst über sein Leben zu bestimmen. auf die eigene Stimme zu hören und nicht den Erwartungen anderer gerecht zu werden.

Serena war eine strahlende Braut gewesen, als sie Robert geheiratet hatte. Leider hatte sich ihr Traummann einige Monate nach Allis Geburt als Albtraummann entpuppt, der sie nach Strich und Faden belog und betrog. Sie hatte sofort die Scheidung eingereicht. Das alleinige Sorgerecht für die Tochter, die Robert sowieso nicht interessierte, lag bei Serena. Nach der Scheidung war sie ins Familienunternehmen eingestiegen.

„Mom und Dad haben auf Alli aufgepasst, als du dich in dieser Strandhotelanlage erholt hast. Du hast gesagt, es hätte dir dort richtig gut gefallen.“

„Stimmt.“ Verzückt verdrehte Serena die Augen. „Es ist ein magischer Ort. Ich habe große Lust, mal wieder ein verlängertes Wochenende dort zu verbringen. Vielleicht können Mom und Dad sich wieder um Alli kümmern.“

„Das werden sie bestimmt gern tun. Aber du weichst vom Thema ab, Serena. Wie kam es bei deinem Erholungsurlaub zu der Begegnung mit Henry?“

„Denkst du, ich war der einzige Hotelgast?“, fragte Serena spöttisch.

„Nein, aber …“

„Das war Spaß, Amanda.“ Beschwichtigend klopfte sie ihrer Schwester auf den Arm. „Die Anlage hat einen großen Wellness-Bereich. Du kannst da fantastische Anwendungen buchen“, schwärmte sie. „Aber es ist eben auch ein Hotel, und Henry hat rein zufällig auch das Wochenende dort verbracht.“

Rein zufällig? Das nahm Amanda ihrer Schwester nicht ab.

Serena lachte über Amandas ungläubige Miene. „Du siehst überall Gespenster. Henry brauchte eine Bleibe, weil sein Haus renoviert wurde. So einfach ist das.“

Gerade diese simple Erklärung verstärkte Amandas Skepsis. Hatte Henry das zufällige Treffen mit Serena arrangiert, um sie auszufragen? War Serena unwissentlich zu seiner Spionin geworden? Womöglich wusste Henry von ihr, dass sie, Amanda, Großes mit dem Hallengebäude vorhatte.

„Du brütest schon wieder Verschwörungen aus, Amanda. Das sehe ich dir an der Nasenspitze an. Hör auf damit! Das ist alles Unsinn.“ Serena trank noch einen Schluck. „Es gibt nun mal Zufälle im Leben. Finde dich damit ab, Mandy. Du bist ja schon fast so schlimm wie Bennett.“

Erschrocken sah Amanda auf. „Was willst du damit sagen?“

„Dass du immer misstrauischer wirst. Je mehr Zeit du mit Bennett im Unternehmen verbringst, desto schlimmer wird es.“

„Ich bin überhaupt nicht misstrauisch. Nur ein wenig vorsichtig“, erklärte Amanda.

„Schon klar. Es ist aber wohl kaum gut für deine Psyche, jedem Menschen, dem du begegnest, zu unterstellen, er würde dich hintergehen.“

„Ebenso wenig wie mit verbundenen Augen durch ein Minenfeld zu stolpern.“

Serena lächelte wehmütig, ließ den Blick kurz auf ihrer Tochter ruhen, sah dann wieder Amanda an. „Das tue ich ja gar nicht. Aber ich vertraue meinen Mitmenschen, jedenfalls so lange, bis sie mir einen Grund liefern, es nicht mehr zu tun.“

Es war klar, wen sie damit meinte: Robert O’Dare. Erneut plagte Amanda das schlechte Gewissen, weil sie ihrer Schwester so zusetzte. Deren Ehemann hatte sie betrogen, und trotzdem hatte sie sich ein Urvertrauen bewahrt, statt allen Menschen mit Misstrauen zu begegnen.

„Geschenkt. Als ich an meinem ersten Abend in Santa Monica zum Abendessen gehen wollte, saß Henry an der Bar. Da wir beide ohne Begleitung waren, haben wir gemeinsam zu Abend gegessen.“

Eifersucht durchzuckte Amanda. „Einfach so?“

„Wieso denn nicht?“ Serena zuckte die Schultern.

Fassungslos musterte Amanda ihre Schwester. So naiv konnte sie doch gar nicht sein! „Weil Porter Enterprises seit mindestens fünf Jahren praktisch Krieg führt gegen Carey Corporation.“

„Ich bin nicht die Firma, Mandy. Und du auch nicht.“

„Aber wir sind beide Careys. Und Henry ist Henry. Warum war er so freundlich? Hat er versucht, dich auszufragen?“ Das wäre wirklich mies von Henry, Serena als Werkzeug gegen ihre eigene Familie einzusetzen.

„Wieso hätte er nicht freundlich zu mir sein sollen?“ Langsam riss Serena der Geduldsfaden. „Ich bin nicht Bennett. Oder du. Henry hatte keinen Grund, mir aus dem Weg zu gehen. Und nein, er hat mich nicht ausgefragt. Wir sind doch hier nicht in einer Reality Show. Du musst endlich aufhören, überall Gespenster zu sehen.“

„Reality Show? Nein. Es handelt sich eher um einen Wirtschaftskrimi. Nun sei doch nicht so naiv, Serena. Wir wissen beide, dass Henry uns in den vergangenen Jahren immer wieder überboten hat, wenn es um Immobilien ging. Außerdem hat er einige unserer besten Mitarbeiter abgeworben.“

„Das ist nicht illegal“, konterte Serena. „Bennett hätte ihnen ja mehr Gehalt bieten können.“

„Findest du das wirklich okay?“

„So läuft das eben im Geschäft“, argumentierte Serena.

„Nein, das ist Krieg.“ Aber davor verschloss Serena ja die Augen. Wahrscheinlich hätte sie es gar nicht bemerkt, wenn Henry sie ganz nebenbei ausgefragt hätte.

„Ich hatte ja keine Ahnung, dass du so viel Sinn für Dramatik hast.“ Serena lachte amüsiert.

„Das ist nicht witzig, Serena.“ Wieso begriff ihre Schwester nicht, dass Henry Porter es darauf abgesehen hatte, das Familienunternehmen der Careys zu vernichten?

„Doch, ich finde das sehr lustig, Schwesterherz. Henry ist doch kein Schurke, der die ganze Welt beherrschen will.“

„Nein, nur unsere Firma“, antwortete Amanda schnippisch.

Serena überhörte den Einwand. „Bennett ist auch kein Heiliger.“

„Stimmt, aber …“

„Kein Aber, Amanda.“ Serena sah ihre Schwester forschend an. „Ich gewinne langsam den Eindruck, dass es hier gar nicht um Henrys Versuche geht, den Careys Immobilien und Mitarbeiter wegzuschnappen, sondern vielmehr darum, was zwischen dir und Henry passiert ist.“

„Du irrst dich“, behauptete Amanda energisch. Okay, ein Körnchen Wahrheit steckte in Serenas Vermutung. Doch im Wesentlichen ging es um Henrys Rachefeldzug gegen ihre Familie.

Serena schüttelte den Kopf, wobei ihre mittelblonden Locken in Bewegung gerieten. „Hör zu, Mandy, wir wissen alle ganz genau, was vor zehn Jahren zwischen dir und Henry war.“

Verlegen wandte Amanda sich ab und trank einen Schluck Kaffee, der inzwischen kalt geworden war. Ja, alle wussten Bescheid. Bennett hatte sie und Henry nackt im Bootshaus der Familienvilla in Italien erwischt, gleich nachdem sie … Oh, das war so peinlich gewesen.

„Das ist zehn Jahre her, Mandy. Irgendwann musst du doch mal loslassen.“

„Ich?“ Konnte Serena nicht nachvollziehen, wie beschämend es gewesen war, bei ihrem ersten Mal kurz nach einem überwältigenden Orgasmus vom eigenen Bruder in den Armen ihres Liebsten erwischt worden zu sein? Dann war Bennett auch noch auf Henry losgegangen. Sie hatten sich einen erbitterten Faustkampf geliefert. Henry war dann verschwunden, und die Familie hatte die Geschehnisse diskutiert, als wäre Amanda gar nicht anwesend gewesen.

„Die Frage müsste doch wohl eher lauten, wann Henry endlich loslässt“, zischte Amanda. „Bildest du dir etwa ein, er hätte es rein zufällig auf unsere Familie abgesehen? Es wäre reiner Zufall, dass er unser Unternehmen Stück für Stück zerstört? Oder hat es damals angefangen, nachdem …“ Sie konnte es nicht aussprechen. „Wie soll ich denn loslassen? Henry lässt das nicht zu. Ich liege nachts nicht wach und denke an ihn.“ Jedenfalls nicht oft. „Aber seine ständigen Aktionen, unserer Firma zu schaden und Bennetts Wutausbrüche darüber machen es mir schwer, die Sache ad acta zu legen.“

„Du hast recht.“ Beschwichtigend umfasste Serena die freie Hand ihrer Schwester. „Und was willst du nun von mir?“

„Ich brauche deine Hilfe.“ Seit dem Ende der Konferenz hatte Amanda darüber nachgedacht. „Ich muss herausfinden, was Henry über uns weiß.“

Serena runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht, wie ich dir dabei helfen soll, Mandy. Wir unterhalten uns nicht übers Geschäft.“

Sie hat es nur nicht gemerkt, dachte Amanda. „Ich erwarte ja auch keine Antworten von dir. Du sollst mir nur helfen, die Antworten selbst zu finden.“

„Und wie soll das gehen?“

„Du hast doch gesagt, du unterhältst dich mit Henry.“

„Und?“ Serena schwante nichts Gutes.

„Du musst dafür sorgen, dass ich in sein Haus komme.“

Schweigen.

Serenas verblüffte Miene sprach für sich.

„Das ist nicht dein Ernst“, sagte sie schließlich und sah Amanda an, als hätte sie den Verstand verloren. „Geh doch einfach zu ihm, wenn du mit ihm reden willst“, empfahl sie.

„Ich will nicht mit ihm reden, sondern ihn ausspionieren.“

Serena lachte, verstummte jedoch sofort, als sie merkte, dass ihre Schwester es ernst meinte. „Findest du das nicht etwas übertrieben?“

„Nein.“ Amanda senkte die Stimme. „Ich denke schon den ganzen Tag darüber nach. Seit ich Henry in seinem Büro aufgesucht habe.“

„Worüber genau?“

Amanda sah unauffällig um sich, um ganz sicher zu sein, dass auch wirklich niemand in Hörweite war. Erst dann erklärte sie ihrer Schwester leise, zu welchem Schluss sie bei ihren Überlegungen gelangt war. „Es gibt nur zwei Möglichkeiten herauszufinden, was Henry vorhat. Entweder schleuse ich einen Spion bei ihm ein, oder ich erledige den Job selbst.“

„Ich glaub es nicht.“ Serena verdrehte die Augen. „Hörst du dir eigentlich selbst zu, Mandy?“

„Klar.“ Sie lächelte zufrieden, weil sie richtig stolz auf ihren Plan war. „Wenn du dafür sorgst, dass ich ins Haus komme, kann ich herausfinden, was er vorhat, was er über uns weiß, und wie er an die Informationen kommt.“

„Das hast du dir ja schön ausgedacht, Amanda Bond.“

”Oder Mata Hari?” Amanda grinste frech. Sie gestand sich sogar ein, sich darauf zu freuen, in Henrys Nähe zu sein. Wenn sie Zeit in seiner Nähe verbrachte, könnte sie vielleicht endlich über ihn hinwegkommen. Mit keinem Liebhaber, keinem One-Night-Stand in den vergangenen zehn Jahren hatte sie je eine solche Explosion der Lust erfahren wie damals mit Henry. Diese Nacht blieb einmalig.

Genau das ärgerte Amanda. Wieso fuhr sie offensichtlich nur auf Henry Porter ab? Vielleicht hatte sie über die Jahre auch zu viel in die Liebesnacht hineininterpretiert. Vielleicht war sie zu verliebt gewesen, und der Sex war tatsächlich gar nicht so überwältigend gewesen. Ja, das wäre möglich, allerdings eher unwahrscheinlich.

„Du als Spionin.“ Serena wollte sich kaputtlachen. „Wie stellst du dir das eigentlich vor?“

Amanda konzentrierte sich wieder auf die Gegenwart. „Einen genauen Plan habe ich nicht.“ Sie biss sich auf die Unterlippe und sah auf. „Du hast gesagt, er zieht um. Dann braucht er Leute, die beim Packen helfen.“

„Vermutlich.“

„Ruf ihn an und sag ihm, du hättest eine Aushilfskraft für ihn.“

„Du willst bei Henry als Aushilfe einspringen?“

„Wieso nicht. Ich kann im Haushalt, beim Packen oder im Garten helfen. Wozu ich eingeteilt werde, ist mir egal. Hauptsache, ich bin eine Zeit lang in seiner Nähe.“

Nachdenklich sah Serena sie an. „Er hat mir tatsächlich letzte Woche erzählt, seine Haushälterin Martha wolle Aushilfskräfte für den Umzug anheuern.“

„Perfekt.“ Das war ja einfacher, als sie befürchtet hatte. Nun musste sie sich nur noch so verkleiden, dass Henry nie auf die Idee käme, wer da in seinem Haus beschäftigt war. Das sollte kein Problem sein, sie wusste mit Make-up umzugehen, würde sich eine Perücke aufsetzen und ein wenig gebückt gehen, um kleiner zu wirken.

„Nun mal langsam“, mahnte Serena. „Selbst, wenn ich Martha bitte, dich einzustellen … Henry wird dich sofort erkennen.“

„Wird er nicht. Dafür sorge ich schon.“

„Ich weiß nicht, Mandy.“

„Aber ich. Lass mich nur machen, Schwesterherz.“

Der Plan musste einfach funktionieren. Sie wollte wissen, was Henry vorhatte. Damit, dass sie bei ihrer Begegnung mit ihm heute Morgen sofort wieder dieses heiße Prickeln zwischen ihnen gespürt hatte, hatte das nichts zu tun. Sie musste herausfinden, wieso er ihr das Hallengebäude vor der Nase weggeschnappt und damit ihren Plan vereitelt hatte, ihrer Familie zu beweisen, dass auch sie zum Wohlstand der Dynastie beitragen konnte.

Die Nische, in die Bennett sie abgeschoben hatte, um sie nicht beachten zu müssen, war ihr schon lange zu klein geworden.

„Hilfst du mir nun, in Henrys Haus zu kommen?“ Bittend schaute sie ihre Schwester an.

Die überlegte noch eine Weile, dann nickte sie. „Okay, aber nur unter Protest.“

3. KAPITEL

Am nächsten Tag hatte Henry bis zur Mittagszeit bereits drei Konferenzen hinter sich und war sehr zufrieden mit seiner Arbeit. In Napa hatte er ein Weingut erworben, in Austin eine Vereinbarung mit dem neuen Spieleentwickler geschlossen, und er hatte mit einem Pharmavertrieb fusioniert.

„Dad hatte recht“, murmelte er vor sich hin, als er in sein Jackett schlüpfte. Das Geheimnis lag in der Diversifikation. Porter Enterprises umfasste inzwischen so viele Branchen. Das reichte für drei Leben, ohne dass ihm langweilig wurde. Geschäfte hatten ihn allerdings noch nie gelangweilt. Trotzdem konnte Henry sich nicht vorstellen, ein Unternehmen zu führen, das sich auf ein einziges Produkt beschränkte. Wie sollte man sich da jeden Tag aufs Neue motivieren?

Von der Verlegung der Unternehmenszentrale erhoffte er sich auch neue Impulse. Kritisch ließ Henry den Blick durch das alte Büro schweifen, dem Porter senior seinen Stempel aufgedrückt hatte. Er hatte nichts gegen seinen Vater, zog es jedoch vor, das neue Büro in seinem eigenen Stil zu gestalten. Michael Porter hatte ihm vor vier Jahren die Unternehmensleitung übergeben. Seitdem war Henry vollauf damit beschäftigt gewesen zu expandieren. Für die Umgestaltung seines Büros hatte ihm einfach die Zeit gefehlt. Jetzt endlich konnte er sich dieser Aufgabe widmen.

Michael frönte in Texas dem Golfspiel und war ein begeisterter Angler. Seine erste Anschaffung in Texas war ein Fischerboot gewesen. Das Unternehmensgebäude und das Privathaus lagen nun allein in Henrys Verantwortung, der fand, es wurde Zeit, einige grundlegende Dinge zu ändern und die Perspektive zu wechseln.

Ein Blick aus dem Fenster bestätigte die Richtigkeit dieses Entschlusses. Er konnte auf Los Angeles schauen und weit in der Ferne einen blauen Punkt ausmachen. Das war der Pazifik. Er wünschte sich, mehr vom Ozean zu sehen, neue Ausblicke zu haben. Ein zusätzlicher Bonus bestand darin, in der Nähe der Familie Carey, insbesondere Amanda, zu residieren.

Er brauchte nur ihren Namen zu denken, schon sah er sie vor sich, und ihm wurde heiß. Seit sie gestern bei ihm aufgetaucht war, konnte er auf ein neues Bild von ihr in seinem Gedächtnis zurückgreifen. Ihre wütend blitzenden Augen hatten ihn sehr erregt. Er konnte es kaum erwarten, Amanda bald wiederzusehen. Noch immer brannte er für sie. Mit dieser Tatsache musste er leben. Die Frage war nur, wie er damit umgehen sollte. Noch hatte er keine Antwort darauf gefunden.

Der Buzzer seiner Assistentin riss ihn aus seinen Überlegungen. Er ging zurück zum Schreibtisch und drückte einen Knopf. „Ja, Donna?“

„Mr. Haley ist da.“

„Sehr schön. Er soll reinkommen.“

Einen Moment später betrat Henrys bester Freund das Büro. Mick Haley war groß, hatte einen markanten Kiefer, wache grüne Augen und die Muskeln eines ehemaligen Navy SEAL. Inzwischen hatte er die beste Sicherheitsfirma der Welt aufgebaut, die er als Eigentümer auch selbst leitete. So hatten Henry und er sich vor einigen Jahren kennengelernt. Damals hatte Mick als Leibwächter der Schauspielerin gearbeitet, mit der Henry eine kurze Affäre gehabt hatte. Die Freundschaft zu Mick blieb bestehen. Seit einigen Jahren umfasste das Portfolio auch Cybersecurity, und Henry hatte Micks Firma sofort beauftragt, Porter Enterprises abzusichern.

„Wenn du nicht im Stau stehen willst, dann sollten wir uns jetzt auf den Weg machen“, sagte Mick.

„Der Verkehr auf der Strecke ist immer sehr dicht.“

„Stimmt“, räumte Mick ein. „Aber ich sitze am Steuer“, fügte er grinsend hinzu.

„Okay.“ Henry seufzte unterdrückt. Das konnte heiter werden, denn Mick fuhr immer noch so, als müsste er Kugeln, Landminen oder feindlichen Truppen ausweichen. Er nannte das taktisches Fahren. Henry war sowieso nicht gern mit dem Auto unterwegs, schon gar nicht mit Mick als Fahrer. „Die Rate für meine Lebensversicherung ist bezahlt“, witzelte er.

„Dann kann’s ja losgehen.“ Grinsend hielt er Henry die Tür auf. „Wenn du dich von mir im defensiven Fahren schulen lassen würdest, wärst du viel gelassener.“

„Danke, ich verzichte.“ Es wäre ja noch riskanter, selbst so zu fahren wie Mick. Das wollte er sich wirklich nicht antun.

„Wird wirklich langsam Zeit, dass du aus L. A. herauskommst“, sagte Mick, als sie gemeinsam das Büro verließen.

„Ja, damit liegst du mir schon lange in den Ohren.“

„Dann muss es ja wahr sein.“

Henry lachte und blieb kurz am Schreibtisch seiner Assistentin stehen. „Wenn du mit der Korrespondenz fertig bist, Donna, kannst du dir den Rest des Tages freinehmen.“

„Im Ernst?“

„Klar. Es ist sozusagen ein Urlaubstag.“

„Gilt das für uns alle?“

Henry wandte sich dem jungen Mann zu, der die Frage gestellt hatte. „Kam die Frage von Ihnen, Jeff?“

„Ja.“ Er stieß sich mit seinem Bürostuhl vom Schreibtisch ab und fuhr sich über den nicht ganz perfekt gestylten Goatee. „Habe ich da eben Urlaubstag gehört?“

Die anderen drei Angestellten im großen Büro warteten gespannt auf Henrys Antwort.

Henry dachte daran, wie hart sie gerade in der letzten Zeit gearbeitet hatten, um die Fusion zügig über die Bühne zu bringen. Auch mit dem Umzug kam auch noch eine Menge Arbeit auf sie zu. Er warf einen Seitenblick auf Mick, der sich zu amüsieren schien und wandte sich wieder seinen Büromitarbeitern zu. „Also schön, es gilt für alle. Wenn Donna fertig ist, können alle anderen auch Schluss machen.“

„Super!“ Erfreut riss Jeff die Arme hoch. Die Kollegen bedankten sich mit Applaus.

„Dann wünsche ich einen schönen Urlaubstag“, sagte Henry. „Morgen sind wir alle mit dem Umzug beschäftigt.“ Er ging hinaus und marschierte zu den Fahrstühlen. Mick folgte ihm.

„Bist du darauf aus, zum Boss des Jahres gekürt zu werden?“, fragte Mick, als sie im Aufzug nach unten fuhren.

„Klar, ich habe noch Platz in meiner Trophäenvitrine.“

„Dein neues Haus ist definitiv groß genug“, sinnierte Mick.

„Ja, und es bietet einen fantastischen Ausblick.“ Zufrieden lehnte Henry sich gegen die Fahrstuhlwand.

„Da hast du recht.“ Mick wirkte angespannt, behielt die Fahrstuhltüren fest im Blick, als rechne er jeden Moment mit einem Angriff. Er hatte so viele Jahre im Kampfeinsatz verbracht, dass er stets auf der Hut blieb, vermutete Henry.

„Am schönsten ist der Blick von der Dachterrasse“, sagte Henry. Allein wegen dieser spektakulären Aussicht hätte er die Immobilie gekauft. Man konnte meilenweit in alle Richtungen blicken. Der Vorbesitzer hatte schattige Bereiche geschaffen und viele Kübelpflanzen dagelassen. Um die müsste sich jetzt ein Gärtner kümmern. Das Anwesen in Beverly Hills befand sich mitten in der Stadt. Sein neuer Wohnsitz in South Irvine lag in einem Vorort. Er war selbst überrascht, wie gut ihm das gefiel.

Erst als sie in Micks Range Rover saßen und die wilde Fahrt begann, bei der wohl jeder seekrank geworden wäre, setzten sie die Unterhaltung fort.

„Dann ziehst du also morgen um?“

„Ja, morgen geht es los.“ Henry zuckte zusammen, als Mick eins seiner riskanten Überholmanöver startete. „Die Umzugsfirma packt in Beverly Hills alles zusammen und transportiert es nach Irvine. Martha hat Unterstützung beim Auspacken. Es sollte also alles glatt über die Bühne gehen.“

„Beverly Hills hat sowieso nicht zu dir gepasst“, fand Mick, der weiter aufs Tempo drückte, obwohl dichter Verkehr herrschte.

Inzwischen sah Henry das genauso. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn es mehr positive Erinnerungen im Porter-Haus gegeben hätte. Doch leider war er dort nach dem Tod seiner Mutter nie mehr glücklich gewesen. „Es ist ein gutes Haus, aber nicht für mich“, erklärte Henry.

„Genau das meinte ich.“ Mick wechselte auf die äußere Spur, um zu überholen, fädelte sich dann knapp wieder ein.

Henry klammerte sich an die Tür und trat auf die nicht vorhandene Bremse, als Mick sich beim nächsten Manöver noch knapper vor einen anderen Wagen setzte.

„Du weißt aber schon, dass du auf der I-405 keinen Sprengfallen ausweichen musst, oder?“

Mick grinste. „Man kann nie wissen.“

„Auch wieder wahr. Leben ist besser.“ Schweigend ertrug er Micks taktisches Fahren weiter. Der Mann hatte als Bodyguard für Prinzen, Prominente und Unternehmer gearbeitet und war stolz darauf, sich und seine Schützlinge aus brenzligen Situationen herauszubringen.

Statt also weiter dem möglicherweise drohenden Tod ins Auge zu sehen, blickte Henry lieber seinen Freund an und fragte: „Hast du deinen Cyberexperten Bescheid gesagt, dass sie zum Haus kommen sollen?“

„Ja, aber nicht heute. Ich will mir selbst erst mal einen Überblick verschaffen. Teddy kommt erst morgen mit seinem Team.“

„Okay.“ Henry war einverstanden. Ihm war wichtig, die bestmögliche Alarmanlage installieren zu lassen, wie in Beverly Hills.

„Du solltest dir auch einen Hund anschaffen, Henry.“

„Das wäre unfair dem Tier gegenüber. Ich bin doch viel zu selten zu Hause“, konterte Henry automatisch. Als Kind hatte er einen Hund gehabt. Es hätte ihm schon Freude gemacht, wieder einen zu haben, aber es wäre verantwortungslos.

„Du hast doch eine Haushälterin“, gab Mick zu bedenken.

„Die ist aber kein Hundesitter. Erst bitte ich Martha, mit mir umzuziehen, und dann soll sie sich auch noch darum kümmern, dass der Hund stubenrein wird und mit ihm Gassi gehen? Das ist nun wirklich zu viel verlangt.“

„Dann hol dir einen Hund aus dem Tierheim“, schlug Mick vor und wechselte die Fahrspuren im Sekundentakt, dass den anderen Fahrern und erst recht Henry Hören und Sehen verging. „Der ist schon stubenrein. Außerdem tust du damit noch ein gutes Werk.“

Darüber wollte Henry zu gegebener Zeit nachdenken, aber nicht jetzt. „Erst mal kümmert ihr euch um die Alarmanlage.“

Mick grinste. „Klar. Die wird dich eine Stange Geld kosten.“

Da Micks Firma auch in Henrys bisherigem Wohnsitz für absolute Sicherheit gesorgt hatte, konnte er sich in etwa vorstellen, was die Anlage für sein neues Haus kosten würde – mindestens das Doppelte, denn das Haus in Irvine war doppelt so groß. Aber wenn man beste Qualität erwartete, musste man eben tiefer in die Tasche greifen.

„Übrigens haben wir die Möbelpacker einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen.“

„Ist das nicht etwas übertrieben?“, fragte Henry erstaunt.

„Immerhin haben sie Zugang zum Haus. Sicher ist sicher, Henry.“

„Okay. Das Hauspersonal ist clean. Du brauchst die Angestellten nicht erneut zu überprüfen.“

„Irgendein Neuzugang?“

„Ach ja. Meine Haushälterin hat die Schwester einer Freundin gebeten, beim Packen und Einrichten des neuen Hauses zu helfen.“

„Kennst du sie?“, fragte Mick sofort.

„Nein, aber ich kenne Martha. Du brauchst dir also keine Sorgen zu machen.“ Henry lachte harsch. „Konzentrier du dich lieber auf die Alarmanlage, tausch die Schlösser aus, und tu, was sonst noch notwendig ist.“

„Also gut. Du bist der Boss.“

Mick nahm die nächste Ausfahrt. Henry sah sich staunend um. Sie waren schon in Irvine! Die Höllenfahrt mit Mick hatte mindestens eine halbe Stunde eingespart. Er war froh, dass er nun nicht mehr jeden Tag zum Büro pendeln musste. In den vergangenen zwei Jahren hatte er in einem Hotel in Newport Beach gewohnt und musste jeden Tag nach L.A. fahren. Damit war nun endgültig Schluss. In seinem Elternhaus in Beverly Hills hatte er es nicht mehr ausgehalten. Zu viele Erinnerungen … Nur wenn er bis spät in die Nacht gearbeitet hatte, übernachtete er auf dem Anwesen.

Das neue Haus lag nur wenige Meilen entfernt von der Firmenzentrale. Das war ein großer Vorteil. Ein weiterer Bonus bestand darin, dass Amanda und der Rest der Familie Carey vermutlich im Dreieck sprangen, weil er ab sofort in Irvine wohnte.

Für ihn selbst wurde es langsam Zeit, mal Abstand von der Arbeit zu bekommen und zu leben. Oder wenigstens so zu tun, als würde er mal abschalten.

Vor acht Jahren hatte er das schon einmal probiert. Er hatte eine prominente Frau geheiratet. Bereits nach drei Monaten wusste er jedoch, dass er einen großen Fehler gemacht hatte. Lauren erwartete mehr von ihm, als er ihr geben konnte. Nach der sehr kostspieligen Scheidung beschloss Henry, in Zukunft auf Beziehungen zu verzichten. Stattdessen hatte er immer mal wieder einen One-Night-Stand. Dabei stand die Unverbindlichkeit von vornherein fest.

Für ihn hatte es nur eine Frau gegeben, mit der er sich mehr hätte vorstellen können: Amanda. Es war nicht einfach gewesen, mit einer Frau verheiratet zu sein, während er ständig an eine andere dachte. Er hatte so sehr gehofft, Amanda zu vergessen, wenn er eine Ehe mit einer netten Frau und voll gutem Sex führte. Leider war ihm dadurch erst richtig bewusst geworden, dass Lauren eben nicht Amanda war.

Verliebt war er nicht mehr in Amanda. Aber ein Blick auf sie genügte, heiße Lust in ihm hochkochen zu lassen. Damit konnte er leben. An Liebe war er jedoch nicht interessiert.

Was das über ihn aussagte, wollte er besser nicht so genau wissen.

Es war gar nicht so leicht, eine Spionin zu sein.

Schon gar nicht, wenn man Kristallwaren einpacken musste, weil die Haushälterin den professionellen Möbelpackern diese Aufgabe nicht zutraute.

Amanda hatte keine Ahnung, wie es Serena gelungen war, dafür zu sorgen, dass sie nun in Henrys Haus war. In dem Haus, das er verkauft hatte, weil er nach Irvine ziehen wollte. Sein neues Domizil befand sich praktisch in unmittelbarer Nähe des Firmengebäudes der Careys und auch nicht weit entfernt von Laguna, wo Amanda wohnte. Das hat er mit Absicht getan, dachte sie finster, während sie das nächste Glas einwickelte.

Vor lauter Arbeit hatte sie seit ihrer Ankunft am Morgen noch keine Gelegenheit gehabt, im Haus nach Informationen zu suchen.

Sie war gut getarnt mit einer schwarzen kinnlangen Perücke, Nickelbrille und leicht eingezogenen Schultern, um kleiner zu wirken. In einer schwarzen Hose und nicht mehr ganz blütenweißer Bluse war sie eine so unauffällige Erscheinung, dass niemand einen zweiten Blick an sie verschwendet hätte. Flache schwarze Pumps rundeten das Bild ab.

Martha, die Haushälterin, war sehr nett, aber auch sehr fordernd. „Wenn du mit den Glaskelchen fertig bist, machst du mit den Weingläsern im Nebenraum weiter.“

„In Ordnung.“ Amanda machte weiter, während Martha die ausgeräumten Schränke putzte. Wenn sie nicht herumschnüffeln konnte, musste sie eben versuchen, anders an Informationen heranzukommen.

„Ich muss das einfach fragen, Martha: Wieso zieht jemand aus einem so wunderschönen Haus aus?“

Martha sah auf und warf dann einen sprechenden Blick auf die noch uneingepackten Glaskelche auf der Kücheninsel. Sofort setzte Amanda die Arbeit fort und verstaute die Wasserkelche sorgfältig in einem Umzugskarton.

„Na ja, Henry hat sich hier nie besonders wohlgefühlt.“

„Wieso nicht?“ Eine Villa im Tudorstil, breite Fensterbänke, Bleiglasscheiben, dunkle Holzböden und in kraftvollem Weinrot gestrichene Wände – für Amanda ein Traum. „Es hat etwas von einem Märchenschloss.“

Lächelnd sah Martha auf. „Stimmt.“ Sie seufzte wehmütig. „Ich werde es vermissen. Aber Henry wird woanders glücklicher sein.“

„Du kennst ihn schon lange, oder?“

„Ja. Er war elf, als die Porters aus Texas hierhergezogen sind und ich angefangen habe, für die Familie zu arbeiten. Damals war das Haus anders.“

„Inwiefern?“ Das interessierte sie privat. Zu wissen, wie Henry früher gewesen war, half ihr bei der Recherche ja nicht weiter.

„Es war eine gute Familie.“ Martha ging zum nächsten Küchenschrank. „Mrs. Porter war eine ganz Liebe. Gutherzig, lustig. Henry und sein Vater haben sie angebetet.“

Amanda wusste, dass Henry seine Mutter schon als Junge verloren hatte. Mehr hatte er ihr aber nicht erzählt. Daher wollte sie unbedingt mehr über den Mann erfahren, den sie nie hatte vergessen können.

„Was ist passiert?“

Martha warf ihr einen strengen Blick zu. Also griff Amanda nach dem nächsten Glas, um es sorgfältig einzuwickeln. Zufrieden nickend, widmete die Haushälterin sich wieder dem Putzen und erzählte dabei weiter.

„Es war herzzerreißend. Mrs. Porter war unterwegs, um Henrys Geburtstagsgeschenk abzuholen. Sie war nur noch zwei Straßenzüge von hier entfernt, als ein Betrunkener ihr die Vorfahrt nahm und in ihr Auto gerast ist.“ Martha war den Tränen nahe. „Die arme Frau war sofort tot.“

Amanda erstarrte vor Schreck und Mitgefühl mit dem kleinen Jungen, der auf so tragische Weise seine Mutter verloren hatte. Kein Wunder, dass er nicht darüber sprechen konnte. Jetzt erinnerte sie sich, dass Henry nur ungern Auto fuhr. Im Gegensatz zu Bennett interessierte er sich auch überhaupt nicht für Automarken. Kein Wunder!

Martha hatte Amandas Reaktion nicht bemerkt. Sie war in ihre Putztätigkeit vertieft und erzählte weiter. „Mr. Porter war vollkommen am Boden zerstört. Der Mann hatte seine Frau vergöttert. Um sie drehte sich sein Universum. Und als sie dann umkam, war er ein gebrochener Mann. Ich hoffe nur, dass ich so etwas nie wieder mit ansehen muss.“

„Und Henry?“, fragte Amanda schließlich leise.

Martha atmete tief ein. „Der arme Junge war natürlich total verstört. Gerade war seine Mutter noch für ihn dagewesen, eine halbe Stunde später war sie tot. Unvorstellbar. Als der erste Schock sich gelegt hatte, zog Henrys Vater sich in sich zurück, ließ niemanden an sich heran, auch Henry nicht. Er machte seiner Frau Vorwürfe, ihn verlassen zu haben, beschuldigte sie, absichtlich gestorben zu sein. Ständig wechselte der Mann zwischen tiefer Trauer und Wut. Der arme Henry musste irgendwie damit umgehen.“

Amanda erfuhr mehr über Henry, als ihr lieb war. Sie wollte kein Mitgefühl für ihn empfinden, doch das war natürlich unmöglich. Die Vorstellung des kleinen Jungen, der seiner geliebten Mutter so abrupt beraubt worden war, zerriss ihr fast das Herz. Ihre eigene Mutter Candace war für die Familie immer der Fels in der Brandung gewesen. Jetzt stritt sie sich zwar mit Martin über die Gestaltung seines Ruhestands, doch eigentlich waren sie immer ein Team gewesen. Candace glich einer Sonne, um die alle anderen Familienmitglieder kreisten. Ohne sie wäre das Leben der Geschwister Carey unweigerlich ganz anders verlaufen.

Ihr Vater hätte wahrscheinlich genau wie Henrys Vater auf den Tod seiner Frau reagiert. Wenigstens hätten die Geschwister sich gegenseitig Halt geben können.

Trotz aller Sympathie für den kleinen, unglücklichen Jungen konnte Amanda aber nicht nachvollziehen, wieso aus ihm so ein hartherziger, eiskalter Geschäftsmann hatte werden können. Für seine ständigen Versuche, die Careys in die Knie zu zwingen, war das keine Entschuldigung.

Entschlossen schob Amanda das Mitgefühl beiseite und konzentrierte sich wieder auf den Henry, der sie und ihre Familie in den Ruin treiben wollte.

„Welche Aufgabe soll ich erledigen, wenn ich die Glassachen eingepackt habe?“, fragte sie, um sich von Henrys Vergangenheit abzulenken. Außerdem kam sie keinen Schritt weiter, wenn sie in der Küche Gläser einpackte.

Nachdenklich betrachtete Martha die noch herumstehenden Gläser. „Vielleicht ist das hier nicht die richtige Aufgabe für dich. Wenn du diesen Karton gepackt hast, kannst du Ellie in Henrys Arbeitszimmer helfen. Die schweren Sachen übernehmen die Möbelpacker in den nächsten beiden Tagen. Aber einige Dinge möchte Henry von uns packen lassen.“

Sein Arbeitszimmer. Das könnte sich als vielversprechend erweisen. Amanda lächelte verstohlen. „Okay. Dann mache ich das hier noch fertig und helfe anschließend Ellie.“

Martha lachte amüsiert. „Ich wäre auch gern noch mal so jung wie du und hätte deine Energie.“

Mit Jugend hatte das wenig zu tun. Eher mit Begeisterung, denn sie war ihrem Ziel ein Stück näher gerückt. Mit etwas Glück würde sie herausfinden, woher Henry seine Informationen über die Familie Carey bezog.

Als Henry zurück auf dem Anwesen in Beverly Hills war, konnte er ein kühles Bier auf der Terrasse vertragen. Er freute sich, einfach in Ruhe zu relaxen und keine Angst mehr haben zu müssen, dass Mick ihn mit seiner halsbrecherischen Fahrweise ins Jenseits beförderte. Außerdem blieben ihm nur noch zwei Tage bis zum Umzug. Die Zeit wollte er noch nutzen, es sich auf der Terrasse unter der von seiner Mutter kreierten Glyzinienpergola zu entspannen.

Zunächst suchte er jedoch sein Arbeitszimmer auf, um sich zwei Aktenordner als Lektüre zu holen. Es lag ihm fern, die beiden dort mit Packen beschäftigten Frauen zu erschrecken.

„Mr. Henry!“ Die etwa vierzigjährige Ellie, die kurzgeschnittenes rotes Haar und hellgrüne Augen hatte, fuhr herum, eine Hand auf die Herzgegend gepresst. „Sie kommen hier so leise herein, als wären Sie ein Gespenst.“

Ganz unrecht hatte sie nicht. In diesem Haus tummelten sich viele Geister – die Erinnerung an seine Mutter, die Erinnerung an die schönen Zeiten, bevor seine Mutter für immer gegangen war. Die Erinnerung an seinen Vater, bevor er sich vollkommen verändert hatte.

Das behielt er jedoch lieber alles für sich und sagte nur: „Tut mir leid, Ellie, ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich bin auch gleich wieder weg, muss nur einige Sachen zusammensuchen.“ Ellie packte seine Erstausgaben. Er konnte wohl von Glück sagen, dass sie nicht von der Bibliotheksleiter gefallen war.

„Tun Sie sich keinen Zwang an“, keuchte Ellie. „Ich mache hier weiter, sowie mein Herz wieder normal schlägt.“

Er nickte ihr lächelnd zu und richtete seinen Blick dann auf die andere Frau, die damit beschäftigt war, die Dinge aus den Schreibtischschubladen in einen Karton zu packen. Sie gehörte wohl zu den Aushilfen, die Martha für den Umzug angeheuert hatte. „Kennen wir uns?“, fragte er und grübelte, woher sie ihm bekannt vorkam. Sie war groß, trotz der zusammengezogenen Schultern, hatte kinnlanges schwarzes Haar und blaue Augen, die sie hinter einer Brille zusammengekniffen hatte.

„Nein. Ich heiße Amelia und helfe nur während des Umzugs aus.“

Henry runzelte die Stirn, als die junge Frau den Kopf senkte, um seinem Blick auszuweichen. Ihre Stimme klang auch vertraut, ihre Aussprache allerdings nicht.

Die oberste Schublade war aufgezogen, und Amelia packte sorgfältig Schreibwerkzeuge, Notizbücher und unfassbar viele Gummibänder in den Karton. Sie ging sehr methodisch dabei vor, als suchte sie etwas Bestimmtes. Tja, das wird eine Enttäuschung werden, dachte Henry. In seinem Schreibtisch befanden sich nur Sachen, die ausschließlich für ihn interessant waren.

„Lassen Sie sich nicht stören.“ Henry ging um den Schreibtisch herum zum Aktenschrank. Amelia machte ihm schnell Platz, als fürchtete sie, er könnte ihr zu nahe kommen. Wieder runzelte er die Stirn, als er ihren Duft einatmete. Sein Körper reagierte sofort. Misstrauisch versuchte er, sie etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Er wusste, dass nicht nur eine Frau dieses Parfüm benutzte. Aber irgendwie war da so etwas Vertrautes …

Autor

Maureen Child

Da Maureen Child Zeit ihres Lebens in Südkalifornien gelebt hat, fällt es ihr schwer zu glauben, dass es tatsächlich Herbst und Winter gibt. Seit dem Erscheinen ihres ersten Buches hat sie 40 weitere Liebesromane veröffentlicht und findet das Schreiben jeder neuen Romance genauso aufregend wie beim ersten Mal.

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