Baccara Spezial Band 14

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MIT JEDEM KUSS VERRINNT DIE ZEIT
von CINDI MYERS

"Sie werden sich als Ehepaar ausgeben." Laura hat sich wohl verhört! Sie will nicht mit dem arroganten FBI-Agenten Jace im Fall der vergifteten Medikamente ermitteln - oder? Seine Küsse jedenfalls sind ein gefährlich süßes Gift …    

DIE FREMDE IM SCHNEE
von RITA HERRON

Er findet eine bewusstlose Frau im Schneesturm, rettet sie, wärmt sie, bis sie erwacht - jetzt könnte Ranger Fletch Maverick eigentlich gehen. Doch bei der Todesangst im Blick der schönen Fremden entscheidet er anders: Er bleibt …    

ZURÜCK IM FADENKREUZ
von LENA DIAZ

Bexley will nur kurz in ihrem Heimatort bleiben, um den Haushalt ihrer Mutter aufzulösen. Doch sie läuft nicht nur prompt ihrem Ex, Detective Max Remington, über den Weg, sondern gerät auch ins Fadenkreuz eines Mörders …

  • Erscheinungstag 22.10.2021
  • Bandnummer 14
  • ISBN / Artikelnummer 8062210014

Leseprobe

Cindi Myers, Rita Herron, Lena Diaz

BACCARA SPEZIAL BAND 14

CINDI MYERS

Mit jedem Kuss verrinnt die Zeit

Vergiftete Medikamente kosten Menschenleben – und rufen zwei FBI-Agenten auf den Plan: Laura Smith und Jace Cantrell ermitteln in dem renommierten Pharmaunternehmen undercover, getarnt als junges Ehepaar. Zwischen alter Feindschaft und heißen Küssen verfolgen sie eine erste Spur. Doch der Mörder ist schneller. Und diesmal legt er eine Bombe …

RITA HERRON

Die Fremde im Schnee

Irgendwer will, dass sie stirbt. Aber sie hat keine Ahnung wer! Sie kann sich ja nicht einmal erinnern, wie sie heißt. Ihr Gedächtnis reicht nur bis zu dem Moment zurück, als Ranger Fletch Maverick sie gefunden und gerettet hat. Er ist ihr Anker, ihr Halt – und wird ihre Liebe. Aber das reicht nicht zum Überleben, solange sie jemand töten will …

LENA DIAZ

Zurück im Fadenkreuz

Statt glücklich „Ja“ zu sagen, floh Bexley damals aus der Stadt und brach Max’ Herz. Was für eine schreckliche Antwort auf seinen Antrag! Jetzt trifft Max, inzwischen Detective, sie ausgerechnet im Supermarkt wieder. Doch bevor er sie fragen kann, warum sie zurückgekommen ist, stürmen Maskierte den Laden. Max muss ihr das Leben retten, ob er will oder nicht …

PROLOG

Wer hätte gedacht, dass der Tod so befriedigend sein konnte?

Die halbe Stadt hatte sich versammelt und beobachtete, wie scheinbar jeder Polizist des Countys das Gelände absicherte und Rettungssanitäter die zugedeckte Leiche auf einer Trage vorbeischoben. Ein Flüstern wie das Rascheln des Windes in den Blättern der Trompetenbäume legte sich über die Menge, die sich fragte, wer sich wohl unter der Decke verbarg.

Mayville, West Virginia, zweitausend Einwohner. Eine Stadt so klein, dass jeder jeden kannte.

Aber der Schein trog. Man wusste nicht, wozu die Leute in Wahrheit fähig waren.

Es war der dritte Todesfall in gerade mal drei Tagen. Niemand fühlte sich mehr sicher. Das Mittel, das man wie selbstverständlich eingenommen, dem man vertraut hatte, war zur tödlichen Gefahr geworden. „Zu viel Chili gegessen? Werfen Sie eine Magentablette von Stroud ein. Der Stress schlägt Ihnen auf den Magen? Stroud-Magentabletten werden es richten. Sicher und natürlich. – Das ist unser Versprechen.“ So stand es auf dem Etikett.

Aber sicher war man jetzt nicht mehr.

Eine Frau brach in Tränen aus. Tammy Irgendwer, die in der Fabrik arbeitete. „Wer tut so etwas?“, jammerte sie. „Hier ist es uns doch immer gut gegangen.“

Zwei andere Frauen trösteten sie. Die Männer in der Nähe scharrten mit den Füßen und starrten mit grimmigem Gesichtsausdruck zu Boden. Angst hing in der Luft wie Autoabgase. Wie ein Gift, das die Stadt zu ersticken drohte.

Ein Mörder ging um, der die ganze Stadt – sogar die ganze Region – in die Knie gezwungen hatte.

Was für ein Rausch es sein musste, diese Macht zu besitzen. Der Anblick der Leiche brachte einen der Schaulustigen auf eine Idee. Nämlich auf die perfekte Lösung, um Probleme aus der Welt zu schaffen.

1. KAPITEL

„Wir haben wieder einen schwierigen Fall bekommen.“ Jill Pembroke, die Direktorin der Tactical Crime Division, musterte ihr Team vom Kopfende des Konferenztisches im FBI-Hauptquartier in Knoxville aus. „Größte Diskretion ist gefragt.“

Etwas im Tonfall der Direktorin ließ Agentin Laura Smith aufhorchen. Pembroke konnte man mit dem akkurat geschnittenen grauen Haar und dem femininen Hosenanzug für eine High-Society-Dame halten, aber sie war knallhart und neigte normalerweise nicht zu Übertreibungen. Dass sie ihr Team an das Gebot der Diskretion erinnerte, deutete auf einen ungewöhnlichen Fall hin.

Die Tür zum Konferenzsaal schwang auf, und ein Mann kam herein. Agent Jace Cantrell, groß und schlaksig, bewegte sich mit der Körperkontrolle eines Athleten. Er nickte der Direktorin zu und ließ sich auf den leeren Stuhl neben Laura fallen. Nicht mal eine Entschuldigung dafür, dass er zu spät gekommen ist, kam ihm über die Lippen. Typisch. Laura schob ihren Stuhl ein paar Zentimeter zur Seite. Cantrell war für sie schon immer einer dieser Männer gewesen, die etwas mehr Raum einnahmen, als sie eigentlich benötigten.

„Wir werden einen Fall von Produktmanipulation bei Stroud Pharmaceuticals in Mayville, West Virginia, untersuchen.“ Pembroke trat zur Seite und gab den Blick auf das Foto eines Fabrikgebäudes frei.

„Die vergifteten Magentabletten“, stellte Ana Ramirez fest, die gegenüber von Laura saß. Die Agentin strich sich eine Strähne ihres dunklen Haars hinters Ohr, die lackierten Fingernägel glänzten im Licht der Deckenlampe. „Die Nachrichten sind voll von dieser Geschichte.“

„Wollen die lokalen Behörden nicht, dass sich das FBI einmischt?“ Agent Davis Rogers – das einzige Teammitglied, das nicht den obligatorischen Anzug trug – lehnte sich in seinem Stuhl neben Ramirez zurück und sah dabei ganz und gar wie der Army Ranger aus, der er einst gewesen war. „Daher die Verschwiegenheit?“

„Nein, die Polizei gibt den Fall gern an uns ab“, antwortete Pembroke. Sie klickte zur nächsten Folie weiter, einer Liste mit den Namen der sechs bisherigen Todesopfer sowie zweier Personen, die im Krankenhaus lagen. Alles Opfer der Stroud-Magentabletten, einer natürlichen Alternative zu herkömmlichen Mitteln, die einen bedeutenden Marktanteil beanspruchten. „Wir wissen jetzt, dass es sich bei dem Gift um Rizin handelt.“

Laura hätte schwören können, dass die Temperatur in dem klimatisierten Raum noch einmal um fünf Grad sank. „Deutet irgendetwas auf einen Terroranschlag hin?“

Der bärtige und grüblerische Verhandlungsführer Evan Duran saß am anderen Ende des Tisches. „Hat schon jemand diese Morde für sich beansprucht?“

Pembroke schüttelte den Kopf. „Zum jetzigen Zeitpunkt stellen wir keine Vermutungen an. Es soll vermieden werden, die Bevölkerung zu verängstigen.“

„Dafür ist es wohl zu spät“, erwiderte Rowan Cooper, die örtliche Verbindungsperson des Teams. „Die Leute boykottieren die Produkte von Stroud bereits.“ Geistesabwesend zwirbelte sie eine Locke ihres tiefschwarzen Haars zwischen Daumen und Zeigefinger, die Stirn nachdenklich gerunzelt. „Wir müssen uns einen Plan überlegen, wie wir mit der Öffentlichkeit umgehen.“

„Die Fabrik, in der die Magentabletten produziert werden, ist vorläufig geschlossen, und die Tabletten sind aus dem Sortiment der Läden genommen worden“, erklärte Pembroke. „Eine zweite Fabrik in der Stadt, in der andere Mittel produziert werden, bleibt geöffnet. Man hat die Arbeitszeiten reduziert und so viele Arbeiter wie möglich versetzt. Die Firma, die Stadt und die Politiker sind sehr darauf bedacht, diese Tragödie herunterzuspielen, damit Stroud so schnell wie möglich wieder auf Hochtouren läuft.“

„Warum?“, fragte Kane Bradshaw. Laura hatte ihn gar nicht bemerkt, da er hinter ihr saß, beinahe im Schatten. Kane sah mit dem zerzausten Haar und den dunklen Augenringen immer so aus, als wäre er gerade von einer nächtlichen Observierungsaktion gekommen. Die Tatsache, dass er hier war, sprach Bände darüber, wie bedeutend der Fall war. Er war immer zur Stelle, wenn das Team ihn brauchte. Von Anstandsregeln hielt er aber nicht so viel.

„Wegen der Arbeitsplätze.“ Cantrells Stimme, tief und rau, als würde er zwei Packungen Zigaretten am Tag rauchen, jagte Laura einen kalten Schauer über den Rücken. Soweit sie wusste, rauchte er nicht, aber vielleicht hatte er früher. „Stroud Pharmaceuticals ist einer der größten Arbeitgeber in Boone County. Die Kohlegruben machen nach und nach dicht, und auch sonst gibt es kaum Industrie. Stroud hat die Stadt gerettet. Die werden alles tun, um das Unternehmen am Laufen zu halten und seinen Ruf wiederherzustellen.“

„Also würden sie nicht mal davor zurückschrecken, einen Mord zu vertuschen?“, fragte Laura.

Cantrell drehte sich zu ihr um und sah sie mit kühlem Blick an. „Ich bezweifle, dass sie irgendetwas vertuschen wollen, aber mit Sicherheit versuchen sie die Sache schnell und stillschweigend zu klären.“

„Es wird gewünscht, dass wir ihnen helfen, aber wir sollen dabei nicht auffallen.“ Das jüngste Mitglied des Teams, der Computerspezialist Hendrick Maynard, zappelte mit einem Bein. Er war ein Genie, das jünger aussah als seine sechsundzwanzig Jahre und niemals stillhielt.

„Genau.“ Pembroke blätterte zur nächsten Folie um. Diesmal war eine Kleinstadt zu sehen. Von Bäumen gesäumte Straßen und bescheidene Häuser. Manche waren recht ramponiert. Auf einem Wasserturm im Hintergrund stand das Wort „Mayville“ in abblätternder grüner Farbe. „Smith und Cantrell, Sie werden sich als Ehepaar ausgeben und in der Fabrik arbeiten. Die Ermittlungen deuten derzeit darauf hin, dass die vergifteten Tabletten aus der Fabrik selbst stammen. Sie werden nach Verdächtigen suchen. Agent Rogers, Sie werden auch vor Ort sein …“

Laura hörte die restlichen Anweisungen der Direktorin nicht mehr. Sie versuchte, ruhig zu atmen und ihren Protest herunterzuschlucken. Sie und Cantrell? Als Paar? Was für eine lächerliche Vorstellung. Er war grob, undiszipliniert, arrogant …

„Du siehst aus, als hättest du gerade einen Käfer verschluckt.“ Cantrell lehnte sich zu ihr. Der beunruhigende Duft von Zimt wehte zu ihr herüber. Seine raue Stimme zerrte an ihren Nerven. „Glaub nicht, dass ich mich mehr darüber freue als du.“

„Haben Sie etwas zu sagen, Agent Cantrell?“, fragte Pembroke.

Er setzte sich wieder gerade hin. „Ich denke, Agent Smith wird in Mayville auffallen wie ein bunter Hund. Alles an ihr schreit danach, dass sie beim FBI arbeitet.“

„Ich weiß, wie man verdeckt ermittelt“, empörte sich Laura. Ihr war egal, was Cantrell von ihr hielt, aber ihr zu unterstellen, dass sie ihren Job nicht machen könnte?

„Ich bin mir sicher, dass Agent Smith sich anpassen kann“, erwiderte Pembroke. „Smitty, Sie werden als Assistentin des Fabrikleiters Parker Stroud anfangen, dem Sohn der Firmenbesitzer Steve und Donna Stroud. Dadurch erhalten Sie Zugriff auf die Personalakten, Finanzunterlagen und andere Informationen, die nützlich sein könnten. Agent Cantrell, Sie werden in der Produktionshalle arbeiten.“

Da passt er hin, dachte Laura. Cantrell hatte den Südstaaten-Akzent und die lockere Haltung im Blut.

„Unsere Profilerin Dr. Melinda Larsen wird Ihnen bei der Beurteilung der Verdächtigen helfen“, fuhr Pembroke fort. „Wenn nötig wird sie auch nach Mayville kommen können. Agent Maynard ist auf Abruf für Recherchen zur Stelle. Die Agenten Rogers und Ramirez werden als offizielle Beamte des FBI und als Verstärkung vor Ort sein.“

Davis Rogers knackte mit den Fingerknöcheln. „Ich helfe immer wieder gern.“

„Smitty, Sie und Cantrell werden sofort Ihre neuen Dokumente abholen. Sie reisen morgen nach Mayville. Rogers und Ramirez werden ein paar Stunden vor Ihnen eintreffen.“ Sie sah das Team noch einmal an und nickte zufrieden. „Noch Fragen?“ Es gab keine. Alle wussten, wie man einen neuen Fall anging. „Dann an die Arbeit.“

Laura schob ihren Stuhl zurück und stand auf. „Agent Smith, auf ein Wort bitte“, sagte Pembroke.

Verlegen, weil sie als Einzige zurückbleiben musste, heftete Laura ihren Blick auf den Tisch, während die anderen hinausgingen. Cantrell stand auf und schob sich einen Kaugummi in den Mund. „Bis später“, sagte er mit einem zimtigen Grinsen.

Als sie allein waren, setzte sich Pembroke neben Laura. „Ich weiß, dass Sie nicht glücklich mit Ihrer Aufgabe sind“, erklärte die Direktorin.

„Ich habe nichts ges…“, begann Laura.

„Sie müssen gar nichts sagen.“ Pembroke lächelte. „Ihre Abneigung gegen Agent Cantrell ist offensichtlich, aber er ist sehr gut in seinem Job. Und er hat eine Verbindung zu der Gegend, wodurch er bestens für diesen Auftrag geeignet ist.“

„Stammt er aus Mayville?“, fragte Laura.

„Aus einer kleinen Stadt in Tennessee. Sie ist Mayville ganz ähnlich. Er kennt sich mit den dortigen Gepflogenheiten aus, was sehr nützlich sein könnte. Ich zähle darauf, dass Sie ihn und seine unorthodoxen Methoden in Schach halten werden.“

Großartig. Ich soll ihn babysitten.

„Ich denke, dass dieser Auftrag gut für Sie ist“, ergänzte Pembroke. „Sie sind sehr engagiert und geschickt, und Sie achten auf Details. Das ist wichtig für diesen Fall. Aber Sie müssen auch lernen, sich mit anderen gut zu stellen und sich an unterschiedliche Gegebenheiten anzupassen. Ich weiß, dass Sie lieber allein arbeiten, daher soll Ihnen dieser Auftrag beibringen, sich auf andere zu verlassen und Hilfe anzunehmen.“

„Ich arbeite jeden Tag mit dem Team zusammen“, protestierte Laura.

Pembroke nickte. „Das tun Sie. Aber Sie können auch etwas … unnahbar sein. Ich denke, Ihre Zurückhaltung ist der Grund, warum Agent Cantrell glaubt, dass Sie es schwer haben werden, sich dort einzufügen. Ich zähle auf Sie, dass Sie ihm das Gegenteil beweisen.“

Laura versuchte, keine Reaktion zu zeigen. Aber die Worte der Direktorin taten weh. Was war schon dabei, dass sie nach der Arbeit nicht mit ihren Kollegen ausging oder alles über sich preisgab? Sie bevorzugte es, ihr Privat- und Arbeitsleben voneinander zu trennen. Das bedeutete aber nicht, dass sie arrogant war, auch wenn es bei Pembroke so klang. „Ich gebe mein Bestes“, sagte Laura.

„Das tun Sie immer.“ Pembroke stand auf und erklärte das Gespräch damit für beendet.

Laura nahm ihre Kaffeetasse in die Hand und klemmte sich gerade den Laptop unter den Arm, als ein schlanker junger Mann eintrat. „Verzeihen Sie die Störung, Direktor“, sagte er. „Aber da ist ein Anruf für Sie. Es ist dringend.“

Pembroke nickte. Laura wollte hinausgehen, als Pembroke nach ihr rief. „Smitty, warten Sie.“

Laura drehte sich um. Während die Direktorin der Stimme am Telefon lauschte, wich ihr die Farbe aus dem Gesicht. „Ja“, sagte Pembroke. „Wir machen uns gleich daran.“ Mit ernstem Blick legte sie den Hörer auf.

„Was ist los?“, fragte Laura.

„Das war die Polizeibehörde von West Virginia. Die haben gerade erfahren, dass mindestens ein Dutzend Fläschchen mit möglicherweise vergifteten Magentabletten nicht auffindbar sind.“

„Sie meinen, die Käufer haben sie nicht zurückgegeben?“

Pembroke schüttelte den Kopf. „Den Aufzeichnungen nach sind sie gar nicht erst in den Verkauf gekommen, sondern schon in der Fabrik verschwunden. Vielleicht sind sie gestohlen worden.“

„Oder derjenige, der die Tabletten mit dem Rizin vergiftet hat, versteckt sie. Sobald sich die Lage beruhigt hat, könnte er sie wieder in Umlauf bringen“, sagte Laura. Der Täter könnte töten, wann immer er wollte.

2. KAPITEL

Als er am Sonntagnachmittag die Main Street in Mayville, West Virginia, entlangfuhr, spürte Jace ein Jucken zwischen den Schulterblättern, als hätte ihm jemand eine Zielscheibe auf den Rücken geheftet. Er war noch nie hier gewesen, aber er wusste genau, was er vorfinden würde: Blühende Azaleen und stattliche Häuser neben zugenagelten Schaufenstern und überwucherten Gärten. Die Abbilder vergangener ruhmreicher Tage.

Er war in einem Ort wie diesem aufgewachsen. Seine Eltern und seine Schwester wohnten noch immer dort. Jedes Mal, wenn er zu Besuch kam, konnte er es nicht erwarten, wieder zu gehen. Zu groß waren die Probleme, die er nicht lösen konnte.

„Ich hatte es mir anders vorgestellt“, sagte Smitty. Er blickte zu ihr hinüber. Sie saß auf dem Beifahrersitz des zehn Jahre alten senfgelben Chevy-Pick-ups. Das blonde Haar, das sie sonst in einem Dutt trug, hing lose über ihre Schultern, die Jeans und das Top ließen sie jünger und sanfter aussehen. Irgendwie zugänglicher.

Er konzentrierte sich wieder auf die Straße. Man wäre ein Narr, wenn man Agent Smith für schwach halten würde. Vor allem was Jace betraf. Sie verzog zwar nicht angewidert das Gesicht, wenn er sich näherte, aber viel fehlte nicht.

„Was meinst du?“, fragte er und bremste, um ein älteres Paar über die Straße zu lassen.

„Es ist so ruhig“, antwortete sie. „Es sieht nicht aus wie ein Ort, der in den Schlagzeilen ist. Ich hätte mehr Presse und Trubel erwartet.“

Er schob sich einen frischen Kaugummi aus der Packung auf dem Armaturenbrett in den Mund und gab wieder Gas. „Ich kann mir vorstellen, dass die da oben jeglichen Aufruhr vermeiden wollen. In den Nachrichten stellen die Politiker diese Vergiftungen wie einen Terrorangriff dar, der bereits gestoppt worden ist.“

„Und was ist mit den vergifteten Tabletten, die verschwunden sind?“

„Davon weiß die Presse ja nichts. Und man setzt auf uns, dass wir sie finden, bevor noch jemand stirbt.“

Sie erschauderte merklich. „Wenn es noch mehr Opfer gibt, werden die Politiker mit dem Finger auf uns zeigen.“

„Wenn dich das stört, hast du den falschen Job.“

Sie verkrampfte sich genauso, wie er es geahnt hatte. „Ich bin sehr stolz auf die Arbeit, die das FBI leistet. Das solltest du auch sein.“

„Aber ich verschwende keine Zeit damit, mir darüber Gedanken zu machen, was irgendwelche Bürohengste und Wichtigtuer von mir denken könnten“, erwiderte er.

„Nur, dass das die Leute sind, die dir letztendlich dein Gehalt zahlen.“

„Die brauchen Leute wie mich eher, als dass ich Leute wie sie brauche. Wenn du dir das merkst, geht der Job leichter von der Hand.“

„Du meinst also, es ist leichter, die Regeln zu ignorieren und immer den Weg des geringsten Widerstands zu nehmen.“

Er lächelte breit. „Das auch.“

Sie machte ein tiefes Geräusch, fast wie ein Knurren. Ganz schön sexy, dachte er, aber hätte er ihr das gesagt, dann wäre ihr mit Sicherheit die Hutschnur geplatzt. Smitty war das Paradebeispiel für jemanden, der früher zu fest gewickelt worden war.

„Wir müssen herausfinden, wer es auf die Strouds abgesehen hat“, sagte er stattdessen.

„Du denkst, das steckt dahinter?“, fragte sie. „Jemand will ihren Ruf ruinieren, indem man ihr bekanntestes Produkt manipuliert?“

„Du nicht?“

Sie antwortete nicht sofort, sondern starrte aus dem Fenster auf einen Park, in dem eine Bronzestatue eines Bergmanns stand. Mit dem Helm auf dem Kopf und der Spitzhacke über der Schulter. Sein Vater hätte dafür Modell gestanden haben können. Bevor er krank geworden war zumindest.

„Vielleicht will man die Strouds gar nicht ruinieren“, antwortete Smitty. „Du hast selbst gesagt, dass die Stadt von den Arbeitsplätzen abhängig ist. Vielleicht hat jemand etwas gegen Mayville. Oder jemand hatte es auf eine bestimmte Person abgesehen, und die anderen Opfer sind nur Kollateralschaden.“

„Möglich“, stimmte er ihr zu. „Wer es auch ist, er geht nicht gerade subtil vor. Rizin ist eine ganz eigene Hausnummer. Schon wenige Körner reichen aus, um zu töten.“

„Vielleicht wissen wir mehr, wenn wir in der Fabrik gewesen sind.“

„Rogers wird uns über alles informieren, nachdem er und Ramirez sich mit der Polizei verständigt haben. Bis dahin ziehen wir erst mal ein.“ Auf der Ladefläche des Pick-ups befand sich alles, was ein junges Paar in sein neues Zuhause mitnehmen würde – Kleidung, Küchenutensilien, ein Fernseher und eine alte Kommode, die jemand für ein Familienerbstück halten könnte. Das FBI war für seine Detailverliebtheit bekannt. Es hatte den beiden auch neue Identitäten verschafft: Jace und Laura Lovejoy. Jace war sich sicher, dass jemand den Namen mit voller Absicht gewählt hatte.

Er lenkte den Wagen auf eine unbefestigte Nebenstraße, die, wie das schiefe Straßenschild verkündete, „Lover’s Lane“ hieß.

„Ihr wollt mich wohl veralbern“, spottete Smitty.

„Das war wahrscheinlich das Erstbeste, was sie gefunden haben“, sagte er und bog auf den ausgefahrenen Weg ganz am Ende der Straße ein. Ihr neuer Wohncontainer war ein rechteckiger weißer Metallkasten mit verblichenen blauen Metallläden. Er stand im Schatten eines Trompetenbaums mit herzförmigen Blättern und orchideenartigen Blüten.

„Nicht gerade das, was ich erwartet hatte“, sagte Smitty mit zusammengebissenen Zähnen.

„Passt zu unserer Tarnung“, entgegnete Jace und stellte den Motor ab. „Wir sind doch arm und frisch verheiratet, oder? Und hier am Ende der Straße gibt es keine Nachbarn, die uns ausspionieren könnten.“

Er folgte Smitty über einen schmalen Schotterweg, der zu einer Veranda aus alten Holzpaletten führte. Sie erklomm die Stufen, steckte den Schlüssel ins Schloss und stieß die Tür auf.

Einen Moment lang standen sie wie angewurzelt da und betrachteten die dunkle Holzvertäfelung, den grünen Teppich und das Kunstledersofa mit den passenden Sesseln und Flicken aus Klebeband. Es roch nach altem Zigarettenrauch. Smitty machte ein ersticktes Geräusch, trat einen Schritt vor und drehte sich langsam um. „Immerhin sieht es sauber aus.“ Sie blickte ihm in die Augen. „Ich habe noch nie in einem Container gewohnt.“

Jace schon, aber das würde er ihr nicht erzählen. „Lass uns den Wagen ausladen“, sagte er und ging wieder nach draußen. Er öffnete die Heckklappe und nahm einen Karton, auf dem „Küche“ stand.

Als er zurückkam, wartete Smitty bereits auf der Veranda auf ihn. „Wir haben ein Problem.“

„Was ist?“ Jace ging an ihr vorbei und trug den Karton zum Küchentisch, einem Relikt aus den 1960er-Jahren. Ein Hipster hätte ihn vielleicht charmant gefunden, Jace’ Eltern hingegen hatten ihren bereits vor Jahren entsorgt.

„Es gibt nur ein Bett“, sagte Smitty.

Er zuckte mit den Schultern. „Dann besorgen wir halt morgen noch eins.“

„Und was machen wir heute Nacht?“

„Entweder teilst du dir das Bett mit mir, oder du schläfst auf der Couch.“ Er grinste sie lüstern an, weil er wusste, dass es sie aufregen würde.

Und tatsächlich wurde sie rot im Gesicht und funkelte ihn mit ihren blauen Augen böse an.

„Warum bekommst du das Bett?“, wollte sie wissen.

Weil wir gleichberechtigte Kollegen sind und du bei jeder anderen Gelegenheit beleidigt wärst, wenn man dich anders behandeln würde, weil du eine Frau bist. „Weil ich größer bin. Du passt besser auf die Couch. Aber ich teile jederzeit gern mit dir.“

Sie spielte nervös mit dem goldenen Ring an ihrem Ringfinger herum. Er fragte sich, ob sie ihn damit bewerfen würde. „So redet man nicht mit seiner Kollegin“, sagte sie.

„Nein. Aber so würde ich mit meiner Frau reden.“

Sie musste sich keine Antwort überlegen, weil ein silberner Honda die Auffahrt heraufgefahren kam. Agent Davis Rogers schälte seinen langen Körper aus dem Fahrersitz, stemmte die Hände in die Hüften und betrachtete den Wohncontainer.

Smitty drängte sich an Jace vorbei und begrüßte Rogers an der Tür. „Sieht doch wie ein gemütliches Liebesnest aus“, sagte Rogers.

„Wo seid ihr untergekommen?“, wollte sie wissen.

Er nahm seine Sonnenbrille ab und steckte sie an den Kragen seines blassblauen Poloshirts. „Im Magnolia Inn auf der anderen Seite der Stadt.“

Jace war sich sicher, dass das Magnolia Inn weniger Sterne hatte als die Hotels, in denen Smitty sonst zu übernachten pflegte, aber sie hätte bestimmt trotzdem sofort mit ihrem Kollegen getauscht.

„Ich helfe euch beim Ausladen“, bot Rogers an.

Es dauerte nicht lange, bis die drei alle übrigen Kartons hereingebracht hatten. Während Smitty die Fenster zum Lüften öffnete, kochte Jace Kaffee. „Ramirez und ich haben mit der Polizei gesprochen“, berichtete Rogers. „Trotz der begrenzten Mittel haben sie gute Arbeit geleistet. Sie gehen davon aus, dass die Magentabletten schon beim Abfüllen vergiftet worden sind. Die Verschlüsse scheinen nicht im Nachhinein manipuliert worden zu sein.“

„Was ist mit den verschwundenen Fläschchen?“, fragte Jace.

„Strouds Computersystem versieht jede mit einem Barcode“, erklärte Rogers. „Diese Barcodes passen zu den Lieferungen, die an die einzelnen Geschäfte gehen. Wenn jemand beim Kauf seine Kundenkarte benutzt, kann man sogar einzelne Fläschchen zum Kunden zurückverfolgen. Dadurch konnten die meisten fraglichen Fläschchen zurückgerufen werden. Zwölf sind aber gar nicht erst ausgeliefert worden, sondern schon nach dem Abfüllen verschwunden.“

„Passiert so etwas oft?“, fragte Laura. „Vielleicht bedienen sich die Mitarbeiter ab und zu.“

„Möglich wäre es bestimmt“, meinte Jace. „Aber in so einem Job fliegt man sofort, wenn man nur verdächtigt wird, gestohlen zu haben. Und ich wette, die haben überall Kameras.“

Rogers nickte. „Die Polizei sagt, dass die Strouds sich immer selbst um solche Probleme gekümmert haben.“

„Und was sagen die Strouds?“, fragte Smitty.

„Ramirez redet gerade mit Donna Stroud. Sie stellt sicher, dass alles vorbereitet ist, wenn ihr dort morgen anfangt.“ Er lächelte belustigt. „Darum beneide ich euch nicht.“

Luftballons, Blumen und Stofftiere säumten den Zaun vor dem Hauptsitz von Stroud Pharmaceuticals. Der Wind rüttelte an einer Schleife, die um eine Vase mit Gänseblümchen gebunden war. Agent Ana Sofia Ramirez blieb stehen und sah sich um. Auf einem handbeschriebenen weißen Poster stand: „Wir werden dich niemals vergessen, Gini.“

Virginia Elgin, Finanzchefin von Stroud Pharmaceuticals, war das dritte Todesopfer gewesen. Die vergifteten Tabletten waren in ihrem Schreibtisch gefunden worden und konnten bis zu einem Geschäft in der Stadt zurückverfolgt werden, genauso wie bei Herbert Baker und Gail Benito, den ersten beiden Opfern. Die anderen Toten hatten ihre Magentabletten in einem anderen Geschäft östlich von Mayville gekauft.

Würden die verschwundenen Fläschchen doch noch in den Regalen eines anderen Geschäfts auftauchen oder erst im Medizinschrank des nächsten Opfers? Waren sie einfach im System verloren gegangen, oder warteten sie im Haus des Mörders auf ihren nächsten Einsatz?

Donna Stroud war eine Frau mittleren Alters mit schwarz gefärbten Haaren, die auch an einem Sonntagnachmittag einen dieser Hosenanzüge trug, die scheinbar nie aus der Mode kamen. Sie begrüßte Ana mit einem festen Händedruck. „Danke, dass Sie gekommen sind, Agent Ramirez. Mein Mann und ich sind bereit, alles zu tun, um dieser Sache auf den Grund zu gehen. Ich weiß es zu schätzen, dass Sie sich heute mit mir treffen. Ich möchte meine Mitarbeiter nicht mehr verunsichern als nötig.“

„Wir schätzen Ihre Kooperation“, antwortete Ana. „Ich habe die Aussage überprüft, die Sie bei der Polizei gemacht haben“, fuhr sie fort, als sie vor Donnas mitgenommenen Schreibtisch saß, auf dem sich hohe Türme von Papier stapelten. „Wann haben Sie herausgefunden, dass einige Fläschchen aus der fraglichen Charge verschwunden sind?“

„Mein Sohn hat es mir gestern Nachmittag mitgeteilt. Daraufhin habe ich sofort die Polizei informiert.“

„Das wäre Parker Stroud, der Fabrikleiter?“

„Ja. Er hat die Inventarlisten geprüft, und dabei ist ihm die Diskrepanz aufgefallen. Jetzt machen alle Überstunden, um herauszufinden, wie es dazu kommen konnte.“

„Ist es schon mal vorgekommen, dass Lagerbestände einfach verschwinden?“

„Nein!“

Ana bemühte sich gar nicht erst, ihre Skepsis zu verbergen. „Noch nie hat sich ein Mitarbeiter an den Tabletten bedient?“

„Nein“, erklärte Donna bestimmt. „Hier herrscht eine Null-Toleranz-Politik, was das Stehlen betrifft. Die gesamte Fabrik wird videoüberwacht, und im Zweifel dürften wir die Taschen unserer Mitarbeiter kontrollieren. Wir sind sehr vorsichtig, wen wir einstellen, und bilden unsere Angestellten gut aus. Ich bin stolz darauf, dass wir branchenweit eine hohe Verbleibquote haben. Manche unserer Mitarbeiter arbeiten schon seit zwanzig Jahren für uns.“

„Sie verdächtigen also niemanden von Ihren Mitarbeitern, die Tabletten vergiftet zu haben?“

„Nein, niemanden.“

Donna Stroud hatte Ana die ganze Zeit über in die Augen gesehen. Sie wirkte zwar erschöpft und verängstigt, aber Ana glaubte nicht, dass sie log. „Wir hoffen, dass unseren Agenten Ungereimtheiten auffallen werden, die Sie nicht bemerkt haben. Danke, dass Sie uns diesen Zugang gewähren.“

Donna lehnte sich zurück. „Es ist ja nicht so, dass ich eine Wahl hätte, oder? Aber ich würde Parker gern darüber informieren, was los ist. Schließlich wird einer der Agenten in seinem Vorzimmer arbeiten.“

„Nein.“ Ana sprach mit so viel Bestimmtheit, wie sie aufbringen konnte. „Es ist unbedingt erforderlich, dass so wenig Leute wie möglich von dieser Operation wissen. Sie erinnern sich, dass das Teil der Vereinbarung war, um die Fabrik weiter betreiben zu dürfen? Wenn Sie sich nicht daran halten wollen …“ Sie ließ den Rest des Satzes offen. Manchmal hatten weniger Worte mehr Wirkung.

Die Fältchen um Donnas Mund verhärteten sich. „Ich verstehe.“

Ana stand auf. „Die Lovejoys werden morgen um acht Uhr zur Einarbeitung da sein.“ Sie überreichte ihr ihre Visitenkarte. „Falls Ihnen etwas einfällt oder etwas Ungewöhnliches auffällt, zögern Sie nicht, mich anzurufen.“

Mit hängenden Schultern stand Donna auf. „Danke, Agent Ramirez. Ich hoffe, Sie kommen der Sache schnell auf den Grund. Dann können wir wenigstens zur Normalität zurückkehren.“

Als Ana das Gebäude verließ, bemerkte sie einen Mann, der vor der improvisierten Gedenkstätte stand. Er war jung, Anfang oder Mitte zwanzig, und trug eine Jeans und ein blaues Hemd über einem grauen T-Shirt. Sie blieb stehen und betrachtete ihn. Er wirkte fehl am Platz.

Drei Frauen, die nach der Mittagspause auf dem Weg zu ihrer Wochenendschicht waren, näherten sich. Ana machte sich bemerkbar. „Wer ist das?“, fragte sie.

Die älteste des Trios, eine Afroamerikanerin in ihren Vierzigern, blickte traurig zu dem jungen Mann. „Das ist Ginis Junge. Leo.“

„Gini Elgin?“, hakte Ana nach.

Eine sehr blasse Frau mit roten Haaren nickte. „Er ist richtig fertig nach dem Tod seiner Mutter.“

Die dritte Frau, die braune Haare und Sommersprossen hatte, verzog das Gesicht. „Schrecklich, was mit Gini passiert ist, aber dieser Leo war schon immer etwas seltsam.“

„Was meinen Sie mit seltsam?“, fragte Ana. Leo war inzwischen einen Schritt nach vorn getreten und stand halb auf ein paar Blumen, die auf dem Boden lagen. Den Kopf hatte er gesenkt und die Hände in die Hosentaschen gesteckt.

„Einfach seltsam“, antwortete die Frau.

„Nicht sehr freundlich“, fügte die ältere hinzu. „Sehr ruhig. Gini war überaus freundlich und voller Leben.“

Die anderen nickten und gingen weiter. Ana setzte ihren Weg fort. Als sie etwa drei Meter entfernt war, beugte sich Leo nach unten, schnappte sich die Vase mitsamt den Blumen und warf sie über den Zaun. Sie zerschellte auf dem Beton auf der anderen Seite; Scherben und Blütenblätter stoben in alle Richtungen. Dann drehte er sich um und rannte davon. Als er an Ana vorbeikam, konnte sie sein Gesicht sehen. Tränen strömten ihm über die Wangen.

3. KAPITEL

Den Großteil der ersten Nacht in Mayville verbrachte Laura damit, sich hin und her zu wälzen und es Jace übel zu nehmen, dass er so fest schlafen konnte. Bis sie endlich eingeschlafen war, musste sie sein Schnarchen von nebenan ertragen. Am Morgen wachte sie dann zu spät auf und rannte ins Badezimmer, wo sie den halb nackten Cantrell vorfand. Er trug gerade Rasierschaum auf und hielt ein Rasiermesser in der Hand.

Selbst im Halbschlaf war sie davon beeindruckt, wie er die Klinge über seine Wangenknochen zog und seine Bauchmuskeln von dem schwachen Licht betont wurden. Stotternd und von seinem Lachen begleitet, zog sie sich in die Küche zurück.

Als er aus dem Badezimmer kam, hatte sie ihre erste Tasse Kaffee schon halb leer getrunken und es geschafft, ihr rasendes Herz zu zügeln. Sie ignorierte ihn und ging unter die Dusche. Der Gedanke, dass er eben noch nackt an der gleichen Stelle gestanden hatte, beunruhigte sie. Aber was sie noch mehr in Aufregung versetzte, war der Gedanke, dass er sie sich auch nackt vorgestellt haben könnte.

Sie hatte eindeutig zu wenig Schlaf abbekommen. Cantrell und sie waren Profis. In der Regel fantasierte sie nicht von ihren Kollegen. Warum nahm sie also an, dass er es tat? Doch dann erinnerte sie sich an sein breites Grinsen, als sie um das Bett gestritten hatten.

Als sie in die Küche zurückkam, drückte er ihr etwas in die Hand, das in Küchenpapier eingewickelt war. „Wir müssen jetzt los, oder wir kommen an unserem ersten Tag zu spät“, sagte er.

„Was ist das?“ Sie starrte auf das warme Bündel in ihrer Hand.

„Ein Spiegelei-Sandwich.“

„Ich esse nichts Gebratenes.“ Ihr übliches Frühstück bestand aus Joghurt und Toast.

„Heute schon.“ Er reichte ihr ihre Handtasche. „Lass uns gehen. Ich fahre, und du kannst im Auto essen.“

Das Sandwich schmeckte köstlich. Sie merkte, dass er ihr beim Essen zusah, und das machte sie verlegen. Aber an diesem Auftrag war schließlich alles unangenehm.

Die nächste Stunde verging wie im Flug. Laura musste eine Einweisung in die Geschichte von Stroud Pharmaceuticals und die Sicherheitsvorkehrungen über sich ergehen lassen und unzählige Dokumente mit ihrem neuen Namen unterschreiben. Dann wurde sie endlich in ihr neues Büro gebracht, wo sie von einem schlanken jungen Mann mit schütterem Haar, übergroßen Ohren und einem schlecht gelaunten Gesichtsausdruck begrüßt wurde.

„Sind Sie die neue Sekretärin?“, fragte Parker Stroud, ihr neuer Boss.

„Ja, Laura Lovejoy.“ Laura bot ihm die Hand an. Er starrte sie an, bis Laura sie wieder sinken ließ.

„Großartig. Könnten Sie mir gleich mal einen Kaffee bringen?“ Er ging an ihr vorbei in sein Büro. „Zwei Stück Zucker“, rief er ihr über die Schulter hinterher.

Laura holte den Kaffee aus der Maschine im angrenzenden Pausenraum und brachte ihn zu ihm. Stroud saß an seinem Schreibtisch und starrte auf den Computerbildschirm. Er nahm die Tasse entgegen und musterte Laura von oben bis unten. „Meine Mutter hat Sie eingestellt“, erklärte er. „Was ist mit Cheryl passiert? Dem Mädchen, das vor Ihnen hier gewesen ist?“

Das „Mädchen“ war eine fünfundfünfzig Jahre alte Frau, die vorübergehend in die Buchhaltung versetzt worden war. „Ich weiß es nicht“, antwortete Laura.

„Nichts für ungut, aber ich bin vierunddreißig. Meine Mutter muss mir nicht mehr meine Sekretärin aussuchen – Verzeihung, meine Assistentin.“ Er nippte an seinem Kaffee, wobei sein Blick an ihrem Busen hängen blieb, was sie empörte. „Aber ich muss schon sagen, dass Sie besser aussehen als Cheryl. Und Sie wissen, wie man Kaffee kocht. Mal sehen, wie es mit uns läuft.“

„Ja, Sir.“ Laura versuchte gelassen zu klingen, obwohl es in ihr kochte.

„Dann stehen Sie da nicht so rum. Gehen Sie zurück an Ihren Schreibtisch.“ Er winkte sie fort. „Wenn ich Sie brauche, rufe ich.“

Laura kehrte an ihren Platz zurück und betrachtete die altmodischen Aktenschränke, die an der Wand standen. Sie würde vorgeben, dass sie ihren Arbeitsplatz neu organisieren wolle, um sie zu durchsuchen, und später versuchen, sich in die Personalakten und Finanzunterlagen der Firma zu hacken. Falls sie dabei Hilfe brauchte, würde sie Maynard kontaktieren.

Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Es war ungewohnt für sie, die Haare bei der Arbeit offen zu tragen, aber das FBI hatte ihren üblichen Dutt als zu raffiniert empfunden.

Sie öffnete die oberste Schublade des ersten Aktenschranks und starrte auf die mit Monat und Jahr gekennzeichneten Hefter. Ein kurzer Blick in die erste Akte offenbarte die Produktionsunterlagen für beide Fabriken. In der einen wurden nur die Magentabletten hergestellt, in der anderen Hustenbonbons, ein Schlafmittel und ein Präparat für zahnende Säuglinge.

„Ist es nicht etwas früh für so eine einschläfernde Tätigkeit?“

Laura hatte nicht gehört, wie die Tür von Parkers Büro geöffnet worden war, und erschrak, als sie seine Stimme genau hinter sich hörte. Sie unterdrückte ein Keuchen, legte die Akte zurück und drehte sich mit einem verkrampften Lächeln auf den Lippen um. „Benötigen Sie etwas, Mr. Stroud?“

„Nennen Sie mich Parker. Mr. Stroud ist mein Vater.“ Er nickte in Richtung der Aktenschränke. „All diese Daten finden Sie auch in unserem Computersystem, aber mein Vater besteht darauf, dass wir alles ausdrucken. Das ist nur ein Beispiel dafür, wie meine Eltern die Firma davon abhalten, ihr ganzes Potenzial zu entfalten.“

„Sicherlich werden Sie irgendwann die Leitung übernehmen.“

„Glauben Sie, Sie werden mit mir aufsteigen? Das kann dauern. Meine Eltern haben mir klargemacht, dass sie die Zügel für Jahre nicht aus der Hand geben werden. Obwohl ich es unter den gegebenen Umständen nicht verstehen kann.“

„Meinen Sie wegen dem, was mit den Magentabletten geschehen ist?“

„Ja, was soll ich denn sonst meinen?“

Sie sah ihn mit großen Augen an und hoffte, dass sie ihre Unwissenheit nicht zu übertrieben vortäuschte.

Anscheinend glaubte Parker ihr. Er verdrehte die Augen. „Gehen Sie nach unten in die Buchhaltung, und sagen Sie denen, dass ich sofort die Unterlagen für diesen Monat brauche. Und lassen Sie sich nicht erzählen, dieser Vorfall mit den Magentabletten hätte die Arbeitsabläufe verzögert. Das ist nicht das einzige Produkt, das wir herstellen, und die Leute haben genug getrauert.“

„Ja, Sir.“ Es hatte wie einstudiert geklungen. Vielleicht glaubte er, dass ein abgebrühter Geschäftsführer so reden würde.

Laura verließ das Büro. Jetzt war ein guter Zeitpunkt, um sich mit dem Grundriss der Fabrik vertraut zu machen. Sie schlenderte die Flure entlang und öffnete jede Tür, an der sie vorüber kam. Dahinter verbargen sich die Toiletten, ein großer Konferenzsaal und der Vorratsraum des Hausmeisters.

„Kann ich Ihnen behilflich sein?“ Eine junge Frau mit rundlichem Gesicht und braunen Locken, die einen Stapel Papiere vor der Brust hielt, näherte sich, als Laura die Tür zum Vorratsraum schloss.

„Ich suche die Buchhaltung“, sagte Laura.

„Ich zeige Ihnen den Weg.“ Die Frau ging voran, wobei die Absätze ihrer High Heels wie Kastagnetten auf dem polierten Fliesenboden klapperten. „Fragen Sie nach Angela“, sagte sie, deutete auf eine Milchglastür und lief davon.

Angela, stellte sich heraus, war eine Frau mittleren Alters mit makelloser brauner Haut, deren Schreibtisch von einem riesigen Computerbildschirm eingenommen wurde. „Mr. Stroud benötigt die Finanzberichte für April“, erklärte Laura. „Parker Stroud“, stellte sie klar.

Angela sah Laura missbilligend an. „Heute ist der Dritte. Die Berichte werden erst am Zehnten erstellt. Er weiß das. Und jetzt wissen Sie das auch. Also stören Sie mich nicht weiter.“

„Hat er mich hierhergeschickt, um Sie zu belästigen und der Neuen das Leben schwer zu machen, oder macht er das jeden Monat?“, fragte Laura.

Angelas Gesicht nahm einen netteren Ausdruck an. „Wahrscheinlich etwas von beidem. Lassen Sie sich nicht verunsichern. Er ist ganz okay, nur etwas verkrampft. Ganz anders als seine Eltern.“

„Ich schätze, jeder wäre in so einer Situation ein wenig angespannt“, sagte Laura.

„Da haben Sie recht.“ Angela streckte ihr die Hand entgegen. „Fangen wir noch mal von vorne an. Ich bin Angela Dupree. Willkommen bei Stroud Pharmaceuticals.“

Laura schüttelte Angelas Hand. „Ich bin Laura Lovejoy. Ich bin die neue Assistentin von Parker Stroud.“

„Das ist ein guter Arbeitsplatz. Trotz der aktuellen Schwierigkeiten“, erklärte Angela.

„Gruselig, sich das mit den Vergiftungen auszumalen.“ Laura lehnte sich vor und sprach mit leiser Stimme. „Ich habe gehört, dass jemand hier in der Fabrik die Tabletten vergiftet haben muss. Wer würde so etwas Schreckliches tun?“

„Niemand, den ich kenne“, sagte Angela. „Und ich denke nicht, dass das stimmt. Ich weiß, es ist ein Klischee, aber wir hier bei Stroud Pharmaceuticals sind wirklich wie eine Familie. Niemand hat einen Grund, einem anderen wehzutun.“

„Das ist eine Erleichterung“, erwiderte Laura. „Danke.“

„Freut mich, dass wir uns kennengelernt haben, aber jetzt müssen wir wieder an die Arbeit.“

Laura drehte sich um, aber Angela rief sie zurück. „Laura?“

„Ja?“

„Es wäre wahrscheinlich klüger, wenn Sie die Vergiftungen nicht erwähnen. Die Leute sind ganz schön verunsichert, und das macht keinen guten Eindruck.“

„Verstehe. Danke.“

Laura sorgte sich nicht darum, was sie für einen Eindruck machte. Hatte Angela sie gewarnt, weil sie ihr wirklich helfen wollte oder weil sie wusste, dass in der Firma etwas verheimlicht wurde?

„Wer ist die Frau da bei Angela?“ Merry Winger reckte den Hals, um über ihren Bildschirm schauen zu können. Ihr Blick fiel auf den schlanken Rücken einer Frau mit anmutigen blonden Locken, die eng geschnittene Kakihosen, beige Absatzschuhe und eine blaue Bluse trug.

„Das ist Parkers neue Assistentin“, erklärte Jerri Dunn. „Sie ist niedlich, oder?“

„Ich habe nicht gewusst, dass die Stelle schon vergeben ist.“ Merry versuchte, ihre Enttäuschung zu verbergen.

„Anscheinend wollten sie die Stelle schnell besetzen.“

Merry hatte sich auch beworben. Es wäre ideal gewesen – sie und Parker hätten sich jeden Tag sehen können, nicht nur ein paar Mal im Monat. Seine Bürotür ließ sich abschließen, und er hatte einen großen Schreibtisch – wie viel Spaß sie hätten haben können. „Man würde meinen, dass sie jemanden aus der Firma nehmen würden.“

„Ich hinterfrage hier schon seit Langem keine Entscheidungen mehr“, sagte Jerri.

Merry wartete, bis die Blondine gegangen war, und stand auf. „Ich gehe zur Toilette.“

Doch stattdessen lief sie schnurstracks an der Damentoilette vorbei und ging zu Parkers Büro. Die Blondine sah vom Schreibtisch hoch, als Merry eintrat. Sie war hübsch, aber zu dürr und flach wie ein Brett. „Hallo. Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie.

„Ich muss Parker sprechen.“

Merry wollte weitergehen, aber die Frau stand auf. „Ich sehe nach, ob Mr. Stroud verfügbar ist. Wie heißen Sie?“

„Merry Winger. ‚Merry‘ wie bei ‚Merry Christmas‘.“ Sie wollte sicherstellen, dass diese Frau genau wusste, wer sie war. „Und ich bin mir sicher, dass Parker mich sprechen will.“

„Ich sage ihm Bescheid, dass Sie hier sind.“ Die Neue klopfte an Parkers Bürotür und schlüpfte hinein. Merry musste davor warten. Er sollte sie besser nicht abwimmeln. Nicht nach allem, was sie für ihn getan hatte. Was sie mit ihm getan hatte …

Parker folgte der Blondine. „Merry, komm herein.“ Er lächelte nicht, aber er war auch nicht gut darin, Zuneigung zu zeigen.

Parker schloss die Tür hinter ihnen und blieb stehen. „Was willst du?“, fragte er leise.

Sie legte eine Hand auf seine Brust und lächelte ihn liebevoll an. „Vielleicht wollte ich dich einfach nur sehen.“

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte, ihn zu küssen, aber er drehte den Kopf weg. „Ich habe doch gesagt, nicht bei der Arbeit!“

Sie schmollte. „Warum nicht? Schämst du dich für mich?“

„Natürlich nicht.“ Er tätschelte ihre Schulter. „Aber es gibt Regeln, was Beziehungen am Arbeitsplatz betrifft. Wenn das jemand herausfindet, dürfen wir uns nicht mehr sehen, und das will ich nicht. Du auch nicht, oder?“

Wenn er sie nur heiraten würde, dann müsste sie nicht mehr hier arbeiten, und das ganze Problem wäre vom Tisch. Aber sie wusste, dass sie das besser nicht ansprach. Parker war ein Mensch, der am liebsten selbst auf gute Ideen kam. „Du bist mir und meinem Ruf gegenüber so rücksichtsvoll“, sagte sie stattdessen. „Das ist eine der Sachen, die ich an dir liebe.“

„Danke, dass du es verstehst. Jetzt gehst du besser wieder an die Arbeit.“

Er drängte sie, aber sie blieb stehen. Merry nickte Richtung Tür. „Wer ist sie?“

„Die Neue?“ Er runzelte die Stirn. „Ich weiß es nicht. Meine Mutter hat sie eingestellt.“

„Du darfst dir noch nicht mal deine eigene Assistentin aussuchen?“

„Sie ist nur irgendwer. Mir ist das egal.“

„Ich wollte diesen Job haben. Wusstest du, dass ich mich beworben habe?“

„Nein, aber es ist gut, dass du ihn nicht bekommen hast.“

„Warum? Würde es dir nicht gefallen, wenn ich immer hier wäre?“

„Das wäre eine zu große Ablenkung – für uns beide.“ Sie sah das Verlangen in seinen Augen deutlich und freute sich. Jedes Mal, wenn sie sich sorgte, dass er ihrer überdrüssig geworden sein könnte, tat er etwas, was ihre Zweifel verstummen ließ. Es kümmerte ihn wirklich. Wegen seiner Stellung musste er vorsichtig sein, und sie musste sich in Geduld üben. Aber sobald der richtige Zeitpunkt gekommen war, würden sie für immer zusammen sein.

Merry verließ das Büro und lächelte die Neue sogar an. Noch behandelte sie Merry von oben herab, aber das würde sich ändern, wenn sie erst mal Mrs. Parker Stroud geworden war. Denn dann würde Parker über die Firma bestimmen, und Merry würde über Parker bestimmen.

Laura wartete, bis Merry und Parker im Büro verschwunden waren, bevor sie an der Tür lauschte. Parker hatte also eine Affäre. Das kam ihr noch nicht wie ein Motiv vor, aber sie speicherte diese Information lieber für später ab.

Punkt siebzehn Uhr verließ er das Büro. „Gehen Sie nach Hause“, sagte er zu ihr. „Wenn Sie länger bleiben, werden Ihnen keine Überstunden angerechnet.“

„Ihnen auch einen schönen Feierabend“, erwiderte sie.

Wenige Minuten später durchsuchte sie gerade Parkers Schreibtisch, als Cantrell hereinspaziert kam. Jace. Sie musste sich daran gewöhnen, ihn Jace zu nennen, damit sie ihn nicht aus Versehen falsch ansprach und ihre Tarnung auffliegen ließ. Er trug einen grauen Overall, was seiner angeberischen Art keinen Abbruch zu tun schien. Schon wieder kaute er Kaugummi. Er schmatzte zwar nicht, aber schon die Bewegung seiner Kiefermuskeln reichte aus, um sie abzulenken. Er lehnte sich an den Türrahmen und sah ihr dabei zu, wie sie die Schubladen durchwühlte und unter die Schreibunterlage schaute. „Was gefunden?“

„Nichts.“ Sie schob die Schublade zu. „Und du?“

„Langsam bekomme ich ein Gefühl für diesen Ort. Ich kann dir sagen, dass hier nicht alles so sicher ist, wie die Strouds behaupten, aber ich erkläre es dir später. Lass uns abhauen.“

Gemeinsam gingen sie zum Parkplatz und stiegen in den Wagen. „Ich bin am Verhungern“, sagte er, als er den Motor anstellte. „Was gibt’s zum Abendessen?“

„Warum fragst du mich das?“

„Ich habe das Frühstück und das Mittagessen vorbereitet. Jetzt bist du dran mit Kochen.“

Zum Mittagessen hatte es ein Schinken-Käse-Sandwich gegeben. Mit Mayonnaise. Laura hasste Mayonnaise. Deshalb hatte sie nur den Käse aus dem Brot gezogen und ihn so gegessen. Dazu noch einen Apfel und ein Feigenplätzchen, das unerwartet gut geschmeckt hatte. Bei dem Gedanken daran knurrte ihr der Magen. „Lass uns essen gehen.“

„Dann hast du die Wahl zwischen Pizza und Barbecue.“

Sie entschieden sich für Letzteres. Das Essen schmeckte saftig, rauchig und würzig. Es war das Beste, was Laura je gegessen hatte.

„Pembroke hat gemeint, dass du in einer ähnlichen Stadt aufgewachsen bist“, sagte sie und wischte sich mit einer Papierserviette Soße von den Fingern.

„Jep.“

„Wie war das so?“

„Was willst du von mir hören? Es war okay, bis es das nicht mehr war.“

„Ich wollte nur nett sein.“

Er entspannte seine Schultern ein wenig. „Entschuldige. Ich bin in Hatcher, Tennessee, aufgewachsen. Dort ist es wie in Mayville. Meine Eltern und meine Schwester leben immer noch dort, aber mein Vater hat ein paar gesundheitliche Probleme. Dass ich nach Knoxville versetzt worden bin, heißt, dass ich zu Hause immer mal helfen kann.“

„Das tut mir leid mit deinem Vater.“ Sie legte die zusammengeknüllte Serviette beiseite. „Was hat er, wenn ich fragen darf?“

„Er hat ein Mesotheliom. Das ist ein Lungentumor, den Bergleute durch das Einatmen von Asbest unter Tage bekommen.“ Er sprach sehr sachlich, aber vermied es, ihr in die Augen zu sehen, um seine Gefühle zu verbergen.

„Das muss schlimm sein“, sagte sie.

Er zuckte mit den Schultern. „Was ist mit dir? Wo bist du aufgewachsen?“

„Überall. Mein Vater war beim Militär.“

„Das erklärt einiges.“

„Was meinst du damit?“

„Deine Einstellung. Dass du dich immer an die Regeln hältst. So wird es einem beim Militär eingebläut. Ich war selbst bei der Armee und kenne das. Wie bist du zum FBI gekommen?“

„Ich habe Wirtschaftsforensik studiert, und es hat einfach gut gepasst.“

„Natürlich.“

Er redete, als hätte er sie bereits durchschaut.

„Du bist ein Zahlenverdreher“, fuhr er fort. „Reg dich nicht auf. Das kann uns in diesem Fall noch zugutekommen.“

Laura zwang sich, ruhig zu bleiben. Sie würden niemals zusammenarbeiten können, wenn sie sich über alles ärgerte, was er sagte. „Du denkst, das alles hätte mit Geld zu tun?“

„Ich denke, Geld hat mit vielem etwas zu tun. Und Stroud Pharmaceuticals ist ein millionenschwerer Konzern.“

„Was hast du über die Sicherheitsvorkehrungen in der Fabrik herausgefunden?“

„Anscheinend ist die Fabrik, in der die Magentabletten hergestellt werden, identisch mit dieser hier. Die Überwachungskameras sind nur auf die Fertigungshalle ausgerichtet, aber nicht auf die Pausenräume, Flure und Toiletten. Ich denke, es ist möglich, dass jemand mit dem Rücken zu den Kameras gestanden und das Gift heimlich in die Fläschchen getan haben könnte, bevor sie versiegelt wurden.“

„Und was ist mit den verschwundenen Fläschchen?“

„Dazu habe ich noch nichts herausgefunden, aber wir sind ja noch ganz am Anfang. Gibt’s in den Büros irgendwas Verdächtiges?“

Sie schüttelte den Kopf. „Parker Stroud scheint eine Affäre mit einer Mitarbeiterin zu haben. Merry Winger.“

„Wie ist Stroud so?“

Sie verzog das Gesicht. „Er ist ein Wichtigtuer. Herablassend. Ein ziemlicher Idiot, aber soweit ich es beurteilen kann, ist er kompetent. Ich habe den Eindruck, dass er seine Eltern dafür verachtet, dass sie sich nicht zur Ruhe setzen und ihm die Firma übertragen. Aber er hat mir klargemacht, dass er sie eines Tages übernehmen wird, daher kann ich mir nicht vorstellen, dass er ihren Ruf vernichten will, indem er das Produkt vergiftet, das am besten läuft.“

„Wir sollten uns die Personalakten ansehen. Vielleicht hegt irgendjemand einen Groll, weil er nicht befördert worden ist.“

Laura nickte und wollte gerade fragen, wie die Produktionshalle aufgebaut war, als plötzlich ein ohrenbetäubendes Sirenengeheul zu hören war. Überall im Restaurant wurden Stühle zurückgeschoben. „Feueralarm“, rief ein Mann und hielt sich ein Handy ans Ohr. „In der Fabrik.“

„Bei Strouds?“, fragte Laura.

Der Mann nickte und lief Richtung Parkplatz. Jace warf etwas Geld auf den Tisch und verließ zusammen mit Laura das Restaurant. Gerade, als er den Wagen starten wollte, klingelten die Handys der beiden.

„Das ist kein Brand“, sagte er.

„Nein.“ Ana Ramirez hatte Laura gerade über den Grund für den Alarm informiert. „Bei Stroud Pharmaceuticals ist eine Bombe explodiert.“

4. KAPITEL

Gelbes Absperrband flatterte im Wind, der den beißenden Geruch von brennendem Plastik und Asche mit sich brachte. Ana stand neben Rogers und begutachtete die Stelle, wo sich bis vor Kurzem noch der Seiteneingang zum Hauptsitz von Stroud Pharmaceuticals befunden hatte. Die grotesk verbogene Stahltür lag nun vor einem verkohlten Loch in der Ziegelsteinwand, und die Fenster zu beiden Seiten waren zerborsten. Überall tummelten sich Feuerwehrmänner und Polizisten. Schaulustige drängten sich hinter der Polizeiabsperrung.

Rowan Cooper eilte, gefolgt von einem strammen Mann mit grauen, kurz geschnittenen Haaren und einem starken Kinn, durch die Trümmer zu Ana und Rogers. „Das ist Special Agent Terry Armand vom ATF“, stellte Rowan ihn vor. „Terry, das sind die Special Agents Ana Sofia Ramirez und Davis Rogers.“

Beide schüttelten nacheinander die Hand des Sprengstoffexperten. „Was können Sie uns über die Explosion sagen?“, fragte Rogers.

„Noch nicht viel. Es scheint, als wäre die Bombe mit dem Türschloss verbunden gewesen. Als der Schlüssel hineingesteckt wurde, wurde der Zünder ausgelöst, und nur Sekunden später ist die Bombe hochgegangen. Es muss eine einfache Rohrbombe gewesen sein. Der Schaden ist typisch dafür.“

„Hätte der Bombenleger Zugang zu den Innenräumen haben müssen?“, hakte Rogers nach.

Armand nickte. „Oh ja. Soweit wir das bisher sagen können, war die Bombe auf der Innenseite angebracht worden.“

„Wer hat die Explosion ausgelöst?“, wollte Ana wissen.

„Lydia Green, vierundvierzig, hatte seit drei Jahren als selbstständige Gebäudereinigerin bei Stroud gearbeitet“, berichtete Rowan.

„Ich habe mich umgehört. Die Tür ist normalerweise abgeschlossen und wird nur nach Feierabend benutzt“, sagte Armand. „In der Fabrik arbeiten sie derzeit nur in einer Schicht, und die war um siebzehn Uhr zu Ende. Sonst wären noch viel mehr Menschen verletzt worden.“

„War das Absicht oder Zufall?“, wunderte sich Rogers. „Wir müssen herausfinden, wer einen Schlüssel zu der Tür hat.“

„Da ist jemand, der uns das sagen kann“, meinte Ana.

Sie drehten sich um und sahen, wie Donna Stroud sich durch die Menge kämpfte. Sie trug einen Hosenanzug und flache Absatzschuhe. Nur die rot unterlaufenen Augen und die blasse Gesichtsfarbe verrieten, dass sie unter Schock stand. „Was ist hier los?“, fragte sie. „Sie sollten uns doch helfen, und dann passiert so etwas?“

„Mrs. Stroud, ist Ihnen oder Ihrer Familie gedroht worden?“, fragte Rogers. „Versucht irgendjemand, Sie einzuschüchtern oder Sie zu etwas zu zwingen?“

„Wenn es so wäre, hätte ich es Ihnen mitgeteilt“, sagte sie. „Wir kooperieren, so gut wir können.“ Sie sah traurig aus, als sie zu dem zerstörten Seiteneingang blickte. „Ist dafür dieselbe Person verantwortlich, die die Tabletten vergiftet hat?“

„Das wissen wir nicht“, sagte Ana. „Denken Sie, es gibt eine Verbindung?“

„Ich weiß nicht mehr, was ich noch denken soll.“ Sie schüttelte den Kopf. „Lydia ist tot. Sie hat drei Kinder. Was wird jetzt mit ihnen geschehen? Was wird mit uns allen geschehen?“

„Mrs. Stroud, wo ist Ihr Mann?“, wollte Ana wissen. „Ist er noch auf Reisen?“

Mrs. Stroud sah jetzt noch gequälter aus. „Meinem Mann geht es nicht gut“, antwortete sie.

Bevor Ana mehr herausfinden konnte, drängelte sich ein junger Mann in Jeans und Poloshirt durch die Menge und rannte zu ihnen. „Ich habe gerade davon erfahren“, sagte er und legte einen Arm um Donna.

„Das ist mein Sohn Parker“, erklärte sie. „Das sind Agent Ramirez und Agent Rogers vom FBI.“ Sie sah zu Rowan und Terry und runzelte die Stirn. „Tut mir leid. Diese Leute kenne ich nicht.“

„Das ist egal.“ Parker wehrte die weiteren Vorstellungen mit einer Handbewegung ab und schaute mürrisch zu Rogers. „Wenn Sie vom FBI sind, was tun Sie dann, um diese Verfolgung meiner Familie zu beenden?“

„Sie halten diese Angriffe für eine persönliche Angelegenheit?“, fragte Rogers. „Ihre Familie ist das Ziel?“

„Was soll ich denn sonst denken? Die Familie ist Stroud Pharmaceuticals. Das ist ein eindeutiger Versuch, unseren Ruf und unsere Lebensgrundlage zu zerstören.“

„Wer hat einen Schlüssel zu dieser Tür?“, fragte Ana.

Donna holte tief Luft und befreite sich aus der Umarmung. „Ich habe einen. Parker. Angela Dupree von der Buchhaltung. Gini Elgin, bevor sie gestorben ist. Und natürlich Lydia, damit sie saubermachen konnte.“ Sie presste die Lippen fest aufeinander.

„War das die übliche Uhrzeit, zu der Mrs. Green zum Arbeiten gekommen ist?“, fragte Ana.

„Nein.“ Donna holte tief Luft. „Meistens kam Lydia morgens zum Putzen. Wir haben uns oft gesehen, weil ich auch sehr früh anfange. Aber da sie morgen in den Urlaub fahren wollte, hat sie mich gebeten, diesmal schon abends herkommen zu dürfen.“

„Wie viele Personen wussten davon?“, wollte Rogers wissen.

„Das weiß ich nicht“, antwortete Donna. „Ich habe es niemandem gegenüber erwähnt. Lydia vielleicht schon.“

„Was ist mit Mr. Stroud?“, fragte Ana. „Hat er einen Schlüssel?“

Donna tauschte einen vielsagenden Blick mit ihrem Sohn. „Meinem Vater geht es nicht gut“, sagte er.

„Was ist mit ihm?“, fragte Rogers.

„Mein Mann leidet an Alzheimer“, erklärte Donna.

„Er ist nicht mehr dazu fähig, die Geschäfte zu leiten“, ergänzte Parker. „Ich tue alles, um meiner Mutter zu helfen. Aber ich könnte mehr tun, wenn sie mich lassen würde.“

„Ich bin immer noch fähig, dieses Unternehmen zu führen“, sagte Donna mit Nachdruck.

„Was ist mit Ginis Schlüssel geschehen, nachdem sie gestorben ist?“, fragte Ana.

„Ich weiß es nicht. Ich wollte ihren Sohn darauf ansprechen, aber nachdem so viel geschehen ist …“ Donna verstummte.

„Der Bombenleger hat gewusst, dass nur bestimmte Leute einen Schlüssel für diese Tür haben“, erklärte Ana. „Es ist möglich, dass eine dieser Personen das Ziel des Anschlags gewesen ist.“

„Das wäre ein großer Zufall“, meinte Parker. „Das muss mit den vergifteten Tabletten zu tun haben.“

„Aber wer könnte es auf die Firma abgesehen haben? Haben Sie einen Konkurrenten, der Ihnen Böses will? Einen verärgerten Ex-Mitarbeiter? Oder vielleicht einen persönlichen Feind?“

„Nein, so etwas haben wir nicht“, bekräftigte Donna. „Das muss Zufall sein. Ein Terrorist oder so.“

„Es ist Ihre Aufgabe, denjenigen zu finden und aufzuhalten“, meinte Parker. „Das haben wir vor“, erwiderte Ana. „Falls Sie doch jemanden verdächtigen, sagen Sie uns Bescheid.“

„Vielleicht sollten Sie die Lovejoys befragen. Die haben heute erst angefangen, und dann passiert so was. Wenn das kein Zufall ist …“

Ana folgte seinem Blick zum Parkplatz, wo Jace und Laura zusammen mit einigen anderen Mitarbeitern standen. „Ich denke nicht, dass sie etwas damit zu tun haben“, sagte Donna.

„Nein, keine schlechte Idee“, meinte Rogers. „Wir werden mit ihnen reden. Gibt es sonst noch jemanden, der Ärger mit Ihnen hat? Mit Ihnen persönlich oder der Firma?“

Donna starrte auf den Boden und schwieg.

„Da ist niemand“, sagte Parker.

„Gini Elgins Sohn war sehr wütend, als ich gestern mit ihm gesprochen habe“, erklärte Donna. „Er gibt uns die Schuld an ihrem Tod. Aber er hätte bestimmt nichts getan. Es war nur die Trauer, die aus ihm gesprochen hat. Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als er und Parker zur Schule gegangen sind. Er war immer so nett. Gini war sehr stolz auf ihn. Ich weiß, dass ihr Tod ihn schwer getroffen hat.“

„Wie heißt er?“ Rogers nahm sein Notizbuch zur Hand, um den Namen zu notieren.

„Leo Elgin“, sagte Parker. „Aber er hat damit nichts zu tun. Sie verschwenden Ihre Zeit.“

„Hast du mit ihm gesprochen, seit er zurück ist?“, fragte Donna ihren Sohn.

„Ich hatte noch keine Zeit dazu. Ich bin zu sehr damit beschäftigt, diese Firma am Laufen zu halten.“

„Es würde ihm viel bedeuten, wenn du dich meldest.“

Parker schüttelte den Kopf, sagte aber nichts.

„Wir sollten die Mitarbeiter befragen“, schlug Rogers vor. „Vielleicht hat jemand etwas gesehen. Wir werden mit den Lovejoys anfangen.“

Donna ging davon, aber Parker zögerte und wandte sich an Ana. „Wenn Sie etwas herausfinden, kommen Sie zuerst zu mir“, sagte er. „Meine Mutter kann nicht noch mehr Stress gebrauchen. Meinem Vater geht es schlechter, als sie zugeben will. Das alles treibt sie noch an den Rand eines Nervenzusammenbruchs.“

„Wenn wir etwas wissen, teilen wir es Ihnen mit“, sagte Ana. Aber Donna Stroud war noch immer die Vorstandsvorsitzende von Stroud Pharmaceuticals und würde ebenfalls informiert werden.

Am Tag nach dem Bombenanschlag ging es in der Fabrik weiter wie bisher. Jace überwachte eine Maschine, die je zwölf Tüten Hustenbonbons in Kartons verpackte. Falsch bestückte oder beschädigte Kartons sollte er aus dem Verkehr ziehen. Aber Fehler geschahen nur selten, daher hatte er genug Zeit, seine Kollegen zu beobachten, die an anderen Stellen des Fließbands arbeiteten.

Die vergifteten und vermissten Tablettenfläschchen stammten alle aus derselben Charge und waren am selben Tag abgefüllt worden. Daher vermutete er, dass jemand die Flaschen abgefangen, das Rizin in Form von Pulver hineingetan und die Flaschen wieder auf das Fließband gestellt hatte, wo die Verschlüsse versiegelt worden waren.

Aber wie sollte das gehen, ohne dass es jemand bemerkte?

Zwei Stunden nach Beginn seiner Schicht kam Barb Falk vorbei, die ihn in die Arbeitsprozesse eingewiesen hatte. Die stämmige Frau mittleren Alters hatte das gebleichte Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Den scharfen blauen Augen schien nichts zu entgehen. Sie war freundlich und gesprächig. „Wie läuft’s?“, fragte sie.

„Bisher gibt’s keine Probleme.“

„Ja, hier läuft alles ganz geschmeidig“, bestätigte sie. „Deshalb kann es langweilig werden, aber ich bin dankbar dafür. Ich habe mal in einer Fabrik gearbeitet, wo die Maschinen ständig gestreikt haben. Wir hatten immer wieder etwas aufzuholen.“

„Irgendwie denke ich ständig an diese Tragödie mit den Magentabletten“, sagte Jace beiläufig. „Ich habe in den Nachrichten gehört, dass sie schon hier im Werk vergiftet worden sein sollen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie das möglich sein könnte.“

„Ich nehme an, alles ist möglich, wenn man sich nur anstrengt“, sagte sie.

„Als Ausbilderin kennen Sie sicher jeden einzelnen Arbeitsschritt. Haben Sie eine Idee, wie das zu bewerkstelligen sein könnte?“

Sie schüttelte den Kopf. „Darüber will ich gar nicht nachdenken. Selbst wenn es möglich wäre, warum würde jemand so etwas tun? Das ist ein guter Arbeitsplatz. Man kommt nur schwer an so einen heran. Die meisten Leute sind sehr dankbar dafür.“ Sie sah ihn herausfordernd an.

„Das verstehe ich“, antwortete er. „Meine Frau und ich sind froh, dass wir genommen worden sind. Es stört mich nur, wenn ich mir vorstelle, dass irgendjemand versuchen würde, es für uns alle zu verderben.“

„Wenn das jemand versuchen sollte, dann ist er hier schneller raus, als er denkt“, sagte sie. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen den Kartonversiegler. Der wird Ihnen gefallen. Sie müssen die Schneidmaschine sogar selbst bedienen.“

Die folgenden zwei Stunden verbrachte Jace damit, einen Hebel herunterzudrücken, um das Klebeband durchzuschneiden, mit dem die Kartons zugeklebt wurden. Es war keine spannende Tätigkeit, aber immerhin waren seine Hände beschäftigt.

Er überlegte, ob er zu Laura gehen sollte, um mit ihr zu essen, aber er besann sich eines Besseren. Die Mittagspause war die beste Gelegenheit, um sich mit seinen Kollegen bekannt zu machen. Auch wenn Laura ihre Rolle als seine Ehefrau überzeugend spielte, war er sich sicher, dass sie nicht mehr Zeit als nötig mit ihm verbringen wollte.

Sie war gar nicht so schlimm, wie er befürchtet hatte. Nach dem ersten Tag hatte sie sich nicht mal mehr beschwert, in einem Wohncontainer leben und auf ihre Designerklamotten verzichten zu müssen. Es hatte ihn nicht überrascht, dass sie eine Militärgöre mit einem Abschluss in Wirtschaft war. Aber inzwischen hatte er auch erkannt, dass sie zu den Mädchen gehörte, die nie lange genug an einem Ort gelebt hatten, um Freunde zu finden.

Sie war eine faszinierende Mischung aus kratzbürstig und sanft. Als könnte sie sich nicht erlauben, das Leben zu genießen. Beim Militär war er solchen Leuten oft begegnet. Sie hatten Angst davor, die Kontrolle zu verlieren, und klammerten sich an Vorschriften wie an einen Rettungsanker. Tu, was man dir sagt, und du bist sicher, dachte er.

Allerdings war man niemals sicher. Man konnte alle Regeln befolgen, sich gesund ernähren und Sport treiben, nur um dann von einem Auto überfahren zu werden, wenn man die Straße überquerte. Menschen wie Laura verfielen der Illusion von Kontrolle, anstatt sich der Wahrheit zu stellen, dass sie keine hatten.

Zweifellos wäre Laura entsetzt gewesen, wenn sie gewusst hätte, dass er auch nur einen Moment lang so über sie dachte. Er lächelte, als er sich ihre Reaktion vorstellte.

Der Rest des Tages verlief ohne weitere Vorkommnisse. Jace hatte immer noch keine Idee, wie das Gift in die Tabletten gekommen sein könnte, und in der Mittagspause hatten ihm seine Kollegen auch nichts Interessantes erzählen können.

Laura war bei ihren Ermittlungen auch nicht vorangekommen, berichtete sie auf dem Heimweg. Als die beiden am Abend zu Hause ankamen, standen zwei große Pappkartons vor der Haustür. „Was ist das?“, fragte Laura angespannt.

„Das ist dein neues Bett.“ Jace kletterte aus dem Wagen, und sie folgte ihm.

„Du hast ein Bett bestellt?“, fragte sie und beäugte die Kartons misstrauisch.

„Klar. Warum nicht?“

Sie sah immer noch misstrauisch aus.

„Du hast ein Bett gebraucht, und wir haben keine Zeit, eins kaufen zu gehen.“

Ihr Gesicht nahm einen sanfteren Ausdruck an. „Danke, das ist sehr aufmerksam von dir.“

Beschämt sah er weg. Sie musste ja nicht gleich so tun, als hätte er ihr eine Niere gespendet. „Du kochst das Abendessen, und ich baue das Ding auf“, schlug er vor.

Es gab Hühnchen mit Nudeln und Brokkoli. Auf das Gemüse hätte er verzichten können. „Das war sehr lecker.“

„Ich koche nicht oft“, sagte sie. „Aber wenn’s sein muss, bekomm ich es hin.“

„Ich habe auch nie das Gegenteil behauptet.“ Jace stand auf und half beim Abräumen. Dann legte er die Hände auf ihre Schultern und führte sie ins Nebenzimmer. „Sieh dir dein neues Bett an.“

Er hatte sich für einen einfachen Metallrahmen und eine Schaumstoffmatratze entschieden. Laura besah sich das Bett aus jedem Winkel und setzte sich auf eine Ecke der Matratze.

„Wie findest du’s?“, fragte er und war sofort genervt, dass es ihn überhaupt interessierte.

„Besser als die Couch.“

„Mehr hast du nicht zu sagen?“ Er setzte sich neben sie und hüpfte leicht auf und ab. „Fühlt sich gut an. Besser als das, was ich habe.“

Erst zuckte sie mit den Mundwinkeln, dann begann sie laut zu lachen. Sie hatte ihm also etwas vorgemacht. „Das ist großartig, Jace. Danke.“

Sie sieht hübsch aus, wenn sie lächelt, dachte er. So nahbar. Er lehnte sich vor. Ihr Haar roch nach Vanille. Sie sahen sich in die Augen, und ihr Mund öffnete sich verlockend …

Plötzlich klingelte sein Handy, und beide sprangen erschrocken auf. Mit pochendem Herzen tastete er nach seinem Telefon, ohne sie anzusehen. Was war hier gerade fast passiert? Was immer es war, es wird nicht noch mal so weit kommen, schwor er sich. „Hallo?“, kläffte er ins Telefon.

„Ich schicke euch einen Bericht über Leo Elgin“, antwortete Rogers. „Den müssen wir uns genauer ansehen.“

„Warum?“, fragte Jace.

„Das wirst du noch sehen.“ Rogers legte auf.

Jace stopfte das Handy zurück in seinen Overall. „Das war Rogers. Er …“

„Ich habe es gehört.“ Laura ging ins Wohnzimmer. Als er sie eingeholt hatte, hatte sie bereits den Laptop hochgefahren und den Bericht aufgerufen. „Hier steht, dass Leo Elgin für eine Firma in Nashville arbeitet, die Sicherheitssysteme für Firmen und Wohnhäuser herstellt“, sagte sie.

„Dadurch könnte er wissen, wie man eine Bombe wie die in der Fabrik baut. Die Bombe selbst war recht simpel, aber der Auslöser war ziemlich raffiniert“, meinte Jace.

„Oh.“

Eine einzelne, bedeutungsschwere Silbe. „Was ist?“, fragte Jace und stellte sich neben sie, wobei er ihre Schulter streifte.

„Leo Elgin hat früher in der Schule für einigen Ärger gesorgt“, sagte sie. Sie sah ihn mit angsterfüllten Augen an. „Er hat kurze Zeit im Gefängnis gesessen, weil er einer Lehrerin eine Bombe gegeben hat.“

5. KAPITEL

„Sechs für Sechs.“

Diese drei Wörter waren in Schriftgröße 20 auf ein zerrissenes Stück Papier gedruckt worden. „Es war in einem Umschlag, der an mich adressiert war und heute in der Morgenpost gekommen ist.“ Donna Stroud sprach ruhig, nur die zusammengeballten Fäuste zeugten von ihrer Anspannung.

Ana untersuchte den Umschlag, den sie bereits in eine Beweismitteltüte gesteckt hatte. Er trug einen örtlichen Poststempel vom Vortag, aber der Absender fehlte. Bei dem Zettel handelte es sich um einfaches Druckerpapier, das entzweigerissen worden war. „Was glauben Sie, bedeutet das?“, fragte sie.

Die Falte zwischen Donnas Augenbrauen vertiefte sich. „Sechs Personen sind an den vergifteten Magentabletten gestorben, aber ich weiß nicht, was ‚Sechs für Sechs‘ bedeuten könnte.“

„Wir werden das auf Fingerabdrücke oder andere Spuren hin untersuchen.“ Ana steckte die Tüte in ihre Jackentasche. „Hat den Umschlag noch jemand hier im Büro gesehen?“

„Merry Winger vielleicht, sie bringt mir jeden Morgen die Post.“

„Wo finde ich Merry?“

„Ihr Schreibtisch steht gleich links von der Tür im Vorzimmer. Sie ist die hübsche Blondine.“

Merry war in der Tat sehr hübsch. Sie hatte schwungvolle Locken. Das dramatische Augen-Make-up wurde mit spinnenbeinartigen falschen Wimpern aufgepeppt. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie, als Ana an sie herantrat.

Ana zeigte ihr den FBI-Ausweis. „Können Sie sich erinnern, diesen Umschlag heute Morgen auf Mrs. Strouds Schreibtisch gelegt zu haben?“

Merry lehnte sich vor und betrachtete den Umschlag in der Beweismitteltüte. Sie rümpfte die Nase. „Er könnte beim Rest der Post dabei gewesen sein, aber aufgefallen ist er mir nicht.“ Sie lehnte sich zurück und zuckte mit den Schultern.

„Wie läuft es ab, wenn Sie die Post holen?“

„Ich gehe gegen halb zehn zum Postraum und hole alles aus der Kiste für dieses Büro. Dennis sortiert die Post, wenn sie geliefert wird. Ich verteile sie hier im Büro. Normalerweise bekommt Mrs. Stroud den größten Stapel. Früher war es Mr. Stroud, aber seit er im Ruhestand ist, bekommt Mrs. Stroud alles, was nicht an die Buchhaltung, das Personalwesen oder jemand Bestimmten adressiert ist.“

„Diesen Brief hätten Sie also zu dem Stapel für Mrs. Stroud gelegt?“

„Nun, ja, aber ich lege einfach alles ohne konkreten Adressaten auf ihren Stapel. Ich achte da nicht so drauf.“ Sie lehnte sich wieder mit interessiertem Blick nach vorn. „Warum? Ist der von dem Bombenleger?“

„Warum denken Sie das?“

„Na, Sie sind doch vom FBI und haben den Brief in so eine Tüte gesteckt. Wäre das nur Müll, hätten Sie das nicht getan.“

„Wir wissen nicht, von wem der Brief ist. Das wollen wir gerade herausfinden“, erklärte Ana.

„Tut mir leid, dass ich nicht helfen kann“, sagte Merry.

„Melden Sie sich, wenn Ihnen etwas einfällt.“ Ana gab der jungen Frau ihre Visitenkarte und ging zum Postraum, wo ihr Dennis erklärte, dass ihm auch nichts Ungewöhnliches an dem Brief aufgefallen war.

Auf der Polizeiwache untersuchte Rogers den Brief und den Umschlag. „‚Sechs für Sechs‘“, las er vor. „Bezieht sich das auf die sechs Vergiftungsopfer?“

„Donna Stroud denkt das.“ Ana studierte die drei Wörter. „Vielleicht will der Bombenleger sagen, dass er oder sie sechs Menschen töten will. Als Rache für die sechs Toten.“

„Will er noch mehr Bomben legen?“

„Das wissen wir nicht, oder?“ Sie setzte sich auf einen Bürostuhl. „Menschen werden vergiftet, und jemand rächt sich mit einer Bombe? Wo ist da die Logik?“

„Für den Täter ist es logisch. Wir müssen nur herausfinden, warum.“

„Leo Elgin hat die Strouds für den Tod seiner Mutter verantwortlich gemacht“, meinte Ana. „Er weiß, wie man Bomben baut, und hat sogar schon mal mit einer gedroht.“

Rogers nickte. „Es wird Zeit, dass wir mit Leo reden.“

„Die Bombe, die ich Mrs. Pepper gegeben habe, war nicht echt“, sagte Leo. „Das waren nur ein paar Bengalos, die ich zusammengeklebt und mit einem Stein verdrahtet hatte. Jeder mit ein bisschen Verstand hätte sofort erkannt, dass das eine Attrappe war. Und darum ging es ja. Mrs. Pepper war dumm wie Brot.“

Leo Elgin starrte Ana an. Er hatte dunkle Augenringe, und sein Haar fiel ihm kraftlos über die blasse Stirn. Er trug dieselbe Kleidung wie am Sonntag. Schweißgeruch hing in der Luft.

„Warum haben Sie Ihrer Lehrerin eine Bombenattrappe gegeben?“, fragte Ana.

„Weil sie dämlich war und ich das beweisen wollte. Sie ist wegen etwas ausgerastet, das aussah wie aus einem Cartoon.“

„Aber Sie haben dafür Ärger bekommen.“ Rogers hatte an der Wand gelehnt und stellte sich nun vor Elgin. Im Vergleich zu dem muskelbepackten Agenten wirkte der junge Mann noch kleiner. „Sie sind sogar der Schule verwiesen worden.“ Die Schulbehörde hatte die Anschuldigungen schließlich fallen lassen, und Leo war aus dem Gefängnis entlassen worden. Es hatte daher einigen Aufwand bedeutet, überhaupt von dem Vorfall zu erfahren.

Leo schob seine Unterlippe nach vorn wie ein schmollender Junge. „Ich habe die Schule eh gehasst. Alle dort waren Idioten.“

„War Parker Stroud auch ein Idiot?“, fragte Rogers.

Ein seltsamer Ausdruck flackerte über Leos Gesicht. War es Verwirrung? Oder Angst? „Parker war in Ordnung“, antwortete er schließlich.

Ana lehnte sich zu ihm. „Sind Sie und Parker Freunde?“

„Nein, wir waren keine Freunde.“

„Aber Sie kennen ihn.“

Seine Nasenlöcher weiteten sich, als er wütend ausatmete. „Da waren dreißig Leute in der Klasse. Jeder kannte sich, aber das heißt nicht, dass wir zusammen abgehangen hätten.“

Autor

Lena Diaz
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