Baccara Collection Band 458

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ALTE LIEBE, NEUE CHANCE von JANICE MAYNARD
Ihr Ex Wynn Oliver braucht eine Nanny für seine verwaiste Nichte? Felicity erklärt sich bereit, dem verzweifelten Milliardär zu helfen und den Job zu übernehmen. Schnell schließt sie die kleine Ayla ins Herz – und auch Wynn kommt sie wieder näher. Doch alte Geheimnisse drohen, das neue Glück auseinanderzureißen …

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Oh nein, Jonathan! Natalie ist doch extra aus Royal in dieses Hotel geflüchtet, damit über ihre peinliche öffentliche Liebesbekundung für ihn Gras wächst. Will das Schicksal etwa, dass sie einen letzten Versuch unternimmt, den sexy Rancher für sich zu gewinnen?

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  • Erscheinungstag 16.05.2023
  • Bandnummer 458
  • ISBN / Artikelnummer 0855230458
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Janice Maynard, Yahrah John, Joanne Rock

BACCARA COLLECTION BAND 458

1. KAPITEL

Begräbnisse im November waren die schlimmsten. Es war ein nasskalter grauer Tag, und die gelegentlichen Regenschauer waren bitterkalt. Die Ausläufer der Great Smoky Mountains waren hinter niedrig hängenden Wolken verschwunden. Felicity Vance zog ihren Kapuzenmantel fester um sich und wünschte, sie würde eine Hose tragen. Zu den anderen Trauergästen hielt sie Abstand.

Ihr langärmliges Kleid aus schwarzem Crêpe passte zwar zu dem Anlass, aber sie war bis auf die Knochen durchgefroren. Sie hätte sich für praktischere Kleidung entscheiden sollen. Als sie in dem Bestattungsinstitut angekommen war und festgestellt hatte, dass es dort keine wirkliche Trauerfeier gab – nur später ein paar kurze Worte auf dem Friedhof –, hatte sie nicht den Mut aufgebracht, ganz nach vorn zu der Reihe der Hinterbliebenen zu gehen. Stattdessen hatte sie nur kurz einen Blick in die überfüllte, nach Nelken und Trauer riechende Kapelle geworfen und war dann schnurstracks zurück zu ihrem Auto gegangen.

Und hier stand sie nun und wünschte, sie hätte das Schreiben bezüglich der Beerdigungsformalitäten aufmerksamer gelesen.

Selbst aus der Entfernung versetzte ihr der Blick auf den Sarg einen Schlag in die Magengrube.

Noch schlimmer war es, den Bruder der Verstorbenen zu sehen. Wynn Oliver. Den Mann, der einst die Welt für sie bedeutet hatte.

Sie beobachtete ihn, auch wenn sie von hinten nicht mehr von ihm erkennen konnte als seine breiten Schultern in dem maßgeschneiderten schwarzen Mantel. Er trug keinen Hut, doch der konstante Nieselregen schien seinem dunklen, welligen Haar nichts anzuhaben. Wynn hatte nicht einmal einen Schal umgebunden.

Ihr blutete das Herz, ihn so zu sehen. Er und seine Schwester waren sich trotz – oder eher wegen – ihrer schrecklichen Kindheit immer sehr nahe gewesen. Shandy war nur neunundzwanzig Jahre alt geworden und noch viel zu jung gewesen, um zu sterben. Ein aggressiver Krebs hatte sie dahingerafft, und ihr trauernder Bruder war die einzige Familie, die Shandys zehn Monate altes Baby jetzt noch hatte.

Wynn und Felicity waren vier Jahre älter. Und es hatte eine Zeit gegeben, als es so aussah, dass Shandy einmal Felicitys Schwägerin werden würde.

Doch das Leben hatte andere Pläne gehabt.

Die Stimme des Pfarrers dröhnte über die kleine Ansammlung von Menschen. Felicity schauderte, und ihre Finger in den Handschuhen verkrampften sich. Vielleicht hätte sie nicht kommen sollen.

Sie hatte die Beerdigungsanzeige in einem Social-Media-Beitrag gesehen. Es war jetzt fünfzehn Jahre her, dass sie die kleine Gemeinde Falcon’s Notch verlassen hatte. Und obwohl ihr jetziger Wohnort, Knoxville in Tennessee, nur fünfzehn Minuten Fahrzeit entfernt war, hätte sie genauso gut auf der anderen Seite des Mondes leben können.

In Falcon’s Notch, das in einem kleinen Tal lag, lebten nur wenige Familien, die praktisch von der Außenwelt abgeschottet waren. Der Ort hatte nicht einmal eine Postfiliale. Schüler fuhren mit dem Bus in die nächste Kleinstadt. Die Menschen hier lebten zurückgezogen. Die meisten mochten es so – aber nicht alle. Wynn und Felicity hatten sich immer danach gesehnt, die Welt zu erobern.

Manchmal fühlte Felicity sich schuldig, weil sie Shandy zurückgelassen hatten.

Allerdings war Felicitys eigene Welt damals mit achtzehn komplett zusammengebrochen, und sie hatte sich selbst in Schmerz und Verwirrung verloren.

Schnell schob sie die Gedanken an die Vergangenheit beiseite und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die traurige Gegenwart. Der grüne Textilpavillon sollte Schutz vor Sonne oder Regen bieten. Zwei Reihen mit jeweils fünf Klappstühlen standen schief und wackelig auf dem unebenen Boden darunter.

Die Stühle waren leer.

Wynn war der letzte Überlebende seiner Familie, und so, wie sie ihn kannte, würde er sich niemals hinsetzen. Stattdessen stand er stark und unerschütterlich da, bis der Pfarrer das letzte Gebet gesprochen hatte.

Dann kniete Wynn nieder und legte eine einzige Rose auf den Sarg – die Geste brach Felicity fast das Herz. Er stand auf und trat zurück, und die Angestellten des Bestattungsinstituts ließen Shandy zur letzten Ruhe in das Grab hinab.

Felicitys Augen brannten vor unterdrückten Tränen, und ihre Kehle war wie zugeschnürt. Hinter der schönen Berglandschaft hier verbarg sich so viel Schmerz. Unaufhaltsam wachsende Armut, Sucht … Letztere war der Grund, warum Shandy es nie geschafft hatte, diesem Ort zu entkommen. Doch sie hatte sich retten können, indem sie clean wurde, bevor sie ihr Kind zur Welt gebracht hatte.

Und jetzt …

Die kleine Menge begann sich aufzulösen. Zweifellos waren einige Trauergäste gekommen, weil sie Mitleid und Anteilnahme verspürten. Andere wohl eher, weil sie neugierig waren. So mancher hätte gern einen Blick auf den berühmtesten Sohn dieser Gemeinde erhascht.

Auf den millionenschweren Selfmademan. Vielleicht sogar milliardenschweren. Im Grunde war es egal, auf wie viele Nullen es sein Vermögen brachte. Wynn Oliver war früher einer von ihnen gewesen. Ein Junge aus dem Ort, der es geschafft hatte. Ein glühendes Beispiel für einen spektakulären sozialen Aufstieg.

Sein Haus lag hoch über dem Tal in den Bergen, nahe der Grenze zum Nationalpark. Nur wenige Menschen hatten es wirklich gesehen, aber es kursierten eine Menge Gerüchte darüber, wie imposant es wohl wäre.

Wynns eigentliches Zuhause war New York City, und Felicity fragte sich, warum er es überhaupt für nötig gehalten hatte, sich hier ein Haus zu bauen.

Sie hielt den Blick gesenkt und trat von einem Fuß auf den anderen, in der Hoffnung, so ihre erfrorenen Zehen wieder spüren zu können. Plötzlich vernahm sie eine tiefe Stimme.

„Fliss?“

Schockiert hob sie den Kopf. Starrte in Augen, die so grün waren wie das sommerliche Moos auf einem Ulmenstamm. Ihr stockte der Atem.

„Wynn“, brachte sie heraus.

Er zog die Augenbrauen zusammen. „Ich habe dich in der Kapelle gesehen.“

Lag da ein Hauch von Vorwurf in seiner Stimme? Sie räusperte sich. „Du musstest ja schon mit Dutzenden von Leuten sprechen. Da wollte ich dich nicht auch noch …“ Sie brach ab und suchte nach den richtigen Worten: „Es tut mir leid, Wynn. Es tut mir so unendlich leid. Shandy hatte noch ihr ganzes Leben vor sich. Es ist schrecklich unfair.“

Er lächelte freudlos. „Das Leben ist selten gerecht. Ich dachte, das hättest du inzwischen gelernt.“

Angesichts seines sarkastischen Untertons wäre sie am liebsten geflohen, doch ihre Füße waren wie festgefroren.

Als sie heftig zu zittern begann, nahm er ihren Arm. „Mein Gott, du bist ja halb erfroren.“ Sein Blick streifte ihre Beine, und ein seltsames Prickeln breitete sich in ihrem Bauch aus. „Shandy hätte nicht gewollt, dass du an Unterkühlung stirbst.“

Nach all diesen Jahren konnte sie noch immer die Anziehung spüren, die sein arroganter Sex-Appeal auf sie ausübte.

„Ich sollte gehen“, sagte sie.

„Nein“, erwiderte er tonlos. „Ich muss mit dir sprechen. Wir fahren zu mir. Der schwarze SUV ist meiner. Er ist offen. Steig ein, ich bin gleich bei dir. Ich bring dich dann später zurück zu deinem Wagen.“

Seine Worte verursachten ein absolutes Chaos in ihrem Kopf.

„Warum sollte ich das tun?“, fragte sie schnippisch.

Wynns Gesichtsausdruck verdüsterte sich, seine Augen kalt wie Eisscherben. „Du bist mir was schuldig, Fliss. Das hier ist wichtig.“

Bevor sie antworten konnte, ging er und wandte sich wieder den anderen Trauergästen zu, um deren Beileidsbekundungen entgegenzunehmen.

Wynn Oliver konnte sie zu gar nichts zwingen! Felicity musste nur in ihren Wagen steigen und wegfahren. Doch zwei Dinge hielten sie davon ab: Erstens war sie neugierig. Und zweitens hatte er recht. Auf eine bizarre Weise war sie ihm tatsächlich etwas schuldig. Und diese Schuld trug sie seit mittlerweile fünfzehn Jahren mit sich herum.

Sie ging über den Hang zu dem schmalen, kiesbedeckten Weg, auf dem die Autos parkten. Wie Wynn gesagt hatte, waren die Türen seines Wagens unverschlossen. Felicity stieg ein und stöhnte erleichtert auf. Obwohl es im Wagen nicht viel wärmer war als draußen, schützte er sie doch zumindest vor dem Wind und dem Regen.

Der Wagen riecht nach Wynn. Ein absurder Gedanke, denn der Junge von damals hatte sich ganz sicher kein teures Aftershave leisten können. Trotzdem brachte der schwache männliche Duft Erinnerungen zurück, die Felicitys aufgewühlte Stimmung etwas besänftigten. Egal, wie schlimm es damals geendet hatte, es hatte eine Zeit gegeben, in der sie Wynn vergöttert hatte.

Felicity rieb sich die eisigen Beine und fragte sich, wann sie sie wieder spüren würde. Wäre sie direkt nach Hause gefahren, hätten eine heiße Dusche und ein kuscheliger Pulli diesen schrecklichen Tag zumindest etwas erträglicher gemacht.

Fünfzehn Minuten später öffnete sich die Fahrertür, und Wynn glitt auf seinen Sitz. Er brachte den Duft von Nadelbäumen und Regen mit. Als er ihr einen Blick von der Seite zuwarf, erstarrte Felicity.

Seine Miene war angespannt. „Danke, dass du gekommen bist“, erklärte er schroff. „Ich wusste nicht, dass Shandy und du euch noch nahe wart.“

„Als nahe würde ich es nicht gerade bezeichnen“, gab Felicity zögernd zurück. „Wir haben uns Weihnachtsgrüße zukommen lassen, und sie hat mir eine Karte geschickt, als sie Ayla bekommen hat. Dann hat sie mir von ihrer Diagnose erzählt. Ich habe sie im Krankenhaus besucht – sie war so verdammt mutig. Aber ich wusste, dass sie sich Sorgen wegen der Kleinen machte.“

„Genau darüber wollte ich mit dir sprechen.“

Er startete den Wagen und fuhr so hart an, dass der Kies aufspritzte. Sein Haus lag nicht weit vom Friedhof entfernt, aber die Straßen dorthin waren gewunden und schmal.

Felicity hielt sich am Türgriff fest. Die Regenfälle der letzten Tage hatten die Straße tief zerfurcht, und der Wagen schaukelte bedenklich. Doch der SUV war für weit schlimmere Straßenverhältnisse gebaut.

Plötzlich geriet der Wagen in ein Schlagloch, das die Größe des Grand Canyons zu haben schien, und Felicity rieb sich die Stirn. Sie spürte, dass sich böse Kopfschmerzen ankündigten. „Du bist reich“, murmelte sie. „Warum lässt du die Straße nicht einfach ausbessern?“

Wynn riss das Lenkrad herum, um in letzter Sekunde einem noch größeren Schlagloch auszuweichen. „Die Straße hält ungebetene Gäste ab.“

„Aha.“

Endlich erreichten sie ein Eisentor mit einem Codeschloss. Wynn tippte ein paar Ziffern ein, wartete, bis das Tor zur Seite glitt, und fuhr dann die gepflasterte Auffahrt hinauf.

„Gott sei Dank.“ Felicity atmete erleichtert auf. „Ich glaube, ich hab mir auf dem Weg einen Zahn abgebrochen.“

Wynns Lachen klang etwas eingerostet. Als hätte er seit sehr langer Zeit nicht mehr gelacht. „Du hast schon immer gern schlaue Witze gerissen.“

Felicity zuckte innerlich zusammen. Sie sprach nicht gern über die Vergangenheit. Stattdessen konzentrierte sie sich lieber auf das Hier und Jetzt.

Als Wynns Haus in Sicht kam, unterdrückte sie einen Aufschrei. Das Gebäude war überwältigend. Das Grundstück fügte sich harmonisch in den Wald ein, und das Haus thronte wie ein königlicher Herrscher inmitten der atemberaubenden Landschaft. Es hatte ein Schieferdach und kupferne Regenrinnen, und die Wände bestanden aus riesigen Holzbalken, die mit Sicherheit hier aus der Gegend stammten.

„Es ist wunderschön, Wynn“, sagte sie. Und genau das Richtige für einen unverbesserlichen Einsiedler. „Wie, um Himmels willen, hältst du es sauber?“

Er schaltete den Motor aus. „Warum ist das immer das Erste, woran Frauen denken?“

„Wir sind, wie wir sind“, erwiderte sie trocken.

„Ich habe eine Haushälterin, die zweimal im Monat kommt. Die Mutter eines alten Mitschülers. Sie ist diskret und unglaublich effizient.“

„Schön für dich.“

Sie stiegen aus. Der Wind blies jetzt stärker, und es war noch kälter. In den Regen mischten sich erste Schneeflocken. Wynn nahm ihren Arm, als sie eilig die Stufen zum Haus hochgingen. Obwohl es merkwürdig und irgendwie unpassend war, war sie dankbar für seine Hilfe.

Im Haus war es totenstill. Wynn ging umher und schaltete die Lichter an. Felicity nahm die Szenerie in sich auf, und in ihrem Magen machte sich ein winziges und unangenehmes Gefühl von Neid bemerkbar. Als Flugbegleiterin war ihr Apartment für sie nicht viel mehr als eine Art Basisstation zwischen ihren Einsätzen. Doch das hier …

„Wow“, murmelte sie. „Wynn, dein Haus ist unglaublich.“

Der Salon war riesig und gleichzeitig gemütlich. Die bequemen Möbelstücke waren überdimensional groß und perfekt für kleine Nickerchen und entspannende Auszeiten. Helle Teppiche sorgten für zusätzliche Wärme. An der Decke hing ein kunstvoller Leuchter aus einem Elchgeweih, der dem Raum einen goldenen Schimmer verlieh.

Ein riesiger Kamin dominierte eine Wand, doch die Fenster links und rechts davon gaben den Blick auf den nebelverhangenen Wald frei.

Wynn ging vor der Feuerstelle in die Hocke. „Danke“, sagte er. „Ich mag es, auch wenn ich hier leider nicht so viel Zeit verbringen kann, wie ich eigentlich geplant hatte.“ Er zündete ein Streichholz an, und das schon vorbereitete Anmachholz ging sofort in Flammen auf. Bald darauf entzündeten sich auch die größeren Holzscheite, und die Wärme erreichte schließlich auch das schmale Sofa, auf dem Felicity saß.

Sie streifte ihre feuchten Schuhe ab, setzte sich in den Schneidersitz und zog sich eine rote Wolldecke über den Schoß. Wynn hatte seinen Mantel ausgezogen. Sie sah, wie seine dunklen Hosen über den Muskeln seines Pos und seiner Oberschenkel spannten. Er war ein kraftvoller Mann. In jeder Hinsicht.

Ihr Gastgeber richtete sich auf. „Willst du einen Kaffee? Heiße Schokolade?“

„Heiße Schokolade wäre toll.“

Er nickte. Sein Gesichtsausdruck war unergründlich. „Dauert nicht lang.“

Als er ging, seufzte Felicity und kuschelte sich tiefer in die Sofakissen. Sie hatte letzte Nacht kaum geschlafen, hatte sich immer wieder gefragt, ob sie heute kommen sollte oder nicht. Jetzt, da die Wärme des Feuers ihren eiskalten Körper langsam auftaute, spürte sie, wie sie schläfrig wurde.

Aber sie musste auf der Hut sein.

Sie und Wynn waren keine Freunde. Sie war sich nicht sicher, was sie waren – aber definitiv keine Freunde. Und die Art, wie ihr Körper auf ihn reagierte, sagte ihr, dass sie wachsam sein musste.

Zehn Minuten später kam er zurück und stellte ein großes Tablett auf dem breiten Lederhocker ab. Seine Krawatte war verschwunden, und er hatte die obersten Knöpfe seines Hemdes geöffnet.

Er selbst nahm sich einen Kaffee – schwarz und mit Sicherheit sehr stark, so wie er ihn schon immer geliebt hatte. Für Felicity hatte er eine Tasse dampfenden Kakao mit Schlagsahne zubereitet. Sie trank einen Schluck und bemerkte sofort, dass er keinen Fertigkakao verwendet hatte.

„Mm, der ist gut“, sagte sie. „Danke.“

„Kein Problem.“ Er nahm so auf dem Sofa Platz, dass er im rechten Winkel zu ihr saß. „Ist dir jetzt wärmer?“

„Oh ja.“

Sie versteckte ihr Gesicht hinter ihrer Tasse, wollte ihn in dieser intimen Situation nicht anschauen.

Ihr Körper vibrierte vor Lust – vor dummer, eingebildeter Lust. Wie bei einem Amputierten, der noch immer Phantomschmerzen spürte. Felicity fühlte, wie jede Zelle ihres Körpers auf den Mann reagierte, der ihre erste Liebe gewesen war … ihr erster Liebhaber. Vor fünfzehn Jahren. Vor fünfzehn langen Jahren.

Damals hatten sie alles miteinander geteilt. Ihre Hoffnungen, ihre Träume, ihre Körper, ihre Liebe. Doch am Ende war das alles nicht genug gewesen. Ihre gebrochenen Herzen hatten sie auseinandergerissen.

Sie trank ihren Kakao aus und stellte die Tasse auf das Tablett. „Wynn, warum bin ich hier? Es war schön, dein Haus zu sehen, aber ich will vor Einbruch der Dunkelheit wieder daheim sein.“

Er schaute finster drein. „Warum die Eile? Hast du ein Date?“

Ihr Gesicht wurde heiß. Wollte er sie aufziehen? „Meine Pläne gehen dich nichts an. Wenn du mit mir sprechen willst, dann sprich.“

„Okay.“ Er erhob sich und ging vor dem Sofa auf und ab. Ab und zu blieb er stehen und legte Holz im Kamin nach.

Felicity wartete. Sie hatte keine Ahnung, was er sagen würde. Schließlich lehnte er sich gegen einen der rauen Holzbalken und verschränkte die Arme vor der Brust. „Shandy hat mich zum Vormund für Ayla ernannt.“

„Ja, ich hab davon gehört. Schwer zu verstehen. Gibt es denn sonst niemanden?“

Wynn zuckte die Achseln. „Der Vater des Babys ist nie auf der Bildfläche erschienen. Und wie du weißt, sind unsere Eltern tot.“

Felicity nickte langsam. „Auch davon habe ich gehört“, sagte sie. „Es tut mir leid, dass sie nie für euch da gewesen sind.“ Shandys und Wynns Eltern waren beide an einer Überdosis Drogen gestorben – in derselben Nacht. Als Eltern konnte man sie bestenfalls als dysfunktional bezeichnen. In den Jahren, als Wynn noch in der Grundschule war, hatte ein Nachbar mitbekommen, dass er und seine Schwester stundenlang allein zu Hause gelassen wurden. Das Jugendamt wurde eingeschaltet und die Kinder den Eltern weggenommen.

Wynns Mutter und Vater tischten dem Gericht eine ausgeklügelte Geschichte auf und bettelten darum, die Kinder zurückzubekommen. Nach zwei Monaten in einer Pflegefamilie kamen Wynn und Shandy zurück zu ihren Eltern.

Für ein, zwei Jahre liefen die Dinge etwas besser. Felicity wusste, dass Wynn damals etwas Wichtiges gelernt hatte. Shandy und er ließen es nie wieder jemanden wissen, wenn sie von ihren Eltern vernachlässigt wurden.

Er verzog das Gesicht. „Selbst wenn sie noch leben würden – ich würde meiner Mutter niemals das unschuldige Baby meiner Schwester anvertrauen.“

„Das kann ich gut verstehen. Wo ist Ayla jetzt?“

„Meine Haushälterin kümmert sich für ein paar Tage um sie. Schließlich musste ich die Beerdigung vorbereiten. Und Shandys Apartment muss ich auch noch auflösen.“

„Und was ist mit deinen Geschäften in New York?“

Er zuckte die Achseln. „Ich habe zum Glück gute Leute, die für mich arbeiten. Und sie können mich jederzeit anrufen.“

Felicity nickte. „Ich weiß nicht, wie es ist, Geschwister zu haben, aber ich kann mir vorstellen, dass es nicht leicht für dich ist.“

Sein Gesicht wurde grau, und man sah ihm die Erschöpfung und die Trauer an, die er bis jetzt so gut versteckt hatte. „So verdammt ungerecht …“, murmelte er.

Nach Minuten des Schweigens durchquerte er den Raum, schob das Tablett zur Seite und setzte sich auf den Rand des Lederhockers. Seine Knie berührten ihre beinahe. „Ich brauche deine Hilfe, Fliss.“ Der Blick aus seinen faszinierenden Augen schien sie förmlich zu durchbohren, und plötzlich fiel es ihr schwer zu atmen.

Auch wenn sie am liebsten davongerannt wäre, zwang sie sich, still sitzen zu bleiben. Sie hatte keine Angst. Nicht wirklich. Aber das hier war Wynn. Ihr Herz und ihr Verstand führten eine erbitterte Schlacht darum, was die richtige Reaktion wäre.

„Ich habe die nächsten fünf Tage frei“, sagte sie. „Ich kann dir helfen, das Apartment aufzulösen.“

Grimmig presste er die Lippen aufeinander. „Nein. Das ist es nicht.“

„Ich verstehe nicht, was du meinst, Wynn.“ Worauf wollte er bloß hinaus?

Sein Gesicht nahm einen seltsamen Ausdruck an. „Durch einen komischen Zufall kenne ich deinen Boss. Wir waren vor zwei Jahren beide Teil eines Komitees zur Beratung der Bundesluftfahrtbehörde.“

Felicity war komplett verwirrt. „Okay …?“

„Ich habe ihn kontaktiert und ihm meine Situation erklärt. Deinen Namen habe ich nicht genannt. Aber ich habe ihn gefragt, ob eine Flugbegleiterin in einer solchen Situation vielleicht einen längeren unbezahlten Urlaub nehmen könnte – ohne ihre gehobene Position und ihren Anspruch auf Zusatzleistungen zu verlieren.“

Ihr Magen zog sich zusammen. Er konnte unmöglich meinen, dass … „Du redest wirr“, gab sie tonlos zurück.

Jetzt nahm er ihre Hände in seine, und ihre körperliche Nähe wurde ihr nur allzu deutlich bewusst. „Ich brauche dich, Fliss.“

„Das hast du bereits gesagt. Aber wofür?“ Ihr Puls beschleunigte sich.

„Ich will, dass du dich um Ayla kümmerst. Neun Monate oder vielleicht sogar ein ganzes Jahr. Ich will, dass du mit mir in New York lebst und für sie sorgst. So kann ich abends nach der Arbeit eine Bindung zu ihr aufbauen.“

Ruckartig entzog sie ihm ihre Hände und richtete sich entschlossen auf. Er bat um das Unmögliche. „Das ist komplett absurd. Ich bin sicher, dass man in New York mehr als genug seriöse Agenturen findet, die Kindermädchen vermitteln. Du kannst ein Topgehalt zahlen – ganz bestimmt wirst du großartige Bewerberinnen haben.“

„Nein“, antwortete er schroff. „Ich will keine Fremde in meinem Zuhause. Und schon gar nicht in Aylas Leben.“

2. KAPITEL

Felicitys Herz schlug ihr bis zum Hals. „Wynn, ich bin auch eine Fremde. Ayla hat mich noch nie in ihrem Leben zu Gesicht bekommen.“

Er runzelte die Stirn. „Kann schon sein, aber du bist keine Fremde. Du hast Shandy gekannt, du kennst mich. Und du kommst aus Falcon’s Notch.“

„Und was soll das für einen Unterschied machen?“

„Es geht um Werte. Und um gemeinsame Wurzeln.“

Langsam schüttelte sie den Kopf. „Wir haben diesen Ort beide gehasst. Wir konnten es kaum erwarten, hier wegzukommen.“

„Vielleicht haben wir uns das nur eingeredet. Wir hatten eben beide eine schwierige Kindheit. Aber wir haben die Berge geliebt. Und wenn es richtig mies lief, hat ihr Anblick uns an die Ewigkeit erinnert.“

Verdammt! Wenn er ihr jetzt mit seiner philosophischen Seite kam, war sie geliefert. Genau deshalb hatte sie sich damals ihn verliebt. Hatte sich in den Jungen verliebt, der nichts hatte außer seinem unglaublichen Wissensschatz und seiner Vorstellungskraft.

Und hier saß er nun – in seinem maßgeschneiderten Anzug und mit dieser selbstbewussten Männlichkeit, die die Dämonen der Vergangenheit besiegt hatte.

Sie suchte nach den richtigen Worten, um dem, was sich hier gerade entwickelte, ein Ende zu setzen. Wynn war gefährlich für sie. Sie durfte sich nicht in sein Leben hineinziehen lassen.

„Hör zu“, sagte sie knapp. „Erstens hattest du kein Recht, mit meinem Chef zu sprechen. Und zweitens – ich bin gut in meinem Job, und ich mag ihn.“

„Noch was?“

Sie schluckte. „Ich kenne mich null aus mit Babys.“

„Ayla ist kein Baby mehr. Sie ist zehn Monate alt. Und es hat mir zwar das Herz gebrochen, aber meine Schwester hat sogar einen Ordner über ihre Tochter angelegt. Nahrung, Schlafen, Arztbesuche – da ist jedes Detail drin …“ Er verstummte und schluckte schwer. Seine Augen waren feucht geworden.

„Oh Wynn …“ Es tat so weh, ihn leiden zu sehen.

„Das ist vielleicht meine einzige Chance, jemals Vater zu sein“, erklärte er schroff. „Ich will das hier nicht vermasseln.“

Felicity zog die Augenbrauen hoch. „Du bist dreiunddreißig. Du hast sicher schon so einige Beziehungen mit Frauen gehabt.“

„Frauen ja. Aber keine Beziehungen.“

Plötzlich hielt sie es nicht mehr aus. Das hier ging ihr alles zu nahe. Sie erhob sich und entfernte sich ein paar Schritte von ihm. „Du weißt, dass es unmöglich ist.“ Sie zwang sich, in einem absolut sachlichen Ton zu sprechen.

Er stand auf und folgte ihr, sodass sich der Abstand zwischen ihnen wieder verringerte. „Ich will Ayla ein guter Vater sein. Und dafür brauche ich dich.“ Er machte eine Pause. „Es ist das Mindeste, was du tun kannst nach allem, was war.“

Sie zog scharf die Luft ein. Er was, als hätte er ihr einen Schlag in die Magengrube versetzt. „Das ist nicht fair“, flüsterte sie. Der Kloß in ihrer Kehle machte es ihr fast unmöglich zu sprechen. „Du weißt, dass ich nichts dafürkonnte.“

Der Schmerz von damals war wie ein Schock – roh und unvermittelt. Als wäre kein Tag seit ihrer Fehlgeburt vor fünfzehn Jahren vergangen. Sie hatte damals nicht einmal gewusst, dass sie schwanger war. Das Trauma hatte schließlich dazu geführt, dass ihre Beziehung zu Wynn zerbrochen war.

Sie waren beide zu jung gewesen, um mit der Trauer umgehen zu können. Sie selbst war so auf ihren Verlust fixiert gewesen, dass sie Wynns Gefühle gar nicht wahrgenommen hatte. Und er war unglaublich verletzt und wütend gewesen – ohne dass er irgendjemandem einen Vorwurf hätte machen können.

Kurz hatte er damals sogar den Verdacht gehabt, dass sie von der Schwangerschaft gewusst hatte, ohne ihm davon zu erzählen. Sie versicherte, dass sie keine Ahnung gehabt hatte, doch sie konnte sein Misstrauen verstehen. Seine Eltern waren notorische Lügner gewesen, und Wynn hatte definitiv ein Problem damit, Menschen zu vertrauen.

Eine Woche nach der Fehlgeburt fragte Wynn sie, ob sie ihn heiraten wollte. Vielleicht dachte er, ein Ehering würde sie über den Schmerz des Verlustes hinwegtrösten.

Zu jedem anderen Zeitpunkt ihrer Beziehung wäre sie überglücklich über seinen Antrag gewesen. Sie liebte Wynn. Doch ihr Körper und ihre Seele mussten erst wieder heilen.

Also sagte sie Nein.

Und Wynn versteinerte. Er fühlte sich zurückgewiesen. Machte ihr Vorwürfe. Und schwor, dass er sie nie wieder fragen würde.

Und dann war er zur Navy gegangen und hatte Felicity allein zurückgelassen.

Mit all ihrem Schmerz. Und ihrem Verlust.

Ihr brannten die Augen. „Bitte fahr mich zurück zu meinem Wagen“, bat sie. Wäre sie doch nur nicht zu dieser Beerdigung gekommen.

Er raufte sich die Haare, wirkte zum ersten Mal an diesem Abend, als wäre er nicht Herr der Lage. „Das kann ich nicht, Fliss. Ich lasse dich nicht gehen, bis du mir zugesagt hast.“

„Ach, inzwischen entführst du also Frauen! Ist das jetzt dein Ding?“ Heiße Wut stieg in ihr auf.

Er atmete hörbar ein und aus. „Da ist noch etwas …“

„Gib dir keine Mühe. Nichts, was du sagst, wird mich umstimmen.“

Er lächelte freudlos. „Ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie du darunter gelitten hast, ohne Mutter aufzuwachsen.“

Voller Abscheu starrte sie ihn an. Scheinbar gab es keinen wunden Punkt, den er nicht anschneiden würde, um zu bekommen, was er wollte.

„Du Mistkerl …“

„Denk mal darüber nach. Du hast dein ganzes Leben davon geträumt, eine Mutter zu haben oder wenigstens eine Stiefmutter. Weil deine eigene Mutter so früh gestorben ist. Willst du Ayla nicht geben, was du selbst so dringend gebraucht hättest? Neun Monate. Maximal zwölf. Wir schließen einen Vertrag ab, in dem alles genau geregelt ist. Und natürlich werde ich dich für deinen Verdienstausfall entschädigen.“

„Du verdammter …“

Er wusste, dass er gewonnen hatte. Sie konnte es in seinem Gesicht lesen.

Sein Blick wurde weicher. „Du wirst sehen, New York ist eine tolle Stadt. Und ich bin kein Monster.“

„Eine Sache muss absolut klar sein. Ich tue das nur für Shandy und Ayla. Ich bin dir nichts schuldig. Was auch immer zwischen uns war, ist lange vorbei.“

„Okay, verstanden.“

„Außerdem kann es sein, dass das Ganze nicht funktionieren wird. Dass Ayla weder zu mir noch zu dir eine Bindung aufbaut. Was dann?“

Sein Gesicht nahm einen entschiedenen Ausdruck an. „Ich rechne nie damit, zu scheitern. Nur damit, Erfolg zu haben.“

Drei Tage später saß Felicity voller Panik neben Wynn in dem Privatjet, der sie nach New York bringen würde. Was machte sie hier nur?

Doch die kleine Ayla auf Wynns Arm lenkte sie ein wenig ab. Die Kleine war einfach unwiderstehlich. Sie hatte Shandys blondes Haar und Wynns grüne Augen. Sicher würde sie einmal eine wunderschöne Frau werden.

Felicity lehnte sich in ihrem Sitz zurück und schnallte sich an. Auf keinen Fall würde sie sich anmerken lassen, wie beeindruckt sie war. Zwar hatte sie gewusst, dass er unglaublich erfolgreich und reich war – doch seinen Lebensstil so hautnah mitzubekommen war etwas ganz anderes.

Wynn war schon immer ehrgeizig gewesen. Nach seiner Zeit bei der Navy und auf dem College hatte er eine cloudbasierte Blackbox für die Fliegerei entwickelt. Dieses Patent sollte sein Leben für immer verändern.

Felicity beobachtete, wie er Shandys Tochter sanft in die Babyschale auf dem Sitz neben ihm legte. Ayla war ein extrem entspanntes und fröhliches Kind. Felicity hoffte inständig, dass die Kleine sie mögen würde.

Als der Jet schließlich startete, konnte Felicity die Angst, die sie seit Tagen begleitet hatte nicht länger ignorieren. Sie würde mit Wynn unter einem Dach wohnen. Dort schlafen. Womöglich gemeinsam essen.

Aylas Anwesenheit mochte die Situation zwar entspannen, aber wenn man Shandys berühmtem Ordner glauben durfte, schlief die Kleine jede Nacht von sieben Uhr abends bis zum nächsten Morgen durch.

Was sollte Felicity nur während all dieser langen Stunden tun?

Sie schloss die Augen und tat so, als würde sie dösen. Doch vor ihrem geistigen Auge sah sie immer wieder dasselbe Bild – wie sie im Flur mit einem fast nackten Wynn zusammenstieß.

Ein Mann und eine Frau konnten in den Stunden der Morgendämmerung alle möglichen Fehler begehen. Und die schreckliche Wahrheit war: Felicity begehrte Wynn Oliver noch immer. Mit jeder Faser ihres Körpers. Wie sollte sie nur dieses drängende, tiefe Verlangen vor ihm verbergen?

Sie war dreiunddreißig Jahre alt. Es hatte ein paar Männer in ihrem Leben gegeben. Gut aussehende Männer, die sie anständig behandelt hatten. Doch mit keinem von ihnen war sie lange zusammen gewesen. Und mit keinem von ihnen hatte der Sex auch nur annähernd das Gefühl in ihr ausgelöst, das Wynn ihr vermittelt hatte. Verloren in ihren Erinnerungen, betrachtete sie die Schäfchenwolken vor ihrem kleinen Fenster.

Zwei Stunden später wurden sie am New Yorker Flughafen LaGuardia von einem Wagen mit Chauffeur und drei weiteren Angestellten abgeholt. Wynns Reichtum hielt ihn nicht davon ab, seine Mitarbeiter freundlich und höflich zu behandeln, wahrscheinlich weil er sich seiner eigenen bescheidenen Herkunft nur allzu bewusst war.

Als sie beim Wagen ankamen, sah Felicity verblüfft, wie er Aylas Windeln selbst wechselte und dann persönlich den Kindersitz auf dem Rücksitz festschnallte.

Da Wynn auch auf der Fahrt seine Augen nicht von der Kleinen ließ, hatte Felicity nichts anderes zu tun, als das geschäftige Treiben und die Schönheit New Yorks in sich aufzunehmen.

Sie hatte die pulsierende Metropole schon oft besucht, aber noch nie war sie so luxuriös unterwegs gewesen. Die Limousine brachte sie immer näher zu dem Viertel, in dem die reiche Elite wohnte, und Felicity kam sich vor wie ein Eindringling. Was war überhaupt ihre Rolle hier? Sie war nicht wirklich ein Gast. Im Prinzip würde sie an Wynns Seite seine Tochter aufziehen.

Die ganze Situation war ihr unangenehm.

Als sie den eleganten Wolkenkratzer erreichten, in dem Wynn lebte, begrüßte sie ein würdevoller Portier und hielt ihnen die Türen auf. Der Fahrstuhl brachte sie in wenigen Sekunden in den fünfunddreißigsten Stock – in das Penthouse, wie Felicity kurz darauf feststellen sollte.

Mit Ayla auf dem Arm zeigte Wynn ihr die Räume. „Küche, Wohnzimmer …“ Es gab sogar einen Dachgarten. Obwohl dieser jetzt im Herbst grau und verlassen wirkte, konnte Felicity sich vorstellen, wie schön es hier im Frühling sein musste. Der Blick über die Stadt würde unglaublich sein.

„Und hier ist dein Zimmer“, erklärte Wynn kurz darauf.

Zögernd blieb sie in der Tür stehen. Sie war überwältigt, aber da war noch ein anderes Gefühl, das sie nicht ganz greifen konnte. In der Luft hing ein schwacher Duft nach Farbe. Er würde doch wohl nicht extra für sie renoviert haben?

Die hellen Wände waren in einem zarten Graugrün gestrichen. Es war exakt der Ton, den sie Wynn einmal in der Farbenabteilung eines Baumarkts gezeigt hatte. Damals, mit siebzehn, hatte sie stundenlang davon geschwärmt, wie ihr perfektes Schlafzimmer aussehen müsste. Sie hatte sogar von einer cremefarbenen Überdecke mit einem Muster aus Goldbrokat gesprochen – nicht unähnlich der prachtvollen Decke, die jetzt auf dem Kingsize-Bett lag.

„Wunderschön“, sagte sie in neutralem Ton.

War Wynn enttäuscht von ihrer Antwort? Sein Gesichtsausdruck wirkte beinah so.

„Aylas Zimmer ist zwischen deinem und meinem. Heute Nacht wird sie erst mal bei mir schlafen.“ Er öffnete die Tür zu dem fast leeren Kinderzimmer und verzog das Gesicht. „Eine deiner ersten Aufgaben wird es sein, das Zimmer einzurichten. Ich habe mit der Filialleiterin eines der besten Geschäfte für Babybedarf gesprochen. Sie hat bereits meine Kreditkarte und weiß, dass du anrufen wirst, um alles Nötige zu bestellen.“

„Ich bin nicht sicher, dass ich weiß, was wir alles brauchen werden.“

„Sie wird dir helfen. Ich habe ihr erzählt, dass wir keine Ahnung von Babys haben, und bin mir sicher, dass sie einen dicken Batzen von meinem Geld ausgeben wird.“

„Gibt es denn kein Budget?“ Sie kannte die Antwort bereits, wollte aber sehen, wie er reagierte.

Wieder wurden seine Augen dunkel vor Trauer. „Shandy wollte nicht, dass ich ihr bei den Kosten für ihre Behandlung helfe“, sagte er. „Sie hat sogar bewusst vor mir geheim gehalten, wie nah ihr Ende bereits war. Vielleicht habe ich dabei versagt, meiner Schwester zu helfen – doch bei diesem Kind werde ich nicht versagen. Was auch immer es mich kosten mag, ich werde dafür sorgen, dass Ayla glücklich und gesund aufwächst.“

3. KAPITEL

Kurz darauf war Felicity zum ersten Mal allein und nahm sich die Zeit, ihre persönlichen Dinge auszupacken und sich in ihrem Zimmer einzurichten. Ihr war klar, dass einer von Wynns Angestellten sich um das Gepäck des Bosses kümmern würde. Aus dem Wohnzimmer klangen Aylas fröhliches Glucksen und Wynns tiefe Stimme zu ihr herüber.

Sie fragte sich, ob Wynn sie für das, was in der Vergangenheit geschehen war, hasste. Doch das konnte sie sich nicht vorstellen. Er würde doch sicher verstehen, dass sie emotional genauso am Ende gewesen war wie er selbst. Und doch spürte sie seine Ablehnung.

Als sie ihre Kleidung in Schränke und Kommoden sortiert und ihre Kosmetikartikel im Badezimmer untergebracht hatte, wagte sie sich schließlich in die anderen Räume des luxuriösen Apartments. Es war riesig.

An der Tür zum Wohnzimmer blieb sie einen Moment lang zögernd stehen. Wynn hatte ihr den Rücken zugedreht, sodass sie ihm unbeobachtet dabei zusehen konnte, wie er mit Ayla spielte. Manche Männer wirkten mit Babys viel weicher als sonst. Sensibler, zärtlicher – fast menschlicher.

Doch für Wynn galt das merkwürdigerweise nicht. Es war, als sähe man einem Löwen zu, der mit seinem Nachwuchs spielte. Selbst wenn er für Ayla Schutz und Fürsorge bedeutete, machte ihn das für sie, Felicity, nicht weniger gefährlich.

Er hatte sein Jackett ausgezogen und seine Hemdsärmel hochgekrempelt. Seine Unterarme waren muskulös und braun gebrannt, und sein dichtes Haar war perfekt geschnitten. Felicity wurde von einer Welle der Sehnsucht erfasst. Damals, in den ersten Jahren nach ihrer Trennung, hatte sie ihn unglaublich vermisst. Sie hatte gedacht, dass sie ihr ganzes Leben miteinander verbringen würden. Doch stattdessen war sie gezwungen gewesen, es irgendwie allein zu schaffen.

Berücksichtigte man ihren schwierigen Start ins Leben, hatte sie sich ziemlich gut geschlagen. Mit der Unterstützung ihrer Lehrer hatte sie es geschafft, ein Collegestipendium zu ergattern. Und als sie vier Jahre später ihren Bachelor gemacht hatte, war das der stolzeste Moment ihres Lebens gewesen.

Noch ein paar weitere Jahre harter Arbeit und ihre Bewerbung auf einen der überaus begehrten Ausbildungsplätze als Flugbegleiterin wurde angenommen. Danach stand ihr die Welt offen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Endlich lebte sie den Traum, den Wynn und sie so lange geträumt hatten.

Doch manchmal war es trotzdem schrecklich einsam gewesen.

Sie holte tief Luft. Dann betrat sie das Wohnzimmer und setzte sich auf einen Sessel gegenüber von Wynn und Ayla.

„Sie wirkt, als hätte die Reise ihr nichts ausgemacht.“ Felicity versuchte, möglichst lässig zu klingen, doch in Wirklichkeit war sie alles andere als entspannt.

Wynn warf ihr einen Blick zu. „Allerdings.“ Er kitzelte Ayla am Bauch, was diese dazu brachte, ein paar fröhliche Silben vor sich hin zu plappern. Das sonnige Lächeln auf dem Gesicht des Kindes stand in krassem Gegensatz zu der angespannten Atmosphäre im Raum.

„Kann ich irgendetwas zum Abendessen kochen?“, fragte Felicity.

„Ich habe dich nicht als Köchin eingestellt“, gab er unfreundlich zurück.

„Fahr mich bitte nicht so an! Keine Ahnung, warum du so gereizt bist, aber das Ganze hier war deine Idee.“

Er lächelte schwach. „Tut mir leid, Fliss. Ich hasse es einfach, wenn ich nicht in meinem Element bin. Das weißt du ja.“

Sie neigte den Kopf zur Seite. „Du bist hier zu Hause. Ich bin diejenige, die zickig sein sollte.“

Sein Lächeln wurde breiter. „Nennst du mich zickig?“

„Du weißt genau, was ich meine.“ Sie seufzte. „Du stehst ganz schön unter Druck, oder? Schließlich bist du eine Riesenverpflichtung eingegangen.“

„Möchtest du sie mal auf den Arm nehmen?“ Er hielt ihr die fröhlich strampelnde Kleine entgegen.

Überrascht stammelte sie: „J…ja … Natürlich.“

Wynn gab ihr Ayla und schaute zu, wie die Kleine in Felicitys schulterlange blonde Haare griff und eine Strähne in den Mund nahm.

Felicity wurde die Brust eng. Sie hatte sich immer ein Kind gewünscht. Aber nicht so. Sie wusste jetzt schon, wie sehr sie später leiden würde. Sie würde sich in Ayla verlieben, und sobald Wynn beschloss, dass es genug war mit ihrem Job als Kindermädchen, würde sie ohne Ayla und mit gebrochenem Herzen dastehen.

„Langsam werde ich tatsächlich hungrig“, murmelte er.

Sie warf ihm einen Blick zu. „Ich dachte, deine Gefolgsleute hätten stets jedes deiner Bedürfnisse im Blick?“

„Deine Bissigkeit hast du offensichtlich nicht verloren. Diese Menschen arbeiten für mich. Und zwar normalerweise zu den üblichen Arbeitszeiten. Magst du noch immer chinesische Küche?“

„Oh ja.“ Felicity musste an ihre gemeinsamen Dates im Ming Palace denken. Damals hatten sie all ihr Geld zusammenkratzen müssen, um sich chinesisches Essen leisten zu können.

„Gut, ich bestell uns was“, meinte Wynn. „Sollte nicht lange dauern. Willst du ihr die Flasche vorbereiten? Ist ganz einfach. Der Ordner liegt in der Küche.“

„Klar.“

Felicity trug Ayla in die Küche und begann, sorgfältig das Milchpulver abzuwiegen und mit abgekochtem Wasser zu mixen. Sie musste lächeln, als Ayla sich erwartungsvoll auf ihrer Hüfte auf und ab bewegte.

„Na, meine Süße, du bist auch hungrig, oder?“

Zurück im leeren Wohnzimmer, machte sie es sich mit Ayla in einem breiten Sessel gemütlich. Die Kleine trank begeistert und schaute sich dabei aus wachen Augen um.

Es klingelte, und Wynn tauchte kurz auf, um das Essen entgegenzunehmen. Dann ging er in die Küche, wo er den Tisch deckte.

Als Ayla ausgetrunken hatte, ging Felicity mit ihr in die Küche.

„Ihr kommt genau richtig“, sagte er.

Felicity versuchte, sich nicht von der Tatsache beindrucken zu lassen, dass er ihr Lieblingsessen bestellt hatte – Orange Chicken mit Wildreis. Es hatte nichts zu bedeuten. Dieser Mann war hochintelligent und hatte ein unglaubliches Gedächtnis. Vermutlich erinnerte er sich noch an jedes einzelne Frühstück, das er im Alter von fünf Jahren zu sich genommen hatte.

Felicitys Magen begann zu knurren. „Mm, das sieht toll aus.“

„Lass es dir schmecken.“ Er streckte die Arme nach Ayla aus.

Widerwillig übergab sie ihm die Kleine. Wynn hatte ihnen beiden Wein eingeschenkt, und Felicity trank in einem leichtsinnigen Tempo. Irgendetwas musste sie ihrer zunehmenden Sorge schließlich entgegensetzen. Was, wenn sie sich irgendwie verriet und Wynn merkte, dass sie sich noch immer zu ihm hingezogen fühlte? Das wäre schrecklich peinlich. Doch im Grunde waren es wohl nur ihre Hormone und die Nostalgie, die sie so empfänglich für ihn machten.

Wynn schien von ihrem inneren Aufruhr nichts mitzubekommen. „Wie geht’s deinem Vater?“, fragte er.

Froh darüber, ein Thema zu haben, das kein Minenfeld war, erzählte Felicity: „Dad geht’s gut. Er ist vor ein paar Jahren nach Florida gezogen. Hat dort gemeinsam mit meinem Onkel einen Alligatoren-Park für Touristen aufgezogen.“

„Einen Alligatoren-Park? Wow! Dein Vater war schon immer ein wahrer Hippie.“

Felicity grinste. „Allerdings. Meine Freunde finden es urkomisch.“

„Kann ich verstehen.“ Er lächelte sie offen an, und sie spürte ein komisches Prickeln im Bauch.

Sie räusperte sich. Es war besser, sich auf ihre Aufgabe hier zu konzentrieren. „Wo soll Ayla denn heute Nacht schlafen? Sie hat ja noch kein Babybett.“

Zärtlich streichelte Wynn der Kleinen übers Haar. „Ich habe mir eine tragbare Krippe von einem Freund geliehen, das wird schon gehen für eine Nacht. Und da wir auch noch kein Babyfon haben, schläft sie heute Nacht in meinem Zimmer.“

„Kann ich irgendetwas tun?“

Einen Moment herrschte Schweigen, dann schaute er sie direkt an, einen warmen Ausdruck in den Augen. „Falls das ein Angebot war, in meinem Bett zu übernachten – ich fühle mich geehrt.“

Sie spürte, wie sie knallrot wurde. „Verdammt noch mal, du bist unmöglich!“, zischte sie.

Er hielt Ayla scherzhaft die Ohren zu. „Fliss! Pass auf, was du sagst!“

Böse funkelte sie ihn an, doch das war in etwa so effektiv, als hätte sie mit einem Spielzeugpfeil auf ein Nashorn geschossen.

Den Rest der Mahlzeit herrschte Stille. Felicity hatte keine Lust, sich Wynns Frotzeleien auszusetzen, und was in seinem Kopf vorging, wusste der Himmel.

Doch sie mussten sich zumindest noch über den Tagesplan austauschen, also trafen sie sich zehn Minuten später im Wohnzimmer. Ayla saß auf einer Decke und spielte mit Bauklötzen, während Wynn und Felicity sich gegenübersaßen. Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Okay, was willst du wissen?“

Ob er sich mit Absicht so ignorant verhielt?

„Es ist gut für Babys, wenn Rituale eingehalten werden, wenn eine gewisse Routine herrscht. Aber du meintest, dass du Zeit mit ihr verbringen willst, wann immer du zu Hause bist. Wie genau stellst du dir das vor?“

Wynn beugte sich nach vorn, und zum ersten Mal an diesem Abend zeigte sich die tiefe Trauer und Unsicherheit hinter seiner üblichen Maske. „Ich würde Ayla gern morgens ihr Frühstück geben. Ich stehe sowieso immer früh auf. Dann werde ich alles Menschenmögliche tun, um gegen fünf Uhr wieder zu Hause zu sein. Wobei ich dir ehrlich sagen muss, dass das schwierig werden könnte.“

„Okay. Klingt vernünftig. Und was ist, wenn Ayla schläft?“

Wynn starrte sie an. Vielleicht hatte er mehr von ihrem Gemütszustand mitbekommen, als sie gedacht hatte. „Wenn Ayla schläft, werde ich die meisten Abende unterwegs sein und erst spät zurückkommen.“

„Arbeit?“

„Manchmal. Aber meistens privat.“

Der Ton, in dem er ihr diese verbale Ohrfeige verpasste, war ruhig und monoton. Doch er beobachtete aufmerksam ihre Reaktion.

Es tat weh, doch Felicity schluckte ihren Schmerz hinunter. „Gut, dann weiß ich Bescheid. Ich nehme an, die Wochenenden habe ich frei?“

Für den Bruchteil einer Sekunde wirkte er fast bestürzt. Vielleicht passte es ihm nicht, daran erinnert zu werden, dass sie beide eine geschäftliche Vereinbarung hatten. Er räusperte sich.

„Äh … ja. Die Sonntage auf jeden Fall. Und samstags ab dem frühen Nachmittag.“

Sie verzog das Gesicht „Warum nicht den ganzen Tag?“

Wynn lehnte sich mit leerem Blick zurück. „Ich werde an manchen Samstagen nicht vor dem Vormittag zurück sein.“

Felicity war drauf und dran, einfach aufzustehen und den Raum zu verlassen. Wynn verhielt sich absichtlich so verletzend und kleinlich. Er wollte, dass sie wusste, dass er freitags bei einer Frau übernachtete. Wahrscheinlich gab es sogar mehrere Frauen, mit denen er Affären hatte.

Ihre Hände zitterten, doch sie verschränkte die Arme so vor dem Körper, dass man es nicht sah. „Okay“, sagte sie, „dann also den ganzen Sonntag und den halben Samstag. Und ich gehe davon aus, dass ich dafür ab und zu einen anderen halben Tag oder einen Abend freibekomme.“

Erstaunt zog er die Augenbrauen hoch. „Und wo willst du da hingehen?“

„Ich arbeite jetzt seit mehr als zehn Jahren als Flugbegleiterin, Wynn. Ich habe Freunde in New York. Und ich kenne die Stadt sehr gut.“

„Verstehe.“

Es war offensichtlich, dass ihre Antwort ihm nicht passte. Tja, Pech gehabt. „Okay, jetzt, da wir die Details besprochen haben, sollten wir den Vertrag unterschreiben.“

„Ähm …“ Er war offensichtlich verlegen.

„Was?“

„Ich habe noch keinen Vertrag aufsetzen lassen. Ich dachte, es ist dir nicht so wichtig. Außerdem haben wir noch nicht über dein Gehalt gesprochen.“

Sie verdrehte die Augen. „Wenn du so dicke mit meinem Chef bist, weißt du ja sicherlich längst, was ich normalerweise verdiene. Ich vertraue dir.“

„Ja, da brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Du wirst mehr als großzügig bezahlt werden. Ich habe die einmalige Chance bekommen, Vater zu sein. Da spielt es absolut keine Rolle, wie viel Geld oder andere Opfer es mich kosten wird.“

Schon wieder diese Anspielung auf seine Kinderlosigkeit. Als hätte Felicity ihm da irgendwie im Weg gestanden. Doch das war lächerlich. Er hätte in der Zwischenzeit schon Dutzende Male Vater werden können. Das hatte schließlich nichts mit ihr zu tun!

„Wenn du keine Hilfe mit der Kleinen brauchst, gehe ich jetzt in mein Zimmer.“ Stolz auf ihren sachlichen Ton, erhob sie sich.

Doch Wynn hatte offensichtlich noch nicht genug mit ihren Gefühlen gespielt. „Läufst du weg, Fliss?“ Er stand auf und sah ihr direkt in die Augen.

„Vor dir?“, fragte sie gereizt. „Wohl kaum.“

Langsam, so als wolle er ihr die Chance geben, vor ihm zurückzuweichen, griff er nach ihrer Hand und zog sie an sich.

„Vor dem hier“, murmelte er.

Und dann küsste er sie.

Es war, als hätte sich der Boden unter ihr aufgetan. Ein paar lange Sekunden war Felicity wie erstarrt. Sie wusste, dass sie Wynn einfach wegstoßen sollte. Doch das Verlangen war zu groß, die Sehnsucht saß zu tief. Leise seufzend erwiderte sie schließlich seinen Kuss. Seine Lippen waren noch dieselben. Fest und so heiß wie die Sünde. Er hielt sie im Arm, als wolle er sie nie wieder loslassen, eine Hand auf ihrem Rücken und eine auf ihrer Taille.

Aylas unzufriedener Schrei brachte sie beide zurück in das Hier und Jetzt.

Wynn bückte sich und nahm seine Nichte auf den Arm. Als er vor Felicity stand, war sein Gesichtsausdruck angespannt. Doch er schwieg.

Also war es an Felicity, etwas zu sagen. „Das hier kann nicht funktionieren, und das weißt du. Wenn Ayla wirklich oberste Priorität für dich hat, können wir nicht …“ Sie wedelte mit der Hand, fand keine Worte für das, was eben geschehen war.

„Können wir was nicht?“ Er lächelte spöttisch. „Willst du nicht ein bisschen Spaß haben, solange du hier bist?“

„Wir haben unsere Chance gehabt. Und ich hab mich noch nie für ein paar Orgasmen zum Affen gemacht.“

Er zwinkerte ihr zu. „Warum gehst du davon aus, dass es nur ein paar wären?“ Plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck komplett. „Es tut mir leid. Ich hätte dich nicht küssen sollen. Lass uns bitte so tun, als wäre das nie passiert. Lass uns einfach noch mal von vorn beginnen. Bitte, Fliss.“

Er wirkte ehrlich zerknirscht. Es war ihre Schuld, dass seine aufrichtige Reue eine Welle der Enttäuschung durch ihren Körper sandte. „Natürlich. Es war eine anstrengende Woche. Wir sind beide für Shandy hier. Und für ihre Tochter. Es ist besser, wenn wir nichts tun, das uns diese Aufgabe womöglich vermasseln lässt.“

„Sehe ich genauso.“

„Gute Nacht, Wynn.“

Sie drehte sich um und ging zur Tür, fühlte aber bei jedem Schritt den Blick seiner grünen Augen auf ihrem Körper.

4. KAPITEL

In ihrer ersten Nacht in Wynns Apartment wurde Felicity von aufwühlenden und teils erregenden Träumen geplagt. Um sieben Uhr klingelte ihr Wecker, und sie rollte sich seufzend auf die Seite, um ihn auszuschalten. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie Wynn gar nicht gefragt hatte, wann er zur Arbeit ging.

Als sie in die Küche kam, saß er schon völlig übernächtigt und mit Ayla auf dem Schoß am Tisch. Er sah schlimm aus. Wobei das nicht wirklich stimmte. Er war auch mit zerzaustem Haar und tiefen Augenringen noch unglaublich sexy.

Er trug ein zerschlissenes altes T-Shirt und Jeans, die sogar noch älter aussahen. So hatte sie ihn nicht mehr gesehen, seit ihre Wege sich mit achtzehn getrennt hatten. Seine sorglose Kleiderwahl katapultierte Felicity direkt zurück in eine Vergangenheit, mit der sie sich auf keinen Fall auseinandersetzen wollte.

„Du siehst echt mies aus“, sagte sie. „Was ist passiert?“

„Ayla mochte die tragbare Krippe nicht und ist andauernd aufgewacht.“ Er gähnte und trank einen großen Schluck von seinem Kaffee. „War eine verdammt lange Nacht.“

„Du Armer. Vielleicht ist es die ganze Situation. Die Kleine musste in der letzten Zeit mit einer Menge Veränderungen klarkommen.“

„Ja, so viel ist sicher.“

Felicity goss sich einen Kaffee ein. „Hör zu, warum legst du dich nicht noch mal für zwei Stunden hin? Heute ist dein erster richtiger Tag als Vater. Du solltest dir deine Kräfte vielleicht ein bisschen einteilen.“

„Sehr witzig.“

„Ich meine es ernst, Wynn. Und ich bin schließlich hier, um mich um Ayla zu kümmern.“

„Ich würde sofort zurück ins Bett gehen – wenn du mitkommst.“

Schon wieder spielte er mit ihren Gefühlen. Versuchte, sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Doch Felicity wusste jetzt, wie sie mit diesem Mann umgehen musste. „Wenn du schon nicht schlafen willst, lass mich dir wenigstens was zu essen machen.“

Sie inspizierte den Kühlschrank und fand Eier, Speck und frischen Toast. Das war einfach genug zuzubereiten. Fünfzehn Minuten später war das Frühstück fertig.

Wynn sah aus, als würde er jeden Moment einschlafen. Sie wollte ihn nicht so verletzlich sehen. Wollte ihn nicht dafür bewundern, dass er mit so viel Hingabe für seine Nichte da war. Wollte ihn nicht wollen.

Doch es gab nichts, was sie dagegen tun konnte.

Und sie wusste, dass Wynn ähnlich fühlte. Das war keine Einildung. Wenn sie ihn anschaute, sah sie nicht den erfolgreichen, souveränen Geschäftsmann. Sein durchdringender Blick war voller Verlangen.

Er weigerte sich, ihr die Kleine zu geben, während er aß. Ayla lächelte Felicity hellwach an – als hätte sie die ganze Nacht tief und ruhig geschlafen.

Felicity grinste. „Du musst deinem neuen Dad mal eine Pause gönnen. Er ist ein sehr wichtiger Mann. Außerdem ist er nicht mehr der Jüngste.“

Wynn versuchte, ihr einen finsteren Blick zuzuwerfen, musste aber grinsen. Sie aßen friedlich miteinander. Ayla bekam ein paar Cornflakes und hatte großen Spaß damit.

Schließlich stand Felicity auf. „Jetzt gib sie mal mir. Bring die Krippe in mein Zimmer, und dann ist mir egal, was du machst. Schlaf, geh arbeiten oder lös meinetwegen Kreuzworträtsel. Aber Ayla gehört die nächsten acht Stunden mir.“

Er reichte ihr die Kleine. „Du bist ganz schön dominant.“

„Weißt du doch.“ Sie wurde rot. Die Worte waren ihr einfach so herausgerutscht.

Wynn hatte früher immer rumgewitzelt, dass sie beim Sex so dominant wäre. Dabei hatte sie alles, was sie damals über Sex gewusst hatte, von ihm gelernt … Oder vielleicht hatten sie es zusammen gelernt.

„Sorry“, sagte sie, „der Spruch war unpassend.“

„Mein Gott, Fliss!“ Er fuhr sich durch die Haare, was ihn noch unwiderstehlicher aussehen ließ. „Wir haben uns nackt gesehen. Das lässt sich nicht ungeschehen machen. Du musst nicht die ganze Zeit auf Zehenspitzen um die Vergangenheit rumschleichen.“

„Aber ich muss sie auch nicht zum Thema machen“, erwiderte sie schnippisch. „Wir sind heute zwei andere Menschen als damals.“

„Okay, wie du meinst.“ Sein Ton war sarkastisch.

„Ja, meine ich. Und jetzt geh … Ich kümmere mich um Ayla.“

Als Felicity gesagt hatte, dass sie keine Ahnung von Babys hatte, war das absolut wahr gewesen. Doch sie würde schnell lernen. Nachdem Ayla ihre Flasche bekommen hatte und mit frischen Windeln versorgt war, dauerte es nicht lange, bis die Kleine auf Felicitys Arm einschlief.

Sie legte Ayla sanft in ihre Krippe, ging nach nebenan und machte sich sofort daran, das Fachgeschäft für Babybedarf anzurufen. Sie hatte bereits eine Mail mit einer Produktliste geschickt, und die Filialleiterin machte jetzt am Telefon noch ein paar Vorschläge dazu. Dann wollte die junge Frau wissen, an welche Farben Felicity gedacht hätte. Über diese Frage hatte sie überhaupt noch nicht nachgedacht! „Ich bespreche das mit Mr. Oliver und rufe Sie gleich zurück, okay?“

Als hätte Felicity telepathische Kräfte, fand sie Wynn in ihrem Zimmer, wie er die schlafende Ayla betrachtete.

Mit einem schiefen Lächeln schaute er auf. „War ja klar“, flüsterte er, „jetzt schläft sie natürlich.“

„Sie ist bestimmt erschöpft von der letzten Nacht.“ Die beiden verließen das Zimmer, und Felicity schloss leise die Tür. „Warum bist du wach?“

Er zuckte die Achseln. „Ich hab versucht zu schlafen. Leider ohne Erfolg. Ich mache mich jetzt fertig und fahre zur Arbeit. Hast du in dem Geschäft angerufen?“

„Ja. Die Liste ist jetzt ziemlich komplett, aber wir müssen noch die Farben festlegen. Willst du Rosa und Weiß oder lieber etwas weniger Konventionelles?“

Wynn rieb sich die Stirn, als hätte er Kopfweh. „Shandy war absolut kein konventioneller Typ. Sie hat immer ihren eigenen Kopf gehabt. Lass uns was Neutrales wählen. Vielleicht Grün? Und Waldtiere? Ayla bedeutet Mondlicht, das würde doch passen.“

„Wird gemacht, Boss.“

„Pass auf, dass ich dir nicht den Hintern versohle.“

Felicity ignorierte den Kommentar und sein anzügliches Grinsen. „Ich habe zu arbeiten, Wynn. Wir sehen uns zum Abendessen.“ Leise öffnete sie ihre Zimmertür, schlüpfte hindurch und schloss sie wieder.

Am Nachmittag war Felicity eins klar: Es war Schwerstarbeit, sich um ein zehn Monate altes Kind zu kümmern. Sie verdiente jeden Penny, den Wynn ihr zahlte. Obwohl Ayla noch nicht laufen konnte, war sie doch äußerst beweglich und krabbelte in beeindruckender Geschwindigkeit über den Boden.

Felicity schaffte es gerade so, Ayla bei ihren Erkundungen zuvorzukommen und alle Ecken des Raums rechtzeitig babysicher zu machen.

Gegen halb drei kam die Lieferung der Babysachen, und dann brach das Chaos los. Die drei jungen Männer, die alles lieferten und aufbauten, waren gut gelaunt, höflich und effizient. Ab und zu fragten sie Felicity etwas, doch im Großen und Ganzen wussten sie genau, was zu tun war.

Endlich war das Wichtigste aufgebaut – Bett, Schaukelstuhl, Kommoden, Wickeltisch, Video-Babyfon. In einer Box befand sich zur Bettwäsche passende Deko für die Wände, doch darum würde Felicity sich morgen kümmern müssen.

Die arme Ayla war überreizt und weinerlich, weil sie wegen der Lieferung ihren Mittagsschlaf verpasst hatte. Vielleicht würde es ihren nächtlichen Schlaf nicht zu sehr beeinträchtigen, wenn sie jetzt ein kleines Nickerchen machte. Felicity setzte sich mit ihr in den Schaukelstuhl, summte eine ausgedachte Melodie und streichelte ihr beruhigend den Rücken. Innerhalb weniger Sekunden war die Kleine eingeschlafen.

Felicity legte sie in ihr Bettchen. Ayla sah so klein und schutzlos aus. Welch riesige Verantwortung Wynn da auf sich genommen hatte. Es war keine leichte Aufgabe, ein kleines Kind aufzuziehen.

Das Babyfon war zum Glück schon aufgeladen. Sorgsam studierte sie die Bedienungsanleitung, und als sie die schlafende Ayla schließlich auf dem kleinen Videomonitor sah, fühlte sie sich sicher genug, sich in dem riesigen Apartment frei zu bewegen.

Felicity wusste, dass Aylas Nickerchen nicht länger als eine Dreiviertelstunde dauern würde. Schnell aß sie eine Kleinigkeit und machte sich anschließend daran, E-Mails und eine Reihe von Nachrichten auf ihrem Handy zu beantworten. Schließlich hatte sie das Wichtigste erledigt. Sie schaute auf die Uhr und sah, dass es schon wieder Zeit war, Ayla zu wecken. Doch als sie das Kinderzimmer betrat, war diese zum Glück schon dabei, von selbst aufzuwachen. Ayla strampelte sich auf die Seite und lächelte Felicity breit an.

„Hey, du Süße!“

Felicity hob die Kleine schwungvoll hoch und berührte zärtlich ihr Gesicht. „Ich würde sagen, du bekommst jetzt erst mal ’ne frische Windel und einen Snack, oder?“

Der Rest des Nachmittags verging wie im Flug. Wynn ließ nichts von sich hören, was Felicity nicht sonderlich überraschte. Da er so spät zur Arbeit gegangen war, hatte er es im Büro sicher sofort mit einer Reihe von Meetings zu tun gehabt.

Als es halb sechs war, beschloss Felicity, nicht auf Wynn zu warten. Seine Haushälterin hatte alles besorgt, was Ayla laut Sandys Ordner gern aß, und es würde definitiv leichter sein, ein Kleinkind zu füttern, das in einem hohen Kinderstuhl saß, statt auf ihrem Schoß herumzuzappeln.

Felicity gab Ayla zwei Löffel zum Spielen, öffnete ein Glas mit Babynahrung und schnitt eine Banane in kleine Stücke.

„Na komm, meine Süße, ich bin sicher, dein Dad wird rechtzeitig hier sein, um noch mit dir zu spielen und dich ins Bett zu bringen.“

Es war fast sechs Uhr, als Wynn schließlich nach Hause kam. Sein Gesicht war von Müdigkeit gezeichnet, aber als er Felicity und Ayla in der Küche sah, wurde es von einem Lächeln erhellt.

„Es ist erst Tag eins, und ich bin bereits gescheitert.“

Felicitys Herz setzte verrückterweise einen Schlag aus. Sie musste sich und ihre Gefühle unbedingt unter Kontrolle bekommen.

„Quatsch“, erwiderte sie. „Wir sind gerade mit dem Abendessen fertig geworden. Ihr beide könnt jetzt wunderbar Zeit miteinander verbringen. Ich lass euch mal allein.“

Wynn verzog das Gesicht. „Willst du nicht bleiben?“

Sie zögerte. Das hier war gefährliches Terrain. „Ich dachte, du wolltest es so. Ich kümmere mich tagsüber um sie, und du bist am Abend mit ihr zusammen? Ich will eurer Bindung nicht im Weg sein.“

„Ja, kann sein“, murmelte er. „Aber bleib doch. Ich würde mich über deine Gesellschaft freuen. Ayla ist süß, aber sie widerspricht mir nie.“

Felicity grinste. „Gib ihr ein paar Jahre.“

Sie setzte sich an den Küchentisch und legte die Hände auf den Schoß. Dann überlegte sie es sich anders und lehnte sich mit einem Unterarm auf dem Tisch lässig auf ihrem Stuhl zurück. Der Trick war, entspannt zu wirken.

Wynn nahm neben dem Kinderstuhl Platz und küsste Aylas Haar. „Na, mein Schatz? Wie war dein Tag?“ Er zog sein Jackett aus und löste die Krawatte.

Ayla antwortete ihm mit fröhlichem Gebrabbel, und er grinste. „Ich weiß, ich bin nicht objektiv, aber sie ist echt wahnsinnig süß, oder?“

„Das süßeste Kind der Welt.“

„Sind ihre Sachen angekommen?“

„Oh ja. Deine Kreditkarte hat ganz schön einstecken müssen. Aber alles ist aufgebaut und funktioniert. Ayla hat sogar schon in ihrem neuen Bett geschlafen. Nicht wahr, meine Süße?“ Felicity biss sich auf die Lippe. Sie fand sich selbst peinlich.

„Hast du schon gegessen?“, fragte sie.

„Nein, es war heute ein absoluter Albtraum auf der Arbeit. Während ich in Tennessee war, ist hier alles drunter und drüber gegangen.“

„Ich dachte, du hast so viele fähige Angestellte.“

Er wirkte zerknirscht. „Gut möglich, dass ich nicht besonders gut im Delegieren bin.“

„Ach so.“ Sie unterdrückte ein Lächeln. Sein Geständnis überraschte sie nicht. Wynn war der Typ Mann, der jedem Problem seine volle Aufmerksamkeit schenkte. Er war brillant und ehrgeizig. „Soll ich uns was bestellen?“

„Ja, das wäre super. Pizza vielleicht?“

„Klar.“ Felicity durchsuchte die Schublade mit den Speisekarten der Lieferdienste und fand die einer sehr vielversprechend wirke...

Autor

Janice Maynard
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Yahrah St John
Yahrah St. John hat bereits dreißig Bücher geschrieben. Wenn sie nicht gerade zu Hause an einer ihrer feurigen Liebesgeschichten mit unwiderstehlichen Helden und temperamentvollen Heldinnen arbeitet und sie mit einem Schuss Familientragödie würzt, kocht sie gern aufwändige kulinarische Leckereien oder reist auf der Suche nach neuen Abenteuern um die Welt....
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Joanne Rock hat sich schon in der Schule Liebesgeschichten ausgedacht, um ihre beste Freundin zu unterhalten. Die Mädchen waren selbst die Stars dieser Abenteuer, die sich um die Schule und die Jungs, die sie gerade mochten, drehten. Joanne Rock gibt zu, dass ihre Geschichten damals eher dem Leben einer Barbie...
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