Baccara Exklusiv Band 206

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

MIT DEM TRAUMMANN IN PARIS von MERLINE LOVELACE
Beim Blick in Devon Hunters blaue Augen spürt Sarah einen heißen Schauer. Nicht ohne Grund hat ihre Zeitschrift ihn auf die Liste der attraktivsten Junggesellen gesetzt! Doch jetzt wird er von Verehrerinnen verfolgt - wovor Sarah ihn nur retten kann, indem sie seine Verlobte spielt. Mit ungeahnten Folgen …


DIE RÜCKKEHR DES VERFÜHRERS von KATHERINE GARBERA
Selfmade-Millionär Chris weiß genau, was er tun muss, damit Macy seinen Verführungskünsten erliegt. Und genau davor hat sie Angst! Denn wie wird Chris reagieren, wenn er die Narben sieht, die sie bei einem Unfall davongetragen hat?


SINNLICHE NACHT AUF HAWAII von YVONNE LINDSAY
Nach einer Nacht voller Leidenschaft auf Hawaii erwacht Ali allein in ihrem Hotelzimmer. Nicht mal eine Notiz hat Ronin ihr hinterlassen! Enttäuscht kehrt sie nach Neuseeland zurück, wo sie ein Kinderzimmers einrichten soll. Und schockiert sieht sie, wer ihr Auftraggeber ist - Ronin!
  • Erscheinungstag 30.04.2021
  • Bandnummer 206
  • ISBN / Artikelnummer 0858210206
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Merline Lovelace, Katherine Garbera, Yvonne Lindsay

BACCARA EXKLUSIV BAND 206

PROLOG

Ach, welch ein Glück, zwei solch schöne, mir zugetane Enkelinnen zu haben. Und gleichzeitig immer diese Sorgen! Eugenia, die fröhliche Eugenia, ist wie ein verspieltes Kätzchen. Ständig gerät sie in die Klemme, aber sie landet immer wieder auf den Füßen. Sorgen mache ich mir mehr um Sarah. Sie ist so ruhig, so elegant und kümmert sich so entschlossen um alle Belange unserer kleinen Familie. Obwohl sie nur zwei Jahre älter ist als ihre Schwester, hat sie, seitdem die beiden zauberhaften Mädchen bei mir leben, die Verantwortung für Eugenia übernommen.

Im Übrigen macht sich Sarah auch Sorgen um mich. Dabei habe ich doch nur ein wenig Arthritis. Der kleine Herzanfall, der zählt nicht. Trotzdem ist Sarah wie eine Glucke. Wie oft habe ich ihr gesagt, dass sie ihr Leben nicht nach mir und meinen Wehwehchen ausrichten soll, aber sie will davon nichts hören. Ich glaube, es ist Zeit, dass ich etwas unternehme. Zwar habe ich noch keine Ahnung, was genau das sein könnte, aber ich vertraue darauf, dass mir etwas einfällt. Unbedingt.

Aus dem Tagebuch der Großherzogin Charlotte von Karlenburgh

1. KAPITEL

Sarah hörte gedämpftes Stimmengewirr, aber sie achtete nicht darauf, denn der Abgabetermin für das neue Layout rückte immer näher. Bis Mittag mussten die Seiten über die besten neuen Skiresorts fertig sein. Beguile war ein Hochglanzmagazin, das vor allem junge, moderne Frauen ansprach, und wenn sie nicht pünktlich lieferte, konnte sie sicher sein, dass Alexis Danvers ihr später beim gemeinsamen Lunch einen jener vernichtenden Blicke zuwerfen würde, für die sie in ihrer Branche wohlbekannt war.

Nicht, dass die Blicke ihrer Chefredakteurin auf Sarah großen Eindruck gemacht hätten. Wenn Alexis damit auch den anderen Mitarbeitern kalten Schweiß auf die Stirn trieb – Sarah und ihre Schwester waren bei einer Großmutter aufgewachsen, die anmaßende Personen jedweden Ranges mit einem Stirnrunzeln vernichten konnte. Nicht umsonst hatte sich Charlotte St. Sebastian einst in denselben Kreisen wie Fürstin Gracia Patricia und Jackie Onassis bewegt.

Doch diese glanzvollen Zeiten waren längst vorbei, das wusste auch Sarah. Während sie die Überschrift des Artikels von der Schriftart Futura in Trajan änderte, dachte sie daran, dass ihre Großmutter auch heute noch glaubte, gute Erziehung und unaufdringliche Eleganz würden einer Frau durch alle Schwierigkeiten helfen, die das Leben für sie bereit hielt.

Dieser Meinung war Sarah ebenfalls. Deshalb hatte sie sich auch ganz bewusst für einen schlichten, eleganten Stil entschieden – im Gegensatz zu den Leserinnen von Beguile, die entschlossen waren, um jeden Preis mit der Mode zu gehen. Sarahs Vintageklamotten stammten teilweise aus dem Kleiderschrank ihrer Großmutter. Chanelkostüme und Kleider von Dior, die sie mit auffallendem Modeschmuck aufpeppte. Zu den Kostümjacken trug sie schwarze Hosen oder Jeans und Stiefel. Das Ergebnis war ein stylischer Retrolook, den selbst Alexis bewunderte.

Doch der wahre Grund für Sarahs ausgefallenen Modegeschmack war, dass sie sich die Designerschuhe, It-Bags und hochpreisigen Klamotten, die in Beguile angepriesen wurden, einfach nicht leisten konnte. Dazu waren die Arztrechnungen von Grandma viel zu hoch. Mittlerweile zeigten einige ihrer Kleidungsstücke auch Abnutzungsspuren, und sie hätte …

Das Stimmengewirr wurde lauter und schien näher zu kommen. Sarah hatte in den drei Jahren, die sie nun als Layouterin hier arbeitete, oft erlebt, dass Models die neuesten Entwürfe der Top-Designer direkt in der Redaktion präsentierten. Manchmal probierten auch die Makeup-Künstler und Friseure die Wirkung ihrer Kreationen an den Mitarbeiterinnen von Beguile aus, die die spontanen Shows dann immer mit begeisterter Zustimmung kommentierten.

Heute allerdings schien noch etwas anderes in der Luft zu liegen. Prickelnde Erregung. Sarah fragte sich, ob die neuesten, perlenbestickten Schuhe von Jimmy Choo oder das Kleid von Versace tatsächlich so einen Aufruhr verdient hatten, und schwang auf ihrem Drehstuhl herum. Als sie aufblickte, schaute sie direkt in das Gesicht von Super Sexy Single Nummer drei.

„Ms. St. Sebastian?“

Seine Stimme war eiskalt, doch seine strahlend blauen Augen, das schwarze Haar und seine markanten Züge bewirkten, dass Sarah ein heißer Schauer durchlief. Alexis hat einen Fehler gemacht, als sie diesen Typ auf Nummer drei setzte, dachte sie. Auf der Liste der zehn attraktivsten Junggesellen der Welt, die das Magazin einmal im Jahr veröffentlichte, hätte er ihrer Meinung nach den ersten Platz verdient.

Die Künstlerin in ihr musste ihn unweigerlich bewundern. Er war mindestens einsneunzig groß, schlank und durchtrainiert, und trug einen maßgeschneiderten Anzug, dazu eine Seidenkrawatte. Doch sie war Profi genug, um seine kalte Begrüßung mit kühler Höflichkeit zu erwidern.

„Ja.“

„Ich will mit Ihnen reden. Und zwar allein.“

Sie folgte seinem Blick und sah mindestens ein Dutzend Kolleginnen, die mit mehr oder weniger offener Neugier über die halbhohen Zwischenwände des Großraumbüros spähten. Manchen kullerten schier die Augen aus dem Kopf.

Schade, dass Nummer drei schlechte Manieren hat, dachte sie, als sie sich ihm wieder zuwandte. Was fiel dem Typ ein? „Worüber möchten Sie mit mir sprechen, Mr. Hunter?“

Anscheinend überraschte es ihn nicht, dass sie seinen Namen kannte. Schließlich arbeitete sie für jenes Magazin, das dafür gesorgt hatte, dass Devon Hunter zum Objekt der Begierde zahlloser Frauen weltweit geworden war.

„Über Ihre Schwester, Ms. St. Sebastian.“

Oh nein. Sarah durchfuhr es siedend heiß. Was hatte Gina nun schon wieder angestellt?

Ihr Blick fiel auf das silbern gerahmte Foto neben ihrem Monitor, auf dem die Schwestern abgebildet waren. Sarah, mit dunklem Haar, grünen Augen und ernstem Gesichtsausdruck. Daneben Gina, blond, fröhlich, offen und wenig verantwortungsbewusst. Gina wechselte ihre Jobs ebenso häufig wie ihre Liebhaber. Vor zwei Tagen erst hatte sie Sarah von ihrer neuesten Eroberung vorgeschwärmt, einem reichen, gut aussehenden Typ, dessen Namen sie natürlich vergessen hatte zu erwähnen.

Anscheinend war Devon Hunter jene neue Eroberung gewesen. Er besaß eine Firma mit Hauptsitz in Los Angeles, die im Flugzeugbau tätig war und unter den Fortune Top 500 rangierte. Und Gina versuchte sich zurzeit in Los Angeles als Eventmanagerin für die Reichen und Berühmten.

„Ich denke, es ist das Beste, wenn wir uns ungestört unterhalten, Ms. St. Sebastian.“

Sarah fügte sich ins Unvermeidliche und nickte. Die Affären ihrer Schwester dauerten nie lange und endeten meistens freundschaftlich. Einige Male hatte Sarah jedoch das gekränkte Ego von Verehrern wieder aufpäppeln müssen. Dies hier schien so ein Fall zu sein.

„Kommen Sie bitte mit, Mr. Hunter.“

Sie ging voraus zu einem verglasten Konferenzraum, der auf zwei Seiten einen fantastischen Ausblick auf den Times Square gewährte. Gegenüber lag der berühmte Condé-Nast-Tower – das Epizentrum der Modepresse. Dort waren die Redaktionen von Vogue, Vanity Fair, Glamour und Allure zu Hause. Oft brachte Alexis wichtige Werbekunden hierher, um zu zeigen, dass Beguile ebenfalls zu den Großen der Branche gehörte.

„Möchten Sie Kaffee?“, erkundigte sich Sarah. „Oder Mineralwasser?“

„Nein, danke.“

Seine knappe Antwort ärgerte sie, und sie unterließ es, ihm einen Platz anzubieten. Stattdessen lehnte sie sich gegen den Konferenztisch, verschränkte die Arme vor der Brust und fragte sachlich: „Sie möchten also über Gina reden?“

Er ließ sich Zeit mit seiner Antwort und musterte Sarah stattdessen von oben bis unten. Sie trug eine schwarzweiß karierte Chaneljacke, dazu Jeans und schwarze Stiefel.

„Sie sind Ihrer Schwester nicht besonders ähnlich“, bemerkte er.

„Das stimmt.“

Sarah war ganz zufrieden mit ihrem schlanken Körper und den Gesichtszügen, die ihre Großmutter klassisch nannte, doch sie wusste genau, dass sie mit Ginas umwerfendem Aussehen nicht mithalten konnte.

„Meine Schwester ist die einzige Schönheit in der Familie.“

Wenn sie erwartet hatte, dass er jetzt höflich widersprechen würde, enttäuschte er sie und ließ die Bombe platzen: „Ist sie auch die einzige Diebin?“

„Wie bitte?“

„Sie haben richtig gehört. Sagen Sie Ihrer Schwester, sie soll das Kunstwerk zurückgeben, das sie mir gestohlen hat.“

„Wie können Sie es wagen, meiner Schwester etwas derart Lächerliches zu unterstellen!“, entgegnete Sarah wütend.

„Ich unterstelle nichts, ich benenne nur die Fakten.“

„Sie müssen verrückt geworden sein!“ Die Tigerin in ihr erwachte, wie immer, wenn es um ihre kleine Schwester ging. „Gina ist manchmal ein bisschen flatterhaft und sorglos, aber sie würde niemals etwas stehlen!“

Zumindest nicht vorsätzlich, musste Sarah im Stillen zugeben. Als Gina acht oder neun Jahre alt gewesen war, hatte sie eines Tages einen Hund mitgebracht, der vor einem Restaurant angeleint gewesen war. Sie hatte behauptet, sie habe das Tier „gerettet“. Und in ihrer Clique lieh man sich ständig gegenseitig Kleider aus und konnte sich später nicht erinnern, wem sie nun gehört hatten. Außerdem überzog Gina regelmäßig ihr Konto … Aber stehlen – nein, das würde sie nie tun, egal was dieser … dieser arrogante Kerl behauptete. Sarah war kurz davor, den Sicherheitsdienst anzurufen, um den Mann rauswerfen zu lassen, als er ein iPhone aus der Hosentasche zog.

„Vielleicht überzeugt Sie dieses Video meines Sicherheitssystems“, erklärte er eisig, tippte auf den Bildschirm und hielt Sarah das Smartphone vor die Nase.

Sie konnte einen Raum erkennen, der eine Bibliothek oder ein Arbeitszimmer sein musste. Die Kamera war auf ein Regal mit Glasböden gerichtet, auf dem mehrere Kunstobjekte ausgestellt waren. Sarah bemerkte eine afrikanische Büffelmaske, eine kleine Scheibe mit bunten, filigranen Einlegearbeiten, die aufrecht in einem schwarzlackierten Halter stand, und daneben befand sich die wohl präkolumbianische Statuette einer Fruchtbarkeitsgöttin.

Hunter tippte erneut auf den Bildschirm, und eine Videoaufzeichnung wurde abgespielt. Zuerst konnte Sarah nur platinblonde Locken erkennen, dann wurde eine junge Frau sichtbar, die auf das Glasregal zuging. Als sie den Kopf wandte, fing die Kamera ihr Profil ein. Es war Gina, daran gab es keinen Zweifel.

Gina blickte über die Schulter, ihr Gesichtsausdruck lächelnde Unschuld. Doch als sie aus dem Sichtfeld der Kamera verschwand, war das filigran vierzierte Medaillon nicht mehr da. Hunter zoomte auf den schwarzlackierten Halter, und Sarah starrte auf die leere Stelle, als wäre es ein böser Traum.

„Byzantinisch“, sagte Hunter. „Frühes zwölftes Jahrhundert, falls es Sie interessiert. Ein ganz ähnliches Stück wurde neulich bei Sotheby’s in London für über hunderttausend versteigert.“

Sie schluckte. „Dollar?“

„Englische Pfund.“

„Oh, mein Gott.“

Sie hatte Gina schon oft aus der Klemme geholfen, doch das hier … Am liebsten wäre sie auf einem der Stühle in sich zusammengesunken. Nur ihr eiserner Wille, den sie von ihrer Großmutter geerbt hatte, hielt sie aufrecht.

„Es gibt sicher eine logische Erklärung dafür, Mr. Hunter“, begann sie.

„Das hoffe ich für Sie, Ms. St. Sebastian.“

Es juckte sie in den Fingern, ihn zu ohrfeigen. Sarah beherrschte sich jedoch und ballte nur die Hände zu Fäusten.

Anscheinend wusste er genau, was in ihr vorging, denn er sah sie plötzlich amüsiert und gleichzeitig herausfordernd an. Schlag doch zu, sollte das wohl heißen. Als Sarah sich nicht rührte, wurde seine Miene wieder kühl.

„Diese Erklärung würde mich interessieren, denn sonst lasse ich die Polizei diese Sache regeln.“

Ein Schock durchfuhr sie, als ihr bewusst wurde, in welche Schwierigkeiten Gina sich dieses Mal gebracht hatte. Doch sie versuchte, sich nichts von ihrer Sorge anmerken zu lassen. „Ich setze mich sofort mit meiner Schwester in Verbindung, Mr. Hunter. Es könnte aber eine Weile dauern, denn sie reagiert oft nicht auf Anrufe oder E-Mails.“

„Das habe ich selbst schon gemerkt. Ich versuche seit Tagen, sie zu erreichen.“ Er schaute auf seine Uhr. „Heute Nachmittag habe ich mehrere Meetings. Es könnte spät werden. Daher schlage ich vor, wir treffen uns morgen Abend um sieben Uhr im Avery’s an der Upper West Side.“ Er musterte sie aus stahlblauen Augen. „Ich nehme an, Sie kennen das Lokal. Es ist in der Nähe des Dakota.“

Sarah war in Gedanken immer noch bei der Aufnahme der Überwachungskamera, sodass sie letztere Bemerkung fast überhört hätte. Als sie begriff, was Hunter gesagt hatte, fragte sie verblüfft: „Sie wissen, wo ich wohne?“

„Ja, Lady Sarah, das weiß ich.“ In einer spöttischen Geste salutierte er und ging zur Tür. „Bis morgen also.“

Lady Sarah … Dieser Titel war ohne jede Bedeutung. Es hätte ihr egal sein können, dass nun auch Devon Hunter ihn ins Spiel brachte, denn sie war es von ihrer Chefin gewohnt. Alexis stellte sie auf Cocktailpartys und bei Geschäftsterminen oft mit ihrem Titel vor, und Sarah hatte irgendwann aufgehört, davon peinlich berührt zu sein.

Leider gab sich Alexis nicht damit zufrieden, mit Sarahs Titel hausieren zu gehen, sondern wollte ihre adlige Mitarbeiterin noch stärker in den Fokus rücken. Sarah hatte schon zwei Mal gedroht zu kündigen, wenn ihre Chefin weiterhin darauf bestand, ein Feature über Lady Sarah Elizabeth Marie-Adele St. Sebastian, Enkelin der ehemaligen Großherzogin Charlotte von Karlenburgh, zu bringen. Alles, was von diesem Großherzogtum noch existierte, war der Titel, und es hätte ihre Großmutter verletzt, einen Artikel lesen zu müssen, in dem ihre Geschichte breitgetreten wurde.

Doch noch viel schlimmer wäre es, wenn ihre Enkelin wegen dreisten Diebstahls ins Gefängnis kam.

Sarah verließ den Konferenzraum. Sie musste Gina unbedingt erreichen, um herauszufinden, ob ihre kleine Schwester das Medaillon tatsächlich entwendet hatte. Unterwegs zu ihrem Schreibtisch wurde sie von ihrer Chefin abgefangen.

„Was habe ich da gerade gehört?“, fragte Alexis mit ihrer tiefen, rauchigen Stimme. Die Chefredakteurin von Beguile war groß, extrem mager und immer makellos gekleidet. Lieber hätte sie Lungenkrebs gekriegt, als das Rauchen aufzugeben und dadurch ein paar Pfunde zuzulegen. „Stimmt es, dass Devon Hunter hier war?“

„Ja, er …“

„Warum haben Sie mir nicht Bescheid gesagt?“

„Dazu hatte ich keine Zeit.“

„Was wollte er? Will er uns etwa verklagen? Ich hatte Ihnen doch aufgetragen, den Schnappschuss aus der Umkleidekabine zu bearbeiten, damit man nur seinen Oberkörper sieht.“

„Nein, Alexis“, widersprach Sarah. „Sie haben mir gesagt, ich solle dafür sorgen, dass man wenigstens ansatzweise seinen Hintern sieht. Ich war immer der Meinung, es gehört sich nicht, einen schmierigen Paparazzo zu bezahlen, damit er unerlaubt Fotos schießt.“

Ihre Chefin winkte diese Bemerkung beiseite. „Also, was wollte er?“

„Er ist ein … Freund von Gina.“

Besser gesagt, er war ein Freund von Gina, dachte Sarah bitter. Bis dieses Medaillon aus dem zwölften Jahrhundert ins Spiel kam. Sie musste dringend Gina anrufen.

„Eine neue Eroberung Ihrer Schwester?“, bemerkte Alexis sarkastisch.

„Wir hatten keine Zeit, um über Details zu sprechen. Er hat ein paar Meetings in New York und will mich morgen zum Abendessen einladen.“

Die Reporterin in Alexis erwachte, und ihre Miene veränderte sich schlagartig. Wenn sie eine gute Story witterte, war sie schlimmer als ein Pitbullterrier, der sich in ein Opfer verbeißt.

„Wir könnten eine Folgegeschichte bringen“, sagte sie begeistert. „‚Wie hat sich das Leben von Devon Hunter verändert, seit er Sexy Single Nummer drei in unseren Top Ten war?‘. Soweit ich weiß, ist er ein ziemlicher Workaholic.“

Weil sie endlich telefonieren wollte, nickte Sarah ergeben. „So haben wir ihn zumindest beschrieben.“

„Vermutlich verfolgt ihn jetzt ständig ein Schwarm verliebter Frauen. Gina hat ihn schon flachgelegt. Ich will Einzelheiten der Geschichte, Sarah. Intime Einzelheiten!“

Mit Mühe wahrte Sarah die Fassung. „Ich möchte zuerst mit meiner Schwester sprechen und herausfinden, was eigentlich los ist.“

„Tun Sie das. Und liefern Sie mir die Details.“

Damit ließ Alexis sie stehen. Sarah rannte hinüber zu ihrem Schreibtisch und ließ sich auf ihren Stuhl sinken, ehe ihre Knie nachgeben konnten. Sie schnappte sich ihr iPhone und drückte auf die Kurzwahl für ihre Schwester. Natürlich meldete sich nur die Mailbox.

„Gina! Ich muss mit dir reden! Ruf mich an.“

Danach schrieb sie noch eine SMS und eine E-Mail. Beides würde vergebliche Liebesmüh sein, falls ihre Schwester wie so oft vergessen hatte, ihr Handy anzuschalten. Also rief Sarah die Veranstaltungsagentur an, bei der Gina zurzeit arbeitete. Sie wurde zur Chefin durchgestellt, die ihr erbost mitteilte, dass Gina zum wiederholten Mal nicht zur Arbeit erschienen war.

„Gestern Morgen hat sie mich angerufen“, sagte die Agenturchefin. „Am Abend zuvor hatten wir ein Geschäftsessen bei einem unserer wichtigsten Kunden ausgerichtet. Gina sagte, sie sei müde und werde sich einen Tag frei nehmen. Seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört.“

„Handelte es sich bei diesem Kunden um Devon Hunter?“, fragte Sarah vorsichtig.

„Ja, genau. Hören Sie, Ms. St. Sebastian, ich weiß, dass Ihre Schwester bei großen Events immer eine gute Figur macht, aber sie ist absolut unzuverlässig. Falls Sie sie erreichen, ehe ich es tue, dann teilen Sie ihr bitte mit, dass sie nicht mehr zu kommen braucht.“

Mist. Jetzt war Gina zu all dem anderen Ärger auch noch ihren Job los. Dabei schien die Arbeit ihr dieses Mal wirklich Spaß gemacht zu haben.

„Ich richte es ihr aus“, versprach sie. „Falls sie sich bei Ihnen meldet, sagen Sie ihr bitte, dass ich unbedingt mit ihr sprechen muss.“

Nachdem Sarah das gemeinsame Mittagessen mit den Kolleginnen irgendwie hinter sich gebracht hatte, erhielt sie von Alexis eine Liste mit Änderungswünschen für den Artikel über das neue Skiresort.

Zurück am Schreibtisch, setzte Sarah die geforderten Änderungen um und schickte das neue Layout zur Abstimmung an Alexis. Danach arbeitete sie am Layout für einen anderen Artikel über das neueste Fitnessprogramm. Zwischendurch probierte sie es immer wieder bei Gina, doch die reagierte weder auf Anrufe noch auf Mails oder SMS.

Irgendwann konnte Sarah sich nicht mehr konzentrieren und machte ausnahmsweise früher Schluss. Als sie auf die Straße trat und sich dem frischen Aprilwetter stellte, sah sie über dem Times Square einen strahlenden Regenbogen. Scharen von Touristen fotografierten den spektakulären Anblick und verstopften den Gehsteig. Normalerweise hätte Sarah die U-Bahn genommen, aber heute Abend hatte sie es so eilig, dass sie sich für ein Taxi entschied. Zu ihrer Überraschung erschien auch sofort eines und hielt direkt vor ihr. Sobald der Fahrgast ausgestiegen war, schwang sie sich auf den Rücksitz.

„Zum Dakota, bitte.“

Der Fahrer, der einen Turban trug, nickte und warf einen prüfenden Blick in den Rückspiegel, denn New Yorker Taxifahrer, egal welcher Nationalität, waren mindestens ebenso kritisch wie die Moderedakteurinnen von Beguile. Dieser hier konnte vielleicht das Emblem auf Sarahs Kostümjacke nicht genau zuordnen, aber er wusste, wann er Qualität vor sich hatte. Außerdem konnte er von jemandem, der als Fahrtziel eines der berühmtesten Häuser New Yorks angab, ein großzügiges Trinkgeld erwarten.

Was er nicht wusste, war, dass Sarah sich kaum leisten konnte, großzügig zu sein. Wenn sie daran dachte, wie wenig von ihrem Gehalt übrigblieb, nachdem sie die Nebenkostenabrechnung für das riesige Apartment beglichen hatte, das sie mit ihrer Großmutter im Dakota bewohnte, wurde ihr schlecht. Als der Fahrer grimmig auf den geringen Betrag schaute, mit dem sie den Fahrpreis aufrundete, schämte sie sich ein wenig. Der Mann murmelte etwas in einer fremden Sprache und raste davon.

Sarah betrat hastig das große, historische Gebäude mit seinen Erkern, den Türmchen und der Kuppel und nickte dem Pförtner zu, der aus seiner kleinen Loge trat, um sie zu begrüßen.

„Guten Abend, Jerome.“

„Guten Abend, Lady Sarah.“

Sie hatte es längst aufgegeben, ihn darum zu bitten, nicht immer diesen alten, verstaubten Titel zu benutzen. Jerome fand, er verleihe „seinem“ Dakota Glanz.

Nicht, dass das denkmalgeschützte Apartmentgebäude zusätzlichen Glanz nötig gehabt hätte. Die üppig dekorierte Fassade im Stil der französischen Renaissance war schon oft Filmkulisse gewesen. Im Dakota wohnten dutzende Romanfiguren, und echte Berühmtheiten wie Judy Garland, Lauren Bacall oder Leonard Bernstein hatten hier Apartments besessen. Ebenso wie John Lennon, der nur wenig entfernt von hier erschossen worden war. Yoko Ono, seiner Witwe, gehörten immer noch mehrere Wohnungen in dem Haus.

„Die Herzogin ist vor einer Stunde nach Hause zurückgekehrt“, informierte Jerome sie und wirkte besorgt. „Sie hatte Mühe zu gehen und hat sich schwer auf ihren Stock gestützt.“

Sofort bekam es Sarah mit der Angst zu tun. „Hoffentlich hat sie sich bei ihrem Spaziergang nicht übernommen.“

„Sie behauptete, es gehe ihr blendend. Aber das sagt sie ja immer.“

„Ja“, erwiderte Sarah tonlos. „Das sagt sie immer.“

Charlotte St. Sebastian war Zeugin gewesen, als man ihren Mann auf brutale Weise hingerichtet hatte. Auf der Flucht aus einem kriegszerstörten Land hatte sie Hunger und Elend erlebt, doch es war ihr gelungen, sich, ihr Baby und ihre Juwelen, eingenäht in den Teddy ihrer Tochter, in Sicherheit zu bringen. Von Wien aus war sie nach New York emigriert und dort rasch Mitglied der feinen Gesellschaft geworden. Nach und nach hatte sie ihren Schmuck verkauft und konnte sich mit dem Erlös ein Apartment im Dakota leisten. Eine Weile lebte sie auf großem Fuß, doch dann kamen ihre Tochter und ihr Schwiegersohn bei einem Schiffsunglück ums Leben. Damals war Sarah erst vier gewesen, und Gina noch ein Baby. Und dann verzockte auch noch ein skrupelloser Finanzberater das Vermögen der Großherzogin an der Wall Street.

Eine andere Frau wäre daran vielleicht zerbrochen. Nicht so Charlotte St. Sebastian. Selbstmitleid war ihr fremd, und außerdem musste sie nun für ihre beiden kleinen Enkelinnen sorgen. Also verkaufte sie nach und nach ihre letzten Schmuckstücke und schaffte es durch äußerste Sparsamkeit, ihren Enkelinnen eine gute Ausbildung und einen gehobenen Lebensstil zu ermöglichen, der ihnen ihrer Meinung nach zustand. Privatschulen, Musikunterricht, Debüt im Waldorf-Astoria. Danach ging Sarah aufs Smith College und studierte ein Jahr an der Sorbonne, und Gina besuchte das Barnard College.

Keine der Schwestern hatte eine Ahnung, wie es um die Finanzen der Großherzogin wirklich stand, bis diese einen Herzinfarkt erlitt. Glücklicherweise war er nur leicht, doch die Kosten für den Krankenhausaufenthalt waren hoch. Ebenso der Stapel unbezahlter Rechnungen, den Sarah im Sekretär ihrer Großmutter fand. Die geforderte Summe überstieg das vorhandene Kapital bei weitem.

Also räumte Sarah ihr Konto leer und bezahlte alles. Die Arztrechnung für das letzte EKG ihrer Großmutter war allerdings immer noch unbeglichen. Doch damit durfte sie die gebrechliche Frau, die sie so sehr liebte, nicht behelligen.

Voller Sorge betrat sie das Apartment im fünften Stock und wurde von Maria, der ecuadorianischen Haushaltshilfe, begrüßt. Maria war schon so lange bei ihnen, dass sie mehr Freundin als Angestellte war.

Hola, Sarah.“

Hola, Maria. Wie war dein Tag?“

„Gut. Ich war mit der Duquesa im Park und danach ein wenig shoppen.“ Sie hängte sich den Riemen ihrer großen Tasche über die Schulter. „Mein Bus fährt gleich. Wir sehen uns morgen.“

„Bis morgen“, bestätigte Sarah.

Als sich die Tür hinter Maria geschlossen hatte, ertönte aus dem Salon eine helle Stimme, der man ihr Alter kaum anmerkte. „Sarah? Bist du das?“

„Ja, Grandma.“

Sie stellte ihre Tasche auf ein vergoldetes Rokokoschränkchen und ging den Flur entlang, dessen Fußboden aus rosafarbenem Marmor bestand. Bisher war es der Herzogin erspart geblieben, ihre antiken Möbel und die Kunstwerke verkaufen zu müssen, die sie erworben hatte, als sie damals nach New York gekommen war. Doch Sarah war klar, dass es bald soweit sein konnte.

„Du bist früh zu Hause.“

Charlotte saß in ihrem Lieblingssessel, einen Aperitif in der Hand. Mehr als einen trank sie nie, aber auch den hatte ihr der Arzt eigentlich verboten. Als Sarah in das schmale Gesicht ihrer Großmutter mit den blassblauen Augen und der aristokratischen Nase blickte, wallte eine solche Zuneigung in ihr auf, dass sie schlucken musste, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken.

„Ja, bin ich.“

Sie hätte wissen müssen, dass Charlotte ihr sofort anmerkte, dass etwas nicht stimmte.

„Du klingst nicht besonders fröhlich“, bemerkte ihre Großmutter und runzelte die Stirn. „Ist im Büro etwas vorgefallen?“

„Nein, eigentlich nicht.“ Sarah zwang sich zu einem Lächeln und goss sich ein Glas Weißwein ein. „Alexis hat wegen dem Layout für das Skiresort genervt. Ich musste fast alles ändern.“

Die Herzogin rümpfte die Nase. „Ich weiß gar nicht, weshalb du für diese Frau arbeitest.“

„Ganz einfach: Weil sie die Einzige war, die mich einstellen wollte.“

„Sie wollte bloß deinen Titel“, gab ihre Großmutter zurück.

Das stimmte leider.

„Zum Glück hast du aber nicht nur einen Adelstitel zu bieten, sondern auch ein Gespür für Gestaltung“, fügte Charlotte besänftigend hinzu.

„Trotzdem kann ich mich glücklich schätzen“, meinte Sarah lachend. „Nicht jeder gibt einer Kunsthistorikerin die Chance, für ein führendes Modemagazin zu arbeiten.“

„Deine Karriere ist ganz allein dein Verdienst. Du hast dich in drei Jahren von der Assistentin zur Redakteurin hochgearbeitet“, widersprach Charlotte. „Habe ich dir eigentlich schon gesagt, wie stolz ich auf dich bin?“

„Tausend Mal, Grandma.“

Sie verbrachten die nächste halbe Stunde miteinander, ehe Charlotte verkündete, sie würde vor dem Dinner noch ein kleines Nickerchen machen. Sarah widerstand der Versuchung, ihr beim Aufstehen zu helfen, und lauschte wenig später dem Geräusch, als ihre Großmutter, mühsam auf den Stock gestützt, ins Schlafzimmer humpelte. Danach ging Sarah in die Küche, bereitete einen Salat aus frischem Spinat zu und übergoss das Hühnchen, das Maria bereits in den Ofen geschoben hatte. Nachdem sie sich die Hände gewaschen hatte, kehrte sie in den Salon zurück und schaltete ihren Laptop ein.

Zwar erinnerte sie sich ganz gut an den Artikel, den Beguile über Devon Hunter gebracht hatte, doch sie wollte mehr über ihn herausfinden, ehe sie morgen Abend mit ihm die Klingen kreuzte.

2. KAPITEL

Von seinem Fensterplatz aus hatte Dev einen guten Überblick, und er konnte nicht anders, als Sarah St. Sebastian zu bewundern, als sie das Restaurant betrat. Groß und schlank, wie sie war, bewegte sie sich mit graziöser Eleganz. Heute trug sie ihr schwarzes Haar offen, und es gefiel ihm, wie es in weichen Wellen bis auf ihre Schultern fiel. Ihr kurzer, kastenförmiger Blazer war helllila. Seine Schwestern hätten diese Farbe vermutlich „Flieder“ genannt. Sarahs schwingender schwarzer Rock reichte ihr bis kurz übers Knie, dazu trug sie Stiefel.

Obwohl er mit vier Schwestern aufgewachsen war, beschränkte sich Devs Sinn für Mode auf das Nötigste. Eine Frau sah entweder gut aus oder nicht. Und diese Frau hier sah verdammt gut aus.

Er war ganz offensichtlich nicht der Einzige, der so dachte, denn Sarah zog im Restaurant alle Blicke auf sich, während der Oberkellner sie zu Devs Tisch geleitete. Männer, die allein waren, schauten unverhohlen bewundernd herüber. Solche, die in Begleitung waren, taten es etwas diskreter. Viele der anwesenden Frauen gönnten Sarah jene beiläufig musternden Blicke, mit denen sie sofort jedes Detail ihrer Frisur, ihres Outfits, ihrer Schuhe und ihres Schmucks beurteilten.

Woher nahmen sie bloß all das Wissen? Wenn Dev den Laderaum eines Flugzeugs betrat, sah er sofort, wo etwas klemmte oder rostete. Doch seitdem dieser bescheuerte Artikel über ihn erschienen war, wurde ihm langsam klar, dass seine Beobachtungsgabe nicht mit der von Frauen konkurrieren konnte.

Zunächst hatte er nur darüber gelacht, als er unter die zehn sexiest Singles gewählt worden war. Was blieb ihm auch anderes übrig, wenn seine Schwestern, seine Schwäger und seine Nichten und Neffen ihn ständig damit aufzogen? Außerdem gefiel es ihm irgendwie, einer der angeblich begehrtesten Junggesellen der Welt zu sein.

Doch dann hatten ihn Frauen mitten auf der Straße angesprochen und ihm zu verstehen gegeben, dass sie verfügbar waren. Kellnerinnen stürzten auf ihn zu, sobald er ein Restaurant betrat, um seine Bestellung aufzunehmen und ihm gleichzeitig eindeutige Angebote zu machen. Auf Cocktailpartys, die er aus geschäftlichen Gründen besuchen musste, war es ihm peinlich, mitansehen zu müssen, wie Frauen sich seinetwegen lächerlich machten.

Bisher war es ihm meist gelungen, den Netzen, die nach ihm ausgeworfen wurden, zu entkommen. Bei der Ehefrau eines potenziellen französischen Geschäftspartners, mit dem er in Verhandlungen über einen millionenschweren Deal stand, lag die Sache jedoch anders. Als er neulich in Paris gewesen war, hatte Elise Girault sich ihm ohne Umschweife an den Hals geworfen. Da hatte er begriffen, dass er etwas unternehmen musste, um diese lästigen Annäherungsversuche ein für alle Mal zu unterbinden.

In Lady Eugenia Amalia Therèse St. Sebastian glaubte er, das passende Gegenmittel gefunden zu haben. Die bildschöne Blondine war so fotogen, dass kein Paparazzo ihm auch nur einen Blick gönnen würde, wenn sie in der Nähe war.

Leider entpuppte sich Gina St. Sebastian als Fehlgriff. Eine halbe Stunde in ihrer Gesellschaft genügte Dev, um zu kapieren, dass sie ebenso kapriziös wie schön war. Und dann hatte sie auch noch das Medaillon geklaut. Damit war sein Plan gescheitert.

Glücklicherweise, dachte Dev, als er aufstand, um die attraktive Dunkelhaarige zu begrüßen, die der Kellner an seinen Tisch führte.

Sarah St. Sebastian besaß Haltung, Eleganz und jene unvergleichliche Aura alten europäischen Adels. Daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, dass das kleine osteuropäische Großherzogtum, dem die St. Sebastians entstammten, schon lange nicht mehr existierte.

Dumm gelaufen für Charlotte St. Sebastian und ihre Enkelinnen. Gut gelaufen für Dev Hunter. Zwar hatte Lady Sarah davon noch keine Ahnung, doch sie würde ihm helfen, sich aus dem Schlamassel zu befreien, in das der Artikel in Beguile ihn gebracht hatte.

„Guten Abend, Mr. Hunter“, sagte sie kühl.

„Guten Abend, Ms. St. Sebastian.“

Dev wartete, bis sie sich gesetzt hatte, ehe auch er wieder Platz nahm.

Diensteifrig fragte der Kellner: „Möchten Sie einen Cocktail oder ein Glas Wein vor dem Dinner, Madam?“

„Nein, danke. Ich werde auch nichts essen“, lehnte sie ab, als er ihr die Speisenkarte anbot. Mit einem eisigen Blick maß sie Dev. „Ich bleibe nur ein paar Minuten. Danach überlasse ich Mr. Hunter seinem Dinner.“

„Möchten Sie wirklich nichts essen?“, fragte Dev, sobald der Kellner sich entfernt hatte.

„Nein, möchte ich nicht.“ Sie legte die locker verschränkten Hände auf den Tisch und ging sofort in die Offensive. „Wir sind nicht hier, um Höflichkeiten auszutauschen, Mr. Hunter.“

Dev lehnte sich zurück und betrachtete Sarah aufmerksam. Ihr Gesicht mit den hohen Wangenknochen, der aristokratischen Nase, den grünen Augen und den vollen, sinnlichen Lippen faszinierte ihn. Sie hätte einem berühmten Renaissance-Bildhauer Modell stehen können. Bloß, dass er keine Ahnung hatte, welchem.

„Stimmt“, gab er zu. „Haben Sie mit Ihrer Schwester gesprochen?“

„Ich habe sie leider noch nicht erreicht.“

„Geht mir genauso. Was tun wir jetzt?“

„Ich schlage vor, Sie gedulden sich noch eine Weile.“ Sie versuchte ein Lächeln. „Geben Sie mir Zeit, Gina zu kontaktieren, ehe Sie das Medaillon als vermisst oder …“

„Gestohlen melden“, ergänzte er.

Ihre Miene versteinerte. „Gina hat nichts gestohlen, Mr. Hunter. Es scheint, dass sie es aus irgendeinem Grund an sich genommen hat, aber ich bin sicher, sie wird es Ihnen zurückgeben. Baldmöglichst.“

Dev ließ das Eis in seinem Whiskyglas kreisen, ehe er die Falle langsam zuschnappen ließ. „Je länger ich mit einer Anzeige warte, desto größer ist das Risiko, dass meine Versicherung sich weigert zu zahlen.“

„Geben Sie mir noch vierundzwanzig Stunden, Mr. Hunter. Bitte.“

Sie hasste es, um etwas bitten zu müssen. Das konnte er an ihrer angespannten Miene und ihren verkrampften Händen sehen.

„Na gut. Noch vierundzwanzig Stunden. Falls Ihre Schwester das Medaillon bis dahin nicht zurückgegeben hat, werde ich …“

„Ich bin sicher, dass sie das tun wird.“

„Und wenn nicht?“

Wieder atmete sie tief und zitternd ein. „Dann werde ich Ihnen den Wert erstatten.“

„Wie denn?“

Sie schob das Kinn vor und sah ihn angriffslustig an. „Es wird eine Weile dauern“, gab sie zu. „Wir müssten wohl Ratenzahlung vereinbaren.“

Dev verachtete sich gerade selbst. Wenn er nicht in diesen Verhandlungen mit den Franzosen stecken würde, dann hätte er diese Farce hier und jetzt beendet. Er stellte das Kristallglas ab und beugte sich vor. „Seien wir ehrlich miteinander, Ms. St. Sebastian. Ich habe Erkundigungen über Sie und Ihre kleine leichtsinnige Schwester eingezogen. Sie haben Gina schon oft aus der Patsche geholfen, und Sie sorgen für den Unterhalt Ihrer Großmutter. Es gelingt Ihnen kaum, all ihre Arztrechnungen zu bezahlen. Wie wollen Sie mir da jemals den Wert dieses einmaligen Kunstwerks erstatten?“

Sie war blass geworden, doch ihre grünen Augen funkelten wütend. Ehe sie jedoch etwas erwidern konnte, sagte Dev rasch: „Ich habe einen anderen Vorschlag.“

„Und der wäre?“

„Ich brauche eine Verlobte.“

Verblüfft sah sie ihn an. „Wie bitte?“

„Ich brauche eine Verlobte“, wiederholte er. „Eigentlich dachte ich, Gina wäre die passende Wahl, aber nach einer halben Stunde in ihrer Gesellschaft habe ich diesen Plan aufgegeben. Wer sich mit Ihrer Schwester verlobt, braucht starke Nerven.“

„Meine Schwester ist warmherzig, großzügig und ein wunderbarer Mensch“, korrigierte Sarah ihn sofort.

„Mag sein, aber sie ist verschwunden“, meinte er lässig. „Sie dagegen sind verfügbar. Außerdem sind Sie mir etwas schuldig.“

„Ich soll Ihnen etwas schuldig sein?“

„Sie und die Zeitschrift, für die Sie arbeiten“, erklärte er und konnte nicht verhindern, dass sein Ärger durchschien. „Wissen Sie eigentlich, von wie vielen Verehrerinnen ich seit diesem Artikel verfolgt werde? Ich kann mir noch nicht einmal ein Sandwich kaufen, ohne dass irgendeine Frau ihre Telefonnummer auf einen Zettel kritzelt und versucht, ihn mir in die Tasche zu stopfen.“

„Oh, das tut mir aber leid“, erwiderte sie ironisch.

„Sie finden das vielleicht lustig, aber ich nicht. Vor allem jetzt nicht, wo ich einen millionenschweren Deal über die Bühne bringen muss.“

„Hat der dritte Platz auf unserer Liste der zehn super sexy Singles tatsächlich Einfluss auf Ihre geschäftlichen Unternehmungen?“, erkundigte sich Sarah. „Wie kann das sein?“ Gleich darauf dämmerte es ihr, und ein Grinsen breitete sich auf ihren Zügen aus. „Oh! Warten Sie! Ich verstehe. Sie können sich vor lauter Dates nicht konzentrieren.“

„Unsinn. Mein Problem ist, dass ich der Ehefrau meines französischen Geschäftspartners nicht ins Gesicht sagen kann, sie solle ihre Finger von mir lassen.“

„Und statt sie mit ihrem unmöglichen Benehmen zu konfrontieren, wollen Sie sich lieber hinter einer Verlobten verstecken“, antwortete sie, und obwohl sie sich zurückhielt, war ihre Verachtung deutlich zu spüren.

In diesem Augenblick blieb eine schlanke, hochgewachsene Rothaarige auf dem Weg zu ihrem Tisch unvermittelt neben Dev stehen. „Wir kennen uns doch irgendwoher“, flötete sie und legte kokett den Kopf schief. „Helfen Sie mir. Wo haben wir uns schon mal gesehen?“

„Wir kennen uns keineswegs“, erwiderte Dev höflich, aber kühl.

„Sind Sie sicher? Ich vergesse niemals ein Gesicht. Oder …“ Sie lächelte verführerisch. „Oder einen knackigen Po.“

Hunter verzog das Gesicht, und Sarah freute sich über seine Verlegenheit. Er hatte es verdient.

Aber eigentlich auch wieder nicht.

Schließlich hatte Beguile jenes Foto aus der Umkleidekabine veröffentlicht, und nur, weil Hunters Gesicht nicht genau zu erkennen war, konnte er das Magazin nicht verklagen. Außerdem hatte er sich bisher sehr großzügig verhalten, was das verschwundene Medaillon anging. Er hätte auch sofort zur Polizei gehen können.

Trotzdem hatte sie nicht die geringste Lust, ihm aus der Klemme zu helfen. Warum sie es dennoch tat, wusste sie nicht. Jedenfalls hätte Großherzogin Charlotte ihre Freude daran gehabt zu hören, wie Sarah in hoheitsvollem Ton zu der Rothaarigen sagte: „Verzeihung, ich denke, mein Verlobter hat Ihnen hinlänglich klargemacht, dass er Sie nicht kennt. Wenn Sie uns nun bitte allein lassen würden. Wir möchten uns weiter unterhalten.“

Die Frau errötete heftig. „Ja, natürlich. Tut mir leid, dass ich Sie gestört habe.“ Damit eilte sie davon, und Sarah lehnte sich gelassen auf ihrem Stuhl zurück.

„Genau deshalb brauche ich Sie“, sagte Dev begeistert und grinste sie verschwörerisch an.

Ein Prickeln durchlief Sarah. Der Mann war verdammt attraktiv, wenn er nicht gerade arrogant und hochnäsig daherkam. Sein Lächeln war ansteckend, und er trug zwar einen Anzug, dazu aber einen offenen Hemdkragen. Jetzt, am Abend, umrahmte ein dunkler Bartschatten sein markantes Gesicht. Er sah aus wie eines jener sexy Männermodels in Beguile, nur viel natürlicher.

Die Informationen, die Sarah über ihn zusammengetragen hatte, ließen ihn ebenfalls in einem guten Licht erscheinen. Es war gar nicht so leicht gewesen, sich jene Informationen zu beschaffen, denn er war dafür bekannt, dass er seine Privatsphäre schützte. Deshalb hatte Beguile ja auch kein persönliches Interview bekommen und sich mit einem zusammengestoppelten Artikel begnügen müssen.

Die Details, die sie gestern ausgegraben hatte, ergaben ein faszinierendes Bild. Ihr war bereits bekannt gewesen, dass Devon Hunter direkt nach der Schule in die Air Force eingetreten war und dort verantwortlich für die Beladung der großen Frachtmaschinen gewesen war. Was sie nicht wusste, war, dass er während seiner Militärzeit studiert und einen Master gemacht hatte. Daneben war er oft in Krisengebieten im Einsatz gewesen.

Bei einem dieser Einsätze hatte es mitten unter Feindbeschuss einen Schaden an der Laderampe des Transportflugzeugs gegeben. Hunter hatte in dieser gefährlichen Situation einen Notbehelf entwickelt, mit dem die Laderampe doch noch geschlossen und hunderte somalische Flüchtlinge in Sicherheit gebracht werden konnten. Bald darauf hatte er die Air Force verlassen und sich jene Maßnahme patentieren lassen. Mittlerweile war das Konzept perfektioniert worden und kam weltweit in der militärischen und zivilen Luftfahrt zum Einsatz.

Mit diesem Patent hatte Hunter ein Unternehmen gegründet und die erste Million verdient. Der Rest war Geschichte. Sarah konnte nirgendwo eine genaue Zahl finden, wie viel das Unternehmen mittlerweile wert war, aber immerhin konnte er sich mühelos Kunstwerke von unschätzbarem Wert leisten. Und damit war sie wieder bei der Ausgangssituation angelangt …

„Mr. Hunter, das Ganze …“

„Dev“, unterbrach er sie immer noch lächelnd. „Da wir nun verlobt sind, sollten wir uns das Formelle sparen. Ich weiß, dass Sie ein halbes Dutzend Vornamen haben. Soll ich Sie Sarah, Elizabeth oder Marie-Adele nennen?“

„Sarah“, erwiderte sie. „Aber wir sind nicht verlobt.“

„Der Rotschopf da drüben denkt, wir wären es.“

„Ich mochte ihren Auftritt einfach nicht.“

„Ich auch nicht.“ Er wurde ernst. „Daher mein Angebot. Lassen Sie mich erläutern, worum es geht, damit wir uns nicht missverstehen. Sie erklären sich bereit, für sechs Monate meine Verlobte zu sein. Eventuell dauert es gar nicht so lange, wenn es mir gelingt, mit den Franzosen früher zum Abschluss zu kommen. Als Gegenleistung vernichte ich die Videoaufzeichnung und gehe nicht zur Polizei.“

„Aber das Medaillon! Sie haben gesagt, es sei mindestens hunderttausend englische Pfund wert.“

„Ich glaube Ihnen einfach, dass Gina es zurückgeben wird. In der Zwischenzeit …“ Er hob sein Glas. „Auf uns, Sarah.“

Sie fühlte sich wie die sprichwörtliche Maus in der Falle und suchte verzweifelt nach einem Ausweg. „Sie haben doch versprochen, mir noch vierundzwanzig Stunden Zeit zu geben. Die Abmachung gilt erst, wenn die vorbei sind. Einverstanden?“

Bestimmt würde Gina sich bald melden. Dann konnten sie sich aus dieser Zwickmühle befreien. Mit dieser Hoffnung stand sie auf. „Bis morgen also, Mr. Hunter.“

„Dev“, korrigierte er und erhob sich ebenfalls.

„Sie brauchen mich nicht zur Tür zu bringen. Bleiben Sie und genießen Sie Ihr Dinner.“

„Um ehrlich zu sein, habe ich vor lauter Hunger vorhin schon etwas in einem koreanischen Imbiss gegessen“, gab er zu und legte ein paar Geldscheine auf den Tisch. „Tacos“, fügte er hinzu. „Seltsam. Ich war schon oft in Korea, aber Tacos gab es dort nie.“

Er bot Sarah den Arm in einer Geste, die selbst ihre Großmutter gutgeheißen hätte. Sie ging darauf ein, obwohl seine Nähe sie nervös machte. Er war so groß, so kraftvoll, so … ja, so anziehend.

Als sie am Tisch des Rotschopfs vorbeikamen, genügte ein Blick Sarahs, und die Frau konzentrierte sich angestrengt auf ihre Speisekarte.

„Ich rufe Ihnen ein Taxi“, sagte Hunter, als sie das Restaurant verlassen hatten.

„Ich habe es nicht weit.“

„Es ist fast dunkel. Mir ist klar, dass Sie hier zu Hause sind, aber mir ist einfach wohler bei dem Gedanken, dass Sie ein Taxi nehmen.“

Sarah widersprach ihm nicht. Es war tatsächlich schon dunkel, und außerdem war es ziemlich kühl geworden. Gegenüber brannten die Laternen im Central Park, und die Künstlerin in ihr bewunderte die goldenen Sprenkel, die den Park durchzogen. Sarah ließ ihren Blick noch weiter wandern, doch sie bereute es gleich darauf, denn durch das Fenster des Restaurants konnte sie die Rothaarige sehen, die unverhohlen glotzte und dabei hektisch telefonierte. Wer auch immer am anderen Ende der Leitung war – er erfuhr gerade den neuesten Klatsch. Super Sexy Single Nummer drei war verlobt!

Mit einem Mal hatte Sarah das Gefühl, der Boden schwanke unter ihren Füßen. New York City lebte vom Klatsch über seine Prominenten. Talkshows, Zeitschriften, Boulevardzeitungen – alle zahlten gut für Insider-Informationen.

Und gerade hatte Sarah ihnen eine solche Information geliefert. Angewidert von sich selbst, weil sie einem Impuls nachgegeben hatte, hätte sie am liebsten laut geflucht, doch sie unterdrückte den Drang, weil sie wusste, dass ihre Großmutter sie dafür getadelt hätte. Jetzt hatte auch Hunter entdeckt, was in dem Restaurant vor sich ging. Er hielt sich nicht zurück und fluchte kräftig.

„Das erscheint jetzt in einem ähnlichen Schundheft wie Beguile, stimmt’s?“, fragte er wütend.

Obwohl Sarah manche Artikel in der Zeitschrift grenzwertig fand, wollte sie diesen Kommentar nicht hinnehmen. „Beguile ist kein Schundblatt, sondern eines der führenden Modemagazine für Frauen. Und zwar sowohl national als auch international.“

Sämtliche Sympathien für Hunter waren erloschen. Er wirkte wieder genau so unnahbar und arrogant wie bei ihrer ersten Begegnung, als er sich ihr zuwandte, einen grimmigen Zug um den Mund.

„Da wir anscheinend morgen sowieso in der Klatschpresse auftauchen werden, können wir denen auch noch ein bisschen Futter geben“, bemerkte er mit seltsam rauer Stimme.

Sarah erkannte an seinem eindringlichen Blick, was er vorhatte. „Tun Sie nichts Unüberlegtes, Mr. Hunter.“

„Dev“, korrigierte er. „Sagen Sie es, Sarah. Dev.“

„Na gut, Dev. Sind Sie nun zufrieden?“

„Nein, noch nicht ganz.“

Er umfasste ihre Taille und zog sie schwungvoll an sich, aber er gab ihr noch eine Sekunde Zeit zu protestieren.

Hinterher fielen Sarah tausend Argumente ein, die sie hätte anbringen können. Zum Beispiel, dass sie Hunter nicht mochte. Oder dass er sie mit Ginas unmöglichem Verhalten erpresste. Oder dass er arrogant war und viel zu sexy für ihren Geschmack.

Doch in diesem Moment schaute sie einfach nur in seine gefährlich funkelnden blauen Augen und überließ sich jener explosiven Mischung aus Schuldgefühlen, Sorge und prickelnder Erwartung.

3. KAPITEL

Sarah war schon oft geküsst worden. Ziemlich oft sogar, um genau zu sein. Zwar hatte sie nicht so viele Liebhaber gehabt wie Gina, aber während ihrer High-School-Zeit und auf dem College war sie nie lange ohne eine Beziehung gewesen. Zweimal war sie sogar kurz davor gewesen, sich ernsthaft zu verlieben. Damals in jenen hinreißenden Italiener, mit dem sie eine aufregende Woche in Florenz verbracht hatte. Und vor Kurzem in einen charismatischen jungen Anwalt, der von einer politischen Karriere träumte. Diese Beziehung war allerdings abrupt in die Brüche gegangen, als Sarah herausgefunden hatte, dass ihm mehr an ihrer Herkunft und ihrem Adelstitel gelegen war als an ihr selbst.

Doch nicht einmal mit ihrem italienischen Lover hatte sie öffentlich Zärtlichkeiten ausgetauscht. Ganz abgesehen von den strengen Ansichten ihrer Großmutter, die ihr eine Zurschaustellung ihrer Gefühle verboten, war sie einfach nicht der extrovertierte Typ. Und jetzt lag sie hier mitten auf dem Gehsteig in den Armen eines Fremden und bot sowohl Passanten als auch den Restaurantgästen ein pikantes Schauspiel. Einerseits war es ihr unglaublich peinlich, andererseits … Andererseits genoss sie Devon Hunters Kuss über alle Maßen.

Falls Beguile jemals eine Liste der zehn besten Küsser veröffentlichen würde, so verdiente Dev den Spitzenplatz. Seine Lippen fühlten sich so gut an, und obwohl der Kuss nicht besitzergreifend war, forderte er doch eine Reaktion von ihr.

Sarah ließ sich nicht zweimal bitten. Der leichte Whiskygeschmack auf seiner Zunge erregte sie ebenso wie sein raues Kinn an ihrer Haut. Verlangend presste sie ihre Hände an seine breite, muskulöse Brust.

Hunter küsste sie hungrig, nahm und gab ihr gleichzeitig alles. Es war ein magischer Moment, und als sie sich voneinander lösten, bemerkte Sarah, dass auch er überrascht war von dem, was gerade geschehen war.

„Es tut mir leid“, sagte er knapp und ließ sie los. „Das war unmöglich von mir.“

Sarah unterließ es, ihn darauf hinzuweisen, dass sie sich nicht gerade gewehrt hatte. Es dauerte eine Weile, bis sie wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. Irgendwann bemerkte sie jedoch, dass die Leute im Restaurant ungeniert herüberstarrten. Die Rothaarige hielt ihr Smartphone ganz offen in ihre Richtung.

„Unmöglich oder nicht“, erwiderte Sarah seufzend, „Sie sollten jedenfalls damit rechnen, dass dieser Kuss den Weg auf eine Zeitungsseite findet. Vermutlich besitzt das Handy Ihrer Freundin dort drinnen eine Kamera.“

Er schaute in die Richtung, die sie wies. „Äußerst wahrscheinlich.“

„So ein Mist“, murmelte sie. „Meine Chefin wird toben.“

„Werden Sie Probleme in Ihrem Job bekommen?“, fragte Hunter ehrlich besorgt. „Wenn ein anderes Schundblatt … ein anderes Magazin die Story von unserer Verlobung als Erstes bringt?“

„Zunächst einmal sind wir noch gar nicht verlobt“, gab sie zurück. „Und außerdem brauchen Sie sich keine Gedanken über meinen Job zu machen.“

Dabei wusste sie genau, dass Alexis ihr eine Riesenszene machen würde, sobald sie das heiße Foto von Sarah und Nummer drei in der Zeitung entdeckte. Dagegen war ein Tornado ein kleines Sommergewitter.

Und außerdem gab es da ja auch noch die Großherzogin.

„Mich beunruhigt der Gedanke an meine Großmutter viel mehr“, gab Sarah zögernd zu. „Wenn sie etwas erfährt, ehe es mir gelungen ist, den Schlamassel aus der Welt zu schaffen …“

Während sie überlegte, nagte sie an ihrer Unterlippe. Überraschenderweise schlug Hunter eine Lösung für zumindest eines der Probleme vor.

„Wissen Sie was?“, begann er. „Ich könnte Sie doch heute Abend nach Hause bringen. Dann stellen Sie mich Ihrer Großmutter vor. Wenn sie mich erst kennt, wird das, was danach passiert, sie nicht mehr so schockieren.“

Als Beweis dafür, wie verzweifelt Sarah war, dachte sie tatsächlich über diese Möglichkeit nach. Doch dann schüttelte sie den Kopf. „Das geht nicht. Es würde die Situation noch komplizierter machen, als sie ohnehin schon ist.“

„Na gut. Ich wohne im Waldorf Astoria. Rufen Sie mich an, wenn Sie über meinen Vorschlag nachgedacht haben. Falls ich innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden nichts von Ihnen höre, gehe ich davon aus, dass Sie sich als meine Verlobte betrachten.“

Damit trat er an den Bordstein und winkte ein Taxi heran, das sie ins Dakota bringen sollte. Sobald Sarah auf dem Rücksitz saß, sank sie in sich zusammen. Immer noch spürte sie Devs Mund auf ihren Lippen. Die Gefühle, die sein Kuss in ihr ausgelöst hatte, verwirrten sie mindestens ebenso sehr wie die scheinbar ausweglose Situation, in die Gina sie gebracht hatte.

Als sie das Apartment betrat, war Maria gerade dabei, die Spülmaschine auszuräumen.

Hola, Sarah.“

Hola, Maria. Wie war es heute?“

„Gut. Wir sind im Park spazieren gegangen.“ Sie stellte den letzten Teller in den Schrank und schloss die Spülmaschine, ehe sie noch einmal über die marmorne Arbeitsplatte wischte. „Wir haben Sie noch gar nicht erwartet“, sagte die Haushälterin, während sie ihren Mantel nahm, der über einer Stuhllehne hing. „La Duquesa hat früh zu Abend gegessen und ist dann zu Bett gegangen. Vor ein paar Minuten habe ich noch einmal nach ihr geschaut. Da hat sie friedlich geschlummert.“

„Okay. Danke, Maria.“

„Gern geschehen, Chica.“ Die Ecuadorianerin zog ihren Mantel an und nahm ihre riesige Handtasche. Auf halbem Weg nach draußen drehte sie sich um und rief: „Fast hätte ich es vergessen. Gina hat angerufen.“

„Wann?“

„Vor ungefähr einer halben Stunde. Sie meinte, du hättest ihr ein paar SMS geschickt.“

„Ein paar?“, fuhr Sarah auf. „Mindestens zwanzig!“

„Verstehe.“ Maria lächelte. „So ist Gina halt.“

„Ich weiß“ Sarah seufzte schicksalsergeben. „Hat sie gesagt, wo sie sich gerade befindet?“

„Am Flughafen von Los Angeles. Sie wollte bloß wissen, ob alles in Ordnung ist, ehe sie in den Flieger steigt.“

„In den Flieger? Wohin will sie denn?“

Maria runzelte die Stirn. „In die Schweiz, glaube ich. Oder war es Swasiland?“

Wie sie Gina kannte, konnte beides der Fall sein. Panik stieg in Sarah auf. In Europa konnte man ein byzantinisches Kunstwerk sicher noch besser verkaufen.

Hastig verabschiedete sie sich von Maria und kramte in ihrer Handtasche nach ihrem Handy. Sie musste ihre Schwester erreichen, ehe der Flieger abhob. Ein Blick aufs Display zeigte ihr eine neue Nachricht an. Anscheinend hatte sie den Signalton überhört, während sie in Dev Hunters Armen lag.

Die SMS war kurz und typisch für Gina.

Hab den süßesten Skilehrer der Welt kennengelernt.

Fliege mit ihm in die Schweiz. Melde mich später.

Sofort drückte Sarah die Kurzwahl und hoffte, dass sie ihre Schwester noch erwischte, doch es meldete sich nur die Mailbox. Also schrieb sie eine SMS und wartete, an den Küchentresen gelehnt, auf Antwort.

Doch sie hatte kein Glück. Wahrscheinlich war der Handyakku ihrer Schwester mal wieder leer, und wahrscheinlich vergaß sie auch, das Ding aufzuladen. Es konnte Tage dauern, bis sie wieder erreichbar war.

In ihrem Kopf begann eine Uhr zu ticken, laut und bedrückend. Hunter hatte ihr vierundzwanzig Stunden Zeit gegeben. Jetzt waren es nur noch dreiundzwanzig. Was sollte sie nur tun?

Leise klopfte sie an die Schlafzimmertür ihrer Großmutter, und als keine Antwort kam, trat sie auf Zehenspitzen ein. Die Herzogin saß halb aufrecht im Bett, gestützt von Kissen, doch ihre Augen waren geschlossen, und ein Buch lag aufgeschlagen auf der Bettdecke.

Sarah betrachtete sie einen Moment lang liebevoll. Dann schlich sie zum Bett und versuchte, ihrer Großmutter das Buch aus den Händen zu nehmen, ohne sie aufzuwecken. Ohne Erfolg, denn Charlotte öffnete sofort die Augen, blinzelte ein paarmal und lächelte dann.

„Wie war dein Dinner?“, wollte sie wissen.

Sarah konnte nicht lügen, aber zumindest ausweichen. „Das Restaurant ist edel und würde dir gefallen. Wir sollten deinen Geburtstag dort feiern.“

„Wen interessiert schon mein Geburtstag“, wehrte ihre Großmutter ab und klopfte einladend auf die Matratze. „Setz dich und erzähl mir von Eugenias Freund. Glaubst du, es ist diesmal etwas Ernstes?“

„Es ist eher eine lockere Bekanntschaft“, erklärte Sarah. „Gina hat mir vorhin eine SMS geschickt, dass sie mit einem süßen Skilehrer in die Schweiz geflogen ist. Wohlgemerkt, das sind ihre Worte, nicht meine.“

„Das Mädchen bringt mich noch unter die Erde“, bemerkte Charlotte resigniert.

Nicht, wenn Sarah es verhindern konnte. Die Uhr in ihrem Kopf tickte aufdringlich, und in ihrer Verzweiflung griff Sarah nach dem Strohhalm, den Hunter ihr angeboten hatte, und versuchte, ihre Großmutter auf die kommenden Ereignisse schonend vorzubereiten.

„Ich kenne den Mann besser als Gina“, bekannte sie.

„Den Skilehrer?“

„Nein, Devon Hunter, den Mann, mit dem ich mich heute Abend getroffen habe.“ Wider Willen musste sie grinsen. „Du kennst ihn auch. Er war die Nummer drei der Super Sexy Singles in unserem Magazin.“

„Du meine Güte, Sarah, du weißt genau, dass ich mir Beguile nur anschaue, weil du für das Layout verantwortlich bist. Der Inhalt interessiert mich nicht.“

„Dann war es wohl Maria, die die Seite markiert hat“, meinte Sarah amüsiert.

Charlotte rümpfte ihre aristokratische Nase, und Sarah fürchtete schon eine Rüge. Doch diesmal verpuffte die Geste, und die Herzogin lächelte. „Ist er auch im wirklichen Leben so scharf wie auf den Fotos?“

„Schärfer“, gab Sarah zu. „Deshalb habe ich ihn auch mitten auf der Straße geküsst.“

„Wie bitte? Du hast ihn in aller Öffentlichkeit geküsst?“ Charlotte wirkte nicht begeistert, doch darunter schimmerte Neugier hindurch. „Das ist so ordinär, Liebes.“

„Ja, ich weiß. Schlimmer noch – eine aufdringliche Rothaarige hat Devon im Restaurant erkannt und ihn angemacht. Sie hat Fotos von uns geschossen. Wahrscheinlich sind wir morgen in irgendeinem Klatschblatt auf der Titelseite.“

„Das möchte ich nicht hoffen!“ Charlotte runzelte die Stirn, stellte dann aber etwas fest, was auch Sarah bereits durch den Kopf gegangen war: „Alexis kriegt einen Nervenzusammenbruch, wenn so ein Foto in einem anderen Blatt erscheint als in Beguile. Du solltest sie warnen.“

„Das habe ich vor.“ Sarah warf einen Blick auf die Pillenschachtel und das Glas Wasser auf dem Nachttisch. „Hast du deine Medikamente genommen?“

„Ja, habe ich.“

„Bist du sicher? Manchmal schläfst du ein und vergisst sie.“

„Ich habe alle genommen, Kleines. Mach dir nicht immer so viele Sorgen.“

„Das ist mein Job.“ Sie küsste Charlotte auf die Wange, wobei ihr der zarte Duft nach Lilien in die Nase stieg. „Gute Nacht, Grandma.“

„Gute Nacht.“

Sarah kam bis zur Tür, als die Stimme der Herzogin sie noch einmal innehalten ließ. „Bring diesen Mr. Hunter morgen Abend auf einen Drink mit. Ich würde ihn gern kennenlernen.“

„Aber ich weiß doch gar nicht, ob er Zeit hat.“

„Egal“, wischte Charlotte ihren Einwand beiseite. „Ich bin sicher, er kann sich ein Stündchen freimachen.“

Als Sarah endlich im Bett lag, konnte sie nicht einschlafen. Was war schlimmer? Die Aussicht, sich zum Schein mit Devon Hunter zu verloben, der Krach mit ihrer Chefin, wenn diese herausfand, dass ein zweideutiges Foto ihrer Mitarbeiterin in einem Konkurrenzblatt erschienen war, oder die Halbwahrheiten, die sie ihrer Großmutter erzählen musste?

Am nächsten Morgen angelte sie sofort nach ihrem Handy. Keine SMS von Gina. Keine Mail und keine Nachricht auf der Mailbox.

„Ich könnte dich umbringen, Gina“, rief sie, schlug die Decke zurück und stürmte wütend ins Bad. Wie die anderen Räume des Apartments verfügte es über eine hohe Stuckdecke. Es war in den vergangenen Jahren modernisiert worden, doch die große Badewanne mit ihren Löwenfüßen stammte noch aus der Bauzeit des Hauses. Wann immer sie Zeit hatte, entspannte sich Sarah bei einem ausgiebigen Bad, doch an diesem Morgen hatte sie es viel zu eilig. Also duschte sie nur kurz, föhnte ihre Haare und schlüpfte in eines der ehemaligen Lieblingskleider ihrer Großmutter.

Das Minikleid von Pierre Balmain war schiefergrau und in einer klassischen A-Linie geschnitten. Charlotte hatte ihr erzählt, dass man solche Kleider in den Sechzigern mit weißen Lackstiefeln getragen hatte. Das kam für Sarah allerdings nicht infrage. Viel zu schräg. Stattdessen wählte sie eine schwarze Strumpfhose und dazu Pumps von Giuseppe Zanotti, die sie in einem Secondhandladen gefunden hatte. Als Schmuck rundete eine mehrlagige Perlenkette das Outfit ab. Modeschmuck natürlich, keine echten Perlen.

Glücklicherweise frühstückte ihre Großmutter recht spät zusammen mit Maria. Daher trank Sarah nur rasch eine Tasse schwarzen Kaffee, aß dazu einen Bagel, sagte kurz tschüs und ging zur Arbeit.

Im Büro erfuhr sie, dass Alexis zu einem Meeting mit dem Verleger nach Chicago geflogen war. Zu ihrer Erleichterung ergab eine schnelle Recherche im Internet, dass das Foto von ihr und Dev bisher offenbar nicht in den Medien angekommen war.

Den Rest des Tages verbrachte sie mit fruchtlosen Versuchen, Gina zu erreichen. Zwischendurch dachte sie immer wieder an den heißen Kuss und was er in ihr ausgelöst hatte. Und die Uhr in ihrem Kopf tickte weiter.

Dev warf einen Blick auf die Reihe von Uhren am Kopfende des Konferenzraums, die die jeweilige Uhrzeit in den verschiedenen Zeitzonen anzeigten. In New York war es Viertel nach vier. Also blieben weniger als vier Stunden bis zum Ende des Ultimatums.

Am anderen Ende des Konferenzraums stand ein braungebrannter, sichtlich von sich überzeugter Mann im Businessanzug und versuchte, die Anwesenden mit einer dröhnenden Rede für seinen Standpunkt einzunehmen. Es ging um einen großen Auftrag für das Verteidigungsministerium, und der Mann war offenbar überzeugt, dass er ihn bereits in der Tasche hatte.

Doch Dev wusste es besser. Die Konkurrenz hatte die Entwicklungskosten unterschätzt, und im Pentagon würde man über die Pläne lachen. Eigentlich verschwendete er hier nur seine Zeit. Hätte er nicht Sarah St. Sebastian kennengelernt.

Nach seinen Recherchen hatte er eine kühle, selbstbewusste Frau erwartet, die für ihre verantwortungslose Schwester in die Bresche sprang. Was ihn überraschte, war Sarahs angeborene unaufdringliche Eleganz. Noch verblüffter war er über seine Reaktion gewesen, als sie gestern das Restaurant betreten hatte. Und nach diesem spontanen Kuss auf der Straße konnte er an nichts anderes mehr denken als daran, wie Sarah sich anfühlte, wie sie schmeckte, wie sie duftete.

Das konnte seinen ganzen Plan durchkreuzen, denn er brauchte keine Affäre, sondern eine Verlobte auf Zeit, um die Auswirkungen dieses Artikels in Beguile zu bekämpfen. Sarah sollte ihm helfen, all jene Frauen loszuwerden, die sich ihm an den Hals warfen – besonders die Gattin seines französischen Geschäftspartners, die ihm solch obszöne Dinge zugeflüstert hatte.

Für ihn war Sarah St. Sebastian die Lösung seines Problems, vor allem, nachdem er miterlebt hatte, wie sie den Rotschopf abblitzen ließ. Gefühle für sie konnte und wollte er sich aber nicht leisten.

Was sollte er also tun? Sie anrufen und ihr sagen, dass er sein Angebot zurücknahm? Vergessen, dass ihm ein Kunstwerk gestohlen worden war? Gina finden und sie zwingen, das Medaillon herauszugeben?

Es ging ihm gar nicht so sehr um das antike Stück oder seinen Wert. An der Börse hatte er manchmal an einem einzigen Tag mehr verloren, als das Ding kostete. Was ihn ärgerte, war die Dreistigkeit, mit der Gina ihn bestohlen hatte. Und noch mehr ärgerte ihn der Artikel über die Super Sexy Singles. Bisher hatte er es für eine gute Idee gehalten, sich für den Stress zu entschädigen, indem er Sarah zwang, seine Verlobte zu spielen.

Dieser Meinung war er überhaupt nicht mehr. Er galt als harter Geschäftsmann, der seine Konkurrenten ausstach, sie aber nicht austrickste. Auftraggebern legte er die Karten auf den Tisch, anstatt ihnen falsche Zahlen unterzujubeln, wie es dieser Angeber da vorne gerade tat. Und Erpressung kam überhaupt nicht infrage. Bei dem Deal mit Sarah wäre jedoch er derjenige, der wesentlich mehr profitierte.

„Entschuldige bitte, Jim“, unterbrach er den Vortrag und stand auf.

Der Redner hielt inne. Alle Anwesenden blickten zu Dev.

„Ich muss leider weg“, erklärte er knapp. „Es gibt ein Problem, das ich nicht mehr auf die lange Bank schieben kann. Ich muss mich leider sofort darum kümmern.“

Die anderen taten, als hätten sie Verständnis, und lächelten mit falscher Höflichkeit.

„Schicken Sie mir eine E-Mail mit Ihrer Präsentation, Jim“, fügte Dev hinzu. „Ich schaue sie mir auf dem Rückflug gerne an.“

Der braungebrannte Manager nahm das Konferenztelefon, wählte eine Nummer und murmelte eine Anweisung in den Hörer. Als er aufgelegt hatte, war sein Lächeln eine starre Maske. „Schon geschehen, Dev.“

„Danke, Jimmy. Ich melde mich, sobald ich Zeit hatte, die Zahlen zu prüfen.“

Die beiden Männer gaben sich die Hand.

„Okay, Dev. Ich hoffe, bald von Ihnen zu hören.“

„Spätestens Ende der Woche“, versprach Dev und wusste jetzt schon, dass der Typ sich über das, was er ihm dann sagen musste, nicht freuen würde.

Als er im Aufzug die fünfzig Stockwerke nach unten fuhr, entschied er, ins Hotel zurückzukehren und Sarah von dort aus anzurufen. Bis dahin wollte er sich genau überlegen, was er ihr sagen würde.

Auf halbem Weg nach unten klingelte sein Handy. Dev meldete sich wie gewöhnlich kurz angebunden.

„Hunter.“

„Mr. Hunter … Dev … Hier ist Sarah St. Sebastian.“

„Hallo, Sarah. Hat Gina sich gemeldet?“

„Mehr oder weniger.“

Mist. Das Medaillon war offenbar doch nicht verloren. Da hatte er sich wohl ganz umsonst Sorgen wegen seines Verhaltens Sarah gegenüber gemacht. Jetzt sah es ganz so aus, als wäre seine „Verlobung“ geplatzt, und irgendwie war er so enttäuscht, dass er Sarahs nächste Bemerkung fast überhört hätte.

„Gina ist gerade unterwegs in die Schweiz. Zumindest ist das mein letzter Stand der Dinge.“

Und in der Schweiz, schoss es Dev sofort durch den Kopf, konnte man ein byzantinisches Kleinod prima verkaufen. Das Geld wanderte in ein Bankschließfach, und das Bankgeheimnis würde Gina schützen.

„Und das heißt?“, fragte er.

„Ich versuche weiterhin, Gina zu erreichen. Falls es mir nicht gelingt …“

Der Lift war im Erdgeschoss angelangt, und Dev durchquerte mit langen Schritten die Lobby. Sein Puls beschleunigte sich, wie es sonst nur geschah, wenn einer seiner Flugzeugingenieure eine neue Entwicklung vorstellte. „Falls es Ihnen nicht gelingt …?“

„Dann werde ich mich wohl auf Ihren Vorschlag einlassen müssen“, sagte sie gepresst und fügte hinzu: „Ich spiele für sechs Monate Ihre Verlobte. Falls Sie den Abschluss mit Ihrem französischen Partner früher erreichen, steige ich eher aus. Im Gegenzug verzichten Sie darauf, meine Schwester wegen Diebstahls anzuzeigen.“

„Korrekt.“ Etwas wie Vorfreude stieg in ihm auf. „Dann ist es also abgemacht?“

„Unter einer Bedingung.“

„Und die wäre?“

„Sie kommen heute Abend auf einen Drink zu uns. Um sieben Uhr. Meine Großmutter möchte Sie kennenlernen.“

4. KAPITEL

Stirnrunzelnd warf Dev einen Blick in den vergoldeten Spiegel des altmodischen Fahrstuhls und richtete seine Krawatte. Warum machte ihn das Zusammentreffen mit Charlotte St. Sebastian bloß so nervös? Schließlich war er oft genug in Kriegsgebieten im Einsatz gewesen, hatte Menschen geholfen, die von Waldbränden, Tsunamis, Erdbeben, Dürren oder blutigen Bürgerkriegen bedroht waren. Nicht selten war sein Flugzeug unter Beschuss geraten, und eine Narbe würde ihn immer daran erinnern, dass er einst eine Mutter und ihr verwundetes Kind aus einem Feuergefecht gerettet hatte, ehe feindliche Rebellen den Flughafen eroberten.

Diese Erfahrungen hatten ihn ebenso geprägt wie sein Unternehmertum. Aus dem Nichts hatte er eine erfolgreiche Produktionsfirma für Flugzeugteile aufgebaut, seine Erfindungen kamen weltweit zum Einsatz. Auf Konferenzen traf er Wirtschaftsbosse und Politiker, Leute von Rang und auch von Adel. Charlotte St. Sebastian war nur eine von vielen, und ihr Adelstitel hätte ihn eigentlich wenig beeindrucken müssen, auch wenn sie das Oberhaupt einer Familie war, die seinen Recherchen zufolge auf eine siebenhundertjährige Geschichte zurückblicken konnte. Charlotte hatte im Laufe ihres Lebens jedoch eine Menge erdulden müssen und war dennoch nicht gebrochen, was Dev Respekt einflößte. Er hätte natürlich auch ohne Weiteres herausfinden können, wo sich Gina gerade aufhielt. Schließlich konnte man Smartphones weltweit orten. Doch ihre ältere Schwester passte viel besser zu seinen Plänen, und außerdem konnte er sich bei ihr für den Artikel rächen. Das einzige Problem war die Anziehungskraft, die zwischen ihnen bestand. Würde er die Finger von ihr lassen können?

Er verließ den Aufzug, fand das Apartment und klingelte. Kurz darauf öffnete seine künftige Verlobte die Tür.

„Hallo, Mr. … Dev.“

Sie trug ein graues Minikleid, dazu eine mehrlagige Perlenkette. Doch was seine Blicke vor allem auf sich zog, waren ihre langen, wohlgeformten Beine in schwarzen Strumpfhosen und High Heels.

„Hallo, Sarah.“

„Kommen Sie rein.“

Er betrat den langen, breiten Flur und bewunderte den Marmorfußboden, die antiken Wandleuchten, das vergoldete Rokokotischchen und die große runde Glasvase mit einem üppigen Blumenstrauß in Orange- und Gelbtönen.

„Ich habe meiner Großmutter gesagt, dass Sie und Gina nur flüchtige Bekannte sind“, erklärte Sarah mit gedämpfter Stimme.

„Das stimmt ja auch.“

„Nun ja …“ Sie straffte ihre Schultern. „Bringen wir es hinter uns.“

Sarah ging voraus, und Dev folgte ihr. Was er sah, gefiel ihm über alle Maßen. Ein dezenter Hüftschwung, endlos lange Beine und schwarze, schulterlange Locken, die beim Gehen wippten.

Gleich darauf erreichten sie den Salon mit seinen hohen Stuckdecken, edlem Parkettboden und riesigen, von blassblauen Vorhängen gerahmten Fenstern, aus denen man einen unglaublichen Blick auf den Central Park haben musste. In einem offenen, marmorverkleideten Kamin flackerte ein fröhliches Feuer.

Vor dem Kamin stand eine bequeme Sitzgruppe, die aus einem Sofa und zwei Ohrensesseln sowie einem Couchtisch mit Marmorintarsien bestand. In einem der Ohrensessel saß kerzengerade eine alte Dame, beide Hände auf den Knauf eines Ebenholzstocks gestützt. Ihr dichtes graues Haar war mit Elfenbeinkämmen zu einer üppigen Frisur aufgesteckt, ihre Bluse hatte einen Spitzenkragen, der mit einer kostbaren Kamee geschlossen wurde. Aus kühlen blauen Augen musterte sie Dev, als er auf sie zukam.

Mit einem strahlenden Lächeln verkündete Sarah: „Grandma, das ist Devon Hunter.“

Die Großherzogin reichte ihm eine schmale, faltige Hand. Dev nahm an, dass von ihm ein Handkuss erwartet wurde, doch er unterließ die höfische Geste und gab Charlotte St. Sebastian nur die Hand.

„Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Ma’am. Gina hat mir erzählt, sie habe ihre Schönheit von Ihnen geerbt. Nun kann ich das bestätigen.“

„Tatsächlich?“ Die Großherzogin reckte das Kinn. „Sie kennen Eugenia wohl sehr gut?“

„Sie hat eine Party für mich arrangiert, und wir haben uns ein paarmal unterhalten.“

„Setzen Sie sich, Mr. Hunter.“ Sie deutete auf den zweiten Sessel. „Sarah, Liebes, sei so nett und hol Mr. Hunter einen Drink.“

„Gern. Was möchten Sie trinken, Dev?“

„Dasselbe, was Sie und Ihre Großmutter nehmen.“

„Ich trinke Weißwein“, erwiderte Sarah lächelnd und ging zu einem Tischchen, auf dem sich eine Weinflasche im Kühler sowie mehrere Kristallkaraffen befanden. „Grandma bevorzugt allerdings ein scheußliches Getränk, das unsere Vorfahren im sechzehnten Jahrhundert zum ersten Mal gebraut haben.“

Zuta Osa ist absolut nicht scheußlich, Sarah“, beschwerte sich die Herzogin. Sie hob ihr zierliches Likörglas und schwenkte die bräunliche Flüssigkeit darin, ehe sie Dev herausfordernd ansah. „Es ist ein Getränk für starke Naturen.“

Dev erkannte, dass sie ihn auf die Probe stellen wollte. „Ich nehme auch einen.“

„Sind Sie sicher?“, fragte Sarah mit einem warnenden Blick. „Das Zeug heißt übersetzt so viel wie ‚Gelbe Wespe‘, und so schmeckt es auch.“

„Du solltest Mr. Hunter die Gelegenheit geben, sich eine eigene Meinung über unser Nationalgetränk zu bilden“, mischte sich ihre Großmutter ein.

Obwohl er seine Wahl mittlerweile bereute, sagte er höflich: „Bitte nennen Sie mich Dev, Ma’am.“ Er hatte keine Ahnung, wie man eine Großherzogin korrekt anredete. Was kam zuerst? Der Vorname und dann der Titel oder umgekehrt?

Die Herzogin befreite ihn aus diesem Dilemma. „Gern. Für Sie Charlotte.“

Sarah, die gerade dabei war, den Schnaps einzuschenken, warf ihrer Großmutter einen erstaunten Blick zu. Dev fing diesen Blick auf und erkannte, dass ihm offenbar gerade eine große Ehre zuteil geworden war. Sarah fing sich sofort wieder und reichte ihm sein Glas, ehe sie sich auf das Sofa setzte.

Dev hob das Glas in einem stummen Toast auf die Gastgeberin und nippte vorsichtig an seinem Getränk. Nur mit Mühe konnte er einen Hustenanfall unterdrücken. In seinen Augen stand das Wasser, so sehr brannte der scharfe Pflaumenschnaps in seiner Kehle. „Das Zeug ist stärker als der Schnaps, den wir im Irak in unseren Helmen gebrannt haben“, bemerkte er keuchend.

„Sie waren im Irak?“, fragte Charlotte und wedelte gleich darauf mit der Hand. „Natürlich waren Sie dort. Auch in Afghanistan, soweit ich mich an den Artikel in Beguile erinnere.“

Es war ihm unangenehm, dass die alte Dame den ganzen Unsinn gelesen hatte, den das Magazin über ihn geschrieben hatte. Und dazu noch das kompromittierende Foto aus der Umkleidekabine! Um nicht antworten zu müssen, trank er noch einen Schluck. Diesmal verätzte ihm der Schnaps die Kehle nicht allzu sehr.

„Sagen Sie mir doch, wie lange Sie vorhaben, in New York zu bleiben“, erkundigte sich Charlotte höflich.

„Das kommt darauf an“, erwiderte er.

„Ach, wirklich?“ Die Herzogin reckte erneut das Kinn. „Und wovon genau hängt es ab?“

„Davon, ob Sie und Ihre Enkelin mir die Ehre erweisen, heute Abend mit mir essen zu gehen. Oder morgen Abend.“

Er schaute Sarah in die Augen und dachte an den Kuss. Nur zu gut erinnerte er sich daran, wie sie sich in seinen Armen angefühlt hatte. Sie war schärfer als jeder Zuta Osa.

„Oder wann auch immer es Ihnen passt“, fügte er hinzu.

Sarah umklammerte ihr Weinglas. Ihr wurde heiß, als sie Devs Blick auffing, denn sie konnte darin genau erkennen, woran er dachte. Auch ihrer Großmutter konnte die Botschaft nicht entgangen sein. Und das war ja eigentlich gut so, denn sie wollte Charlotte schonend auf die Verlobung vorbereiten.

„Was Grandma betrifft, weiß ich nicht, ob sie Zeit hat, aber ich könnte morgen Abend. Oder wann auch immer es Ihnen passt“, ergänzte sie lächelnd und kam sich zugleich mies vor. Sie konnte und wollte ihrer Großmutter nichts vorspielen. Beinahe wäre sie mit der Wahrheit herausgeplatzt, doch Charlotte war schneller.

„Ich fürchte, ich bin morgen Abend eingeladen“, erklärte sie.

Beide Frauen wussten, dass das gelogen war, doch Sarah, die sich in ihrem eigenen Lügengespinst verfangen hatte, konnte ihre Großmutter nicht bloßstellen.

„Aber ich bestehe darauf, dass Sie morgen Abend mit meiner Enkelin ausgehen. Oder wann auch immer es Ihnen passt“, setzte sie trocken hinzu. „Aber nun möchte ich ein wenig mehr von Ihnen wissen, Dev.“

Sarah wappnete sich, denn wen die Herzogin in die Mangel nahm, der hatte kein leichtes Spiel. Charlotte war vielleicht nicht so angriffslustig wie Alexis, aber sie war klug, gewitzt und perfekt geschult. So gelang es ihr jedes Mal, ihrem Gegenüber Dinge zu entlocken, die er eigentlich gar nicht hatte erzählen wollen.

Doch sie musste Dev zugestehen, dass er die Situation mit Anstand meisterte.

Trotzdem waren ihre Nerven immer noch zum Zerreißen gespannt, als sie einige Stunden später zu Bett ging. Zumindest hatte sie erreicht, dass ihre Großmutter nicht mehr aus allen Wolken fallen würde, wenn – oder falls – sie und Devon ihre Verlobung bekannt gaben.

Als Sarah am nächsten Morgen aufwachte, war ihr klar, dass sie noch eine weitere explosive Situation entschärfen musste. Ein Blick auf ihr Smartphone zeigte, dass Gina sich nicht gemeldet hatte. Danach überflog sie kurz sämtliche elektronisch verfügbaren Medien, um herauszufinden, ob die Story von ihr und Super Sexy Single Nummer drei mittlerweile ihren Weg auf irgendeine Titelseite oder in irgendeine Sendung gefunden hatte. Zum Glück fand sie nichts, aber ihr war klar, dass es nur ein Spiel auf Zeit war. Ihr Instinkt sagte ihr, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis die Bombe platzte.

Daher musste sie Alexis so schnell wie möglich informieren. Während sie mit der U-Bahn ins Büro fuhr, überlegte sie sich mehrere Versionen ihrer Geschichte. Doch als sie wenig später aus dem Aufzug trat, machte ein Wink von Alexis, mit dem sie Sarah in ihr großes Eckbüro befahl, alles zunichte.

Die Chefredakteurin tigerte wütend auf und ab. „Meine Güte, Sarah!“, bellte sie mit ihrer tiefen Raucherstimme. „Könnten Sie mir bitte erklären, weshalb ich erst aus zweiter Hand erfahre, dass eine meiner Mitarbeiterinnen mit Super Sexy Single Nummer drei herumknutscht? Und zwar mitten auf der Straße, sodass jeder Taxifahrer mit einer Handykamera einfach nur draufhalten muss, um eine sensationelle Story zu kriegen!“

„Ich glaube nicht, dass Taxifahrer Beguile lesen und wissen, wer Super Sexy Single Nummer drei ist“, wehrte sich Sarah.

„Einer offensichtlich schon.“ Alexis drückte ihr eine ausgedruckte E-Mail in die Hand, und Sarah erstarrte. Unterhalb des Textes war ein körniges Foto von ihr und Dev in heißer Umarmung zu sehen.

„Der Kerl will fünftausend Dollar für das Foto.“

„Machen Sie Witze?“

„Schauen Sie mich an. Sehe ich aus, als würde ich scherzen?“, blaffte Alexis.

„Es … es ist nicht so, wie Sie denken, Alexis.“

„Wären Sie dann bitte so freundlich, mich darüber aufzuklären, was Sache ist, Lady Sarah?“

Ob es am Sarkasmus ihrer Chefin lag oder daran, dass sie ihren Titel verwendete, oder an der Sorge um Gina oder an ihrem schlechten Gewissen Charlotte gegenüber – jedenfalls brach Sarah in Tränen aus.

„Oh, nein!“ Alexis schüttelte mitfühlend den Kopf. „Ich habe es nicht so gemeint. Und selbst wenn, brauchen Sie nicht gleich zu weinen.“

Autor

Merline Lovelace
Als Tochter eines Luftwaffenoffiziers wuchs Merline auf verschiedenen Militärbasen in aller Welt auf. Unter anderem lebte sie in Neufundland, in Frankreich und in der Hälfte der fünfzig US-Bundesstaaten. So wurde schon als Kind die Lust zu reisen in ihr geweckt und hält bis heute noch an.
Während ihrer eigenen Militärkarriere diente...
Mehr erfahren
Katherine Garbera

Katherine kann sich nichts Schöneres vorstellen, als zu schreiben. Jedes Buch gibt ihr die Gelegenheit, die unterschiedlichen Verhaltensmuster der Menschen hervorzuheben. Leidenschaftliche Liebesromane zu verfassen, bedeutet für sie die Verwirklichung eines Traumes.

Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann, den sie in "Fantasyland" kennenlernte, und den beiden gemeinsamen Kindern in Florida.

...
Mehr erfahren
Yvonne Lindsay

Die in Neuseeland geborene Schriftstellerin hat sich schon immer für das geschriebene Wort begeistert. Schon als Dreizehnjährige war sie eine echte Leseratte und blätterte zum ersten Mal fasziniert die Seiten eines Liebesromans um, den ihr eine ältere Nachbarin ausgeliehen hatte. Romantische Geschichten inspirierten Yvonne so sehr, dass sie bereits mit...

Mehr erfahren